70 aus 2007 Teil 5

(Teil 1) (Teil 2) (Teil 3) (Teil 4) (Teil 6) (Teil 7) (Teil 8) (Teil 9) (Teil 10)(Teil 11) (Teil 12)

Platz 46
Alcest - Souvenirs D'un Autre Monde

Außerhalb von On- und Offline-Publikationen die sich Gitarrenmusik der härteren oder düsteren Gangart verschrieben haben wird man von diesem Album nicht sonderlich viel gelesen haben, dabei entspricht der hinter Alcest stehende Franzose Neige dem Klischee der rostige Nägel fressenden Kreatur der Nacht so gar nicht. Stattdessen offenbart das ausklappbare Digipack wunderschöne grüne Wälder, eine Frühlingslandschaft die ein Genuss für jeden Naturromantiker ist. Musikalisch setzt Neige zwar neben seiner vom Boden losgelösten Stimme vor allem auf E-Gitarren, doch sind deren einzelne Anschläge kaum auszumachen, sie werden so auseinanderverzerrt dass sie verwaschen, zu einer prickelnden Gitarrengischt werden. Ähnlich wie bei Jesu aber euphorischer erstrecken sich diese metallischen Shoegaze-Wellen über den Großteil des Albums, nur am Ende, beim grandiosen Tir Nan Og, muss nichts mehr elektrisch verzerrt werden. Jede Erinnerung an Metal ist verschwunden, übrig bleibt ein zarter Elfentanz im Grünen.

[MP3] Alcest - Souvenirs D'un Autre Monde

Platz 45
Animal Collective - Strawberry Jam

Wie schon mal erwähnt ist Strawberry Jam für mich das etwas enttäuschende Animal Collective-Album zu sein, so wie jeder AC-Fan irgendein Album zu haben scheint mit dem er nicht so klar kommt wie mit den anderen. Für mich liegt das hier vor allem an Feels bei dem ich die Vocals einfach mehr mochte, an den neuen Songs die AC live spielten und am Album von Panda Bear, im Vergleich zu allen dreien macht mir dieses Album einfach nicht auf voller Länge Spaß. Die Hälfte der Songs die ich mag mag ich jedoch enorm, vom cartoonig zum Wippen verleitende Peacebone über Fireworks' sanfte Explosionen bis zu Dereks Cheerleaderdrums sind hier ein paar meiner absoluten Lieblingsstücke des Jahres und des Kollektivs drauf. Auf noch mehr Glück beim nächsten Mal.

[Video] Animal Collective - Peacebone

Platz 44
Sally Shapiro - Disco Romance (US-Version)

Lange habe ich gebraucht um meinen inneren Discoschweinehund zu überwinden und die stampfenden Beats von Johan Agebjörn nicht mehr instinktiv mit grottigem Schlager zu assoziieren, doch ist es letztendlich gut dass ich erst so spät zu Sally Shapiro gefunden habe. Denn auf der zunächst in Europa erschienenen Fassung von Disco Romance waren die von Roger Gunnarsson co-geschriebenen neuen Stücke Jackie Jackie und He Keeps Me Alive gar nicht drauf, dabei sind das meine absoluten Favoriten durch die ich überhaupt erst dieser Musik verfiel.

Dabei hätte Sally Shapiros Stimme schon genügen müssen, man höre sich nur mal zum Vergleich die Originalfassung von Anorak Christmas an um zu erkennen wie viel Seele die pseudonyme Schwedin ihnen einhaucht. Währenddessen machen Agebjörns funkelnde Produktionen die instrumentale Seite herausragend, besonders in der zweiten Hälfte ab Anorak Christmas hellt sich das Album trotz Shapiros Neurosen und Melancholie immer wieder auf, erinnert mit den gesprochenen Segmenten auch mal an die Eleganz von Saint Etienne. Schon wenn ich höre wie beim zweiten "Jackie Jackie" im Refrain die Geigen einfallen bin ich wieder hin und weg, diese schwedische Sternstunde ist schlechthin mein Winteralbum 2007.

