Platten

66 aus 2006 Teil 4

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Platz 33
My Latest Novel - Wolves


Schüchtern klingt Wolves manchmal. Als würden sich diese Schotten schämen, als wäre ihre Musik nicht gut genug, oder ihre Gedanken nicht wichtig, vielleicht interessiert das ja niemanden... Bitte, My Latest Novel, macht bloß weiter. Wir haben gerade erst die Delgados verloren, wir brauchen melancholische Schotten, besonders welche die so bewegende Alben machen. Arcade Fire-Vergleiche nahmen dieses Jahr Überhand, aber was die Dramatik der Songs angeht ist der Vergleich hier qualitativ berechtigt. Wenn die Stimmen sich in The Reputation Of Ross Francis zaghaft, dann immer sicherer mit der Musik erheben, oder die Geigen die Regie von Pretty In A Panic übernehmen, dann gibt es nicht mehr dich in deinem Zimmer mit dieser Musik, dann ist da nur noch die Musik die für ein paar Herzschläge den gesamten Kosmos geschluckt hat.

Platz 32
Be Your Own Pet - Be Your Own Pet


Dies war für mich das Aktivitätsalbum 2006. Ob beim Kochen, Rasen mähen, Sport, Holz hacken, Be Your Own Pet rocken so konsequent nach vorne dass man kaum dazu stillstehen kann. Ich gebe zu ich habe mir nie Gedanken gemacht was der Titel des Eröffnungsstück Thrasher's Flail übersetzt bedeutet, aber es klingt nach Ungebundenheit, nach wildem Herumhüpfen in dreckigen Partykellern, und genau so stell ich mir auch die Liveshows der jüngsten Bewohner meines Mp3-Players vor.
Mit 14 Songs Dauerfeuer geben sie nie weniger als Vollgas, 1 2 3 4 Power Chords, und man kriegt Lust irgendwas kaputt zu machen. Klar dass das hier Teenager sind, sie sind, like, adventurous. Und so groß Bunk Skunk Trunks Slogan "I'm an independent motherfucker / And I'm here to take your money / I'm wicked, rad, and I'm here / To steal away your virginity..." auch ist, meine Lieblingsstelle ist eindeutig der nur einmalige Refrain am Ende von Stairway To Heaven, bei dem sich die gnadenlose Spannung die sich über die vorige Minute aufgebaut hat endgültig entlädt, Gitarre, Bass und Schlagzeug hindernislos nach vorne Preschen und die Sängerin mit ihrer hier mal unkoketten Stimme brüllt "BRAIN IS ON FIRE! MY BRAIN IS ON FIRE! SO PISS RIGHT IN MY EAR!" Mehr Rock 'n Roll hat dieses Jahr nicht gehört.

Platz 31
Xiu Xiu - The Air Force


Bei Xiu Xiu ist und bleibt für die meisten die Frage nicht "Ist das ein guter Song?" sondern "Will ich mir sowas wirklich anhören?" Bei solch einer Spaltung scheint es sinnlos zu erwähnen, aber The Air Force enthält mit das Schönste, Beste und auch Eingängigste was Jamie Stewart je gemacht hat, und wenn jemand sich erstmalig oder noch einmal an Xiu Xiu versuchen will: nur zu. [mehr]


Platz 30
The Hold Steady - Boys And Girls In America


Mist, über Hold Steady schreiben und nüchtern sein ist doch wie ein FDPler auf nem Slayerkonzert. Dabei sind The Hold Steady zwar Amerikas beste Kneipenband, sicher dem Alkohol selber nicht abgeneigt und feiern auch mehr feucht-fröhliche Konzerte als dass sie sie geben, aber Boys And Girls In America ist mehr denn je ein Album auf denen Craig Finn erzählt was nach der Party passiert, wenn das High nachlässt, wenn man in einem Bett aufwacht mit jemandem den man sich gestern ganz anders vorgestellt hatte. Wobei erzählen, auch wenn Finn wie immer vor allem nasalen Sprechgesang vorträgt kann man doch deutlicher als sonst verschiedene Töne und Melodien in seiner Stimme ausmachen. Dazu ist auch die Musiksektion, angeführt von Ausnahmegitarrist Ted Kubler, melodischer denn je und souverän rockend sowieso, und wenn in einer Band alle so in Hochform sind dann kann dabei ja nur ein ganz tolles Album herauskommen. Liebe The Hold Steady, die nächste Runde geht auf mich.

Platz 29
Mono & world's end girlfriend - Palmless Prayer / Mass Murder Refrain


Ja, ich hatte beim letzten Text nicht nur den Namen von Monos Kollaborateur auf dieser Platte fälschlicherweise groß geschrieben, sondern auch wohl völlig seine Rolle hier unterschlagen. Aber world's end girlfriend macht es einem nicht gerade leicht, er gibt sich gerne anonym, und auch im Booklet findet sich keinerlei Hinweis auf seine ungefähre Rolle hierbei. Aber ein Zufall wird es sicher nicht sein dass während seiner Mitarbeit Monos bisher kohärentestes, abwechslungsreichstes und stimmungsmäßig einzigartiges Album entstand. Vom direkt Düsterkeit aufbauenden Beginn, wo man sich fragt ob hier wirklich Mono zu Werke gehen, über den ersten Höhepunkt in der Mitte bis zum übergroßen Finale wurde hier ein einziges gewaltiges Stück Musik geschaffen das dieses Jahr seinesgleichen vergeblich sucht. [mehr]

Platz 28
The DFA - The Dfa Remixes Chapter 1&2


Auch wenn ich sie nie explizit aufgeschrieben habe,.ich hatte durchaus gewisse Kriterien für diese Liste. Eines davon war dass die Stücke eines Albums nicht schon vorher auf anderen des Künstlers veröffentlicht sein durften, und auch wenn ich mir nicht ganz sicher bin dass keiner der Remixe des dynamischen Duos Goldsworthy und Murphy einmal auf einem Album eines anderen Künstlers erschienen ist wäre ich auch dann noch bereit gewesen alle Regeln aus dem Fenster zu werfen, auch die dass eine Platzierung eigentlich nur für ein Album gilt. Denn bei dieser Zusammenstellung wäre eine Aufspaltung sinnlos, meine Lieblingsremixe sind fast gleichmäßig über beide verteilt, und ich bin eigentlich auch einfach nur glücklich dass hier endlich mal die (obwohl sie zu den besten der letzten Jahre gehören) teilweise irrsinnig schwer zu findenden Remixe kompiliert wurden. Wer auch nur einen gehört hat weiß wohl dass die DFA dabei meist das ursprüngliche Stück mindestens bis aufs Skelett zerfleddert, um es dann nach eigenem Bild zusammensetzt. Und natürlich ganz viel Disco reinpackt. Mit Kuhglocken!

Platz 27
Yo La Tengo - I Am Not Afraid Of You And I Will Beat Your Ass


Um's schon mal vorwegzunehmen: Albumtitel des Jahres! Vermutlich auch Comeback, nicht dass die Indierock-Veteranen je weg gewesen wären, aber eine Rückkehr zur Höchstform nach über 20 Jahren Bandbestehen und zuletzt zwei Compilations in Folge ist doch überaus selten. I Am Not Afraid Of You... bordert so über vor Ideen dass man zunächst einen Haufen aufstrebender Jungspunde dahinter vermuten würde, aber natürlich wäre es dann nie so gut geworden. Yo La Tengo haben all ihre Erfahrung nicht nur in neunminütige Dauerbrenner, sondern auch in kleine Popjuwele gesteckt. Hätte das Trio dieses Album vor etwa 10 Jahren veröffentlicht wäre es sicher heute ein Meilenstein, aber das wird Yo La Tengo garantiert nicht stören, in nochmal 10 Jahren werden sie sicher immer noch da sein und spätestens dann alle hiermit verdienten Lorbeeren ernten.

Platz 26
A Hawk And A Hacksaw - The Way The Wind Blows


Was lange währt wird endlich gut: auf The Way The Wind Blows haben Jeremy Barnes und Heather Trost ihre ganz eigene musikalische Vision endlich in eine Form gebracht die sich nicht mehr groß um Begriffe wie Song oder Refrain, Balkan oder Belarus, Pop oder Folk schert, und so kompromisslos eine erdige, aber nicht richtig am Boden festhaftende Platte gemacht. Die Emotionen die sie erweckt sind dabei so unstet wie die Musik selbst, immer auf der Wanderung, aber wenn es eins ist was man vor allem hiervon bekommt dann ist das Lust auf die Ferne, Lust auf Fremdes. Wo immer der Wind einen hin trägt.

