Handsome Furs bei Concerts À Emporter

Ha, von diesen Videos wusste ich schon so lange dass sie kommen würden dass ich sie glatt wieder vergessen hatte. Eine nette Überraschung also zum Jahresabschluss, eine letzte Session der filmenden Franzosen, starring Handsome Furs und als Gaststar Dante DeCaro. Das zweite Video ist vielleicht mein Blogothèque-Favorit des Jahres: Das Pärchen an einem Restauranttisch, nur statt Essen wird dunkel verhangene Musik serviert an einem Abend in San Francisco. Und das wo hier gerade der letzte Abend des Jahres dämmert. Ein würdiger Abschied.

Handsome Furs bei Concerts À Emporter

Bring On Next Year

Good news everyone! Wie mir gerade in einer vertrauenswürdigen Mail mitgeteilt wurde sollen im nächsten Jahr die Preise für Penisvergrößerungen erheblich sinken! Aber auch musikalisch gibt es den einen oder anderen Grund sich auf 2008 zu freuen, ich hab mal meine größten Hoffnungen zusammengekramt. Die Daten sind wie immer ohne Gewähr und nur sofern sie auf einen Freitag fallen auch die deutschen Veröffentlichungstermine, ansonsten UK und US.

15.01. Rings - Black Habit

18.01. A Mountain Of One - Collected Works
Cat Power - Jukebox
British Sea Power - Do You Like Rock Music?

22.01. Times New Viking - Rip It Off
Blood On The Wall - Liferz

25.01. Black Mountain - In The Future
The Magnetic Fields - Distortion

01.02. Sons & Daughters - The Gift

08.02. School Of Language - Ship To Shore

11.02. Fuck Buttons - Street Horrrsing

15.02. Los Campesinos! - Hold On Now, Youngster...
Beach House - Devotion

19.02. The Mountain Goats - Heretic Pride
Crystal Castles - Crystal Castles
Atlas Sound - Let The Blind Lead Those Who Can See But Cannot Feel
The Big Sleep - Sleep Forever

22.02. Goldfrapp - Seventh Tree
Vampire Weekend - Vampire Weekend
Evangelista - Hello, Voyager

29.02. The Mae Shi - HLLLYH

??.02. Xiu Xiu - Women As Lovers

03.03. Autechre - Quaristice

04.03. Stephen Malkmus & The Jicks - Real Emotional Trash

07.03. Why? - Alopecia

14.03. Lichter - Lichter
Be Your Own Pet - Get Awkward

18.03. Destroyer - Trouble In Dreams
DeVotchKa - A Mad and Faithful Telling

21.03. A Silver Mt. Zion Memorial Orchestra & Tra-La-La Band - 13 Blues For Thirteen Moons

28.03. Blackmail - Tempo Tempo

??.03. Portishead - ?
??.03. Guillemots - ?

04.04. Blood Red Shoes - Box Of Secrets
The Breeders - Mountain Battles

07.04. The Long Blondes - Couples

08.04. Animal Collective - Water Curses

15.04. M83 - Saturdays = Youth

??.04. Boris - Smile
??.04. Wolf Parade - ?
??.06. Marnie Stern - ?

Außerdem neue Alben geben wird es höchstwahrscheinlich von und namens:

Final Fantasy - Heartland
Silver Jews - Lookout Mountain, Lookout Sea
Benga - Diaries of an Afro Warrior
Afrirampo - Suuto Breakor
Shearwater - Rook
The Indelicates - American Demo
of Montreal - Skeletal Lamping
The Futureheads
Love Is All
Animal Collective
My Bloody Valentine
Oxford Collapse
Constantines
My Morning Jacket
Spiritualized
Franz Ferdinand
Jaguar Love
The Faint
Patrick Wolf
The Explorers Club
John Reis' neue Band
My Latest Novel

Und dann hoffentlich Sunset Rubdown und Boredoms eeendlich mal live sehen. Cowabunga!