[MP3] Sally Shapiro - He Keeps Me Alive

Platz 43
A Sunny Day In Glasgow - Scribble Mural Comic Journal

Ein weiterer Grund warum ich Jahresendlisten besonders für Musikblogs die öfters neue Bands vorstellen alles andere als überflüssig finde ist dass man so mal Gelegenheit kriegt von der täglich frischen Hinweiserei Abstand zu nehmen und rückblickend die auch langfristig hörenswerte Musik hervorheben kann. Wenn man meine Archive der letzten 2 Jahre durchstöbert findet man garantiert so einige Bands die hier einmal erwähnt wurden und dann nie wieder, sei es weil dieser eine tolle Song nach drei Wochen gar nicht mehr so toll klang oder weil es etwas anderes ist ein, zwei tolle Mp3s ins Netz zu stellen als ein ganzes tolles Album zu machen. Nun, hier sind mal welche die es geschafft haben. A Sunny Day In Glasgow haben seit dem letzten Jahr ein ganzes Album voller ungewohnter Harmonien, schwer vorhersehbarer Melodieläufe und Songstrukturen fertiggestellt das nicht anstrengt sondern in anmütige Trance versetzt. Zwar erinnert das Trio so teilweise an Daydream Nation oder Shoegaze der besten Art, doch zum "Wall of noise"-ähnlichen Ausbruch kommt es nur am Ende von Track 12. Und auch nur ähnlich, wie die Stimmen der singenden Zwillingsschwestern muss dieser Ausbruch zurückstehen hinter den leisen Tönen im Vordergrund, den fabelhaften, heimlichen Melodien.

[MP3] A Sunny Day In Glasgow - The Best Summer Ever

Platz 42
The Apples In Stereo - New Magnetic Wonder

Das beste Argument für die Wichtigkeit von Alben. Ohne die vielen kurzen Zwischenspiele, Übergänge und Experimente zwischen den Songs würde Robert Schneiders Großwerk als kaum mehr wirken als eine Ansammlung von ganz netter 60s beeinflusster Popnummern mit psychedelischem Einschlag, eben das was man von einer Elephant6-Band erwarten würde. Aber in seiner Ganzheit wird das Album mit dem furchtbaren Cover zu mehr als der Summe seiner einzelnen Stücke, zu einem Meisterwerk aus Athens mit Mellotron und emotionaler Tiefe. [mehr]

[MP3] The Apples In Stereo - Energy

Platz 41
Dinosaur Jr. - Beyond

Es war bereits vor zwei Jahren beim "Monsters of Spex"-Festival zu vermuten dass die Reunion von Dinosaur Jr. weder kurzlebig noch überflüssig war. Neben der Sorge um nahenden Hörschaden raunte ein angenehmes, zustimmendes Schaudern durch die Menge als J Mascis den Gitarrenhals packte, ohne Rücksicht auf Verluste das Pedal durchtrat und zum ersten Gniedelsolo ansetzte. Jepp, sie hatten's noch drauf, und mit Beyond zeigen Lou, Murph und J dass sie auch sonst nichts verlernt haben. Als hätten sie sich nie getrennt setzt das Album auch qualitativ an die alten Großtaten an, ob Mascis nun bedächtig introvertiert, auf dem Gitarrenbrett rumtanzt oder einfach mit voller Kraft nach vorne brettert. Hätte ich kein visuelles Gegenargument gesehen, ich könnte vermuten dass da jemand einen Jungbrunnen entdeckt hat.

[MP3] Dinosaur Jr. - Been There All The Time

Weihnachten Mit Mark E Smith

Nein, dies ist nicht noch ein Link zu einem mehr oder weniger ernst gemeinten Weihnachtslied, vielmehr scheint sich Mark E Smith langsam seinem Alter entsprechend zu verhalten und wird für die BBC zum Erzählerbrille tragenden Märchenonkel. Die Weihnachtsgeschichte die er gewohnt grantelig vorträgt ist aber natürlich kein 08/15-Herzerwärmer sondern stammt von einem Herrn dessen Werke auch auf Smith einen großen Einfluss hatten: Howard P. Lovecraft.

