70 aus 2007 Teil 9

(Teil 1) (Teil 2) (Teil 3) (Teil 4) (Teil 5) (Teil 6) (Teil 7) (Teil 8) (Teil 10)(Teil 11) (Teil 12)

Platz 22
Les Savy Fav - Let's Stay Friends

Man könnte es Les Savy Fav nicht verdenken wenn sie ganz aufgegeben hätten. Da mühten sie sich jahrelang ohne größeren Erfolg ab, hätten mit Inches schon einen epochalen Schlussstrich unter ihre Karriere ziehen können. Und just als sie eine längere, möglicherweise finale Pause einlegten wurde Post Punk das ganz große Ding, "angular" und "Gang Of Four" unter jeden zweiten Review gepappt. Nur Les Savy Fav, die schienen auf dem besten Weg vergessen zu werden.

Da aber kommt The Equestrian angalloppiert. Smells like leather! Tastes like sweat!! Tie up the horses for a tet-a-tet," röhrt Tim Harrington aus vollem Halse. Sex im Pferdestall? Les Savy Fav are back motherfuckers! Ringelpiez tanzend um alle die erst nach und dann vor ihnen kamen mit Mitsinghymnen wie The Year Before The Year 2000 oder The Lowest Bitter, mit dem düsteren Patty Lee und dem bitteren Comes & Goes (im Duett mit Eleanor Friedberger). Überhaupt hat man nicht den Eindruck dass LSF von irgendwem allein gelassen wuden, die Liste aller Mitwirkenden ist enorm, insbesondere profitieren zwei weitere Songs von den Gesangsbeiträgen von Enons Toko Yasuda. Wie es so treffend heißt am Ende von Pots & Pans: "Let's tear this whole place up and build it up again. This band's a beating heart and it's nowhere near its end."

[MP3] Les Savy Fav - The Equestrian

Platz 21
Deerhoof - Friend Opportunity

Gründe #25, #26 und #27 warum 2007 für mich das ganz große Rockjahr ist: Nicht nur gab es die triumphale Rückkehr von Les Savy Fav und den Beginn der Ära von Future Of The Left, sondern auch ein neues Deerhoof-Album. Diesmal nur zu dritt aber mit Pop wie nie, oder zumindest dem was Deerhoof unter Pop verstehen, süßer Gesang, irrsinniges Getrommel und feine Melodien. Als wäre das auswechselbare Albumcover nicht schon cool genug gewesen zeigen sich Deerhoof auf Friend Opportunity, noch so einer Freundschaftsgeschichte neben LSF, als Trio furioso. [mehr]

[MP3] Deerhoof - +81

Platz 20
Future Of The Left - Curses

JA HALLO? ACH, IHR SEID'S. SORRY DASS ICH SO SCHREIEN MUSS ABER ICH HÖRE GERADE FUTURE OF THE LEFT. JA GENAU, DIE EINZIG WAHREN NACHFOLGER VON MCLUSKY MIT DEM BASSISTEN VON JARCREW UND SYNTHS DIREKT AUS DER HÖLLE. Ah, gerade hört die Platte mal auf mir den Kopf wegzublasen. Also ja, klingt ein bisschen anders, groovt wie Sau und ab und zu kommen aggressiv dröhnende Keyboardklänge hinzu die sich aber bestens einfügen. Ansonsten eigentlich alles beim alten, also großartig. Andy Falkous hat immer noch die angepissteste Stimme in ganz Südwales, die Texte sind immer noch beißend lustig aber nicht richtig böse, die nehmen's halt mit Humor und damit die Noiserock-Geschichte auch nicht so bierernst wie andere. Aber ab geht's immer noch enorm, besonders was es ja eher selten gibt in der zweiten Albumhälfte noch mehr als der ersten, und OH SHIT JETZT GEHT'S GERADE WIEDER LOS RAAAAAAHHH