70 aus 2007 Teil 12

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Platz 5
LCD Soundsystem - Sound Of Silver

Eine ganze Weile schien es als würde ich mit meinem Vorurteil Recht behalten. DFA: Mixe oho, Alben OK aber nicht auf ganzer Länge. So war auch Sound Of Silver zunächst zwar sehr nett, sicher besser als das erste Album, überragend aber nicht. Die potentiellen Singles standen fest, man gewöhnte sich auch an die Stimme und das anfangs etwas nervige North American Scum. Und es wurde ein Album zum nebenher hören, flotte Lesebegleitung. Und dann traf es mich irgendwann. Das flott aufspielende Time To Get Away setzte so viel grooviger ein, die Percussions klangen so klar, so richtig, man musste einfach mitwippen, wenn niemand in der Nähe war an einem Schlagzeug aus Luft mitspielen. Und dieser "Hoo-hoo-hoo"-Gesang... super!

Dann kamen die Texte. Erst war es der Witz des Heimatliebe tatsächlich einmal sympathisch machenden North American Scum, dann die sehr erwachsenen Emotionen von Someone Great und All My Friends, beide zwar nicht mit meiner Lebenserfahrung nachvollziehbar aber doch verständlich und hart treffend. Makes you want to feel like a teenager - until you remember the feelings of a real life emotional teenager. Then you think again. Us V Them over and over again, und so weiter. Ein Anzeichen dafür dass da jemand mit Musik etwas transportieren kann. Und was für Musik, rhythmisch aber nicht nur zum Tanzen gut, denkwürdig melodisch, komplex aber weder angestrengt noch überladen, exzellent produziert dass man jede Einzelheit und Feinheit genau heraushören kann. Ein echtes Überalbum, und der Beweis dass in jedem Vorurteil ein Körnchen völliger Blödsinn steckt.

[Video] LCD Soundsystem - North American Scum

Platz 4
The Fiery Furnaces - Widow City

Auch wenn The Fiery Furnaces mit jedem Album aufs Neue zu betonen scheinen wie unerreichbar groß Blueberry Boat war, Widow City kommt so nah an ihr Meisterwerk ran wie bisher nichts anderes. Ich hatte ja bis vor wenigen Tagen noch nicht geglaubt dass ich diese Platte am Ende so weit oben hier vorfinden würde, selbst als ich dachte ich hätte sie endlich ganz aufgenommen, wie immer diesen Moment erreicht ab dem das Gehörte nicht mehr hinterfragt und analysiert wird sondern einfach nur noch wunderbar wirkt. Schon mit Bitter Tea schien das schneller zu gehen, vertraut klangen die Rückwärtssequenzen und verschrobenen Hickhackpassagen da bereits beim ersten Mal. Doch ich hatte so schnell nur die erste Hälfte von Widow City verdaut, die lautere Seite mit den Singles drauf, den eingängigen Charthits wie Duplexes Of The Dead, Ex-Guru und Japanese Slippers.

Doch mehr und mehr offenbarte, besonders nach Feierabend, die subtilere zweite Seite ihre Qualitäten. Mit der zarten Melodie im Hintergrund von Pricked In The Heart, dem einem langen Ausatmen gleichenden Restorative Beer oder dem unsagbar schönen Widow City, alles Vehikel um Eleanor Friedbergers phänomenale Stimme auf weitere Reisen über die Tonskala zu schicken als bisher. Gibt es eine Stimme die "Desert winds are strong but they're not strong enough, love of my life" schöner singen könnte? Daneben kommt die größte musikalische Neuerung hier in den Zwischenpassagen, ist dies doch die rockigste Furnaces-Platte, mit röhrendem Bass und knackigen Drums wie auf dem furiosen Uncle Charlie. Doch im Herzen der Songs stehen wie eh und je die großen Melodien, hier hörerfreundlich leichter fassbar gemacht indem sich mal dem Drang verweigert wurde mehrere Teilsongs in einen einzigen großen zu packen (Tracks 2-4 gehören klar zusammen).
Das (teils) übergreifende Thema und die Stimmung des Albums erinnern sehr an Abenteuerromane der letzten Jahrhundertwende, mit Ägyptenreisen, dem Eisenbahnsample in Japanese Slippers und dem Conan Doyle'schen Titel von Cabaret Of The Seven Devils; ein bisschen Film- und Hörspieldramatik ist auch dabei wenn bestimmte Sounds Ereignisse akzentuieren (z.B. die ambienten Drums in der Büchereiszene oder die wieder aufspielende Musik als "An emergency cigarette behind glass" gesichtet wird).

