48 Aus 2009 (Teil 5)

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Platz 16
Julianna Barwick - Florine EP

Die menschliche Stimme war dieses Jahr ein beliebtes Musikinstrument, gesampelt, gefiltert und geloopt wurde sie bei manchen sogar zum Hauptbestandteil ihrer Kompositionen. Babe Terror benebelte mit seinem brasilianischen Tropicalia-Psych-Ambient, Matias Aguayo konstruierte mit seinem Organ hingegen Tanzbares und Julianna Barwick schichtete auf Florine ihren klaren Gesang so oft aufeinander bis sie in die höchsten Sphären des Glückes vordrang. Traumähnlich und erhaben gleiten die Stücke ins Bewusstsein und wieder hinaus, ähnlich und doch immer wieder neu und zurück bleibt das Gefühl, einem wäre eine kleine Sonne im Kopf aufgegangen.

[MP3] Julianna Barwick - Bode
[Stream] Julianna Barwick - Florine

Platz 15
The Juan MacLean - The Future Will Come

Spätestens beim Konzert (RIP Jerry Fuchs) war klar dass The Juan Macleans Songs den Körper mindestens genau so bewegen sollen wie die Seele, aber dazu braucht man eigentlich The Future Will Come nur einmal zu Ende hören, wenn, mit Human Disaster scheinbar am emotionalen Boden endend, das episch-herrliche Happy House jeglichen schlechten Gedanken mit Piano-House und Raketendisco auslöscht. Ähnlich wie die Belgier von Aeroplane brillieren The Juan MacLean mit musikalischem Maximalismus, nicht unbedingt subtile oder clevere Sounds und Motive werden mit größter Effektivität eingesetzt um den Hörer zu bewegen, sei es mit Melancholie oder Euphorie. Was mir auch völlig Recht ist wenn es so wunderbar funktioniert wie hier.

[MP3] The Juan Maclean - One Day
[Stream] The Juan MacLean - The Future Will Come

Platz 14
Oneohtrix Point Never - Rifts

Vier Jahrzehnte, und immer noch gibt es kein futuristischer klingendes Instrument als den Synthesizer. Das verleiht Rifts, auf dem der Großteil von Oneohtrix Point Nevers beatlosen Werken handlich und homogen versammelt ist, zwischen Retro- und Zukunfts-Assoziation ein unstetiges Hörgefühl von Zeitlosigkeit. Doch wie das Instrument in Filmsoundtracks auch für fast jedes anderes Genre, sei es Horror, Porno oder Komödie, genutzt wurde ist nicht jedes von Daniel Lopatins bildevokativen Stücken von der Marke Sci-Fi-Synth, er schlägt in einem wohltemperierten Meer aus Drone und Ambient die Brücke zwischen Arpeggio-Salven und Lasergewitter auf der einen und mit tropischen Tier- und Wellenklängen auf der anderen Seite, Rifts ist eine monumentale, gleichzeitig sehr intime Reise an deren Ende eine noch größere Überraschung wartet.

[MP3] Oneohtrix Point Never - Physical Memory
[Stream] Oneohtrix Point Never - Rifts

Platz 13
Dananananaykroyd - Hey Everyone!

Die zweite Campesinos!-Empfehlung die dieses Jahr richtig ihr Potential entfaltete. Mit einem breiten Lächeln im Gesicht entfesseln Dananananaykroyd aus Glasgow auf ihrem Debütalbum eine ungemein fröhliche (Post-)Hardcoreparty, zwar hochenergetisch, aber nicht auf Konfrontation und Moshpits aus, dafür versprühen die sehr unmartialischen "Yeah"s, Händeklatschen und vor allem Melodien einfach zu wenig Testosteron, Schreiduelle Marke Blood Brothers und gedoppelte Trommelpower hin oder her. [mehr]

[Video] Dananananaykroyd - Some Dresses
[Stream] Dananananaykroyd - Hey Everyone!

Platz 12
Shiina Ringo - Sanmon Gossip

Nachdem Shiina Ringo mit Karuki Zamen Kuri No Hana 2003 an ihrem damaligen künstlerischen Höhepunkt angekommen war, kehrte sie der Popstar-Solokarriere überraschend den Rücken. Ebenfalls plötzlich erfolgte dieses Jahr ihre Rückkehr, wenn auch nicht so überraschend, hatten doch schon 2007 Heisei Fuuzoku, eine Kollaboration mit dem Komponisten Saiko Neto bei der Stücke quer durch ihre Diskographie zu zauberhaftem Orchestralpop transformiert wurden, und die Veröffentlichungen rund um ihr letztjähriges 10. Jubiläum Anlass zu Spekulation gegeben. Neto ist nun einer von vielen die jedem Stück auf Shiinas neuem Werk ein diskretes Klangbild verpassen: Instrumentalbombast, 70s-Agententhriller-Thema, Lounge-Pop, feuriger Clubjazz, ziehharmonikaunterstützter Sologesang und Cyber-Breakbeats u.a. werden hier symmetrisch um das zentrale Stück Shun angeordnet (auch was die Songtitellängen anbelangt), zwar traditionellere Stile als man es von der experimentellen Shiina gewohnt ist, die enorme Dichte an Ideen macht dies jedoch zu alles anderem als einem flachen Hörerlebnis. Wie immer bei Shiina verstehe ich nicht alles was sie macht, aber irgendwann klickt's einfach und ich bin wieder hin und weg.

