Platten

70 aus 2008 Teil 5

(Teil 1) (Teil 2) (Teil 3) (Teil 4) (Teil 6) (Teil 7) (Teil 8) (Teil 9) (Teil 10)

Platz 42
Deerhoof – Offend Maggie (CD-Version)

Wie bei Xiu Xiu erwarte ich an diesem Punkt nicht mehr dass Deerhoof schlechte Alben machen können. Allerdings hat mich Offend Maggie wieder angenehm überrascht, mit dem Kunststück irgendwie gleichzeitig mehr Kanten als Friend Opportunity zu haben und doch noch leichterer, verspielter, müheloser rumzurocken. Mit Ed Rodriguez, der die Band wieder zum Quartett macht, gibt es interessantere zweite-Gitarre-Dynamiken, gleichzeitig sind Deerhoof so weit von bierernstem Muckertum entfernt wie eh und je, da braucht der Cheerleader-Nonsens von Basketball Get Your Groove On nur als ein Beispiel für herzuhalten. Mein einziges Problem ist dass mir die Tracks wirklich ein gutes Stück besser in der Reihenfolge der Vinylversion gefallen, insbesondere der Anfang. Hätte ich etwas früher angefangen es so zu hören wäre das Album noch einige Plätze weiter oben. Trotzdem eine ganz große Band.

[MP3] Deerhoof - Chandelier Searchlight

Platz 41
The Fiery Furnaces – Remember

Nach dem Desaster zu Beginn hatte ich ja etwas Angst vor diesem Album das gleich zwei Dilemmata erfindungsreich umschifft: Zum Einen scheinen Livealben in Zeiten von online omnipräsenten Audio- und Videobootlegs überflüssig, zum Anderen hat wohl jeder Fan unter den vielen unterschiedlichen Liveinkarnationen der letzten Jahre andere Favoriten. Welche Versionen haben die Furnaces also ausgewählt? Nun, äh, alle quasi. Die Stücke auf Remember sind Frankensteinsche Monster, mühevoll und sekundengenau aus einzelnen Liveaufnahmen neu zusammengeschnitten. So wird was bei anderen Bands lediglich ein Dokument ist bei den Friedbergers zur originären Neuschöpfung, ein Versuch das eigene Material um zwei Ecken neu zu interpretieren.

Dabei kriegt man gleich zu Anfang einen Eindruck davon wie hart der Job von Eleanor Friedberger ist, als Sängeräquivalent einer Mathcore-Gitarristin muss sie lächerlich viele und komplizierte Verbalriffs abarbeiten, dass sie sich nicht öfter wie im ersten Stück verhaspelt bleibt erstaunlich. Auch andere Liveimpressionen wie Publikumsgeräusche und Ansagen tauchen zwischendurch auf, lockern das Gesamtgeschehen aber nicht so weit dass ich irgendwem empfehlen würde alles an einem Stück durchzuhören. Auch für Neueinsteiger in die Welt der Friedbergers fände ich diesen Karrierequerschnitt zu überwältigend, da bleibt die erste Adresse die poppige EP. Für Fans der besten Band der Gegenwart ist Remember aber natürlich ein Muss.

[MP3] The Fiery Furnaces - Navy Nurse

Platz 40
Broken Social Scene Presents: Brendan Canning – Something For All Of Us...

Soloalbum Schmoloalbum, Something For All Of Us... klingt für mich wie die lineare Fortsetzung des selbstbetitelten BSS-Albums von 2005. Anders als Kevin Drews trifft Brendan Cannings BSS-Album ziemlich genau das was ich am prall gefüllten Kuddelmuddel-Popcore des Kanada-Kollektivs am meisten mag, angefangen beim Frauengesang (hier vor allem von Land Of Talks Liz Powell übernommen) den ich in dieser Form auf Spirit If... schwer vermisst hatte. Und wie in Hit The Wall gegen Ende die Gitarre abgehängt wird von einer Welle aus Streichern, Bläsern und purer Gutlaune, der Gesang, das Zusammen, das Miteinander Durcheinander, ich meine, das ist es doch wohl. Broken Social Scene.

[MP3] Broken Social Scene Presents: Brendan Canning - Hit The Wall

Platz 39
Surf City – Surf City

Über die Verbindungen zu The Clean und Pavement wurde an dieser Stelle schon genug geschrieben, wichtiger aber ist ohnehin dass die Debüt-EP des neuseeländischen Quartetts bei allen guten Referenzen auf eigenen Beinen steht. Surf City haben ein verdammt gutes Gespür für die richtige Melodie im richtigen Rahmen, seien es die euphorisch hallenden Wechselrufe in Records of a Flagpole Skater, das muntere Dudeln von Headin' Inside oder den langgezogenen Twang des weit ausladenden Finales Free The City. Sechs catchig-schrammelige Stücke über deren Verlauf Surf City kein einziges Mal stolpern, was will man für den Anfang mehr?

[MP3] Surf City - Headin' Inside

Platz 38
The Week That Was – The Week That Was

Gleich zwei Früchte trug dieses Jahr die Umstrukturierung von Field Music, Anfang des Jahres brachte Peter Brewis sein Projekt School Of Language an den Start das mir allerdings längst nicht so gut gefiel wie das seines Bruders. Vielleicht weil The Week That Was einen Teil der 80er referenziert den ich in letzter Zeit erst zu entdecken begonnen habe, die abenteuerlichen Popwerke Kate Bushs oder Peter Gabriels neben deren Ambitionen, Vorstellungskraft und letzliche Exekution die Synthdudeleien die dieses Jahr überall wieder auftauchten nur verblassen lassen können. Brewis streift dabei nicht weit ab von Field Musics XTC-infusioniertem Querpop, stapelt ihn eher eine Lage höher. [mehr]

[Video] The Week That Was - Learn To Learn

Platz 37
D.Lissvik – 7 Trx + Intermission

Westküstensommer die Dritte! Dan Lissviks Soloplatte erschien so spät im Jahr dass sie auf kaum einer Jahresendliste ihren verdienten Platz einnehmen konnte, aber solche Bedenken scheinen den beiden Studio-Leuten fern zu liegen. Die bringen raus was fertig ist wenn es fertig ist, in diesem Fall eben die ersten Neuschöpfungen (also Nicht-Remixe) seit West Coast. Lissvik jammt entspannt bis episch mit sich selbst und man selbst sitzt als Zuhörer mit im Raum, ein sanfter Trip der ein bisschen tiefer geht als alles andere Gute was derzeit aus Schweden kommt. [mehr]