[MP3] Future Of The Left - Adeadenemyalwayssmellsgood

Platz 19
The New Pornographers - Challengers

Ich hab's glaub ich schon kommen gehört. Mit der Zeit wurde der letzte, sanfteste Track mein Favorit auf Twin Cinema, und Stacked Crooked ergibt dann auch eine sehr gute Segue in das vierte Album von AC Newman und seiner munteren Truppe die hier Unterstützung von gut einem Dutzend delikat eingearbeiteter zusätzlicher Mitspieler erfährt. Es gibt noch mehr Anzeichen dass Challengers, obwohl da nicht so überwältigend bunt nicht so offensichtlich wie alles was davor kam, doch klar das nächste Album der New Pornographers ist. So findet der auf jedem Album andersförmige Lautgesang der versammelten Truppe eine neue Form, nach "Whooo-ooh", "Na Na Na" und zuletzt "Hey Laa" gibt es nun auf dem Titelstück ein "Ooh La" zu hören.

Natürlich sind in jedem Song mehr Melodien, Hooks und Wendungen als ein einziger normaler Song braucht. Kathryn Calders Rolle in der Band wächst enorm, sie singt nicht nur im Hintergrund sondern hat mittlerweile mehr gefühlte Präsenz als Neko Case (was ich nicht bedauere). Dan Bejar steuert wieder mal die einzigen nicht-Newman-Kompositionen bei, darunter das grandiose Myriad Harbour das vielleicht die beste Single des Jahres ist. Twin Cinema war ein Sommeralbum das beim Laufen die Wiesenblumen noch bunter wirken ließ, Challengers erzwingt dagegen nur stellenweise das sofortige Ausflippen, es empfiehlt sich eher Zeit zum richtigen Hinhören. Ein Kopfhöreralbum halt.

[MP3] The New Pornographers - Myriad Harbour

Platz 18
Skull Disco - Soundboy Punishments

Und hier der Grund warum Burial dieses Jahr nicht meine Lieblingsplatte in Richtung Dubstep ist. Die erste CD-Veröffentlichung von Shackleton und Appelblim und ihrem Label Skull Disco. Wilden Percussions die eine stete Unruhe einbringen, da braucht es in Naked noch keinen Beat und man ist schon hellwach, da ist Stalker total elektrisierend ohne dass jemals wirklich etwas "passiert". Obwohl Sam Shackleton spätestens seit seiner Schreckenserzählung des 11. Septembers Blood On My Hands und dessen Villalobos-Remixes (finden sich in dieser Reihenfolge am Ende der ersten und der Anfang der zweiten CD) zu den bekanntesten Köpfen im Dubstep und darüber hinaus zählt spielt Appleblim hier keineswegs die zweite Geige. Er nutzt ebenfalls eine Vielfalt an perkussiven Elementen die im Vergleich nicht so rhythmisch kompliziert angeordnet sind aber ausgefeilter klingen; während Shackleton arabische Melodien und Vocals mit einbringt trifft man auf Appleblims Fear mit Riko einen alten Bekannten wieder und die gemeinsame Geschichte von Grime und Dubstep scheint offensichtlich. Soundboy Punishments chronologiert die bisherigen Errungenschaften eines phänomenalen Duos und lässt für die Zukunft auf Großes hoffen.

