Platten

70 aus 2007 Teil 2

(Teil 1) (Teil 3) (Teil 4) (Teil 5) (Teil 6) (Teil 7) (Teil 8) (Teil 9) (Teil 10) (Teil 11) (Teil 12)

Platz 64
Stars - In Our Bedroom After The War

Das war eins dieser Alben die ich gerne mehr gemocht hätte. Der Anfang, wieder ein gesprochenes Intro, der langsame Auftakt mit The Night Starts Here bei dem man die Sterne am Firmament funkeln hören kann gefolgt vom seeligmachenden Refrain von Take Me To The Riot, das versprach einen Klassiker. Auch im letzten Drittel des Albums findet sich viel Gutes, von Bitches In Tokyo bis zum großen Choral als Finale. Nur dazwischen, da will die Platte nicht so recht abheben, obwohl ich The Ghost Of Genova Hights mit dem tollen Falsetto auch enorm mag, aber irgendwo bleibt meine Begeisterung jedes Mal eine Weile auf der Strecke. Trotzdem kriegen Stars letztendlich kein nicht gutes Album zustande, klar, sie sind ja immer noch aus Kanada.

[MP3] Stars - The Night Starts Here

Platz 63
Boris & Michio Kurihara - Rainbow

Wenn die Musikfachpresse für 2008 das erste Boris-Album seit Pink ankündigt muss man sich schon schwer zurückhalten um nicht amüsiert loszuprusten. Zwar liegt dessen Erscheinen in Deutschland erst 19 Monate zurück, doch in der Zeit brachten die drei produktiven Japaner unter anderem das Album Vein (in zwei Versionen mit völlig verschiedenem Musikinhalt), die EP Damaged, die erweiterten Ausgaben von Altar und Dronevil, das Livedoppelalbum Rock Dream mit Merzbow und in Kollaboration mit Ghost-Gitarrist Michio Kurihara Rainbow heraus. Klar ist es nicht einfach da mitzuhalten, aber meistens lohnt es sich, insbesondere bei letzterer Veröffentlichung. Das eher für Drones oder harten, schnellen Garagenkrach bekannte Trio wird bei dieser Zusammenarbeit so langsam und ruhig wie selten, eine spürbare Wärme unterliegt den Wanderungen die die verkrusteten Gitarrensaiten unternehmen, selbst wenn sie in psychedelische Sphären abheben.

[Video] Boris & Michio Kurihara - Rainbow (live)

Platz 62
Menomena - Friend And Foe

Von Anfang bis Ende vollgestopft mit fein ausgearbeiteten Ideen, Details bis zum geht nicht mehr so dass einem auch nach stundenlanger Beschäftigung noch Neues auffällt und dabei doch nicht überdacht wirkend sondern zugänglich und eindrucksvoll. Das könnte genausogut Craig Thompsons brillantes Coverbild beschreiben dem man durch Rotieren der CD die eingestanzten Löcher mit verschiedenen Zeichnungen und Symbolen füllen kann, aber auch Menomenas Musik weiß trotz aller Komplexität zu bewegen, selbst wenn die Texte abstrakter werden. Ein Beweis dass Melancholie auch anders wirksam transportiert werden kann als allein mit einer Akustikgitarre.

[MP3] Menomena - My My

Platz 61
Klaxons - Myths Of The Near Future

Tja was soll ich sagen, ich mag diese Platte mit all ihrem Eskapismus, der wilden über-den-Haufen-Werferei von Sci-Fi, Fantasy, klassischen Mythen und Okkultismus die die kreativen Köpfe dahinter eigentlich als enorme Geeks auszeichnen müsste. Das haben sie aber gekonnt mit einem Schlagwort zu überspielen gewusst, bis Radiohead ankamen war die Kreation von "Nu Rave" der größte PR-Trick des Jahres und die Briten wurden so lange der Hype anhält zu Rockstars. Ironie des Schicksals dass das einzige interessante Nu-Rave-Album am wenigsten von allen Rave ist. [mehr]

[Video] Klaxons - Golden Skans

Platz 60
Johnny Boy - Johnny Boy

Es war 2004 als Johnny Boy mit You Are The Generation That Bought More Shoes And You Get What You Deserve eines der wunderbarsten Singledebüts aller herausbrachten. Danach war es still. Lange, lange Zeit. Das selbstbetitelte Debütalbum kam nicht nur wegen Veröffentlichungsproblemen erst in diesem Jahr heraus, im Popgeschäft ist das mehr als eine halbe Ewigkeit. Aber wenn Johnny Boy sich um eines nicht scheren dann ums Geschäft, lieber wollten sie sich Zeit nehmen bis sie genug gutes Material für ein Album zusammen hatten als auf die Schnelle etwas auf den Markt zu werfen. Doch der Markt ist nicht geduldig, und so ging, obwohl das eröffnende You Are.. so gut klingt wie beim ersten Mal, das zu lange erwartete Album dann ziemlich unter.