Aber auf die Texte versuch ich gar nicht groß einzugehen, sonst wird hier nachher noch so was draus. Fazit bleibt: The Fiery Furnaces spielen immer noch in einer ganz eigenen Liga, haben aber das Niveau wieder ordentlich angehoben und sind dazu noch etwas leichter zugänglich geworden. Aber auch nur etwas.

[MP3] The Fiery Furnaces - Ex-Guru

Platz 3
Studio - West Coast

Ich hab's mal versucht, aber mit einer Liste von Songs des Jahres wird das bei mir einfach nichts, zu viel wurde gehört an zu vielen verschiedenen Orten um es irgendwie nachzuvollziehen. Wenn ich denn auch nicht mit ganzen Songs dienen kann, so immerhin mit Momenten. Da vertraue ich meinem Gedächtnis, und ganz klar der musikalische Glücksmoment Nr. 1 in diesem Jahr, vor der Hohen Note von St. Vincent und Lavender Diamond, dem letzten Refraineinsatz beim Apistat Commander-Cover, den von "Come on"s eingeleiteten Variationen in XR2, ganz oben auf der Liste steht der Moment bei 14 Minuten und 40 Sekunden in Out There auf Studios Debütalbum. Viel ist bis dahin bereits passiert, weggefallen und hinzugekommen und varriiert worden, doch in diesem Moment verzahnen sich alle Percussions, alle pfeifenden, glitzernden Synths, noch einmal ineinander um ein letztes Mal diese eine Melodie so groß aufzuführen wie nie zuvor. Wenn das der Klang des schwedischen Strandurlaubs sein sollte weiß ich schon was ich mit meinem nächsten Sommer anfange. [mehr]

[MP3] Studio - Life's A Beach!

Platz 2
Sunset Rubdown - Random Spirit Lover

Drei Jahre hintereinander auf Platz 2. Es ist offensichtlich dass ich die Musik des Mannes mag. Anders als man es vor einem Jahr vielleicht erwartet hätte brachte Spencer Krug jedoch 2007 nicht das zweite Album mit Wolf Parade heraus sondern das dritte seiner anderen (oder eher einen) Band. Auf Random Spirit Lover ist diese auch wirklich zur Band zusammengewachsen wo man vorher den Eindruck hatte sie wäre bloß Vehikel um Krugs Kompositionen in Musik umzusetzen, allein im eröffnenden The Mending Of The Gown spielen Sunset Rubdown so ungewohnt druckvoll, richtig rockig, zusammen dass es genau so gut eine ganz neue Band sein könnte. Die Gitarre rückt nach vorne, die sonst so dominanten Synths spielen mehr eine Nebenrolle und das Schlagzeug galloppiert munter voran. Besonders gut harmoniert hier die Stimme von Camilla Wynne Ingr mit der Krugs, sie hat ebenfalls ein bisschen diesen seltsamen Klang als ob zwei Menschen gleichzeitig singen würden. Der eintretende Effekt wenn diese Stimmen im Duett verschmelzen ist dann erst recht bemerkenswert.

