Platten

70 aus 2007 Teil 12

(Teil 1) (Teil 2) (Teil 3) (Teil 4) (Teil 5) (Teil 6) (Teil 7) (Teil 8) (Teil 9) (Teil 10) (Teil 11)

Platz 5
LCD Soundsystem - Sound Of Silver

Eine ganze Weile schien es als würde ich mit meinem Vorurteil Recht behalten. DFA: Mixe oho, Alben OK aber nicht auf ganzer Länge. So war auch Sound Of Silver zunächst zwar sehr nett, sicher besser als das erste Album, überragend aber nicht. Die potentiellen Singles standen fest, man gewöhnte sich auch an die Stimme und das anfangs etwas nervige North American Scum. Und es wurde ein Album zum nebenher hören, flotte Lesebegleitung. Und dann traf es mich irgendwann. Das flott aufspielende Time To Get Away setzte so viel grooviger ein, die Percussions klangen so klar, so richtig, man musste einfach mitwippen, wenn niemand in der Nähe war an einem Schlagzeug aus Luft mitspielen. Und dieser "Hoo-hoo-hoo"-Gesang... super!

Dann kamen die Texte. Erst war es der Witz des Heimatliebe tatsächlich einmal sympathisch machenden North American Scum, dann die sehr erwachsenen Emotionen von Someone Great und All My Friends, beide zwar nicht mit meiner Lebenserfahrung nachvollziehbar aber doch verständlich und hart treffend. Makes you want to feel like a teenager - until you remember the feelings of a real life emotional teenager. Then you think again. Us V Them over and over again, und so weiter. Ein Anzeichen dafür dass da jemand mit Musik etwas transportieren kann. Und was für Musik, rhythmisch aber nicht nur zum Tanzen gut, denkwürdig melodisch, komplex aber weder angestrengt noch überladen, exzellent produziert dass man jede Einzelheit und Feinheit genau heraushören kann. Ein echtes Überalbum, und der Beweis dass in jedem Vorurteil ein Körnchen völliger Blödsinn steckt.

[Video] LCD Soundsystem - North American Scum

Platz 4
The Fiery Furnaces - Widow City

Auch wenn The Fiery Furnaces mit jedem Album aufs Neue zu betonen scheinen wie unerreichbar groß Blueberry Boat war, Widow City kommt so nah an ihr Meisterwerk ran wie bisher nichts anderes. Ich hatte ja bis vor wenigen Tagen noch nicht geglaubt dass ich diese Platte am Ende so weit oben hier vorfinden würde, selbst als ich dachte ich hätte sie endlich ganz aufgenommen, wie immer diesen Moment erreicht ab dem das Gehörte nicht mehr hinterfragt und analysiert wird sondern einfach nur noch wunderbar wirkt. Schon mit Bitter Tea schien das schneller zu gehen, vertraut klangen die Rückwärtssequenzen und verschrobenen Hickhackpassagen da bereits beim ersten Mal. Doch ich hatte so schnell nur die erste Hälfte von Widow City verdaut, die lautere Seite mit den Singles drauf, den eingängigen Charthits wie Duplexes Of The Dead, Ex-Guru und Japanese Slippers.

Doch mehr und mehr offenbarte, besonders nach Feierabend, die subtilere zweite Seite ihre Qualitäten. Mit der zarten Melodie im Hintergrund von Pricked In The Heart, dem einem langen Ausatmen gleichenden Restorative Beer oder dem unsagbar schönen Widow City, alles Vehikel um Eleanor Friedbergers phänomenale Stimme auf weitere Reisen über die Tonskala zu schicken als bisher. Gibt es eine Stimme die "Desert winds are strong but they're not strong enough, love of my life" schöner singen könnte? Daneben kommt die größte musikalische Neuerung hier in den Zwischenpassagen, ist dies doch die rockigste Furnaces-Platte, mit röhrendem Bass und knackigen Drums wie auf dem furiosen Uncle Charlie. Doch im Herzen der Songs stehen wie eh und je die großen Melodien, hier hörerfreundlich leichter fassbar gemacht indem sich mal dem Drang verweigert wurde mehrere Teilsongs in einen einzigen großen zu packen (Tracks 2-4 gehören klar zusammen).
Das (teils) übergreifende Thema und die Stimmung des Albums erinnern sehr an Abenteuerromane der letzten Jahrhundertwende, mit Ägyptenreisen, dem Eisenbahnsample in Japanese Slippers und dem Conan Doyle'schen Titel von Cabaret Of The Seven Devils; ein bisschen Film- und Hörspieldramatik ist auch dabei wenn bestimmte Sounds Ereignisse akzentuieren (z.B. die ambienten Drums in der Büchereiszene oder die wieder aufspielende Musik als "An emergency cigarette behind glass" gesichtet wird).

Aber auf die Texte versuch ich gar nicht groß einzugehen, sonst wird hier nachher noch so was draus. Fazit bleibt: The Fiery Furnaces spielen immer noch in einer ganz eigenen Liga, haben aber das Niveau wieder ordentlich angehoben und sind dazu noch etwas leichter zugänglich geworden. Aber auch nur etwas.

[MP3] The Fiery Furnaces - Ex-Guru

Platz 3
Studio - West Coast

Ich hab's mal versucht, aber mit einer Liste von Songs des Jahres wird das bei mir einfach nichts, zu viel wurde gehört an zu vielen verschiedenen Orten um es irgendwie nachzuvollziehen. Wenn ich denn auch nicht mit ganzen Songs dienen kann, so immerhin mit Momenten. Da vertraue ich meinem Gedächtnis, und ganz klar der musikalische Glücksmoment Nr. 1 in diesem Jahr, vor der Hohen Note von St. Vincent und Lavender Diamond, dem letzten Refraineinsatz beim Apistat Commander-Cover, den von "Come on"s eingeleiteten Variationen in XR2, ganz oben auf der Liste steht der Moment bei 14 Minuten und 40 Sekunden in Out There auf Studios Debütalbum. Viel ist bis dahin bereits passiert, weggefallen und hinzugekommen und varriiert worden, doch in diesem Moment verzahnen sich alle Percussions, alle pfeifenden, glitzernden Synths, noch einmal ineinander um ein letztes Mal diese eine Melodie so groß aufzuführen wie nie zuvor. Wenn das der Klang des schwedischen Strandurlaubs sein sollte weiß ich schon was ich mit meinem nächsten Sommer anfange. [mehr]

[MP3] Studio - Life's A Beach!

Platz 2
Sunset Rubdown - Random Spirit Lover

Drei Jahre hintereinander auf Platz 2. Es ist offensichtlich dass ich die Musik des Mannes mag. Anders als man es vor einem Jahr vielleicht erwartet hätte brachte Spencer Krug jedoch 2007 nicht das zweite Album mit Wolf Parade heraus sondern das dritte seiner anderen (oder eher einen) Band. Auf Random Spirit Lover ist diese auch wirklich zur Band zusammengewachsen wo man vorher den Eindruck hatte sie wäre bloß Vehikel um Krugs Kompositionen in Musik umzusetzen, allein im eröffnenden The Mending Of The Gown spielen Sunset Rubdown so ungewohnt druckvoll, richtig rockig, zusammen dass es genau so gut eine ganz neue Band sein könnte. Die Gitarre rückt nach vorne, die sonst so dominanten Synths spielen mehr eine Nebenrolle und das Schlagzeug galloppiert munter voran. Besonders gut harmoniert hier die Stimme von Camilla Wynne Ingr mit der Krugs, sie hat ebenfalls ein bisschen diesen seltsamen Klang als ob zwei Menschen gleichzeitig singen würden. Der eintretende Effekt wenn diese Stimmen im Duett verschmelzen ist dann erst recht bemerkenswert.

Auch das Songwriting hat sich deutlich weiterentwickelt. Textlich geht es wie immer sehr phantastisch zu, Krugs Geschichten werden von Fabelwesen bevölkert wie den auf Albumcover und -Rückseite abgebildeten Gestalten der Zauberin und des Krampus, auch Schlangen und Pferde finden sich natürlich zuhauf dort. Aber nachdem das Album mit einem sinkenden Schiff beginnt und Up On Your Leopard, Upon The End Of Your Feral Days das Älter werden in Märchenform verpackt wirft das wie ein Kinderreim beginnende The Courtesan Has Sung einen Blick hinter eine Theaterbühne, vielleicht die auf der diese Geschichten aufgeführt werden? Diese Dualität von erzählten Geschichten und Schauspielern in der Realität zieht sich durchs ganze Album, zwischendurch geht es auch immer wieder um Beziehungen und um den Glauben an Übernatürliches (der in Magic Vs Midas und in der amüsanten Reflektion Winged/Wicked Things mit dem Glauben an die Liebe verglichen wird).

Mit der textlichen geht eine noch weitaus größere musikalische Erweiterung einher. Krugs Stücke sind selten normale Strophe/Refrain/Strophe-Konstrukte, sie nehmen lieber eine abenteuerliche und wundersame Wendung nach der nächsten, schreiten immer fort. Oft erheben sie sich dabei in herrliche Höhen, doch Random Spirit Lover hat auch eine dunkle Seite. Mit Colt Stands Up, Grows Horns nimmt das Album eine unerwartete Wendung in Goblin-Territorium, psychotische Synths erwecken die Paranoia eines Argento-Soundtracks. Das pianodominierte Stallion scheint erst Licht ins Dunkel zu bringen, fixiert sich jedoch so dass es nur im "Youuuuu" hängenbleibt. Und gerade als man denkt Sunset Rubdown würden nie mehr zu der lockeren Beschwingtheit von They Took A Vote And Said No zurückfinden leitet sanftes Saitenkratzen das grandiose For The Pier (And Dead Shimmering) ein das genau so eine bewegende Nummer ist wie man sie von Krug erwarten würde ("It's infinity's tiiiime to shine out here": Gänsehaut pur), nur noch höhere Höhen erklimmt wegen des Tals in dem sich der Hörer davor befand.