Platz 25
Sonic Youth - Rather Ripped


Öhm ja puh, kann ich hier nicht einfach nochmal den Yo La Tengo-Text mit ein paar kleinen Änderungen reinschreiben? Nein, das passt nicht. Sonic Youth hatten zwar auch eine Phase in der es wenige Platten gab die dem Nicht-Hardcorefan als denkwürdig verblieben, aber das liegt eben daran dass Sonic Youth gerne experimentieren. Jazzen, noisen, atonalisieren, was auch immer. Aber über die letzten drei Alben gab es wieder mehr und mehr eine Rückkehr zu Musik die auch einer breiteren Hörerschaft zu gefallen wusste, dabei aber immer gerade die im Übermaß schnell abstoßend wirkenden avantgardistischen Elemente wohl mit in die Musikm einbeziehend, und Rather Ripped ist für mich die Krönung dieser Entwicklung. So, und ab hier kann man sich einfach den Yo La Tengo Text nach "hätte das Trio" vorstellen. [mehr]

Platz 24
Arctic Monkeys - Whatever People Say I Am, That's What I'm Not


Noch so ein Album das älter scheint als es ist. Gut, ich war auch einer von den oh so eingeweihten die schon letztes Jahr durch einzelne Mp3s auf die jungen Sheffielder aufmerksam wurden, aber als das Album mit dem langen Namen dann raus war hab ich's eigentlich nur ein paar Mal gehört bevor ich etwas genervt war. Vielleicht des Hypes wegen, vielleicht auch weil so schnell die ersten 30jährigen Trittbrettfahrer auftauchten und sich zum Affen machen wollten und damit dann auch problemlos Erfolg hatten. Aber guten Alben kann so was nicht schaden, und so freute ich mich vor ein paar Wochen als ich dieses hier wieder auflegte selbst zu hören dass Arctic Monkeys wirklich eine große Rockband sind mit einem exzellenten Debütalbum das genug Hits hat um einen Platz auf jeder Jahresbestenliste zu rechtfertigen. Wer's noch nicht gehört hat kann sich langsam mal drantrauen, am besten bevor sich die Hypewelle zu Album Nr.2 aufbaut..

Platz 23
Junior Boys - So This Is Goodbye


Zuerst hab ich's nicht gehört - nicht das Album, sondern was alle so toll, so emotional daran fanden. Klar, Anklänge an 80er Elektronik hatte es ohne bloße Pastiche zu sein, aber so richtig haben mich Junior Boys erst live gepackt. Da werden sie von einem Drummer unterstützt, und obwohl der gitarrespielende Sänger übel verschnupft, sein die Elektronik bedienender Kompagnon grenzautistisch und der Saal unverschämt leer war konnte ich ab da In The Morning, The Equalizer und den Titeltrack nicht mehr vergessen, und beim Anhören setzten sich dann nach und nach die anderen Songs im Kopf fest, immer ein bisschen von wann anders erklingend, das Gefühl erweckend irgendwo etwas vergessen oder verloren zu haben, ohne dabei kalt oder deprimierend zu sein. Soll mir ja keiner sagen elektronische Musik wäre gefühlsarm.

66 aus 2006 Teil 3

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Platz 44
Erase Errata - Night Life


Oft sind in den letzten Jahren vom 80'er Postpunk beeinflusste Bands wie Franz Ferdinand und Bloc Party mit Gang of Four verglichen worden, nur damit man anschließend beklagen konnte dass lediglich musikalische Stilmittel benutzt wurden, die soziale/politische Relevanz aber fehlte. Ihr wollt Relevanz, bitte schön, Erase Errata bringen sie. Und wem dann der Songtitel Tax Dollars zu ernst und uncool erscheint: auf eurer Party hätten Erase Errata eh nie gespielt.

Platz 43
Love Is All - Nine Times That Same Song


Schon schade dass ich letzte Woche Love Is All nicht live sehen konnte, dieses Debüt der schweißtreibenden Schweden mit Saxophon ist eigentlich die perfekte Tanzmusik für Clubabende zur kälteren Jahreszeit. Ob das jetzt mit ihrer Herkunft zu tun hat glaub ich nicht, mehr sind es die an No Wave-erinnernden Sounds die bei mir die Assoziation mit Kälte hervorrufen. Eine Kälte die wohlgemerkt draußen auf den Straßen vorherrscht, drinnen sind Love Is All zugange und lassen dich das Tanzbein schwingen. [mehr]

Platz 42
Two Gallants - What The Toll Tells


Kam die wirklich erst dieses Jahr raus? Wow, die Songs von Two Gallant's Zweitwerk sind mir so sehr ins Gedächtnis eingeprägt dass sie mir immer weitaus älter vorkommen, eher schon wie Klassiker aus ihrem Repertoire. Keine geschniegelten Schönlinge, aber auch keine Hippies, bewandern Two Gallants nicht auf abgelaufenen Pfaden die Folklandschaft sondern gehen lieber querfeldein, die eine oder andere Blessur die sie sich in dieser rauen Umgebung einfangen wird dann abends mit Whisky geheilt. Aber alles wird nicht verbraucht, muss ja auch noch was für die Stimme übrig sein.

Platz 41
Matthew Friedberger - Winter Women


Das ist nun eine kuriose Sache: Winter Women und Holy Ghost Language School sind zwei Alben auf je einer CD die aber zusammen verkauft werden, nicht als Doppelalbum sondern als zwei Alben in einer Verpackung. Wie diese Nice Price-Packs von alten Rage Against The Machine Alben. Ja, sowohl vom inhaltlichen, strukturellen als auch vom klanglichen Konzept her sind diese Alben separiert (im Gegensatz zu den Rage Against The Machine Dingern), und deswegen fühle ich mich auch berechtigt das wunderschöne Sommerpopalbum Winter Women zu empfehlen obwohl das andere Album bisher das einzige von Matthew Friedbergers Werken, solo oder mit seiner Schwester als The Fiery Furnaces, ist für das ich mich wirklich nicht erwärmen kann. [mehr]

Platz 40
Beirut - Gulag Orkestar


Der arme Zach Condon wurde dieses Jahr komplett überrollt von seiner eigenen Popularität in gewissen Musikhörerkreisen, noch nie hatte er ein Konzert gegeben aber trotzdem war der Saal, als es dann soweit war, gepackt voll mit Besuchern und deren hohen Erwartungen. Dass die nicht direkt beim ersten Mal voll erfüllt wurden ist verständlich, denn Gulag Orkestar ist wirklich eine außergewöhnlich gute Platte für ein Debüt. Sicher nicht unschuldig daran sind die Musiker mit mehr Erfahrung, allen voran Balkan-Veteran Jeremy Barnes, die mithalfen. Aber die Ideen, die tollen Melodien, die hat Condon alle ganz allein in seinem Zimmer entworfen bis er sie eines Tages mit einem richtigen Orchester auf die Welt loslassen konnte.

Platz 39
Mono - You Are There


Eigentlich ist es sinnlos einen Text über dieses Album zu verfassen, das Cover beschreibt es schon perfekt. Majestätisch groß, oft kalt und hart, aber am Horizont erkennt man eine Schönheit, die irgendwann nur so über einen hereinbricht. Für mich sind Mono derzeit der Maßstab in Sachen instrumentaler Postrock, und dieses Album ist der erste Grund warum sie das dieses Jahr wurden. [mehr]


Platz 38
The Thermals - The Body, The Blood, The Machine


Eigentlich war ich mir bis gestern nicht sicher wie sehr ich dieses Album mag. Ja, die Songs sind klasse, haben auch bei größerer Länge noch genug Schwung dass man hört dass sie die Handschriften von Hutch & Kathy tragen, aber ein gutes Stück langsamer sind sie schon. Wenn die Liveshows dadurch ausgebremst worden wären hätte ich das dem Album wohl übel genommen, aber seit gestern sind meine Bedenken mehr als zerstreut. Und ihre Fangemeinde haben sie hiermit gewaltig vergrößert, was zukünftige Platten nicht mehr so unsicher erscheinen lässt wie vorher. [mehr]

Platz 37
Annuals - Be He Me


Das glorreichste Scheitern des Jahres. Zumindest wenn Adam Baker und Kohorten mit dem Debüt direkt ein rundum stimmiges Album schaffen wollten. Hier geht viel gegen den Wind, manchmal etwas zu viel, die richtige Balance ist noch nicht gefunden, aber gerade das macht die Musik sowohl aufregend als auch ein bisschen herausfordernd. "Hier, wir werfen dir mal eben 5 Songs in einem entgegen, guck mal ob du da was mit anfangen kannst." Kann ich. [mehr]

Platz 36
Herbert - Scale


Nur wenige Elektronikkünstler dürften soviel Stil besitzen wie Matthew Herbert. Nicht Stil im Sinne von Stilrichtung, Stil im umgangssprachlichen Sinne von Coolness. Der Mann weiß sich nicht nur zu kleiden, auch dieses Album strahlt mit einer sehr sicheren Ästhetik, hat aber darüber hinaus vor allem viel Substanz zu bieten. Substanz die sich messen lässt: über 700 Samples, wie bei Herbert üblich mehr Alltags- oder ungewöhnlich fabrizierte Geräusche denn klassische Instrumentenklänge, wurden für Scales verwendet, und dass dabei immer noch so viele Stücke herauskommen die Dani Sicilianos Gesang wie ein gut geschneiderter Anzug sitzen ist Testament für Herberts kompositorische Fähigkeiten. Hm, Anzug, soll ich da noch eine clevere Überleitung zum Anfang dieses Absatzes herstellen? Nee, das wär stillos (autsch, wer schlägt mich da?).