Auf Johnny Boy plündert das Duo mit beispielloser Dreistigkeit die Pophistorie, Samples an allen Ecken und Enden der aus bis zu 126 Spuren bestehenden voluminösen Tracks, wäre das Album 2004 erschienen hätte das ne tolle Double Bill mit The Go! Team ergeben. Jedoch sind Johnny Boy nicht auf naiven Spaß aus, im Gegenteil zieht sich das Thema Konsumkritik durch das gesamte Album, ein starker Kontrast zu den opulenten Produktionen. Ein perfektes Album ist es trotz der langen Arbeit leider nicht geworden, allerdings werde ich als ansonsten sehr auf komplette Alben fixierter Hörer mal ausnahmsweise empfehlen die Tracks Nummer 2, 6 und 7 aus der Playliste zu streichen. Denn ohne die mäßig erfolgreichen Downtempo-Nummern bleibt zwar nur ein Minialbum übrig, aber das ist dafür ein einziger manischer Poprausch wie es dieses Jahr keinen zweiten gab. Und der passt auch dank einer Vorliebe für die überlebensgroße Wall of Sound mit überschwänglichen Bläsern und Glocken und vielen vielen Ooohs und Aaahs und Uu-huu-huuuhs verdammt gut in die Weihnachtszeit, doppelt so sehr wegen Titeln wie War On Want.

[Video] Johnny Boy - You Are The Generation That Bought More Shoes And You Get What You Deserve

Platz 59
Dan Deacon - Spiderman Of The Rings

Kombinierte Superhelden- und Fantasy-Referenz im Titel: Nerd Alert! Obwohl wenn man ganz genau ist der Spinnenmann ja mit einem Trennstrich geschrieben wird, ähem. Jedenfalls würde sich Dan Deacon ganz gut in einer Realverfilmung der Simpsons in der Rolle des Comicladenbesitzers machen, doch er zieht es vor das düstere Baltimore, die Stadt mit der zweithöchsten Verbrechensrate der USA, abends zur buntesten Partystadt der Welt zu machen. Mithilfe von quietschig bunten synthetischen Sounds haut er ordentlich auf die Kacke, wen schon der Gedanke an ein Stück das auf Woody Woodpeckers Cartoonlache basiert annervt der sollte Spiderman Of The Rings lieber fern bleiben. Deacon ist mit seiner Begeisterung für schräge Cartoonpartys jedenfalls nicht alleine, mit seinen Schwestern und Brüder im Geiste hat er sich zur Künstlergemeinschaft Wham City zusammengeschlossen; ihnen gewidmet ist das gleichnamige Highlight dieses Albums in dem ein Chor von einem Fantasieland singt in dem Gold aus Brunnen fließt und alle Tiere Hand in Hand fröhlich feiern, ein Disneyfilm in Neonfarben. Die psychedelisch-kindliche Begeisterung ist ansteckend, auch für Erwachsene. Whee!

[MP3] Dan Deacon - The Crystal Cat

70 aus 2007 Teil 1

(Teil 2) (Teil 3) (Teil 4) (Teil 5) (Teil 6) (Teil 7) (Teil 8) (Teil 9) (Teil 10) (Teil 11) (Teil 12)

Platz 70
Aereogramme - My Heart Has A Wish That You Would Not Go

Zu Anfang die Elegie: In großer schottischer Tradition verabschiedeten sich Aereogramme wegen mangelnder Erfolgsaussichten bald nach dieser Veröffentlichung von der Bildfläche. Auf My Heart Has A Wish That You Would Not Go setzte sich der Trend der sich schon bei Aereogrammes Seclusion-EP angedeutet hatte fort: Craig B wurde völlig zum Sänger und schrie gar nicht mehr. Dafür geht die Platte mit Conscious Life For Coma Boy direkt von 0 auf wunderschön in fünf Sekunden, die Gitarren schwingen sich druckvoll in herrliche Höhen auf. Aber dies bleibt auch die lauteste Sektion des letzten Albums der Schotten die sich hiermit in neue, poppigere Gefilde begaben. [mehr]

[Video] Aereogramme - Barriers

Platz 69
The Earlies - The Enemy Chorus

Durch einen Ozean getrennt zu sein ist zum Glück im Zeitalter des Internets nicht mehr für jeden ein Hindernis, bestes Beispiel für eine erfolgreiche transatlantische Kreativpartnerschaft sind The Earlies. Vielleicht kommt auch daher die Offenheit für Klänge aus ganz anderen Musikkkulturen auf dem zweiten Album des Quartetts, doch auch wenn diese Offenheit soweit führt dass selbst eine Sitar nicht fehl am Platze wirkt bleiben The Earlies vor allem etwas typisch britisches: sympathisch verschroben. [mehr]

[MP3] The Earlies - No Love In Your Heart

Platz 68
Maher Shalal Hash Baz - L'autre Cap

Es wirkt zunächst geradezu absichtlich schlecht gespielt, wie eine Parodie von groß orchestrierter Indiemusik. Überall in der Musik von Maher Shalal Hash Baz finden sich auch für den größten Laien deutliche Timingfehler, schräge Töne, verlorene Akkorde und fehlplatzierte Anschläge, und sich so etwas längere Zeit anzuhören ist das beste Mittel um seine Mitbewohner davon zu überzeugen dass man komplett wahnsinnig geworden ist. Doch Tori Kudo ist im Herzen Punk und legt weniger Wert auf technischer Fertigkeit als auf die Macht Emotionen mit seiner Musik zu transportieren. Und solch simple wie schöne Melodiekonstrukte wie Joab oder Moving Without Ark könnte auch ein perfekt abgestimmtes Sufjan-Orchester nicht bewegender umsetzen.

