Platten

Do Make Say Think - You, You're A History In Rust



Eine etwas abgelegene Scheune oder Hütte in den Bergen Kanadas, kühle Herbsttage, alte Freunde kommen zusammen um bei Kaminfeuer, zwischendurch darüber geräuchertem tagsüber gefangenen Lachs essend und wenig aber starkes Bier trinkend, zusammen zu musizieren und die Freude am beisammen sein auf Tonträger einzufangen. So zumindest stelle ich mir vor liefen die Aufnahmen zu Do Make Say Thinks fünftem Album You, You're A History In Rust ab, denn so unbemüht und gemeinschaftlich klingt diese Platte.

Ihre letzte war konzeptuell ein ziemlicher Brocken, drei in jeweils nochmal drei Sektionen unterteilte Stücke auf denen sie ihr Spiel mit Aufbau und Ablassen von Spannung so selbstverständlich immer wieder praktizierten dass man sich fragen musste wie das noch zu toppen sein würde. Aber YYAHIR (ich kürz mal ab) geht einen anderen Weg der teils leichter, teils schwerer für den Hörer nachzuvollziehen ist. Die größte Änderung ist klar dass man hier nicht nur von Stücken sondern auch von Songs sprechen kann, denn auf A With Living wird erstmals gesungen. Zu leise rumpelnden Gitarren beschwören die 5 Stammmitglieder + Gäste kommunale Stimmung, so laut dass man alle Worte verstehen kann, aber nur so laut dass alle Anwesenden genug verstehen können, alles was über diesen Menschenzirkels hinausgeht wird nicht bewusst adressiert so dass man sich als Voyeur fühlen müsste wäre da nicht diese Entspanntheit die einen direkt Teil dieses Zirkels werden lässt.

Den über mehrere Stücke gespannten großen Bogen gibt es hier nicht direkt. Die ersten paar Male mag z.B. der krasse Gegensatz von A With Living zu der darauf folgenden Rocknummer The Universe!, bei der die Gitarren vereint verzerrt dröhnen und mit jeder Passage lauter werden, beim Hörer ein Gefühl der Zusammengehörigkeit aller 8 Stücke vermissen lassen. Aber ganz so heterogen ist YYAHIR nicht, man achte nur mal darauf wie lang das Ende von A With Living dahingezogen wird, die Bläser mit nach unten laufenden Tonfolgen einlullen, den dann auftretenden Urknall um so lauter wirken lassen.

Do Make Say Think spielen nicht nur zusammen in einem Raum, sie spielen miteinander, spielen sich Bälle zu, fangen Ideen voneinander auf und stellen sich aufeinander ein. Wie in Herstory Of Glory die Instrumente abwechselnd in den Vordergrund treten und wieder zurück, im Hintergrund ihr Thema variieren oder sich dem vorne spielenden anpassen, und das alles so unbemüht wirkend, das kann man einfach nicht zu oft hören. Ohne große Worte erzählen die Kanadier große Geschichten, so auch auf In Mind, das das Album beendet. Zu den ersten zweieinhalb Minuten allein kann man sich schon einen halben Film ausdenken, und dann, dann setzt zum zweiten Mal auf dieser wunderbaren Platte Gesang ein, erzählt von Verlassen und Verlust, und man hört, sieht, spürt, ganz intensiv, Do Make Say Think.

[MP3] Do Make Say Think - The Universe!

Marnie Stern - In Advance Of The Broken Arm



Anfangen am Ende: Patterns Of A Diamond Ceiling, der ungewöhnlichste Song auf dem außergewöhnlichen Debüt von Marnie Stern, beginnt mit der Ansage "I will paint you a picture that's inside my head". Und genau das macht sie mit ihrer Gitarre, sie malt einzelne Punkte, zieht dünne Striche mit einem schmalen, dicke mit einem breiten Pinsel, malt einen Raum mit Diamantdecke durch den allerlei Kreaturen wandeln. Alle Elemente in diesem Traum werden dabei durch ein eigenes musikalisches Motiv repräsentiert, z.B. gläserne Schuhe die aneinander reiben, die (Gould referenzierenden) "Ideas of the North" und Kreaturen namens "Self-Eaters".

Konzeptuell ist der Rest von In Advance Of The Broken Arm etwas gewöhnlicher, allerdings oft erst wenn man die hyperaktiven Drums so überblicken kann dass man einen dominanten Rhythmus heraushört. Eigentlich reicht es dazu sich an Sterns Gitarrenspiel zu orientieren, allerdings baut sie so viele Riffs an- und übereinander dass man das Leitmotiv dort manchmal direkt findet, es sich oft aber erst wie in Grapefruit aus dem im Detail schwer zu durchblickenden Wechselspiel der einzelnen Elemente ergibt.

Das klingt anstrengend, ist es aber (find ich zumindest) nicht besonders, zumal Stern bereits beim Einstieg in ihre Musik viele poppige Hooks bereithält die z.B. Every Single Line Means Something oder Put Your Eggs In One Basket schnell zu Eingängigkeit verhelfen. Es ist beeindruckend Sterns Fingerakrobatik zu lauschen, aber darüber hinaus macht In Advance Of The Broken Arm dank Sterns Ideenreichtum vor allem ungemein Spaß, ein Album über das ich jeden Tag aufs Neue froh bin.

