66 aus 2011 (Teil 8)

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Platz 6
Sandro Perri - Impossible Spaces

Nahezu alle meine Favoriten dieses Jahr ziehen eine durchgängig kohärente Klangwelt auf, doch keine davon bot so einen schieren Hörgenuss wie die Sandro Perris. Nur zu passend, das er selbst in seinen Texten Räume und unendliche Weiten beschreibt, brilliert er doch eben im Arrangement seiner Musik in solchen. So schwebt seine Stimme dort mitten im Raum, flankiert von je einem Saitengespann links und rechts, mit anderen Instrumenten die zwischen diesen Extremen umherwandern, das Ganze irgendwo zwischen New Wave, Bitte Orca, Jazz, Kaputt, R&B, Where You Go I Got Too und Afro Pop, voller betörender Momente und Langzeitraumentwicklungen, die trotz der etwas komplexen Kompositionen im Nu erscheinen, als hätte man sie schon immer gekannt.

[Stream] Sandro Perri - Changes
[Albumstream] Sandro Perri - Impossible Spaces

Platz 5
Perfume - JPN

Es war nun wahrlich kein gutes Jahr für Japan - auch in popmusikalischer Hinsicht. Der neue panasiatische Darling ist Südkorea, das zum Rest der Welt noch spärlich seine Fühler ausstreckt, in den japanischen Charts aber längst Fuß gefasst hat. Da wirkt der Titel JPN ein wenig wie Kampfansage, doch abseits jeden Patriotismus hat Superproduzent Yasutaka Nakata in kreativer Hinsicht allen Grund zum Stolz. Endlich schaffte er es, seinen schizophrenen Output so auf seinen verschiedenen Projekten zu verteilen, dass alle eine klare Identität hatten - sein neuestes wurde dabei auch prompt zum Youtube-Hit. Weit darüber thront aber sein Meisterwerk mit dem Stimmentrio von Perfume, dessen zu digitaler Perfektion manipulierter Ultratwee schlichtweg irrsinnige Techno-Pop-Kompositionen anführt, wie man sie sonst eher bei Nischen-Elektronikern wie Rustie vorfindet. Bei allem dreidimensionalem Stimmenpingpong, parallel flitschenden Sechzehnteltonläufen (neben simultan langsamer taktierten Haupt-, Kontra-, Bass- etc. -Melodien), Songs in Haiku-Versmaßen, wüst synkopierten Stotterbreaks und noch viel mehr endet das maximalistische Heidewitzka aber irgendwie nicht in stimulierender Runruhe, sondern liefert dermaßen universale Euphorie, dass JPN sich in seiner ersten Verkaufswoche prompt sechsstellig absetzte. Ein Rustie kann von sowas nur träumen.

[Stream] Perfume - Laser Beam (Single Version)
[Albumstream] Perfume - JPN

Platz 4
Gang Gang Dance - Eye Contact

“I can hear everything. It’s everything time.”, deklariert Taka Imamura das Credo dieses Albums und genüsslich langsam bricht der Damm, der Gang Gang Dances transzendente Soundfusion bis hierhin in ihrer eigenen Welt hielt. New agig helle Klangspritzer regnen über eine ebenso bunte Synthmelodie herab, die auf Drummer Jesse Lees Breakbeat ewig wiederholt werden könnte ohne an unendlicher Weite einzubüßen; Lizzi Bougatsos’ Stimme wirkt dabei wie in beschwörender Trance, mitgerissen von einer erleuchteten Energie als habe sie gerade ein göttliches Antlitz erblickt. War das nicht minder spektakuläre Saint Dymphna noch mitunter wie ein Mix, der von einem Grime-infizierten Track ins Shoegaze-Vakuum wechselte, ist hier alles Eins im massiven physischen und transzendierenden Hochglanzgroove.

