70 aus 2008 Teil 9

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Platz 14
Johnny Foreigner – Waited Up Til It Was Light

Birmingham ist vielen Berichten zufolge die langweiligste Stadt Englands. Johnny Foreigner, die in den wenigen Tagen die sie dieses Jahr nicht tourten dort leben, können davon mehr als ein Lied singen: “Why'd you want to live here if there's nothing but housing?” heißt es zum Beispiel in Cranes And Cranes And Cranes And Cranes, doch ihre Musik, die ist wie um einen Gegenpol zu bilden das absolute Gegenteil von langweilig. Als gäbe es kein Morgen feuert das Trio auf Waited Up Til It Was Light Adrenalin und Gummibärchen aus allen Zylindern, mit vergnüglich-rasanten Riffs, Singalongs und Shouts zwischen Sänger und Bassistin und einer unheimlichen Menge an kleinen instrumentalen Verspieltheiten die man bei dem hektischen Tempo der Songs zunächst kaum wahrnimmt.
"Doppelt so viel spielen bei doppelter Geschwindigkeit” scheint die Devise zu sein wenn sich Stücke wie Sometimes, In The Bullring am Rande der Hysterie zu überschlagen drohen. Die vielen Drehungen auf kleinem Raum würden sich anderswo zu einem ernsten, angestrengten (oder noch schlimmer, Foals-mäßig möchtegern-anspruchsvollen) Gesamtbild summieren, bei Johnny Foreigner aber werden Momente wie der Wechsel von synthetischer zu echter Drum auf Salt Peppa And Spinderella mit selbstreferentiellen Kommentaren (“Bring out the real fun, turn on the real drums”) quittiert. Ein Album das durch alle Schablonen fällt, das zu viele gute Ratschläge ignoriert und dennoch alles richtig macht.

[MP3] Johnny Foreigner - Champagne Girls I Have Known

Platz 13
Why? – Alopecia

Vielleicht ist es nachhaltige Trauer über das cLOUDDEAD-Ende. Bisher war es bei jedem Why?-Album als würde ich nur auf den Punkt warten wo es nachlässt, wo ich endlich etwas Schlechtes drüber sagen kann, bei Elephant Eyelash z.B. verließ mich das Interesse immer in der Zweiten Hälfte. Aber bei Alopecia kann ich einfach nichts machen, jedes Mal wenn ich denke das war's kommt der nächste Hook um die Ecke gebogen (das letzte Drittel ist für mich sogar das beste) und ich bin wieder Feuer und Flamme für Yoni Wolfs einmalige Stilfusion der man keinen Namen mehr geben mag.
Da wird mit eigenartiger Stimme gerappt aber kaum über traditionelle Beats, da wird Gitarre gespielt aber nicht gerockt, da spielen Percussiontextilien im Wind der Songs und da wird hymnisch über tote Präsidenten und Sex in Hintergassen gesungen. Wenn man Why?s Namen als existentielle Selbsthinterfragung betrachtet, "Warum mache ich das eigentlich? Was ist mein Ziel? Warum gibt es cLOUDDEAD nicht mehr?”, so darf man die Antwort 2008 geben: Alopecia.

[MP3] Why? - The Hollows

Platz 12
Times New Viking – Rip It Off / Stay Awake EP

Nach zwei exzellenten ersten Alben wechselten Times New Viking zu Matador, mit selbstbewusstem Lo-Fi-Gedröhne ist Rip It Off sogar mal eben das lauteste Album des Jahres geworden. Wo das Einwickeln der Melodien in Noise und das Begraben der Instrumente hinter dicken Rauschwänden der Musik bisher vor allem einen eigenen Charme gab nutzt das Trio seinen Sound nun endgültig als Stilmittel. Sicher könnte man z.B. die Refrains von Faces On Fire und The Apt. auch “sauber” aufnehmen, aber dieses Hervorstechend-Gellende würde dabei völlig verloren gehen. [mehr]
Dass Times New Viking die Ideen nicht ausgehen bewiesen sie dann auf der ebenso famosen Stay Awake-EP, mit dem in seinem Singalong-Appeal fast schon an Folk erinnernden Pagan Eyes, der Jahrmarktorgel von No Sympathy oder dem donnerpoltrigen Hate Hate Hate gibt es gleich mehrere Indikatoren wohin uns das nächste Album bringen könnte.