[Video] Shiina Ringo - Tsugou No Ii Karada

Platz 11
Converge - Axe To Fall

Nach anfänglicher Begeisterung bin ich auf Converges letztes Werk No Heroes dann doch nicht mehr so oft zurückgekommen, mit Axe To Fall sieht das aber anders aus, das ist immer noch wie beim ersten Hören ein echtes Biest. Es ist ungemein schwer, Kurt Ballous herausragende Produktion zu beschreiben ohne zu martialischen Klischeemetaphern zu greifen, so wuchtig ist ihre Dynamik, so fernab der Realität wirkt sie und so stark ist ihr Eindruck auf den Hörer, aber die andere Attraktion ist natürlich die immer wieder frische Wendungen nehmende Musik selbst. Bis kurz vor dem verhältnismäßig ruhigen, aber nicht unpassenden Doppelfinale, gibt es zwischen den rasant und oft von D-Beat vorangetriebenen Songs keine Atempause und wie in dem etwas geradlinigeren, aber in seiner Kompaktheit umso beeindruckenderen Cutter gut zu hören schafft auch Jacob Bannons Gesang es immer wieder sich nochmal zu übertreffen, so wie es die ganze Band mit diesem Album getan hat.

[MP3] Converge - Axe To Fall

Platz 10
Dirty Projectors - Bitte Orca

Statt Fever Ray oder Bat For Lashes hätte ich mich bei Bitte Orca tatsächlich mal über eine erweiterte Neuauflage ein halbes jahr nach Erstveröffentlichung gefreut. Denn mit ihren Kollaborationen mit David Byrne und Björk sowie den neuen Stücken der, hierzulande unerklärlicherweise nicht mal als Download erhältlichen, EP Temecula Sunrise und B-Seiten als Bonusmaterial hätte ich mir das Album glatt nochmal gekauft, so konsistent toll zeigte sich David Longstreths Projekt dieses Jahr. Was mir bei Rise Above neben der komplexen Komposition noch fehlte war der Zugang zu den Melodien, die sind (mittlerweile über vier Stimmen verteilt) diesmal wirklich prächtig ausgefallen und werden von der leicht und warm wirkenden Musik bestens komplementiert - dabei wäre es nun wirklich kein Leichtes, sie nachzuspielen.

[MP3] Dirty Projectors - Stillness Is The Move
[Stream] Dirty Projectors - Bitte Orca

Platz 9
Mungolian Jet Set - We Gave It All Away...Now We Are Taking It Back

Wenn ich in den vergangenen 3 Monaten eine Melodie, einen Hook, einen ungewöhnlichen Rhythmus oder auch einen merkwürdigen, aber angenehme Konnotationen erweckenden Klang im Kopf hatte stammten die in gut 50% aller Fälle von dieser Platte. Zwar eine Sammlung von Remixen, aber Mungolian Jet Set verwursten ihr Quellmaterial dermaßen kohärent zu Weirdo-Disco, düsterem Großstadt-Jazzfunk, euphorischen Sternstunden und sonnengetränkten Yachtgrooves dass es oft ebensogut Eigenkompositionen sein könnten, außerdem sind die über 2 CDs verteilten Stücke kontinuierlich ineinander überfließend dass sie mehr wie ein Album wirken. Bemerkenswert auch wie viele ungewöhnliche, ach sagen wir lieber gleich bekloppte, Sounds zur Verwendung kommen (angefangen mit dem Markenzeichen der Norweger, dem Mung-Gong) und dass, während man sich immer wieder fragt "Was war das gerade für ein Geräusch? Was reden die da? Hab ich das wirklich gerade gehört?", Tracks mit Zungenschnalzen, dramatisch irrem Hecheln und Ziehharmonika trotzdem ernsthaft großartig und nicht alberne Gimmicks sind.

[MP3] Mungolian Jet Set - Creepy

48 Aus 2009 (Teil 4)

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Platz 23
Real Estate - Real Estate

Das beste Argument für frei verfügbare Albumstreams. Auch wenn noch so viele Leute, mit denen ich geschmacklich oft auf einer Ebene liege, schon seit Monaten über diese Band schrieben, von verstreuten Einzelsongs wollte mir ihr Appeal nicht klar werden. Das änderte sich sofort als ich mir einmal das ganze Album bei Boomkat anhörte, ich musste erst mal mit der Stimmung dieser Musik auf eine Ebene kommen. Ihre entspannte Sanftheit/sanfte Entspanntheit/entsaftete Spinat hnn lässt die fast schon countrymäßigen Stücke, die durchaus My Morning Jacket zu Lagerfeuer-Zeiten ins Gedächtnis rufen, substanzarmer und eintöniger wirken als sie sind, besonders in der zweiten Hälfte nimmt das Debüt aber dann auch genug Fahrt auf dass einem Aufmerksamkeitsschwächling wie mir diese delikaten Melodien schnell und gut munden.

[MP3] Real Estate - Fake Blues
[Stream] Real Estate - Real Estate

Platz 22
Deerhunter - Rainwater Cassette Exchange EP

An dieser Stelle ist eine kleine Unterscheidung von Nöten: Der beste Song von Bradford Cox dieses Jahr ist ohne jeglichen Zweifel Quick Canal, seine herrlich neblig-schimmerige Kollaboration mit Laetitia Sadier vom zweiten Atlas-Sound-Album. Die bessere Veröffentlichung aber kam unfairerweise in Deutschland gar nicht heraus, auf Rainwater Cassette Exchange geben Deerhunter Grund zur Annahme dass Cox mit starken kreativen Köpfen zusammen noch besser agiert als solo und beweisen mal wieder dass sie momentan eine der besten verdammten Bands auf dem Planeten sind. Fünf Stücke die ihnen so lässig von der Hand zu gehen scheinen wie sie beeindrucken, mal psychedelisch und verträumt, mal tight und nach vorne wetzend und mal, wie im Finale Circulation, beides gleichzeitig. Das soll erst mal wer nachmachen.