[MP3] Shackleton - Naked

Platz 17
M.I.A. - Kala

Keine Frage, wenn sich ein Popalbum dadurch auszeichnet dass es aus vielen einzeln hervorragenden Stücken besteht dann muss Kala mein Popalbum des Jahres sein. BirdFlu, Boyz, Jimmy, World Town, Hussel, XR2, Paper Planes, bei jedem Mal anhören hab ich nachher einen anderen Song den ich zum neuen Favoriten erklären möchte. Drums, Drums an allen Ecken und aus allen Ecken der Welt, wer Drums nicht mag wird Kala kaum mögen können. Besonders Hussel ist zum Mit-Faust-in-der-Luft-nachtrommeln toll, fantastisch bei XR2 ist vor allem der Aufbau und die Variationen die einen zum Refrain hin aufpuschen. M.I.A. selbst kann zwar immer noch nicht gut rappen oder singen, hat aber dafür ein unheimlich gutes Gefühl wie man das Weltkulturerbe zu großer moderner Popmusik verwurstet. Das ist zwar nicht total innovativ und unvergleichlich aber frisch, ungewöhnlich und aufregend, insbesondere auf einem Major.
Dass sich Kala nicht in den Top 10 wiederfindet hat es allein Timbaland zu verdanken der mit Come Around das Ende grauenhaft nach unten zieht, als hätte er keine Ahnung wo er grad reingewandert ist fängt er an seine "Baby girl"-Nummer abzuziehen und das ohnehin schon öde Stück versumpft völlig. Abgesehen vom Finale aber wirklich ein ganz tolles Album.

[Video] M.I.A. - Bird Flu

70 aus 2007 Teil 8

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Platz 28
Psychedelic Horseshit - Magic Flowers Droned

Ich weiß nicht ob ich diese Musik mit Worten hörenswert erscheinen lassen kann. Magic Flowers Droned ist so ein Album das man entweder "versteht" oder nicht und das wissen auch Psychedelic Horseshit, sie nehmen einen nicht sanft an der Hand sondern werfen einen direkt mitten in einen chaotischen Haufen aus Gitarrensoli bei denen keine einzige Note getroffen wird, dröhnigen und blechernen Drumsounds die man mit heimischem Kücheninventar problemlos emuliert kriegt. Matt Whitehurst lässt in dröhnigem, kaum verständlichem Gesang Tiraden gegen Hippies und Raver los, gibt Bad Vibrations ab die zu einer bizarren Surfrocknummer mutieren. Die Krönung der Unhörbarkeit dürfte ein Splitsong sein bei dem zwei verschiedene Stücke gleichzeitig gespielt werden, eins über den linken und eins über den rechten Stereokanal. Ganz großer Below-Lo-Fi.

[MP3] Psychedelic Horseshit - New Wave Hippies

Platz 27
Eluvium - Copia

Prolog. Requiem. Ostinato. Intermission. Wer bei solchen Titeln klassische Orchestralmusik vermutet liegt nicht komplett daneben, Matthew Cooper aka Eluvium zieht ebenso Inspiration aus den Klassikern wie aus modernem Minimalismus. Auf Copia bevorzugt er im Gegensatz zum früheren Einsatz von Gitarrendrones den klaren Klang von Streichern und Hörnern, ein Zurück zur Natur. Und die ist bekanntlich grün, nur selten so bestechend grün wie die schon an Phantastik grenzende Farbe die jedes Mal mein Auge an das Artwork des Albums fesselt. Bei so erhabener, wenngleich mit klaren muskalischen Strukturen doch auch sehr ambienter, Musik bleibt es dann auch nicht aus dass man gedanklich in visuelle Schwärmereien verfällt. Mit Pauken die einem Feuerwerk gleichen beschließt Repose In Blue die magische Stunde fast schon rüde laut, aber irgendwie muss man ja auch wieder ins richtige Leben zurückkehren.

[MP3] Eluvium - Prelude For Time Feelers

Platz 26
Various Artists - After Dark

After Dark, der erste Sampler von Italians Do It Better der es über limitierte Stückzahlen hinaus schaffte, ist so ziemlich der ideale Einstieg in das Label das Italo-Disco jenseits des Atlantiks mit eigener Vision neu zu beleben versucht. Gut die Hälfte der Tracks stammen von den beiden bekannteren Glass Candy und Chromatics, erstere sind u.a. mit Rolling Down The Hills vertreten das vor 2 Jahren zu ihren ersten Gehversuchen mit der Vermischung von Italo und Post Punk gehörte und letztere mit In The City, ihrem besten Song aus diesem Jahr der jedoch nicht auf ihrem Album Night Drive zu finden ist. Daneben finden sich die ebenfalls von Johnny Jewel produzierte Farah mit dem von Mal zu Mal verstörenderen Law Of Life auf dem sie halb Englisch, halb Farsi spricht, die Robotdisco-Beiträge von Mirage (den einzigen echten Italienern hier) mit glänzenden Melodievorhängen und Vocodergesang und die langsam ineinandergreifenden Kompositionen von Professor Genius. Auch wenn da jeder andere Favoriten haben wird ist die Qualität durchgehend exzellent und stimmig, abgesehen von der immer wieder durchscheinenden Lichtblicken bringt einen die übergreifende Stimmung von After Dark immer wieder zu den Synth-Soundtracks von Giallo, 70er Italo- und 80er US-Horror zurück, zu Carpenter und Goblin und Ortolani, einer Technicolor-bunt erleuchteten Nacht in der das Verderben in schwarzen Lederhandschuhen lauert.