[Albumstream] Gang Gang Dance - Eye Contact

Platz 3
Julia Holter - Tragedy

Ist es albern, Musik mit Vinylrauschen und -knacksen zu überlegen und sie dann auf Schallplatte zu veröffentlichen? Oder ist es andersrum eher sinnlos, sich solche Musik dann in "fehlerfreiem" Digitalformat anzuschaffen? Bislang tendiere ich bei Alben wie Julia Holters Tragedy doch zum Großscheibenmedium, nicht zuletzt, weil sie ohnehin nicht für unterwegs taugen, sondern in Ruhe am Stück gehört werden wollen. Weil sie Aufmerksamkeit erfordern, Aufgeschlossenheit und Neugierde darauf, was sich aus den anfangs spärlich gestreuten Klängen entwickelt. Holter breitet u.a. mit Piano, Drones, Samples, Perkussion und Spoken Melodies behutsam Kompositionen aus, die sich untereinander in Ansatz und Soundpalette meist völlig unterscheiden. Was sie letztendlich zu einer tief vereinnahmenden Hörnarrative macht, ist eine alles einende Atmosphäre, für die die leerräumigen Pausen, Stockungen und hörbar angehaltener Atem zwischen den Tönen nicht minder elementär sind. Und ja, in dieser glorreichen Irgendwas-Musik ist irgendwo in all den Tiefen, Höhen, Breiten, Verzerrungen, Entzerrungen, Echo, Komprimierung, Field Recordings auch ein Saxophon. Weil ... nuja, 2011 halt.

[Stream] Julia Holter - Goddess Eyes
[Albumstream] Julia Holter - Tragedy

Platz 2
Destroyer - Kaputt

Was Deerhunter oder Katy Perry schon Ende 2010 andeuteten, ließ Dan Bejar zu Jahresbeginn so richtig wieder aufleben: Das Saxophon. Zwischen seinen beiden letzten EPs wählte er erfreulicherweise nicht den Drone seiner Hecker- und Loscil-Kollaboration als Soundbasis Kaputt, wobei sich schon dort zeigte, dass Bejar die kreative Führung seiner Musik auch mal anderen überlassen konnte. Zum Glück, denn während Bay Of Pigs den acht neuen Songs folgend trotz einender Softrock-Weichheit (und natürlich Bejars emotional verkatertem Jetsetter-Charakter) ein wenig angetackert wirkt, gibt die überwiegend instrumentale Komposition The Laziest River von Keyboarder Ted Dubois die ideal überleitende Klangreise. Welche doch so mehr ist als bloß funktional, aber Kaputt, auf dem es an manchen Tagen wie das absolute Highlight scheint, eben auch der atemberaubend smoothsanften Perfektion verdammt nahe bringt.

[Stream] Destroyer - Chinatown
[Albumstream] Destroyer - Kaputt

Platz 1
St. Vincent - Strange Mercy

Der Anfang war diesmal nicht leichter, aber simpler. Nachdem Annie Clark ihre bisherigen Alben überwiegend am Laptop konzipierte, entstanden die Songs für „Strange Mercy“ zunächst nur mit Stimme und Gitarre. Deren Klangform über das meisterliche dritte Album von St. Vincent wie Latex gedehnt, mit Schimmer bestäubt und über Reibeisen zerraspelt wird. Spätestens beim Blick auf die Plattenrückseite wird klar, dass irgendwo im Preisen dieser Platte auch der Name des dort plakettierten und für solcherlei Verfremdungen ebenso wie für die Drum-Arrangements (allein schon dieser verschleppte R&Beat im Eröffnungsstück) verantwortlichen Produzenten und kreativen Kollaborateurs John Congleton fallen muss. Doch abgesehen von Hysterical Strength , das als Unterbau praktisch einen Song vom letztem Paper-Chase-Album hat, ist dies natürlich unüberhörbar Annie Clarks Show, ob mit ihrem kraftvoll eigendynamischen Saitenspiel oder ihrer immer noch an Ausdrucksstärke zunehmenden Stimme. Stärke, die sie zum Ausloten tonaler Höhen und emotionaler Tiefen nutzt und inmitten all der klangkonträren Reibungen und auf Entladung wartenden Nervosität so Strange Mercy nie seinen Fokus auf ihre vereinahmenden, direkt vom Unterbewusstsein auf Tonträger transferierten Melodien verlieren lässt.