[MP3] Maher Shalal Hash Baz - Different Daylight

Platz 67
Pissed Jeans - Hope For Men

Zunächst mag der Albumtitel ironisch gemeint oder eine Finte zu sein scheinen, dissonante Riffs dürften bei den wenigsten einen positiven Ausblick erzeugen. Doch wer sich an das mit Heliumstimme gesungene Boring Girls vom ersten Album erinnert wird wissen dass Pissed Jeans zu den humorvolleren Pigfuckern gehören, vielleicht muss man diese Selbstbetrachtungen doch nicht so ernst nehmen. Aber dann ist da dieser Song über die aufmunternde Wirkung von Eis der so ehrlich gemeint scheint, oder ist das wiederum Ironie? Dreifach, vierfach oder auf welcher Ebene wir jetzt angekommen sind? Wie auch immer die Worte zu interpretieren sind, seinen Kopf kann man zur Musik gut schütteln. Und das völlig unironisch.

[MP3] Pissed Jeans - I've Still Got You (Ice Cream)

Platz 66
Ted Leo & The Pharmacists - Living With The Living

Als hätte ich Ted Leo nicht schon genug für seine Musik bewundert so mag ich den Mann seitdem ich ihn live gesehen habe noch um Einiges mehr: unvergleichlich energiegeladen legt er wirklich jede Unze an Kraft und Kreativität in sein Handwerk, und da dieses Handwerk jenseits der Bühne daraus besteht catchige Melodien zu seinen politischen und persönlichen Texten zu schreiben dürfen wir uns wirklich glücklich schätzen. Living With The Living ist sein vielfältigstes Album, vom Reggae- über den irischen bis hin zum Weihnachtssong wird hier allerlei Neues geboten, und wenn es sich hier um jemand anderes als den "hardest working man in showbiz" handeln würde wäre daraus garantiert niemals ein tolles Album geworden.

[MP3] Ted Leo & The Pharmacists - Sons Of Cain

Platz 65
To Kill A Petty Bourgeoisie - The Patron

Der Kontrast ist stark: Die Musik bildet aus dicht verwobenem digitalem Noise Texturen die beim Hören im Raum spürbar werden, der Gesang hingegen ist ungreifbar, mehr Echo als Präsenz. Doch gerade diese losgelöste Stimme macht die düster verführende Debütplatte des Duos noch unheimlicher, ihre Sogwirkung noch stärker als es jedes ungeheuerliche Geschrei vermögen könnte. Wenn sich da mal nicht zwei gefunden haben.

[MP3] To Kill A Petty Bourgeoisie - I Box Twenty

Studio - West Coast



Die beste Sommerplatte kam in Deutschland diesmal etwas spät an. Besonders für diesen vermurksten Sommer den man im September am liebsten bereits wieder vergessen hätte. West Coast, das erste Album des schwedischen Duos Studio, schafft es aber selbst im Herbst noch alle seine Trumpfkarten auszuspielen und zaubert einem auch bei Wind und Regen mühelos Bilder von ausladenden Stränden und einer roten, am Horizont ins Meer eintauchenden Sonne ins heimische Wohnzimmer.

Allein schon das Eröffnungsstück Out There stellt strahlend die Mehrheit aller anderen Veröffentlichungen 2007 in einen palmenförmigen Schatten. Es beginnt mit 7 Minuten hin- und herlaufender postpunkiger Gitarren- und Keyboardmelodien die einen über einen krautigen Elektrobeat in ihren Bann ziehen, dann langsam ausklingen und mit einem tiefen aber nicht finsteren chorgesangähnlichen Summen im Hintergrund ihr Muster ändern. Eine hell glitzernde Synthmelodie klettert sanft auf den nun auspumpenden warmen Dubs herum, wechselt über zu auf jeder zweiten Note angeschlagenen Gitarrenakkorden und kehrt nach einer nicht minder bezaubernden Überleitung in überwältigender Kraft zum Finale zurück bei dem alle Elemente der letzten paar Minuten parallel laufen, statt Chaos pures Glück. Auf ebenso hohem Niveau bewegt sich der zweite, ebenfalls keine Langeweile aufkommen lassende >10-Minüter Life's A Beach! der sogar Wellenrauschen-Samples einbindet und mittlerweile sowohl von Prins Thomas als auch Todd Terje remixt wurde.

Eine ihrer größten Stärken spielen die beiden aber erst danach aus, war Out There noch rein instrumental kommt ab West Side die mal Robert Smith, mal Bernard Sumner zum Verwechseln ähnliche melancholische Stimme des Sängers zum Einsatz. Welcher der beiden nun singt ist der samt klassischem Deutsch/Englisch/Französisch/Italienischem Compact Disc-Einlegepappblatt (fragt eure Eltern, die werden sowas schon mal gesehen haben) auch entsprechend anachronistisch aufgemachten CD nicht zu entnehmen, genausowenig welchen Anteil analoge Intrumente an den Aufnahmen hatten.