Platz 35
Mastodon - Blood Mountain


Jaja ich weiß, Gojira, Nachtmystium und andere haben auch tolle Alben rausgebracht dieses Jahr und Mastodon sind die einzige Metalband die dieses Jahr jeder ohne Ahnung von Metal toll fand, aber letztlich komme ich einfach immer wieder zu Blood Mountain zurück. Es strahlt eine gewisse Souveränität aus, und das ohne irgendwelches düsteres oder Machogehabe (mit ihren Fantasymotiven fallen Mastodon schon fast in eine nerdige Ecke). Nicht nur die musikalischen Fähigkeiten der Band sondern auch dass sie soviel hier reingepackt haben dass man auch bei mehrmaligem Hören wirklich noch Neues entdecken kann machen dieses zu einem meiner absoluten Rockfavoriten des Jahres. [mehr]

Platz 34
Final Fantasy - He Poos Clouds


Was muss der Mann denn noch machen? Er hat die Geigenarrangements für Arcade Fires Funeral gemacht, zwei eigene Alben rausgebracht, von denen das zweite dieses Jahr den ersten kanadischen Polaris-Musikpreis überhaupt gewann, und immer noch sucht man auf Google seitenweise vergeblich nach dem Musikprojekt Final Fantasy. Dieses verdammte Rollenspiel! Nicht dass Rollenspiele nutzlos wären. Auf diesem Album nimmt sich Owen Pallet eben Dungeons & Dragons als Schablone für unser Leben und Sterben, beobachtet jenes und erzählt davon gleich grandios in intimen wie in großen Geigenmelodien. Wenn er aus so einem lächerlich klingenden Konzept so ein tolles Album machen kann, was mag uns dann bloß als nächstes bevorstehen?

66 aus 2006 Teil 2

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Platz 55
Calexico - Garden Ruin


Hallo, was ist denn hier los? Calexico haben ein neues Album rausgebracht, und am Ende des Jahres weiß keiner mehr was davon? Sicher, so grandios wie Feast Of Wires ist es nicht, aber "nicht-grandios" bedeutet hier dass Calexico mit einer etwas anderen stilistischen Pallette arbeiten. Weniger ausufernde Mariachi-Klänge, mehr Rocken und Rollen, mehr Pop. Bei jeder anderen Band könnte man erwarten dass sie sich erst mal auf solche Veränderungen umstellen muss, aber das hier sind verdammt noch mal Calexico, und somit dieses Album ein verdammt noch mal großes.

Platz 54
Belong - October Language


Berauschendes Rauschen hier soweit das Ohr reicht. Belong spannen lebende Klangflächen auf, die den Verfall ihrer Heimat New Orleans widerspiegeln, wohlgemerkt den Verfall vor der totalen Zerstörung in diesem Jahr. Aber es ist sogar egal wie man die Musik zeitlich einordnet, denn hier wird die Schönheit einer eingerissenen Mauer, eines mit verrostetem Gitter verhangenen Fensters, einer mit gelben und braunen Dreck beschmutzten Wand aufgezeigt, wie man sie zwar überall findet, aber nur selten zusammen mit solch einer schwülen Luft wie sie dieser Ort besitzt.

Platz 53
Girl Talk - Night Ripper


Greg Gillis ist eine Art von Musiker die weniger mit der Erzeugung von Klängen an sich beschäftigt ist als vielmehr damit, bestehende Klänge so zu beschneiden und neu zu arrangieren.dass sie den gewünschten Effekt maximal erzielen. Obwohl es für Musiknerds interessant ist die hunderte von irrsinnig diversen Samples die hierfür verwendet wurden zu identifizieren, ist Night Ripper auch langzeitlich so ein Vergnügen weil Gillis sowohl ein großes Talent dafür hat die passenden Sequenzen zusammenzulegen als auch vor allem ineinander übergehen zu lassen. [mehr]

Platz 52
Converge - No Heroes


Nach Jane Doe schien es, als hätten Converge den Zenit ihres Talents erreicht. Laut war's immer noch, klar, aber es wirkte weniger inspiriert, wollte nicht mehr so richtig mitreißen. No Heroes versucht gar nicht erst mitzureißen, die ersten 5 Songs sind durchschnittlich 1:20 lange Arschtritte, und auch bei später längeren und langsameren Hardcoregranaten reißt die manische Energie keine Sekunde ab. In einer Post-Dillinger Escape Plan-Ära arbeiten so viele Hardcorebands daran komplizierte Strukturen aufzustellen, aber nur ganz wenige wissen dabei gleichzeitig so einen Fokus zu bewahren wie Converge, und sowieso kaum jemand kann einem so gewaltig in den Arsch treten.

Platz 51
Oxford Collapse - Remember The Night Parties


Mein Wissen über das Label Sub Pop ist zugegeben etwas veraltet und stammt überwiegend aus Michael Azerrads Our Band Could be Your Life, bis vor kurzem wusste ich nicht mal dass Sub Pop mittlerweile zu 49% Time Warner gehört. Da sollte man ja meinen dass sich dort auf Künstler konzentriert wird die auch eine Chance haben die Aufmerksamkeit des Mainstreams zu erhaschen. Klar, CSS wurden dieses Jahr bei den Hipsterpublikationen gnadenlos gepusht und nächstes Jahr dürften The Shins aka "die Band aus Garden State" Sub Pops größter Verkaufsschlager seit langem werden, aber gleichzeitig kam dieses Jahr auf Sub Pop auch dieses charmant schräge und auf großen Erfolg chancenlose Indierock-Ding von Oxford Collapse raus. Und allein deswegen darf man Sub Pop noch getrost zu den Indies zählen. [mehr]

Platz 50
Subtle - For Hero: For Fool


Gitarren über hippe hoppe Beats mit Sprechgesang, und das Ganze klingt nicht nur unpeinlich sondern knallt auch ungemein? Subtle machen's möglich. Obwohl, so beginnen sie ihr zweites Album nur. Neben Rock und Hip Hop gehören zu ebenso großen Teilen auch Elektronik und Psychedelia zu der phänomenalen Stilmischung die uns diese Gruppe bestehend u.a. aus den cLOUDDEAD-Leuten Doseone und Jel hier serviert, in der zweiten Hälfte tendiert die Platte auch mehr zu letzteren Sounds. Immer mit dabei sind die nasalen Hochgeschwindigkeitssprachanfälle Doseones, aber die Musik ist hier meist die Attraktion. Mit mindestens einem Dutzend tollen Ideer pro Track wäre es irrsinnig das Album mit wenigen Worten beschreiben zu wollen, außer vielleicht so: einzigartig.