[MP3] Deerhunter - Rainwater Cassette Exchange
[Stream] Deerhunter - Rainwater Cassette Exchange

Platz 21
Zola Jesus - The Spoils / New Amsterdam / Tsar Bomba

Wer von den Werken Nika Danilovas nicht genug bekommen kann darf sich glücklich schätzen, dieses Jahr hat sie sich in zwei Solo- und mindestens drei kollaborativen Projekten das Gegenteil von rar gemacht. Auch ihr Hauptschaffen als Zola Jesus erstreckt sich über deutlich mehr als ihr Debütalbum The Spoils, vorher sammelten bereits die New Amsterdam- und Tsar Bomba-EPs unveröffentlichte Songs und eine Radiosession bzw. 7 neue Stücke. Auf allen drei Releases befinden sich Songs (auf den EPs u.a. Be Your Virgin, Lady In The Radiator, Last Day, Sea Talk und natürlich Rester) die zu den besten des Jahres gehören und zusammen ein überragendes Album ergeben hätten. So ergeben sich "nur" drei sehr gute Veröffentlichungen, da werde ich mich aber sicher nicht drüber beklagen. [mehr]

[MP3] Zola Jesus - Clay Bodies (von The Spoils)
[MP3] Zola Jesus - Sea Talk (von Tsar Bomba)
[MP3] Zola Jesus - Dog (live @ WFMU) (von New Amsterdam)
[Stream] Zola Jesus - The Spoils

Platz 20
Handsome Furs - Face Control

Ich hätte ja nicht gedacht dass mir mit dem zweiten Album des kanadischen Traumpaares das Gleiche passieren würde wie mit dem ersten, I'm Confused kochte auf so hoher Flamme dass ich diesmal keinen langsamen Grower erwartete. Und doch ist auch Face Control, immer wenn ich es gerade höre, ein gutes Stück besser als ich es in Erinnerung hatte. Ist nicht schlimm, nur muss man sich halt merken dass man seinem Gedächtnis nicht trauen kann. Mehr als auf dem Debüt haben es mir diesmal die abwechslungsreichen und clever arrangierten Beats angetan, das hechelnde Klatschen der Single, das unterlassungslose Pochen und die drückende Intensivierung zum Refrain hin in Hotel Arbat Blues oder das Handtrommeln in Officer Of Hearts. Dan Boeckners markant-memorable Stimme und sein Gespür für Melodien sind mittlerweile auch über jeden Zweifel erhaben, gebau so verlässlich wie die Tatsache dass man das nächste Werk der Furs im Anschluss ans kommenden Wolf-Parade-Album erwarten dürfte. [mehr]

[MP3] Handsome Furs - I'm Confused

Platz 19
Marit Larsen - If A Song Could Get Me You

Die Norwegerein wäre beinahe schon letztes Jahr hier gelandet, wenn ich da nur meinen Arsch hochgekriegt hätte um ihr zweites Album The Chase zu importieren. Aber da in dieser Sammlung so ziemlich alle ihrer besten Stücke drauf sind war's vielleicht sogar ein wenig besser so, zum Glück wurde die detailfreundliche Produktion auch nicht nochmal neu überarbeitet. Denn mit herrlichen Details geizen Larsen Songs wirklich nicht, stellenweise laufen vier oder fünf verschiedene Melodien zwischen zwei Streichern, Piano, Gitarre und Gesang zwischen denen das Ohr wandern kann, dazu gibt es auch mal Banjo oder Handclaps (Whoo!) für die mehr folkigen als orchestralpoppigen Songs. Aber das Interessante an Larsens Songs ist der Kontrast zwischen leicht-optimistischer Musik und ihren weitaus ernsteren post-adoleszenten Situationsskizzen, in denen oft noch der rationale Verstand einer Erwachsenen mit emotionalen Impulsen in Konflikt gerät, ein Thema das sie wie kaum eine andere beherrscht.

[Video] Marit Larsen - Under The Surface

Platz 18
Ben Frost - By The Throat

Was pure, bis ins Mark spürbare körperliche Wirkung angeht kam dieses Jahr keiner an Ben Frosts drittes Album heran. Extrem noisig ist By The Throat nicht, es verströmt vielmehr ein Gefühl von Unbehagen, das sich langsam heranschleicht bis man sich völlig von ihm umgeben sieht. Gleichzeitig sind Frosts mit bemerkenswerter Klarheit aufgezeichnete Kompositionen auch von einer schrecklichen Schönheit, dass man immer, wenn man sich abgeschreckt fühlen könnte, wieder darin eintauchen möchte. [mehr]

[MP3] Ben Frost - The Carpathians
[Stream] Ben Frost - By The Throat

Platz 17
Home Blitz - Out Of Phase

Ich werde genau in dem Jahr wissen, dass ich ich nix mehr von aktueller Musik mitkriege, wenn ich am Ende so eine Platte nicht in meiner Liste habe. Veröffentlicht auf nem Kleinstlabel, und das noch Ende November, ist das reguläre Debütalbum von Home Blitz (das erste war eher ne Compilation) eines das schnell in der allgemeinen Schnellsurfigkeit übersehen wird. Dabei ist es in Sachen Powerpop, Garage-Krach oder wie man es auch nennen mag rasant zu meinem großen Favoriten geworden, schnelle, kurze Songs mit Replacements-Kaputtheit, frühe-R.E.M.-Jangle, aber vor allem Hits, Hooks und einer jugendlich-manischen Energie die alles kurz vorm völligen Auseinanderfallen zusammenhält. Da gniedelt Daniel DiMaggio in einer Sekunde ein geniales Riff herunter, verläuft sich scheinbar in der nächsten völlig und stolpert dann mit Getöse in einen wilden Schepperritt hinein. Inmitten des totalen Noise-Blowouts von A Different Touch taucht aus dem Boden unerwartet ein Klavier auf, genau so kaputt verzerrt wie alles andere, und ach ja, zwei der Stücke sind irgendwelche Ambientaufnahmen deren Zweck wohl einzig und allein ist einer 8+-Wertung in respektablen Musikpublikationen zu entgehen. Wahnsinn mit ein bisschen Methode.