[MP3] Marnie Stern - Put All Your Eggs In One Basket And Then Watch That Basket!!!
[MP3] Marnie Stern - Every Single Line Means Something
[MP3] Marnie Stern - Precious Metal

Marnie Stern Myspace

Klaxons - Myths Of The Near Future



Vorweg: Myths Of The Near Future ist nicht das beste Album aller Zeiten geworden. Was kein Grund zur Enttäuschung ist, hatte ja wohl kaum einer ernsthaft erwartet, hm? Es ist auch kein Stück Musik geworden das als Speerspitze einer neuen Musikbewegung hinhalten muss. Das hat aber weniger mit der Qualität der Musik zu tun als damit dass Klaxons mit der beiläufigen Postulation des Nu-Rave einer der größten PR-Coups der Popgeschichte gelungen ist, denn alle sind sie drauf reingefallen, Ja-Sager wie Nein-Sager. Der Name dieser Band und des Pseudo-Genres (dem sie von allen in einem Atemzug damit genannten Bands am allerwenigsten zuzuordnen sind) sind in aller Munde. Klar, denn Klaxons haben von den Meistern gelernt, sie haben das Manual der KLF gelesen und noch manch andere Anweisung daraus befolgt. Aus den 'goldenen Regeln' um eine Hit-Single zu schreiben:

Every Number One song ever written is only made up from bits from other songs.
Dass Klaxons kein Rave-Revival anstellen ist klar, sie sind eine Gitarrenband und vielleicht zwei der Songs auf diesem Album enthalten Rave-Referenzen, aber auch keine dominanten. Sie machen vor allem auch keinen modern Ferdinandesken Postpunk mit stampfenden Tanzrhythmen und abgehackten Gitarrenanschlägen im Gang Of Four-Stil. In eine Ecke kann man Klaxons unmöglich stellen, denn sie klauen schlau an allen Ecken und Enden der populären Musikkultur, gemeinsames Element ist den meisten Songs aber neben der Rockinstrumentierung (ergänzt um quietschige bis wabernde Keyboards) der oft ins Ätherische gleitende Falsetto-Gesang des Trios und die diversen literarischen Quellen entnommenen mythisch-mystischen Konzepte, für einen Pop-Act im Jahr 2007 irre erfrischend.

Was Myths zu so einem guten Album macht ist dass Klaxons auch über ihre Hitsingles hinaus noch genug Ideen auf Lager haben und die daraus entstandene Vielfalt, dass Magick, die infernalische Beschwörungsformel im Singleformat mit Grusel-Synths, gefolgt wird von dem so ungemein straighteren aber ebensowenig fremd wirkenden Oakenfold-Cover (It's) Not Over Yet. Oder dass man das einfach nur seltsame Isle Of Man, mit Rudertakt und Odyssee-Motiven, direkt neben dem einfach nur schönen Gravity's Rainbow findet, das fürs Album einer Runderneuerung unterzogen wurde. Wie um Klaxons' Status als neue heiße Tanzband absichtlich zu missachten tritt der groovende Bass schnell in den Hintergrund und wird von schrägem Gitarrenspiel übernudelt, das wiederum in der zweiten Hälfte in einem Meer von goldgelben Synthiesounds ertränkt wird aus dem Klaxons die Hände entgegenstrecken und auf die ganz große Reise einladen: Come with me, we'll travel to infinity.

Klaxons sind schamlos prätentiös in ihren textlichen Konzepten, quasi die Anti-Arctic Monkeys, eine eskapistische Alternative zu all den realistischen Umweltbetrachtungen britischer Gitarrenbands in letzter Zeit. Und tolle Popmusik machen sie auch noch daraus. Es muss nicht immer gleich eine Jugendbewegung sein.

The Apples In Stereo - New Magnetic Wonder



Gut dass man von digitalen Musikshops Alben nicht nur in Einzelstücken sondern auch als Paket zum Komplettpreis runterladen kann, sonst könnte jemand den Fehler begehen nur knapp die Hälfte des neuen Albums von The Apples In Stereo zu hören. Denn über die Verarbeitung eines einzelnen Motivs geht der Rest genau so selten hinaus wie über die Länge von 60 Sekunden und wäre somit nicht ernsthaft als Song zu bezeichnen, Füllmaterial sollte man meinen und somit auch unbedeutend.

Zunächst aber würde man damit den Aufwand verkennen der dahinter steckt, denn die Non Pythagorean Compositions basieren auf einer von Apples-Mastermind Robert Schneider mal eben erfundenen komplett neuen Tonskala (als Bonusmaterial enthält die CD u.a. ein Video auf dem Schneider begeistert geekig etwas von der Theorie dahinter erzählt), kurzgefasst ist das Merkmal dieser Tonalität dass die Abstände zwischen den Tonfrequenzen je weiter man die Tonleiter hochgeht logarithmisch kürzer werden. Aber nach mehreren Testläufen bin ich mir auch recht sicher dass New Magnetic Wonder ohne diese Einschiebsel, die Mellotrons, die Vokodersoli, die fremd klingenden kurzen nichtpythagoräischen Pianomelodien, nicht funktioniert.

Schneider hat ein tolles Gespür für unbeschwerte Popnummern mit leicht psychedelischem Anklang, seien es das überschwengliche Can You Feel It?, die etwas (aber nur etwas) reservierteren Play Tough und Radiation, die esoterischen Energy und Sun Is Out, das unwiderstehliche 7 Stars oder das wie für eine Autofahrt gemachte Same Old Drag. Hört man diese eingängigen Popsongs alle direkt hintereinander ergibt sich allerdings ein Problem, denn eingängig ist nicht gleichzusetzen mit simpel, hier werden oft so viele Spuren verwendet dass die Produktion kein Zuckerschlecken gewesen sein kann, und beim Hören fühlt man sich auch irgendwann überwältigt in gewisser Hinsicht, es bleibt nichts mehr hängen.