[Video] D.Lissvik - Track 5

Platz 36
Volcano! – Paperwork

Hm, heute kann ich mir ja viel Kreativarbeit sparen, wieder ein tolles Album zu dem ich mich bereits an anderer Stelle ausführlich geäußert habe. Volcano!s zweite Packung herrlich überbordernden Math-Jazz-Gitarrenpops hat auch bis heute ihren Appeal zwischen Wahnsinn und Methode gewahrt, während ich ihr erstes Album später doch nur noch in Auszügen hörte gefällt mir Paperwork bis heute auch an einem Stück und Slow Jam, Tension Loop und sowieso Palimpsests sind immer noch klare Jahreshighlights. [mehr]

[Video] Volcano! - Africa Just Wants To Have Fun

70 aus 2008 Teil 4

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Platz 49
Chauchat – Upon Thousands

Auch wenn Last.fm nicht das allmächtige Statistiktool ist das ich mir mal erhofft hatte, eine Enthüllung hatte es zu bieten: Chauchat waren demnach auf Platz 13 meiner meistgehörten Künstler dieses Jahr. Auch weil ich mir eine Weile den Kopf darüber zerbrach an wen mich die Band am meisten erinnerte (und seit ein paar Wochen weiß ich's nun: Deerhunter), aber vor allem weil das mal eine Platte ist deren Klang ich richtig genieße. Alles klingt so räumlich, so warm, fast als wäre Yellow House ein Rockalbum geworden. Man hört die angeschlagenen, unverzerrten Saiten einzeln hallen, wie sich die Gitarren im Wind der Melodien wiegen, wie Tyler Whitneys Stimme manchmal den Ton nur so gerade trifft. Obwohl Chauchats Songs oft nicht die offensichtlichsten Wege gehen ist dies nicht die originellste oder gar modischste Musik der Welt, nein, besser. Es ist ein echtes Liebhabealbum.

[MP3] Chauchat - Fight Obscurity

Platz 48
El Guincho – Alegranza!

Die lange Wartezeit war es wert dieses Album über den Umweg England aus Spanien zu importieren, hätte ich auf den internationalen Release gewartet (von dem damals eh noch keiner was wusste) wäre der ganze Sommer schon an ihm und mir vorbeigezogen gewesen. Und die Mitte des Jahres war einfach die ideale Zeit für El Guinchos tropischen Optimismus, ähnlich wie The Go! Team nur eben mit mediterranen und südamerikanischem Quellmaterial verwurstet Alegranza! über betanzbaren Rhythmen haufenweise Samples um daraus eine kurzweilige aber durch und durch gut gelaunte Feststimmung zu zaubern.

[MP3] El Guincho - Palmitos Park

Platz 47
Jóhann Jóhannsson – Fordlândia

Mein erster Eindruck lag etwas daneben, Fordlândia beginnt gar nicht mit langer Stille, das habe ich erst gehört als ich die CD hatte. Die Töne sind anfangs nur so leise dass man die Anlage wirklich laut aufdrehen muss, und wie meistens in diesen Tagen ist das ein gutes Zeichen. Denn erst wenn man wie hier einen gewaltigen Unterschied zwischen den leisen und den lauten Tönen wahrnimmt entfaltet sich die wahre Epik von Stücken wie eben dem stetig lauter, stetig herrlicher anschwillenden Titelstück. Jóhannsson integriert nahtlos Elektronik in seine klassisch orchestralen Arrangements die voller Details stecken, wie dem Wabern das sich lange Zeit im Hintergrund von Chimaerica versteckt, toll auch die Verwendung eines Chors in The Great God Pan Is Dead. Mein momentanes Lieblingsalbum des Isländers.

[MP3] Jóhann Jóhannsson - The Rocket Builder

Platz 46
Fuck Buttons – Street Horrrsing

Sanfte Produktion ist sicher nichts worüber man sich hier Gedanken machen muss, aber das ist bei Noise, selbst wenn er so kinderfreundlich ist wie hier, ja auch nicht das Ziel. Dafür liefern Fuck Buttons etwas anderes das ich dieses Jahr sehr zu schätzen wusste, ihre Mischung aus harsch verzerrtem Sägen, geloopten Percussionmustern, animiertem Geschrei und zugänglichen Melodien wird nie richtig unterbrochen sondern läuft nahtlos von einem Stück ins nächste. So begibt man sich auf einen einzigen farbenfrohen Trip der nie langweilig wird, ein Ritt auf einem Regenbogen aus Kettensägen und Handgranaten.

[MP3] Fuck Buttons - Bright Tomorrow

Platz 45
Thursday/Envy – Split LP

Das Konzept der Split-Veröffentlichungen ist sicher nicht auf die Hardcore-verwandten Genres beschränkt, dort finden aber oft interessante Wege des künstlerischen Austauschs statt die ich gerne auch anderswo verfolgt sehen würde. Im Falle der Screamos von Thursday ist man dabei zum Beispiel den Endzeit-Krächzern Envy entgegengekommen und bollert, unterstützt von stimmungsvoller Elektronik wie sie die Japaner auch in letzter Zeit öfter einsetzen, endlich wieder mit den apokalyptischen Untertönen von Full Collapse durch die Gegend. Auch Envy betreiben hier in Hochform cineastisches Soundscaping, zarte Momente in denen einzelne Sonnenstrahlen die Wolkendecke durchbrechen werden bald im Keim erstickt und spätestens mit dem grandiosen Finale Pure Birth And Loneliness ist diese Veröffentlichung das beste was beide Bands in den vergangenen 5 Jahren geschaffen haben.

[Video] Thursday - In Silence

Platz 44
Be Your Own Pet – Get Awkward

Eine Weile spielte mein Mp3-Player dieses Jahr verrückt und zeigt kopierte Musiktitel immer nur in Großbuchstaben an, im Falle von Be Your Own Pet erschien das aber auch völlig angemessen. Für ihr zweites Album scheinen sie sich wochenlang nur von Pizza, (Whisky-)Cola und B-Movies ernährt zu haben, auf Get Awkward lassen sie ihrem jugendlichen Appetit auf Zerstörung wieder freien Lauf mit prima Slogans (“Eating pizza is really great, so is destroying everything you hate”), noch besseren Songs (der Mörderballade Becky nach Vorlage der “Juveline Delinquent”-Movies der 50er, Zombie Graveyard Party der Russ-Meyer-Hommage The Kelley Affair) und natürlich Songtiteln die in Großbuchstaben geschrieben werden wollen: BLOW YR MIND! BITCHES LEAVE! FOOD FIGHT! Vielleicht ganz gut dass dies auch ihr letztes Album war, ewige Juvenilität steht nur wenigen.