[MP3] Home Blitz - Two Steps

48 Aus 2009 (Teil 3)

(Teil 1) (Teil 2) (Teil 4) (Teil 5) (Teil 6)

Platz 31
Blank Dogs - Under And Under

2009 war das Jahr in dem "Blankdoggen" ein Verb wurde. Zwar eines das eher sarkastisch in Rezensionen genutzt wurde, aber nichtsdestotrotz zeigt es den Einfluss von Mike Snipers preisgünstigem Produktionsethos. Trotzdem spielt er was Longplayer angeht immer noch in einer Klasse für sich, nach anfänglichem Routinegefühl entdeckte ich bei einer Bahnfahrt unter Kopfhörereinsatz mal wieder wie die unscheinbare Oberfläche seiner Musik täuschen kann. Die oszillierenden Scooby-Doo-Synths, der Nuschelgesang, die simplen Postpunk-Anschläge bestimmen immer noch das Klangbild, sind jedoch im Vergleich zu frühen Aufnahmen dichter texturiert, präzise eingefangen und werden von Glasklirren, Summen, Bohren, Knarzen und anderen Krachsounds komplementiert. Mit der Losgelöstheit der Stimmen erhielt so eine Nachtfahrt einen unerwarteten American-Gothic-Charakter, wunderbar davon kontrastiert dass Sniper in dieser Atmosphäre völlig eingängige Popsongs unterbringt.

[MP3] Blank Dogs - Tin Birds
[Stream] Blank Dogs - Under And Under

Platz 30
Thursday - Common Existence

Ich bin kein Fan von Dave Fridmanns Produktionen. Jedenfalls nicht mehr. Irgendwann nach Hate begann mir seine innovative Klangschmiererei, besonders in Verbindung mit sinnlos steigenden Lautstärken, gehörig auf die Nerven zu gehen, soweit dass sie bei meinen Ohren mittlerweile Fluchtinstinkte auslösen. Die überraschende Ausnahme bildet dabei eine Band die ich bis vor Kurzem ebenfalls abgeschrieben hatte, nach ihrer Rehabilitation mit der letztjährigen Envy-Split brachten Thursday 2009 mindestens ihr bestes Album raus seit sie zu Jahrzehntanfang zu Screamo-Helden erkoren wurden. Der Gesamtklang ist zwar immer noch zu laut und unförmig,aber hier bringen Fridmanns Soundideen den Songs wirklich ein schönes Mehr. Dazu kommen Thursdays wiedergewonne Klopperlust, ein souveränes Spiel mit Spannung und Entladung und astrale Momente wie in Time's Arrow oder den angemessenen Streichern im zartsüßen Beyond The Visible Spectrum, in Love Has Led Us Astray wird man auch mal an Sensefield erinnert. Aber am schönsten ist es immer noch wenn wie im Finale You Were The Cancer letztendlich der Damm reißt und all die angestaute nervöse Anspannung befreiend herausbricht.

[Video] Thursday - Circuits Of Fever

Platz 29
Annie - Don't Stop / Of The Night EP

Anfangs war ich ja voll an Bord mit der "alte Songs in die Tonne kloppen, lieber frisches, noch mehr meta Material"-Strategie die Annies zweites Album trotz einem Jahr zurückliegenden Leaks nochmal auffrischen sollte, erst recht nachdem die neuen Stücke von Paul Epworth und Richard X' Songs Remind Me Of You zu meinen frühen Favoriten avancierten. Aber als ich dann die UK-Ausgabe dieses Albums mitsamt der EP hörte die die weggefallenen Stücke enthielt konnte ich schon verstehen warum die Fans in den Popjustice-Foren seitenlang darüber debattieren wie man sich aus beiden das perfekte Album basteln kann, gerade die vorhersehbaren Produktionen von Xenomania (Loco ist nicht schlecht, klingt aber fast genau so wie das bereits ein paar Jahre alte, bessere Xenomania-Stück Long Hot Summer) hätte ich nur zu gern mit den herrlichen Singles I Know Ur Girlfriend Hates Me und Anthonio ersetzt gesehen, oder auch mit dem NDW-igen I Can't Let Go, einem der spaßigsten Duette seit dem der 1990s mit Lovefoxxx. Aber letztendlich ist es ja nicht mein Verlust, mit beiden Scheiben zur Hand kann ich mich zur Not selbst unter die Albumbastler begeben. [mehr]

[Video] Annie - Songs Remind Me Of You (von Don't Stop)
[Video] Annie - I Know Ur Girlfriend Hates Me (von Of The Night)

Platz 28
Nite Jewel - Good Evening

Im Verlauf ihres Debütalbums präsentiert Nite Jewel innerhalb ihres schon ziemlich runden Soundprofils eine angenehme Vielfalt: Universal Mind klingt wie ein verlorenes Kleinod eines leicht kitschigen 80er-Teenromanzen-Soundtracks, Chimera wie ein frustriert auf der Stelle tretender Tänzer im Silberlicht. In Artificial Intelligence duellieren sich, das technologieskeptische Thema reflektierend, lebendig vorangeklatschte Synthwolken mit robotisch-monotonen Blubberblasen, auf dem finalen, herrlich schimmernden Roxy-Music-Cover Lover schließlich ähnelt Gonzalez' Stimme mit einer bis dahin seltenen Fülle und Tiefe gar einer jungen Madonna. Anstrengend komplex wirken ihre Stücke nie, dafür sind alle mühelos abzählbaren Elemente bestens aufeinander abgestimmt und strahlen über allen Lo-Fi-Sound hinaus vor allem Eleganz aus. Eine richtig schöne kleine Sensation. [mehr]

[MP3] Nite Jewel - Weak For Me
[Stream] Nite Jewel - Good Evening

Platz 27
Fight Like Apes - Fight Like Apes And The Mystery Of The Golden Medallion

Die nicht enden wollenden Kette von "tollen Bands die mal mit Los Campesinos! gespielt haben" setzte sich auch dieses Jahr fort, beginnend mit dem Debüt dieser Iren. Die waren zwar schon etwas früher in diesem Rahmen empfohlen worden, doch so richtig bekamen sie ihren Keyboards-statt-Gitarren-Sound erst hier auf die Reihe, und schon entfalteten die durch Essen, Wrestling und obskure britische Popkultur gefilterten Songs ihre volle vergnügende Wirkung. Nach einer mächtigen Frontladung lässt die zwar ein wenig nach, aber Sängerin May-Kay, klarer Star dieses Affentheaters, lässt mit ihrer stimmlichen Bandbreite von emotionalem Tiefgang bis wüstem Screamo-Ausbruch keine Eintönigkeit aufkommen. Und eine 12sekündige Melt-Banana-Hommage kann man ja sowieso nur gut finden.