[MP3] Times New Viking - (My Head) / R.I.P. Allegory
[MP3] Times New Viking - Call & Respond

Platz 11
Rings – Black Habit

Den Klang der Musik auf Black Habit zu beschreiben erscheint mir nach längerer Überlegung nicht enorm wichtig. Sicher, mit Abby Portner hat das Trio aus Manhattan die Schwester von Avey Tare an Bord und so kann man für ein paar Sekunden durch einen hallenden Schrei mal an Animal Collective erinnert werden, durch die ungewöhnlichen Stimmen vielleicht auch für ne Sekunde an Cocorosie, aber einem Vergleich oder einer Beschreibung der Musik gehen Rings fast schon aus dem Weg. Sie sind ihre eigene Referenz. Weil sie es schaffen für sich zu existieren, als wären sie die erste und einzige Band auf der Welt, nichts außerhalb des unsichtbaren Kreises der sie zusammen hält.

Der einzige der nicht abgeschottet wird ist der Hörer selbst, er sitzt in der Mitte dieses Kreises, hört dank Kria Brekkans Produktion genau woher das Schlagzeug kommt, wo Gitarre und Keyboard gerade sind. Rings wirken dazu so unbewusst und naiv als wüssten sie gar nicht dass ihnen jemand beim Spielen zuhört, einmal brechen sie sogar mittendrin in Gelächter aus. Aber auch wenn sie nicht immer perfekt den Ton treffen sind ihre Melodien unglaublich warm, einladend, bewegend und denkwürdig. Wie stets wiederkehrende Kometen umkreisen Motive elegant die Songs, Songs die meist auf einem guten alten Strophe-Refrain-Gerüst aufgebaut sind aber alles andere als wie Popsongs aus dem Radio klingen. Sollten Rings es jedoch einmal schaffen es den Super Furry Animals anno 2001 gleich zu tun, ich bin mir sicher das finale, bewundernswert schöne Teepee wäre sofort ein Welthit.

[MP3] Rings - Mom Dance

Platz 10
Deerhunter – Microcastle / Weird Era Cont.

Echt seltsam. Da machen Deerhunter zwei Alben und eine EP mit denen ich nur stellenweise etwas anfangen kann, und dieses Jahr auf einen Schlag gleich zwei Alben die endlich richtig zu mir durchdringen. Dabei sind Microcastle und Weird Era Cont. wirklich voneinander verschieden, ersteres zwar weiterhin im rauschedelischen Deerhunter-Sound gehalten aber mit echten Popambitionen und letzteres direkt im Anschluss eine Sabotage all dieser Bestrebungen. Obwohl ich beide nicht 100% gelungen finde (sonst wäre bei einem Doppelalbum der erste Platz sicher gewesen) gibt es hier zu viel Gutes als dass man sinnvoll ein einziges Album draus hätte machen können, da sind die Titelstücke, Vox Celeste mit Spector-Intro, Calvary Scars in der originalen und der blubbrig-glöckernen de- und re-konstruierten Version, Circada und Deerhunters bisherige Meisterleistung Nothing Ever Happened erst der Anfang der Highlightliste. Wunderbar auch, angesichts der vielen Alben die dieses Jahr mit entspanntem Säuseln ausklangen, dass Microcastle in einer epischen Feedbackorgie endet. Deerhunter, ihr habt einen neuen Fan gewonnen.

[MP3] Deerhunter - Nothing Ever Happened

Platz 9
Marnie Stern – This is It And I Am It And You Are It And So Is That And He Is It And She Is It And It Is It And That Is That

Es war schwer sich auszumalen wie Marnie Stern ihr letztjähriges Debüt übertreffen könnte. Nicht dass es perfekt gewesen wäre, vielmehr wirkte ihre Musik wie aus der Zukunft in unsere Gegenwart gesendet, ich bin mir auch immer noch nicht ganz sicher was sie überhaupt macht. Klar, technisch layert sie mit Saitenanschlägen und Tapping erzeugte Riffs und Grooves ihrer Gitarre zu hyperaktiven Melodiekonstrukten und macht daraus mit ihren cheerleadenden Vocals und Zach Hill an den Drums ungemein anfeuernden Positiv-Rock (“I turn this moment into something new, it's true. Are you ready to feel alive?”, “Grabbing victory out of the jaws of defeat,” “Bigger without boundaries, big enough to try, bigger than the whole world, bravest in the whole world”) aber das Ganze klingt immer noch so fremd dass es mir schwer fällt zu sagen ob sie dieses Konzept mit ihrem zweiten, weitaus eingängiger konstruierten Album nun ausgeschöpft hat oder ob das erst der Anfang war. Die Zeit wird's wohl zeigen, im Moment jedenfalls lass ich mich weiter gerne vom unglaublichen Roads? We Don't Need Roads! und The Devil Is In The Details' “Alright here we go!” auf Optimismus und Tempo 180 pumpen.