Platz 49
M. Ward - Post-War


Ich hatte dieses Jahr mit gerade mal zwei oder drei Dutzend anderen (ey Köln: wo wart ihr?) das große Vergnügen M. Ward live zu sehen. Da stand der Mann ganz alleine, nur mit einer Gitarre, einer Mundharmonika, ein paar kleinen technischen Wunderwerken vor seinen Füßen und einer Getränkeflasche hinter ihm am anderen Ende der Bühne. Und mit seinen Songs und seiner phantastischen Stimme nahm er problemlos die ganze Bühne ein, wanderte von hier nach da, mal zu seiner Flasche, mal zum Publikum, alle Aufmerksamkeit war ihm gewiss. Die Band, die ihn auf Post-War erstmalig begleitet, rekreierte er live mithilfe seiner Geräte die seine Gitarrenpassagen loopten, und seitdem verspüre ich jedes Mal wenn ich diese Platte höre den Wunsch diese andere Vorführung zum Vergleich daneben zu haben weil ich ernsthafte Zweifel habe welche besser war. [mehr]

Platz 48
Man Man - Six Demon Bag


Kann eine Platte nicht gut sein die völlig unvermutet einen 59 Sekunden langen Freakout mit dem Titel Young Einstein On The Beach einwirft? Natürlich nicht! Nicht weniger freakig sind aber die anderen Songs hier, ich weiß ja nicht was Man Man denken in was für einer Paralleldimension sie leben, aber das Leben dort stell ich mir vor wie den schlechtesten Acidtrip seit der gute Doktor die Grenze zum Fledermausland überfuhr. [mehr]


Platz 47
Wolf Eyes - Human Animal


Harmonie? Wer braucht schon sowas? Wolf Eyes sicher nicht. Lieber Lärm, ein Tinnitus auf Band eingefangen, der Schrei 666 schmerzender Seelen. Human Animal ist gnadenlos, unmenschlich, und wenn Bosch (Hieronymus, nicht der Erfinder der elektrischen Bohrmaschine) einen iPod gehabt hätte wäre es dort auf Dauerrotation gelaufen. Und hätte seine Bilder wohl noch einen Knacks furchtbarer gemacht. [mehr]


Platz 46
Band Of Horses - Everything All The Time


Hehe, hier zitier ich mich einfach mal selber und spare mir erneute Tipparbeit, denn dieses Album ist heute immer noch so gut wie damals als ich schrieb:
Band Of Horses sind mal wieder eine großartige Entdeckung des Sub Pop-Labels. Ähnlich wie My Morning Jacket zu Zeiten von It Still Moves machen die zwei Jungs aus Seattle (Post-)Country, der mit viel Hall in der Stimme auch dann noch ein Gefühl von Weite vermittelt wenn die Songs mehr in Richtung Kaminfeuer-Folk gehen. Aber am effektivsten ist dieser Hall bei großen Songs wie Funeral, dann geht das große Gefühlfeuerwerk los: Triumph, Sehnsucht, Verlust, Einsamkeit. Oder umgekehrt. Ein Album, dessen innere Größe antiproportional zu seiner Spiellänge steht.

Platz 45
Beach House - Beach House


Wirklich eins dieser Alben das, ohne wirklich leise zu sein, doch so leise klingt dass man es erst richtig laut aufdrehen muss um es richtig genießen zu können. Ähnlich wie die ihrer Labelkollegen Belong funktioniert auch die schwelgerische, sich schon halb im Irgendwo, dort, wo die Sterne irgendwie ein bisschen heller scheinen als hier, und die Dämmerung ewig anzuhalten scheint, und.. ähm, wo war ich? Ja, dass die sich eben dort verlierende Musik des Duos weniger als Geschichten erzählend funktioniert, sondern mehr um Gefühle oder noch besser Ideen beim Hörer zu erwecken. Der Gesang ist dabei zwar durchaus textbefüllt, wird aber so dahingezogen dass ich alle die jetzt was von Ignoranz sagen herausfordere mir einen einzigen Satz hier klar herauszuhören. Es scheint auch Beach House selbst nicht so wichtig zu sein, selbst als in Auburn And Ivory der Gesang lauter und eindringlicher wird fällt er, genau dann als er in den Vordergrund drängt, mit einem Takt wieder zurück in seinen restringierten Lull. So oder so, traumhaft bleibt's.

66 aus 2006 Teil 1

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Platz 66
The Mountain Goats - Get Lonely


Ich wollte eigentlich bis zum Herbst warten um diese Platte zu besprechen, hab mich aber dann nicht mehr getraut sie anzuhören. Ein komplettes Album übers verlassen werden. Und weil es von John Darnielle ist schmerzt man beim Hören auch genauso wie man es in echt täte. Mit jedem Mal sind die Songs schöner und besser zu ertragen, aber ich würde trotzdem niemandem der gerade eine Trennung hinter sich hat raten Woke Up New zu hören.

Platz 65
The Evens - Get Evens


Ein politisches Album. Ein wütendes Album. Ein punkiges Album. Und doch keine elektrische Gitarre weit und breit. Ian MacKaye und Amy Farina haben auf Album Nr. 2 ihre musikalischen Visionen noch mehr gebündelt, und wissen simpel erscheinende Repititionen genauso kraftvoll einzusetzen wie komplizierte Drum-Muster. Nicht alle Idols sollte man killen, MacKayes Zeit zumindest ist noch nicht gekommen.


Platz 64
I'm From Barcelona - Let Me Introduce My Friends


Ein Lied ging um die Welt. We're From Barcelona hatte nicht nur die Sterne im Visier, sondern auch unsere Herzen. Und wer sich von der geballten Popnaivität bezaubern ließ, auf den wartete noch ein gesamtes Album voller bunt funkelnder Songs die Banalitäten wie Briefmarkensammeln, Verschlafen und Baumhäuser für nicht nur einen Sommer unheimlich attraktiv erscheinen ließen. Es gibt One Hit Wonder im Sommer und es gibt echte Sommerhits, dieses Album ist voll von letzteren.

Platz 63
The Walkmen - Hundred Miles Off


Ein Album mit mehr Klasse als man ihm zunächst anhört. Auf eine Tour durch die weiten Trockenlandschaften der amerikanischen Südstaaten und Mexikos nehmen uns die Walkmen, und auch wenn man nicht immer wie auf Louisiana beim ersten mal die Trompeten hört, lohnt es sich die zunächst vielleicht enttäuschten Ohren genauer auf das heisere Treiben zu lenken. [mehr]


Platz 62
Boris - Pink


Völlig zu Unrecht steht dieses Album 2006 im Schatten von Boris' Kooperation mit ihren Drone-Metallerkollegen aus Amerika Sunn O))). Denn im Gegensatz zu Altar lassen Boris hier nicht nur die morastigen Soundsphären aufsteigen, sondern wechseln mühelos in ungemein hart krachende Hardrockkracher über, was Pink zu einer weitaus abwechslungsreicheren Angelegenheit macht und weitaus mehr von Boris' Facettenreichtum zeigt, der auch pure Noisedebakel oder 20 Sekunden kurze Grindcore-Atombomben umfasst.

Platz 61
Volcano! - Beautiful Seizure


Herrje, wie soll man dieses Album beschreiben ohne dass es furchtbar klingt? Avangardistische Rocker basteln unvorhersehbare Songmonster, die so mir nichts dir nichts explodieren oder implodieren, mit Dumrhythmen die sonstwohin rennen und Gesang in einer unentzifferbaren Phantasiesprache (ohne Scheiß, das hier sind die Lyrics!). Egal wie oft ich ihn höre, Apple Of A Gun ist einfach der ungewöhnlichste und spannendste Song des Jahres, und zum Glück nicht der einzige Anfall von Wahnsinn der Volcano! hier ereilt hat. Wir fordern: mehr Exzentrik!

Platz 60
The Paper Chase - Now You Are One Of Us


2006 gab es schon so manches Monster im Wandschrank zu entdecken. Auch John Congleton hat seins mal wieder rausgelassen, und ein zum in die Hosen scheißen schaurig schönes Album hingelegt. Du kannst versuchen wegzulaufen, aber zur Not folgen dir The Paper Chase halt auch in deine Träume, denn sie wissen genau wo du schläfst. [mehr]



Platz 59
Serena-Maneesh - Serena-Maneesh


In Schweden macht man nicht nur Pop oder in letzter Zeit auch verstärkt Elektronik, auch ein krautig-psychedelisches Wunderwerk wie dieses kann dort entstehen. Ob Serena-Maneesh auch von der staatlichen Popförderung profitierten weiß ich nicht, aber mit so einem Album wird man so oder so berühmt. [mehr]



Platz 58
Cat Power - The Greatest


"Oh nein, Chan Marshall nimmt keine Drogen mehr!" Wer das Album nicht gekauft hat weil er diese Vorstellung nicht ertragen kann hat nicht nur Komplexe, sondern verpasst auch wieder mal viele phantastische Songs die ganz und gar nicht so ohne Ecken und Kanten sind wie manche Besprechungen von The Greatest behaupteten.



Platz 57
Carla Bozulich - Evangelista


Manche Dinge ändern sich zum Glück nie, und so zeichnen die Künstler des Constellation-Labels immer noch den Verfall der Welt in düsteren Bildern. Neu hinzugekommen zu der munteren Montrealer Truppe ist dieses Jahr Bozulich, und wenn Carla mit vor Wut und Pein triefender Stimme durch den Raum peitscht schafft sie es mühelos, die dunklen Klangversammlungen rundherum vergessen zu machen. Wie oft hat man schon eine Platte, auf der ein Low-Cover eins der fröhlicheren Stücke ist?