[Video] Fight Like Apes - Tie Me Up With Jackets
[Stream] Fight Like Apes - Fight Like Apes And The Mystery Of The Golden Medallion

Platz 26
Meanderthals - Desire Lines

Die Grenze zwischen Entspanntheit und Eintönigkeit ist ziemlich dünn, und zunächt war ich mir gar nicht mal so sicher ob sie hier nicht überschritten wurde. Aber gerade über ihre etwas längere Spieldauer entfalten das kreisende Akustikgitarrenspiel und die verzahnten Rhythmen mehr als ein Gefühl der Losgelöstheit, je tiefer man in die Musik eintaucht desto klarer werden ihre Feinheiten, desto fesselnder ihre Konstruktion. Aber wenn man will kann man sie auch einfach in ihrer ganzen oberflächlichen Schönheit genießen. [mehr]

[MP3] Meanderthals - Kunst Or Ars
[Stream] Meanderthals - Desire Lines

Platz 25
Eat Skull - Wild And Inside

Mit einem Altersdurchschnitt der mit einer 3 an der Zehnerstelle beginnen dürfte sind die Mitglieder von Eat Skull gewiss nicht die jungen Wilden unter den Krachmachern, in zahlreichen Projekten wie The Hospitals sind sie schon seit Jahren mit niedrigfideligem Klang unterwegs. So zeigen sie auf diesem zweiten Album aus einer angemessenen Erfahrungsdistanz Humor, (Selbst)referentialität und das Wissen, keinem mehr etwas beweisen zu müssen, öffnen sich der Gemütlichkeit, melancholischer Emotionalität (in Form der wunderschönen Spätsommerstrahlen Dawn In The Face und Oregon Dreaming) und schaffen vielleicht die erste unter den jüngeren Shit-Fi-Platten, zu der man auch kuscheln kann. [mehr]

[MP3] Eat Skull - Stick To The Formula
[Stream] Eat Skull - Wild And Inside

Platz 24
The Pains Of Being Pure At Heart - The Pains Of Being Pure At Heart / Higher Than The Stars EP

Ein bisschen fühl ich mich, als hätte ich vom ersten Tag an darauf gewartet dass diese Band mal auf die Fresse fällt, denn langsam wird das schon gespentisch. Von der ersten EP an machten die Pains irgendwie alles richtig, schieben ihren zwar altbekannten, aber passenden Sound auch langsam in neue Richtungen (die dominanten Synths und der Smiths-Gesang auf der neuen EP) und kommen vor Allem immer wieder mit sanften, 1A Ohrwürmern an. Irgendwann werden sie so auch noch den letzten Skeptiker auf dem Planeten überzeugt haben, ich selbst hab vor ein paar Monaten aufgegeben. [mehr]

[MP3] The Pains Of Being Pure At Heart - Come Saturday (von The Pains Of Being Pure At Heart)
[MP3] The Pains Of Being Pure At Heart - Higher Than The Stars (von Higher Than The Stars)
[Stream] The Pains Of Being Pure At Heart - The Pains Of Being Pure At Heart
[Stream] The Pains Of Being Pure At Heart - Higher Than The Stars EP

48 Aus 2009 (Teil 2)

(Teil 1) (Teil 3) (Teil 4) (Teil 5) (Teil 6)

Platz 40
Micachu - Jewellery

Ein bemerkenswertes Gespür für songwriterische Ökonomie zeigt die Britin Mica Levi - ab und zu unterstützt von ihrer Band The Shapes - auf ihrem Debütalbum. Hier wird keine Sekunde zu lange verweilt, es geht rein in den Song, je nachdem wird das Strophe-Refrain-Schema genau so oft wiederholt wie es muss, ein-, zwei- oder auch keinmal, und schon geht's auch wieder raus ohne dass man sich geschmälert fühlt oder eine Idee unangemessen überstreckt wurde. Transportiert werden diese Ideen von einem idiosynkratischen, scheinbar klapprigen Instrumentarium bestehend aus u.a. Schrammel-Ukulele, Glockenspiel und Bohrmaschine und Electro-Loops das sich mit jedem Hören als ebenso clever inszeniert herausstellt wie Levis seltsame, aber verdammt eingängige Melodien.

[MP3] Micachu - Lips
[Stream] Micachu - Jewellery

Platz 39
Jay Reatard - Watch Me Fall

Genug Material hat das Garagepop-Genie offenbar jederzeit zur Hand, davon zeugen vier Solo-Longplayer in genau so vielen Jahren. Trotzdem ist Watch Me Fall, nach zuletzt zwei Sammlungen von Single-und EP-Veröffentlichungen, streng genommen Jay Reatards erstes Studioalbum seit dem Überwerk Blood Visions und leidet vielleicht auch deswegen ein wenig im Vergleich, nichtsdestotrotz schüttelt er auch hier wieder Hooks en masse aus dem Ärmel. Das Kleid frenetischer Punksalven haben seine Popsongs mittlerweile größtenteils abgelegt, immer mehr Akustikgitarre macht sich breit und auch Reatard selbst bellt seltener als dass er ein sanftes "Ba-Ba-Ba" intoniert und zum Finale bereichert ein Cello das ohnehin herrliche Falsett von There Is No Sun. Wer hätte gedacht dass der Mann auch Traumstunden auf Lager hat?