Auch das Songwriting hat sich deutlich weiterentwickelt. Textlich geht es wie immer sehr phantastisch zu, Krugs Geschichten werden von Fabelwesen bevölkert wie den auf Albumcover und -Rückseite abgebildeten Gestalten der Zauberin und des Krampus, auch Schlangen und Pferde finden sich natürlich zuhauf dort. Aber nachdem das Album mit einem sinkenden Schiff beginnt und Up On Your Leopard, Upon The End Of Your Feral Days das Älter werden in Märchenform verpackt wirft das wie ein Kinderreim beginnende The Courtesan Has Sung einen Blick hinter eine Theaterbühne, vielleicht die auf der diese Geschichten aufgeführt werden? Diese Dualität von erzählten Geschichten und Schauspielern in der Realität zieht sich durchs ganze Album, zwischendurch geht es auch immer wieder um Beziehungen und um den Glauben an Übernatürliches (der in Magic Vs Midas und in der amüsanten Reflektion Winged/Wicked Things mit dem Glauben an die Liebe verglichen wird).

Mit der textlichen geht eine noch weitaus größere musikalische Erweiterung einher. Krugs Stücke sind selten normale Strophe/Refrain/Strophe-Konstrukte, sie nehmen lieber eine abenteuerliche und wundersame Wendung nach der nächsten, schreiten immer fort. Oft erheben sie sich dabei in herrliche Höhen, doch Random Spirit Lover hat auch eine dunkle Seite. Mit Colt Stands Up, Grows Horns nimmt das Album eine unerwartete Wendung in Goblin-Territorium, psychotische Synths erwecken die Paranoia eines Argento-Soundtracks. Das pianodominierte Stallion scheint erst Licht ins Dunkel zu bringen, fixiert sich jedoch so dass es nur im "Youuuuu" hängenbleibt. Und gerade als man denkt Sunset Rubdown würden nie mehr zu der lockeren Beschwingtheit von They Took A Vote And Said No zurückfinden leitet sanftes Saitenkratzen das grandiose For The Pier (And Dead Shimmering) ein das genau so eine bewegende Nummer ist wie man sie von Krug erwarten würde ("It's infinity's tiiiime to shine out here": Gänsehaut pur), nur noch höhere Höhen erklimmt wegen des Tals in dem sich der Hörer davor befand.

Das ist kein Zufall. Random Spirit Lover ist ein wirkliches Album das als Ganzes gehört werden soll, nein, muss in manchen Fällen! Ein einziger dramatischer Faden zieht sich durch die Stücke, meistens gehen sie auch direkt ineinander über oder überschneiden sich gar. Doch trotz großer Ambition bleibt der Spaß nicht auf der Strecke, vielmehr ist das Album voller Verspieltheit, einem enthusiastisch eingerufenen "Shake!" hier, einem klassischen Pianomotiv da, ekletischen Versatzstücken zuhauf. Und natürlich voller denkwürdiger Melodien und aus den scheinbar undurchdringlichen Texten herausstehender Momente bezaubernder Klarheit. Ein Album das mehr hergibt als andere.

[MP3] Sunset Rubdown - Winged/Wicked Things

Platz 1
Jay Reatard - Blood Visions

Tjaa... Anfang des Jahres, nach anfänglicher Begeisterung über dieses verspätete Weihnachtsgeschenk aus Übersee, hatte ich ja geschrieben dass ich das hier zu den besten des letzten Jahres zählen möchte. Aber wie ich sehe ist Blood Visions angeblich diesseits des Atlantiks (wenn überhaut) erst 2007 erschienen und muss damit hier an der Spitze thronen. Denn es ist das Album das mich am meisten von allen, nicht nur weil es von Anfang an dabei war, durchs ganze Jahr begleitet hat, das der Soundtrack zu guten Zeiten war und auch mal einen weniger guten Moment in einem Blutbad aus Punk und Pop hinwegfegte. Ein Album das von vorne bis hinten völlig mitreißt mit catchigen Melodien, bitterbösen Texten und Punk aus der Garage nebenan. Das trotz vertrautem, altem Klang keine Retro-Aufkocherei eines einzigen Sounds ist, in dem höchst eigenen Klanggebräu findet sich auch wieder was nach, vor und neben Punk kam: Pixies-Geshredder mit Gitarre und Stimme, Surfrock, Glam und New Wave, düster psychedelische Einlagen aus Hall und sägender Verzerrung. Und das alles in unter 30 Minuten. Kurz, schmerzvoll, genial. [mehr]