Abhilfe schaffen dem drei Dinge: Erstens die wohl letzten Songs von Hilarie Sidney für die Apples, Sunday Sounds und Sunndal Song, die zu den besten auf der Platte gehören und die weil sie etwas reifer wirken Schneiders Kompositionen sowohl ergänzen als auch kontrastieren.
Zweitens das schier gewaltige Beautiful Machine, der späte Höhepunkt des Albums in vier Teilen. In einem Wechselbad der Geisteszustände stolpert Schneider von Horror ("Paranoid in your sleep / and you have no voice") in Erleuchtungsvisionen ("Oh don't you know it's right / to be self-aware and filled with light / Oh don't you know it's wrong / we will be forgotten when we're gone"), und ihm folgt dabei eine Armada von Instrumenten die eine kosmische Sinfonie aufführt.

Und drittens eben die erwähnten kleinen Stücke, die Fragmente die den Ton und die Geschwindigkeit des Albums für ein paar Sekunden in andere Richtungen lenken, die dem Hörer Gelegenheit geben das letzte Stück sinken zu lassen oder das nächste vorbereiten. Oder einen auf den Boden der Tatsachen zurückholen, wenn Schneider nach der letzten großen Nummer Beautful Machine bedauert dass sein Treffen mit dem Hörer nun schon zu Ende ist: "Time has a way of just passing by / Can't you stay a little longer? / Can't you stay for dinner my friend?".

[Stream] The Apples In Stereo - New Magnetic Wonder

Deerhoof - Friend Opportunity



Ansage Deerhoof: Das hier geht an alle alten Zyniker die behaupten Musik wäre nur noch ein gleich klingender Brei aus Retroklängen, nur Zitat und Wiederaufbereitung von Vorhergegangenem. Schluss mit dem Gezeter, her mit Friend Opportunity. Trompeten und Pauken, ChooChooChooChooBeepBeep!

Meist ist es für mich ein mittlerer Albtraum zu beschreiben was ich an Deerhoof-Platten so gut finde, aber diesmal ist die Sache recht einfach: Friend Opportunity, die erste Platte seit Deerhoof wieder nur zu dritt sind, ist ein ganz tolles Popalbum geworden - für Deerhoof-Verhältnisse zumindest. Klar, Greg Saunier trommelt selten konventionelle Rhythmen (interessant: die Drums wurden gemeinsam von der Band am Drumcomputer komponiert, danach erst lernte Saunier sie für die Aufnahmen selbst zu spielen) mit einer Geschwindigkeit und Präzision die keinen Menschen hinter diesem Drumkit vermuten lässt, der Gesang, meist von Satomi Matsuzaki, scheinbar zu niedlich leicht für die im Rock verwurzelten Instrumente.

Aber auf Stücken wie +81 und The Perfect Me, inmitten von E-Orgel und Trompeten, oder auf The Galaxist, wo John Dieterich mehr zart harmonisiert als dick zu schrammeln, scheint nichts passender als eine kleine Japanerin die Zeilen wie “Why does power make the crazy boy?” singt oder "If I were a man and you a dog, I'd throw a stick for you" daherrappt. Deerhoof sind zwar keine Popband, aber sie versuchen's hier trotzdem, und das Ergebnis ist die erste Hälfte des Albums.

Die zweite ist das letzte Stück, Look Away, fast beschämt wirkend von der Annäherung die die vorherigen 9 Songs an den Hörer betrieben. Über diese letzten 12 Minuten hin wird jeder bestraft der bis dahin übersehen hatte wie gut ausgedacht Deerhoofs Kompositionen sind, denn da ist der Pop-Appeal plötzlich weg und man muss richtig hinhören was die drei hier für ein tolles Finale aufgefahren haben.

[MP3] Deerhoof - +81
[VIdeo] Deerhoof - The Perfect Me
[Stream] Deerhoof - Friend Opportunity (in zufälliger Reihenfolge, narf)

Aereogramme - My Heart Has A Wish That You Would Not Go



Auf My Heart Has A Wish That You Would Not Go setzt sich der Trend der sich schon bei Aereogrammes Seclusion-EP angedeutet hatte fort: Craig B wird völlig zum Sänger und schreit gar nicht mehr. Dafür geht die Platte mit Conscious Life For Coma Boy direkt von 0 auf wunderschön in 5 Sekunden, die Gitarren schwingen sich druckvoll in herrliche Höhen auf. Aber dies bleibt auch die lauteste Sektion des dritten Albums der Schotten, die hiermit in neue, poppigere Gefilde begeben.

Gleich mit Barriers, dem zweiten Teil des glorreichen Eröffnungssongduos, gibt es großes Gefühlskino mit Geigen serviert, und ja, ein bisschen schmalzig ist es. Angst in Coldplay-Lala-Land abzudriften braucht der Hörer für diese Platte aber nicht zu haben, denn Aereogrammes Musik hat etwas das solcherlei britischen Barden fehlt: Atmosphäre und damit auch einen eigenen Charakter. Das laut-leise-Spiel haben sich Aereogramme aus ihren (post-)rockigeren Tagen ebenso bewahrt wie die gelegentlichen Glitcheffekte und Gitarrenüberfälle, die das Ganze zu alles anderem als einem eingängigen Hitbrei machen.

Und dies ist weiß Gott nicht ein melancholisch angehauchtes Britpopalbum. Besonders in der zweiten Hälfte begibt sich das Album (dessen Titel einer Zeile aus The Exorcist entliehen ist) in dunkle Gefilde, mit Nightmares und Living Backwards welches nach unspektakulärem Beginn einen Verlauf ins Bedrohliche annimmt. Zudem ist alles immer noch episch skaliert: die Marschsektion in Trenches, die über-lebensgroßen Gitarrenwände direkt zu Beginn, die süße Streicherarmada in Barriers, das bescheiden gezupfte Saitenspiel das in Nightmares von durch und durch düsteren Paukenschlägen haushoch überschattet wird - das Albumcover ist sicher nicht aus Zufall so cineastisch ausgefallen.