70 aus 2007 Teil 4

(Teil 1) (Teil 2) (Teil 3) (Teil 5) (Teil 6) (Teil 7) (Teil 8) (Teil 9) (Teil 10)(Teil 11) (Teil 12)

Platz 52
Ben Frost - Theory Of Machines

Ben Frost ist zwar Australier, lebt und arbeitet aber in Island - und das hört man auch. Denn obwohl er eine Affinität für Noise hat (eins seiner Stücke heißt We Love Michael Gira, benannt nach dem Kopf der New Yorker Swans) beschwört er mit seinen Kompositionen weniger das Bild eines dunklen Kellers oder leerstehender Fabrikhallen herbei als das weiter, offener Landschaften. Musik die einen völlig umgibt, mit Spannungsbögen so groß wie Mogwais und von einer Dimension die vielleicht entstanden wäre wenn man Sigur Rós' düsterste Momente auf () quadriert hätte. Musik so vielschichtig dass man gerne lauter macht um alles aufzunehmen, bis man so unnatürliche Klänge hört dass man daran zweifelt ob man nicht gerade seine Lautsprecher geschrottet hat. Musik ohne Melodie und ohne Mensch. Wunderschöne Maschinenmusik.

[Stream] Ben Frost - Diverse Songs

Platz 51
Sambassadeur - Migration

Mein Verhältnis zu schwedischem Gitarrenpop ist gespalten: Ich höre zwar durchaus bei all den Bands die ich eigentlich mögen müsste die richtigen Melodien, Rhythmen und Strukturen, doch irgendwie ist mir die Musik letztendlich auf Albumlänge egal. Bis zu Sambassadeur. Genau so wie ich nicht weiß was die anderen "falsch" machen weiß ich nicht was diese Musik anders macht, warum sie auf mich substantieller wirkt. Migration macht strukturell alles richtig, nachdem mit dem Doppelknall von Subtle Changes und That Town (mit dem brummenden Chor im Hintergrund und der gezupften Melodie einer meiner absoluten Lieblingssongs des Jahres) die offensichtlichen Highlights am Anfang stehen wechseln sich immer ein langsames und ein schnelles Stück ab so dass keine Längen entstehen. Besonders denkwürdig werden die eingängigen Melodien durch den seufzenden, fast schon nebligen Gesang von Anna Persson, auch der nicht ganz alltägliche Einsatz eines Saxophons und die fast wie dünnes Holz klingenden Saiteninstrumente geben der Musik einen sehr eigenen Klang. Gefällt mir noch besser als das letzte Album von Camera Obscura.

[MP3] Sambassadeur - Subtle Changes

Platz 50
Dälek - Abandoned Language

Auch im 10. Jahr ihres Bestehens spielen Dälek mit ihrer Vision von Hip Hop in einer eigenen Liga. Atmosphärisch dicht mit Musik die Metal ebenso einarbeitet wie Electronica, die den Vocals weder unter- noch übergeordnet ist sondern Seite an Seite steht, mit monotonen Beats die weder träge versumpfen noch platt aggressiv rumstampfen. Und immer noch packen sie einen wie beim ersten Anhören, immer noch suchen sie neue, andere Klänge, immer noch habe ich keine Ahnung worüber MC Dälek rappt außer das Gefühl dass es nicht gerade fröhlich ist. Dass man seine Texte nachvollzieht scheint Dälek auch nicht extrem wichtig zu sein: Im Booklet sind sie in durchsichtiger Schrift gedruckt die man nur mit viel Mühe entziffern kann wenn man sie im richtigen Winkel ins Licht gehalten kriegt, sie gehen in den farbmanipulierten Fotos auf wie es Däleks Stimme in der Musik ergeht. Düstere Symbiose.