[Albumstream] St. Vincent - Strange Mercy

66 aus 2011 (Teil 7)

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Platz 12
Iceage - New Brigade

Auch nach fast einem Jahr bin ich hin und weg von der kalten Macht dieses Albums. Rostmetallisch schaben die Gitarren mit postpunkiger Kantigkeit in lichtlose Kellerräume hinein, doch die Energie, mit der sie und die Rhythmussektion zu hoffnungsarm monochromem Gesang durch die Finsternis rauschen, ist eine rastlos punkige. Und doch sind es ein ums andere Mal nicht Atmosphäre und Impetus, sondern die simpel eingängigen Melodien, die einen so mitreißen und diese knappen Kleinode in einem kalten Rausch hindurchziehen lassen.

[Stream] Iceage - You're Blessed
[Albumstream] Iceage - New Brigade

Platz 11
Katy B - On A Mission

Als wären die 7 (sieben!) tollen Singles nicht schon Ausnahmestatus genug, war ich vom Debüt Katy Bs spätestens dann vollends hingerissen, sobald ich die Kopfhörer aufsetzte. Wo so viel überkomprimierte Musik (nicht nur Pop) jeglichen Sinn für Raum, Detail und Dynamik zum Fenster rausschmeißt im verzweifelten Versuch, nicht vom nächsten Song in der Radioplayliste übertönt zu werden, war On A Mission höchstwillkommener Hörgenuss. Klar, schließlich müssen diese Produktionen delikat und präzise der souligen Stimme-von-nebenan Katy Bs Platz lassen, ihre treffendst beobachteten Songs über Erlebnisse im Club und unter den Lichtern der Großstadt lassen On A Mission mit seinen bunt gemischten Clubsounds selbst wie eine unprätentiöse Pendeltour durch die Londoner Wochenendnacht wirken.

[Stream] Katy B - Broken Record
[Albumstream] Katy B - On A Mission

Platz 10
Hatchback - Zeus & Apollo

In einem Jahr, in dem New Age-Sounds so einigen als Inspiration dienten, war Sam Grawes sicher nicht der populistischste oder experimentellste Ansatz. Klar, hegte er doch anders als viele, die einfach zu jung sind um mit ihr als elitistischem Geschmackstabu aufgewachsen zu sein, schon lange eine verbotene Liebe für die verborgenen Meisterstücke des Genres. So prangt auf der Rückseite von Zeus & Apollo das Motto "New Age without shame", wer hier nun aber megakäsige Preset-Plastikorgien vermutet, wird enttäuscht. Die sechs Stücke sind vielmehr anmutige Zeitlupengleitflüge aus Vintage-Synthmaschinerie, sanft und doch bestimmt arrangiert - da darf natürlich eine kleine Enya-Hommage nicht fehlen.

[Stream] Hatchback - The Violet Sequence
[Albumstream] Hatchback - Zeus & Apollo

Platz 9
Nadia Oh - Colours

Es geht das Gerücht um, Nadia Oh gäbe es gar nicht. Kein Wunder, bei solchen Videos, die wie einen glitchigen CGI-Popstar aus dem Rechner porträtieren. Kein Wunder, bei der Steifheit ihrer Robotune-Stimme, die stets gedehnt, verpitcht, zerhäckselt und rekombiniert wird und soundboardartig identische Geräuscheffekte ("Boom!" "Ha!" "Brah!" "Yup!" "Rawr!") reproduziert. Kein Wunder, wirken doch ihre Texte, als hätte dafür eine Maschine trendende Twitter-Hashtags (#swag #katemiddleton #moombahton #omglol) durchsucht und mit dem Restzeitgeist der letztjährigen Clubsong-Thematik daraus Popsongs zwischen M.I.A., Ke$ha und Moombahton zu frankensteinen versucht. Inmitten aller Retro-Debatten ist Colours so ein hypergegenwärtiges Popalbum, wie es nur in der ersten Jahreshälfte 2011 erscheinen konnte. Und ein glorreiches. Berauschend fliegen einem über zerstörungslustigen Beats Glöckchen und Sirenen um den Kopf, während ravige Funkelsynths unwiderstehlich penetrante Hooks in den Raum feuern und gelegentlich in digitalem Sprühregeln explodieren. Nadia Oh gibt unmenschlich verzückt dazu das genial-hirnverbrannte Epitom der Partyhedonistin, immer auf der Jagd nach dem nächsten Kick, was dazu führt, dass auch dieses ausfallsfreie Popalbum in seiner schieren Mit-sich-selbst-Berauschtheit letztlich jeden Hörwiderstand überwindet.