Das ist kein Zufall. Random Spirit Lover ist ein wirkliches Album das als Ganzes gehört werden soll, nein, muss in manchen Fällen! Ein einziger dramatischer Faden zieht sich durch die Stücke, meistens gehen sie auch direkt ineinander über oder überschneiden sich gar. Doch trotz großer Ambition bleibt der Spaß nicht auf der Strecke, vielmehr ist das Album voller Verspieltheit, einem enthusiastisch eingerufenen "Shake!" hier, einem klassischen Pianomotiv da, ekletischen Versatzstücken zuhauf. Und natürlich voller denkwürdiger Melodien und aus den scheinbar undurchdringlichen Texten herausstehender Momente bezaubernder Klarheit. Ein Album das mehr hergibt als andere.

[MP3] Sunset Rubdown - Winged/Wicked Things

Platz 1
Jay Reatard - Blood Visions

Tjaa... Anfang des Jahres, nach anfänglicher Begeisterung über dieses verspätete Weihnachtsgeschenk aus Übersee, hatte ich ja geschrieben dass ich das hier zu den besten des letzten Jahres zählen möchte. Aber wie ich sehe ist Blood Visions angeblich diesseits des Atlantiks (wenn überhaut) erst 2007 erschienen und muss damit hier an der Spitze thronen. Denn es ist das Album das mich am meisten von allen, nicht nur weil es von Anfang an dabei war, durchs ganze Jahr begleitet hat, das der Soundtrack zu guten Zeiten war und auch mal einen weniger guten Moment in einem Blutbad aus Punk und Pop hinwegfegte. Ein Album das von vorne bis hinten völlig mitreißt mit catchigen Melodien, bitterbösen Texten und Punk aus der Garage nebenan. Das trotz vertrautem, altem Klang keine Retro-Aufkocherei eines einzigen Sounds ist, in dem höchst eigenen Klanggebräu findet sich auch wieder was nach, vor und neben Punk kam: Pixies-Geshredder mit Gitarre und Stimme, Surfrock, Glam und New Wave, düster psychedelische Einlagen aus Hall und sägender Verzerrung. Und das alles in unter 30 Minuten. Kurz, schmerzvoll, genial. [mehr]

[MP3] Jay Reatard - Fading All Away

70 aus 2007 Teil 11

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Platz 10
Los Campesinos! - Sticking Fingers Into Sockets EP

13 Sekunden. Länger lassen Los Campesinos! nicht auf sich warten bis sie einem auf ihrer EP Sticking Fingers Into Sockets den ersten denkwürdigen Refrain an den Kopf werfen. Mit mehrstimmigem Gesang, Geigen und Glockenspiel eröffnet We Throw Parties, You Throw Knives den bunten Reigen den das Septett in gerade mal 16 Minuten aufführt. Wer hier musikalische Referenzen sucht wäre mit nahezu jeder personalstarken kanadischen Popband der letzten paar Jahre + The Go! Team + Architecture In Helsinki dividiert durch Dave Newfeld zunächst ganz gut bedient, doch sprengen Los Campesinos! mit Ausrufezeichen grinsend den Rahmen jedes Abziehbildes. [mehr]

[MP3] Los Campesinos! - We Throw Parties, You Throw Knives

Platz 9
Patrick Wolf - The Magic Position

Vom Jungen der auszog um Popstar zu werden, Kapitel 3. Und es sieht ganz so aus als hätte Patrick Wolf es geschafft: In England in den Charts gelandet, in Köln die Kids zum Jubeln gebracht und von der Presse hoch gelobt. Und alles zu Recht, denn sein erstes Major-Album ist wieder ein ganz großes geworden. Ja ein Popalbum, aber ein Popalbum das mit Overture beginnt und mit Finale endet, dazwischen Disco, Theremin und Marianne Faithful. Dabei scheint Wolfs Stimme nicht ganz für solch fröhliche, lebensbejahende Musik gemacht zu sein, ein bisschen kühl wirkt er selbst wenn er "It's gonna be a beautiful day, soo too the bluebirds say as I take your hand and you take my kiss and we take the world" intoniert. Doch die große Wärme kommt von der Musik, der theatralischen und tanzenden, komponiert zu einer Zeit als der Mann verliebt war. Komponiert, natürlich, in Dur. Dem "Major key".

[MP3] Patrick Wolf - The Magic Position

Platz 8
of Montreal - Hissing Fauna, Are You The Destroyer? / Icons, Abstract Thee EP

Kevin Barnes erging es ganz anders als Patrick Wolf. "I'm in a crisis. C'mon mood, shift shift back to good again!" fleht er in Heimdalsgate Like A Promethean Curse, einer flotten Ode an Antidepressiva. Die Songs die sich über of Montreals achtes Album und die dazugehörige EP erstrecken entstanden zu einer düsteren Zeit als Barnes' Ehekrise mit psychischen Problemen einherging. Selbstzweifel, Hass, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit - ganz anders als man es von den bunten Plastiksynths der Elephant6-Mitgründer erwarten würde. Dabei sind die klanglich dichten Songs, ignoriert man die Texte, kaum bedrückend, dafür gehören sie zum besten was Barnes je produziert hat. Nun, irgendwann merkt man aber doch dass hier etwas nicht stimmt: Das zwölfminütige The Past Is A Grotesque Animal, der beunruhigendste Song des Jahres, ist die musikalische Umsetzung eines Nervenzusammenbruchs und übt einen in seinem Verlauf immer stärker werdenden Sog aus dem man sich nur schwer entziehen kann.

Die qualitativ kaum abfallende Fortsetzung Icons, Abstract Thee führt nach einem Abstecher in die von Glück erfüllte Vergangenheit (Du Og Meg erzählt von den Anfängen der Beziehung) des Paares den bunt klingenden düsteren Psychotrip fort. Auch hier findet sich ein Stück von epischer Länge, doch auch in den 4 oder 5 Songs die No Conclusion findet die Geschichte keinen echten Abschluss, statt einen Ausweg aufzuzeigen verschwindet Barnes am Ende aus seiner eigenen Musik, verschwindet mit einem wiederholten "But it's hopeless!" in Geigen. Wen das alles, trotz der fabelhaften Songs, abschreckt dem sei das Happy Ending verraten das die Musik uns verwehrt: das Paar ist mittlerweile wieder zusammen.

[MP3] of Montreal - Heimdalsgate Like A Promethean Curse

Platz 7
Panda Bear - Person Pitch

Wenn Drummer auf Solopfaden wandeln erwartet man ja eher ein rhythmisch starkes Werk. Nun ist aber Animal Collective alles andere als eine traditionelle Rockband und eine Rolle wie "Drummer" dort mittlerweile sehr lose gefasst. Auch ist Noah Lennox auf der Bühne nicht gerade ein nervös zuckender Greg Saunier oder gar ein Testosteron ausatmender John Stanier, er wirkt mehr wie der ruhige Typ auch wenn er im Kollektiv manchmal stimmlich zum heulenden Tier wird. Sein Person Pitch ist zwar nicht ohne Rhythmus, beginnt es ja mit dem weit hallenden Chor aus Handklatschern von Comfy In Nautica, aber bis auf das höllisch perkussive Good Girl/Carrots doch sehr leicht in Sachen Beats und insgesamt eine vom Boden losgelöste Angelegenheit. Musik die das erste Sonnenlicht des Tages zelebriert wenn geloopte Gitarrenwellen sanft ineinander fallen und mit futuristischem Rauschen ein Raumschiff vorbeisegelt, unaufgeregte Musik mit Elfengesang am Wasserfall und mit Beach-Boy-Harmonien begleitet von einer Unterwasser-Orgel. All das und viel mehr rauscht langsam aber bezaubernd durch den Kopfhörer, zurück bleibt der Hörende selbst in angenehmer Sprachlosigkeit.

[MP3] Panda Bear - Comfy In Nautica

Platz 6
Battles - Mirrored

Mal zugegeben: Ich hatte früher eine enorme Abneigung gegen elektronische Musik. Gegen Kirmestechno sowieso, aber auch die anspruchsvolleren Varianten konnte ich nicht ab, sie erschienen grau und unnahbar für meine Ohren. Bis ich dann eines Nachts eine Maus durch eine bunte computeranimierte Landschaft (N64-Recycling yeah) fliegen sah, das Video zu Twift von Mouse On Mars. Diese verstrahlten Cartoonsounds, die überdrehten Ideen, das war so herrlich unernst und doch hervorragend gemacht dass ich mich daraufhin langsam für ein mir neues musikalisches Feld zu interessieren begann.

Vielleicht ist es genau so möglich dass jemand dem es sein Leben lang vor grimmigen Kerlen mit Gitarren gegraust hat eines Tages freudestrahlend Mirrored entdeckt. Battles erstes/zweites Album kann man auch nicht völlig ernst nehmen, mit seinem Heliumgesang, den distinktiven Sounds die alles sind nur nicht aus unserer Realität gegriffen. Auch wenn es live nicht so wirkt haben die fabelhaften vier durchaus einen Sinn für Humor, den muss man auch haben wenn man etwas so übertrieben bunt klingendes wie Rainbow nicht nur umsetzt sondern auch noch gut klingen lässt. Wie die meisten Stücke basiert es auf einem Loop mit dem Bassist Dave Konopka eines Tages zur Probe erschien und aus denen in einem langen Kreativprozess ein phänomenales Album entstand, eines das so schwer von Menschenhand umzusetzen ist dass man fast denken könnte es handele sich bei den Aufführenden um Maschinen. Aber würden die jemals Ddiamondd oder Leyendecker nennen oder so etwas wie den Prog-Pop-Schaffeltanz des Jahres mit Atlas erschaffen? Ich glaube nicht.