[MP3] Marnie Stern - Transformer

Platz 8
School Of Seven Bells – Alpinisms

Große Überraschungen kurz vor Jahresende wie diese sind ein Grund warum ich diese Liste erst so spät wie möglich im Jahr erstelle. Alpinisms hat mich immer wieder angenehm von den Füßen gefegt, mit in die Stratosphäre gerissen in der die Deheza-Schwestern und Ben Curtis Songs wie Half Asleep und Faces To Faces On High Places verankert haben. Doch auch auf dem Aufweg aus den Tälern begleite ich die Gipfelstürmer gern, Alpinisms ist derart herrlich bis ins Detail durchdacht dass ich die Anlage am liebsten so weit wie erträglich aufdrehe und völlig darin aufgehe, so wie alle Beteiligten am Ende in My Cabal auf die bezauberndste Weise ineinander fließen. Pure Seelenmassage bei der's mir wohlig die ganze Wirbelsäule entlang schaudert. [mehr]

[MP3] School Of Seven Bells - Connjur

70 aus 2008 Teil 8

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Platz 21
Late Of The Pier – Fantasy Black Channel

Anfangs kam mir das Debüt der Briten wie eine Neuauflage der frühen The Faint mit der Andersweltlichkeit der Klaxons vor, was durchaus ein Lob war da ich die Alben bis heute noch gerne höre, damit wären sie aber doch unter Wert verkauft. Fantasy Black Channel sticht durch sein Sounddesign hervor, durch den hervorragend umgesetzten Ideenmischmasch in dem Synthpop, Dancerock, Spaceprog und Discometal sich wild überschneiden und von einem Takt auf den nächsten ein tollkühner Gitarrenritt in einen stolprigen Ravemoment umschwingen kann. Diese Sprunghaftigkeit hält die Musik zwar aufregend, würde sie letztlich aber nur zur Kuriosität machen wenn Late Of The Pier nicht auch ein tolles Gespür für Instrumentalhooks und catchige Refrains hätten. Nicht nur aber insbesondere in ihren durchweg hervorragenden Singles von denen sich gleich ein halbes Dutzend hierauf befindet.

[MP3] Late Of The Pier - Space And The Woods

Platz 20
Los Campesinos! – We Are Beautiful, We Are Doomed

Klatschend erschallt es von den Dächern, Ways To Make It Through The Wall läutet die erste Veröffentlichung von Los Campesinos! in dieser Liste ein. “We wait at ease, ah, we wait to see oh we are waiting here for catastrophe,” singt die vereinte Truppe vermeintlich ernster als bisher, doch bei allen Hurra-Gesängen und Glockenspielen wird schnell übersehen dass es bei LC! schon immer kontrastierend dunkle Texte gab, mit gewalttätigen Metaphern und Kampfansagen an falschen Optimismus. Auf ihrer EEP We Are Beautiful, We Are Doomed überziehen sie diese Unromantik in Depri-Emogefilde ("I my star sign by asking which is least compatible withmine", "I've spend too much time on my knees next to urinals in garish Mexican restaurants, sobbing into my warm, pale palms for a better understanding of my dietary requierements", "As if I walked into the room to see my ex-girlfriend, who by the way, I'm still in love with, sucking the face of some pretty boy, with my favourite band's most popular song in the background, is it wrong that I can't decide which bothers me most?" und so weiter und so super) und absorbieren damit einen weiteren Aspekt vergangener Indiekultur in ihren Referenzkosmos, ihre Musik ist dabei fokussierter geworden (sicher auch da nicht mehr Dave Newfeld am Mischpult saß) aber noch längst nicht auf dem Boden angekommen.