[Video] Be Your Own Pet - Becky

Platz 43
Guillemots – Red

Auch das chaotische zweite Album der Guillemots stieg beim Wiederhören in meiner Achtung. Klingt insgesamt doch um Einiges ruhiger und angenehmer als ich es in Erinnerung hatte, am problematischsten ist noch die Sprunghaftigheit zwischen den stark voneinander verschiedenen und stellenweise unnötig überladenen (auch wenn das meistens die Attraktivität der Briten ausmacht, wie wenn sie später in Don't Look Down erfolgreich eine verträumte Ballade auf knarzigen Drum 'N Bass legen) ersten Stücken. Ab Clarion pendelt sich Red dann in einer gesunden Balance zwischen formalem und klanglichem Ideenreichtum und solidem Songwriting ein mit dem Fyve Dangerfield mal wieder vermuten lässt dass er einen heißen Draht zum Himmel hat. Wo sonst beschwört der Mann diese zum Schmelzen schönen Melodien her? Übrigens ein tolles Regenwetteralbum.

[Video] Guillemots - Falling Out of Reach

70 aus 2008 Teil 3

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Platz 56
Windsurf – Coastlines

Westküstensommer die Zweite! Diesmal allerdings die amerikanische Variante, die Herren Hatchback und Sorcerer tun sich zusammen zu einem Album das einerseits eine Synthese aus ihren beiden Solosachen ist, andererseits lustigerweise eine völlig andere Wirkung auf mich hatte als das später noch zu erwähnende Hatchback-Album. Windsurf habe ich erst richtig genießen können als ich mal aufhörte hinzuhören, als ich die Musik einfach im Hintergrund auf mich wirken ließ schälten sich die Melodien richtig hervor, die quer durchs bunte Farbspektrum getränkten Horizonte begannen sich aufzuspannen und in mir erwachte die Lust nach einem eiskalten Cocktail.

[MP3] Windsurf - Pocket Check

Platz 55
Morgan Geist – Double Night Time

Ich kam für den Greenspan und blieb für den Geist. Dass mich die vertraute Stimme direkt an Junior Boys erinnerte half sicherlich dabei dass ich sofort Gefallen an dieser Platte fand, darüber hinaus aber sind es Geists feine Kompositionskünste die auf emotionale Resonanz stoßen. Ähnlich der letztjährigen Chromatics-Platte ist Double Night Time eine Liebeserklärung an nächtliche (Irr-)Fahrten, an Lichter die die Großstadt erleuchten und das gewaltige Erleignispotential das schon einer einzigen Nacht innewohnt.

Platz 54
The Hold Steady – Stay Positive

Stay Positive ist gewiss nicht die lauteste Rockpatte die ich mir dieses Jahr zugelegt habe, jedoch war hier der Punkt bei mir erreicht wo die Aufnahmen einfach so hässlich klangen dass mir die Lust am Hören verging. The Hold Steady dürften daran keine Schuld tragen, sie schreiben immer noch großartige Songs (was noch deutlicher daran wird dass die Bonustracks auf dieser CD locker mit dem Rest des Albums mithalten können, nur eben nicht richtig reingepasst hätten) und obwohl ich mich genausowenig damit identifizieren kann wie letztes Jahr bei James Murphy macht es Spaß Craig Finn zuzuhören wie er darüber sinniert würdevoll zu altern. Nur wenn man sich das Ganze nicht in Ruhe anhören kann muss man halt ein paar Spaßabstriche machen.

[Video] The Hold Steady - Stay Positive

Platz 53
Ladytron – Velocifero

Schon als die saftigen Numan-Synths von Black Cat erstmalig ertönten hatte ich ein enorm gutes Gefühl, nach mehreren Monaten des Hörens bin ich mir nun sicher dass dies mein Lieblingsalbum von Ladytron ist. Klar stehen die beiden fabelhaften Gesangsstimmen heraus (wobei Daniel Hunts Einsatz auf dem finalen Versus auch gelobt werden muss), die manchmal meterbreiten Synthklänge sind noch tiefschwarzer geworden, die Geheimwaffe sind aber die Drumsounds die auch dann Aufregung in die Stücke bringen wenn eines der anderen beiden Elemente generische Momente hat. Wenn dann alle drei wie auf I'm Not Scared in Hochform erscheinen vergesse ich auch sofort den kurzen Durchhänger den die Platte in der Mitte hat.

[MP3] Ladytron - Black Cat

Platz 52
TV On The Radio – Dear Science

Tja öhm, siehe zwei Einträge zurück sage ich mal. Eine Woche habe ich's vielleicht mit dieser Platte probiert und ich glaube ich mag sie, aber seitdem muss ich nur daran denken wie das große Finale dadurch versaut wird dass selbst die leisesten Momente laut und blechern aus meinem Kopfhörer dröhnten und mir vergeht wieder die Lust diesen Eindruck zu verstärken. Wenn die Band keinen Vertrauenskredit bei mir hätte wär die Platte noch ein gutes Stück weiter unten.

[Video] TV On The Radio - Golden Age

Platz 51
Glass Candy – Deep Gems: A Collection Of Singles, B-Sides & Rarities

Wenn man sich den globalen Tourplan von Glass Candy in diesem Jahr anschaut scheint sich einiges für Ida No und Johnny Jewel geändert zu haben, ihre Tonträger jedoch verschicken sie immer noch zusammen mit IDIB-Mitbegründer Mike Simonetti eigenhändig. Deep Gems sollte noch vor dem nächstjährigen Album klar machen dass der kreative Brunnen der beiden nicht so schnell erschöpfbar ist, selbst die Alternativversionen von Beatbox-Tracks sind so verschieden dass man sich glatt ein zweites Mal in sie verlieben kann. Darüber hinaus gibt es aber viele neue Italo-Taumeleien mit romantisch-finsterem Unterton, mit den charakteristischen Knarzsynths, interessanten neuen Percussion-Arragements und Nos Vokalcharisma. Favoriten: das treibend stampfende The Beat's Alive und das sexy schunkelnde (für Rheinländer ein vermeintliches Oxymoron, ich weiß) Feeling Without Touching.

[Video] Glass Candy - Feeling Without Touching (live)

Platz 50
The Indelicates – American Demo

Lange hab ich mich drauf gefreut, dieses Jahr brachten The Indelicates endlich ihr Debütalbum heraus das so viele Qualitäten verkörpert die ich an britischem Pop so schätze, herrlich böse, witzig, politisch, kurz alles was unvereinbar mit modernem UK-Indie Marke NME ist. Sie sind nicht die handwerklich besten Musiker der Welt und wissen es auch, trotzdem und gerade deswegen schreiben sie clevere, eingängige Songs vom Ende der Popmusik, über den Niedergang des Feminismus oder das dieser Tage prophetisch wirkende If Jeff Buckley Had Lived und echoen dabei Kenickie, Kate Bush (man vergleiche Romeo And Juliet mal mit Dream Of Sheep) und Luke Haines.