[MP3] Jay Reatard - It Ain't Gonna Save Me
[Stream] Jay Reatard - Watch Me Fall

Platz 38
Sky Larkin - The Golden Spike

Beinahe hätte ich diese Platte vergessen, da ich die Rezension dazu schon Ende letzten Jahres verfasst hatte hatte ich sie nämlich mental auch unter 2008 abgelegt, aber hier war mein anales Sortieren und Durchhören aller Platten des Jahres prä Listenerstellung mal echt zu was nütze. Und nachdem ich es länger nicht mehr gehört hatte stellte sich The Golden Spike erfreulicherweise als noch besser heraus als ich es in Erinnerung hatte, flotter, druckvoller Indierock (der längst nicht so britisch klingt wie der ihn begleitende Gesang) wie man ihn dieser Tage nur noch selten zu hören bekommt. Jetzt wo ich's mir überlege, jau, Sky Larkin würden perfekt ins Vorprogramm von Pavement passen. [mehr]

[MP3] Sky Larkin - Molten
[Stream] Sky Larkin - The Golden Spike

Platz 36 & 37
Permanent Vacation - Selected Label Works No. 1 / Milky Disco 2 - Let's Go Freak Out

Gewiss, Mixe und Compilations gibt es wie Sand am Meer, jeder kann in welcher Qualität auch immer mit großer Freiheit gewählte Zusammenstellungen zackig auf Rapidshare hauen, oder auch die Werke der Profis bei RA, Fact & Co umsonst runterladen. Was machten also diese beiden käuflichen Zusammenstellungen das sie darüber hinaus hob? Nun, zweierlei: Im Falle von Permanent Vacation stellte ein Label ohne Geschmacksverirrungen ganze 2 Cds mit seinen Veröffentlichungen der letzten Zeit zusammen (unter denen mir sogar die bislang unbekannten von 40 Thieves und Good Guy Mikesh & Filburt am besten gefielen), weniger als einen kontinuierlichen Mix als eine Sammlung die von der stilistischen Verwandschaft dieser Hits aus der Emo-Disco lebt. Einen anderen Weg wählte die ebenso großartige Milky Disco 2, in einem kontinuerlichen Fluss geht es hier von Sandstrand-Vibes über krautinjizierte Experimentalität, Schlafzimmer-Disco und Sternenflüge einmal quer durch so ziemlich alles was mir jenseits von Gitarrenmusik in den letzten paar Jahren gefallen hat, und das auf einem durchgängigen Niveau dass ich hier genau so oft reinhörte wie in ein gutes Album - und öfter als in jeden runtergeladenen Mix.

[Stream] Milky Disco 2 - Let's Go Freak Out

Platz 35
Swan Lake - Enemy Mine

Manchmal hilft es mir, eine Platte im Vergleich oder gar in Opposition zu einer anderen zu hören, dann werden manche Qualitäten schnell klarer. In diesem Falle war mir das zweite Album von Swan Lake, der gemütlich-freundschaftlichen Zusammenkunft der Herren Mercer, Krug und Bejar, nach ihrem imposanten Beast Moans zunächst etwas unbedeutend erschienen. Direkt nach einem vorhergehenden Anhören von Veckatimest wirkte die bislang zu müde, gefasste Platte allerdings wie ein Hardcore-Brett und ist seitdem auch stetig in meinen Ohren gewachsen. Das wohlgemerkt nur weil ich ohnehin allen Akteuren positiv zugewandt bin, auch hier drücken alle trotz angeblich intensiviertem Kollaborationsaspekt "ihren" je drei Stücken deutlich den persönlichen Stempel auf, angefangen mit ihren charakteristischen Stimmorganen, und so wird man diesem Album auch nur soviel abgewinnen können wie allen drei zusammengenommen. Bejars Beiträge gefallen mir sogar am besten, er ist für die poppige Seite verantwortlich zwischen der und Spencer Krugs Waldschrat-Folk (u.a. einer Alternativversion des auch auf Dragonslayer zu findenden Paper Lace) Carey Mercer das manisch-melodische Bindeglied gibt, besonders schön zu hören auf dem finalen Warlock Psychologist .

[MP3] Swan Lake - Spanish Gold, 2044
[MP3] Swan Lake - Spider
[MP3] Swan Lake - A Hand At Dusk

Platz 34
Times New Viking - Born Again Revisited

Es zieht sich wie ein Mini-Thema durch diese Liste, wer seine frühen Aufnahmen noch in (absichtlich) rauem Sound hielt wird mit der Zeit milder, harmoniesüchtiger. Auch Times New Viking schienen dieser Entwicklung bislang zu folgen, auch wenn seine penetrant komprimierte Produktion auf Rip It Off mehr denn je mit glorreichen Hörschäden drohte war es vor zwei Jahren das bislang eingängigste Werk des Trios. Dessen viertes Album nun zeigt sich zwar lautstärkenmäßig tatsächlich sanfter, auch findet sich hier eine neue melancholische Sänfte z.B. in Form des zart-verwundbaren These Days oder des in Klang gefassten Fluchtinstinkts Move To California, an anderer Stelle aber zeigen sich TNV punkig wie seit ihren Anfängen nicht mehr, rotzen einem I Smell Bubblegum und die thrashende Finalskizze Take The Piss entgegen und lassen dazwischen mehr denn je vermuten dass sie auch mit leichter Verspätung von The Velvet Underground zur Bandgründung inspiriert wurden.