Letztlich werden dadurch, dass LC! öfter das BSS-mäßige Alle-zusammen-Chaos zurückschrauben und den leiseren Sektionen Gelegenheit zu scheinen geben, Mitsing-Momente die auch live wunderbar funktionieren wie der im Titelstück (“OH WE KID OURSELVES THERE'S FUTURE IN THE FUCKING, BUT THERE IS NO FUCKING FUTURE”) umso herrlicher herausgestellt. Und obwohl über 10 Stücke eben nicht so viel Platz für Hits bleibt wie auf ihrem Album klingt WAB,WAD abwechslungsreicher, mit einem instrumentalen Zwischenspiel, dem kurios boinkenden It's Never That Easy Though, is It? (Song For The Other Kurt) und dem Bright Eyesigen Heart Swells/Pacific Daylight Time.

In Interviews haben die Bandmitglieder bereits angedeutet dass sie realistisch selbst nicht erwarten viele Jahre lang als Band zu bestehen (sie kennen sich halt in der Musikgeschichte aus), wenn diese überzogene Torschlusspanik dazu führt dass wir weiterhin so oft so tolle Musik von ihnen bekommen darf man ihnen dann wirklich nicht böse sein wenn das Ende einmal kommt.

[MP3] Los Campesinos! - We Are Beautiful, We Are Doomed

Platz 19
Studio – Yearbook 2

Westküstensommer die Fünfte, das Duo das mich mit West Coast letztes Jahr überhaupt erst auf diese sonische Entdeckungsreise schickte die dieses Jahr so viele großartige Platten zu Tage förderte. Ja, Studios zweiter Longplayer ist eine Compilation aller ihrer zauberhaften Remixe bis Anfang 2008, aber Studio machen sich jedes Stück so zu Eigen dass das hier genauso gut eines ihrer eigenen Alben sein könnte. Dass die Ergebnisse dabei so verschieden ausfallen wie das helle Wellen reitende Room Without A Key mit Feist und das meditativ-dubbige Love On A Real Train ist nur ein weiterer Grund warum Studio für mich zur Zeit zu den ganz Großen gehören. [mehr]

[Video] Shout Out Louds - Impossible (Possible Remake By Studio)

Platz 18
M83 – Saturdays = Youth

Dass Anthony Gonzalez großen Popsong schreiben kann hat er ja schon mit Don't Save Us From The Flames gezeigt, trotzdem hätte ich damals nicht gedacht dass das die beste Richtung wäre die M83 nur einschlagen könnte. Der Beweis folgte mit Saturdays = Youth, zuckersüße Melodien verpackt in Synthpop der sein volles Potential erst entfaltet wenn man ihn so laut aufdreht dass einen die Songs mit all ihren Details erschlagen können. Erst dann nimmt all die herrlichen Texturen wahr, wirkt das Zwitschern im Hintergrund von Graveyard Girl so richtig, registriert man den brodelnden Wind von Skin Of The Night mehr als flüchtig.
Fast nebenbei kann das Album auch wirklich in seiner Songanordnung als Soundtrack herhalten, von den Glücksmomenten der Singles über die Partyszene in der Couleurs gespielt wird bis zur Enddramatik des Films die sich über Highway Of Open Dreams (der Spurt zum Finale), den großen romantischen Moment Too Late und das Happy End Dark Moves Of Love entfaltet. Midnight Souls Still Remain ist zum Schluss zwar etwas zu lang für die meisten Filmcredits, dafür aber von allen epischen Ambient-Instrumentals (von denen es in diesem Jahr tatsächlich einige am Ende von Alben gab) das schönste.

[Video] M83 - Graveyard Girl

Platz 17
Lindstrøm – Where You Go I Go Too

Westküstensommer die Sechste, auch wenn Oslo nun beim besten Willen an keiner Westküste liegt. Wenn ein Typ so ein fettes, stolzes Grinsen im Gesicht kleben hat wie Hans-Peter Lindstrøm auf dem Cover von Where You Go I Go Too hat er entweder gerade einen monumentalen Scheißhaufen in deinem Klo hinterlassen oder ein monumental gutes Album fabriziert. Anfangs war mir noch unklar welcher Fall zutraf, aber irgendwann klickte es dann. Ein glorreicher Trip mit einer herrlichen Enthüllung nach der anderen, am schönsten an einem Stück anzuhören denn wenn man erst mal richtig einsteigt geht selbst das 30minütige Titelstück verdammt schnell vorüber.