Platz 56
Islands - Return To Sea


The Unicorns sind tot, es leben Islands! Spleenige Pop-Perlen en masse werden hier aus dem Wasser gefischt und feiern die ganz große Karibikparty. Oder gibt es kanadische Inseln? Wenn ja stell ich sie mir zumindest ungemein sonnig vor, und Islands haben dort hoffentlich das Musikmonopol. Auch wenn der Tod immer wieder anklopft, ist die morbide Faszination längst nicht so prävalent wie auf dem Unicorns-Schwanengesang Who Will Cut Our Hair When We're Gone. Wenn es mal melancholisch wird, dann aber auch schon mal ernster und weniger verspielt als früher. Man wird ja auch mal ein bisschen erwachsen, selbst als Einhorn.

Mono & World's End Girlfriend - Palmless Prayer / Mass Murder Refrain



Auf den ersten Blick scheint der Name der Kollaboration von Mono und World's End Girlfriend in der langen und stolzen japanischen Tradition sinnlos spektakulärer englischsprachiger Filmtitel á la "Warning! Exploding Awesome Of The Thankful 100000 Volt Dinosaurs," die oft wenig mit dem Inhalt zu tun haben, zu stehen. Aber das fünfgeteilte Palmless Prayer / Mass Murder Refrain hat durchaus was von einem (wenngleich düsteren) Gebet, insbesondere die ersten beiden Teile sind sehr von Streichinstrumenten dominiert die dem Ganzen etwas Sakrales verleihen.

Es durchzieht gar ein (neo?)klassisches Flair diese Platte, man hört wie diese Musik Note für Note mit Bedacht komponiert wurde, nicht wie es der moderne Rockmythos verlangt aus einer genialen Laune oder gar einer Jamsession entstand. Freunde der Klassik, die die Notenblätter ihrer Lieblingsoper auswendig mit dem Finger in der Luft malen können, könnten hier durchaus Gefallen dran finden. Ja, bieder klingt es schon fast, so denkt man. Und denkt. Und hört nicht mehr so richtig hin. Und irgendwann, wenn man nach einigen Minuten mal wieder die abgewanderten Ohren auf die Musik richtet die man neben dem was man sonst trieb fast völlig ignoriert hatte, da erwischt es einen mit voller Wucht.

Denn in Part 3 wird jeder Breitwand-Postrock-Fan finden was sein Herz begehrt, in einem ungemein langen Spannungsbogen bringen Mono & World's End Girlfriend das Stück nach oben, immer mehr Instrumente, Melodien tauchen auf, es wird lauter und lauter bis es irgendwann nur noch mit voller düsterer Schönheit grollt. Ob das der "Mass Murder Refrain" ist? Ab da ist man mit Ohren und Herz hoffentlich genug dabei dass man noch einmal zurückspulen und die herrlichen ersten beiden Stücke genießen kann.

Vielleicht drängt sich einem dann beim zweiten Mal auch in Part 2 der Eindruck auf, man würde durch eine Ruine wandern, hinter Säulen deren polierte Marmorfassade tiefe Katscher hat hört man das leise Wehklagen der Geister derer denen hier vor langer Zeit Unrecht widerfuhr. Man sieht die Bilder, die diese Ode an Dahingeschiedene erweckt. Doch gegen Ende entfliehen sie wieder langsam, um den Hörer ganz allein in Part 3 zu überführen. Der wird gefolgt von Part 4, einem wundervoll besungenen Erlebnis einer anderen Welt, und schließlich beendet Part 5 das Album mit dem (wieder mal) Schönsten was Mono jemals geschaffen haben, ein unvergessliches Hörerlebnis das einfach zu groß ist um es in Worte zu fassen. Göttlich, dieses Gebet. Göttlich, diese Band.

Swan Lake - Beast Moans



Musik wird von einer Band oft, auch wenn dies irgendwo einen kreativen Akt beinhaltet, nach einem immer gleichen Schema gemacht: einer schreibt den Text, eventuell ein anderer die Musik, und jedes Mitglied spielt dann mit verschiedenen kreativen Freiheitsgraden die Parts seines jeweiligen Instruments ein.

Es kann aber auch ganz anders vonstatten gehen. So zum Beispiel: drei Freunde, allesamt kreative Köpfe von hoch gelobten kanadischen Bands, treffen sich im Spätwinter 2006. Nicht um ihr größtes Werk überhaupt zu schaffen, nicht um erfolgreich zu werden, nur weil sie mal zusammen was machen wollen. Jeder hat ein paar halbgare Songideen im Gepäck, die alle die stilistische Note des jeweiligen Komponisten tragen. Und viel unterschiedlicher könnten die Persönlichkeiten nicht sein die die drei in ihrer Musik verkörpern: Da ist zum ersten der wilde Mann, Carey Mercer von den schrägen Frog Eyes. Zum zweiten Dan Bejar alias Destroyer, der belesene Wortmagier. Und zum dritten Spencer Krug, der Neo-Romantiker, einer der zwei Songwriter von Wolf Parade und ganz alleine von Sunset Rubdown.

Und diese drei spielen nun nach Gutdünken an diesen Songideen rum, türmen Klanreihe auf Klangreihe, jeder mal was anderes, ob Gitarre, Keyboards, Bass, Schlagzeug (aber in etwa so: einer die Snare, ein anderer die Hi-hat), Gesang, was immer man reinpacken kann. Und am Schluss vermischen Krug und Mercer das Aufgenommene am Computer noch mal zu einem dichten Morast aus ineinander verschwimmenden Tonspuren durch das keiner mehr durchblickt. Klingt nach einem mittleren Desaster, nicht?

Wenn man das erste Mal Beast Moans von Swan Lake hört auf jeden Fall. Beim zweiten und dritten Mal auch, überall ist soviel los, man weiß gar nicht wo man hinhören soll. Nur langsam beginnt man die Grundstrukturen zu erfassen, dann was drumherum ist, um irgendwann einmal die Stücke in ihrer Gesamtheit hören zu können. Zunächst schälen sich nur die Krug-Kompositionen All Fires und Are You Swimming In Her Pools? und Bejars The Freedom aus dem verwaschenen Klangdickicht heraus, doch wenn man tapfer bleibt und sich durchschlägt entdeckt man mehr und mehr an diesem Albums:

Das barock anmutende A Venue Called Rubella, wie ein Walzer der beim Untergang von Atlantis gespielt wurde. City Calls, das von mindestens einem halben Dutzend Stimmen bevölkerte Klagelied mit herrlichen glockenartigen Keyboards vor einem majestätisch langsam marschierenden Schlagzeug (überhaupt die Effekte die hier mit den vermischten Stimmen erreicht werden: während Mercer und Krug zusammen recht ähnlich wie zuvor einzeln klingen, vermischen sich die Produkte von Mercers und Bejars Stimmorganen besonders auf The Partisan But He's Got To Know zu einer erstaunlich femininen Einzelstimme).
Widow's Walk, das Eröffnungsstück, auf dem Bejar unruhig eine Tonleiter emporklettert, dabei einen Satz wiederholend den man sich mehrmals anhören muss um ihn zu verstehen, so viele Wendungen nimmt er bis er einmal zum Punkt kommt: "And in the light / of what was there / it's been said / they heard me / bid you "Come on!" / ...on your way / down Widow's Walk...".
In krassem Gegensatz dazu steht Krugs simpler Satzbau in der Erzählung All Fires:

"There was a flood, a world of water.
The mason's wife swam for her daughter.
1000 people did what they could.
They found a steeple and tore up the wood.
500 pieces means 500 float.
1000 people means 500 don't."

Einfache Mathematik, und doch ungemein ergreifend. Auch das ist einfache Mathematik: wer das bisherige Schaffenswerk aller drei Mitglieder von Swan Lake mag, der kann mit der Summe, diesem letzten ganz großen Album des Jahres, kaum etwas falsch machen. Nur wäre man gut beraten eine Machete mitzubringen, ansonsten wird das eben so eine Platte (und ich kann wirklich nur empfehlen dieses Album in der CD-Version zu erwerben die das Booklet enthält [die LP tut dies offenbar nicht, siehe Kommentare], das dank der verstörend schönen Bilder von Shary Doyle für mich das beste des Jahres ist) die man frustriert wegpackt und ein halbes Jahr später wieder ausgräbt um sie dann endlich, nachdem die Saat des ersten Hörens genug Zeit hatte um sich in einem selbst zu entfalten, endlich in sein Herz zu schließen. Natürlich hält sie auch dann noch mit jedem Hören neue Geschenke bereit.