[MP3] Battles - Atlas

70 aus 2007 Teil 10

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Platz 16
Glass Candy - B/E/A/T/B/O/X

Im Inneren der CD-Hülle, außen umrahmt von bunten Porträts des Duos in Glamourkleidung, ist ein Paar blauer Kopfhörer abgebildet. Als wollten Glass Candy mitteilen "Hey Leute, ihr könnt zu unseren Sachen nicht nur tanzen, ihr könnt die auch in Ruhe zu Hause genießen." Denn wie schon oft erwähnt, Johnny Jewel hat bei seinen Produktionen ein hervorragendes Ohr für Detail als auch Gesamtästhetik. Zwar ist B/E/A/T/B/O/X offiziell nur eine Tour-CD, aber die steckt so voller Hits die auch hervorragend sequenziert sind dass sie locker die meisten Albumveröffentlichungen in die Tasche steckt. Ein Knistern liegt über manchen Stücken, als würde man eine Aufnahme einer Vinylwiedergabe anhören, doch es ist schwer vorzustellen dass ausgerechnet diese Töne nicht beabsichtigt sind. Jewel investierte nämlich neue Arbeit in zwei Stücke die sich bereits auf After Dark anfanden: Rolling Down The Hills kommt hier aufgefrischt, beschwingt und schneller daher während Computer Love, das einzige Cover unter lauter GC-Originalen, fast genau so überarbeitet wurde wie ich es mir vor einiger Zeit mal gewünscht hatte und mit wuchtigeren Drums die mehr an die Liveversion herankommen versehen wurde.

Doch überwiegend wirkt die Produktion sehr weich, selbst die perkussionsartigen Plopps in Life After Sundown sind weniger wie Trommeln denn Seifenblasen die von Ida No mit einem Schrei in der Luft zerrissen werden. Überhaupt zeigt sich die Stimme der Sängerin wandlungsfähig wie man es nach den früheren No-Wave-Stücken auch erwarten würde, mit fester Stimme duelliert sie sich in Beatific mit knarzigen Synths während sie in Candy Castle so glamourös angehaucht kommt dass man sie vorm inneren Auge im einen rosa Cadillac durch Miami fahren sehen kann. Der Knüller ist aber ihre Vorstellung im Intro, dort gibt sie den Esoterik/Selbsthilfeguru und verrät zumindest die Antwort auf die Frage nach dem Leben und dem ganzen Rest:

"What do we say when we want to get in touch with our everlasting souls?" - "Hit it, DJ!"

[MP3] Glass Candy - Candy Castle

Platz 15
St. Vincent - Marry Me

Marry Me ist kein perfektes Album. Es will nicht so ganz zusammenhalten, ist lose, ambitioniert und schwer fassbar. Eigentlich sollte St. Vincents Debüt so ein Album sein das am Ende des Jahres nur noch eines unter vielen anderen sehr guten aber nicht überragenden ist, von dem einem immer wieder Songfragmente in den Sinn kommen ohne dass man ihre Herkunft identifizieren kann. Und doch weiß ich sofort dass dieses lang angehaltene "I see you" mit Disney-Orchester im Hintergrund von What Me Worry stammt, dieses "Bah bah bah bah"s und der seltsame Froschgesang auf Jesus Saves zu finden sind. Annie Clarks Kompositionen sind einfach schwer zu vergessen, ambitioniert aber auch spielerisch, und ach wie mühelos lässt sie es erscheinen gleich mehrere Songs in einen zu packen. Vielleicht sind manche Diamanten besser wenn ungeschliffen.

[MP3] St. Vincent - Now Now

Platz 14
Lucky Soul - The Great Unwanted

Vermutlich haben es die meisten auch schon von Günther Jauch erfahren, der Sommer dieses Jahr war ziemlich scheiße. Vom Wetter her, aber auch gab es musikalisch wenig was so richtig in die Jahreszeit gepasst hätte, die meisten Sachen kamen erst als die vereinzelten Sonnentage sich schon in den Winterurlaub verabschiedet hatten. Aber Lucky Soul haben mir die Saison dann doch noch gerettet, The Great Unwanted war so gut dass es den halben Frühling und ganzen Sommer lang Freude spendete. Mit großen Emotionen und großen Popsongs, ein großes Album. Und doch nicht aufdringlich, mehr so ein Album das man gern so lang die Sonne scheint umarmen würde. "One kiss don't make a summer" - dieses Album schon. [mehr]

[Video] Lucky Soul - Lips Are Unhappy

Platz 13
Frog Eyes - Tears Of The Valedictorian

Der wilde Mann Kanadas ist auch auf Frog Eyes' viertem Album nicht zu bändigen. Das ist auch gut so, gegen die angriffsgleichen Schwälle die seine Mitspieler entfesseln käme Carey Mercer sonst auch kaum an. Mit seinem manisch predigenden Gesang erweitern und verfeinern Frog Eyes ihre freakigen Folkwelt, bündeln ihre Kräfte gezielt oder lassen ihren Melodien auch mehr Freiraum um sich zu entfalten. Das macht sie sicher für den einen oder anderen zugänglicher, doch Zugänglichkeit geht nicht auf Kosten musikalischer Ambitionen, zum Beweis braucht man nur das absolut grandiose Bushels zu hören. [mehr]

[MP3] Frog Eyes - Bushels

Platz 12
65daysofstatic - The Destruction Of Small Ideas

Eine der schönsten "Geschichten" in diesem Jahr war für mich das Interview mit 65daysofstatic auf Stylus. Dabei erzählten sie, nachdem sich der von ihrem Album enorm angetane Interviewer besonders über dessen Klang positiv geäußert hatte, dass sie ein kritischer Artikel über schlechter werdende Produktion dazu bewogen hatte ihr drittes Album so gut klingend wie möglich zu machen, und es stellte sich heraus dass der Interviewer derjenige war der genau jenen Artikel verfasst hatte. Auch ohne diesen Hintergrund wäre es mir kaum möglich über The Destruction Of Small Ideas zu reden ohne den hervorragenden Klang zu erwähnen, denn ohne den würden die Kompositionen darauf längst nicht so hörenswert.

Es ist ein leises Album, gegen den dumpfen lauter-um-jeden-Preis-Zeitgeist, das man lauter drehen muss um seine Tiefe und all seine Details wahrzunehmen. Wo 65daysofstatic bei aller aufregender Vermischung von Postrock, Mathrock und Elektronik früher oft etwas stumpf und dumpf wirkten haben sie den Sinn für Feinheiten entdeckt. Es gibt nicht nur laute und leise Instrumente sondern feinste Abstufungen, an- und abschwillende Pianos die sich langsam und dramatisch in den Vordergrund tasten (White Peak / Dark Peak sollte Trail Of Dead vor Scham rot anlaufen lassen), Gitarren deren Verortung klar auszumachen ist und die sich nur bei Bedarf überschneiden, und einen achtarmigen Drummer der wie alle hier im Gegensatz zur Liveshow dezent zurücktritt um den Gesamtklang in der Balance zu halten. Denn das ist es was sich bei all der Geschwindigkeit und den Berg- und Talfahrten dieses Albums beim Hören letztendlich einstellt, ein gewisses, fast meditatives Gefühl von Entspannung. Vorausgesetzt man kann mit dem Lautstärkeregler umdrehen.

[MP3] 65daysofstatic - Don't Go Down To Sorrow

Platz 11
Marnie Stern - In Advance Of The Broken Arm

Wie aus dem Nichts trat Marnie Stern dieses Jahr in die Musikwelt. Nun, nicht wirklich aus dem Nichts, ihre Gitarrenvirtuosität hat sie mit langer Überei im Schlafzimmer erlernt. Ihr erstes Album jedenfalls ist direkt etwas ganz Besonderes geworden, ansteckend fröhlicher Hyperrock auf 6 Saiten mit bestechenden Melodien und nimmermüder Fingerklopperei die keine Mucker-Angeberei sondern integraler Bestandteil der Musik ist. Dass dazu ein hyperaktiver Zach Hill wie das Tier aus der Muppet Show im Hintergrund abgeht fällt dabei kaum auf, das hier ist die große Marnie Stern Show. [mehr]

[MP3] Marnie Stern - Every Single Line Means Something

70 aus 2007 Teil 9

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Platz 22
Les Savy Fav - Let's Stay Friends

Man könnte es Les Savy Fav nicht verdenken wenn sie ganz aufgegeben hätten. Da mühten sie sich jahrelang ohne größeren Erfolg ab, hätten mit Inches schon einen epochalen Schlussstrich unter ihre Karriere ziehen können. Und just als sie eine längere, möglicherweise finale Pause einlegten wurde Post Punk das ganz große Ding, "angular" und "Gang Of Four" unter jeden zweiten Review gepappt. Nur Les Savy Fav, die schienen auf dem besten Weg vergessen zu werden.

Da aber kommt The Equestrian angalloppiert. Smells like leather! Tastes like sweat!! Tie up the horses for a tet-a-tet," röhrt Tim Harrington aus vollem Halse. Sex im Pferdestall? Les Savy Fav are back motherfuckers! Ringelpiez tanzend um alle die erst nach und dann vor ihnen kamen mit Mitsinghymnen wie The Year Before The Year 2000 oder The Lowest Bitter, mit dem düsteren Patty Lee und dem bitteren Comes & Goes (im Duett mit Eleanor Friedberger). Überhaupt hat man nicht den Eindruck dass LSF von irgendwem allein gelassen wuden, die Liste aller Mitwirkenden ist enorm, insbesondere profitieren zwei weitere Songs von den Gesangsbeiträgen von Enons Toko Yasuda. Wie es so treffend heißt am Ende von Pots & Pans: "Let's tear this whole place up and build it up again. This band's a beating heart and it's nowhere near its end."