[MP3] Mirage - Lady Operator

Platz 25
Between The Buried And Me - Colors

Ich muss sagen dass ich diese Band schon fast abgeschrieben hatte. Wenn jemand nach seiner zweiten Albumveröffentlichung erst ein enorm mittelmäßiges Coveralbum und dann eine sinnlose Neuauflage des ersten Albums herausbringt dann stinkt das schon arg nach Burnout, aber wie es aussieht haben Between The Buried And Me bloß Kräfte und Ideen gesammelt um einen grandiosen Brocken von einem Drittwerk auf die Welt loszulassen. Mit einem wieder mal stark an Queen erinnernden Gesangsintro startet die Reise durch das rastlos einfallsreiche Album das einen erst mal erschlägt, denn trotz der Unterteilung in 8 Tracks ist Colors ein einziges langes Stück. Mit der Zeit erkennt man aber die Strukturen der einzelnen Sequenzen, wie die Galeeren-Drums an Anfang und Ende von Informal Gluttony. Besonders wegen der vielen Wendungen wäre Colors sehr ermüdend wäre es eine einzige bretternde Riff- und Gröhlorgie, aber BTBAM haben wie schon in der ersten Hälfte von Alaska zu hören war genau so sehr ein Interesse an denkwürdigen Melodien und sanftem, manchmal gar folkigem Prog der 60s und 70s, auf Colors kommen noch zahlreiche Einflüsse von Orient bis Wildwest hinzu (die Saloonmusik-Einlage erscheint zunächst völlig albern, ergibt aber tatsächlich Sinn an dieser Stelle). Wohl das einfallsreichste Album des Jahres und ein wahrer Genuss wenn man mit etwas Geschrei ab und an klarkommt.

[Video] Between The Buried And Me - Prequel To The Sequel

Platz 24
Girls Aloud - Tangled Up

Ein Album von Girls Aloud ohne Balladen? Hurra! Das waren doch immer die Tiefpunkte ihrer Platten an denen selbst Xenomanias kunstvoll detaillierte Produktionen uninteressant wirkten. Aber beim ersten Anhören von Tangled Up möchte man seine Worte fast schon zurücknehmen, ohne Verschnaufpause wird man komplett überrollt wenn ein Schlag auf den anderen folgt, wenn die Gitarren im flotten Offbeat swingen oder einfach druckvoll nach vorne treiben. Einen absoluten Übersong wie Biology oder No Good Advice findet man hier zwar nicht, dafür geben die Punktrichter durchgängig 7/10 bis 9/10. Konsistenz, etwas das mir bei anderen Chartpopalben ebenso oft fehlt wie Ideenreichtum. Bei anderen würde ich annehmen dass es ein Zufall ist wie das Intro von Fling nach einem Teleporter aus Star Trek klingt, hier bin ich mir nahezu sicher dass es Absicht ist. Aah ja Fling, wie da nach der zweiten "Strophe" (hier wird mal wieder wie auch bei z.B. Sexy No No No der traditionelle Songaufbau so verkehrt dass es schwer zu sagen ist welcher Teil was ist) der Beat aufs Ende zurasend tiefer und voller wird, wo sonst gibt es solche Feinheiten? Und überhaupt, so eine Hammersequenz wie die mit Black Jacks -> Control Of The Knive -> Fling -> What You Crying For sucht immer noch ihresgleichen, solange die lief konnte ich mich einfach nie von der Musikanlage lösen, lieber wurde die nächste Bahn genommen. Ein gefährliche Sache, so ein Popalbum ohne Balladen.