[Stream] Nadia Oh - Takin Over The Dancefloor
[Albumstream] Nadia Oh - Colours

Platz 8
Kate Bush - 50 Words For Snow

Liebe Leute: Ich möchte ja auch sagen, dass Elton John in seinem Gastauftritt emotional überzieht. Dass das Titelstück zu lang ist. Ich fand ja auch die Single zunächst besorgniserregend. Die Sache ist nur die, dass diese Songs alle erst kommen, nachdem einen Kate Bush mit wenig mehr als Klavier und tiefer gerutschter Stimme eine halbe Stunde in wohlige, sinnliche, andächtige Schneepoesie gewickelt hat. Da erscheint der Quäkrefrain des Wild Man auf einmal in stimulierender Abenteuerlust, setzt das Duett einen dramatischen Emotionskontrapunkt. Vor allem aber wird klar, wie bewusst Kate Bush selbst die potentielle Überzogen- und Albernheit all ihrer Ideen ist und sie diese mit herrlicher Unernstigkeit ("Phlegm de neige"!) untergräbt. Selbst damit ist es sicher kein Album für Jedermann - aber dann stünde ja auch nicht der Name Kate Bush vorne drauf.

[Albumstream] Kate Bush - 50 Words For Snow

Platz 7
Liturgy - Aesthetica

Da ich Black Metal am liebsten mochte, wenn er Waldromantik versprühte, war das Thema mit Alcest für mich schon länger rum. Aestheticas gleißender Gitarrenstrom ist ohnehin näher dran an z.B. Brancas The Ascension, nur noch übergipfelt von Hunter Hunt Hendrix' frenetischem Kreischen rasen diese dichten Wellen von nicht minder lückenlosen Perkussionswänden getrieben auf und ab, in mathigem Zickzack und Abhack hin und her. Selbst die trashige Aufnahme kann diese helle Intensität nicht verbergen, die Liturgy auch dank gelegentlicher Zwischenspiel-Erdung makellos aufrecht erhalten und sich dermaßen immer wieder in kathartischen Eruptionen übertrumpfen, dass der finale Track schließlich imposant an allen vier Wänden rüttelt.

[Stream] Liturgy - High Gold
[Albumstream] Liturgy - Aesthetica

66 aus 2011 (Teil 6)

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Platz 21
Container - LP

Warum kann Techno nicht öfter so offensiv schmutzig sein? Containers Stücke klingen, als hätte er sich sein Equipment selbst solala zusammengebastelt, jeder Waberton, Klatscher, Maschinenbeat scheint am Rande zerfranst und hallt krisselig nach - selbst, wenn sie in Dissolve anfangs noch intakt erscheinen. Das Großartige an diesen krachigen Tanznummern ist aber, dass sie nicht bloß angesagt texturierter Kram zum Nebenherhören sind, sondern mit ihrem Aufbau und ihrer schieren Körperlichkeit tatsächlich zum Noiserave taugen. Wo auch immer diese Party stattfinden würde.

