April 2014: Brody Dalle, Golden Retriever, Ought



Brody Dalle - Diploid Love
 

Auch wenn die präzise thrashende Drum Machine, über der Brody Dalle die Songs ihres Solodebüts entwarf, für die Studioaufnahmen mitunter von Menschenhänden ersetzt wurde, ist Diploid Love von klarer Strichführung geprägt. Oft sind die einzelnen Saitenanschläge zu hören, egal wie breit sich der Nachhall vor allem der Lead ausflänzt, die (meist ebenfalls von Dalle eingespielten) Rhythmusgitarren und Bässe sind so klar voneinander separiert, dass sie ebensowenig zur übermischten Rocksuppe verschmelzen wie die frontal positionierten Vocals oder gelegentlich aufflammenden Blechbläser. [MEHR]

 


Golden Retriever - Seer
 

Wenn verschiedene Arten von Drone-Sound kategorisiert werden, dann wohl vor allem in analog oder digital, und selbst das wird man kaum als gängige Karteireiter in Plattenläden vorfinden. Was oszilliert, das oszilliert, woher ist oft weniger wichtig als wohin. Ohnehin sind die Vermischungsoptionen mannigfaltig, eine analoge Klangquelle kann man in einen Hardware-Sequencer leiten oder auch per Software live oder nach freiem Gedünken weiterverarbeiten. Einen etwas anderen Mischsound produziert das Duo Golden Retriever, der seinen starken Eigencharakter aus Jonathan Sielaffs Bassklarinette im Mit- und Gegenwirken zum Analog-Synth von Matt Carlson bezieht. Allein das langgezogene Bläserseufzen in Flight Song inmitten bassiger und bassloser Synthplinker wäre schon phänomenal hypnotisch genug, aber dann sickert ein zauberhaftes Melodiespiel Carlsons durch die Atmosphäre in die Weite des Kosmos, der um diese Hauptattraktion des Albums herum in immer wieder anderen Ansätzen erforscht wird.

 


Ought - More Than Any Other Day
 

Großes Kratzen und was dahinter. So wunderbar staksige und angeschmirgelte Gitarren wie die von Ought gab es lange keine mehr, ohne dass es gleich in ein Retrofest ausartete. Wenn sie nicht ausgerechnet aus Montreal kämen, hätten sie damit genausogut auf Dischord gepasst, so jedenfalls hängt Matt Mays Keyboard immer wieder eine spröde Wärme um die nervöse Stimme von Tim Beeler und zieht sie weit vom derzeit durchaus frugalen Feld der Posthardcore/Postpunk-Mischbemühungen. Und so nehmen sich Ought denn auch in denkwürdiger Weise vernachlässigten Songformaten wie dem Immer-schneller-Werder an, wenn Today More Than Any Other Day erst nichtig, dann behäbig schlenkernd beginnt und erst am Mittelpunkt richtig loslegt, aufgeputscht von Beelers nonstop Verbalschwall - auch so eine Technik, die nur Bands einsetzen können, die nicht auf eine Klanglandschaft mit schönem Ausblick setzen.

März 2014: The Caution Children, Johnny Foreigner, Kevin Gates, La Dispute, Linda Perhacs, Magic Touch, Manchester Orchestra, Perfect Pussy, Psalm Zero, Sports, Tony Molina, White Hinterland, The War On Drugs



The Caution Children - Safe Crusades / No Judgements / And Baby
 

Na bei dieser 6-Wochen-Frequenz schaff ich den Dezember-2014-Eintrag ja locker vor Ende nächsten Jahres! Apropos Frequenz (das war eine gute Überleitung), den hochfrequenten Tremolo-Anschlag nutzen The Caution Children aus Florida für ihren wolkig texturierten Screamo, der sich fast schon zu formelhaft in druckvollen Wellen ergießt und in ambient-sanfte Passagen abebbt. Neben den fast schon Envy-hysterischen Shouts und gelungenen Melodien wurden diese aber überzeugend ungestelzt von Produzent Jack Shirley eingefangen, der sowohl für Sunbather verantwortlich zeichnete wie auch für viele Platten des dreampop-tendenziellen New Yorker Indierock-Labels Captured Tracks. Passend dazu: Das für dieses Genre ungewöhnlich bunt-stylische Artwork.

 


Johnny Foreigner - You Can Do Better
 

Egal was sie machen, ob sie nun zu dritt, zu viert oder vielleicht irgendwann mal zu zehnt sind, Johnny Foreigner haben einen unverkennbaren Stil und Klang, den sie wohl auch dann noch behalten würden, wenn sie ein Album Song für Song zwischen Dave Fridmann und Steve Albini wechselnd aufnähmen. Ihr Sound ist gewissermaßen mit amerikanischem Emo/Pop-Punk verwandt, aber auf eine sehr eigene Art dicht und überdreht. Ob sie diese Fähigkeit zum Sich-selbst-Überschlagen nun voll ausspielen oder sich selbst aufs Wesentlichste runterbrechen, läuft's wie die Vergangenheit zeigte dann vor allem darauf hinaus, ob sie eine gute Songidee haben. Wenn nicht, kann das ebenso in ziellosem Wüten wie übermäßiger Monotonie enden, aber auf ihrem vierten Album passiert eben das nicht. Inspiriert und mit dem gesammelten Können, diese Inspiration auszureizen, reihen sie sich neben Sky Larkin und Slow Club in die Gruppe exzellenter britischer Bands ein, die in der dortigen Wüstendimension zwischen "noch nie ein richtig großer Hype" und "nie gänzlich unbekannt" zu einem Zeitpunkt ignoriert werden, wo sie endlich ihre stärksten Werke schaffen.

 


Kevin Gates - By Any Means
 

Sagenhafter Flow, sagenhafte Stimme und ein Gefühl dafür, sie bei jeder Gelegenheit anders angepasst einzusetzen: Wenn Kevin Gates das ungemütliche Treiben auf der Straße beobachtet, wird er konzentriert und eindringlich, wenn er sein Ego auf ner Party auslebt sprung- und lebhaft und wenn er sich selbst verwundbar oder konfessionell zeigen will, so bricht und knackst die Heiserkeit in seinem Tonfall mit gekonnter Effektivität. Vor allem aber schafft er es, zwischen den unterschiedlichen Ansätzen auch über die einstündige Dauer seines dritten Albums nicht nur stimmig zu bleiben, sondern einen auch ungemein mitreißend bei der Stange zu halten. Wenn ich einen Rapper nennen müsste, dem ich auch weiterhin zwei starke Alben pro Jahr zutrauen würde, dann wär das Gates.