Ist aber auch ziemlich egal, das Endergebnis steht mühelos für sich und ich möchte hoffen dass sich niemand von dem Begriff "Sommerplatte" vom saisonfremden Reinhören abgeschreckt fühlt. Es ist nun mal einfach das was diese Platte für mich einfängt, das wohlige Gefühl einer Jahreszeit in der alles viel leichter scheint, weniger sorgenvoll und hektisch, und, vor allem, warm. Dass dies nicht von zwei gebräunten Mittelmeeranwohnern vollbracht wurde sondern von zwei Skandinaviern in Wollmützen macht das Ganze noch ein Stück spektakulärer.

[Stream] Studio - West Coast

Ulrich Schnauss - Goodbye



Ist Ulrich Schnauss ein bisschen Opfer des Leakwahns geworden? Lange vor dem Erscheinen von seinem Drittling Goodbye gab es schon allerlei negative Meinungen darüber im Internet zu finden, denn wie das so läuft kursierten bereits Kopien - nur waren das in diesem Falle unfertige Versionen, und Goodbye ist sicherlich kein Album das man sich unfertig anhören möchte. Ich war zumindest verwundert als ich dann auf ein zwar dichtes, aber enorm schönes Album traf das so anders war als befürchtet.

Schnauss kreiert darauf auch weiterhin Traumwelten in denen sich Shoegazer, Dreampop- und Elektronikfreunde treffen, doch wie schon erwähnt ist hier alles dichter geworden, oft nah am zweiten Album von M83. Shoegazige Klangwände und -wellen werden aufeinandergeschichtet, die Songs sind mit so vielen herrlichen und feinen Details versehen dass sie anfangs verdrehterweise stumpf wirken können. Dabei sind sie emotional geladen, melancholisch, packend, alles nur nicht stumpf. Man möchte lauter drehen um mehr und mehr Facetten wahrnehmen zu können, und dank Schnauss' exzellenter Produktion wird man dafür auch nicht bestraft.

Wobei ich hier nicht nur von Schnauss reden kann, seine Freundin Judith Beck ist fester Bestandteil der Musik und auch auf fast allen Songs zu hören, so verleiht sie Stars mit ihrer von etwas woanders als die Musik herzukommen scheinenden Stimme eine gewisse Andersweltigkeit. Und wie gern wartet man auf diesen bezaubernden Moment als sich nach über 4 Minuten halb geflüsterten, halb gehauchten Gesangs das immer wieder angedeutete Motiv aus Goodbye endgültig herausschält und sich zu voller Größe entfaltet? Medusa ist hingegen furchterregend, nach einem mit Melodien, rein elektronischen und verfremdeten analogen Effekten nur so durchzogenen langen Spoannungsaufbau löst es sich aber am Ende unerwartet in Wohlgefallen auf.

In den letzten Wochen bin ich immer wieder auf Goodbye zurückgekommen und merke gerade zur Zeit dass es für eine Fahrt oder Wanderung durch die eintretende Abenddämmerung dieses Jahr kaum einen schöneren Soundtrack gegeben hat. Mit den Kopfhörern fest an den Ohren verankert möchte ich nur zu gerne alles Akustische um sich herum ausblenden bis mich nur noch die tiefgründige Klangwelt des Mannes der Kiel "Goodbye" sagte und nach London zog umgibt. Ich halte den Kopf ganz still, verlangsame meinen Schritt um mich dem Tempo der Musik anzupassen, und manchmal ist mir selbst das Atmen durch die Nase zu laut und scheint wichtige Tonwellen zu blockieren. Also, wenn ihr demnächst einen Typen mit offenem aber lächelndem Mund durch die Nacht gehen seht: der hört möglicherweise Ulrich Schnauss.

[MP3] Ulrich Schnauss - Stars
[Stream] Ulrich Schnauss - Goodbye

Los Campesinos! - Sticking Fingers Into Sockets



13 Sekunden. Länger lassen Los Campesinos! nicht auf sich warten bis sie einem auf ihrer EP Sticking Fingers Into Sockets den ersten denkwürdigen Refrain an den Kopf werfen. Mit mehrstimmigem Gesang, Geigen und Glockenspiel eröffnet We Throw Parties, You Throw Knives den bunten Reigen den das Septett in gerade mal 16 Minuten aufführt. Wer hier musikalische Referenzen sucht wäre mit nahezu jeder personalstarken kanadischen Popband der letzten paar Jahre + The Go! Team + Architecture In Helsinki dividiert durch Dave Newfeld zunächst ganz gut bedient, doch sprengen Los Campesinos! mit Ausrufezeichen grinsend den Rahmen jedes Abziehbildes.