[MP3] Dälek - Paragraphs Relentless

Platz 49
Jesu - Conqueror

Ich glaube fast ob man Conqueror gut findet hängt vor allem davon ab ob man den Klang einer Gitarre mag. Nicht irgendeiner Gitarre, sondern der von Justin Broadrick alias Jesu. Lang angehaltene Töne, wenige Anschläge, und ein Hall der über jeden Baggersee reichen könnte. In Jesus herrlich dicht texturierten und detaillierten Arrangements werden die Höhen, mit Broadricks Gesang und ambienten Elektroklängen, wie die Tiefen und was darüber liegt, mit wuchtigem Bass-Gitarre-Doppelklang, bedient. Das ergibt einen Effekt wie man ihm vom Shoegaze kennt, dass man beim Höern immer wieder dazu neigt in die Ferne zu starren (oder natürlich klischeemäßig auf die eigenen Schuhe), aber verdammt, diese Platte rockt auch einfach ganz mächtig so dass man mit jedem Anschlag den Arm schwingen und den Nacken wippen lassen will. [mehr]

[MP3] Jesu - Old Year

Platz 48
Nicole Atkins - Neptune City

Nicole Atkins hat eine große Stimme und große Träume. Auf ihrem Debütalbum schneidert sie beides in Songform, so grandios orchestriert dass ein Duett mit Rufus Wrainwright nicht weit sein kann. Sie führt amerikanische Traditionen zusammen, Surfpop trifft Americana trifft Roy Orbison trifft Springsteen. Dass die Popjuwelen auf diesem Album immer auch einen düsteren Unterton haben findet sich in den Texten wieder, wie wenn Atkins im Titelstück Abschied von ihrem Zuhause nimmt und noch einmal all die Orte besucht, physisch oder im Geiste, an denen sie aufgewachsen ist: "I'll come down, walk around a while, until I'm sure I can never go home again." Rick Rubin überarbeitete die Produktion des Albums komplett als er feststellen musste dass Atkins' Stimme an Stellen wie diesen von Streichern nicht begleitet sondern erdrückt wurde, und auch wenn ich ansonsten kein großer Fan des Mannes bin bin ich ihm dafür sehr dankbar. Denn diese Stimme gehört ins Scheinwerferlicht.

[MP3] Nicole Atkins - The Way It Is

Platz 47
The Go! Team - Proof Of Youth

Ich scheine einer der wenigen zu sein der froh ist dass The Go! Team auf ihrem zweiten Album nicht groß anders klingen als auf Thunder Lightning Strike. Meine Befürchtung war ein Album mit vielen langsamen Songs und neuem, reduzierten Klang über den die Erfolgsformel vergessen wird. Aber Ian Parton und Kohorten sind den schlauen Weg gegangen und haben einen berauschenden Zweitling geschaffen der so nervig dröhnt wie eh und je. Klar sind die langsamen Songs wie das die Melodie eines Kinderprogramms sampelnde Wohlfühl-My World und das die Tonleiter ähnlich wie of Montreals Suffer For Fashion abwärts gesungene I Never Needed It So Much gut und wichtige Verschnaufpausen für die Ohren, ganz nett wäre es auch gewesen wenn das instrumentale The Ice Storm da noch irgendwo zwischen gepasst hätte, aber ich will von einer Go! Team-Platte vor allem Samples galore zu Arschwackelrhythmen, Cheerleader und Kinderchöre, bretternde Gitarren und hüpfende Xylophone. Das alles liefert Proof Of Youth mit nach wie vor tollen Hooks, und am Ende kommt noch kurz Chuck D auf Amok laufenden Geigen vorbeigeritten und legt die Bude in Schutt und Asche. Ich könnte mir Schlechteres vorstellen.