 


La Dispute - Rooms Of The House
 

Wer das letzte Album von La Dispute zu leicht zugänglich und zu lebenslustig fand, durfte sich im März freuen. Rooms Of The House ist tatsächlich noch spröder, noch grauer verhangen, noch weiter entfernt von Post-Hardcore mit Festfaktor. Wenn Songs wie For Mayor In Splitsville die Strukturen vertrauter Rock-Hymnik mit Moll-Verschiebung und Jordan Dreyers speiender Bauchstimme in La Disputes Welt ziehen, so ist es zunächst irritierend, bis man sich mit etwas oder auch einiger Geduld in Rooms Of The House eingelebt hat. Danach: Langfristig packend und verstörend.

 


Linda Perhacs - The Soul Of All Natural Things
 

Mehr als 40 Jahre nach dem zwischendurch wiederentdeckten und wiederveröffentlichten Parallelograms ist das Klangbild von Perhacs’ trügerisch leicht dahingleitenden Songs in sanft raunende Synths gebettet astraler geworden, mitunter sogar von Perkussion durchzogen, die jedoch nicht von Perhacs’ fein gestrickten Melodieläufen ablenkt, höchstens mal in Intensity titelgemäß einen verdichteten Taumel bewirken. Offenherzige Musik von oberflächlicher Schönheit, die mit zahllosen Nuancen aber auch langfristige Faszination erwirkt.

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Magic Touch - Palermo House Gang
 

Ein übermäßig breitgetretener Hype wird mal wieder dann fruchtbar, wenn die meisten schon längst weiter gezogen sind. 100% Silk begann als das Dance-Seitenlabel von Not Not Fun und da sich bekannte Gesichter aus dem Umkreis der Labelköpfe dort neben Neuentdeckungen und dem allgemeinen Exodus alter Noiseheads in die Housewelt ausbreiteten, stellte sich bald der gleiche hohe Ausstoß bei laxer Qualitätskontrolle wie schon bei Not Not Fun ein. Für eine rundum gelungene Veröffentlichung schon zu medialen Hochzeiten des Hipster-House-Hypes hatte aber Magic Touch alias Damon Palermo alias Mr. Achtarm bei Mi Ami (als Mi Ami noch Drums benutzten) gesorgt, was er mit seinem Debütalbum fortsetzt. Die perkussive Wirkung des Pianoanschlags flechtet Palermo ebenso effektiv in seine trügerisch komplexen, aber letztendlich körperanimierenden Beatmuster ein wie die Vocals seiner Gäste aus dem musikalischen Freundeskreis, die eben immer mittendrin im Geschehen sind.

 


Manchester Orchestra - Cope
 

Go big or go home. Oder: Wenn man etwas machen will, dann soll man's auch konsequent aufziehen. Manch eine Band mit Gitarre in der Hand schielt noch nach der Arena, nach dem Rockalbum als buchstäblich großes Ding, doch irgendwo kommt dann atmosphärisches Gesiffel dazwischen, coole Ableton-Experimente, dröger Goth-Pathos oder die zwei Songs, die auch dieses ganz aktuelle Thema Disco aufgreifen. Fuck that, Manchester Orchestra haben sich für Cope mit einem Lastwagen voll Effektgeräten und mehr Gitarren, als sie tatsächlich live spielen können eingedeckt und Songs auf Tonträger gebannt, die groß, größer und größerst klingen. Nicht weniger, dafür noch ein bisschen mehr. Wer das zu laut findet, kann ja in den Keller gehen.

 


Perfect Pussy - Say Yes To Love
 

Nach dem Ende von Shoppers hatte ich alle paar Monate nach Meredith Graves gegoogelt, immer in der Hoffnung, dass sie ihre kreativen Energien nicht nur in Vintage-Kleidung, sondern auch wieder in Musik stecken würde. Und tatsächlich, mit der etwas anderen Banddynamik, aber dem wenig anders klingenden und wirkenden Sound scheinen Perfect Pussy auf eine etwas längerfristig stabile Zukunft ausgerichtet. Das innerhalb einer Woche entstandene Debütalbum des Quintetts denkt noch nicht alle seine Ansätze zu Ende und steht insgesamt ein Stück hinter der EP zurück, hat aber genug inhaltliche Überzeugung, selbst wenn man um sie auszumachen die Lyrics gedruckt sehen muss. [MEHR]

 


Psalm Zero - The Drain
 

Charlie Looker war bislang vor allem für sein Werk mit Extra Life bekannt, doch seine markant gequetscht-belegte Stimme überträgt sich erstaunlich passend auf die noch weniger Ruhepole bietende Industrial-Wucht, die er mit Andrew Hock (Castevet) als Psalm Zero heraufbeschwört. Die mechanische Stoik der kräftig wetzenden Drum Machine, neben der die beiden mit Bass, Gitarre und gelegentlich Synthesizer agieren, intensiviert nur die Fabrikhallen-Ästhetik von „The Drain“. Sein Sound hallt so weit und ohne atmosphärische Texturen zugleich so kalt nach, dass aber auch klar ist, dass Psalm Zero in dieser Halle ganz alleine sind mit sich und ihrer Fleischlichkeit. Looker und mit kürzeren, heiseren Schreiausstößen auch Hock schneiden sich nicht nur in ihren Texten voller Splitter und Brandwunden ins eigene Fleisch, ihre Songs sind wie das Zerrbild einer glückseligen Welt. Psalm Zeros Mittel ist jedoch nicht viszerale Intensität und Aggression. [MEHR]

 


Sport - Bon Voyage
 

Die indierockige Post-Hardcore-Band aus Lyon führt manches ad absurdum. Vor allem die strenge Einhaltung eines Konzeptes: Der Name der Band ist Sport, ihre Songs tragen allesamt den Namen von SportlerInnen oder im Entfernten wettbewerblich orientierten Personen (Charles Lindbergh), doch inhaltlich ist von einem kompetitiven Ernst wenig zu spüren. Thematisch orientiert sich Bon Voyage dafür am Albumtitel, sehnt sich in Songs voller kleiner Twinkle-Gitarrenschnörkel nach der Ferne, schwärmt davon oder flüchtet nur so dahin, weil zu Hause weniger als nichts ist. Passenderweise untergraben Sport auch die Idee des Labels als exklusive, feste Heimat: Die 23 Labels aus fast genauso vielen Ländern, auf denen das Album erschienen ist, sind mehr wie freundliche Herbergen auf einer großen Rundreise um die Welt als eine feste Residenz fürs Leben.