Ihre Einflüsse reichen auch weiter zurück, stolpern sie doch manchmal herum wie Pavement die sie hier grandios und offensichtlich enthusiastisch mit Frontwards covern. Dass ihre niedlichen Melodien mit Texten von eingeschlagenen Köpfen und Blutspritzern kontrastiert werden macht sie direkt nochmal sympathischer, bei mir war spätestens dann kein Halten mehr als ich richtig in die Texte eingetaucht bin denn die sind voller Szenen aus dem Leben eines Musikhörenden. Vom Tanzen im Schlafzimmer über das Erschaffen eines Mixtapes bis zu einem Besuch bei einem Musikfestival gibt es allerlei Anspielungen die beim Hörer Resonanz finden, dabei aber immer ehrlich und unforciert wirken.

Ohne die Musik würde das wahrscheinlich wirkungslos verpuffen, doch Los Campesinos! zeigen auf diesen Stücken einen Sinn für tolle Melodien und Arrangements und auch für angemessene Dramatik: bevor You! Me! Dancing!, ein starker Favorit im Rennen um den besten Song des Jahres, mit einem stampfenden Drumbeat so richtig loslegen kann wird der Spannungsbogen gaaaanz weit gedehnt mit einem Intro das sich mehr als eine Minute lang in eine genüssliche Kakophonie steigert. Dann Xylophon, ein zum Sterben schönes Riff, ansteckende Fröhlichkeit, "It's you! It's me! And it's dancing!" und ab geht's auf den Freudentrip. Danach könnte ruhig schon alles zu Ende sein, doch nachgeschoben wird noch eine ultrakurze Improvisation die trotzdem so toll ist dass man sich versucht sieht nicht direkt wieder alles von Anfang zu hören sondern erst noch einmal und noch einmal und noch einmal Clunk-Rewind-Clunk-Play-Clunk.

14 Fäuste für ein Hip Hip Hurra, diese Band hat sich jedes Ausrufezeichen völlig verdient, und wer Angst hat dass der Spaß hiermit schon vorbei sein könnte kann aufatmen: die nächste Single soll The International Tweexcore Underground heißen und sowohl Ian MacKaye und Henry Rollins als auch Calvin Johnson namedroppen. Wenn es diese Band noch nicht gäbe - man müsste sie glatt erfinden.

[Stream] Los Campesinos! - Sticking Fingers Into Sockets

Parts & Labor - Mapmaker



Zuerst wollte ich nur das tolle The Gold We're Digging-Video verlinken, dabei allerdings noch erwähnen dass man das Stück für sich allein genommen nicht als Indikator dafür nehmen kann wie verdammt geil das dritte Album von Parts & Labor ist. Doch dann fiel mir ein "Dude, du hast ein Blog auf dem du machen kannst was du willst, schreib doch endlich mal wie geil Mapmaker ist." Also denn.

Mapmaker ist eine schiere Wucht. Drummer Christopher Weingarten (der die Band leider vor wenigen Tagen verlassen hat) prescht mit frenetischem Gespiel voran, auch wenn die Rhythmen etwas vertrackt werden macht er seinen beiden Mitspielern konstant Feuer unterm Hintern. Musikalisch erinnern sie mich am ehesten an Hüsker Dü, besonders der leicht nölige Gesang von B.J. Warshaw und Dan Friel ist nicht ganz un-Mould-ig, allerdings mit in solcherlei flotten Noiserocktrios eher selten gesehenen Keyboards (ein Zufall dass sie mal eine Split-LP mit Battles' Tyondai Braxton aufnahmen?) die aber problemlos mit Saiteninstrument und Schlagzeug mithalten können und der Musik eine sehr eigene Klangfarbe verpassen.

Los geht es mit Fractured Skies, einem der absolut besten Songs des Jahres. Unruhiges Getrommel zu dem bald der Gesang einsetzt, dahinter leise schwellende Synthklänge und drumherum allerlei elektronisches Gefiepe, mit jedem Mal wenn der Gesang lang angehalten wird steigern sich Lautstärke und Intensität bis beim dritten Mal ein saftiger Trompetenhall ertönt und die Sonne vom Plattencover aufgeht, so schön dass man jedes Mal die Lautstärke aufdrehen muss. Der Druck lässt auf Brighter Days kaum nach auch wenn der Rhythmus geradliniger wird, auch hier wird das laut/leise-Spiel exzellent betrieben. Ihre Einflüsse zeigen die drei auch im Minutemen-Cover King Of The Hill (vom Original gibt's sogar ein Video), das zwar vom Funk befreit aber dafür mit viel Feedback und anderem Gequietsche vesehen wird.

Parts & Labor werden zwar mal langsamer, aber so richtig nehmen sie den Fuß nie vom Gaspedal. Das könnte ermüdend werden, wird es aber nicht mit einem so kurz gehaltenen Album voller Melodien, wuchtiger Rhythmen und Songs die zum Faust recken animieren. Und zum Lautstärke hochdrehen.