[VIdeo] The Indelicates - America

70 aus 2008 Teil 2

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Platz 63
Oxford Collapse – Bits

Die Rückkehr des Slackertums scheint langsam anzulaufen, im US-TV starteten mit Chuck und Reaper jüngst gleichzeitig zwei Serien deren Protagonisten Underachiever sind wie es sie vor 15 Jahren an allen Ecken der Popkultur gab. Eigentlich wären Oxford Collapse, in ihrer effektvollen Schlampigkeit die wohl klassisch subpoppigste aller neueren Sub-Pop-Bands, der ideale Soundtrack dafür. In typischer Imperfektion ist der beste Song des Trios dieses Jahr nicht einmal auf ihrem zweiten Sub-Pop-Album zu hören, Amongst Friends erschien stattdessen anderswo in kleiner Auflage auf Vinyl. Vielleicht war das aber doch Kalkulation, Bits ist nämlich ohne eine Single mit Soundtrackpotential ein homogeneres Album geworden als ihr letztes und stolpert elegant durch die Gegend.

[MP3] Oxford Collapse - The Birthday Wars

Platz 62
A Mountain Of One – Collected Works

Ach wenn das Entdecken von geschmackskompatibler Musik doch immer so einfach für mich wäre. Ich gab den Briten letztes Jahr zunächst allein deshalb schon mal eine Chance weil sie ihr Myspace-Profil mit Jodorowsky-Filmausschnitten behängt hatten, Vorschussvertrauen das sich auszahlte. Diese Kollektion ihrer beiden EPs und Singles ist ein bisschen wie eine Reise durch die Plattensammlung von jemandem der seine halbe Bude nur mit LPs gefüllt habt, mit Anklängen von Prog, Psych, Kraut, Wave die stellenweise etwas kitschig erscheinen aber in ihrer Summe irgendwie doch immer einen packenden und faszinierenden Trip ergeben. Einziger Wermutstropfen: Der Hippiegrütze-Text von People Without Love, au au aua autsch.

[Video] A Mountain of One - Brown Piano

Platz 61
The Magnetic Fields – Distortion

Im Nachhinein betrachtet ist schon lustig wieviel Aufhebens um den Mantel der Verzerrung gemacht wurde in den dieses Album gehüllt ist ("ZOMG Jesus & Mary Chain" etc.), denn wegen Stephin Merritts extremer Lärmempfindlichkeit bleibt live eh alles beim Alten (hier bspw. California Girls live) und songmäßig ist es auch ein Magnetic Fields-Album wie jedes andere. Nicht das beste, aber mit vielen Ohrwürmern ein sehr gutes und Merritt schreibt immer noch Popsongs wie kein anderer (“Faux folks sans derrieres”: Diss des Jahres!)

[MP3] The Magnetic Fields - California Girls

Platz 60
British Sea Power – Do You Like Rock Music?

Meine Meinung über dieses Album ging das Jahr über rauf, runter und ist mittlerweile wieder weit rauf. Nicht so sehr dass es ein Grower wäre, zeitweise irritierte mich das Aufreiben der sanften, naturverbundenen Melodien mit den hymnischen, pompösen Arrangements einfach so sehr dass ich die Lust am Hören verlor. Aber darum krame ich sämtliche Musik ja am Ende des Jahres wieder heraus, um dann zu merken dass ich von diesen Bedenken beim Hören nichts mehr merke, erst recht wenn ich den überzogenen Rahmen des ersten und letzten Stücks ausblende. BSP bleiben eine einzigartig exzentrische und hörenswerte Band, und Gott sei Dank sind sie nicht “Die neuen Arcade Fire”.

[MP3] British Sea Power - Waving Flags

Platz 59
Pacific! – Reveries

Westküstensommer die Erste! Es wundert mich schon dass ich dieses Jahr nicht öfter über Pacific! gelesen habe, die scheinen mir genau in die Air France/Tough Alliance/Boat Club/Studio-Ecke Göteborgs zu passen über die es echt einen Haufen Artikel gab. Vielleicht sind sie einfach nur nicht Teil dieser Clique, ihre Musik jedenfalls ist leichtfüßig und sonnenaffin wie die anderen musikalischen Erzeugnisse dieser Strandpartygemeinde, ein bisschen melancholisch, tanzbarer und mit stärkeren Anbindungen an moderne Elektroklänge aber immer noch mehr musikalische Meilen vom Knarzgeboller Frankreichs entfernt als physische.

[MP3] Pacific! - Hot Lips

Platz 58
Kelley Polar – I Need You To Hold On While The Sky Is Falling

Ich weiß dass man das dieser Liste wahrscheinlich nicht klar ansehen kann, aber mehr als je zuvor habe ich in diesem Jahr die “gut klingenden” Platten für mich entdeckt. Gut in dem Sinne dass ich nicht gleich von jedem Ton erschlagen werde, dass ich auf Alben wie diesem der Musik Freiraum gelassen wird um sich in der Wechselwirkung von Laut und Leise und dem Spiel verschiedener Texturen zu entfalten. Dass das Ganze wie der Soundtrack zu phantastischen Covern von SciFi-Heften, in die ich als Kind nie einen Blick werfen wollte weil der Inhalt nicht das übertreffen konnte was ich mir schon in meinem Kopf ausgemalt hatte, klingt ist dabei natürlich mehr als die halbe Miete.

[MP3] Kelley Polar - Entropy Reigns In The Celestial City

Platz 57
Jaguar Love – Take Me To The Sea

So betrübt ich auch über das Ende der Blood Brothers war, so sehr schienen mir doch viele der interessanteren Richtungen in die sich die Band hätte entwickeln können nicht mehr vom Zusammenspiel Johnny Whitneys und Jordan Blilies abhängig. Ersterer setzt denn auch mit seiner Nachfolgeband etwa das fort was er bereits zwischendurch mit Neon Blonde angefangen hatte, Art-Pop auf einem vielversprechenden (und gleichzeitig schon viel davon erfüllenden) Debütalbum. [mehr]

[MP3] Jaguar Love - Bats Over The Pacific Ocean

70 aus 2008 Teil 1

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Platz 70
The Death Set – Worldwide

Zwischen Go!-Team-Rasselbanderei und Devoismen rasen The Death Set auf ihrem Debütalbum durch anderthalb Dutzend hyperaktive, catchige Punkminiaturen. Selten geht es über die Zwei-Minuten-Marke, etwa genau so selten gibt es überhaupt eine zweite Strophe zu hören, bevor man sich überlegen kann ob man das aktuelle Stück überhaupt mag kriegt man schon die nächste Idee um die Ohren gehauen. 25 Minuten fühlt man sich dabei als hätte man zwei Liter stark gezuckerten Kaffee intus und zu gewissen Zeiten war das dieses Jahr genau was ich brauchte.