[Video] The Go! Team - Grip Like A Vice

The Mae Shi Heute Abend Im Livestream

Nicht nur hier drüben, sondern auch in den USA gibt es Seiten die ähnlich wie Fabchannel Konzerte live im Internet übertragen. Normalerweise hat man da als Europäer jedoch das Problem der Zeitverschiebung, wenn drüben der erste Akkord angeschlagen wird schläft hier der arbeitstätige Mensch schon längst. Anders ist das beim heutigen Konzert von The Mae Shi, die spielen nämlich am dortigen Mittag in einer Schule in L.A. was bei uns 10 Uhr Abends entsprechen müsste. Wer also die Choral-Punks nicht bei ihrem einzigen Deutschlandkonzert am 25. Januar in Berlin sehen kann (grmbl) könnte sich mal an folgendem Link versuchen. Ich bin mir allerdings selber noch nicht ganz sicher wie genau das funktioniert, wird man vermutlich heute Abend dann sehen.

The Mae Shi auf Stickam

70 aus 2007 Teil 3

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Platz 58
Do Make Say Think - You, You're A History In Rust

Eine etwas abgelegene Scheune oder Hütte in den Bergen Kanadas, kühle Herbsttage, alte Freunde kommen zusammen um bei Kaminfeuer, zwischendurch darüber geräuchertem tagsüber gefangenen Lachs essend und wenig aber starkes Bier trinkend, zusammen zu musizieren und die Freude am beisammen sein auf Tonträger einzufangen. So zumindest stelle ich mir vor liefen die Aufnahmen zu Do Make Say Thinks fünftem Album You, You're A History In Rust ab, denn so unbemüht und gemeinschaftlich klingt diese Platte. [mehr]

[Video] Do Make Say Think - A Tender History In Rust

Platz 57
Ulrich Schnauss - Goodbye

Ulrich Schnauss kreiert auf Goodbye weiterhin Traumwelten in denen sich Shoegazer, Dreampop- und Elektronikfreunde treffen, doch ist hier alles dichter geworden, oft nah dran am zweiten Album von M83. Shoegazige Klangwände und -wellen werden aufeinander geschichtet, die Songs sind mit so vielen herrlichen und feinen Details versehen dass sie anfangs verdrehterweise stumpf wirken können. Dabei sind sie emotional geladen, melancholisch, packend, alles nur nicht stumpf. Man möchte lauter drehen um mehr und mehr Facetten wahrnehmen zu können, und dank Schnauss' exzellenter Produktion wird man dafür auch nicht bestraft. [mehr]

[MP3] Ulrich Schnauss - Stars

Platz 56
Ricardo Villalobos - Fabric 36

Ich fürchte ich bin seit Fizheuer Zieheuer in Sachen Ricardo Villalobos permanent geschädigt. Das erste was ich mir nach dem Durchhören von Fabric 36, dem Solomix/Album, dachte war "Nur 10 Minuten? Der Track war viel zu kurz!" Tatsächlich kann man mit etwas Sucherei eine doppelt so lange Version von Primer Encuentro Latino-Americano (das auf einem traditionellen Chilenischen Folksong basiert) online finden, doch hätte die beim besten Willen nicht mehr auf die proppevolle CD gepasst. Der 14. von 15 Tracks ist mit seinem sonnigen Gesang so euphorisierend dass es fast egal sein könnte was davor kam, doch Villalobos schafft es den Weg zu diesem Höhepunkt nicht lang oder langweilig erscheinen zu lassen. Ob Vocals, Percussions oder Schwingröhren, immer wieder schaut irgendwas vorbei das einen aufhorchen lässt, besonders das finstere Andruic & Japan in der Mitte von dem an sich allmählich die Stimmung wieder aufhellt, und wenn der Mix mit Chropuspel Zündung langsam ausklingt fühlt man sich auch im Winter wie nach einem sanften Sommerspaziergang.

[Video] Ricardo Villalobos - Farenzer House

Platz 55
Field Music - Tones Of Town

Field Music waren schon 2005 die tightere, einfallsreichere der neuen britischen Gitarrenbands. Und die weniger bekannte. So ist es leider auch konsequent dass sie dieses Jahr das beste aller zweiten Alben in Sachen UK-Indie herausbrachten ohne dass es groß auffiel. Sicher, die (öfters an XTC erinnernden) Melodiebögen sind nicht oft so offensichtlich dass man direkt Feuer und Flamme dafür ist, die Stücke wandern auf Pfaden die die eine oder andere Wendung machen. Doch wenn man sich mal ein kleines bisschen mehr Zeit nimmt sieht man schnell wie schön alles letztendlich zusammenkommt, wie die mit Bedacht eingesetzten zusätzlichen Instrumente mehr als bloße Zierde sind und damit dem Klischee vom einfallslos produzierten Zweitwerk trotzen. Schade dass die Besten nicht immer gewinnen.