Ach ja, das Video fängt die Belebtheit von Parts & Labor geschickt ein indem es die Band vor einen sich ständig ändernden bunten Hintergrund positioniert (ähnlich beschäftigt und bunt zeigt sich der Hintergrund der Bandhomepage). Da das Ganze allein mithilfe von Schnitten erreicht wird mag ich mir kaum ausmalen was für eine Schweinearbeit das gewesen sein muss, das Ergebnis kann sich auf jeden Fall sehen lassen. Und jetzt Video gucken und anschließend Superalbum anhören, go go go!

[Video] Parts & Labor - The Gold We're Digging
[MP3] Parts & Labor - Fractured Skies
[Stream] Parts & Labor - Mapmaker

Times New Viking - Dig Yourself / Present The Paisley Reich



Es kracht, es rumpelt, es scheppert, man kann stellenweise das Quäken des Keyboards kaum vom Dröhnen der Gitarre unterscheiden. Auch wenn in den letzten Jahren die allgemeine Klangqualität auf dem Musikmarkt nicht merklich angestiegen ist, obwohl ja angeblich heutzutage mit Computerprogrammen jeder Amateur Musik mit professionellem Studiosound in seinem Wohnzimmer produzieren kann, hätten Times New Viking doch sicher sauberere Aufnahmen zustande kriegen können als jene die sich auf ihren ersten beiden Alben finden.

Doch für Times New Viking bedeutet sauberer Klang nicht bessere Musik, im Gegenteil, Lo-fi lautet hier die Devise. Das Trio aus Ohio betrachtet das Aufzeichnen seiner Musik als etwas Persönliches, Intimes, und wie könnte man eine Aufnahme intimer machen als einfach alle drei zusammen spielen zu lassen und dabei einen Recorder in den Raum zu stellen? Meist in nur einem Take wird ein Stück runtergespielt und direkt aufgenommen - und dann nochmal auf ein billiges, x-mal vorher bereits überschriebenes Kassettentape überspielt. Das ist eine Ästhetik wie sie einer Band gefallen dürfte die mit der Musik von Guided By Voices, Sebadoh und Pavement aufwuchs.

Ähnlich wie jene Bands schaffen Times New Viking auf ihren ersten beiden Alben herrlich müllig klingende Popsongs (und da kann mir hier keiner Subjektivität unterstellen, Little Amps wird schließlich von Seiten des Drummers selbst zum "Pop Song!" erklärt). Dig Yourself war 2005 ihre erste Veröffentlichung auf dem legendären Siltbreeze-Label, das in den 90ern vielen ihrer Vorbilder ein Zuhause war. Beth Murphy und Jared Phillips haben hier schon auf We Got Rocket, Fashion To Talk About The Moon, Natural Resources, I Love Mine sowohl den Wechselgesang drauf als auch ihren charakteristischen halb-gleichzeitigen, bei dem beide Stimmen oft ziellos voneinander abdriften,scheinbar so wirr umherfaseln wie ein Armageddon prophezeiender Schildträger auf der Kölner Domplatte, doch dann an markanten Punkten immer wieder zueinander finden. Ohne Booklet wäre man allerdings hier verloren wollte man den Inhalt der Texte identifizieren.

Vom Klang her kaum anders, vielleicht weniger dumpf, aber definitiv mit noch besseren Melodien kommt ihr zweites Album Present The Paisley Reich daher. Mit Imagine Dead John Lennon beginnt ein mit schwarzem Humor versehener Blick auf eine Welt in der zahllose Fehler begangen werden, im Krieg, im Spiel und in der Liebe. Die Instrumente werden hier ein Stück härter rangenommen, machen die Musik beißender und aufgrund der Kürze der meisten Songs kommt man beim Hören schon mal leicht ins Taumeln wenn einem all die Sägezahnwellen um die Ohren schwirren. So muss man bei Common Cold schon mal zurückspulen um sicherzugehen dass man es sich nicht nur eingebildet hat, ja da setzt für ein paar Sekunden der Klang aus dem linken Kopfhörer komplett aus. Bis dahin kommt man allerdings nicht als Käufer der LP-Version, die auf der CD zu findenden zusätzlichen Stücke stammen von diversen Eps, sind aber nicht weniger großartig als das was vorher kam.
Vielleicht eine Hommage, vielleicht auch nicht: das letzte Stück Untitled endet in die Melodie des ersten Songs vom Rites Of Spring-Album. Ich würde das ja jetzt als DJ-Tipp weitergeben, aber in den omnipräsenten Indie-Szenediscos dürfte man Times New Viking wohl eher nicht zu hören kriegen. Warum nur?

[MP3] Times New Viking - We Got Rocket
[MP3] Times New Viking - Natural Resources, I Love Mine (von Dig Yourself)
[Video] Times New Viking - Imagine Dead John Lennon / Teenage Lust (live)
[Video] Times New Viking - Hiding In Machines / Devo & Wine (live) (Present The Paisley Reich)

Times New Viking Myspace

Frog Eyes - Tears Of The Valedictorian



Was anderen die Broken Social Scene mit allen ihren Auskopplungen und Verfransungen ist für mich die Destroyer-Wolf Parade-Xiu Xiu-Frog Eyes-Achse, nahezu alles was aus dieser teils mehr teils weniger eng verbandelten Gruppe von Bands und all ihren Neben-, Solo- und Dazwischenprojekten in den vergangenen Jahren hervorkam gehörte schnell zu meinen Lieblingsplatten, und das bisher auch langfristig. OK, ausgenommen das Esoterik-Projekt der Schwester des ehemaligen Kabelschleppers von Blackout Beach, das fand ich nicht ganz so toll...
Jedenfalls war es merkwürdig und schade dass ausgerechnet Frog Eyes, die ich von allen als erste entdeckt habe (zugegeben, Xiu Xiu knapp 15 Minuten später), ihren Weg nie nach Europa gefunden hatten - bis jetzt. Tears Of The Valedictorian ist ihr viertes Album und heute auch hierzulande erschienen, und es ist gutmöglich ihr bisher bestes. Und das will was heißen.

