Jay Reatard - Blood Visions



Die besten Geschenke sind die, von denen man vorher nicht mal wusste dass man sie unbedingt haben wollte. Das weiß ich seit dem vergangenen Weihnachtsfest, zu dem ich von einer guten Seele Jay Reatards Solodebüt Blood Visions geschenkt bekam. Und nicht nur ein tolles Geschenk ist es, sondern auch ein verdammt tolles Stück Musik das ich gerne noch rückwirkend zu den besten Alben des letzten Jahres zählen möchte.

Jay hat die gebündelten Erfahrungen der letzten 10 Jahre, in denen er in gut einem Dutzend Punkbands spielte, in sein erstes ganz eigenes Ding (er spielte hier Gesang, Gitarre, Bass und Schlagzeug selbst ein) gesteckt. Und es ist eine wahre Tour de Force, 15 im Schnitt unter zwei Minuten lange trashig dröhnende Kracher, die einem aber einfach nicht am Ohr vorbeirauschen können. Zum einen wegen Jays gellender Stimme, die in ihrer oft geradezu bedohlichen Manie an einen jungen Frank Black erinnert, zum anderen wegen der (zugegeben kantigen) Popmelodien die nur angeschnitten werden müssen um die Aufmerksamkeit des Höres auf sich zu ziehen. Wenn dann alles, Melodie, Gesang und Gitarren, in My Shadow oder Death is Forming voll zum Ausbruch kommt muss man sich schon schwer am Sitz festhalten.

Verschnaufpausen gibt es keine, selten vergeht eine Sekunde Stille zwischen diesen Blutvisionen. In der Zeit die andere Künstler für ein Intro aufwenden hat Reatard bereits ein It's So Easy oder eine kurze aber große Pophymne wie Fading All Away rausgehauen. Dabei entsteht nie ein Einheitsbrei, denn Reatard macht nicht nur 08/15-Garagepunk, er bedient sich u.a. Strukturen und Klängen die an Wire oder auch frühe Pixies erinnern, sich der Musikgeschichte der letzten Jahrzehnte durchaus bewusst, auch Pop- und psychedelische EInflüsse sind zu finden. Und effektiv nutzt er seine Arrangements, oh ja.

Wie er in I See You Standing There hochgeschwind seine stalkerhaften Beobachtungen ("I See You In The Park / I See You Doing Well / Playing With Your Children/ Everything Is Swell") zu ebenso geschwind stampfender Musik verrät, dann abwechselnd von links und rechts ein "standing" und ein "there" erklingen lässt, so dass man seine genaue Position gar nicht mehr ausmachen kann, währenddessen die Gitarre zunehmend lauter und unruhiger ihre Akkorde heranträgt, baut sich eine beißende Spannung auf die durch die Entladung im Refrain (nach nur 17 Sekunden!) den Hörer keineswegs weniger bedrückt zurücklässt, denn aus den Schatten erinnert uns Reatard weiterhin mit zunehmend irre klingender Stimme daran dass er beobachtet. Danach kommt einem Fading All Away geradezu als Erlösung vor, selbst wenn der Psychopath dort glückselig proklamiert "I won't stop until you're dead / because the voices in my head..."

[MP3] Jay Reatard - Fading All Away

Jay Reatard Myspace

Wolf (Gast) - 5. Jan, 13:54

Ist gekauft.
thx