[MP3] Field Music - Sit Tight

Platz 54
Modest Mouse - We Were Dead Before The Ship Even Sank

Viel wurde im Vorfeld draus gemacht als Johnny Ex-Smith bei Modest Mouse einstieg. Ist auf Platte letztendlich was davon zu hören? Kann irgendwer sagen welche Gitarrenparts von Marr sind, welche von Eric Judy und welche von Isaac Brock? Eher nicht. Hörbar mehr hat Marr zur Produktion beigetragen, denn die ist poliert wie nie. Gewohnt bärbeißig hingegen ist zumeist Brock, der Mann mit den erstaunlich vielen verschiedenen Stimmen. Ob er sich passend zum Album mit dem nautischen Thema den Bart von Kapitän Haddock zugelegt hat ist fraglich, aber wenn er einmal losbellt könnte er auch hunderttausend jaulende Höllenhunde in die Flucht schlagen. Auch Sänfte offenbart er, Unruhe, Entspanntheit, nur für die besonders poppigen Refrains hat er sich mit James Mercer von The Shins die prominente Unterstützung geholt die den deutlicheren Einfluss auf den Klang der jeweiligen Songs hat. Es ist (neben dem Songwriting natürlich) der hervorragende Einsatz der Ressourcen, das Ergebnis der Zusammenarbeit von Leuten die mittlerweile einfach wissen was sie machen, die dieses Album so gelungen machen. Wem allerdings das davor schon zu wenige Kanten hatte der sollte besser so tun als wäre das hier eine andere Band die zufällig auch den Namen Modest Mouse trägt.

[Video] Modest Mouse - Dashboard

Platz 53
Working For A Nuclear Free City - Businessmen & Ghosts

Wo andere Bands schon Schwierigkeiten haben ein einziges Feld gut zu bearbeiten muss es noch eindrucksvoller erscheinen dass Working For A Nuclear Free City einen regelrechten Haufen an Einflüssen aufzählen können (u.a. Krautrock, Wave, Dance, Folk, Psychedelia und Madchester) aus denen sie aber wie ihre Labelkollegen Fujiya & Miyagi oder die schwedischen Studio höchst kompetent ihr eigenes Ding machen. Und wie um ihre Ambitioniertheit zu untermauern packten die Engländer nicht nur ihr Debütalbum, eine EP und zahlreiche neue Songs auf ihre 2 CDs starke erste US-Veröffentlichung sondern machten auch noch durch Umordnung ein einziges neues Album daraus. Und das erfolgreich, dadurch dass sie ihr vorher stilistisch abgestecktes Gebiet nicht weiter ausdehnen verdichten sie es mit sanfteren Übergängen zwischen den Extremen und lassen Businessmen & Ghosts als ein gehaltvolles Ganzes wirken mit dem man lange seinen Spaß haben kann.

[MP3] Working For A Nuclear Free City - All American Taste

70 aus 2007 Teil 2

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Platz 64
Stars - In Our Bedroom After The War

Das war eins dieser Alben die ich gerne mehr gemocht hätte. Der Anfang, wieder ein gesprochenes Intro, der langsame Auftakt mit The Night Starts Here bei dem man die Sterne am Firmament funkeln hören kann gefolgt vom seeligmachenden Refrain von Take Me To The Riot, das versprach einen Klassiker. Auch im letzten Drittel des Albums findet sich viel Gutes, von Bitches In Tokyo bis zum großen Choral als Finale. Nur dazwischen, da will die Platte nicht so recht abheben, obwohl ich The Ghost Of Genova Hights mit dem tollen Falsetto auch enorm mag, aber irgendwo bleibt meine Begeisterung jedes Mal eine Weile auf der Strecke. Trotzdem kriegen Stars letztendlich kein nicht gutes Album zustande, klar, sie sind ja immer noch aus Kanada.