Idle Songs heißt der erste Song zwar, doch von Leerlauf kann man hier kaum sprechen, die Mannen und Dame um Carey Mercer gehen gewohnt kraftvoll zu Werke. Mercer jauchzt, faucht, ooht, aaht, und mehr denn je singt er vor allem auch seine grandiosen Texte die sich bei den alten Römer, im wilden Westen, im russischen Zarenreich, ja in der ganzen Weltgeschichte abspielen. Wie eine mittlere Naturgewalt schüttelt er sich dass man instinktiv ein paar Schritte Abstand von der Musikanlage nehmen will. Dieser Tendenz wird aber durch harmonischer Melodiösität, manche sagen kurzerhand Pop dazu, so viel entgegengewirkt dass die anfängliche Abschreckung für Neueinsteiger niedriger ist denn je. Auch seine sanfte Seite zeigt Mercer hier wieder, nach The Partisan He's Got To Know vom letztjährigen Nebenprojekt Swan Lake habe ich bei Caravan Breakers, They Prey On The Weak And The Old sogar langsam den Eindruck der Mann ist ein Walzerfan.

Aber auch wenn Frog Eyes das was sie bisher schon toll machten weiterhin ganz toll machen zeigen sie sich hier noch fokussierter, schnell und hart und jederzeit sprungbereit wenn's sein muss, können aber auch über lange Strecken ein weiteres Klangfeld beackern. Wo es bisher nur zwei Frog Eyes-Song insgesamt gab die länger als 5 Minuten waren überschreiten hier gleich zwei der neun Stücke sogar die 7-Minuten-Grenze, eines davon, das grandiose und locker einen kompletten eigenen Eintrag werte Bushels, ist auf dem besten Wege mein liebstes Frog Eyes-Stück überhaupt zu werden.

Es fühlt sich an als ließe Mercer die Band auf diesem Album freier atmen, alles klingt weiter, klarer, offener, schöner. Nicht nur in den beiden Epen der Platte sondern auch sonstwo setzen die Instrumente ebenso starke Akzente wie Mercers scheinbar unübertönbares Stimmorgan (und seine königlich jaulende Gitarre).
In Stockades, einem so triumphalen Anfeuerer dass man beim Hören in der U-Bahn immer aufpassen muss nicht spontan die Faust in die Luft zu werfen und versehentlich Kinnhaken zu verteilen, hämmert Melanie Campbell stoisch hart auf ihr Schlagzeug während Spencer Krug bei der zweiten Strophe noch sanft seine Hände seitwärts über das Keyboard gleiten lässt um zum Refrain in das harte Stakkato der anderen einzufallen. Evil Energy, The Ill Twin Of... überrollt geradezu, ebbt ab, lässt eine süße Melodie heraustanzen nur um sie im Galopp wieder abzuhängen, sich aufzutürmen und erneut über unseren Köpfen herunterzubrechen. Und das war bloß die erste Minute.

Dosierte Wildheit hat Frog Eyes schon immer ausgezeichnet, mit dieser Platte haben sie in Sachen Bandzusammenhalt und Komposition noch einen Schritt nach vorne gemacht. Auch wenn den bei der ersten Deutschlandveröffentlichung wohl kaum einer bemerken wird, das Ergebnis spricht für sich.

[MP3] Frog Eyes - Bushels
[MP3] Frog Eyes - Caravan Breakers (Daytrotter Session)

Frog Eyes Myspace

Lucky Soul - The Great Unwanted



Ali Howard, die Sängerin von Lucky Soul, ist nicht besonders groß gebaut. Regelrecht petite erscheint sie, und entsprechend unscheinbar ist auch zuerst ihre Stimme. Aber wenn sie ein Mikrofon vor und ihre 5 Mitmusiker hinter sich hat singt sie mit aller Kraft die sie aufbringen kann der Welt ihre Emotionen entgegen: "I miss you so much that it huuuuuurts," und die Welt leidet mit. Im Hintergrund heult ein Chor, und die Instrumente fallen die Tonskala herunter, um auf einem leisen, eleganten Melodiechen für den halb gehauchten Refrain von Struck Dumb zu landen.