[Video] Girls Aloud - Sexy No No No

Platz 23
Low - Drums And Guns

Neues Low-Album.. neues Low-Album.. war da nicht irgendwas mit neuem Klang und Drum Machine oder so? Eh, alles vergessen, nach dreimaligem Anhören bleibt einfach ein Low-Album übrig. Das beste seit Things We Lost In The Fire mindestens, auch wenn das bei einer Band mit so durchgängig vielen exzellenten Songs pro Album nicht unbedingt wichtig ist. Alan Sparhawks Stimme schneidet zu spärlicher Instrumentierung tiefe Wunden in Hörerseelen und man möchte einfach nicht dass er aufhört. So schön kann Schmerz sein.

[MP3] Low - Breaker

70 aus 2007 Teil 7

(Teil 1) (Teil 2) (Teil 3) (Teil 4) (Teil 5) (Teil 6) (Teil 8) (Teil 9) (Teil 10)(Teil 11) (Teil 12)

Platz 34
Shocking Pinks - Shocking Pinks

Ich gehe jede Wette ein dass Nick Harte in seiner Jugend so manche New Order-Platte gehört hat. Doch obwohl seine vernebelten Popsongs als Shocking Pinks an diese und andere große britische Bands der 80er erinnern will ein Vergleich nicht so richtig zustande kommen, denn Harte wickelt seine schönen Kompositionen in einen Lo-Fi-Mantel und lässt sie, als wären sie noch nicht schwer genug greifbar, Träumen ähnlich oft einfach vorbeigleiten. Grizzly Bear im Rockgewand? Girl On The Northern Line z.B. wäre im Yellow House kaum fehl am Platz. Shocking Pinks' erste Veröffentlichung bei DFA ist eine vielfältige doch irgendwie kohärente Sammlung von hierfür neu abgemischten Stücken der Alben Mathematical Warfare und Infinity Land welche außerhalb von Neuseeland nur schwer bis extrem teuer zu finden waren, und wer sich fragt warum sowas bitte bei DFA erscheint der spule einfach zu Smoke Screen vor, da kommen nämlich die Kuhglocken (Whoo! Yeah! Uh-huh!).

[MP3] Shocking Pinks - I Want U Back

Platz 33
Melt-Banana - Bambi's Dilemma

Internethandys. 3D-Drucker. Unsichtbare Kleidung. Pizza mit Mayonnaise-Shrimp-Rand. Was einst wie Science Fiction erschien wird immer mehr von der Gegenwart eingeholt, so machen auch Melt-Banana schon seit langem Punk der aus der Zukunft zu kommen scheint. Mit Cell Scape schienen die Japaner vor 4 Jahren den Schritt zu längeren, fassbaren Songs gemacht zu haben, doch bis auf den Psychedelia-Trip von Type: Ecco System heißt die Devise mittlerweile wieder "Kurz, schnell und heftig." Trotzdem ist das 18 Tracks umfassende Bambi's Dilemma zugänglicher als ältere Alben, die Melodien sind eingängiger und die Hooks catchiger geworden. Ein famoses kunterbuntes Spacepunk-Massaker entsteht bei dem die Gitarre von Agata durch eine Parade von Effektgeräten gejagt wird bis die seltsamsten Klänge entstehen, Sängerin Yasukos hohe Vocals sind wie immer auf dem halben Weg zum Gebell und werden sogar im auf den Hund gekommenen Dog Song ganz dazu. Dazu zucken zahlreiche cartoonige Effekte durch die Gegend von denen mich einer, in Crow's Paint Brush (Color Repair), jedes Mal irritiert weil er genau wie eine akustische Fehlermeldung meines PCs klingt. Hat die Gegenwart Melt-Banana vielleicht doch bald eingeholt?