[MP3] Jay Reatard - Fading All Away

70 aus 2007 Teil 11

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Platz 10
Los Campesinos! - Sticking Fingers Into Sockets EP

13 Sekunden. Länger lassen Los Campesinos! nicht auf sich warten bis sie einem auf ihrer EP Sticking Fingers Into Sockets den ersten denkwürdigen Refrain an den Kopf werfen. Mit mehrstimmigem Gesang, Geigen und Glockenspiel eröffnet We Throw Parties, You Throw Knives den bunten Reigen den das Septett in gerade mal 16 Minuten aufführt. Wer hier musikalische Referenzen sucht wäre mit nahezu jeder personalstarken kanadischen Popband der letzten paar Jahre + The Go! Team + Architecture In Helsinki dividiert durch Dave Newfeld zunächst ganz gut bedient, doch sprengen Los Campesinos! mit Ausrufezeichen grinsend den Rahmen jedes Abziehbildes. [mehr]

[MP3] Los Campesinos! - We Throw Parties, You Throw Knives

Platz 9
Patrick Wolf - The Magic Position

Vom Jungen der auszog um Popstar zu werden, Kapitel 3. Und es sieht ganz so aus als hätte Patrick Wolf es geschafft: In England in den Charts gelandet, in Köln die Kids zum Jubeln gebracht und von der Presse hoch gelobt. Und alles zu Recht, denn sein erstes Major-Album ist wieder ein ganz großes geworden. Ja ein Popalbum, aber ein Popalbum das mit Overture beginnt und mit Finale endet, dazwischen Disco, Theremin und Marianne Faithful. Dabei scheint Wolfs Stimme nicht ganz für solch fröhliche, lebensbejahende Musik gemacht zu sein, ein bisschen kühl wirkt er selbst wenn er "It's gonna be a beautiful day, soo too the bluebirds say as I take your hand and you take my kiss and we take the world" intoniert. Doch die große Wärme kommt von der Musik, der theatralischen und tanzenden, komponiert zu einer Zeit als der Mann verliebt war. Komponiert, natürlich, in Dur. Dem "Major key".

[MP3] Patrick Wolf - The Magic Position

Platz 8
of Montreal - Hissing Fauna, Are You The Destroyer? / Icons, Abstract Thee EP

Kevin Barnes erging es ganz anders als Patrick Wolf. "I'm in a crisis. C'mon mood, shift shift back to good again!" fleht er in Heimdalsgate Like A Promethean Curse, einer flotten Ode an Antidepressiva. Die Songs die sich über of Montreals achtes Album und die dazugehörige EP erstrecken entstanden zu einer düsteren Zeit als Barnes' Ehekrise mit psychischen Problemen einherging. Selbstzweifel, Hass, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit - ganz anders als man es von den bunten Plastiksynths der Elephant6-Mitgründer erwarten würde. Dabei sind die klanglich dichten Songs, ignoriert man die Texte, kaum bedrückend, dafür gehören sie zum besten was Barnes je produziert hat. Nun, irgendwann merkt man aber doch dass hier etwas nicht stimmt: Das zwölfminütige The Past Is A Grotesque Animal, der beunruhigendste Song des Jahres, ist die musikalische Umsetzung eines Nervenzusammenbruchs und übt einen in seinem Verlauf immer stärker werdenden Sog aus dem man sich nur schwer entziehen kann.

Die qualitativ kaum abfallende Fortsetzung Icons, Abstract Thee führt nach einem Abstecher in die von Glück erfüllte Vergangenheit (Du Og Meg erzählt von den Anfängen der Beziehung) des Paares den bunt klingenden düsteren Psychotrip fort. Auch hier findet sich ein Stück von epischer Länge, doch auch in den 4 oder 5 Songs die No Conclusion findet die Geschichte keinen echten Abschluss, statt einen Ausweg aufzuzeigen verschwindet Barnes am Ende aus seiner eigenen Musik, verschwindet mit einem wiederholten "But it's hopeless!" in Geigen. Wen das alles, trotz der fabelhaften Songs, abschreckt dem sei das Happy Ending verraten das die Musik uns verwehrt: das Paar ist mittlerweile wieder zusammen.