[Stream] Container - Dissolve
[Albumstream] Container - LP

Platz 20
Dominik Eulberg - Diorama

Seit ich Die 3 Millionen Musketiere in einem Club hörte, wusste ich, dass mir diese (mir da noch unbekannte) Platte gefallen würde. Und oh Wunder, sie kam von Dominik Eulberg, dessen Musik mir bis dato nie so gut gefallen hatte wie ich sie mir vorstellte. Sein wunderbares Diorama steht dem Konzept, 11 (auf CD, der LP fehlen leider ein paar Stücke) kleinen Waldwundern zu huldigen, nicht nach: Es brilliert darin, einen elektronischen Mikrokosmos aus Tonfiguren zu versammeln, die alle ihren eigenen Charakter und gar eine eigene Dynamik zu haben scheinen. In unterschiedlichem Tempo und Bewegungsmuster springen sie, kriechen, schwingen oder pulsieren starr auf der Stelle, letztendlich kommen sie aber als harmonisch interagierendes Ökosystem zusammen - zum musikalischen Wohlklang.

[Stream] Dominik Eulberg - Die 3 Millionen Musketiere
[Albumstream] Dominik Eulberg - Diorama

Platz 19
Fucked Up - David Comes To Life

Bisher war ich ja der Überzeugung, Fucked Ups Stücken würde Ausgedehntheit am besten stehen, Hidden World und die Tierkreiszeichen-EPen fand ich immer stärker als The Chemistry Of Common Life. Aber auch wenn es allein aufgrund der schieren Masse an Songs echt etwas zu lang ist, auf David Comes To Life sind einfach zu viele angeproggte Punkhits unterhalb der Fünf-Minuten-Grenze, als dass diese These Bestand haben könnte. Da ist sogar das unnötige überdehnte Überkonzept verziehen, das sich aber bei all der musikalischen Hardcore-Intensität problemlos ignorieren lässt.

[Stream] Fucked Up - Queen Of Hearts
[Albumstream] Fucked Up - David Comes To Life

Platz 18
Pete Swanson - Man With Potential

Noise-Techno die zweite. Wobei hier die Beats nur die halbe Miete sind, Pete Swanson schielt eher schräg am Tanzflur vorbei und unternimmt Voigtsche Waldexkursionen durch visionäre Metalldickichte. Ob erhabener Droneflug oder klaustrophobische Knarzgewitter, stets mutieren die dichten Krachgeflechte, rauschen flittrige Lichtläufe, unkenntlich verzerrte Gitarren oder Stimmen herbei und reihen sich prompt in das wuchtige Geschehen ein, das kathartisch aus dem Lautsprecher bollert.

[Stream] Pete Swanson - Misery Beat
[Albumstream] Pete Swanson - Man With Potential

Platz 17
Devin Townsend Project - Ghost

Nach Ki und dem Metalpop von Addicted kam Devin Townsends wahnsinnig ambitionierte Tetralogie 2011 mit dem (mir etwas zu) überdrehten Deconstruction und Ghost zu einem Ende - und Anfang, da jedes Albumoutro nahtlos ins Intro eines anderen übergeht. Die beiden Werke könnten kaum unterschiedlicher sein, an die Naturverbundenheit Terrias erinnernd entledigt sich Ghost aller Metal-Härte und lässt seiner new-agigen Seite freien Lauf. Entspannt wie nie wirkend lässt sich der Hyperaktive vorwiegend an der Akustikgitarre singend Zeit für meditative Songs, die beim ersten Panflötenton klar machen, dass er auch hier keinerlei geschmacklichen Kompromiss eingeht. Nur was für ganz Hartgesottene.

[Stream] Devin Townsend Project - Feather
[Albumstream] Devin Townsend Project - Ghost