[MP3] Lindstrøm - The Long Way Home (Prins Thomas Edit)

Platz 16
Ponytail – Ice Cream Spiritual

Ich weiß nicht ob's an der Musik liegt die ich höre oder ob mittlerweile generell kaum noch wer in seinen Songs ein anfeuerndes “Let's go!” ausruft. Bei Ponytail hat man mit diesen zwei Worten bereits die musikalische Maxime gefunden, Ice Cream Spiritual ist nämlich bei aller Faszination des Deerhoofschen Zwischenspiels beider Gitarristen vor allem die Show von Molly Siegel, die ihre Band wie ein betrunkener Zaubertroll auf einem Amoklauf nach vorne treibt. Das Eröffnungsstück Beg Waves ist ein perfektes Beispiel für die einer Achterbahnfahrt gleichende Dynamik von Ponytails Stücken: antreibend monoton hallt die Trommel, Siegel stößt animalische Laute aus und die Gitarren riffen los bis die Musik in einen kurzen, brachialen Ritt ausbricht. Genau so schnell kommt sie wieder zum Stehen, hält aber keine Sekunde still bevor sie wieder Anlauf nimmt und sich zu einem noch größeren, druckvolleren Gipfel aufbaut. Das Highlight des Albens ist aber Celebrate The Body Electric (It Came From An Angel), ein Paket aus purer Energie zu dessen Musikvideo in meinem Kopf Antilopen, Geparden und Usain Bolt im freundlichen Wettlauf mit einer Rakete der Sonne entgegenrennen.

[MP3] Ponytail - Celebrate The Body Electric (It Came From An Angel)

Platz 15
John Maus – Love is Real

Eigentlich schade dass ich hiervon keinen Stream finden konnte, denn wie bei kaum einem anderen Album in dieser Liste kann man sich von John Maus' Zweitling nicht anhand eines repräsentativen Songs ein Bild machen. Zumindest in der ersten Jahreshälfte waren Love Is Reals Synthpopträume meine erste Wahl wenn's erst mal dunkel wurde, von Do Your Bests Großstadtmelancholie die Maus mit Scott Walkerschem Brummen unterschreibt über Green Bouzzards unheilige Fuge, die zarte Synthlandschaft The Silent Chorus und den Nervenzusammenbruch-Flashdance My Whole World is Coming Apart Apart (den Maus grandioserweise genauso manisch performt wie ich es mir vorgestellt hatte) bis zum wirklich terrorisierenden Goblin-Horror von Tenebrae (klar, Argento-Hommage) tun sich hier in nur einem Album ganze Welten auf. Wunderbares Album für alle die keine Angst vor Stimmungswechseln haben.

[MP3] John Maus - Do Your Best

70 aus 2008 Teil 7

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Platz 28
Eat Skull – Sick To Death

Dass ich mit Eat Skull auf einer Wellenlänge liege wurde mir schlagartig bewusst als ich bei Puker Corpse ankam. Wie alle Stücke auf ihrem Siltbreeze-Debüt ist der Song in Lo-Fi-Klang gehalten, strahlt aber so eine überzogen fiese Aura aus dass ich an einer Stelle einfach ein albernes Cartoon-Schurkenlachen ablassen musste und prompt ertönte auch aus dem Lautsprecher ein “Muu-huu-hahahaaa”. Meist ist Sick To Death aber lockerer und poppiger, vor allem nutzt die erfahrene Band den harschen Sound zu bemerkenswert verschiedenen Effekten aus. Wenn man die einsam echoende Gitarre in New Confinement klampfen hört und dazu den im eigenen Feedback ertrinkenden Gesang, die Art wie sich die Stimmen im gegenseitigen Echo in I Licked The Spider vermischen oder wie das helle Plinkern in Shredders On Fry gegen eine höllisch rauschige Melodie ankämpfen muss dann erscheint das die einzig richtige Möglichkeit diese Songs aufzunehmen.