[MP3] The Death Set - Negative Thinking

Platz 69
Benga – Diary Of An Afro Warrior

In Sachen Singles gab es quer durch die vielen Facetten von Dubstep dieses Jahr vielleicht mehr zu entdecken als je zuvor, an Alben mochte ich allerdings nur Bengas Erstling öfters hören. Dabei fließt Diary Of An Afro Warrior mehr wie ein gut sequenzierter Mix, lässt einen früh mit der chartmäßig wohl erfolgreichsten Dubstepsingle aller Zeiten auf den Zug aufpringen und nimmt fortan stetig Fahrt auf bei der es schwer fällt ruhig sitzen zu bleiben.

[Video] Benga & Coki - Night

Platz 68
Boris – Smile

Wenn ich das richtig sehe gibt es mittlerweile vier verschiedene Versionen von Smile, von dieser internationalen und der stark anders klingenden japanischen Edition unterscheidet sich das US-Vinyl auch nochmal, zudem gibt es nun auch ein 2CD-Livealbum. Oh wie gut dass ich kein Boris-Komplettist bin. Jedenfalls rangiert diese Ausgabe nach anfänglicher Faszination über den “Shit, ist meine Anlage kaputt?”-Effekt den die fies verzerrte Produktion auslöste für mich nicht weit oben im Boris-Œuvre, klingt mehr wie ein Best-Of von Ideen die in den vergangenen Jahren alle schon mal mindestens ebenso gut umgesetzt wurden. Trotzdem eine prima Platte von einer bei anhaltend hoher Qualität abartig produktiven Band und die erste Hälfte zumindest höre ich auch immer noch gerne.

[Video] Boris - Statement

Platz 67
Atlas Sound – Let The Blind Lead Those Who Can See But Cannot Feel (4ad-Version)

Auch das Soloalbum von Deerhunter-Sänger Bradford Cox wurde mehrmals veröffentlicht, zunächst auf Kranky und ein paar Monate später weitaus mehr Aufmerksamkeit erregend auf 4ad. Der Unterschied liegt aber lediglich in der Bonus-CD die letzterer Ausgabe beiliegt, und obwohl es sich klangästhetisch mehr wie eine moderne Kranky-(und eben wie eine ältere 4ad-)Veröffentlichung anhört habe ich mir darum die neuere zugelegt. Cox tränkt seine gelayerten Aufnahmen in Feedback und Rauschen, benebelte und benebelnde Songs die wirken als wären sie selbst kurz vorm Einschlafen aber eine hypnotische Faszination ausstrahlen die einen beim Hören wach hält.

[MP3] Atlas Sound - Quarantined

Platz 66
Paul Westerberg – 49:00 / 5:05

Befänden wir uns nicht in der digitalen Ära so wäre dies ein echtes Sammlerstück geworden, nur wenige Tage war das Album vom Replacements-Frontmann erhältlich bevor es aus rechtlichen Gründen wieder entfernt wurde. In der Zeit war 49:00 sicher auch wegen seines Preises von 49 US-Cent in die Top 10 der Downloadsektion von Amazon gestiegen, ein Preis der eigentlich aus einem Cent pro Minute Musik errechnet worden war.
Doch insgesamt fehlten noch 5 Minuten und 5 Sekunden zu dieser Länge, und so brachte Westerberg anschließend den humorvoll in Richtung seiner Gegner gestreckten Mittelfinger 5:05 heraus (“You bring a lawsuit, i bring the swimsuit”) der sich perfekt an die rohe, chaotische Songsammlung anfügt. 49:00 ist nichts Halbes und nichts Ganzes, ein Haufen herrlich melodischer Demoaufnahmen die ohne Pause ineinander faden. Westerberg, der mehr nach einem 15- als dem 50-jährigen der er in einem Jahr sein wird klingt, singt um die 26-Minuten-Marke herum "Gotta get it out of my system," und so befreiend fühlt sich diese Aufnahme auch an. Ein bisschen Anarchie ist offenbar ein anständiger Jungbrunnen.

Platz 65
Foot Village – Friendship Nation

UUUUUUH! RRAAAAH! HRRRRRRRRRH! Dungedunge ruff puff dengedengedeng brrrrrratzabatzadisch bu bum tscha bum bu bum tscha bum.

So oder so ähnlich müsste man das Album von Foot Village onomatopoetisch beschreiben, Leute aus L.A.s Artpunk-Szene die mit nichts außer vier Schlagzeugen und ihren Stimmen ein gewaltiges perkussives Feuerwerk entfachen. Unglaublich überladen so dass man oft mehr Instrumente dahinter vermutet als vorhanden sind und voller mitreißender, variationsreicher Dynamiken. Auf Albumlänge ist das, obwohl Foot Village auf Miteinbeziehung statt Abschreckung des Hörers setzen, zwar ein bisschen Zuviel des Wilden aber um Freunde und Mitbewohner davon zu überzeugen dass man nun völlig durchgeknallt ist gibt's wenig besseres.

[Video] Foot Village - Erecting The Wall Of Separation

Platz 64
Xiu Xiu – Women As Lovers

Im siebten Jahr und mit seiner genausovielten Veröffentlichung ist Jamie Stewart mit den inzwischen zum festen Quartett angewachsenen Xiu Xiu eine sprichwörtliche Bank geworden, zwar nicht sonderlich überraschend aber verlässlich gut. Wen bei Stewart von jeher allein die Grenzüberschreitung, die Reizausreizung reizte mag Women As Lovers als nicht notwendig empfinden, ich erfreue mich weiterhin an der fortschreitenden Melodieausprägung, mehr Caralee McElroy, am Duett mit Michael Gira (obwohl das beste Under Pressure-Cover immer noch das der Blood Brothers bleibt) und habe das Album nur deswegen nicht weiter oben in dieser Liste weil ich seit seinem Erscheinen generell kaum in der Stimmung für Xiu Xiu war. Die dürfte erst nach ein paar Wochen Winterkälte einsetzen.

[MP3] Xiu Xiu - F.T.W.

Blank Dogs - On Two Sides


Auch wenn die Person die hinter dem Künstlernamen Blank Dogs steckt kein elaboriertes Versteckspiel um ihre Identität führt ist es bezeichnend dass auf dem Cover von On Two Sides eine verhüllte Gestalt abgebildet ist. Denn diese Musik spielt mit ihrer eigenen Hörbarkeit, sie verhüllt sich, versteckt sich, will nie klar erkennbar sein. Von verrauschten Aufnahmen erklingt eine immer wieder neu verzerrte Stimme. Je länger man versucht alle Worte in diesem umherschwirrenden unmenschlichen Gesang auszumachen um so mehr verliert man die Orientierung, die punkigen Gitarren, schwindelerregenden Geistersynths und elektronischen Drums haben zu wenig Bodenhaftung als dass man sich an ihnen festhalten könnte.