[MP3] Swan Lake - All Fires
[MP3] Swan Lake - The Freedom

Annuals - Be He Me



Wie lange hab ich an dieser Platte gekaut. Ist sie nun sehr gut, oder nur mäßig? Kürzlich aber kam ich eines Tages nach vielen Stunden des Möbelrückens und Holzhackens nach Hause zu einem wohlverdienten Feierabend und legte bevor ich mich aufs weiche Bett begab erschöpft noch Be He Me auf. Und ab dann war alles klar.

Annuals, die Band um Songwriter Adam Baker, hatten schon vor der Veröffentlichung ihres ersten Albums viel Aufmerksamkeit erregt, rückblickend kann man wohl sagen zuviel. Ganze fünf Stücke, allen voran das phänomenale Brother, hatten einen Eindruck erweckt den man beim Hören des Albums erst mal überwinden musste. Das durchweg große Spektakel, das das vor Energie nur so strotzende Eröffnungsstück verspricht, wird einem nicht geboten. Aber auch wenn Annuals das Grandeur auf vielen Stücken etwas zurückschrauben, so mangelt es ihnen weiß Gott nicht an Ideen. The Bull And The Goat ist einfach traumhaft mit seinen Percussions, dem hohen kehligen Gesang und dem denkwürdigen Gitarrensolo. Dry Clothes, ein Song übers Wäsche aufhängen, wird von Vogelzwitschern begleitet, geht nach dem Refrain in einen schallig stampfenden Beat über um dann in aller Länge und Breite ausgedehnt zu verklingen.

Doch eben der Ideenreichtum wird manchen Songs zwischen den etwas mehr auf Grundideen reduzierten Stücken zu Anfang und Ende (Father, das allzu deutlich zeigt dass Annuals auch mit langen Stücken absolut kein Problem haben) zunächst zum Verhängnis. Es brauchte wirklich eine Zeit völliger Ruhe, an diesem Abend als ich schon die Muskelkater am nächsten Morgen vorhersagend im Bett lag, bis ich z.B. Carry Around richtig erfassen konnte. Es ist einfach so vollgepackt mit Effekten dass diese wie nachträglich eingefügt wirken können, bis man dann hört wie sie zusammen mit allen anderen musikalischen Fäden eine Gesamttextur bilden.

Chase You Off macht es danach auch nicht einfacher mit seinen abrupten Stimmungswechseln. Man könnte vermuten dass hier einfach 5 oder 6 verschiedene Songs willkürlich zusammengesetzt wurden wenn nach zwei Minuten von einem Takt auf den anderen plötzlich statt versprengte Fieper von sich zu geben das Keyboard einen feuchten Schwall über den gesamten Sound legt und alle Instrumente klingen wie unter Wasser gespielt. Nur ein paar Takte später erklingt dann die Leadgitarre die die ganze Zeit praktisch nicht zu hören war auf einmal über allem anderen und übernimmt die Führung des Songs als hätte sie nie etwas anderes gemacht. Doch es ist wirklich alles ein Song, ohne einen einzigen Rhythmus- oder Geschwindigkeitswechsel, doch bis dieser Song erst mal im Ohr des Hörers Gestalt annimmt kann es etwas dauern.

Der zweite, etwas kleinere Knacks des Albums ist dass die Stücke kein auch nur halbwegs homogenes Ganzes ergeben. Die energetisch eingeworfenen Ausrufe der Bandmitglieder verbinden zwar schon mal Stücke die sonst nur allzu verschieden voneinander sind, aber wenn die Musik so einen dichten Klangteppich ohne eine einzige Sekunde Ruhe bildet wirken all die verschiedenen Strukturen stellenweise etwas zu konträr. Einen Vorwurf kann man Baker deswegen kaum machen, das Material entstand über vermutlich mehrere Jahre und entstammt so durchaus verschiedenen Schaffensperioden.

Die leichte Überfrachtung durch akustische Details, die elektronischen Geräusche, die verzerrenden Effekte, die Freudenschreie, machen Be He Me in Verbindung mit seiner innerlichen Unausgewogenheit "nur" zu einem sehr sehr guten Debüt. Vielleicht haben Annuals entschieden dass dies ihr Stil ist, vielleicht wurde diese Masse an Details auch nur eingesetzt weil Baker nicht genügend Vertrauen in die Stärke seines Materials hatte. Letzteres wäre nicht nur unbegründet, sondern dürfte auch wenn Annuals sich ein bisschen am Riemen reißen das nächste Album zu einem weitaus schneller angenehmen Erlebnis machen.

[MP3] Annuals - Brother
[MP3] Annuals - Dry Clothes
[MP3] Annuals - Carry Around

The Long Blondes - Someone To Drive You Home



Geschichte wiederholt sich. Sahen die vergangenen Jahre den Aufstieg von Bands wie Franz Ferdinand und Bloc Party die sich an der Ästhetik und vor allem den Stilmitteln der Postpunk-Bands Anfang der 80er orientierten, erinnern die wunderbaren The Long Blondes nun an die aus Postpunk hervorgegangene Ära des New Pop. An ABC und The Human League, die wie die Blondes aus Sheffield kamen, die den Willen hatten zu Stars zu werden und es auch schafften. Und Stars wollen die Long Blondes auch sein, nicht die Jungs und Mädels von nebenan, sondern die Unerreichbaren die auf der Bühne bleiben und anstatt physisch in der Menge lieber in deren Emotionen baden.

Musikalisch sind die Long Blondes mit meist flott und von tanzbaren Beats angetriebenen Gitarrenmelodien allerdings nicht ganz gewillt alles voll auf Glam auszurichten, am ehesten kann man sagen es geht in Richtung Elastica, dafür ist Sängerin Kate Jackson fast schon die halbe Miete zum Ruhm. Mit billig eingekauften schillernd kombinierten Klamotten ist sie in Großbritannien zu einer Art Second Hand-Glam-Modeikone geworden, und weiß Gott neben einer tollen Stimme hat sie auch live jede Menge Charisma das die überwiegend von Leadgitarrist Dorian Cox verfassten Texte einem Publikum eigentlich gar nicht mehr übertragen muss, denn die Texte kennen wohl mittlerweile eh schon alle (Holy Shit!)

Die Fans hatten aber auch lang genug Zeit die Texte zu lernen, die Long Blondes haben sich bis zur Veröffentlichung ihres Debütalbums Someone To Drive You Home mehr als doppelt so viel Zeit gelassen wie die meisten anderen Bands heutzutage. Ganze sieben Singles gab es vorher, von denen auch 4 hier enthalten sind. Wie all die anderen Songs die man teilweise schon vor einem Jahr als Rohfassungen auf Myspace etc. hören konnte sind sie aber noch einmal neu eingespielt und überarbeitet worden, was auch nötig war denn zwischen dem frühen cool trashigen Sound und ihren neuesten Songs liegt zuviel als dass man sie auf das gleiche Album packen könnte. Highlights sind natürlich die Singles, allen voran das obercoole Giddy Stratospheres mit dem die Blondes im vergangenen Jahr erstmals Einzug auf britische Tanzflächen feierten, das schrille stampfende Separated By Motorways, Once And Never Again und aber auch ein neuer Song, Swallow Tattoo, der überhaupt das Beste sein könnte was die Blondes je gemacht haben.

Edie Sedgwick! Anna Karina! Arlene Dahl!
Neben den nahezu duchgängig großen Popmelodien rührt der Erfolg der Long Blondes aber auch von ihren Texten her, die an die Alltagsobservationen von Jarvis Cocker zu besten Zeiten erinnern.

Und die man sich gut ansehen muss, sonst könnte einem ein Irrtum unterlaufen wie mir: zunächst dachte ich, "You're only nineteen for god's sake, you don't need a boyfriend" in der Single Once And Never Again wäre ein gut gemeinter Rat einer älteren Bekannten oder gar der Mutter eines Mädchens das solche Probleme mit ihrem Freund hat dass sie sich vor Depressionen selbst verletzt, aber die Zeilen "Come out with me and find out what you really want; come out with me you only have to do it once" und ganz am Ende "Oh how i'd love to feel a girl your age" geben dem Ganzen eine eindeutige sexuelle Komponente. Dabei kann man interessanterweise das Geschlecht der sprechenden Person zweifach deuten: zwar singt Jackson den Text und es klingt mehr nach einer Frau wenn die Person in höherem Alter jeden Tag eine Stunde bräuchte um sich zu schminken, statt "And i would cut my hair for you" findet man im Booklet allerdings merkwürdigerweise "And i will change my sheets for you", was wiederum mehr wie die Beteuerung eines Junggesellen klingt.