[MP3] Les Savy Fav - The Equestrian

Platz 21
Deerhoof - Friend Opportunity

Gründe #25, #26 und #27 warum 2007 für mich das ganz große Rockjahr ist: Nicht nur gab es die triumphale Rückkehr von Les Savy Fav und den Beginn der Ära von Future Of The Left, sondern auch ein neues Deerhoof-Album. Diesmal nur zu dritt aber mit Pop wie nie, oder zumindest dem was Deerhoof unter Pop verstehen, süßer Gesang, irrsinniges Getrommel und feine Melodien. Als wäre das auswechselbare Albumcover nicht schon cool genug gewesen zeigen sich Deerhoof auf Friend Opportunity, noch so einer Freundschaftsgeschichte neben LSF, als Trio furioso. [mehr]

[MP3] Deerhoof - +81

Platz 20
Future Of The Left - Curses

JA HALLO? ACH, IHR SEID'S. SORRY DASS ICH SO SCHREIEN MUSS ABER ICH HÖRE GERADE FUTURE OF THE LEFT. JA GENAU, DIE EINZIG WAHREN NACHFOLGER VON MCLUSKY MIT DEM BASSISTEN VON JARCREW UND SYNTHS DIREKT AUS DER HÖLLE. Ah, gerade hört die Platte mal auf mir den Kopf wegzublasen. Also ja, klingt ein bisschen anders, groovt wie Sau und ab und zu kommen aggressiv dröhnende Keyboardklänge hinzu die sich aber bestens einfügen. Ansonsten eigentlich alles beim alten, also großartig. Andy Falkous hat immer noch die angepissteste Stimme in ganz Südwales, die Texte sind immer noch beißend lustig aber nicht richtig böse, die nehmen's halt mit Humor und damit die Noiserock-Geschichte auch nicht so bierernst wie andere. Aber ab geht's immer noch enorm, besonders was es ja eher selten gibt in der zweiten Albumhälfte noch mehr als der ersten, und OH SHIT JETZT GEHT'S GERADE WIEDER LOS RAAAAAAHHH

[MP3] Future Of The Left - Adeadenemyalwayssmellsgood

Platz 19
The New Pornographers - Challengers

Ich hab's glaub ich schon kommen gehört. Mit der Zeit wurde der letzte, sanfteste Track mein Favorit auf Twin Cinema, und Stacked Crooked ergibt dann auch eine sehr gute Segue in das vierte Album von AC Newman und seiner munteren Truppe die hier Unterstützung von gut einem Dutzend delikat eingearbeiteter zusätzlicher Mitspieler erfährt. Es gibt noch mehr Anzeichen dass Challengers, obwohl da nicht so überwältigend bunt nicht so offensichtlich wie alles was davor kam, doch klar das nächste Album der New Pornographers ist. So findet der auf jedem Album andersförmige Lautgesang der versammelten Truppe eine neue Form, nach "Whooo-ooh", "Na Na Na" und zuletzt "Hey Laa" gibt es nun auf dem Titelstück ein "Ooh La" zu hören.

Natürlich sind in jedem Song mehr Melodien, Hooks und Wendungen als ein einziger normaler Song braucht. Kathryn Calders Rolle in der Band wächst enorm, sie singt nicht nur im Hintergrund sondern hat mittlerweile mehr gefühlte Präsenz als Neko Case (was ich nicht bedauere). Dan Bejar steuert wieder mal die einzigen nicht-Newman-Kompositionen bei, darunter das grandiose Myriad Harbour das vielleicht die beste Single des Jahres ist. Twin Cinema war ein Sommeralbum das beim Laufen die Wiesenblumen noch bunter wirken ließ, Challengers erzwingt dagegen nur stellenweise das sofortige Ausflippen, es empfiehlt sich eher Zeit zum richtigen Hinhören. Ein Kopfhöreralbum halt.

[MP3] The New Pornographers - Myriad Harbour

Platz 18
Skull Disco - Soundboy Punishments

Und hier der Grund warum Burial dieses Jahr nicht meine Lieblingsplatte in Richtung Dubstep ist. Die erste CD-Veröffentlichung von Shackleton und Appelblim und ihrem Label Skull Disco. Wilden Percussions die eine stete Unruhe einbringen, da braucht es in Naked noch keinen Beat und man ist schon hellwach, da ist Stalker total elektrisierend ohne dass jemals wirklich etwas "passiert". Obwohl Sam Shackleton spätestens seit seiner Schreckenserzählung des 11. Septembers Blood On My Hands und dessen Villalobos-Remixes (finden sich in dieser Reihenfolge am Ende der ersten und der Anfang der zweiten CD) zu den bekanntesten Köpfen im Dubstep und darüber hinaus zählt spielt Appleblim hier keineswegs die zweite Geige. Er nutzt ebenfalls eine Vielfalt an perkussiven Elementen die im Vergleich nicht so rhythmisch kompliziert angeordnet sind aber ausgefeilter klingen; während Shackleton arabische Melodien und Vocals mit einbringt trifft man auf Appleblims Fear mit Riko einen alten Bekannten wieder und die gemeinsame Geschichte von Grime und Dubstep scheint offensichtlich. Soundboy Punishments chronologiert die bisherigen Errungenschaften eines phänomenalen Duos und lässt für die Zukunft auf Großes hoffen.

[MP3] Shackleton - Naked

Platz 17
M.I.A. - Kala

Keine Frage, wenn sich ein Popalbum dadurch auszeichnet dass es aus vielen einzeln hervorragenden Stücken besteht dann muss Kala mein Popalbum des Jahres sein. BirdFlu, Boyz, Jimmy, World Town, Hussel, XR2, Paper Planes, bei jedem Mal anhören hab ich nachher einen anderen Song den ich zum neuen Favoriten erklären möchte. Drums, Drums an allen Ecken und aus allen Ecken der Welt, wer Drums nicht mag wird Kala kaum mögen können. Besonders Hussel ist zum Mit-Faust-in-der-Luft-nachtrommeln toll, fantastisch bei XR2 ist vor allem der Aufbau und die Variationen die einen zum Refrain hin aufpuschen. M.I.A. selbst kann zwar immer noch nicht gut rappen oder singen, hat aber dafür ein unheimlich gutes Gefühl wie man das Weltkulturerbe zu großer moderner Popmusik verwurstet. Das ist zwar nicht total innovativ und unvergleichlich aber frisch, ungewöhnlich und aufregend, insbesondere auf einem Major.
Dass sich Kala nicht in den Top 10 wiederfindet hat es allein Timbaland zu verdanken der mit Come Around das Ende grauenhaft nach unten zieht, als hätte er keine Ahnung wo er grad reingewandert ist fängt er an seine "Baby girl"-Nummer abzuziehen und das ohnehin schon öde Stück versumpft völlig. Abgesehen vom Finale aber wirklich ein ganz tolles Album.

[Video] M.I.A. - Bird Flu

70 aus 2007 Teil 8

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Platz 28
Psychedelic Horseshit - Magic Flowers Droned

Ich weiß nicht ob ich diese Musik mit Worten hörenswert erscheinen lassen kann. Magic Flowers Droned ist so ein Album das man entweder "versteht" oder nicht und das wissen auch Psychedelic Horseshit, sie nehmen einen nicht sanft an der Hand sondern werfen einen direkt mitten in einen chaotischen Haufen aus Gitarrensoli bei denen keine einzige Note getroffen wird, dröhnigen und blechernen Drumsounds die man mit heimischem Kücheninventar problemlos emuliert kriegt. Matt Whitehurst lässt in dröhnigem, kaum verständlichem Gesang Tiraden gegen Hippies und Raver los, gibt Bad Vibrations ab die zu einer bizarren Surfrocknummer mutieren. Die Krönung der Unhörbarkeit dürfte ein Splitsong sein bei dem zwei verschiedene Stücke gleichzeitig gespielt werden, eins über den linken und eins über den rechten Stereokanal. Ganz großer Below-Lo-Fi.

[MP3] Psychedelic Horseshit - New Wave Hippies

Platz 27
Eluvium - Copia

Prolog. Requiem. Ostinato. Intermission. Wer bei solchen Titeln klassische Orchestralmusik vermutet liegt nicht komplett daneben, Matthew Cooper aka Eluvium zieht ebenso Inspiration aus den Klassikern wie aus modernem Minimalismus. Auf Copia bevorzugt er im Gegensatz zum früheren Einsatz von Gitarrendrones den klaren Klang von Streichern und Hörnern, ein Zurück zur Natur. Und die ist bekanntlich grün, nur selten so bestechend grün wie die schon an Phantastik grenzende Farbe die jedes Mal mein Auge an das Artwork des Albums fesselt. Bei so erhabener, wenngleich mit klaren muskalischen Strukturen doch auch sehr ambienter, Musik bleibt es dann auch nicht aus dass man gedanklich in visuelle Schwärmereien verfällt. Mit Pauken die einem Feuerwerk gleichen beschließt Repose In Blue die magische Stunde fast schon rüde laut, aber irgendwie muss man ja auch wieder ins richtige Leben zurückkehren.

[MP3] Eluvium - Prelude For Time Feelers

Platz 26
Various Artists - After Dark

After Dark, der erste Sampler von Italians Do It Better der es über limitierte Stückzahlen hinaus schaffte, ist so ziemlich der ideale Einstieg in das Label das Italo-Disco jenseits des Atlantiks mit eigener Vision neu zu beleben versucht. Gut die Hälfte der Tracks stammen von den beiden bekannteren Glass Candy und Chromatics, erstere sind u.a. mit Rolling Down The Hills vertreten das vor 2 Jahren zu ihren ersten Gehversuchen mit der Vermischung von Italo und Post Punk gehörte und letztere mit In The City, ihrem besten Song aus diesem Jahr der jedoch nicht auf ihrem Album Night Drive zu finden ist. Daneben finden sich die ebenfalls von Johnny Jewel produzierte Farah mit dem von Mal zu Mal verstörenderen Law Of Life auf dem sie halb Englisch, halb Farsi spricht, die Robotdisco-Beiträge von Mirage (den einzigen echten Italienern hier) mit glänzenden Melodievorhängen und Vocodergesang und die langsam ineinandergreifenden Kompositionen von Professor Genius. Auch wenn da jeder andere Favoriten haben wird ist die Qualität durchgehend exzellent und stimmig, abgesehen von der immer wieder durchscheinenden Lichtblicken bringt einen die übergreifende Stimmung von After Dark immer wieder zu den Synth-Soundtracks von Giallo, 70er Italo- und 80er US-Horror zurück, zu Carpenter und Goblin und Ortolani, einer Technicolor-bunt erleuchteten Nacht in der das Verderben in schwarzen Lederhandschuhen lauert.