[Video] Melt-Banana - Cat Brain Land (live)

Platz 32
Stars Of The Lid - And Their Refinement Of The Decline

Ein zweistündiges ambientes Meisterwerk dessen makelloser Komposition, Produktion, Stimmung, Epik, Dynamik und Textur ich mit Worten nicht gerecht werden kann. Zen für die Ohren.

[MP3] Stars Of The Lid - Preludes (In C Sharp Major)

Platz 31
Times New Viking - Present The Paisley Reich

Eines der eindrucksvollsten Comebacks der letzten Zeit gab das mehr als nur tot geglaubte legendäre Siltbreeze, das in den 90ern mit Krachmachern wie Dead C und Harry Pussy den US-Untergrund bereicherte. Dieses Jahr brachte das Label aus Philadelphia neben rohem, aufregendem Material u.a. von Sapat, Psychedelic Horseshit, Der TPK und Pink Reason auch das zweite Album von Times New Viking heraus, dem jungen Trio dessen Demoaufnahmen Tom Lax vor 3 Jahren dazu brachten das eigentlich schon zu Grabe getragene Label wiederzubeleben. Das zweite Album war auch schon die letzte TNV-Veröffentlichung dort (in wenigen Wochen erscheint ihr Matador-Debüt), doch zum Abschied gab es nochmal eine geballte Ladung poppigen Noiserock der niedrigen Klangfidelität. [mehr]

[Video] Times New Viking - Little Amps

Platz 30
Handsome Furs - Plague Park

Dan Boeckner hat eine dieser enorm markanten, unverwechselbaren und sofort erkennbaren emotionalen Stimmen die immer Heiserkeit mitschwingen haben, etwas mehr Whiskykonsum und er kann sich in eine Reihe mit Leuten wie Isaac Brock und Paul Westerberg einreihen. Da erscheint es paradox dass sein erstes Album zusammen mit Ehefrau Alexei, eine kanadische Vision von düsterem Folk mit Gitarre, Drum Machine und Synths (stellenweise daher gerade dem neuen Low-Album nicht sonderlich fern), zunächst eine recht flüchtige Angelegenheit ist. Selbst jetzt könnte ich mir kaum alle Stücke auf Plague Park in Erinnerung rufen. Und doch weiß ich mittlerweile um die Qualität dieser subtilen Platte die sich Stück für Stück beim Hören einschleicht, nicht so sehr im Bewusstsein hängenbleibt als tiefer wandert. Die simplen Sounds und Arrangements entfalten mit der Zeit eine ungeahnte Tiefe, gerade in der Ungeschliffenheit liegt ihre Qualität begründet. In ihren Texten graben Handsome Furs die Hässlichkeiten des Lebens in Großstädten und auf dem Lande auf, die oft unter biederen, gar fröhlichen Fassaden verborgenen düsteren Wahrheiten, so stammt der Name des Albums von einem blühenden Stadtpark in Finnland der auf einem Massengrab gebaut wurde. Manchmal trügt der Schein, beim Sehen wie beim Hören.

[MP3] Handsome Furs - What We Had

Platz 29
Electrelane - No Shouts, No Calls

Sollte No Shouts, No Calls wirklich Electrelanes letztes Album bleiben so wäre es ein Abschied auf der Höhe ihres Schaffens und mit spärlichster Instrumentierung. Jeder Anschlag ist mit Bedacht eingesetzt um diese denkwürdigen Melodien zu akzentuieren, Melodien von Songs die Emotionen direkt vermitteln. "Come back to me." "I never want to leave you." "I miss the friends we knew back home." Es ist als müssten sie all das rauslassen was zuvor ungesagt oder hinter obskuren Referenzen verborgen blieb, und das Ergebnis ist nicht weniger als großartig.