Round here the only thing that ain't blue is the sky / round here are places where sunlight never shines / and I'm tired of keeping composure 'cause I'm not supposed to feel sad
singt Howard beim Höhepunkt von One Kiss Don't Make A Summer, ein Blick in die Verwirrung die Gefühle mit sich bringen können. The Great Unwanted, Lucky Souls Debütalbum, ist eine Landschaft voller Schmerzherz, jedenfalls was die Texte angeht. Die Musik dagegen ist nicht nur mit denkwürdig schönen Melodien gefüllt, auch hat Komponist Andrew Laidlaw bei den Arrangements in die Vollen gelangt: Herrliche Streicher und Bläser (besonders schön bei der Eröffnungsnummer Add Your Light To Mine) werden eingesetzt um die Songs zu veredeln, aber mit Maß und genau an den richtigen Stellen. Als müsste nicht hier eh schon Mr. Spector erwähnt werden hat die Musik von Lucky Soul auch einen starken Touch von Girl Groups und anderen Popsounds der 60er, wie aber schon bei den (abgesehen davon kaum hiermit vergleichbaren) Pipettes wird hier nicht bloß zitiert sondern modernisiert, wohlwissend was in den Jahren seitdem in der Musik passiert ist.

In der britischen Popmusik sind Alltagsbetrachtungen wieder in, aber wie Howard im Namen der ganzen Band singt, "I Ain't Never Been Cool". Lucky Soul praktizieren Popmusik als Eskapismus aus den Towering Infernos zu denen sie Gefühle aufbauen, Flucht vor Schmerz und Enttäuschung, vor Zurückweisung und Einsamkeit, ein Fluchtdrang der sich wortwörtlich im Songtitel Get Outta Town äußert. Fortrennen ist nicht die einzige Fluchtmöglichkeit, in My Lips Are Unhappy wird die Einsamkeit einfach mit kräftigem Hüftschwung wegzutanzen versucht. "Shake shake shimmy shimmy", das sollte doch eigentlich ablenken. Tut es aber nicht. Wilder und wilder wird versucht sich im Tanz zu verlieren, doch der Gedanke geht nicht weg, "Shake shake shimmy shimmy shake shake shimmy without yooouuuuuuuu..."

Große Emotionen, große Popsongs, großes Album. Und doch nicht aufdringlich, mehr so ein Album das man gern so lang die Sonne scheint umarmen würde. "One kiss don't make a summer" - dieses Album schon.

[Stream] Lucky Soul - The Great Unwanted

Jesu - Conqueror



Wie kann das sein? Es sollte einem langweilig vorkommen, keine großen Melodien die einem sofort in Kopf, Herz oder Blut übergehen, schwergängiger Gang, mäßig guter Gesang... aber diese Gitarren, dieser saftige Sound...
Ich glaube fast ob man Conqueror gut findet hängt vor allem davon ab ob man den Klang einer Gitarre mag. Nicht irgendeiner Gitarre, sondern der von Justin Broadrick alias Jesu. Lang angehaltene Töne, wenige Anschläge, und ein Hall der über jeden Baggersee reichen könnte. In Jesus herrlich dicht texturierten und detaillierten Arrangements werden die Höhen, mit Broadricks Gesang und ambienten Elektroklängen, wie die Tiefen und was darüber liegt, mit wuchtigem Bass-Gitarre-Doppelklang, bedient. Das ergibt einen Effekt wie man ihm vom Shoegaze kennt, dass man beim Höern immer wieder dazu neigt in die Ferne zu starren (oder natürlich klischeemäßig auf die eigenen Schuhe), aber verdammt, diese Platte rockt auch einfach ganz mächtig so dass man mit jedem Anschlag den Arm schwingen und den Nacken wippen lassen will.

Die Musik scheint, am meisten kommt es mir bei Weightless Horizontal so vor, dem Gesang etwas hinterherzuhängen. Die Anschläge kommen pünktlich aber der zugehörige Klang erscheint erst ein bisschen später, als müsste sich das dicke Signal erst durch das enge Kabel zum Verstärker quetschen und der Ton derartig in die Länge gestreckt worden. Dazu setzt Broadricks Stimme immer wieder Millisekunden zu früh an, dem Song wird dadurch etwas Getragenenes, nahezu Sakrales verliehen. Aber was Conqueror vor allem prägt sind die melodischen Sensibilitäten des Gründungsmitglieds von Napalm Death, und damit jeder diese Aussage erst mal verdauen kann füge ich hier einen Absatz ein.

Eine funkelnd klingende Folge von Synthiesternchen hellt Weightless Horizontal auf, ein schwellender, immens weiter Gitarrenklang führt daraus in Broadricks Gesang über: "I'm way past trying / I'm way past caring / I'm way past hoping". Das wäre furchtbar depressiv, wäre dem nicht ein "Try not to lose yourself" vorangestellt. Zu metallisch mutierten Popklängen mischen Jesu zerfließende Gefühle mit fokussierten, Trauer mit Hoffnung, Angst mit Hinterfragen, und als würde sich das noch nicht schon groß genug anfühlen kommt beim finalen und prächtigsten Stück von allen, Stanlow, auch noch ein Chor ins Spiel. Zum Träumen schön wenn man zu den Menschen gehört die im Schlaf schon mal mit den Armen schwingen.

[Stream] Jesu - Conqueror