Und doch, so abschreckend sie zunächst wirken mögen gehören die Songs von Blank Dogs' erstem Album zu den schönsten abgefuckten Popnummern die man derzeit finden kann. Seit letztem Jahr bringt die wahrscheinliche Ein-Mann-Band mit bemerkenswerter Rastlosigkeit EP um Single um EP heraus deren bisheriger Höhepunkt die letztjährige Diana (The Herald) war, da ist es umso erstaunlicher dass On Two Sides mit komplett neuem Material die Weiterentwicklung noch fortführt. Songs wie The Crystal Ladies oder das Eröffnungsstück Ants demonstrieren bestens Blank Dogs' Fähigkeit einfache, mitreißende Melodien genau so weit mit außerweltlichen Klängen zu verflechten dass sie selber eine befremdliche, geisterhafte Qualität erhalten, gleichzeitig aber noch so erkennbar bleiben dass sie sich infam ins Gedächtnis des Hörers einspielen und dort fortan herumspuken.

Nicht nur in der Präsentation der Melodien, auch in Details wie dem feiner ausgeklügelten Zwischenspiel der überlagerten Gitarren oder den zwar rastlosen aber manchmal leicht variierten Drums ist On Two Sides dem meisten bisherigen BD-Material selbstsicher einen Schritt voraus. Auch ist wo nötig die Trennung distinktiver Klänge klarer geworden, atmosphärische Störgeräusche im Hintergrund wie das stetig abebbende, Dampflok-ähnlich ratternde Rauschen in Epic Moves werden so noch effektiver. Auch bleibt es auf Albumlänge abwechslungsreich: auf den Hintergrund von Pieces kann man sich kaum konzentrieren, mit seinen harschen Punkakkorden ist es in der Albummitte glaub ich das rockigste BD-Stück; direkt darauf folgt das kontrastreich sanft dahingleitende Epic Moves mit seiner trillernden Melodie die sich weit ausbreitet. Ein letztes Highlight gibt es auch ganz zum Schluss, Three Window Room hält sein schrilles Gitarrenheulen zurück, lässt es erst im zweiten Refrainansatz durchbrechen was die bis dahin vorherrschende süße Melancholie umso schmerzvoller unterstreicht.

[Stream] Blank Dogs - On Two Sides

The Long Blondes - "Couples"


Ich hatte es glaube ich immer im Gefühl, aber beim Anhören von Someone To Drive You Home und dessen vorhergehender Singles (listening to The Long Blondes on headphones on the bus, haha) ist mir in letzter Zeit, mal ganz abgesehen davon wie verdammt gut sich dieses Album immer noch anhört, bewusst geworden wie anders doch The Long Blondes klingen als alle anderen britischen Bands, insbesondere natürlich wegen der unverkennbaren Kate Jackson (ich meine, gab es seitdem überhaupt auch nur eine einzige vage als “Indie-Band” abgestempelte Truppe mit 4-5 Mitgliedern und einer Frau am Mikro?? Nicht dass ich mich entsinnen kann). Wobei die Sheffielder nicht nur anders klingen, wie “Couples” klarstellt sind sie auch einfach anders als die vier austauschbaren Jungs in Skinny-Jeans auf dem NME-Cover. Wo letztere nach dem ersten Album fast panisch behutsam vorgehen um ja nicht ihren Buzz zu killen stellt "Couples" bereits die zweite Metamorphose der Blondes dar: Waren ihre ersten Singles noch kultige Untergrund-Angelegenheiten hagelte es mit dem Debütalbum Clubtauglichkeit mit grandiosen Texten im Schlepptau, ein Status auf dem man sich hätte ausruhen können aber stattdessen den ambitionierteren Pfad zu einem anderen, besseren Album wählte.

Ich persönlich gehörte zugegeben zu jenen die das Gesicht verzogen als die Long Blondes auf ihrem Köln-Konzert einen neuen Song mit Düster-Disco-Synths auspackten, da fehlte einfach der Antrieb, Schwung ergab sich gar nicht erst. Nur noch skeptischer wurde ich mit der Ankündigung dass ”Couples” die erste Album-Produktion des angeblich angesagten DJs Erol Alkan werden sollte, in was für ein billiges Elektrogewand würde der Mann die neuen Songs wohl zwängen? Century überzeugte mich beim ersten Hören dann auch wie befürchtet nicht, zu abstrakt der Text, zu langsam die Musik, mit den darauf folgenden auf Myspace zu hörenden Songs war an ein locker homogenes Poprockalbum wie dem ersten auf keinen Fall mehr zu rechnen.

Und das ist auch gut so. Century hat zwar zusammen mit dem ähnlich experimentellen Round The Hairpin eine textliche Sonderstellung, dennoch stellt ”Couples” eine enorme Weiterentwicklung dar bei der furchtlos alte Stärken in ein Artpop-Gewand gekleidet werden anstatt mehr szeneappropriierbares Futter für die Indie-Disco-Meute zu liefern. Alkan nahm dabei weniger die Rolle des Innovators denn des Reduzierers ein, die neuen sonischen Ideen insbesondere im Bereich der Synths (die es ja auch schon konventioneller auf einem Großteil von Someone To Drive You Home zu hören gab) kamen wohl von der Band selbst. Die hat sich, ihren künstlerischen Ambitionen gemäß, auch was ihre musikalischen Fähigkeiten angeht weiterzuentwickeln versucht.
So gibt es Gitarrenfiguren zu hören die man den Blondes vor 2 Jahren noch nicht zugetraut hätte, Drummer Screech Louder ist eh die Geheimwaffe mit seinen muskulösen Fills in Here Comes The Serious Bit oder seinem disziplinierten Spiel in dem PiL-mäßigen Round The Hairpin und Sängerin Kate Jackson wagt sich insbesondere in Too Clever By Half in bisher unerforschte Stimmlagen vor – erfolgreich. Was ihre Stimme aber darüber hinaus als eine der besten überhaupt auszeichnet ist ihre Wandlungsfähigkeit, die Fähigkeit von einem Song zum nächsten eine völlig andere Person oder Stimmung zu verkörpern und doch immer unverwechselbar erkennbar zu bleiben.