Aereogramme haben einen mutigen Schritt nach vorne getan, denn obwohl ihnen dieses Album sehr gut gelungen ist werden nicht alle aus ihrer bisherigen Hörerschaft gewillt sein diesen Schritt mitzugehen. Hoffen wir sodann dass sich hierfür mindestens ebensoviele neue Hörer finden wie sich alte abwenden.

[Stream] Aereogramme - My Heart Has A Wish That You Would Not Go

Dark Meat - Universal Indians



Dass man in großen Gruppen ganz toll naiv-fröhliche Popmusik machen kann sollte schon vor Universal Indians bekannt gewesen sein, aber wie steht es mit Südstaaten-Blues, Country, Garage Rock, Gospel und Blasmusik alle auf einmal? Irgendwie schaffen Dark Meat es nämlich zu zwei Dutzend Leuten auf ihrem ersten Album daraus einen Stilmix zu veranstalten der gleichsam etwas vom kommunalen Gefühl eines Dorffestes mit Freibierausschank verbreitet wie er mit seinen bemerkenswert kraftgeladenen Arrangements die Wände erbeben lässt.

Versammelt haben sich hierfür unter der Leitung von Jim McHugh neben den vier Kernmitgliedern von Dark Meat ein Minichor namens The Sub Tweeters, eine Blas- und Geigenkapelle (The Vomit Lasers) und eine Rhythmussektion (The Key Bumps) und wirbeln wie trunken von Freudenausbruch zu "Fuck You!" und wieder zurück, mal alle zusammen, meist aber in verschiedenen Konstellationen die sich in immer wieder neue Richtungen bewegen und das Album so enorm abwechslungsreich gestalten. Mal auf ein traditionelles Schema aufbauend, mal auf psychedelischeren Pfaden wandernd, aber selten allzu lange leise. Dies ist definitiv keine Musik die von jeglicher Reduzierung profitieren würde sondern sie ist tatsächlich ziemlich genau so groß wie die Summe ihrer einzelnen Teile. Von denen es folglich kaum genug geben kann, aber mit einem ersten Album wie diesem im Gepäck wird dieses Aufgebot jedem Hörer vollauf reichen.

[MP3] Dark Meat - Angel Of Meth
[MP3] Dark Meat - Dead Man

Jay Reatard - Blood Visions



Die besten Geschenke sind die, von denen man vorher nicht mal wusste dass man sie unbedingt haben wollte. Das weiß ich seit dem vergangenen Weihnachtsfest, zu dem ich von einer guten Seele Jay Reatards Solodebüt Blood Visions geschenkt bekam. Und nicht nur ein tolles Geschenk ist es, sondern auch ein verdammt tolles Stück Musik das ich gerne noch rückwirkend zu den besten Alben des letzten Jahres zählen möchte.

Jay hat die gebündelten Erfahrungen der letzten 10 Jahre, in denen er in gut einem Dutzend Punkbands spielte, in sein erstes ganz eigenes Ding (er spielte hier Gesang, Gitarre, Bass und Schlagzeug selbst ein) gesteckt. Und es ist eine wahre Tour de Force, 15 im Schnitt unter zwei Minuten lange trashig dröhnende Kracher, die einem aber einfach nicht am Ohr vorbeirauschen können. Zum einen wegen Jays gellender Stimme, die in ihrer oft geradezu bedohlichen Manie an einen jungen Frank Black erinnert, zum anderen wegen der (zugegeben kantigen) Popmelodien die nur angeschnitten werden müssen um die Aufmerksamkeit des Höres auf sich zu ziehen. Wenn dann alles, Melodie, Gesang und Gitarren, in My Shadow oder Death is Forming voll zum Ausbruch kommt muss man sich schon schwer am Sitz festhalten.

Verschnaufpausen gibt es keine, selten vergeht eine Sekunde Stille zwischen diesen Blutvisionen. In der Zeit die andere Künstler für ein Intro aufwenden hat Reatard bereits ein It's So Easy oder eine kurze aber große Pophymne wie Fading All Away rausgehauen. Dabei entsteht nie ein Einheitsbrei, denn Reatard macht nicht nur 08/15-Garagepunk, er bedient sich u.a. Strukturen und Klängen die an Wire oder auch frühe Pixies erinnern, sich der Musikgeschichte der letzten Jahrzehnte durchaus bewusst, auch Pop- und psychedelische EInflüsse sind zu finden. Und effektiv nutzt er seine Arrangements, oh ja.

Wie er in I See You Standing There hochgeschwind seine stalkerhaften Beobachtungen ("I See You In The Park / I See You Doing Well / Playing With Your Children/ Everything Is Swell") zu ebenso geschwind stampfender Musik verrät, dann abwechselnd von links und rechts ein "standing" und ein "there" erklingen lässt, so dass man seine genaue Position gar nicht mehr ausmachen kann, währenddessen die Gitarre zunehmend lauter und unruhiger ihre Akkorde heranträgt, baut sich eine beißende Spannung auf die durch die Entladung im Refrain (nach nur 17 Sekunden!) den Hörer keineswegs weniger bedrückt zurücklässt, denn aus den Schatten erinnert uns Reatard weiterhin mit zunehmend irre klingender Stimme daran dass er beobachtet. Danach kommt einem Fading All Away geradezu als Erlösung vor, selbst wenn der Psychopath dort glückselig proklamiert "I won't stop until you're dead / because the voices in my head..."