 


Tony Molina - Dissed And Dismissed
 

Da dachte ich eigentlich letztes Jahr, ich hätte mir noch rechtzeitig ein Exemplar von Tony Molinas ultrakompaktem Debüt gesichtert, doch irgendwo zwischen der US-Westküste und hier ist das Paket wohl von tollwütigen Indierock-Geiern abgegriffen worden. Zum Glück aber erweckte er damit das Interesse und die Aufmerksamkeit von Slumberland Records, das die LP auch gleich international neu rausbrachte - zeitlos sind die zwölf goldigen Songs darauf ohnehin. [MEHR]

 


White Hinterland - Baby
 

Casey Dienel hat eine soulige Stimme. Eine formidable Songwriterin ist sie auch, multiinstrumental versiert obendrein, doch ausschlaggebend für Baby ist, dass sie all das in Eigenproduktion nicht bloß im dokumentarischen Sinne aufnimmt, sondern wechselwirkend synthetisiert. Hier bereitet sie dem Bassgroove einen satten Echoraum, dort kippt die Miniorgel zum Songklimax in Lo-Fi-Übersteuerung, bis sich ein Kabal aus verflochtenen Gesangsträngen glasklar jubilierend erhebt oder das Kristallpiano auf rückwärts abgespielte Samples mit überlappenden Oszillationsflächen antwortet. Der Aggregatzustand des Klanges ist hier mit der selben Wichtigkeit belegt wie die Note, die er trifft und das Instrument, von dem er ausgeht. Das ist sicher auch bei anderer, wenn nicht sogar aller Musik so, aber wenn Pop so kunstvoll arrangiert ist wie dieser, erscheint es geradezu offensichtlich.

 


The War On Drugs - Lost In The Dream
 

Hand aufs Herz, ich war nie der größte Fan der Band. Adam Granduciel mochte ich vor allem dann, wenn er einen fundierten, mit motorischer Stoik vorantuckernden Beat mit gezielten Traumriff-Harmonien ritt, die so gefühlt in alle Ewigkeit weiterfahren konnten. Nirgendwo gelang ihm das von Experimentalabfall entlastet so gut wie in Baby Missiles, bis ... nun ja, bis er aus eben diesem Rezept mal eben ein ganzes Album strickte. Das ist Springsteen, Young, Petty, das ist Softrock, das ist nicht revolutionär und im Kern mehrmals der gleiche Song und all dass ist schnurzpiepegal, weil Granduciel dieses eine Ding, das er so gut beherrscht, ein ums andere Mal einfach grandios durchzieht, bis er selbst auch in seiner eigenen Musik aufgeht.

Februar 2014: Ava Luna, The Central Executives, Criminal Code, The Hotelier, Hysterics, Machinegirl, The Notwist, Paula, St. Vincent, Woods Of Desolation



Ava Luna - Electric Balloon
 

Warum hab ich diesen Eintrag nur so lange vor mir hergeschoben?

Ach ja, ich glaub mir dämmert's: Es gab arschviele Alben im Februar. Zum Glück erspart es mir etwas Schreibarbeit, dass ich schon einige davon bei Auftouren bejubelt habe, ebenfalls nicht immer ganz zeitnah zur Veröffentlichung. Aber es gibt halt Werke wie dieses hier, die mir sofort sympathisch, nur nicht ganz klar sind. Oft ändert sich daran durch wiederholtes Hören nichts, noch öfter werden die vermuteten Schwachstellen manifest, doch bei Ava Lunas Art-Soul hat sich die Geduld gelohnt. [MEHR]

 


The Central Executives - A Walk In The Dark
 

Den Geduldsrekord hält sicher A Walk In The Dark, bei dem ich fast ein halbes Jahr gebraucht hab, um mich zum Kauf zu entschließen. Gut, ich bin da generell auch geduldiger geworden, auf die höchsten Chartpositionen in der ersten Verkaufswoche werd ich nur noch Wenigen helfen können. Die schwüle Maskendisco von The Central Executives verschickt ohnehin keine Masseneinladungen, soweit ich sehe gab es diese legal nur auf Vinyl (bzw. via diesem beiliegenden Downloadcode) hörbare Grooveverführung weder vorab noch im Nachhinein als Stream. Auch die Identitäten der Menschen dahinter erfährt man erst, wenn man das Booklet aufklappt, wobei dies mehr zum erstaunten Discogs-Credits-Streifzug als einer tiefgehenden Erhellung beiträgt. Dies ist schließlich Musik, in der ihre eigenen SchöpferInnen aufgehen und in der ihre HörerInnen aufgehen, Namen und Gesichter weniger wichtig sind als das genüssliche Dahinschmelzen in dieser delikat schweißtreibenden Spätnachtssommerlust. Tanzen ist optional, fängt man erst einmal damit an, sollte man auch ordentlich Ausdauer mitbringen, um das Es-geht-immer-weiter auch voll auszukosten.

 


Criminal Code - No Device
 

Dass Criminal Code nach einer albumwürdigen EP- und Singlereihe für ihr offizielles Debütalbum weniger punkig daherkommen, hat mich schon ne Weile das typische Syndrom befürchten lassen, mit dem Bands für dieses Format abflauen oder zu verkrampft um Diversität bemüht sind. Obendrein winkte die schon auf der letzten Single angedeutete Goth-/Deathrock-Hinwendung mit einer atmosphärischen Versessenheit, über die die Band ihre größte Stärken (geshoutete Hooks! Silberfeuer-Riffs! Rollende Drums!) vernachlässigen könnte, doch Criminal Code können auch in abgedunkelten Räumen ordentlich auf die Kacke hauen. Die metallenen Gitarrentöne mögen einen Kajalanstrich bekommen haben, aber sie bleiben göttlich schön.