[MP3] Mirage - Lady Operator

Platz 25
Between The Buried And Me - Colors

Ich muss sagen dass ich diese Band schon fast abgeschrieben hatte. Wenn jemand nach seiner zweiten Albumveröffentlichung erst ein enorm mittelmäßiges Coveralbum und dann eine sinnlose Neuauflage des ersten Albums herausbringt dann stinkt das schon arg nach Burnout, aber wie es aussieht haben Between The Buried And Me bloß Kräfte und Ideen gesammelt um einen grandiosen Brocken von einem Drittwerk auf die Welt loszulassen. Mit einem wieder mal stark an Queen erinnernden Gesangsintro startet die Reise durch das rastlos einfallsreiche Album das einen erst mal erschlägt, denn trotz der Unterteilung in 8 Tracks ist Colors ein einziges langes Stück. Mit der Zeit erkennt man aber die Strukturen der einzelnen Sequenzen, wie die Galeeren-Drums an Anfang und Ende von Informal Gluttony. Besonders wegen der vielen Wendungen wäre Colors sehr ermüdend wäre es eine einzige bretternde Riff- und Gröhlorgie, aber BTBAM haben wie schon in der ersten Hälfte von Alaska zu hören war genau so sehr ein Interesse an denkwürdigen Melodien und sanftem, manchmal gar folkigem Prog der 60s und 70s, auf Colors kommen noch zahlreiche Einflüsse von Orient bis Wildwest hinzu (die Saloonmusik-Einlage erscheint zunächst völlig albern, ergibt aber tatsächlich Sinn an dieser Stelle). Wohl das einfallsreichste Album des Jahres und ein wahrer Genuss wenn man mit etwas Geschrei ab und an klarkommt.

[Video] Between The Buried And Me - Prequel To The Sequel

Platz 24
Girls Aloud - Tangled Up

Ein Album von Girls Aloud ohne Balladen? Hurra! Das waren doch immer die Tiefpunkte ihrer Platten an denen selbst Xenomanias kunstvoll detaillierte Produktionen uninteressant wirkten. Aber beim ersten Anhören von Tangled Up möchte man seine Worte fast schon zurücknehmen, ohne Verschnaufpause wird man komplett überrollt wenn ein Schlag auf den anderen folgt, wenn die Gitarren im flotten Offbeat swingen oder einfach druckvoll nach vorne treiben. Einen absoluten Übersong wie Biology oder No Good Advice findet man hier zwar nicht, dafür geben die Punktrichter durchgängig 7/10 bis 9/10. Konsistenz, etwas das mir bei anderen Chartpopalben ebenso oft fehlt wie Ideenreichtum. Bei anderen würde ich annehmen dass es ein Zufall ist wie das Intro von Fling nach einem Teleporter aus Star Trek klingt, hier bin ich mir nahezu sicher dass es Absicht ist. Aah ja Fling, wie da nach der zweiten "Strophe" (hier wird mal wieder wie auch bei z.B. Sexy No No No der traditionelle Songaufbau so verkehrt dass es schwer zu sagen ist welcher Teil was ist) der Beat aufs Ende zurasend tiefer und voller wird, wo sonst gibt es solche Feinheiten? Und überhaupt, so eine Hammersequenz wie die mit Black Jacks -> Control Of The Knive -> Fling -> What You Crying For sucht immer noch ihresgleichen, solange die lief konnte ich mich einfach nie von der Musikanlage lösen, lieber wurde die nächste Bahn genommen. Ein gefährliche Sache, so ein Popalbum ohne Balladen.

[Video] Girls Aloud - Sexy No No No

Platz 23
Low - Drums And Guns

Neues Low-Album.. neues Low-Album.. war da nicht irgendwas mit neuem Klang und Drum Machine oder so? Eh, alles vergessen, nach dreimaligem Anhören bleibt einfach ein Low-Album übrig. Das beste seit Things We Lost In The Fire mindestens, auch wenn das bei einer Band mit so durchgängig vielen exzellenten Songs pro Album nicht unbedingt wichtig ist. Alan Sparhawks Stimme schneidet zu spärlicher Instrumentierung tiefe Wunden in Hörerseelen und man möchte einfach nicht dass er aufhört. So schön kann Schmerz sein.

[MP3] Low - Breaker

70 aus 2007 Teil 7

(Teil 1) (Teil 2) (Teil 3) (Teil 4) (Teil 5) (Teil 6) (Teil 8) (Teil 9) (Teil 10)(Teil 11) (Teil 12)

Platz 34
Shocking Pinks - Shocking Pinks

Ich gehe jede Wette ein dass Nick Harte in seiner Jugend so manche New Order-Platte gehört hat. Doch obwohl seine vernebelten Popsongs als Shocking Pinks an diese und andere große britische Bands der 80er erinnern will ein Vergleich nicht so richtig zustande kommen, denn Harte wickelt seine schönen Kompositionen in einen Lo-Fi-Mantel und lässt sie, als wären sie noch nicht schwer genug greifbar, Träumen ähnlich oft einfach vorbeigleiten. Grizzly Bear im Rockgewand? Girl On The Northern Line z.B. wäre im Yellow House kaum fehl am Platz. Shocking Pinks' erste Veröffentlichung bei DFA ist eine vielfältige doch irgendwie kohärente Sammlung von hierfür neu abgemischten Stücken der Alben Mathematical Warfare und Infinity Land welche außerhalb von Neuseeland nur schwer bis extrem teuer zu finden waren, und wer sich fragt warum sowas bitte bei DFA erscheint der spule einfach zu Smoke Screen vor, da kommen nämlich die Kuhglocken (Whoo! Yeah! Uh-huh!).

[MP3] Shocking Pinks - I Want U Back

Platz 33
Melt-Banana - Bambi's Dilemma

Internethandys. 3D-Drucker. Unsichtbare Kleidung. Pizza mit Mayonnaise-Shrimp-Rand. Was einst wie Science Fiction erschien wird immer mehr von der Gegenwart eingeholt, so machen auch Melt-Banana schon seit langem Punk der aus der Zukunft zu kommen scheint. Mit Cell Scape schienen die Japaner vor 4 Jahren den Schritt zu längeren, fassbaren Songs gemacht zu haben, doch bis auf den Psychedelia-Trip von Type: Ecco System heißt die Devise mittlerweile wieder "Kurz, schnell und heftig." Trotzdem ist das 18 Tracks umfassende Bambi's Dilemma zugänglicher als ältere Alben, die Melodien sind eingängiger und die Hooks catchiger geworden. Ein famoses kunterbuntes Spacepunk-Massaker entsteht bei dem die Gitarre von Agata durch eine Parade von Effektgeräten gejagt wird bis die seltsamsten Klänge entstehen, Sängerin Yasukos hohe Vocals sind wie immer auf dem halben Weg zum Gebell und werden sogar im auf den Hund gekommenen Dog Song ganz dazu. Dazu zucken zahlreiche cartoonige Effekte durch die Gegend von denen mich einer, in Crow's Paint Brush (Color Repair), jedes Mal irritiert weil er genau wie eine akustische Fehlermeldung meines PCs klingt. Hat die Gegenwart Melt-Banana vielleicht doch bald eingeholt?

[Video] Melt-Banana - Cat Brain Land (live)

Platz 32
Stars Of The Lid - And Their Refinement Of The Decline

Ein zweistündiges ambientes Meisterwerk dessen makelloser Komposition, Produktion, Stimmung, Epik, Dynamik und Textur ich mit Worten nicht gerecht werden kann. Zen für die Ohren.

[MP3] Stars Of The Lid - Preludes (In C Sharp Major)

Platz 31
Times New Viking - Present The Paisley Reich

Eines der eindrucksvollsten Comebacks der letzten Zeit gab das mehr als nur tot geglaubte legendäre Siltbreeze, das in den 90ern mit Krachmachern wie Dead C und Harry Pussy den US-Untergrund bereicherte. Dieses Jahr brachte das Label aus Philadelphia neben rohem, aufregendem Material u.a. von Sapat, Psychedelic Horseshit, Der TPK und Pink Reason auch das zweite Album von Times New Viking heraus, dem jungen Trio dessen Demoaufnahmen Tom Lax vor 3 Jahren dazu brachten das eigentlich schon zu Grabe getragene Label wiederzubeleben. Das zweite Album war auch schon die letzte TNV-Veröffentlichung dort (in wenigen Wochen erscheint ihr Matador-Debüt), doch zum Abschied gab es nochmal eine geballte Ladung poppigen Noiserock der niedrigen Klangfidelität. [mehr]

[Video] Times New Viking - Little Amps

Platz 30
Handsome Furs - Plague Park

Dan Boeckner hat eine dieser enorm markanten, unverwechselbaren und sofort erkennbaren emotionalen Stimmen die immer Heiserkeit mitschwingen haben, etwas mehr Whiskykonsum und er kann sich in eine Reihe mit Leuten wie Isaac Brock und Paul Westerberg einreihen. Da erscheint es paradox dass sein erstes Album zusammen mit Ehefrau Alexei, eine kanadische Vision von düsterem Folk mit Gitarre, Drum Machine und Synths (stellenweise daher gerade dem neuen Low-Album nicht sonderlich fern), zunächst eine recht flüchtige Angelegenheit ist. Selbst jetzt könnte ich mir kaum alle Stücke auf Plague Park in Erinnerung rufen. Und doch weiß ich mittlerweile um die Qualität dieser subtilen Platte die sich Stück für Stück beim Hören einschleicht, nicht so sehr im Bewusstsein hängenbleibt als tiefer wandert. Die simplen Sounds und Arrangements entfalten mit der Zeit eine ungeahnte Tiefe, gerade in der Ungeschliffenheit liegt ihre Qualität begründet. In ihren Texten graben Handsome Furs die Hässlichkeiten des Lebens in Großstädten und auf dem Lande auf, die oft unter biederen, gar fröhlichen Fassaden verborgenen düsteren Wahrheiten, so stammt der Name des Albums von einem blühenden Stadtpark in Finnland der auf einem Massengrab gebaut wurde. Manchmal trügt der Schein, beim Sehen wie beim Hören.