Only Lovers Left Alive setzt den Verführungsstreifzug einer (hier klar weiblichen) Protagonistin fort, und sie versucht mit aller Überzeugungskraft dem Objekt ihrer Begierde, der immer mit anderen Frauen zusammenkommt als mit ihr, seine derzeitige Freundin auszureden (Die Saat scheint zu fruchten, denn zum Schluss kann sie gar giften "And you can't trust a word that she says anymore"). Nicht aus Bosheit, sondern weil sie überzeugt ist dass sie beide füreinander bestimmt sind.
Nach diesen beiden Tücken wird man auch direkt in Giddy Stratospheres ihrer Motive misstrauisch, aber obwohl sie 'ihm' klar macht dass er von seiner derzeitigen Beziehung keine Aufregungen und besonders keinen Sex erwarten kann macht sie keine Anstalten ihm etwas anderes von sich selbst zu versprechen.
Mit Heaven Help The New Girl folgt eine Warnung an die neue Freundin ihres Ex, in diesem anderen Kontext wird sich trotzdem auf eine frühere Stelle bezogen: "Just go because you'll never be nineteen again; and I thought I told you before, you don't need a boyfriend", hier aber damit sie beide von ihm frei sein können und, nur vielleicht, sich gemeinsam über seine Zukünftige amüsieren können.

Two lonely girs go on the run
Mit dem schnellsten und kräftigsten Drumrhythmus aller Singles und riot-schrillem Gesang beginnt die Fluchtphantasie (bei der wieder die weibliche Protagonistin im Zerstören einer Beziehung das Heil aller Beteiligter sucht) Separated By Motorways die zweite Hälfte des Albums, und hat mit seiner streng eingehaltenen Strophe-Bridge-Refrain-Struktur den 'normalsten' Aufbau aller Stücke. Anders sieht es schon wieder in You Could Have Both aus, wo der Refrain zwar gleich bleibt, aber die Strophen immer länger werden, Aussetzer haben, und nach einer Wiederholung des Eröffnungsriffs gegen Ende den Gesang ganz in die Tonne kicken und zu einem Spoken Word-Duett mutieren.

You Could Have Both irritiert nicht nur deshalb zunächst, auch weil es aufgrund seiner Länge und Langsamkeit etwas fremd hier wirkt, aber hört man es erst mal getrennt vom Rest des Albums merkt man erst dass es dessen Kernstück ist. Was die Blondes durchaus wissen, haben sie doch eine Zeile daraus für den Titel des Albums gewählt. Es beginnt als Portrait einer Affäre mit einem (verheirateten?) Mann, endet aber in einer Zukunftsangst wie sie derzeitig über den Köpfen vieler junger Erwachsener schwebt: "I was in full-time education when I got scared of the future; And I've only got a job so I don't disappoint my mother; It's like I've painted myself into a social corner". Das wird sicher nicht besser wenn man im Bus Scott Walkers Musik hört. Ein Mittel gegen diese Angst ist für Verheiratete der Partner, eben der "someone to drive you home". Den hat sie aber nicht.

Doch selbst mit Partner kann sie nicht glücklich sein. In Weekend Without Makeup ist es nun die Banalität des Alltags die sie fürchtet, und wird gleich wieder misstrauisch warum 'er' immer so lang braucht um von der Arbeit nach Hause zu kommen, und das Swallow Tattoo wird gar zum Grund um seine Hingabe anzuzweifeln: "And now you tell me it's a sign of devotion; but devotion to who?" Im Refrain fallen die gesungenen Silben auf die gespielten Töne, teilweise sogar noch dazwischen, was den Worten eine Dringlichkeit, der hoch singenden Stimme eine starke Erregung verleiht, und das ohnehin schon schnellste Stück mit seiner herrlich klar gesungenen Melodie derzeit zu meinem Favoriten des Albums macht.

Mit seinen letzten beiden Stücken fällt Someone To Drive You Home leider leicht ab so dass das großartige Debüt nicht ganz perfekt abläuft, aber wenn das das letzte Hindernis sein sollte steht das Ziel Star nicht mehr in weiter Ferne für die Band aus Sheffield.

[Stream] The Long Blondes - Someone To Drive You Home

The Blow - Paper Television



Das kommt doch bekannt vor.. Elektronikkünste treffen sympathisch gefühlvolle Gesangsstimme und nehmen zusammen ein wunderbares Elektropop-Album auf das aber irgendwie klingt nach Indiepop/-rock. Jawohl, im Folgenden werden wie wild Parallelen zu The Postal Service gezogen werden, aber durchaus begründete.

Zunächst mal kommt Khaela Maricich, die Sängerin von The Blow, aus der musikalisch ungeheuer produktiven Portland-Ecke, der auch u.a. The Thermals und Death Cab For Cutie entstammen, deren Sänger Ben Gibbard wiederum eben die Stimme von The Postal Service ist. Maricich hing aber weniger mit den Indierockern ab, schon früh kollaborierte sie noch als sie in Olympia wohnte mit der Lo-Fi-Größe Phil Elvum aka The Microphones, bis sie wie Mirah, die auch mit Elvum gearbeitet hatte, nach Portland zog. Und auch nachdem sie sich mit dem Elektronikmagier Jona Bechtold zu The Blow zusammentat blieb der Olympia/Portland-Klang erhalten, wurde aber erweitert und mit ihrem Tomlab-Debütalbum Paper Television haben die beiden das erste Elektropop-Album seit Give Up geschaffen das auch wirklich jedem Indierocker gefallen müsste.

Und wahrscheinlich auch das bessere. Was Bechtold hier für Ideensalven abfeuert ist ganz groß, neben vielen kleinen Fieps und Flops und Blieps und Blops die die Musik kauzig kolorieren sind auch die großen musikalischen Gesten toll gewählt, von den Marschtrommeln in The Long List Of Girls über die Jubelschreie in Bonjour Jeune Fille bis zu den laaang anhaltenden Synthiesounds und Klatschern in Fists Up wird hier ein Erfindungsreichtum aufgefahren mit dem Herr Tamborello von der Post schwer mithalten kann.

All das brächte natürlich wenig wenn die Songs von Grund auf nicht ganz feiner Pop wären, sie sind es aber zum Glück. Zu den Highlights zählen neben Parentheses, auf dem Maricich schon ganz zu Anfang ihre toll emotional gefärbte Stimme einsetzen kann, und Bonjour Jeune Fille, das dank seiner geschwindigen Laptopbeats wohl am ehesten an The Postal Service erinnert, besonders die beiden Stücke am Schluss. Wer beim Reinhören vor Fists Up und True Affection aufhört hat das beste verpasst. Ersteres hat einfach diese großen Mehrtonfolgen die einen Popsong unvergesslich machen aber gleichzeitig den wohl komplexesten Text auf dem Album, wie meistens auf dem Album (und wie es sich für gute Popmusik gehört) kommt aber besonders auf dem Schlussstück der düstere Kern zum Vorschein und endet Paper Television vorzüglich und schwer vergessbar.

[MP3] The Blow - Parentheses
[MP3] The Blow - Pile Of Gold

The Blow Myspace

The Blood Brothers - Young Machetes



"We'll do what the fuck we want" ist zwar ein Statement der in Huge Gold AK-47 porträtierten Waffenhändler, aber gleichzeitig auch die kreative Devise von fünf immer noch jungen Männern aus Seattle. Unbehelligt von jeder Kritik ziehen sie weiterhin ohne Kompromisse ihre völlig eigene Vision von Punkrock durch, ihre Waffen sind die krachigen Attacken aller ihnen zur Verfügung stehenden Instrumente, mechanischer, elektronischer und vor allem stimmlicher.
Ja, mit Young Machetes laden The Blood Brothers nun bereits auf Album Nr. 5 zum infernalischen Tanze ein, und sie sind keine Unze leiser geworden. Wohl mit das Aufregendste diesen fünf ist dass sie sich von Album zu Album kontinuierlich in großen Schritten weiterentwickeln. Man muss nicht mal sagen besser werden, obwohl es so ist, aber vor allem anders, und man kann einfach niemals vorhersagen in welche Richtung sie ihre Musik als nächstes steuern.