Platz 16
Eleanor Friedberger - Last Summer

Last Summer ist eine Doppelreise: Einmal eine zeitliche, durch die Erinnerungen Eleanor Friedbergers, zum anderen eine geographische durch die Straßen New Yorks, in denen sich scheinbar ihr gesamtes Leben abgespielt hat. Darin unterscheiden sich ihre eigenen gar nicht mal so sehr von den Songs, die sie gemeinsam mit ihrem Bruder bei den Fiery Furnaces macht. Doch wo sich diese in ebenso obskur-exotischen Orten wie in fernst zurück liegenden Zeiten abspielen können, bleiben die Handlungen ihres Debütalbums stets in greifbarer Nähe, erhalten sich eine Qualität die sie nicht wichtiger, aber persönlicher werden lässt. Sie versucht nämlich gar nicht erst, zu erklären was einen Park vom anderen unterscheidet oder was genau sich an der Kreuzung 38th und 7th befindet. Sie erzählt einfach locker drauf los, als wären alle, die ihr zuhören ebenfalls von dort, hätten einen Teil ihrer Wege selbst gegangen und kännten sich selbstverständlich bestenfalls in New York aus.

[Stream] Eleanor Friedberger - My Mistakes
[Albumstream] Eleanor Friedberger - Last Summer

Platz 15
Komplizen Der Spielregeln - Lieder Vom Rio D'Oro

Ich muss es zugeben, der Name hatte mich auch lange Zeit abgeschreckt. Doch beim Nachholen ihres letzten Albums fiel mir dann auf, dass mich Komplizen Der Spielregeln begeistern konnten, wie es eine deutschsprachige Band nur alle paar Jahre mal schafft. Weil ihre Texte nichts plakativ aufdrücken, sondern ein Strom sind, dem ich bedeutsame Bestimmtheiten entnehmen kann. Weil sich ihre Musik auf der interessanteren Seite von Indierock hält, anstatt mäßige englische Bands oder den abgehackten Tomte-Abschlag abzukopieren, weil hier immer wieder Post-Hardcore, Noiserock oder melodisch collegerockige Sechssaiter-Wechselspiele den Ton angeben, sie aber auch zu elektronisch besaitet sind um einem Retrosound anheimzufallen. Und weil sie einen stimmlich präsenten Sänger haben, der schreien kann. Und es auch ab und zu tut.

[Stream] Komplizen Der Spielregeln - Befehl Von Oben
[Albumstream] Komplizen Der Spielregeln - Lieder Vom Rio D'Oro

Platz 14
Belong - Common Era

Wenn ich dieses Jahr nach Hause kam und mir sicher war, dass ich für nichts mehr Kraft aufwenden müsste, dann erst habe ich es gewagt, Common Era aufzulegen. Nach ein paar Sekunden hat mich dieser absichtlich verkappte Pop immer wieder aufs Neue mit seiner vergilbten Schönheit gelähmt. Es ist die Art, wie der Gesang so schmerzhaft außer Griffreichweite distanziert nie das letzte Wort eines Satzes zu beenden scheint; als würde sein jeder Gedanke, jedes emotionale Lament unhaltbar im Äther aufgehen, von den knarzig-noisigen Stürmen um ihn herum davongeweht. Wenn sich jemand fragt, was mit einem bezaubernden Shoegaze-Album passiert, wenn es in eine Pfütze und der Korrosion anheim fällt: Common Era ist die Antwort.

[Stream] Belong - Never Came Close
[Albumstream] Belong - Common Era

Platz 13
The Field - Looping State Of Mind

Vielleicht liegt es daran, dass ich Yesterday And Today nur so halb gut fand, vielleicht daran, dass das neue Field-Album der großartigen Live-Energie der Band weitaus näher kommt, in jedem Fall ist meine Freude an Axel Willners modernem Dream-Pop hiermit wieder heiß und innig entflammt. Was vorher flach wirkte, wird hier tiefenwirksam von Schlagzeug und Bass ausgeformt, die sequenzierten Sphären sind glückserfüllt wie nie und halten auch mal ne Überraschung bereit. Der Unterschied zu Vorherigem ist in etwa so, wie es oft nur allzu enttäuschend von 3D-Filmen angepriesen wird - doch falsche Versprechen sind das letzte, was Willner im Sinn hat. Seine gleichgehaltenen, simplen Albumcover lassen weiterhin nicht vermuten, welche Herrlichkeit sich dahinter verbirgt.