[MP3] Handsome Furs - What We Had

Platz 29
Electrelane - No Shouts, No Calls

Sollte No Shouts, No Calls wirklich Electrelanes letztes Album bleiben so wäre es ein Abschied auf der Höhe ihres Schaffens und mit spärlichster Instrumentierung. Jeder Anschlag ist mit Bedacht eingesetzt um diese denkwürdigen Melodien zu akzentuieren, Melodien von Songs die Emotionen direkt vermitteln. "Come back to me." "I never want to leave you." "I miss the friends we knew back home." Es ist als müssten sie all das rauslassen was zuvor ungesagt oder hinter obskuren Referenzen verborgen blieb, und das Ergebnis ist nicht weniger als großartig.

[MP3] Electrelane - To The East

70 aus 2007 Teil 6

(Teil 1) (Teil 2) (Teil 3) (Teil 4) (Teil 5) (Teil 7) (Teil 8) (Teil 9) (Teil 10)(Teil 11) (Teil 12)

Platz 40
Burial - Untrue

Wenn sich in den diesjährigen Besprechungen von Untrue eines gezeigt hat dann dass die Person die am besten über Burials Musik schreiben kann immer noch Burial selbst ist. Daher sei dafür auf die vier oder fünf Interviews verwiesen die er dieses Jahr geführt hat, ich für meinen Teil war vielleicht aufgrund von Überraschungsmangel nicht ganz so begeistert vom zweiten Album wie vom ersten. Aber auch wenn ich die diesjährigen Remixe von Bloc Party und Jamie Woon (aber definitiv nicht Thom Yorke gaah) besser fand als alles hierdrauf minus Archangel, eine der besten, stimmungsvollsten Platten des Jahres von einem derer die die Offenheit, Vielseitigkeit und Unbestimmtheit von Dubstep verkörpern ist immer noch was ganz feines.

[MP3] Burial - Ghost Hardware

Platz 39
LCD Soundsystem - 45:33

Ich war ja bis zu diesem Jahr kein kompletter Fan von LCD Soundsystem. Singles oh ja, Mixe unbedingt, aber das Debütalbum gefiel mir einfach bei weitem nicht so gut. 45:33, ursprünglich eine Auftragsarbeit für den bekannt noblen Kunstmäzen Nike, scheint das Vorurteil zu bestätigen dass LCD Soundsystem im Mix besser rüberkommen. Ein großes langes Spacefunkdancemonster mit 1000 Instrumenten von James Murphy nahezu allein eingespielt, mit Aufs und Abs, Tempo- und Rhythmuswechseln sobald es einseitig zu werden droht und einfach ein enormer Haufen Spaß. Mein Lieblingsteil des für den CD-Release in einzelne Sektionen aufgespaltenen Stückes ist wohl Teil 4, in meinem Kopf "Outer Space" betitelt. Aus dem Instrumental von Someone Great werden dafür nicht nur haufenweise begleitende Bläser aufgefahren sondern es setzt auch noch ein komplettes Trompeten-(oder Posaunen-)Solo. Gen Ende verschwindet der Beat langsam, die Bläser fallen sich organisiert ins Wort, immer wieder dasselber Motiv wiederholend, und gerade als man meinen könnte schon das Ende erreicht zu haben spielen die Trompeten mit neuer Kraft auf, Handklatscher und Percussions fallen mit ein und es geht in die nächste Sektion mit spacigem Vokodergesang. Neben dem Titelstück finden sich auf der CD-Version noch u.a. das großartige Freak Out/Starry Eyes, das im Sinne des vorhergegangenen auch aus zwei distinktiven Einzelteilen besteht aber doch besser als Ganzes gehört wird.

[Stream] LCD Soundsystem - 45:33

Platz 38
No Age - Weirdo Rippers

Gutmöglich die beste, sicherlich aber die herzlichste Liveband dieses Jahr waren No Age. Als ich mir nach ihrem Auftritt in Bonn eine CD und ein T-Shirt am Merchstand holen wollte war der Gitarrist des Duos so erfreut darüber dass ich dachte er würde mich gleich umarmen. Überhaupt scheint die vitalisierte Szene rund um The Smell, den Club in L.A. der auf dem Cover von Weirdo Rippers zu sehen ist, sehr kommunal, mit energetisch punkenden Bands wie Mika Miko, HEALTH, Abe Vigoda, Barr, The Mae Shi oder Silver Daggers von denen in jeder Woche garantiert mindestens eine dort live zu sehen ist. Am meisten Furore machten aber dieses Jahr No Age, mit Songs die rauschig dahergleiten um irgendwann in der zweiten Hälfte melodiös entladen zu werden. Selbst wenn man dieses Prinzip fast überall dort wiederfinden kann wird die Platte nicht langweilig. Bestes Beispiel dafür ist Everybody's Down das mit einem geloopten Gitarrenriff anderthalb Minuten Spannung aufbaut, live sogar noch länger. Da verließ Dean Spunt auch erstmal sein Drumkit um zu singen, kehrte dann für seinen EInsatz zurück und mit dem ersten befreienden Gitarrenanschlag sprang Randy Randall von einem Lautsprecher. Einfach aber denkwürdig. Punkrock anyone?

[MP3] No Age - Neck Escaper

Platz 37
Parts And Labor - Mapmaker

Mapmaker, das dritte Album von Parts & Labor, enthält mit dem konzentriert unruhigen Fake Rain so ziemlich meine Lieblingsperformance des Jahres in Sachen irrsinniges Getrommel, so hörbar physisch dass man sich vorzustellen versucht wie das wohl live aussehen mag. Aber auch die anderen Stücke sind eine schiere Wucht, Drummer Christopher Weingarten prescht mit frenetischem Gespiel voran und auch wenn die Rhythmen etwas vertrackt werden macht er seinen beiden Mitspielern konstant Feuer unterm Hintern. Musikalisch erinnern sie mich am ehesten an Hüsker Dü, besonders der leicht nölige Gesang von B.J. Warshaw und Dan Friel ist nicht ganz un-Mould-ig, allerdings mit in solcherlei flotten Noiserocktrios eher selten gesehenen Zwitschersynths (ein Zufall dass sie mal eine Split-LP mit Battles' Tyondai Braxton aufnahmen?) die aber problemlos mit Saiteninstrument und Schlagzeug mithalten können und der Musik eine sehr eigene Klangfarbe verpassen. [mehr]

[MP3] Parts And Labor - Fractured Skies

Platz 36
Arcade Fire - Neon Bible

Es gibt bei singulären Bands wie Arcade Fire die einen von Anfang an überwältigen und zu schwer in Worte zu fassenden Schwärmereien verleiten - im Gegensatz z.B. zu The New Pornographers bei denen man sich immer A.C. Newmans songschreiberischen Handwerks bewusst ist und weiß warum sie so gut klingen - diesen kritischen Punkt. Da beginnt man nicht mehr nur die Musik sondern auch den Menschen hinter der Musik zu hören, die bewussten Entscheidungen, das Handwerk, die Einflüsse. Da kann einiges an Zauber verlorengehen, und so ein kritisches Album ist Neon Bible. Man hört die Stadionrockeinflüsse, wie die Kanadier ihre Stärken wie z.B. Win Butlers Stimme richtig einsetzen, für große Momente bewusst zur großen Orgel greifen. Aber die Feuerprobe ist überstanden, Neon Bible ist ein verdammt gutes Album geworden. Meiner Meinung nach sogar eines das besser als Album funktioniert als Funeral, während ich bei letzterem anfangs und mittlerweile wieder lieber zu den Highlights griff ist der Zweitling wie aus einem Guss, ausgezeichnet sequenziert und belohnt das Durchhören mehr als das einzelne Anspielen.

[MP3] Arcade Fire - Black Mirror

Platz 35
Chromatics - Night Drive

Nach ewig langer neues-Mp3-auf-Myspace-Stellerei und dadurch stetig angewachsener und gespannter werdenden Fangemeinde brachte das Portlander Trio Chromatics im Herbst endlich sein erstes Album heraus. Nun, genau genommen gibt es die Band "The Chromatics" schon seit Jahren, aber in dieser Konstellation und besonders mit diesem Sound klingen sie so anders dass man eigentlich von einer neuen Gruppe sprechen muss. Wie Glass Candy wanderten sie stilistisch von No Wave zu Italo-Disco, allerdings kommen einem beim Anhören von Night Drive kaum glamouröse, glitzernde Tanzflächen in den Sinn. Vielmehr ist es eine düstere, melancholische Odyssee, stimmungsvoll dank Ruth Radelets zugleich klar und kehlig erscheinender Stimme, Adam Millers minimalistischen Gitarrengeknatters und mit Johnny Jewels metikulöser Produktion sorgfältig texturiert. Ein Album das einen langsam in seinen Bann zieht und den Tag zur Nacht macht.

[MP3] Chromatics - Healer

70 aus 2007 Teil 5

(Teil 1) (Teil 2) (Teil 3) (Teil 4) (Teil 6) (Teil 7) (Teil 8) (Teil 9) (Teil 10)(Teil 11) (Teil 12)

Platz 46
Alcest - Souvenirs D'un Autre Monde

Außerhalb von On- und Offline-Publikationen die sich Gitarrenmusik der härteren oder düsteren Gangart verschrieben haben wird man von diesem Album nicht sonderlich viel gelesen haben, dabei entspricht der hinter Alcest stehende Franzose Neige dem Klischee der rostige Nägel fressenden Kreatur der Nacht so gar nicht. Stattdessen offenbart das ausklappbare Digipack wunderschöne grüne Wälder, eine Frühlingslandschaft die ein Genuss für jeden Naturromantiker ist. Musikalisch setzt Neige zwar neben seiner vom Boden losgelösten Stimme vor allem auf E-Gitarren, doch sind deren einzelne Anschläge kaum auszumachen, sie werden so auseinanderverzerrt dass sie verwaschen, zu einer prickelnden Gitarrengischt werden. Ähnlich wie bei Jesu aber euphorischer erstrecken sich diese metallischen Shoegaze-Wellen über den Großteil des Albums, nur am Ende, beim grandiosen Tir Nan Og, muss nichts mehr elektrisch verzerrt werden. Jede Erinnerung an Metal ist verschwunden, übrig bleibt ein zarter Elfentanz im Grünen.