Young Machetes ist die bisherige Krönung ihres Schaffenswerks. Nahezu alles was bereits Meilensteine wie March On Electric Children, Burn Piano Island Burn oder Crimes auszeichnete ist hier versammelt, verfeinert und Pfund für Pfund mit nochmal so viel Material wie sonst vollgestopft worden. Und so fällt dieses Album mit einer Gesamtspielzeit von 51 Minuten noch länger als der bisherige Rekordhalter BPIB aus, und das ohne gegen Ende verschleppt zu wirken.

Bei all der Bewunderung und Lobhudelei: ich kann es wirklich niemandem verdenken wenn er die Blood Brothers nicht so hoch wertet, ich brauche selber immer eine ganze Weile bevor ich eins ihrer Alben richtig einschätzen kann. Ich habe nicht mal Problem mit den schrägen Vocals, die hatten mich damals erst überhaupt auf March On Electric Children aufmerksam gemacht, aber sie tragen auch ihren Teil dazu bei dass man selten direkt kapiert was die Brothers mit einem Song bezwecken. Wie schon eingangs angedeutet nutzt das Sängerduo bestehend aus Jordan Blilie und Johnny Whitney seine Kehlen seltener für klaren Gesang, vielmehr bilden die daraus entlockten Schreie eine eigene Klangtextur, wie ein vollwertiges Musikinstrument.

Zunächst mal bringen sie damit zwar eine Energie ein wie man sie schon seit langem aus dem Hardcore kennt, da ist Passion gleich Dezibel, aber wenn z.B. im Fiebertraum (inklusive Selbstzweifel die sich hier in einer die Musiker verhöhnenden spottenden Menge offenbart) Vital Beach nach einem schon deftigen Refrain der Übergang in den zweiten Akt des Traumes mit einem schier von Wahnsinn getriebenen „AND THEN WE FALL INTO ANOTHER PAINTING“ übermalt wird hört man nicht nur die Worte, sondern spürt geradezu wie die Klänge dieser Stimmen einen in diesen düsterbunte Vision hineinsaugen.

Set fire to the ships on fire! Set Fire to the hips on fire!
Was auf diesem Album aber wohl erstmalig gleichwertig mit den Stimmen in Scheinwerferlicht tritt ist die Rhythmussektion, bestehend aus Drummer Mark Gajadhar und Bassist Morgan Henderson. Noch vor dem galoppierenden Vital Beach erweckt Gajadhar auf dem geradezu frenetisch getrommelten und gegen Ende immer dichter mit Anschlägen befüllten Eröffnungsstück Set Fire To The Face On Fire Eindruck, der Trennungsschmerz von Camouflage, Camouflage groovt dank beider schon fast hitverdächtig, und zu Spit Shine Your Black Clouds möchte man schon glatt den Walzer einstudieren.

Kommt dieser größere Einfluss vielleicht durch ein größeres Selbstbewusstsein zustande das sich Gajadhar vergangenes Jahr zusammen mit Blilie im Nebenprojekt Neon Blonde erworben hat (wo Blilie sich wohl auch etwas von der Flamboyanz und den Funk/Discoeinflüssen zurückließ die Crimes so ungemein aufregend machten)? Oder liegt es daran dass andere Ambitionen der Blood Brothers hier zurückgeschraubt wurden?

Auf Crimes wurden noch Rundumschläge in alle Ecken der Kultur verteilt, aber aus Resignation über das politisch kaum veränderte Amerika findet man hier wieder mehr persönliche Texte. Wenn in Huge Gold AK-47 das aktuelle Problem des internationalen Waffenhandels nicht verteufelt, sondern aus der Sicht der scheinbar unbesiegbaren Kriegsherren abgefeiert wird, wirkt das noch um einiges verstörender als die sonst bildgewaltigen Anklagen Außenstehender.
Ach ja, die Bildsprache. Selbst wenn man nicht durch die abstrakt wirkende Lyrik der Songtexte hindurchblicken kann wird man zumindest einige altbekannte Motive entdecken, insbesondere treten hier die Obsessionen der Brothers mit Ratten, Pferden und Skeletten wieder mal zu Tage. Ein Motiv das bis zur allerersten Platte zurückgeht, das Zählen nach Graf Zahl-Methode, erhält nach dem damaligen 1,2,3,4 Act Two: Now You're the Bitch... hier mit 1, 2, 3, 4 Guitars sogar im Titel eine Reminiszenz.

Meine große Befürchtung für dieses Album war anfangs die hohe Anzahl an Songs in mittelschnellem oder noch langsamerem Tempo, dort lag nämlich in der Vergangenheit das meiste Potential für Fehlschläge. Aber hier zeigt sich die Reife und die schier bewundernswerte Selbstgewissheit der Blood Brothers: jedes Mal wenn man denkt man hätte hier ein Stück entdeckt das droht in unangenehme Länge gezogen zu werden und Langeweile hervorzurufen kommt plötzlich wieder etwas neues um die Ecke gerast. We Ride Skeletal Lightning reißt irgendwann seine eigenen Wände ein und wartet mit einem Finale in Reitrhythmus auf, das loungige Spit Shine Your Black Clouds ist eins der poppigsten Monster das je eine BB-Platte zierte, 1, 2, 3, 4 Guitars bringt mit Rumbarasseln doch tatsächlich SAMBAfieber ins Haus, und Lift The Veil, Kiss The Tank fährt bevor es wieder mit schnelleren Stücken in die Vollen geht noch denkwürdige „woo-oo-oo“-Gesänge auf.

And pissed-off babies turn to pissed-off children
Rund um so viele denkwürdige langsamere Nummern wie noch nie wird auf Young Machetes aber auch nahtlos in Zerstörungsmodus übergewechselt. You're The Dream Unicorn kombiniert das Tempo der BPIB-Ära mit den rosaroten Acidwolken von Crimes und ist dank seines Refrains der zweitgrößte Tribut den die Brothers jemals Queen gezollt haben (der größte war ihr göttliches Cover von Under Pressure). Nausea Shreds Yr Head stellt wieder mal alle konventionellen Erwartungen an Struktur, Form und Harmonie eines Popsongs auf den Kopf und haut anschließend mit einem Vorschlaghammer drauf.

Es enthält auch meine Lieblingsstelle des Albums: Der Moment als zu dem Ruf „Are you gonna jump, jump, jump“ gleichzeitig ein halbes Dutzend himmlisch klare Engelsgitarren einsetzen ist für ein paar Sekunden einer absoluter Schönheit, bis sich dann die Töne in Dissonanz verzerren und alles Schöne in Millisekunden vor unseren Ohren zerfällt. Kein Wunder, denn der Ruf geht noch weiter: „Are you gonna jump, jump, jump out of the window or burn, burn, burn with the furniture?“

Zum Schluss gibt es dann die größte Überraschung des Albums: Zwei Stücke die beide über 5 Minuten gehen! Und das erste davon bricht an keiner Stelle auch nur annähernd in Gewalt aus! In der Tat beendet Street Wars/Exotic Foxholes, auf dem die Band so tight und zurückgehalten wirken wie nie, seine erste Hälfte mit einem schon fast hoffnungsvoll klingenden „Come on, come on let's run“ (allerdings trügt auch hier der Schein wieder, davor ging es nämlich um die Ignoranz der amerikanischen Öffentlichkeit in Hinsicht auf den Krieg), bevor es von einem verirrt klingenden Saxophon zart in das finale Giant Swan geführt wird. Muss ich extra erwähnen dass das Album dort böse endet?

Fly me home, giant swan
Young Machetes ist wie eine kreuz und quere Reise durch die Geschichte der Blood Brothers und alles was sie so einzigartig macht. Gleichzeitig sind die kurzen Kracher, die chaotischen Merkwürdigkeiten, die düsteren Pianoballaden alle mit mehr Ideen als je zuvor durchzogen, und so ist dies ihr zugänglichstes Album bisher, hier wird jeder der irgendwas mit den Blood Brothers anfangen kann irgendwo seinen Zugang finden (gestrichener mieser Witz an dieser Stelle: „sich mit Machete durchschlagen“) und sich von dort aus den Rest dieses Opus Magnum erhören. Aber Vorsicht: wenn man einmal richtig drin ist wird man nicht mehr raus wollen.

Wer das da oben als zu viel Text befand und nur hier zum Ende gescrollt hat um das Fazit zu lesen: Einmalige Band! Einzigartige Platte! Bestes Blood Brothers-Album! Und Rock&Pop-Album des Jahres sowieso! Und bitte noch das hier lesen.

[MP3] The Blood Brothers - Laser Life
[Stream] The Blood Brothers - Young Machetes

Young Machetes Ecard