[MP3] Electrelane - To The East

70 aus 2007 Teil 6

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Platz 40
Burial - Untrue

Wenn sich in den diesjährigen Besprechungen von Untrue eines gezeigt hat dann dass die Person die am besten über Burials Musik schreiben kann immer noch Burial selbst ist. Daher sei dafür auf die vier oder fünf Interviews verwiesen die er dieses Jahr geführt hat, ich für meinen Teil war vielleicht aufgrund von Überraschungsmangel nicht ganz so begeistert vom zweiten Album wie vom ersten. Aber auch wenn ich die diesjährigen Remixe von Bloc Party und Jamie Woon (aber definitiv nicht Thom Yorke gaah) besser fand als alles hierdrauf minus Archangel, eine der besten, stimmungsvollsten Platten des Jahres von einem derer die die Offenheit, Vielseitigkeit und Unbestimmtheit von Dubstep verkörpern ist immer noch was ganz feines.

[MP3] Burial - Ghost Hardware

Platz 39
LCD Soundsystem - 45:33

Ich war ja bis zu diesem Jahr kein kompletter Fan von LCD Soundsystem. Singles oh ja, Mixe unbedingt, aber das Debütalbum gefiel mir einfach bei weitem nicht so gut. 45:33, ursprünglich eine Auftragsarbeit für den bekannt noblen Kunstmäzen Nike, scheint das Vorurteil zu bestätigen dass LCD Soundsystem im Mix besser rüberkommen. Ein großes langes Spacefunkdancemonster mit 1000 Instrumenten von James Murphy nahezu allein eingespielt, mit Aufs und Abs, Tempo- und Rhythmuswechseln sobald es einseitig zu werden droht und einfach ein enormer Haufen Spaß. Mein Lieblingsteil des für den CD-Release in einzelne Sektionen aufgespaltenen Stückes ist wohl Teil 4, in meinem Kopf "Outer Space" betitelt. Aus dem Instrumental von Someone Great werden dafür nicht nur haufenweise begleitende Bläser aufgefahren sondern es setzt auch noch ein komplettes Trompeten-(oder Posaunen-)Solo. Gen Ende verschwindet der Beat langsam, die Bläser fallen sich organisiert ins Wort, immer wieder dasselber Motiv wiederholend, und gerade als man meinen könnte schon das Ende erreicht zu haben spielen die Trompeten mit neuer Kraft auf, Handklatscher und Percussions fallen mit ein und es geht in die nächste Sektion mit spacigem Vokodergesang. Neben dem Titelstück finden sich auf der CD-Version noch u.a. das großartige Freak Out/Starry Eyes, das im Sinne des vorhergegangenen auch aus zwei distinktiven Einzelteilen besteht aber doch besser als Ganzes gehört wird.

[Stream] LCD Soundsystem - 45:33

Platz 38
No Age - Weirdo Rippers

Gutmöglich die beste, sicherlich aber die herzlichste Liveband dieses Jahr waren No Age. Als ich mir nach ihrem Auftritt in Bonn eine CD und ein T-Shirt am Merchstand holen wollte war der Gitarrist des Duos so erfreut darüber dass ich dachte er würde mich gleich umarmen. Überhaupt scheint die vitalisierte Szene rund um The Smell, den Club in L.A. der auf dem Cover von Weirdo Rippers zu sehen ist, sehr kommunal, mit energetisch punkenden Bands wie Mika Miko, HEALTH, Abe Vigoda, Barr, The Mae Shi oder Silver Daggers von denen in jeder Woche garantiert mindestens eine dort live zu sehen ist. Am meisten Furore machten aber dieses Jahr No Age, mit Songs die rauschig dahergleiten um irgendwann in der zweiten Hälfte melodiös entladen zu werden. Selbst wenn man dieses Prinzip fast überall dort wiederfinden kann wird die Platte nicht langweilig. Bestes Beispiel dafür ist Everybody's Down das mit einem geloopten Gitarrenriff anderthalb Minuten Spannung aufbaut, live sogar noch länger. Da verließ Dean Spunt auch erstmal sein Drumkit um zu singen, kehrte dann für seinen EInsatz zurück und mit dem ersten befreienden Gitarrenanschlag sprang Randy Randall von einem Lautsprecher. Einfach aber denkwürdig. Punkrock anyone?