 


The Hotelier - Home, Like Noplace Is There
 

„Because I’m desperate here, a couple steps from the edge. I can’t seem to burn bright enough. I’m cold and I’m left alone. We’re all alone.“ Dies ist nur einer der ersten von vielen emotionalen Tritten in die Magengrube, die das zweite Album von The Hotelier prägen. Vom textlich noch reichlich unausgegorenen Pop-Punk ihres Debüts, das es unter dem Namen The Hotel Year herausbrachte, hat sich das Quartett aus Massachusetts zu einer musikalisch reiferen und erheblich ausdruckskräftigeren Band entwickelt. [MEHR]

 


Hysterics - Can't I Live? EP
 

Zum zweiten Mal, doch erfolgreicher als auf dem Debüt, erstrecken sie sich mit „Please Sir“ über vier Minuten in Länge und Breite, was der rumpeligen Intensität aber keinen Abbruch tut und in wüsten Gitarrenausbrüchen weniger kulminiert als eskaliert. Doch das Quartett macht nicht nur instrumental Druck, in immer wieder eindringlich steigendem Tonfall schwingt Hysterics’ Vokalistin die Worte wie Waffen und zieht in „Now I See“ Silben in die Länge, nur um nach diesem Ausholen mit einem Peitschenschlag in rapides Stakkato zu explodieren. [MEHR]

 


Machine Girl - WLFGRL
 

Ich kann's völlig verstehen, wenn einem Footwork bei den ersten Begegnungen chaotisch, hektisch und auch anstrengend erscheint. Mir ging das insbesondere bei Alben sicher eine Weile nicht anders. Anders als die Teklifer jedoch lässt der britische Produzent mit der Cyberpunk-Ästhetik diesen Ersteindruck nie verschwinden. Machine Girls Debütalbum WLFGRL ist perkussiv hochgezüchtete Reizüberflutung, die einem ihren maximalistischen Hybrid dermaßen sprunghaft über den Kopf zieht, dass Rustie dagegen an den Boden geleimt wirkt. War es mit seinen Filmzitaten aus Ginger Snaps 2 anfangs nur eine von vielen Bandcamp-Kuriositäten, ist mir dieses Ideenfeuerwerk mit der Zeit doch ordentlich ans herz gewachsen, bis irgendwann inmitten all der Frenetik des vorletzten Tracks dann wohl so etwas wie Seele durchscheint. Die Anspannung jedoch bleibt.

 


The Notwist - Close To The Glass
 

The Notwist waren schon fast immer für Regenwetter gut. Nicht emotional oder weil Musik bloß das akustische Accessoire zum Klima wäre, sondern weil ich insbesondere bei strahlendem Sonnenschein meine schnell schweißtreibenden großen Kopfhörer nicht gern aufsetze. Das letzte Notwist-Album ist schon so lange her, dass ich gar nicht mehr weiß, warum ich's nicht mochte und wenn man immer nur über positiv seine Lieblingsplatten schreibt, kann man eben sowas nicht gleichermaßen zum späteren Nachlesen mithalten. Hier jedenfalls passt der oft komisch und nicht ganz richtig zusammengefügt wirkende Pop wieder ganz formidabel, geräuschelt formenbildend durch die dicken Ohrmuscheln, wie er's durch Lautsprecher irgendwie etwas anders macht.

 


Paula - Paula
 

Waren The Postal Service vielleicht nur die amerikanischen Paula? Das zumindest suggeriert „Vergessen“, doch zur nostalgischen Zeitreise wird das erste gemeinsame Album von Berend Intelmann mit Elke Brauweiler seit Jahren erfreulicherweise nicht. Vielfalt ist Trumpf – es muss ja nicht alles greller Maximalismus in permanenten Großbuchstaben sein, wenn man genauso gut eine herrlich shoegaze-texturierte „Dunkle Nacht“ machen kann. MEHR

 


St. Vincent - St. Vincent
 

Auf höherem Niveau kann ich kaum enttäuscht werden. Wobei, zunächst war ich nach der Byrne-Geschichte ja mal positiv überrascht, die trotz aller Highlights stellenweise nur ganz OK war ... ach, wieder so was Positives so unenthusiastisch klingend ausgedrückt. Das ist wohl die Sphäre, in der Annie Clark jetzt operiert, wo jede neue Platte so ein narkotisierender Vor-den-Kopf-Stoßer wie Strange Mercy sein könnte. Wer jenes lieber etwas poppiger gestriegelt und funkig belebt gehabt hätte, sollte - nein, muss muss muss es mal hiermit versuchen. Denn auch wenn vieles von dem, was ich hier am meisten mag, in anderen Songs schon existierte oder angerissen wurde, wird es hier eben weitergeführt oder auch mal vollendet auf eine Weise, wie sie nur diesem einen Kopf auf der ganzen Welt erwachsen kann. Wenn meine größte Beschwerde schon ist, dass John Congleton die bizarr kompakte Gitarrenklangfarbe St. Vincents in letzter Zeit auch bei mehreren anderen von ihm produzierten Alben verwendet hat ...

 


Woods Of Desolation - As the Stars
 

Ich war nie gut im Erkennen depressiver Intention von Musik. Das scheint bei (offizielle Genre-Eigeneinordnung des ehrenwerten Künstlers, dass hier jetzt niemand was von wegen Schubladenjournalismus meckert) "Depressive Black Metal" nicht anders zu sein - der letzte Song hiervon erinnert mich mehr als alles andere an My Chemical Romance (wobei ...). Aber egal ob hi- oder so lo-fi wie hier, diese Verbindung von sandigen Gitarrenbächen und schwellenden-schwallenden Melodien wird auf mich immer vorwiegend erhebend wirken, schön aufgezogen wie Alcest und vor allem Jesu ist es allemal und kann sich inmitten einer Flut an ähnlichem Material behaupten.