[MP3] Jay Reatard - Fading All Away

Jay Reatard Myspace

66 aus 2006 Teil 6

(Teil 1) (Teil 2) (Teil 3) (Teil 4) (Teil 5) (Teil 6)

Platz 11
Malajube - Trompe L'Oeil


Das Ideenalbum Nr. 1 dieses Jahr. Malajube klingen so originell, nicht nur von Song zu Song sondern auch innerhalb eines einzelnen Stücks vollführen sie so viele Wendungen und Luftsprünge, dass man erstmal nur baff ist. Was nehmen diese Kanadier nur für Kreativförderer ein? Ein ganz großer Zirkus, in dem sich Malajube nicht zum Narren machen müssen um die Zuhörer auf ihrer Seite zu haben, aber sich doch keinen Deut darum zu scheren als seriös wahrgenommen zu werden. Vielleicht find ich's auch nur so toll weil ich kein Wort verstehe.. nee, das wohl doch nicht. [mehr]


Platz 10
TV On The Radio - Return To Cookie Mountain


Wohl das einzige Album auf dieser Liste, das ich größtenteils live zuerst gehört habe. Und weil TV On The Radio live pure Energie sind und auch verbreiten hatte ich nicht nur bereits vorm Kauf des Albums das Gefühl komplette Songs auswendig zu kennen, sondern war mir auch ganz sicher dass all die hohen Erwartungen die im Vorfeld an Return To Cookie Mountain gestellt wurden erfüllt werden würden. TV On The Radio wollen laut einem Interview wie niemand sonst klingen, und dafür verfremden sie ihre Songs strukturell und klanglich so lange bis sie ihr Ziel erreicht haben. Wer weiß wie gut das Ergebnis ausgefallen ist, kann nicht weniger als restlos erstaunt über diese Art des Schaffens sein.

Platz 9
Destroyer - Destroyer's Rubies


Tja, wird sich der eine oder andere der dieses Blog 2006 verfolgt hat wohl wundern, wieso steht nun diese Platte hier ganz weit oben obwohl ich sie noch nie erwähnt habe? In meinen Last.fm-Charts wird man sie auch kaum finden, jedenfalls nicht in den Top 200. Nun, das liegt zum einen daran, dass für mich Daniel Bejars Texte zwar bezaubernd, aber doch sehr kryptisch sind und ich mich einfach nie getraut hatte etwas darüber zu schreiben ohne sie richtig durchgelesen zu haben. Zum anderen war dieses Album 2006 meine Badewannenmusik Nr. 1, so wie ich zur Bewegung Be Your Own Pet hörte erschallte zu fast jedem warmen, entspannenden Bad Destroyer's Rubies von den Kachelwänden. Irgendwas bewegt diese Musik so sehr dass ich mich nicht traue irgendwas anderes dazu zu unternehmen, sei es Lesen, Bewegen oder auch nur Denken. Ein unglaublich fesselndes Album dessen Qualitäten ich vielleicht mal an einem fernen Tag richtig verstehen werde. Wenn es so weit ist werd ich mich melden.

Platz 8
Liars - Drum's Not Dead


Auch hierzu wurde wenig gesagt von mir, zu groß schien die Aufgabe dieses Ungetüm von einem Album zu beschreiben. Das Konzept ist der Titel. Eine immer betrommelte schamanische Zeremonie, die zwischen psychedelischem Traumtanz und ekstatischem Wahn schwankt haben die drei Liars hier geschaffen, und wenn es ein Album dieses Jahr gab das von einer beigelegten DVD mit Videoshow profitiert dann war das Drum's Not Dead. Jedes Mal wenn ich diese Bilder zur Musik ablaufen sehe muss ich an diesen einen Abend denken, als die Bilder noch größer und die Musik noch lauter waren, und vor den Bildern drei scheinbar Verrückte eine musikalische Unglaublichkeit abzogen. Eigentlich zu groß um nur gehört zu werden.

Platz 7
Joanna Newsom - Ys


Tja, warum ist das hier nicht auf Platz 1? Eigentlich nur weil ich meine dass es noch reifen muss. Wenn ich eine 10er-Punkteskala hätte, ich wüsste einfach nicht ob ich Joanna Newsoms lose autobiographischer Fabelstunde jetzt 9 oder 10 Punkte geben sollte. Newsoms Harfekünste sind unangreifbar, über die verschiedenen Lagen der Produktion, die nicht leicht überschaubaren Songstrukturen und ihre quäkige Stimme kann man sich sicher streiten. Aber das ist es nicht mal was mich zweifeln lässt, ich find das alles ganz groß, ich kann nur immer noch nicht richtig verstehen was ich da höre. Erst dann, wenn ich ein richtiges Bild hab, dann werd ich genau sagen können wo dieses Album steht. Daher ist für Ys kurz vor den Top 5 Endstation.