[MP3] Stars - The Night Starts Here

Platz 63
Boris & Michio Kurihara - Rainbow

Wenn die Musikfachpresse für 2008 das erste Boris-Album seit Pink ankündigt muss man sich schon schwer zurückhalten um nicht amüsiert loszuprusten. Zwar liegt dessen Erscheinen in Deutschland erst 19 Monate zurück, doch in der Zeit brachten die drei produktiven Japaner unter anderem das Album Vein (in zwei Versionen mit völlig verschiedenem Musikinhalt), die EP Damaged, die erweiterten Ausgaben von Altar und Dronevil, das Livedoppelalbum Rock Dream mit Merzbow und in Kollaboration mit Ghost-Gitarrist Michio Kurihara Rainbow heraus. Klar ist es nicht einfach da mitzuhalten, aber meistens lohnt es sich, insbesondere bei letzterer Veröffentlichung. Das eher für Drones oder harten, schnellen Garagenkrach bekannte Trio wird bei dieser Zusammenarbeit so langsam und ruhig wie selten, eine spürbare Wärme unterliegt den Wanderungen die die verkrusteten Gitarrensaiten unternehmen, selbst wenn sie in psychedelische Sphären abheben.

[Video] Boris & Michio Kurihara - Rainbow (live)

Platz 62
Menomena - Friend And Foe

Von Anfang bis Ende vollgestopft mit fein ausgearbeiteten Ideen, Details bis zum geht nicht mehr so dass einem auch nach stundenlanger Beschäftigung noch Neues auffällt und dabei doch nicht überdacht wirkend sondern zugänglich und eindrucksvoll. Das könnte genausogut Craig Thompsons brillantes Coverbild beschreiben dem man durch Rotieren der CD die eingestanzten Löcher mit verschiedenen Zeichnungen und Symbolen füllen kann, aber auch Menomenas Musik weiß trotz aller Komplexität zu bewegen, selbst wenn die Texte abstrakter werden. Ein Beweis dass Melancholie auch anders wirksam transportiert werden kann als allein mit einer Akustikgitarre.

[MP3] Menomena - My My

Platz 61
Klaxons - Myths Of The Near Future

Tja was soll ich sagen, ich mag diese Platte mit all ihrem Eskapismus, der wilden über-den-Haufen-Werferei von Sci-Fi, Fantasy, klassischen Mythen und Okkultismus die die kreativen Köpfe dahinter eigentlich als enorme Geeks auszeichnen müsste. Das haben sie aber gekonnt mit einem Schlagwort zu überspielen gewusst, bis Radiohead ankamen war die Kreation von "Nu Rave" der größte PR-Trick des Jahres und die Briten wurden so lange der Hype anhält zu Rockstars. Ironie des Schicksals dass das einzige interessante Nu-Rave-Album am wenigsten von allen Rave ist. [mehr]

[Video] Klaxons - Golden Skans

Platz 60
Johnny Boy - Johnny Boy

Es war 2004 als Johnny Boy mit You Are The Generation That Bought More Shoes And You Get What You Deserve eines der wunderbarsten Singledebüts aller herausbrachten. Danach war es still. Lange, lange Zeit. Das selbstbetitelte Debütalbum kam nicht nur wegen Veröffentlichungsproblemen erst in diesem Jahr heraus, im Popgeschäft ist das mehr als eine halbe Ewigkeit. Aber wenn Johnny Boy sich um eines nicht scheren dann ums Geschäft, lieber wollten sie sich Zeit nehmen bis sie genug gutes Material für ein Album zusammen hatten als auf die Schnelle etwas auf den Markt zu werfen. Doch der Markt ist nicht geduldig, und so ging, obwohl das eröffnende You Are.. so gut klingt wie beim ersten Mal, das zu lange erwartete Album dann ziemlich unter.