Summer Global

Summer Global by Aufeinneues on Mixcloud


Ist das jetzt schon oldschool, einen Mix aus MP3s zusammenzubasteln? Aber anders geht's halt nicht, Spotify und co. haben halt nur einen ziemlich beschränkten Katalog, erst recht wenn es in internationale Popgewässer geht. Eigentlich wollte ich nur ganz konzeptlos meine Lieblings-Sommersongs aus 2014 zusammenwerfen, doch ganz am Ende fiel mir dann auf, dass dabei eine recht internationale Mischung herausgekommen ist: 15 Stücke mit InterpretInnen aus 11 Ländern auf 5 Kontinenten, wenn ich mich nicht verzählt habe. Naja, jedenfalls dachte ich mir, wo ich das Ding schon für mich gemacht habe, kann ich's ebensogut hier teilen. Auch irgendwie oldschool.

Katy B - Little Red (Continuous Mix)



Katy B - Little Red (Continuous Mix)
 

Katy Bs Songwriting und Stimmcharisma mögen auch ihr zweites Album mehr als alles andere prägen, doch nachdem On A Mission noch fraglos ein höchst zeitgemäßes Dancepop-Album war, ist Little Red eher Dance/Pop - je nachdem, welche Version man hört, ergibt die Trackreihenfolge bemerkenswerterweise einen völlig anderen Albumcharakter. Anhand der Standardversion verläuft die wenig überraschende Geschichte von Katy Bs Popstar-Werdung inklusive Frühstücks- und Primetime-TV-Auftritten über die Powerballaden-Singles Crying For No Reason und Still, die das Album ankern und vor allem den Ton der gemächlicheren zweiten Hälfte setzen, welche nach der Belebtheit der Anfangsstücke wie eine sich nur langsam erschließende Bremse wirkt. Außen vor bleibt dabei ein halbes Dutzend großartige Bonustracks wie Blue Eyes und Hot Like Fire, die als Teil des Albums mehr Garage und Breakbeat reingebracht und einige andere Songs qualitativ überschattet hätten.

Doch eine Fantasie muss das nicht bleiben, denn zumindest auf der Doppel-CD existiert Little Red noch in einer alternativen vollwertigen Albumform, die schnurstracks in die Clubs zurücksteuert. Hier sind sämtliche Songs in einem einzigen langen Mix ohne Unterbrechung und in völlig anderer Reihenfolge arrangiert und werden plötzlich zu einer größeren Tanzparty als das letztjährige Disclosure-Album. Nicht nur werden die Stücke weniger schwerfällig, wenn sie um ihre In- und Outros beschnitten ungehobelt ineinanderfaden, auch werden in kontrastreicheren Übergängen zuvor etwas überflüssig wirkende Stücke plötzlich höchst vital - Disappears, wenn es ins Knarzquaken von I Like You übergeht und das Sampha-gesangsdurchtriefte Play, das ich hier geradezu ersehne, weil es Aaliyah umso majestätischer auftreten lässt, das im Standard-Tracklisting auch als Anschluss an das sehr ähnliche 5 AM leidet.

Während jene Version die Hülle nicht ein Mal verlassen hat, will es der Continuous Mix seitdem immer noch nicht nach weiter unten in den CD-Stapel schaffen und dürfte mein liebstes Sommeralbum werden. Dabei sind die Songs selbst nahezu identisch, trotzdem kommt es mir vor, als würde ich sie erst in dieser Anordnung genau hören, klein-feine Details wie wenn Stimme und Saxophonmelodie glückselig tänzelnd am Ende von Blue Eyes in Einzeltöne zerfallen. Wie auch auf I Like You (“The way you move just fills me with desire ”) fasst Katy B hier Verlangen in Worte und Stimme auf eine Weise, die nachvollziehbar ist, und doch nicht trocken – dazu spielt sie nur allzu schelmisch mit dem Reimschema, indem sie vor der erwarteten letzten Silbe erst pausiert und sie dann komplett auslässt und in den Refrain übergeht:

Somehow it just works
Somehow we just click
You know you have my heart
When I see your …

Blue eyes

Xiu Xiu - Angel Guts: Red Classroom



Xiu Xiu - Angel Guts: Red Classroom
 

Kaum ein Entstehungsprozess ist zugleich so interessant und unterbeachtet wie der von Xiu Xius letzten Hauptwerken. Da war die kunterbunte (und auch letztendlich zu konfliktreiche) Projektverschmelzung mit Parenthetical Girls auf Always , das von John Congleton abgemischt nicht mehr so merkwürdig leblos wirkte wie der Vorgänger, und nun wurde eben Congleton auch noch stärker für das perkussionsfokussierte Angel Guts: Red Classroom involviert. Das geht über das von ihm aufgenommene Schlagzeug des Swans-Drummers Thor Harris hinaus bis in die Texte, die wahrscheinlich erstmals als von ihm und der mittlerweile bald schon dienstältesten Co-Xiu-erin Angela Seo "edited by" ausgezeichnet sind. Großartig "neue Facetten" oder so werden dabei freilich nicht rausgekitzelt, doch mich reißt dieses Xiu-Xiu-Album so rum wie schon seit nem guten Jahrzehnt keines mehr, weil Stewart in der Albummitte einmal so richtig auf die Kacke haut. Bis dahin wurde der Leerraum über dem von robotisch programmierter Steife bis ins angejazzt gehende Drummen gelegentlich mit langen Strichen aus fiepsig bis knarzig oszillierenden Analog-Synths gefüllt, aber derart, dass es mit der Zeit schon leicht einlullte. Doch gerade dann, wenn man schon glaubt, das Wesen dieser Platte als lediglich brodelnd und schwelend erfasst zu haben, taumeln El naco und Adult Friends einen Abgrund aus fieser Industrial-Dissonanz und gellendem Schweinequieken hinunter, dass ich beim ersten Mal glatt hochgeschreckt bin. Unversehens tappt man auf einmal nur noch auf Zehenspitzen umher, in Erwartung des nächsten Monsters, das um die Ecke aufs Hervorschnellen lauert.