Platz 6
Swan Lake - Beast Moans


Ein unausgegorenes Album, keine Frage. Wohlgeschliffeheit war Cary Mercer, Dan Bejar und Spencer Krug auch gar nicht wichtig, sie wollten nur einmal ihre wahnsinnig kreativen Köpfe zusammenstecken und gucken was dabei herauskommt. Herausgekommen ist eben Beast Moans, ein Album von dessen Größe und Langlebigkeit ich nun völlig überzeugt bin. Es gab da vor einer Woche diesen Moment, da hatte ich nur ein paar Minuten Zeit und wollte noch kurz ein Stück von diesem Album hören. Und habe minutenlang nur überlegt welches ich am liebsten hören würde, und konnte mich einfach nicht entscheiden. Da wusste ich: das hier muss in die Top 10. [mehr]

Platz 5
The Pipettes - We Are The Pipettes


Bloßer Retro ist das hier nicht, man achte nur mal auf die Produktion bei der ersten Strophe von Pull Shapes, in der mit Geigen auf Disco, mit einem Gitarrenanschlag auf Rock 'n Roll und mit einem Scratchen auf Hip Hop getanzt wird. Die gab es auch alle in dieser Parallelwelt in die Pipettes uns einen Einblick gewähren, nur sind dort eben Girl Groups im Spector-Stil eine dominante Form im Pop und haben diese anderen Musikrichtungen als Stilelemente in ihr Repertoire aufgenommen wie es bei uns der Pop in Beatles-Tradition getan hat. Das alles wäre mehr oder weniger nur theoretisch interessant, wenn die Pipettes die unvergesslichen Popmelodien nicht im Dutzend aufgefahren hätten. Zusammen mit den ebenso emanzipierten wie lockeren Texten, den herrlichen Gesangsharmonien und Gareth Partons detaillierter Produktion die stellenweise eines Tevor Horns würdig wäre, wurde We Are The Pipettes nach anfänglicher Skepsis ganz schnell zu meinem meistgehörten Album in diesem Jahr. [mehr]

Platz 4
Burial - Burial


Burial ist, wie seine Musik, ein körperloses Gespenst. Sein Name, seine Identität, sein/ihr Geschlecht sind allgemein unbekannt. Irgendwie hat Burial es geschafft, ein solches Mysterium auch musikalisch auszustrahlen. Burials gleichnamiges Debüt ist eine Aura, ein Hauch von London bei Nacht, zeitlich vielleicht schon gegenwärtig aber nie richtig körperlich manifestiert, wahrscheinlich nicht einmal wenn man es in den Straßen Londons selbst hört. So wie ich es beschreibe wird sich vermutlich jeder etwas ganz anderes darunter vorstellen als den Dubstep, die Bässe und die Steps und die Klicks und die gesampelten Stimmen. Aber Burial lässt Begriffe wie analoge und elektronische Musik allein schon von seiner Arbeitsweise her weit hinter sich, und konzentriert sich darauf mithilfe von etwas das dem Feld der Tanzmusik entstammt ein Album zu schaffen zu dem gar nicht tanzen muss um es wirklich zu fühlen. [mehr]

Platz 3
The Blood Brothers - Young Machetes


Hier gilt wie für Xiu Xiu: wer mit den Blood Brothers bisher gar nicht klar kam, der sollte auch hiervon die Finger lassen. Dies ist das Meisterwerk einer der ganz wenigen Bands heutzutage mit einer einzigartigen Stimme (künstlerisch wie auch wirklich im Gesang selbst), das Zen Arcade der Blood Brothers, eine perfekte Vereinigung aller ihrer kreativen Leistungen und mehr, und in 10 oder 15 Jahren werden wir uns vielleicht mit einem Haufen junger Leute konfrontiert sehen deren Leben diese Platte verändert hat. Werden die Blood Brothers sich auf dieser Höchstleistung ausruhen oder sich danach wieder zu neuen Ufern aufmachen? Dass auf diesem Album, was vielleicht nicht zunächst auffällt, eine andere Sektion der Band die meisten neuen kreativen Akzente setzt lässt zumindest die zweite Möglichkeit als genauso wahrscheinlich wie die erste erscheinen, und macht die Zukunft der Blood Brothers so spannend ungewiss wie immer. Aber erfreuen wir uns doch erst mal an der Gegenwart. [mehr]

Platz 2
Sunset Rubdown - Shut Up I Am Dreaming


Nein echt, haltet die Klappe, seid bloß still und lasst Spencer Krug träumen. Träumen von Pferden und Schlangen, von Königen und ihren Reichen, von Gefühlen die einen Ozean überwinden können. Ja, Spencer Krug ist ein Romantiker, und dazu macht er Musik von einer Dimension die seinen fabelhaften Visionen sowohl in ihrer Bildgewaltigkeit als auch ihrer Emotionalität tatsächlich gerecht werden kann. Wir Hörer leiden mit dem Mann der seine Liebste an den Grund eines Sees verloren hat, mit dem kleinen Lord dem das Herz ausgerissen wurde, und mit dem armen Wesen das nie auch nur einmal die Sonne zu Gesicht bekam. Ja, Spencer Krug ist einer der größten Songwriter der Gegenwart, und dies ist sein erstes ganz eigenes Meisterwerk. [mehr]

Platz 1
Guillemots - Through The Windowpane


Ein Haufen musikalischer Querköpfe kommen aus aller Welt zusammen, manche klassisch trainiert, manche haben das Spielen auf der Straße gelernt, manche kommen aus der avantgardistischen Noise-Ecke. Zusammen nehmen sie ein... Popalbum auf? Und was für eins! Kurze Popsongs die ganz groß sind, lange Popsongs die ganz groß sind, mit einer Mischung aus all dem was sie kennen, mit Kontrabass, Gitarre, Schlagzeug und Percussions, Keyboards, mit Bläsern, Schreib- und Bohrmaschinen, Weckern, mit Soul, mit Samba, mit Björk und Vogelgezwitscher, und immer klingt dann alles so gut und so richtig. Wer braucht da noch "normal"? Lieber zahllose Nächte zu diesen Klängen durchs Zimmer tanzen.[mehr]

66 aus 2006 Teil 5

(Teil 1) (Teil 2) (Teil 3) (Teil 4) (Teil 5) (Teil 6)