[MP3] Eat Skull - Shredders On Fry

Platz 27
Titus Andronicus – The Airing Of Grievances

So gern ich auch der Band aus Nu Joisey eine abenteuerlichere Stilbeschreibung zwischen Arcade Fire als Punkband und Pogues zusammenbasteln würde erinnern sie mich doch jedes Mal wieder vor allem an Desaparecidos, Conor Obersts ein(st)malige Wüstenpunk-Combo. Dabei haben die Songs ihres Debütalbums (100 Punkte für die Seinfeld-Referenz) eine weitere, leicht pompöse Dimension mit weit ausladender Pauke und dramatisch anschwellenden Gitarren, anders als Trail Of Dead aber verlieren sie sich nicht im Pomp, dafür stolpern sie auch zu oft sturzbetrunken über die Bordsteinkante. Titus Andronicus feiern eine große nihilistische Party und sicher wird man ihre Hymne noch öfters erklingen hören wenn das Album 2009 auf einem größeren Label neu veröffentlicht wird. No more cigarettes, no more having sex, no more drinking till you fall on the floor. Your life is over.

[MP3] Titus Andronicus - Titus Andronicus

Platz 26
Hatchback – Colors Of The Sun

Westküstensommer die Vierte. Hatchback macht die Art von Musik mit der man der Realität einen alternativen Soundtrack aufzwingen kann, die Zeit beginnt sich beim Hören seiner herrlich detaillierten Instrumentalusik zu verlangsamen und jedes positive Element in der Umwelt wird verstärkt wahrgenommen. Manch eine banale Zugfahrt dieses Jahr wurde bei mir auf diese Weise zu einem bezaubernden Erlebnis, egal wie ich mich auch vorher fühlte. Über den Verlauf dieser 10 Stücke nimmt Hatchback unter Einmischung von Kraut-Motorik zwar immer wieder kurz Fahrt auf, die zweite Hälfte zerfließt jedoch in pure ätherische Glückseligkeit. Im Weltkatalog der Genrebezeichnungen steht Colors Of The Sun wahrscheinlich irgendwo unter “Slow-Disco/Dance” verzeichnet, aber ich kann mir einfach nicht vorstellen lieber dazu tanzen zu wollen als mich einfach irgendwo in eine bequeme Sitzgelegenheit und in diese Musik fallen zu lassen.

[MP3] Hatchback - White Diamond

Platz 25
Cheap Time – Cheap Time

Wenn Wangenknochen töten könnten müssten Cheap Time aus Nashville nicht nur einen Waffenschein tragen, ich würde ihnen im Zweifelsfall auch nie den Rücken zuwenden. So aber muss man der Band (die einst als Jemina Pearls Nebenprojekt von Be Your Own Pet startete) nur Beachtung schenken wenn man etwas für Powerchord-Powerpop in Bestform übrig hat, mit gleichermaßen Glam, Surf und Garage im Blut punkt sich das Trio durch 14 höchstmelodiöse Nummern die genauso schnell auf den Punkt kommen wie die drei schon wieder zum nächsten Monsterhook weiterrasen. All killer no filler, allen voran der Song-des-Jahres-Kandidat People Talk, eine Platte die mich mittlerweile noch mehr aus dem Häuschen bringt als beim anfänglichen Hören, insbesondere das atemberaubende finale Songquartett sucht seinesgleichen.

Platz 24
No Age – Nouns

Ich weiß nicht was es ist, aber ich habe dieses Album immer als schwächer in Erinnerung als ich es dann beim Hören empfinde. Vielleicht weil es sich trotz stärkeren Popkonstruktionen leichter, flüchtiger als das letztjährige Weirdo Rippers anfühlt, weil es einen selten wie beim druckvollen Aufbau von Sleeper Hold am Kragen packt so dass die 30 Minuten Spielzeit schnell verziehen. Jetzt beim Hören find ich's aber wieder großartig, bunt verwaschener Punkpop mit mehr Gefiepe als eine Gitarre zu produzieren imstande ist und Melodien die nicht zu weit unter allem Gerausche verbudelt sind. Exzellentes Verpackungsdesign übrigens.