La Secte Du Futur - Greetings From Youth



La Secte Du Futur - Greetings From Youth
 

Ich sehe schon, mit den monatlichen Sammelbeiträgen wird es so oder so nix. Weder fällt mir sofort zu allen bereits erworbenen Sachen aus einem etwas Monat ein, noch hab ich die immer zeitnah genug vorliegen, um über alles Gehörte zu schreiben.

La Secte Du Futur also, die erste Entdeckung des Jahres. Mit denen versuchte ich es nur deswegen, weil ihr zweites Album auf dem gleichen Label erschien, das bereits Royal Headache und TV Colours nach Europa gebracht hatte. Diese Band ist aber gebürtig so französisch wie ihr Name, wobei das auf musikalischer Seite ebensowenig von Belang ist wie wenn ich jetzt sage, dass sie Psych- oder Bluesrock machen würden, denn Derartiges reißt mich selbst in der Regel wenig mit, am ehesten kommt hier noch die sensationelle Debüt-EP von Crystal Antlers dran. Greetings From Youth setzt sich jedenfalls hinweg über die Behaglichkeit, die mit beflissentlichem Genrepraktizieren einhergehen kann. Hier wird Hall nicht zur behaglichen Abfederung, sondern zum Multiplikator jedes explosiven Ausbruchs, den die Band von Schlagzeug über Gitarren bis hin zu den in eine unsichtbare Wand keilenden Vocals praktiziert. Willkürlich aggressiv in ihrer Intention wirken La Secte Du Futur nicht, mehr wie bloße Marionetten der Urkräfte, die sie immer wieder in famosen Melodien kanalisieren und mit Cowboy-Amerikanismen wie Mundharmonika und Marschryhthmus zu herrlich ziellosen Hymnen pervertieren.

Januar 2014: Against Me!, Big Ups, Blank Realm, Sevendeaths



Against Me! - Transgender Dysphoria Blues
 
Es ist in der Regel ein gutes Zeichen, wenn ich mir bei einem Album mehr als alles andere wünsche, dass es besser produziert wäre. Auch wenn es hier stellenweise frustrierendes Ausmaß annimmt, wie unregelmäßig die Abmischung von Stück zu Stück und auch innerhalb einzelner davon ist, reicht das doch nicht, die Ausdruckskraft dieser fantastischen Songs zu untergraben. Da braucht man gar nicht erst so zu tun, als würde hier eine universale Erfahrung porträtiert, die jedermann nachvollziehen kann - nur wenige können verstehen, wie es ist, wenn etwas derart Umfassendes wie die eigene Identität in einer Schwarzweißwelt nicht nur angefeindet, sondern schlicht nicht anerkannt wird. Laura Jane Grace singt in denkwürdigen Textzeilen aus der Perspektive einer Unterdrückten, einer Ausgegrenzten, das aber in kraftvollen Songs, die keine Kapitulation zulassen und nicht ignoriert werden wollen.
 


Big Ups - Eighteen Hours Of Static
 
Klarer Fall von Küstenverwirrung: Mit ihrem spröden Posthardcore könnten Big Ups sich fast dem Dischord-Roster anschließen, wäre da nicht die unbeherrschte Punk-Energie, die immer wieder aus den New Yorkern rausbricht. Das ist alles ein wenig zu verschwitzt und versoffen für Washington, geht fast immer in unter drei Minuten über die Bühne, fiept und faucht und ätzt und gniedelt, ist aber auch immer ein wenig zu melodiesicher und von technisch präzisen Repetitionsschüben angetrieben, um abzustoßen. Eighteen Hours Of Static ist eine Einladung in den letzten verrauchten Kellerclub New Yorks, der noch nicht der Betriebsoptimierung des Geschäftsviertels anheim gefallen ist.
 


Blank Realm - Grassed Inn
 
Aussie Aussie Aussie, Jangle Jangle Jangle! Wobei diese Melbourner Band eher aus dem Gemütlichkeitsrahmen fällt, waren Blank Realm doch schon über Jahre vor allem in psychedelisch unscharfen Tiefen unterwegs und in den USA vor allem über Kassetten auf Not Not Fun präsent. Wo sich aber gerade über die Partnerschaft ihres Heimatlabels Bedroom Suck und dem britischen Fire Records ein gutes Stück mehr Melbourner Musik in die weitere Welt verbreitet, haben Blank Realm genau den richtigen Zeitpunkt erwischt, um sich mal ein wenig rauszuputzen. Wie etwas weniger weirde Ooga Boogas lassen sie veritable Schrammel-Hits vom Stapel, Jammen mit bestimmter Ausgedehntheit oder plastikorgeln auch mal mit The Clean um die Wette, dass das Treiben nie zu bunt oder zu benebelt wird.
 


Sevendeaths - Concreté Misery
 
Nieder mit analoger Haptik! Dieses Album gibt es nicht auf Vinyl, nicht einmal auf CD, was wenigstens noch in den Rahmen seiner Konzeption gefallen wäre. Allein aus digitalen Klangquellen und über Softwaremittel wie eine MIDI-Gitarre kreiert der Schotte Steven Shade seine Instrumentalmusik, deren beatlose Droneflächen mit schimmernder Klangfarbe eine eigentümliche Wirkung erhalten. Concreté Misery bildet nicht unbedingt völlig andere Grauzonen als die Klaustrophobien von Godspeed You! Black Emperor und Tim Hecker oder das kosmische Freiheitsgniedeln von Emeralds und Hillage ab, aber beide Tendenzen werden miteinander verwoben im Zaun gehalten, dass die Musik völligem rationalem oder emotionalem Verständnis ein Stück außer Greifreichweite hängt und irgendwo auch einfach in ihrer enigmatischen Imposanz beeindruckt. Sie bringt mich zumindest auf angenehme Weise dazu, frustriert um Worte und Ausdruck für sie zu ringen.