Wie geschaffen für die – weiterhin überwiegend von Gitarrist Dorian Cox verfassten – Texte in denen es sich wie gehabt mit hervorragender Beobachtungsgabe um Beziehungen dreht, fast immer mit einer Frau im Zentrum des Geschehens. In Guilt versucht sich diese selbst davon zu überzeugen dass das einmalige Fremdgehen kein schwerwiegender Fehler war den sie ihrem Partner beichten müsste (um es wieder zu tun?), sie beschwichtigt sich mit "this happens to everyone once or twice." Mehr Selbstbelügung gibt es in The Couples wo die Protagonistin sich in Selbstmitleid suhlt und sich bei all den vorbeilaufenden Pärchen als die Einsamste in der ganzen Kneipe fühlt – wahrscheinlich völlig zu Unrecht; die einsame Gitarre stimmt dazu eine klagende Trauermelodie an. In I Liked The Boys träumt Sie in eingefrorener Ehe einer alten Flamme nach ("I wonder what if I hadn't left, we had plans but i was scared and thought I knew best" bevor ihre ihre Gedanken mit "now I lie in the hay and look at the stars" von einem Sterne blubbernden Keyboard begleitet abdriften), nicht besser sieht die Prognose für die Beziehung in Erin O'Connor aus: “Close your eyes and think of Erin O'Connor or pretend i'm Lily Cole, and I'll imagine that you're someone else as well and well be okay for one night."

Doch es gibt auch Grund zur Hoffnung, so steht die in Too Clever By Half von ihrem Kerl zunächst betrogene letztendlich als Gewinnerin da und Nostalgia blickt nach “We've outgrown our own emotions" optimistisch in die Zukunft. Der große Unterschied zum ersten Album ist hier nicht in den Texten zu finden sondern in der stilistischen Vielfalt, der Reichhaltigkeit an Ideen die jedem Stück und dem dazugehörigen Text seinen eigenen Charakter gibt, seien es der pulsierende Bass und das monotone Summen eines Gitarrenverstärkers ohne Input in Round The Hairpin, das dreckige Röhren der Instrumente mitsamt shoutigen Vocals in Here Comes The Serious Bit oder das zarte Vortasten von Too Clever By Half das allein von Jacksons absolut packender Stimme getragen wird. All dies gibt dem Album weniger einen singulären neuen Sound als es vielmehr die Erweiterung des bisherigen Blondes-Schaffenswerks in verschiedene Richtungen ist. Mit bemerkenswerten Fortschritten im Songwriting, der neuen Nutzung von Freiräumen sowie langsamen Klang-Erweiterungen und -Variationen innerhalb der Songs gibt es kaum einen Song den man sich so auch auf dem ersten Album hätte vorstellen können (oder der so wie ein bisheriger Song klingt).

Zudem ist die Gesamtstruktur des Albums stimmiger und überlegter, nicht nur mit fließenden Übergängen von einem Stück zum Nächsten (Too Clever By Half und Nostalgia beginnen bereits in den vorherigen Tracks), auch antizipiert z.B. das völlig ohne Bass, Gitarre und Schlagzeug auskommende Nostalgia mit seinem dominanten Keyboard das darauf folgende und letzte Stück Going To Hell dessen durchweg angeschlagener Piano-Grundton das Stück unerbittlich und göttlich voran treibt. Überhaupt fantastisch dieser letzte Kraft-, ja Machtakt, einer dieser süchtig machenden Songs die man dutzendmal hintereinander hören kann und bei dem ich wirklich jedes Mal an der selben Stelle eine verdammte Gänsehaut bekomme. Die Macht der Jackson, klar, aber auch die neue Stärke einer Band die nicht mit ihrem eigenen Status Quo zufrieden ist und weiter drängt, sich selbst in neue Höhen schwingt.

[MP3] The Long Blondes - Guilt
[MP3] The Long Blondes - Here Comes The Serious Bit
[Stream] The Long Blondes - "Couples"

Andrew W.K. - Close Calls With Brick Walls


Close Calls With Brick Walls oder "Wie ein alter Bekannter zum neuen Favoriten wurde":
Als kurz nach der Jahrtausendwende angeblich auf einmal mit den Strokes und White Stripes der gute alte Rock wieder da war gab es allerlei Hype-Kuriositäten zu beobachten, u.a. wie die Fiery Furnaces zunächst als die "neuen White Stripes" promotet wurden (rückblickend: Rofl!), doch nichts war kurioser als dass ein Major Label seine Marketing-Macht hinter Andrew Wilkes-Krier alias Andrew W.K. stellte.

Als gelernter klassischer und Jazz-Pianist sowie Drummer hatte er vorher jahrelang mit Avantgarde- und Noise-Bands gespielt, war u.a. eine Weile Mitglied von Wolf Eyes und immer noch ab und zu bei To Live And Shave In L.A. Doch davon war auf seinem Major-Debüt I Get Wet nichts zu hören, im Gegenteil fanden sich dort unverschämt simpel klingende und Freude machende Popsongs die auch inhaltlich aufs Endorphinpedal drückten, allein die Titel von It's Time To Party, I Get Wet und Party Hard sprachen schon Bände. Zusammen mit Glamrock-Elementen und Brüllgesang war die Verwirrung komplett: Meint der das ernst? Ist es Ironie oder gar eine hintersinnige Parodie? Darf man das gut finden?

Auch ich hatte anfangs meine Probleme, besonders weil ich damals noch ein kleiner Rockistendepp war der so ziemlich alles alles was nicht in sein ignorantes Weltbild von "richtiger" Musik (i.e. "mit Gitarren") passte als Mainstreammüll abtat. Doch der Macht dieser Monsterhooks konnte ich mich einfach nicht verweigern und wurde halb widerwillig zum Fan. Dass der Nachfolger The Wolf nicht mehr das gleiche "Wow"-Erlebnis bot machte es noch leichter den Mann als Ein-Album-Wunder abzutun, zu dem zeitpunkt hatten sich auch viele entsetzt abgewendet als klar wurde dass der Kerl es wirklich ernst meinte mit seiner Positivität.

Ein paar Jahre später bin ich nun Gott sei Dank etwas aufgeschlossener und habe auch kein Problem damit zuzugeben dass I Get Wet eines der wenigen Alben seines Jahrgangs ist das ich immer noch regelmäßig höre. Daher war ich auch ehrlich erfreut als ich endlich einen günstigen Import von Close Calls With Brick Walls fand (aufgrund eines Rechtsstreits kann Andrew W.K. vorerst keine Solo-CDs mehr in den USA veröffentlichen, als LP erschien das Album aber kürzlich beim amerikanischen Noiselabel Load Records). Auf dem Cover zeigt sich der Komponist und Sänger wie eh und je langhaarig in seinem weißen T-Shirt und auch innen findet man durchaus Bekanntes wieder.