[MP3] No Age - Eraser

Platz 23
Cut Copy – In Ghost Colours

2008 war das Jahr in dem PRler entdeckten dass man mit schlechten Remixen oft genau so viel Aufmerksamkeit erzeugen kann wie mit dem Versenden der weitaus besseren Originale (die nicht alle so gerne rausrücken) als Promo-Mp3s. So schienen gewisse Ecken der musikbloggenden Zunft 2008 in einer Flut von uninspiriertem Indie-Dance und Elektropop mit 80er-Einfluss zu verseichen. Angesichts dessen fällt es mir gerade schwer zu sagen warum genau sich In Ghost Colours, das mit Cut Copys “New Order/Human League/Heaven 17 etwas moderner”-Rezept in diese Ecke zu fallen scheint, daraus hervorhebt.

Sind es die durchweg guten Melodien? Überwiegend schöne Produktion mit herrlichen Hintergrunddetails, auch wenn an irgendeiner Stelle dann wieder auf unnötig hohe Lautstärke gesetzt wurde? Fließende Übergänge und sanft den Wechsel einleitende Zwischenspiele zwischen den Songs durch die man das Album wunderbar an einem Stück hören kann. Ein Grower. All die Huuhs und Haahs! Funktioniert sowohl im Club als auch mit seiner süß mitschwingenden Melancholie unterwegs und zu Hause. Die ekstatische Stelle in Out There On The Ice wo der Publikumsjubel lauter gedreht wird" Der Glitzervorhang der in So Haunted herunterrollt!! IF THAT'S WHAT IT TAKES, THEN DON'T LET IT TEAR US APART... EVEN IF IT BREAKS YOUR HEART!

Hm, so schwer fällt es dann wohl doch nicht.

[MP3] Cut Copy - So Haunted

Platz 22
Blank Dogs – On Two Sides

The Fields mag eine höhere Hitquote gehabt haben, On Two Sides wirkt aber im Gegensatz dazu nicht wie eine Zusammenwürfelung von Songs sondern hält als ein exzellentes Gesamtwerk her. Vom Einstieg mit dem One-Two von Ants und Blaring Speeches der einen direkt in Blank Dogs' Welt katapultiert über die abwechslungsreiche Mitte (Pieces ist hier besonders wohlplatziert) bis zum heimlichen Höhepunkt in seinen finalen Songs fokussiert Blank Dogs' erstes Album alles was seine Musik so einzigartig und beeindruckend macht. [mehr]

[Video] Blank Dogs - Pieces

70 aus 2008 Teil 6

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Platz 35
Animal Collective – Water Curses EP

Wie es schon Tradition ist brachten Animal Collective auch nach ihrem letzten Album eine EP mit vermeintlichen B-Seiten heraus, im Gegensatz zur vorigen People weiß auf Water Curses aber nicht nur der Titeltrack zu bezaubern. Der ist eine gute Repräsentation der Verschmelzung experimenteller Sounds und eingängiger Songstrukturen die sich in zwei Wochen auch auf dem neuen Album der Gruppe fortsetzen dürfte, mindestens genauso hörenswert sind aber die folgenden drei Stücke. Das schwimmende Street Flash und Cobwebs erinnern dabei auch etwas an den Klang von Feels, insbesondere letzteres mit seinem grandiosen Ausschwenken am Ende, die blubbernde Pianonummer Seal Eyeing bendet das Geschehen dann in einem warmen ambienten Schlummern.

[MP3] Animal Collective - Water Curses

Platz 34
Stephen Malkmus & The Jicks – Real Emotional Trash

Ob es an der Umbesetzung der Band liegt oder einfach eine Frage der Zeit war, mit Real Emotional Trash hat Stephen Malkmus sein erstes Album gemacht bei dem mir der Vergleich mit Pavement gar nicht erst in den Sinn kam. Vielleicht weil er selbst so wirkt als könnte ihn seine Vergangenheit nichts im Geringsten kümmern, die Songs rollen ihm und den Jicks wie selbstverständlich von der Hand, gerade was mir an den längeren Stücken anfangs wie überflüssige Rumnudelei vorkam macht die Musik so souverän und das Hören zu so einem lockeren Vergnügen. Dass Malkmus dabei tolle Melodien und beschissen brillante Reime wie “Oyster/Cloister” produziert sollte eigentlich selbstverständlich sein.