[Stream] The Field - Then It's White
[Albumstream] The Field - Looping State Of Mind

66 aus 2011 (Teil 5)

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Platz 30
Seefeel - Seefeel

Es war das erste Album, bei dem meiner Anlage das Vinylformat zum Vorteil gereichte. Ein stellenweise verschlepptes Schlagzeug gibt mit spärlichen, aber kräftigen Anschlägen eine staksige Erdung für ein Füllhorn aus noisigen Klängen, die in einem Meer aus Ätherstimmen, synthetischen Oszillationen, dubbigen Grooveläufen und knarzigen Texturen auf- und wieder abtauchen. Doch was den Albumverlauf charakterisiert, ist ein irgendwann einsetzendes Basswabern, das sich zur Mitte hin mit zunehmendem Volumen aus den Lautsprechern ausbreitet und die Rückkehr der Post-Rock-Veteranen einen guten Deut tiefenintensiver gestaltete.

[Stream] Seefeel - Dead Guitars
[Albumstream] Seefeel - Seefeel

Platz 29
Kuedo - Severant

Nachdem es rein auf dem Papier wie für mich gemacht zu sein schien, brauchte es ja doch ein wenig, bis ich mich an die dauernervöse Snareklöppelei Severants gewöhnt hatte. Aber anders als beim Teenagerschlafzimmer-vermufften ADS-Prog von Rustie machte es zum Glück mit Kuedos erhabenem Beat-Futurismus irgendwann Klick. Egal, ob die von Vangelis inspirierten glanzvollen Synths zwischen die synkopierten Beatmuster geschnipselt sind oder unterbrechungslos weit ausschweifen, ob bloß farbvolle Textur oder sich aus Einzelmotiven zur Meta-Melodie entwickelnd, immer vermitteln sie eine sehnsuchtserfüllte Weite, die nicht einmal der am weitesten nachhallende Klatscher auszuloten vermag.

[Stream] Kuedo - Ant City
[Albumstream] Kuedo - Severant

Platz 28
Kitchen's Floor - Look Forward To Nothing

Das einzige Makel am zweiten Album des Aussie-Trios ist, dass es nicht 7 Sekunden länger ist - dann dauerte es nämlich exakt 20:11 Minuten. Aber wenn Kitchen's Floor eines sind, dann ökonomisch, so shreddern, hupen und poltern sie über diese Spielzeit durch 10 ballastlose Rock-Rauheiten, ohne dabei gehetzt zu wirken. Sie brillieren darin, schnell zur Sache (Kiwipop-unterorgelte, stimmzerhallte Hooks) zu kommen, sich damit ohrwurmigst zu inszenieren und bevor ihre Wirkung nachlässt wieder von der Bühne zu verschwinden.

[Stream/MP3] Kitchen's Floor - 116

Platz 27
La Dispute - Wildlife

Mit seinen wortreichen Texten über ein Amerika im sozialökonomischen Verfall füllt der erschüttert heisere Jordan Dreyer das Booklet schon proppevoll genug, um Wildlife zu einem herausragenden Posthardcore-Werk zu machen. Doch die Musik steht dem in nichts nach, immer wieder unterstützt sie ihn in mitreißenden Studeln, Läufen, Wendungen und Brüchen, alles eingefangen in einer herrlich trockenen, effektarmen Produktion die diese Songs noch einen schmerzlichen Tick rauer und intimer wirken lässt.

[Stream] La Dispute - Safer In The Forest​/​Love Song For Poor Michigan
[Albumstream] La Dispute - Wildlife

Platz 26
The Men - Leave Home

Schon was seltsam, wie sich genau die beiden punkigen Neulinge, für die ich zu Jahresbeginn große Hoffnungen hegte, am Ende auf vielen Magazinlisten als die einzigen ihrer Gattung erwiesen. Dabei taugt Leave Home eigentlich als Album oder singuläre Ästhetik nicht sonderlich viel, ist eine zu heterogene Mischung schwerriffiger Noiserock-Songs. Doch die sind eben von einer einenden Intensität erfüllt, die jeden Augenblick aus ihnen herauszuplatzen droht, wenn es links und rechts aus allen Nähten fiept und pfeift und dröhnt und die Band mit einer verzweifelten Wüstheit spielt, als würde sie gegen ein höllenwärts fahrendes Rollband anrennen.