Platz 22
Mission Of Burma - The Obliterati


Als wären sie nicht mehrere Jahrzehnte lang weg gewesen, hauen Mission Of Burma einer Generation von Musikhörern ein absolut grandioses Rockalbum um die Ohren bei der sich ihre alten Alben mittlerweile legendären Status erspielt haben. Dass Mission of Burma dabei immer noch klingen wie niemand anders hat sich überaus schlecht auf die allgemeine Stimmung in meiner CD-Sammlung ausgewirkt, von ganz oben im Regal blickt dieses Album majestätisch erhaben auf alle herab die sich unter ihm befinden und irgendwo eine Tonspur mit Gitarrenklängen beinhalten. Und die da unten können noch nicht mal protestieren, denn The Obliterati kann zu Recht auf sich stolz sein. [mehr]

Platz 21
The Blow - Paper Television


Ich hätte nie gedacht dass mich dieses Album mit der Zeit mehr und immer mehr begeistern würde, aber es ist passiert. Nicht auf den ersten Blick, oder aufs erste Hören vielmehr, aber mit der Zeit taten sich immer mehr der vielen vielen musikalischen Einfälle Jonah Bechtolts vor mir auf, und Khaela Maricichs Stimme mit ihrer entwaffnenden Ehrlichkeit wurde immer sympathischer. Und Melodien, die hat dieses Album auch genug für eine kleine Ewigkeit. Wer dazu eine glaubwürdigere musikalische Autorität als die meinige benötigt den verweise ich an die Thermals, die hatten die Musik von The Blow nämlich nahezu nonstop von Band am laufen bis ihr Konzert begann. [mehr]

Platz 20
The Knife - Silent Shout


Ich glaube was mir am meisten an der Musik des schwedischen Geschwisterpaares gefällt ist, dass sie nie das Bedürfnis verspürt aus ihrem klanglichen Geflecht unnötig auszubrechen. An manchen Stellen kann ich bei Elektronik immer wieder den dumpfen Uffta-Uffta-Chartdreck meiner Kindheit anklopfen hören, der vor allem mit Lautstärke zu glänzen meinte und mich vom kompletten Feld der elektronischen Tanzmusik auf Jahre hin abgeschreckt hat. Aber The Knife brauchen kein plakatives Effektfeuerwerk, jede Klangspur liegt nur ein paar Meter neben einer anderen, man kann richtig hören wie selbst die seltsamsten Soundkompositionen mit Bedacht zusammengestellt wurden. So hat man nie das Gefühl dass hier billige Effekthascherei betrieben wird, sondern dass alles auf maximale musikalische Schönheit ausgelegt ist.

Platz 19
Scott Walker - The Drift


Jeder kennt Scott Walker. Nein, das ist jetzt kein altkluger Musiksnobismus, ihr habt ihn alle schon mal gehört. In den 60ern sang er mit seinen Walker Brothers The Sun Ain't Gonna Shine Anymore, und wem der Titel gerade nichts sagt, sucht euch irgendeine Time Life Classics-Sammlung heraus oder geht auf Youtube, ihr kennt's garantiert. Aber niemand, auch nicht wer sein späteres Soloschaffen verfolgte, hätte wohl gedacht dass der Mann der eine zeitlang große Melodien mühelos aus dem Ärmel schütteln konnte mal so etwas düsteres wie The Drift aufnehmen würde. Walkers Stimme enthält keinen Funken Hoffnung, dem klanglichen Abgrund in den sie gleitet je entkommen zu können. Wie könnte sie auch, dieser Abgrund, den Walker meisterlich über Jahre hinweg entwarf, ist so furchtbar dass einem beim Hören wahlweise ein Eiswürfel gefüllt mit Rasierklingen den Rücken runterläuft oder man sich vor Angst oldschool in die Hosen scheißt.

Platz 18
The Blong Blondes - Someone To Drive You Home


Gibt es etwas das ich noch nicht über diese Band geschrieben habe im vergangenen Jahr? Nun, dies vielleicht: Kürzlich entdeckte ich auf einer alten Festplatte, die genauso wundersam auf einmal wieder funktionierte wie sie Monate vorher zu funktionieren aufgehört hatte, die ersten Netzfundstücke von Long Blondes-Aufnahmen die ich letztes Jahr aufgetrieben hatte. Und mir fiel auf, warum die Blondes die Stücke auf ihr Debütalbum getan hatten die nun dort drauf sind und warum andere nicht. Früher war vieles punkiger, Autonomy Boy z.B. ging vom Gesang her schon stark Richtung Postpunk á la The Slits, und sowas hätte einfach nicht auf das Popalbum Someone To Drive You Home gepasst. Vielleicht litt das Album etwas darunter, weil man so einen etwas einseitigen Eindruck von den Blondes bekommt und besonders die längeren neuen Stücke wenn man die Texte nicht interessant findet auf Dauer an Reiz verlieren. Aber ich kann für mich nur sagen, alt oder neu, ich liebe die Songs mittlerweile noch mehr als beim ersten Mal, damals als Separated by Motorways noch nicht ganz so stampfige Beats hatte. [mehr]

Platz 17
Asobi Seksu - Citrus


Jeder Musikhörer kennt das: Man findet dieses Album, das sich einfach so ungemein richtig anhört dass man sich sich schnell, heiß und innig darin verliebt. Man nimmt es unterwegs mit, man stellt es Freunden vor, man spielt es auch schon bei Familienfesten. Und dann irgendwann, dann fehlt auf einmal der Funke. Der Zauber ist weg. Und plötzlich will man es gar nicht mehr hören, man schämt sich sogar etwas dass man es so toll fand - Geschmacksverirrung? Solche Ängste hatte ich bei Asobi Seksus zweitem Album, denn diese träumerischen Gitarrenwellen (entsprechende Vergleiche fangen generell mit My an und enden mit Valentine) verbunden mit dem noch träumerischeren Gesang und den denkwürdigen Melodien die alle zusammen von angemessen eingängigen Rockrhythmen transportiert wurden waren einfach zu schön um von Dauer zu sein. Aber Gott sei Dank, Citrus bleibt einfach mit jedem Hören so wunderbar wie dieses erste Mal, die Magie ist immer noch da, und möge sie bitte auch immer bleiben.