Auf Johnny Boy plündert das Duo mit beispielloser Dreistigkeit die Pophistorie, Samples an allen Ecken und Enden der aus bis zu 126 Spuren bestehenden voluminösen Tracks, wäre das Album 2004 erschienen hätte das ne tolle Double Bill mit The Go! Team ergeben. Jedoch sind Johnny Boy nicht auf naiven Spaß aus, im Gegenteil zieht sich das Thema Konsumkritik durch das gesamte Album, ein starker Kontrast zu den opulenten Produktionen. Ein perfektes Album ist es trotz der langen Arbeit leider nicht geworden, allerdings werde ich als ansonsten sehr auf komplette Alben fixierter Hörer mal ausnahmsweise empfehlen die Tracks Nummer 2, 6 und 7 aus der Playliste zu streichen. Denn ohne die mäßig erfolgreichen Downtempo-Nummern bleibt zwar nur ein Minialbum übrig, aber das ist dafür ein einziger manischer Poprausch wie es dieses Jahr keinen zweiten gab. Und der passt auch dank einer Vorliebe für die überlebensgroße Wall of Sound mit überschwänglichen Bläsern und Glocken und vielen vielen Ooohs und Aaahs und Uu-huu-huuuhs verdammt gut in die Weihnachtszeit, doppelt so sehr wegen Titeln wie War On Want.

[Video] Johnny Boy - You Are The Generation That Bought More Shoes And You Get What You Deserve

Platz 59
Dan Deacon - Spiderman Of The Rings

Kombinierte Superhelden- und Fantasy-Referenz im Titel: Nerd Alert! Obwohl wenn man ganz genau ist der Spinnenmann ja mit einem Trennstrich geschrieben wird, ähem. Jedenfalls würde sich Dan Deacon ganz gut in einer Realverfilmung der Simpsons in der Rolle des Comicladenbesitzers machen, doch er zieht es vor das düstere Baltimore, die Stadt mit der zweithöchsten Verbrechensrate der USA, abends zur buntesten Partystadt der Welt zu machen. Mithilfe von quietschig bunten synthetischen Sounds haut er ordentlich auf die Kacke, wen schon der Gedanke an ein Stück das auf Woody Woodpeckers Cartoonlache basiert annervt der sollte Spiderman Of The Rings lieber fern bleiben. Deacon ist mit seiner Begeisterung für schräge Cartoonpartys jedenfalls nicht alleine, mit seinen Schwestern und Brüder im Geiste hat er sich zur Künstlergemeinschaft Wham City zusammengeschlossen; ihnen gewidmet ist das gleichnamige Highlight dieses Albums in dem ein Chor von einem Fantasieland singt in dem Gold aus Brunnen fließt und alle Tiere Hand in Hand fröhlich feiern, ein Disneyfilm in Neonfarben. Die psychedelisch-kindliche Begeisterung ist ansteckend, auch für Erwachsene. Whee!

[MP3] Dan Deacon - The Crystal Cat

Video: Shout Out Louds - It's Possible (Impossible Remix by Studio)



Ich glaube ich hab nun alle der zunehmend häufig auftauchenden Remixe von Studio gehört, mein Favorit bleibt dabei aber weiterhin der kürzeste und poppigste, die negierte Version von Impossible von ihren Landsmännern Shout Out Louds. Nicht nur wird der Text des Refrains in einer entscheidenden Silbe geändert, auch wird die Stimme so modifiziert dass sie mehr nach der von Robert Smith klingt - ein Effekt der auch auf West Coast eintritt, dort allerdings ganz natürlich. Auch das Video zu It's Possible ist ein Remix, vom Regisseur des Originals selbst angefertigt, und macht analog zum Song das Unmögliche möglich.

[Video] Shout Out Louds - It's Possible (Impossible Remix by Studio)

Zum Vergleich das Original:

[Video] Shout Out Louds - Impossible