82 aus 2013



1. HAIM – Days Are Gone

2. The Knife – Shaking The Habitual

3. Dawn Richard – Goldenheart

4. Deafheaven – Sunbather

5. Paramore – Paramore

6. Beyoncé – BEYONCÉ

7. tricot – T H E

8. Burial – Rival Dealer EP

9. Owel – Owel

10. Natasha Kmeto – Crisis

11. Banque Allemande – Willst Du Chinese Sein Musst Du Die Ekligen Sachen Essen

12. Julianna Barwick – Nepenthe

13. The Wonder Years – The Greatest Generation

14. Paisley Parks – Бh○§†

15. Ciara – Ciara

16. Touché Amoré – Is Survived By

17. Classixx – Hanging Gardens

18. Prudence Rees-Lee – Court Music From The Planet Of Love

19. Eluvium – Nightmare Ending

20. Glasser – Interiors

21. Cülo – My Life Sucks And I Could Care Less

22. M.I.A. – Matangi

23. Humanbeast – Venus Ejaculates Into The Banquet

24. Youth Lagoon – Wondrous Bughouse

25. Perfect Pussy – I Have Lost All Desire For Feeling EP

26. Jenny Hval – Innocence Is Kinky

27. Joanna Gruesome – Weird Sister

28. Petar Dundov – Sailing Off The Grid

29. Superchunk – I Hate Music

30. bvdub & Loscil – Erebus

31. grim104 – grim104 EP

32. Quadron – Avalanche

33. Sky Larkin – Motto

34. The 1975 – The 1975

35. Jungbluth – Part Ache

36. Tegan And Sara – Heartthrob

37. Mountains – Centralia

38. Kelela – CUT 4 ME

39. The Courtneys – The Courtneys

40. Oranssi Pazuzu – Valonielu

41. Vampire Weekend – Modern Vampires Of The City

42. Bed Wettin' Bad Boys – Ready For Boredom

43. FKA twigs – EP2

44. Celeste – Animale(S)

45. Dick Diver – Calendar Days

46. Sky Ferreira – Night Time Is My Time + B-Sides, Part 1

47. f(x) – Pink Tape

48. Roly Porter – Life Cycle Of A Massive Star

49. Om'mas Keith – City Pulse

50. Perfume – Level3

51. HOAX – HOAX

52. Phil France – The Swimmer

53. Leverage Models – Leverage Models

54. Bushwalking – No Enter

55. Candy Claws – Ceres & Calypso In The Deep Time

56. AUF – CD

57. Kingdom – Clubposite Mix

58. Drug Church – Paul Walker

59. Momoiro Clover Z – 5th Dimension

60. Rhye – Woman

61. YAMANTAKA // SONIC TITAN – UZU

62. Wet – Wet EP

63. TV Freaks – Two

64. Doldrums – Lesser Evil

65. The Stevens – A History Of Hygiene

66. Young Galaxy – Ultramarine

67. Pikelet – Calluses

68. Gorgon City – Real EP

69. Direct Hit! – Brainless God

70. Jagwar Ma – Howlin'

71. TV Colours – Purple Skies, Toxic River

72. Pure Bathing Culture – Moon Tides

73. Kuchibiru Network 3

74. When Nalda Became Punk – Farewell To Youth

75. Le1f – Fly Zone / Tree House

76. Darkstar – News From Nowhere

77. Secret Circuit – Tactile Galactics

78. Ian Isiah – The Love Champion

79. Radioactivity – Radioactivity

80. Vondelpark – Seabed

81. Cassie – RockaByeBaby

82. Mano Le Tough – Changing Days

Perfume / f(x) / M.I.A. / Beyoncé / Leverage Models / HAIM

Die Frage mit Yasutaka Nakata ist wohl: Was soll der Mann nun 2014 machen, wo er in einem Jahr Alben für alle seine regulären Betätigungsfelder gemacht und obendrein noch mit Shiina Ringo kollaboriert hat? Dabei schienen sich die vielleicht immer nur gedachten Grenzen zu verschieben, während die ansonsten clubbigere Capsule fast schon ambiente Momente hatte, wurde Perfumes Level3 zu dem Album, das eigentlich den Titel Bangerz verdient gehabt hätte. Vor allem Party Maker endlädt seine farbenfrohen Klatsch-Druckzonen mit Chemical-Brothers-großen Beats, nicht nur hier wirkt die Konstruktion weniger auf Standard-Popsong getrimmt als wie die Musikkomponente von Perfumes kunstvoller Live-Performance. Zwar offenbart es auch abseits davon bald seine berauschende Wirkung, doch dass ausgerechnet dieses Perfumes erstes Album war, das weltweit veröffentlicht wurde ...

[Spotify] Perfume - Level3
[Deezer] Perfume - Level3

Schon verständlich, dass die Großen im Popgeschäft zu bewährten Rezepten tendieren. Mit allzu kühnen Soundentwürfen oder der Abkehr von simplen Harmonien riskiert man schnell, mit kommerziellem Gift abzuenden, das höchstens im Feuilleton ein paar nette Worte erfährt. f(x)s zweites Album Pink Tape schafft jedoch die Balance, haufenweise Einflüsse originell miteinander zu verquirlen und melodisch auch mal Upbeat-Nummern in eigenwillige Melodien zu kleiden, bleibt dabei stolz und schamlos ein (zumindest im eigenen Land) charttaugliches Popalbum ohne verkrampfte Avantgarde-Avancen. Die vielfach konfigurierbare Stimmchemie der Koreanerinnen prägt so seltsame kleine Songs wie Shadow oder Rum Pum Pum, das auf einem Cannonball-ähnlichen Motiv gleitend über Marschtrommeln erst eine Stimme nach der anderen eingängig anhäuft, um sie dann im Refrain in Moll-Strenge und nahtlos wieder zurückrutschen zu lassen.

[Youtube] f(x) - Pink Tape

Nicht nur Abhörskandale, auch das große diesjährige Suicide-Fressen bei u.a. Sky Ferreira oder Kanye West hat M.I.A. schon vor drei Jahren antizipiert. /\/\ /\ Y /\ bleibt mir trotzdem insgesamt zu unausgegoren, anders als das dafür wohl zu lange in Firmenmurkserei gefangengehaltene Matangi, das (ebenfalls trendsetzend erst nach Leakdrohungen veröffentlicht) wie ein pures M.I.A.-Album wirkt. Keine allzu auffälligen Samples/Cover, keine ungelenken Gäste, die über ihre Schuhe stolpern (The Weeknd ist praktisch unsichtbar), selbst ein zeitgeistig verspäteter Y.A.L.A.-Witz fällt nicht negativ auf, weil die unnachgiebige Musik so lebhaft kratzt und kickt.