[MP3] Alcest - Souvenirs D'un Autre Monde

Platz 45
Animal Collective - Strawberry Jam

Wie schon mal erwähnt ist Strawberry Jam für mich das etwas enttäuschende Animal Collective-Album zu sein, so wie jeder AC-Fan irgendein Album zu haben scheint mit dem er nicht so klar kommt wie mit den anderen. Für mich liegt das hier vor allem an Feels bei dem ich die Vocals einfach mehr mochte, an den neuen Songs die AC live spielten und am Album von Panda Bear, im Vergleich zu allen dreien macht mir dieses Album einfach nicht auf voller Länge Spaß. Die Hälfte der Songs die ich mag mag ich jedoch enorm, vom cartoonig zum Wippen verleitende Peacebone über Fireworks' sanfte Explosionen bis zu Dereks Cheerleaderdrums sind hier ein paar meiner absoluten Lieblingsstücke des Jahres und des Kollektivs drauf. Auf noch mehr Glück beim nächsten Mal.

[Video] Animal Collective - Peacebone

Platz 44
Sally Shapiro - Disco Romance (US-Version)

Lange habe ich gebraucht um meinen inneren Discoschweinehund zu überwinden und die stampfenden Beats von Johan Agebjörn nicht mehr instinktiv mit grottigem Schlager zu assoziieren, doch ist es letztendlich gut dass ich erst so spät zu Sally Shapiro gefunden habe. Denn auf der zunächst in Europa erschienenen Fassung von Disco Romance waren die von Roger Gunnarsson co-geschriebenen neuen Stücke Jackie Jackie und He Keeps Me Alive gar nicht drauf, dabei sind das meine absoluten Favoriten durch die ich überhaupt erst dieser Musik verfiel.

Dabei hätte Sally Shapiros Stimme schon genügen müssen, man höre sich nur mal zum Vergleich die Originalfassung von Anorak Christmas an um zu erkennen wie viel Seele die pseudonyme Schwedin ihnen einhaucht. Währenddessen machen Agebjörns funkelnde Produktionen die instrumentale Seite herausragend, besonders in der zweiten Hälfte ab Anorak Christmas hellt sich das Album trotz Shapiros Neurosen und Melancholie immer wieder auf, erinnert mit den gesprochenen Segmenten auch mal an die Eleganz von Saint Etienne. Schon wenn ich höre wie beim zweiten "Jackie Jackie" im Refrain die Geigen einfallen bin ich wieder hin und weg, diese schwedische Sternstunde ist schlechthin mein Winteralbum 2007.

[MP3] Sally Shapiro - He Keeps Me Alive

Platz 43
A Sunny Day In Glasgow - Scribble Mural Comic Journal

Ein weiterer Grund warum ich Jahresendlisten besonders für Musikblogs die öfters neue Bands vorstellen alles andere als überflüssig finde ist dass man so mal Gelegenheit kriegt von der täglich frischen Hinweiserei Abstand zu nehmen und rückblickend die auch langfristig hörenswerte Musik hervorheben kann. Wenn man meine Archive der letzten 2 Jahre durchstöbert findet man garantiert so einige Bands die hier einmal erwähnt wurden und dann nie wieder, sei es weil dieser eine tolle Song nach drei Wochen gar nicht mehr so toll klang oder weil es etwas anderes ist ein, zwei tolle Mp3s ins Netz zu stellen als ein ganzes tolles Album zu machen. Nun, hier sind mal welche die es geschafft haben. A Sunny Day In Glasgow haben seit dem letzten Jahr ein ganzes Album voller ungewohnter Harmonien, schwer vorhersehbarer Melodieläufe und Songstrukturen fertiggestellt das nicht anstrengt sondern in anmütige Trance versetzt. Zwar erinnert das Trio so teilweise an Daydream Nation oder Shoegaze der besten Art, doch zum "Wall of noise"-ähnlichen Ausbruch kommt es nur am Ende von Track 12. Und auch nur ähnlich, wie die Stimmen der singenden Zwillingsschwestern muss dieser Ausbruch zurückstehen hinter den leisen Tönen im Vordergrund, den fabelhaften, heimlichen Melodien.

[MP3] A Sunny Day In Glasgow - The Best Summer Ever

Platz 42
The Apples In Stereo - New Magnetic Wonder

Das beste Argument für die Wichtigkeit von Alben. Ohne die vielen kurzen Zwischenspiele, Übergänge und Experimente zwischen den Songs würde Robert Schneiders Großwerk als kaum mehr wirken als eine Ansammlung von ganz netter 60s beeinflusster Popnummern mit psychedelischem Einschlag, eben das was man von einer Elephant6-Band erwarten würde. Aber in seiner Ganzheit wird das Album mit dem furchtbaren Cover zu mehr als der Summe seiner einzelnen Stücke, zu einem Meisterwerk aus Athens mit Mellotron und emotionaler Tiefe. [mehr]

[MP3] The Apples In Stereo - Energy

Platz 41
Dinosaur Jr. - Beyond

Es war bereits vor zwei Jahren beim "Monsters of Spex"-Festival zu vermuten dass die Reunion von Dinosaur Jr. weder kurzlebig noch überflüssig war. Neben der Sorge um nahenden Hörschaden raunte ein angenehmes, zustimmendes Schaudern durch die Menge als J Mascis den Gitarrenhals packte, ohne Rücksicht auf Verluste das Pedal durchtrat und zum ersten Gniedelsolo ansetzte. Jepp, sie hatten's noch drauf, und mit Beyond zeigen Lou, Murph und J dass sie auch sonst nichts verlernt haben. Als hätten sie sich nie getrennt setzt das Album auch qualitativ an die alten Großtaten an, ob Mascis nun bedächtig introvertiert, auf dem Gitarrenbrett rumtanzt oder einfach mit voller Kraft nach vorne brettert. Hätte ich kein visuelles Gegenargument gesehen, ich könnte vermuten dass da jemand einen Jungbrunnen entdeckt hat.

[MP3] Dinosaur Jr. - Been There All The Time

70 aus 2007 Teil 4

(Teil 1) (Teil 2) (Teil 3) (Teil 5) (Teil 6) (Teil 7) (Teil 8) (Teil 9) (Teil 10)(Teil 11) (Teil 12)

Platz 52
Ben Frost - Theory Of Machines

Ben Frost ist zwar Australier, lebt und arbeitet aber in Island - und das hört man auch. Denn obwohl er eine Affinität für Noise hat (eins seiner Stücke heißt We Love Michael Gira, benannt nach dem Kopf der New Yorker Swans) beschwört er mit seinen Kompositionen weniger das Bild eines dunklen Kellers oder leerstehender Fabrikhallen herbei als das weiter, offener Landschaften. Musik die einen völlig umgibt, mit Spannungsbögen so groß wie Mogwais und von einer Dimension die vielleicht entstanden wäre wenn man Sigur Rós' düsterste Momente auf () quadriert hätte. Musik so vielschichtig dass man gerne lauter macht um alles aufzunehmen, bis man so unnatürliche Klänge hört dass man daran zweifelt ob man nicht gerade seine Lautsprecher geschrottet hat. Musik ohne Melodie und ohne Mensch. Wunderschöne Maschinenmusik.

[Stream] Ben Frost - Diverse Songs

Platz 51
Sambassadeur - Migration

Mein Verhältnis zu schwedischem Gitarrenpop ist gespalten: Ich höre zwar durchaus bei all den Bands die ich eigentlich mögen müsste die richtigen Melodien, Rhythmen und Strukturen, doch irgendwie ist mir die Musik letztendlich auf Albumlänge egal. Bis zu Sambassadeur. Genau so wie ich nicht weiß was die anderen "falsch" machen weiß ich nicht was diese Musik anders macht, warum sie auf mich substantieller wirkt. Migration macht strukturell alles richtig, nachdem mit dem Doppelknall von Subtle Changes und That Town (mit dem brummenden Chor im Hintergrund und der gezupften Melodie einer meiner absoluten Lieblingssongs des Jahres) die offensichtlichen Highlights am Anfang stehen wechseln sich immer ein langsames und ein schnelles Stück ab so dass keine Längen entstehen. Besonders denkwürdig werden die eingängigen Melodien durch den seufzenden, fast schon nebligen Gesang von Anna Persson, auch der nicht ganz alltägliche Einsatz eines Saxophons und die fast wie dünnes Holz klingenden Saiteninstrumente geben der Musik einen sehr eigenen Klang. Gefällt mir noch besser als das letzte Album von Camera Obscura.

[MP3] Sambassadeur - Subtle Changes

Platz 50
Dälek - Abandoned Language

Auch im 10. Jahr ihres Bestehens spielen Dälek mit ihrer Vision von Hip Hop in einer eigenen Liga. Atmosphärisch dicht mit Musik die Metal ebenso einarbeitet wie Electronica, die den Vocals weder unter- noch übergeordnet ist sondern Seite an Seite steht, mit monotonen Beats die weder träge versumpfen noch platt aggressiv rumstampfen. Und immer noch packen sie einen wie beim ersten Anhören, immer noch suchen sie neue, andere Klänge, immer noch habe ich keine Ahnung worüber MC Dälek rappt außer das Gefühl dass es nicht gerade fröhlich ist. Dass man seine Texte nachvollzieht scheint Dälek auch nicht extrem wichtig zu sein: Im Booklet sind sie in durchsichtiger Schrift gedruckt die man nur mit viel Mühe entziffern kann wenn man sie im richtigen Winkel ins Licht gehalten kriegt, sie gehen in den farbmanipulierten Fotos auf wie es Däleks Stimme in der Musik ergeht. Düstere Symbiose.