[MP3] Stephen Malkmus & The Jicks - Baltimore

Platz 33
Parts & Labor – Receivers

Das Erstaunliche an Parts & Labor ist, abgesehen davon dass sie zwei Jahre in Folge ein großartiges Album produziert haben, wie unauffällig der experimentelle Charakter ihres epischen Noisepops schnell wird. Es wirkt völlig selbstverständlich dass im Vordergrund die meisten ihrer überlebensgroßen Melodien von Stimmen und Elektronik geführt werden, die klassische Rockinstrumentation vervollständigt den Sound eher. Auf Receivers ist dieser Sound noch breiter geworden, hat selten die halsbrecherische Geschindigkeit des letztjährigen Mapmaker, ist aber ebenso herrlich hymnisch und beschäftigt kracherfüllt zugleich.

[MP3] Parts & Labor - Nowhere's Nigh

Platz 32
Vampire Weekend – Vampire Weekend

“Plus ça change, plus c'est la même chose.” Nach allem was über die Band zu lesen, schreiben und denken war bin ich bezüglich Vampire Weekend wieder da angekommen wo ich letzten September war. Die Songs sind nicht revolutionär ungewöhnlich und gehen (auch deswegen) nach all der Zeit immer noch so ins Gehör wie beim ersten Mal, eine frische unverzerrte Brise. Dass dadurch viele Leute afrikanische Musik entdeckt haben ist ein wunderbarer Bonus, ändert aber am Album selbst letztlich nichts.

[MP3] Vampire Weekend - Oxford Comma

Platz 31
Blank Dogs – The Fields

Für ein paar Monate in diesem Jahr verlangsamte sich mal kurz die stets besser werdende Veröffentlichungsflut von Blank Dogs, nur ab und zu tauchte ein neuer Song auf Myspace auf. Und hätte ich mir eine Favoritenliste davon erstellt, bis auf einen wären davon alle auf The Fields gelandet. Red World mit typischem Joy Division-Rumpelkammer-Klang, Before The Hours mit im kreis schwirrenden Synths und Mascis'scher Gesangsmelodie, das in Nebelschwaden ertrinkende The Other Way und der mechanische Stampfer Spinning. Und das war nur die A-Seite, das Highlight ist für mich kurz vor Schluss Now Signals (mit Bridge vorm Refrain, das ist Luxus in der Blank-Dogs-Ökonomie) bei dem alles schlampig aus der Spur zu laufen scheint und doch einen befremdlichen Ohrwurmcharakter erhält.

Platz 30
Jay Reatard – Singles 06-07

Gleich zwei großartige Longplayer voller punkigem Garagepop brachte Jay Reatard dieses Jahr heraus, schon diese erste Singlesammlung funktioniert bemerkenswert gut auch als Album. Von den noch harsch wie Blood Visions schneidenden Stücken der Night Of Broken Glass-EP aus merkt man hier bereits wie Jay beginnt seine Produktion auszudifferenzieren, wie der Popaspekt durch Akustikgitarre und den Einsatz von Synths in I Know A Place und Another Person in den Vordergrund gesetzt wird. Mit Hammer I Miss You, All Wasted, It's So Useless , Let it All Go und dem Go-Betweens-Cover Don't Let Him Come Back finden sich viele seiner besten Songs hierauf, allein dass die zweite Hälfte größtenteils aus guten aber nicht gut ins Gesamtbild passenden Alternativversionen von Blood Visions-Tracks besteht verhindert die Perfektion dieser Platte.

Platz 29
The Mae Shi – HLLLYH

Der Weltuntergang nach biblischem Vorbild hat schon viele Künstler zu epischen Konzeptalben inspiriert, u.a. die Texaner Lift To Experience die Anfang des Jahrzehnts den Postrock-Giganten The Texas Jerusalem Crossroads herausbrachten. Aus Sicht von The Mae Shi mutet das ganze Geschehen aber eher wie eine Spongebob Squarepants-Folge an, HLLLYH (man fülle die geeigneten Vokale selbst ein) ist voller überdreht ekstatischer Singalongs, 8bit-Melodudelei und einem Sänger der wie ein kastrierter Waldschrat mit Tollwut schreit. Das Ganze kuliminiert dann in Kingdom Come, dem vielleicht absurdesten Song des Jahres, eine 11minütige manisch hüpfende Vermischung der bisherigen Albumstücke die in einem acidfarbenen Brei aus Boings, Bleeps und endorphingetränkten Vokalloops endet. Die Apokalypse: ein gewaltiger Spaß für die ganze Familie.

[MP3] The Mae Shi - I Get Almost Anything I Want