Platz 16
Kode9 & The Spaceape - Memories Of The Future


Im Dubstep spielt sich die richtige Action in den tiefsten Bassfrequenzen ab, so hört man die Kenner sagen. Das muss man live mit einem richtig guten Soundsystem in den Clubs hören, um es richtig beurteilen zu können. Ich glaube das auch durchaus, trotzdem konnte man dieses Jahr die ersten großen Veröffentlichungen in Albenlänge dieser noch jungen Musik aus London auch an der heimischen Anlage genießen. Eine davon war diese Zusammenarbeit von Dubstep-Legende, hochverkopftem Soundtheoretiker und Boss des Hyperdub-Labels Kode9, und dem Vokalisten Spaceape. Zusammen haben sie ein Werk geschaffen, das wirklich Erinnerungen erweckt, kaum an etwas das man selbst erlebt hat, eher an etwas das nie geschah, oder das noch geschehen wird. Das soll ihnen mal einer nachmachen, egal mit welcher Anlage. [mehr]

Platz 15
The Decemberists - The Crane Wife


Nach dem zweiten Album ist das Debüt auf einem Majorlabel das kritischste Album für einen Künstler. Selten gelingt der Balanceakt, die alten Qualitäten beizubehalten und gleichzeitig für ein größeres Publikum attraktiv zu wirken. The Decemberists haben mit The Crane Wife nicht nur eben dies geschafft, sondern darüber hinaus sogar noch für sich selbst neue kreative Maßstäbe gesetzt. Zwischen Ende und Anfang der altjapanischen Sage um die Kranichfrau reihen Wortmagier Colin Meloy und der Rest der Band gewohnt tolle Songs aneinander, Songs divers wie alles was man in die Kluft zwischen dem Folk-Discofox The Perfect Crime und dem Prog-Epos mit dem epischen Titel The Island: Come and See/The Landlord's Daughter/You'll Not Feel The Drowning packen kann, Songs über Krieg und.. nun, nicht direkt Frieden, eigentlich noch mehr Krieg. Aber nicht den modernen High Tech-Krieg, hier sieht man jeden Blutspritzer, hier wird man durch die Ruinen einer zerstörten Stadt geführt und sieht wie sich dazwischen kleine und große Tragödien abspielen. Das klingt jetzt düster, aber zu so schöner Musik wie in O Valencia hört man wirklich gerne Geschichten über blutverschmiertes Kopfsteinpflaster.

Platz 14
Danielson - Ships


Irgendwer, ich weiß nicht mehr wo in den Unweiten des Internets, hat nach Betrachten einiger Jahresbestenlisten 2006 zynisch zum "Year of the bad singer" erkoren. Das ist durchaus zutreffend, zumindest wenn man jaulende, schräge, kippelige, schrille und andere ungewohnte Stimmen schlecht findet. Danielson ist dann sicher sowas wie der ungekrönte Sängerkönig des Jahres, mit seinen hohen, fast schon tierähnlichen Lauten, die auch nach dem ersten Hören noch in unangenehme Frequenzen vorzudringen scheinen. Aber irgendwo ist mir das so was von egal, denn Ships enthält dermaßen viele erhabene, glückselig machende Momente dass Danielson so exzentrisch singen darf wie er will. [mehr]

Platz 13
The Fiery Furnaces - Bitter Tea


Mehr als alle anderen Alben der Geschwister Friedberger klingt dieses nach Wanderung, nach Reisen. Das liegt sicher mit daran dass in den Textbarragen der ohnehin rastlosen Kompositionen die lächerlich obskuren weltweit verteilten Lokalitäten lieber gleich im Dutzend referenziert werden ("665 1/2 Frottage Road", "an Alberton's outside of Boise", "the Multifunctional Dr. Sun Yat-Sen Memorial Rollerblade" etc... dieser Scheiß ist ungooglebar!). Aber auch fühlt man sich in Momenten wie dem pausenlosen Übergang des flotten Pianos am Ende von Black-Hearted Boy in die schwurbelnden Discoorgeln die das Titelstück eröffnen wie auf einer ausgedehnten Tour durch die abgefahrensten Orte einer Metropole. Hinter der Platte steckt bestimmt auch ein großes Gesamtkonzept das niemand je aus den Texten herauslesen könnte, aber auch so bleiben die Fiery Furnaces mit Longplayer Nr. 5 weiterhin eine der aufregendsten und produktivsten Gruppen der Gegenwart. [mehr]

Platz 12
Grizzly Bear - Yellow House


Gab es dieses Jahr jemanden der Yellow House hörte und anschließend ernsthaft nicht mochte? Mir zumindest ist noch niemand untergekommen, aber Yellow House ist ja auch so ein richtiges Album zum Liebhaben. Mit dem man sich ruhig mal nen Tag lang in sein Zimmer einschließen kann, mit gutem Essen und Getränken ausgestattet, und dann einfach die heimische Musikanlage per Lautsprecher oder Kopfhörer diese Magie verströmen lassen kann. [mehr]