[MP3] Dälek - Paragraphs Relentless

Platz 49
Jesu - Conqueror

Ich glaube fast ob man Conqueror gut findet hängt vor allem davon ab ob man den Klang einer Gitarre mag. Nicht irgendeiner Gitarre, sondern der von Justin Broadrick alias Jesu. Lang angehaltene Töne, wenige Anschläge, und ein Hall der über jeden Baggersee reichen könnte. In Jesus herrlich dicht texturierten und detaillierten Arrangements werden die Höhen, mit Broadricks Gesang und ambienten Elektroklängen, wie die Tiefen und was darüber liegt, mit wuchtigem Bass-Gitarre-Doppelklang, bedient. Das ergibt einen Effekt wie man ihm vom Shoegaze kennt, dass man beim Höern immer wieder dazu neigt in die Ferne zu starren (oder natürlich klischeemäßig auf die eigenen Schuhe), aber verdammt, diese Platte rockt auch einfach ganz mächtig so dass man mit jedem Anschlag den Arm schwingen und den Nacken wippen lassen will. [mehr]

[MP3] Jesu - Old Year

Platz 48
Nicole Atkins - Neptune City

Nicole Atkins hat eine große Stimme und große Träume. Auf ihrem Debütalbum schneidert sie beides in Songform, so grandios orchestriert dass ein Duett mit Rufus Wrainwright nicht weit sein kann. Sie führt amerikanische Traditionen zusammen, Surfpop trifft Americana trifft Roy Orbison trifft Springsteen. Dass die Popjuwelen auf diesem Album immer auch einen düsteren Unterton haben findet sich in den Texten wieder, wie wenn Atkins im Titelstück Abschied von ihrem Zuhause nimmt und noch einmal all die Orte besucht, physisch oder im Geiste, an denen sie aufgewachsen ist: "I'll come down, walk around a while, until I'm sure I can never go home again." Rick Rubin überarbeitete die Produktion des Albums komplett als er feststellen musste dass Atkins' Stimme an Stellen wie diesen von Streichern nicht begleitet sondern erdrückt wurde, und auch wenn ich ansonsten kein großer Fan des Mannes bin bin ich ihm dafür sehr dankbar. Denn diese Stimme gehört ins Scheinwerferlicht.

[MP3] Nicole Atkins - The Way It Is

Platz 47
The Go! Team - Proof Of Youth

Ich scheine einer der wenigen zu sein der froh ist dass The Go! Team auf ihrem zweiten Album nicht groß anders klingen als auf Thunder Lightning Strike. Meine Befürchtung war ein Album mit vielen langsamen Songs und neuem, reduzierten Klang über den die Erfolgsformel vergessen wird. Aber Ian Parton und Kohorten sind den schlauen Weg gegangen und haben einen berauschenden Zweitling geschaffen der so nervig dröhnt wie eh und je. Klar sind die langsamen Songs wie das die Melodie eines Kinderprogramms sampelnde Wohlfühl-My World und das die Tonleiter ähnlich wie of Montreals Suffer For Fashion abwärts gesungene I Never Needed It So Much gut und wichtige Verschnaufpausen für die Ohren, ganz nett wäre es auch gewesen wenn das instrumentale The Ice Storm da noch irgendwo zwischen gepasst hätte, aber ich will von einer Go! Team-Platte vor allem Samples galore zu Arschwackelrhythmen, Cheerleader und Kinderchöre, bretternde Gitarren und hüpfende Xylophone. Das alles liefert Proof Of Youth mit nach wie vor tollen Hooks, und am Ende kommt noch kurz Chuck D auf Amok laufenden Geigen vorbeigeritten und legt die Bude in Schutt und Asche. Ich könnte mir Schlechteres vorstellen.

[Video] The Go! Team - Grip Like A Vice

70 aus 2007 Teil 3

(Teil 1) (Teil 2) (Teil 4) (Teil 5) (Teil 6) (Teil 7) (Teil 8) (Teil 9) (Teil 10)(Teil 11) (Teil 12)

Platz 58
Do Make Say Think - You, You're A History In Rust

Eine etwas abgelegene Scheune oder Hütte in den Bergen Kanadas, kühle Herbsttage, alte Freunde kommen zusammen um bei Kaminfeuer, zwischendurch darüber geräuchertem tagsüber gefangenen Lachs essend und wenig aber starkes Bier trinkend, zusammen zu musizieren und die Freude am beisammen sein auf Tonträger einzufangen. So zumindest stelle ich mir vor liefen die Aufnahmen zu Do Make Say Thinks fünftem Album You, You're A History In Rust ab, denn so unbemüht und gemeinschaftlich klingt diese Platte. [mehr]

[Video] Do Make Say Think - A Tender History In Rust

Platz 57
Ulrich Schnauss - Goodbye

Ulrich Schnauss kreiert auf Goodbye weiterhin Traumwelten in denen sich Shoegazer, Dreampop- und Elektronikfreunde treffen, doch ist hier alles dichter geworden, oft nah dran am zweiten Album von M83. Shoegazige Klangwände und -wellen werden aufeinander geschichtet, die Songs sind mit so vielen herrlichen und feinen Details versehen dass sie anfangs verdrehterweise stumpf wirken können. Dabei sind sie emotional geladen, melancholisch, packend, alles nur nicht stumpf. Man möchte lauter drehen um mehr und mehr Facetten wahrnehmen zu können, und dank Schnauss' exzellenter Produktion wird man dafür auch nicht bestraft. [mehr]

[MP3] Ulrich Schnauss - Stars

Platz 56
Ricardo Villalobos - Fabric 36

Ich fürchte ich bin seit Fizheuer Zieheuer in Sachen Ricardo Villalobos permanent geschädigt. Das erste was ich mir nach dem Durchhören von Fabric 36, dem Solomix/Album, dachte war "Nur 10 Minuten? Der Track war viel zu kurz!" Tatsächlich kann man mit etwas Sucherei eine doppelt so lange Version von Primer Encuentro Latino-Americano (das auf einem traditionellen Chilenischen Folksong basiert) online finden, doch hätte die beim besten Willen nicht mehr auf die proppevolle CD gepasst. Der 14. von 15 Tracks ist mit seinem sonnigen Gesang so euphorisierend dass es fast egal sein könnte was davor kam, doch Villalobos schafft es den Weg zu diesem Höhepunkt nicht lang oder langweilig erscheinen zu lassen. Ob Vocals, Percussions oder Schwingröhren, immer wieder schaut irgendwas vorbei das einen aufhorchen lässt, besonders das finstere Andruic & Japan in der Mitte von dem an sich allmählich die Stimmung wieder aufhellt, und wenn der Mix mit Chropuspel Zündung langsam ausklingt fühlt man sich auch im Winter wie nach einem sanften Sommerspaziergang.

[Video] Ricardo Villalobos - Farenzer House

Platz 55
Field Music - Tones Of Town

Field Music waren schon 2005 die tightere, einfallsreichere der neuen britischen Gitarrenbands. Und die weniger bekannte. So ist es leider auch konsequent dass sie dieses Jahr das beste aller zweiten Alben in Sachen UK-Indie herausbrachten ohne dass es groß auffiel. Sicher, die (öfters an XTC erinnernden) Melodiebögen sind nicht oft so offensichtlich dass man direkt Feuer und Flamme dafür ist, die Stücke wandern auf Pfaden die die eine oder andere Wendung machen. Doch wenn man sich mal ein kleines bisschen mehr Zeit nimmt sieht man schnell wie schön alles letztendlich zusammenkommt, wie die mit Bedacht eingesetzten zusätzlichen Instrumente mehr als bloße Zierde sind und damit dem Klischee vom einfallslos produzierten Zweitwerk trotzen. Schade dass die Besten nicht immer gewinnen.

[MP3] Field Music - Sit Tight

Platz 54
Modest Mouse - We Were Dead Before The Ship Even Sank

Viel wurde im Vorfeld draus gemacht als Johnny Ex-Smith bei Modest Mouse einstieg. Ist auf Platte letztendlich was davon zu hören? Kann irgendwer sagen welche Gitarrenparts von Marr sind, welche von Eric Judy und welche von Isaac Brock? Eher nicht. Hörbar mehr hat Marr zur Produktion beigetragen, denn die ist poliert wie nie. Gewohnt bärbeißig hingegen ist zumeist Brock, der Mann mit den erstaunlich vielen verschiedenen Stimmen. Ob er sich passend zum Album mit dem nautischen Thema den Bart von Kapitän Haddock zugelegt hat ist fraglich, aber wenn er einmal losbellt könnte er auch hunderttausend jaulende Höllenhunde in die Flucht schlagen. Auch Sänfte offenbart er, Unruhe, Entspanntheit, nur für die besonders poppigen Refrains hat er sich mit James Mercer von The Shins die prominente Unterstützung geholt die den deutlicheren Einfluss auf den Klang der jeweiligen Songs hat. Es ist (neben dem Songwriting natürlich) der hervorragende Einsatz der Ressourcen, das Ergebnis der Zusammenarbeit von Leuten die mittlerweile einfach wissen was sie machen, die dieses Album so gelungen machen. Wem allerdings das davor schon zu wenige Kanten hatte der sollte besser so tun als wäre das hier eine andere Band die zufällig auch den Namen Modest Mouse trägt.

[Video] Modest Mouse - Dashboard

Platz 53
Working For A Nuclear Free City - Businessmen & Ghosts

Wo andere Bands schon Schwierigkeiten haben ein einziges Feld gut zu bearbeiten muss es noch eindrucksvoller erscheinen dass Working For A Nuclear Free City einen regelrechten Haufen an Einflüssen aufzählen können (u.a. Krautrock, Wave, Dance, Folk, Psychedelia und Madchester) aus denen sie aber wie ihre Labelkollegen Fujiya & Miyagi oder die schwedischen Studio höchst kompetent ihr eigenes Ding machen. Und wie um ihre Ambitioniertheit zu untermauern packten die Engländer nicht nur ihr Debütalbum, eine EP und zahlreiche neue Songs auf ihre 2 CDs starke erste US-Veröffentlichung sondern machten auch noch durch Umordnung ein einziges neues Album daraus. Und das erfolgreich, dadurch dass sie ihr vorher stilistisch abgestecktes Gebiet nicht weiter ausdehnen verdichten sie es mit sanfteren Übergängen zwischen den Extremen und lassen Businessmen & Ghosts als ein gehaltvolles Ganzes wirken mit dem man lange seinen Spaß haben kann.

[MP3] Working For A Nuclear Free City - All American Taste