[MP3] of Montreal - Heimdalsgate Like A Promethean Curse

Platz 7
Panda Bear - Person Pitch

Wenn Drummer auf Solopfaden wandeln erwartet man ja eher ein rhythmisch starkes Werk. Nun ist aber Animal Collective alles andere als eine traditionelle Rockband und eine Rolle wie "Drummer" dort mittlerweile sehr lose gefasst. Auch ist Noah Lennox auf der Bühne nicht gerade ein nervös zuckender Greg Saunier oder gar ein Testosteron ausatmender John Stanier, er wirkt mehr wie der ruhige Typ auch wenn er im Kollektiv manchmal stimmlich zum heulenden Tier wird. Sein Person Pitch ist zwar nicht ohne Rhythmus, beginnt es ja mit dem weit hallenden Chor aus Handklatschern von Comfy In Nautica, aber bis auf das höllisch perkussive Good Girl/Carrots doch sehr leicht in Sachen Beats und insgesamt eine vom Boden losgelöste Angelegenheit. Musik die das erste Sonnenlicht des Tages zelebriert wenn geloopte Gitarrenwellen sanft ineinander fallen und mit futuristischem Rauschen ein Raumschiff vorbeisegelt, unaufgeregte Musik mit Elfengesang am Wasserfall und mit Beach-Boy-Harmonien begleitet von einer Unterwasser-Orgel. All das und viel mehr rauscht langsam aber bezaubernd durch den Kopfhörer, zurück bleibt der Hörende selbst in angenehmer Sprachlosigkeit.

[MP3] Panda Bear - Comfy In Nautica

Platz 6
Battles - Mirrored

Mal zugegeben: Ich hatte früher eine enorme Abneigung gegen elektronische Musik. Gegen Kirmestechno sowieso, aber auch die anspruchsvolleren Varianten konnte ich nicht ab, sie erschienen grau und unnahbar für meine Ohren. Bis ich dann eines Nachts eine Maus durch eine bunte computeranimierte Landschaft (N64-Recycling yeah) fliegen sah, das Video zu Twift von Mouse On Mars. Diese verstrahlten Cartoonsounds, die überdrehten Ideen, das war so herrlich unernst und doch hervorragend gemacht dass ich mich daraufhin langsam für ein mir neues musikalisches Feld zu interessieren begann.

Vielleicht ist es genau so möglich dass jemand dem es sein Leben lang vor grimmigen Kerlen mit Gitarren gegraust hat eines Tages freudestrahlend Mirrored entdeckt. Battles erstes/zweites Album kann man auch nicht völlig ernst nehmen, mit seinem Heliumgesang, den distinktiven Sounds die alles sind nur nicht aus unserer Realität gegriffen. Auch wenn es live nicht so wirkt haben die fabelhaften vier durchaus einen Sinn für Humor, den muss man auch haben wenn man etwas so übertrieben bunt klingendes wie Rainbow nicht nur umsetzt sondern auch noch gut klingen lässt. Wie die meisten Stücke basiert es auf einem Loop mit dem Bassist Dave Konopka eines Tages zur Probe erschien und aus denen in einem langen Kreativprozess ein phänomenales Album entstand, eines das so schwer von Menschenhand umzusetzen ist dass man fast denken könnte es handele sich bei den Aufführenden um Maschinen. Aber würden die jemals Ddiamondd oder Leyendecker nennen oder so etwas wie den Prog-Pop-Schaffeltanz des Jahres mit Atlas erschaffen? Ich glaube nicht.