[Stream] The Men - Bataille
[Albumstream] The Men - Leave Home

Platz 25
Gold-Bears - Are You Falling In Love?

Luftholen wird überbewertet. Nicht nur in ihrer Rasanz und der Art, wie oft nur einen Anschlag nach dem letzten schon der erste eines neuen Lieds beginnt, sind Gold-Bears auf ihrem Debüt mehr Punk als die meisten Punk-Bands, mehr aber noch ist Are You Falling In Love? ein quietschnoisiges Indiepop-Album. Eines, das wie kein anderes Laune zum Mitemotionalisieren macht, wenn Jeremy Underwood mit Mac-McCaughaniger Exuberanz "In this city I'm invincible" über Wedding-Present-Turbojangle ausruft oder im (relativ) Slowtempo-Titelstück sein "Fuck my life" von Feedback und Streichern betrauert wird. Eines, dem an Catchyness und Energie niemand das Wasser reichten konnte. Das Indiepop-Album des Jahres. Natürlich auf Slumberland erschienen.

[Stream] Gold-Bears - Record Store
[Albumstream] Gold-Bears - Are You Falling In Love?

Platz 24
Julianna Barwick - The Magic Place

Wie bei den meisten dieser Alben war The Magic Place eines, das ich nie so gut in Erinnerung hatte wie es sich immer wieder beim Hören erwies - aber deswegen mach ich das ja auch mit all meinen Anschaffungen jeden Dezember nochmal. Gerade die aufeinandergeschichteten, wortlos weithallenden Vocals Barwicks erscheinen auch bei gelegentlich hinzugefügtem Pluckerbass oder Piano simpel, beziehen aber ihre Stärke im Wechselspiel oder Weiterreichen von Tönen und Melodien untereinander, oder einfach von der erhabenen Fülle wenn Barwick sich selbst loopend zum erhabenen Chor multipliziert.

[Stream] Julianna Barwick - White Flag
[Albumstream] - The Magic Place

Platz 23
Parts & Labor - Constant Future

Auch Parts & Labor verkündeten kürzlich ihr (zumindest vorläufiges) Ende, mit Constant Future nahm die hymnischte Noiserockband aller Zeiten dafür charakteristisch Abschied. Ob es nun stimmt oder nicht, dass das Album in einem Boxring aufgenommen wurde, anhand der polternden Einschlagswucht von A Thousand Roads z.B. würde man es allemal glauben. Mit aller Kraft bäumen sich Parts & Labor gegen alle Gründe, die ihre Texte zum Pessimismus liefern, auf und insistieren, nie weit von einem bunten Piepknarzpanorama entfernt, auf Hoffnung.

[Stream] Parts & Labor - Constant Future
[Albumstream] Parts & Labor - Constant Future

Platz 22
Andrew Pekler - Sentimental Favourites

Konzeptuell scheint sich Andrew Pekler schon lange dort zu bewegen, wo Daniel Lopatin erst gerade so richtig ankam. Von Vinylknistern und gesampelter Natur-Ambience psychedelisch eingerahmt, nutzt Pekler hier Fragmente alter Easy-Listening-Scheiben in seinen zwar unanstrengenden, aber schwer vereinnahmenden Eigenkompositionen. Wieviel davon im Detail eigen und wieviel Vintage-Schnipsel ist, vermag ich an manchen Stellen gar nicht zu sagen - selbst das physische Vinylpaket ist schön als pseudo-historisches Dokument aufgezogen - doch die technische Gesamtkomposition scheint mir, ohne dass sie es einem vors Gesicht hält, klar eine moderne - oder doch zeitlose?

[Stream] Andrew Pekler - Prelude To A Summer
[Albumauszug] Andrew Pekler - Sentimental Favourites