Die eingängigen Powerchords sind immer noch gigantisch und werden oft simultan auf Keyboard und Gitarre gespielt (wobei das Piano meist melodisch im Vordergrund steht), die Songtitel sind meist Programm (Not Going To Bed beginnt programmatisch mit "Are You Ready To Go To Sleep? No! PARTY!") und W.K. hält ein Energielevel als wäre er als Kind Obelix-mäßig in einen Kessel mit Endorphinen gefallen. Doch CCWBW haut keineswegs durchgängig Kracher raus, das wäre über beinahe zwei Dutzend Tracks auch kaum auszuhalten. Das beinahe-Titelstück Close Calls With Brick Walls, ein ominös-düsteres Wabern das zu Beginn des Albums fälschlicherweise ein Ende der guten Laune andeutet, zögert die erste, dadurch noch süßer werdende Freudenexplosion etwas hinaus. Teilweise geschieht das auch innerhalb von Songs, beispielsweise dem phantastisch detaillierten Hand On The Place. Mark My Grace hat schon fast arabische Anklänge während die weibliche Gesangsstimme das Finale von I Want Your Face noch dringlicher, unvergesslicher macht. Ehrlich, ich kann mich nicht entsinnen wann ich zuletzt eine so gut komponierte Popplatte gehört habe.

Rhythmisch geht es weitaus abwechslungsreicher zu, nicht mehr technoid gleichmäßig stampfende Beats an jeder Ecke wie es bei den ersten Singles der Fall war, mal swingt es, mal geht es mit straightem Rock voran oder auch mal auf abenteuerliche Prog-Ausflüge, immer wieder werden andere Dynamiken und Klangräume zwischen den Instrumenten geschaffen. So wird das Album auch auf ganzer Länge nicht eintönig und wundersamerweise ist fast jeder Song ein Ohrwurm, ein großer, euphorisierender, zu Fußwippen, Kopfnicken und Armschwenken verleitender, nicht enden sollender ideenreicher Spaß der mit nahezu perverser Häufigkeit immer wenn man ihn schon zu Ende glaubt nochmal die Kurve kriegt und sich zum nächsten Hoch aufschwingt. Das kann man alles furchtbar uncool finden und sich lieber das angesagte Indie-Abgepause von nebenan reinziehen, Andrew W.K. wird das nicht jucken. Der Mann ist nicht aus seiner Laune zu bringen und wird weiterhin alles daran setzen seine Frohnatur iweiterzuverbreiten und seinen Hörern das Leben zu verschönern.

[MP3] Andrew W.K. - You Will Remember Tonight
[Video] Andrew W.K. - Not Going To Bed
[Stream] Andrew W.K. - Close Calls With Brick Walls

Times New Viking - Rip It Off


Man hätte ja vermuten sollen dass sich etwas ändern würde als Times New Viking vom neu erstärkten Underground-Label Siltbreeze zum großen Matador Records wechselten. Nichts geändert hat sich damit leider an der Verfügbarkeit, wie die beiden ersten Alben ist auch Rip It Off bisher in Deutschland nur als Import zu bekommen, anders steht es aber mit der Musik. Nicht dass sich die Aufnahmequalität verbessert hätte, im Gegenteil, die 16 Songs auf Rip It Off erklingen noch ein gutes Stück lauter und dröhnender als alles was davor kam, Billigkeyboard und Gitarre dudeln wie eh und je. An diesem Punkt ist endgültig klar dass Times New Viking diesen Klang bewusst gewählt haben, ihre Melodien unter gellendem Rauschen vergraben wo sie nur diejenigen finden die sich nicht sofort abschrecken lassen.

Der Sound also ist eine Frage von Geschmack und akustischer Standfestigkeit und man tut gut daran vorm Abspielen den Lautstärkeregler 10% runterzudrehen um nicht vor Schreck an die Decke zu springen, wie steht es aber um die neuen Songs? Die sind zeitlich knapp gehalten (die Gesamtspielzeit beträgt 30 Minuten) und so poppig wie eh und je, sind aber noch homogener über das Album verteilt. Wo die beiden Vorgänger stellenweise klar eine Ansammlung einzelner Songs waren wartet der Drittling mit tollen Übergängen auf, teils fließend wie bei den ersten drei Tracks, teils neue Akzente setzend wie bei Faces On Fire das anscheinend schon angefangen hat als die Wiedergabe beginnt.

Das Trio hat auch gelernt den Lo-Fi-Sound noch effektiver mit seinen Songs zu verschmelzen, zu wissen wann der Verzerrer mal nur auf halbdreckig und wann die Lautstärke auf 11.5 gedreht wird. Inhaltllich geht es meistens augenzwinkernd zu, ob selbstreferentiell mit Allegory RIP oder Relevant: Now ("This sound is the sound that is making us relevant!") oder auf dem kampfeslustig betitelten Times New Viking Vs. Yo La Tengo das eine wortlose harmonische Krachattacke vom 8-track lässt. Ohne das Booklet ist man allerdings was die Texte angeht aufgeschmissen, die sind auch dann höchstens zu 33.3% verständlich wenn man nicht der Anweisung auf der Hüllenrückseite folgt: "Please play loud."
Word.

[MP3] Times New Viking - (My Head) / RIP Allegory
[MP3] Times New Viking - DROP - OUT

Rings - Black Habit


Den Klang der Musik auf Black Habit zu beschreiben erscheint mir nach längerer Überlegung nicht enorm wichtig. Sicher, mit Abby Portner hat das Trio aus Manhattan die Schwester von Avey Tare an Bord und so kann man für ein paar Sekunden durch einen hallenden Schrei mal an Animal Collective erinnert werden, durch die ungewöhnlichen Stimmen vielleicht auch für ne Sekunde an Cocorosie, aber einem Vergleich oder einer Beschreibung der Musik gehen Rings fast schon aus dem Weg. Sie sind ihre eigene Referenz. Weil sie es schaffen für sich zu existieren, als wären sie die erste und einzige Band auf der Welt, nichts außerhalb des unsichtbaren Kreises der sie zusammen hält.

Der einzige der nicht abgeschottet wird ist der Hörer selbst, er sitzt in der Mitte dieses Kreises, hört dank Kria Brekkans Produktion genau woher das Schlagzeug kommt, wo Gitarre und Keyboard gerade sind. Rings wirken dazu so unbewusst und naiv als wüssten sie gar nicht dass ihnen jemand beim Spielen zuhört, einmal brechen sie sogar mittendrin in Gelächter aus. Aber auch wenn sie nicht immer perfekt den Ton treffen sind ihre Melodien unglaublich warm, einladend, bewegend und denkwürdig. Wie stets wiederkehrende Kometen umkreisen Motive elegant die Songs, Songs die meist auf einem guten alten Strophe-Refrain-Gerüst aufgebaut sind aber alles andere als wie Popsongs aus dem Radio klingen. Sollten Rings es jedoch einmal schaffen es den Super Furry Animals anno 2001 gleich zu tun, ich bin mir sicher das finale, bewundernswert schöne Teepee wäre sofort ein Welthit.

[MP3] Rings - Mom Dance

Rings' Myspace