[MP3] Battles - Atlas

70 aus 2007 Teil 10

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Platz 16
Glass Candy - B/E/A/T/B/O/X

Im Inneren der CD-Hülle, außen umrahmt von bunten Porträts des Duos in Glamourkleidung, ist ein Paar blauer Kopfhörer abgebildet. Als wollten Glass Candy mitteilen "Hey Leute, ihr könnt zu unseren Sachen nicht nur tanzen, ihr könnt die auch in Ruhe zu Hause genießen." Denn wie schon oft erwähnt, Johnny Jewel hat bei seinen Produktionen ein hervorragendes Ohr für Detail als auch Gesamtästhetik. Zwar ist B/E/A/T/B/O/X offiziell nur eine Tour-CD, aber die steckt so voller Hits die auch hervorragend sequenziert sind dass sie locker die meisten Albumveröffentlichungen in die Tasche steckt. Ein Knistern liegt über manchen Stücken, als würde man eine Aufnahme einer Vinylwiedergabe anhören, doch es ist schwer vorzustellen dass ausgerechnet diese Töne nicht beabsichtigt sind. Jewel investierte nämlich neue Arbeit in zwei Stücke die sich bereits auf After Dark anfanden: Rolling Down The Hills kommt hier aufgefrischt, beschwingt und schneller daher während Computer Love, das einzige Cover unter lauter GC-Originalen, fast genau so überarbeitet wurde wie ich es mir vor einiger Zeit mal gewünscht hatte und mit wuchtigeren Drums die mehr an die Liveversion herankommen versehen wurde.

Doch überwiegend wirkt die Produktion sehr weich, selbst die perkussionsartigen Plopps in Life After Sundown sind weniger wie Trommeln denn Seifenblasen die von Ida No mit einem Schrei in der Luft zerrissen werden. Überhaupt zeigt sich die Stimme der Sängerin wandlungsfähig wie man es nach den früheren No-Wave-Stücken auch erwarten würde, mit fester Stimme duelliert sie sich in Beatific mit knarzigen Synths während sie in Candy Castle so glamourös angehaucht kommt dass man sie vorm inneren Auge im einen rosa Cadillac durch Miami fahren sehen kann. Der Knüller ist aber ihre Vorstellung im Intro, dort gibt sie den Esoterik/Selbsthilfeguru und verrät zumindest die Antwort auf die Frage nach dem Leben und dem ganzen Rest:

"What do we say when we want to get in touch with our everlasting souls?" - "Hit it, DJ!"

[MP3] Glass Candy - Candy Castle

Platz 15
St. Vincent - Marry Me

Marry Me ist kein perfektes Album. Es will nicht so ganz zusammenhalten, ist lose, ambitioniert und schwer fassbar. Eigentlich sollte St. Vincents Debüt so ein Album sein das am Ende des Jahres nur noch eines unter vielen anderen sehr guten aber nicht überragenden ist, von dem einem immer wieder Songfragmente in den Sinn kommen ohne dass man ihre Herkunft identifizieren kann. Und doch weiß ich sofort dass dieses lang angehaltene "I see you" mit Disney-Orchester im Hintergrund von What Me Worry stammt, dieses "Bah bah bah bah"s und der seltsame Froschgesang auf Jesus Saves zu finden sind. Annie Clarks Kompositionen sind einfach schwer zu vergessen, ambitioniert aber auch spielerisch, und ach wie mühelos lässt sie es erscheinen gleich mehrere Songs in einen zu packen. Vielleicht sind manche Diamanten besser wenn ungeschliffen.

[MP3] St. Vincent - Now Now

Platz 14
Lucky Soul - The Great Unwanted

Vermutlich haben es die meisten auch schon von Günther Jauch erfahren, der Sommer dieses Jahr war ziemlich scheiße. Vom Wetter her, aber auch gab es musikalisch wenig was so richtig in die Jahreszeit gepasst hätte, die meisten Sachen kamen erst als die vereinzelten Sonnentage sich schon in den Winterurlaub verabschiedet hatten. Aber Lucky Soul haben mir die Saison dann doch noch gerettet, The Great Unwanted war so gut dass es den halben Frühling und ganzen Sommer lang Freude spendete. Mit großen Emotionen und großen Popsongs, ein großes Album. Und doch nicht aufdringlich, mehr so ein Album das man gern so lang die Sonne scheint umarmen würde. "One kiss don't make a summer" - dieses Album schon. [mehr]