[MP3] Times New Viking - No Time No Hope
[Stream] Times New Viking - Born Again Revisited

Platz 33
Lindstrøm & Prins Thomas – II

Das zweite gemeinsame Album der Norweger fand ich ja schon anfangs sehr gut, aber seitdem ich es dann mal mit Kopfhörern probierte bin ich ordentlich darin verknallt. Es ist als hätten die Meister der Kosmik versucht jede Sekunde dieser Scheibe mit Ideen zu füllen die sich bis ins fein heraushörbare Detail erstrecken, das funktioniert sowohl in Einzelportionen wie auch als ein gewaltiger, anfangs zugegeben kaum überschaubarer Trip. Besonders schön war es im Sommer so zu tun als würde man den beiden auf dem Balkon nebenan beim lustvollen, epischen Jammen lauschen, oder auch beim geplanten Spielen, wer weiß das schon genau, ist ja auch völlig egal wenn es so gut die Synapsen zum Tanzen bringt.

[Stream] Lindstrøm & Prins Thomas - II

Platz 32
Patrick Wolf - The Bachelor

Wenn ich nicht ziemlich gut wüsste, dass der Mann sich nicht in seine Kunst reden lässt, würde ich Patrick Wolf ja vorschlagen beim nächsten Album anstatt mit Alec Empire mit Kate Bush zusammenzuarbeiten. Denn während die beiden Stücke mit Digital-Hardcore-Tünchung mir trotz überragender Livedarbietung im Albumkontext nicht so recht zusagen gehören die Bushigsten Momente zu den klaren Highlights auf The Bachelor, wenn sich in The Sun Is Often Out der Songtitel musikalisch manifestiert oder Tilda Swintons Stimme die ohnehin camp-überhöhte Theatralik des Albums unterstreicht. Bin aber auch schwer gespannt was die zweite Hälfte des Albums bringen wird, damit dürfte man ja schon in der kommenden Jahreshälfte rechnen können.

[Video] Patrick Wolf - Hard Times

48 Aus 2009 (Teil 1)

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Platz 48
Mono - Hymn To The Immortal Wind

In den letzten Jahren waren die vier Japaner – stellt man mal 65daysofstatic in die eigene Abteilung die sie verdienen – die einzigen, die mich noch davon abhielten, epischem Instrumentalrock (the genre formerly known as Post Rock) gelangweilt gegenüber zu stehen. Auf diesem, ihrem fünften bzw. sechsten Album, setzten aber auch bei mir erstmals Ermüdungserscheinungen ein. Der Sound sollte eigentlich, dank einem Vielfachen der bisherigen orchestraler Begleitung, breiter und prachtvoller sein, aber bis auf den letzten, tatsächlich sehr prachtvollen Song der sein Potential zu instrumentalem Grandeur voll ausnutzt, wirken die Stücke auch dank zu vorhersehbarer Melodien merkwürdig klein und flach. Wenn sich nicht mit Steve Albini der selbe Mensch wie zuvor hinter den Studioreglern befunden hätte hätte ich glatt darin die Ursache gesucht, live sind Mono nämlich immer noch eine Naturgewalt.

[MP3] Mono - Ashes In The Snow
[Stream] Mono - Hymn To The Immortal Wind

Platz 47
Pet Shop Boys - Yes

Die Rückkehr der Pet Shop Boys kam zu einem nahezu perfekten Zeitpunkt.Gerade hatte ich mir erst über meine neue Lieblingsband zu Jahresbeginn, The Tough Alliance, das grandiose Schaffenswerk von Saint Etienne richtig zu erschließen begonnen, und da passten nach meiner Theorie die Boys ebenso gut ins Bild. Zudem hatten Girls Aloud gerade auch mit dem von PSB verfassten The Loving Kind ihre herrlichste Single seit Längerem rausgebracht, eine Zusammenarbeit mit der britischen Pop-Entität Xenomania die sich auch in der Arbeit am neuen PSB-Album fortsetzte. Doch vielleicht waren gerade damit auch meine Erwartungen schon zu hoch gelegt, weder ans hohe Euphorieniveau der Schweden (obwohl Pandemonium mit seinem Marschbeat und Oooh-Jubeln auch so was von ein Tough-Alliance-Song sein könnte) noch an The Loving Kind kommt Yes je heran, und wegen des Absackers in der Mitte dürfte es auch ein Album bleiben das mir nach anfänglicher Euphorie nicht mehr oft in den CD-Spieler kommt.

[Video] Pet Shop Boys - All Over The World
[Stream] Pet Shop Boys - Yes

Platz 46
The Thermals - Now We Can See

Keine Frage, The Thermals werden nicht jünger. Auch auf Now We Can See wird das Tempo öfter gedrosselt als voll auf die Tube gedrückt wird, dafür wird mit aufgeputschtem Gitarrensound das Dynamik-Loch gut gefüllt. Und das Songwriting haben Kathy und Hutch gewiss nicht verlernt, trotz der gewohnt kleinen Akkordpalette dem eingängigen Powerpop auch neue Nuancen hinzugefügt, wie beim ungewohnt gefühlvollen How We Fade mit Mini-Gesangsverein im Hintergrund oder beim etwas-über-Midtempo-Ohrwurm I Let It Go, wo hier früher vor der 3minutenmarke Schluss gewesen wäre reißen die Thermals das Ruder noch einmal machtvoll rum und preschen zum kräftigen Finale voran. Es muss halt nicht immer wahnsinnige Geschwindigkeit sein.

[MP3] The Thermals - Now We Can See

Platz 45
The Paper Chase - Someday This Could All Be Yours (Part 1)

Ah, The Paper Chase. Wer sonst hat eine derartige Freude am Harmoniebruch (wie hierauf z.B. in This Is A Rape), hat Songs die wirken als wären sie auseinander gefallen und nicht ganz richtig wieder zusammengesetzt worden, kann ein Album über Katastrophen inklusive eines halben Pfunds Blasphemie machen und das Ganze dann doch dermaßen schön und enthusiastisch klingen lassen? Egal ob man in der Diskordanz von What Should We Do With Your Body (The Lightning) quiekende Schweine und schreiende Menschen raushört oder die Geigen in The Laying Of Hands The Speaking In Tongues (Mass Hysteria) hysterisch anschwellen, irgendwie möchte man doch fast schon mitsingen. [mehr]

[MP3] The Paper ChaseWhat Should We Do With Your Body (The Lightning)