[MP3] No Age - Neck Escaper

Platz 37
Parts And Labor - Mapmaker

Mapmaker, das dritte Album von Parts & Labor, enthält mit dem konzentriert unruhigen Fake Rain so ziemlich meine Lieblingsperformance des Jahres in Sachen irrsinniges Getrommel, so hörbar physisch dass man sich vorzustellen versucht wie das wohl live aussehen mag. Aber auch die anderen Stücke sind eine schiere Wucht, Drummer Christopher Weingarten prescht mit frenetischem Gespiel voran und auch wenn die Rhythmen etwas vertrackt werden macht er seinen beiden Mitspielern konstant Feuer unterm Hintern. Musikalisch erinnern sie mich am ehesten an Hüsker Dü, besonders der leicht nölige Gesang von B.J. Warshaw und Dan Friel ist nicht ganz un-Mould-ig, allerdings mit in solcherlei flotten Noiserocktrios eher selten gesehenen Zwitschersynths (ein Zufall dass sie mal eine Split-LP mit Battles' Tyondai Braxton aufnahmen?) die aber problemlos mit Saiteninstrument und Schlagzeug mithalten können und der Musik eine sehr eigene Klangfarbe verpassen. [mehr]

[MP3] Parts And Labor - Fractured Skies

Platz 36
Arcade Fire - Neon Bible

Es gibt bei singulären Bands wie Arcade Fire die einen von Anfang an überwältigen und zu schwer in Worte zu fassenden Schwärmereien verleiten - im Gegensatz z.B. zu The New Pornographers bei denen man sich immer A.C. Newmans songschreiberischen Handwerks bewusst ist und weiß warum sie so gut klingen - diesen kritischen Punkt. Da beginnt man nicht mehr nur die Musik sondern auch den Menschen hinter der Musik zu hören, die bewussten Entscheidungen, das Handwerk, die Einflüsse. Da kann einiges an Zauber verlorengehen, und so ein kritisches Album ist Neon Bible. Man hört die Stadionrockeinflüsse, wie die Kanadier ihre Stärken wie z.B. Win Butlers Stimme richtig einsetzen, für große Momente bewusst zur großen Orgel greifen. Aber die Feuerprobe ist überstanden, Neon Bible ist ein verdammt gutes Album geworden. Meiner Meinung nach sogar eines das besser als Album funktioniert als Funeral, während ich bei letzterem anfangs und mittlerweile wieder lieber zu den Highlights griff ist der Zweitling wie aus einem Guss, ausgezeichnet sequenziert und belohnt das Durchhören mehr als das einzelne Anspielen.

[MP3] Arcade Fire - Black Mirror

Platz 35
Chromatics - Night Drive

Nach ewig langer neues-Mp3-auf-Myspace-Stellerei und dadurch stetig angewachsener und gespannter werdenden Fangemeinde brachte das Portlander Trio Chromatics im Herbst endlich sein erstes Album heraus. Nun, genau genommen gibt es die Band "The Chromatics" schon seit Jahren, aber in dieser Konstellation und besonders mit diesem Sound klingen sie so anders dass man eigentlich von einer neuen Gruppe sprechen muss. Wie Glass Candy wanderten sie stilistisch von No Wave zu Italo-Disco, allerdings kommen einem beim Anhören von Night Drive kaum glamouröse, glitzernde Tanzflächen in den Sinn. Vielmehr ist es eine düstere, melancholische Odyssee, stimmungsvoll dank Ruth Radelets zugleich klar und kehlig erscheinender Stimme, Adam Millers minimalistischen Gitarrengeknatters und mit Johnny Jewels metikulöser Produktion sorgfältig texturiert. Ein Album das einen langsam in seinen Bann zieht und den Tag zur Nacht macht.

[MP3] Chromatics - Healer