[Video] Lucky Soul - Lips Are Unhappy

Platz 13
Frog Eyes - Tears Of The Valedictorian

Der wilde Mann Kanadas ist auch auf Frog Eyes' viertem Album nicht zu bändigen. Das ist auch gut so, gegen die angriffsgleichen Schwälle die seine Mitspieler entfesseln käme Carey Mercer sonst auch kaum an. Mit seinem manisch predigenden Gesang erweitern und verfeinern Frog Eyes ihre freakigen Folkwelt, bündeln ihre Kräfte gezielt oder lassen ihren Melodien auch mehr Freiraum um sich zu entfalten. Das macht sie sicher für den einen oder anderen zugänglicher, doch Zugänglichkeit geht nicht auf Kosten musikalischer Ambitionen, zum Beweis braucht man nur das absolut grandiose Bushels zu hören. [mehr]

[MP3] Frog Eyes - Bushels

Platz 12
65daysofstatic - The Destruction Of Small Ideas

Eine der schönsten "Geschichten" in diesem Jahr war für mich das Interview mit 65daysofstatic auf Stylus. Dabei erzählten sie, nachdem sich der von ihrem Album enorm angetane Interviewer besonders über dessen Klang positiv geäußert hatte, dass sie ein kritischer Artikel über schlechter werdende Produktion dazu bewogen hatte ihr drittes Album so gut klingend wie möglich zu machen, und es stellte sich heraus dass der Interviewer derjenige war der genau jenen Artikel verfasst hatte. Auch ohne diesen Hintergrund wäre es mir kaum möglich über The Destruction Of Small Ideas zu reden ohne den hervorragenden Klang zu erwähnen, denn ohne den würden die Kompositionen darauf längst nicht so hörenswert.

Es ist ein leises Album, gegen den dumpfen lauter-um-jeden-Preis-Zeitgeist, das man lauter drehen muss um seine Tiefe und all seine Details wahrzunehmen. Wo 65daysofstatic bei aller aufregender Vermischung von Postrock, Mathrock und Elektronik früher oft etwas stumpf und dumpf wirkten haben sie den Sinn für Feinheiten entdeckt. Es gibt nicht nur laute und leise Instrumente sondern feinste Abstufungen, an- und abschwillende Pianos die sich langsam und dramatisch in den Vordergrund tasten (White Peak / Dark Peak sollte Trail Of Dead vor Scham rot anlaufen lassen), Gitarren deren Verortung klar auszumachen ist und die sich nur bei Bedarf überschneiden, und einen achtarmigen Drummer der wie alle hier im Gegensatz zur Liveshow dezent zurücktritt um den Gesamtklang in der Balance zu halten. Denn das ist es was sich bei all der Geschwindigkeit und den Berg- und Talfahrten dieses Albums beim Hören letztendlich einstellt, ein gewisses, fast meditatives Gefühl von Entspannung. Vorausgesetzt man kann mit dem Lautstärkeregler umdrehen.

[MP3] 65daysofstatic - Don't Go Down To Sorrow

Platz 11
Marnie Stern - In Advance Of The Broken Arm

Wie aus dem Nichts trat Marnie Stern dieses Jahr in die Musikwelt. Nun, nicht wirklich aus dem Nichts, ihre Gitarrenvirtuosität hat sie mit langer Überei im Schlafzimmer erlernt. Ihr erstes Album jedenfalls ist direkt etwas ganz Besonderes geworden, ansteckend fröhlicher Hyperrock auf 6 Saiten mit bestechenden Melodien und nimmermüder Fingerklopperei die keine Mucker-Angeberei sondern integraler Bestandteil der Musik ist. Dass dazu ein hyperaktiver Zach Hill wie das Tier aus der Muppet Show im Hintergrund abgeht fällt dabei kaum auf, das hier ist die große Marnie Stern Show. [mehr]

[MP3] Marnie Stern - Every Single Line Means Something