Platz 44
Mi Ami - Watersports

Ich müsste es nochmal nachgucken um sicher zu sein, aber spontan würde ich sagen dass mein Lieblingskonzert 2009 das von Mi Ami war. Das Trio mit dem aufregendsten Punk/Hardcore-Entwurf seit – nun, seiner Vorgängerband Black Eyes halt – erinnert mit harschem Gitarrengefetze und dem manisch bis panisch hohen Gesang von Daniel Martin-McCormick mal wie ein verstärktes Echo von ganz frühen The Rupture, anderswo mit langen, elektronisch durchzogenen Dubmeditationen wie ein höchst originelles Update später The Slits, fern jeglicher Hardcore-Klischees dank eines ungemein blubbrigen Basssounds (der sich auch gern mal auf Funkausflüge begibt) und einer komplexen Polyrhythhmik die man eher von einem oktopus denn einem menschlichen Drummer erwarten würde. Auch wenn Mi Amis – wegen des überraschenden Untergangs von Touch & Go vielleicht ähnlich hektisch wie bei ihren Kollegen Crystal Antlers zustande gekommenes – Debüt die schiere Intensität ihres Liveauftritts nicht wiedergibt, ein vielversprechender Anfang ist es allemal, allzu lange wird man auf Nachschlag auch nicht warten müssen. [mehr]

[MP3] Mi Ami - New Guitar

Platz 43
Love Is All - A Hundred Things Keep Me Up At Night

Es ist mir ja unglaublich peinlich wie lange ich gebraucht habe um die Melodie von Wishing Well als die von The Cleans Tally Ho zu identifizieren. Den Schweden von Love Is All ist das aber gewiss nicht anzukreiden, die dürften das garantiert nicht als absichtlichen oder zufälligen Diebstahl, sondern als liebevolles Zitat gemeint haben, so versiert wie sie in der Indiepop-Geschichtsschreibung sind. Außerdem hat ihr zweites Album noch Einiges mehr an eigenerem Material zu bieten, ein gutes Dutzend flotter, kurzer Songs mit nervösen Dynamiken, Melodica-Melodien und einem No-Fi-quietschenden oder melodisch langgezogenen Saxophon. Ein wenig erwachsener, nicht so chaotisch wie ihr Debüt, aber nicht glattgebügelt (weil sie die auf Weisung ihres Labels hin polierten Songs in die Tonne kippten) sondern voller unperfekter musikalischer Momente, wie dem zaghaften Duett in A More Uncertain Future, und persönlicher Ungewissheit über das Nachtleben und was danach kommt.

[Video] Love Is All - Wishing Well

Platz 42
HEALTH - Get Color

Das Debüt des L.A.-Quartetts war 2007 so eines das bei mir unter "vielversprechend, aber mal abwarten" rangierte. Die Boredoms-Verbindung von hektischen, verflochtenen Drum-Eskapaden und glänzenden Noise-Sounds hatten sie ohne Frage damals schon drauf, so richtig haben sie ihre disparaten Elemente, zu denen auch ihr ätherischer Gesang zählt, aber erst auf diesem zweiten Album zusammengebracht. Neonfarben verzerrte und so gar nicht "rocken" wollende Gitarren schwingen und schnappen nach davongalloppierenden Beats, sirrende Wellen schwingen von Wand zu Wand, meditativ repetitieren sich die Rhythmen und fast schon erhaben inmitten des ganzen Heidewitzkas schwebt eine klare, aber nicht am Boden haften wollende Stimme. Trotz aller Drückender-Lärm-Assoziationen die einem spontan durch den Kopf gehen stellt sich beim Hörenden dabei ein etwas anderer Effekt ein, ein Gefühl angeregter Gebanntheit, als blickte man einem Tiger der hinter einer Glaswand tobt direkt ins Auge.

[MP3] HEALTH - Die Slow
[Stream] HEALTH - Get Color

Platz 41
The Mayfair Set - Young One

Mike Snipers Musik war schon immer sehr kompatibel mit (vermeintlich) "femininen" Stimmen. Anfangs pitchte er dabei seine manchmal ohnehin schon gender-ambiguös verzerrte Stimme nach oben, was die anfangs ohnehin mysteriöse Aura um sein Geisterpop-Projekt Blank Dogs nur verstärkte. Auf dessen diesjährigen Album Under And Under waren, meist aber eher im Hintergrund, die Vivian Girls zu hören, und nun hat Sniper mit der ebenfalls vor allem für ihre Soloproduktionen (als Dum Dum Girls) bekannten Kristin Gundred gleich genug Material für diese ansehnliche EP aufgenommen. Darauf treffen Snipers Mope-Genuschel und sein gruftiger Postpunk auf Gundreds von Motown und Spector beeinflussten California-Schrammelpop und Girlgroup-Gesänge, Echo und kaputter Gesamtklang sind noch der größte gemeinsame Nenner der beiden. Das Ganze klingt überraschenderweise nicht nur wie eine Verbindung des vermeintlich Unvereinbaren, da beide einander genügend Freiraum einräumen und sie im Wechselgesang eine faszinierende Stimmdynamik entwickeln funktioniert es auch verdammt gut.

The Mayfair Sets Myspace

Countdown Zum Countdown

So langsam kriege ich auch mal meinen Arsch hoch und begebe mich hoffentlich noch heute mal langsam ans Revue passieren lassen des zurückliegenden Musikjahres, vorher aber kann man schon mal lesen wie dieses nach einer Konsensabstimmung zwischen Dutzenden deutschen Musikbloggenden aussah. Top Of The Blogs 2009 versammelt erstmalig die Ergebnisse einer derartigen Abstimmung, aber nur dass sich keiner wundert, meine eigenen Top 10 dort dürften etwas aussehen als in ein paar Tagen hier zu lesen sein wird da ich mich immer noch nicht ganz durch die Platten dieses Jahres durchgehört habe.