[Deezer] M.I.A. - Matangi
[Spotify] M.I.A. - Matangi

Nach dem vor lauter Singles nicht so ganz an Format gewinnen wollenden 4 kam also diesmal einfach das Album zuerst. Außen schwarz, innen pinkrosa ist die CD-Box, die zugleich ein Musik- und Musikvideo-Album unter anderem über die Freuden des Ehesex beinhaltet - da nun groß Symbolik rauslesen zu wollen, ist eigentlich unnötig. Was Beyoncé wichtig ist, spricht sie explizit und unmissverständlich aus, beginnend mit "Perfection is a disease of a nation. It's the soul that needs the surgery". Vor allem aber singt sie es aus, meist überaus bemessen, manchmal sogar in angekratzter Imperfektion, wenn es dem Song zugute kommt. Dass die Namen der meisten musikalischen Kollaborateure das Jahr über schon in den Credits anderer, weniger guter Popplatten in ähnlich klingenden Songs auftauchten, macht deutlich, was dieses großartige Album wirklich ausmacht. Ihr Name steht in Großbuchstaben vorne drauf.

[Spotify] Beyoncé - BEYONCÉ
[Deezer] Beyoncé - BEYONCÉ

Das unscheinbarste Popalbum des Jahres. Wie man auch im Plattenladen dran hätte vorbeigehen können, bin ich dutzendfach an Titel und Cover vorbeigeklickt, weil sie so ungemein dröge wirkten. Dabei konfrontiert das Innere von Leverage Models' Debüt im Gegenteil sofort durch den furchtlos exuberanten Gesang von Shannon Fields. Alles lässt diese hohe Tonlagen erklimmende Stimme raushängen, auch an glänzend hellen Synths wird nichts zurückgesteckt, doch wie in glatteren Sax-Momenten verweben Leverage Models überall widerspenstige Klänge, die den Stoff dieser potentiell eindimensional flachen zu komplexen Songs von triumphaler Eingängigkeit machen.

[Stream] Leverage Models - Leverage Models

Einer der schönen Aspekte an einem Musikblog ist ja, dass man manchmal den Wandel der eigenen Eindrücke und Meinungen dokumentieren kann. Eine Suche nach HAIM zeigt eine anfängliche Unkenntnis der Band und ihrer Musik, der ich erst nur in Vocals und erstklassigen Remixen begegnete, dann beim Hören Gefallen an einer exzellent ausgearbeiteten Produktion fand. Bis es mir nach ein paar Monaten (weniger als auch nur sporadischen Hörens) auf einmal wie Stöpsel aus den Ohren fiel, dass beides doch so stimmig zusammenhängt: Der Forever-Remix zum Beispiel funktioniert eben deswegen so gut, weil eine der großen Qualitäten der Schwestern Haim in der Rhythmik ihrer Stimmen liegt, mit denen sie die Spannungszonen ihrer Songs wie niemand anders kontrollieren können. Ein enger Basslauf, ein ungebunden langer Ausruf. Gleichmäßig auf jeden Anschlag verteilte Silben, die sich zum Refrain hin verdichtend fast überschlagen. Klar, dass jeder einzelne instrumentale Klang dazu ebenso bis ins Detail durchgefeilt werden muss, klar, dass zusammen mit einem ebenso oberklassigen Hook- und Melodiegespür dabei nur das beste Album des Jahres herauskommen kann.

[Deezer] HAIM - Days Are Gone
[Spotify] HAIM - Days Are Gone

FKA twigs / Burial / Perfect Pussy / grim104 / Wet / Gorgon City

So oft es auch postuliert wird, dass das Album tot und ein tragfähigeres Zukunftsmodell in kürzeren Formaten läge: EPs werden nicht nur in der alteingesessenen Presse immer noch unverhältnismäßig ignoriert. Dabei kann ich mir mittlerweile vorstellen, dass manche damit langfristig besser aufgehoben wären, von den Gesetzen des Marktes aber manchmal zum musikalischen Nachteil ins Albumformat gedrängt werden. Zu perfekt fühlt sich es sich beispielsweise an, wie FKA twigs' (siehe) kurze Salven mehr Fragen aufwerfen als sie beantworten, Gefühle und Gedanken aufwühlen, um alsbald wieder zu verschwinden.

[Deezer] FKA twigs - EP2
[Spotify] FKA twigs - EP2

So richtig mitgerissen hat mich Burial seit seinem Debütalbum nur stellenweise. Zwar trat er auf hohem Niveau auf der Stelle oder ging über die fragmentierte Langfom neue Strukturwege, aber den grandiosen Durchbruch hatte er damit für mich erst auf seiner diesjährigen EP, die zugleich in die himmlischen Sphären von Finally Boys zieht. Es bleibt natürlich das Vinylknistern, doch Dubstep, dessen Schaffensspektrum Burial eh immer nur eine Randfigur war, könnte hiermit erledigt sein - ein schönerer Schlusstrich ließe sich kaum ziehen.

[Deezer] Burial - Rival Dealer
[Spotify] Burial - Rival Dealer

Lange hab ich nicht über dieses Demo-Tape schreiben wollen, weil - nun ja, es ist ein Demo-Tape, das ich mir selbst auch erst zugelegt habe, als es zum Download angeboten wurde. Wenn um vier Debütsongs in dieser Klangqualität so viel Rummel entsteht, ist normalerweise viel Skepsis angebracht anstatt eilig miteinzufallen, das mit den Vorschusslorbeeren ist ja in Musikblog-Kreisen bald auch schon 10 Jahre Anschauungsmaterial. Aber beginnend mit dem Titel zeigt I Have Lost All Desire For Feeling eben vor allem, dass hinter Perfect Pussy voll und ganz Meredith Graves steckt, die mit Shoppers schon ein grandioses Album dieses kaputten Noisepunks geschaffen hat, so dass der neue Erfolg eine mehr als verdiente Ehrenrunde ist.

[Stream] Perfect Pussy - I Have Lost All Desire For Feeling

Mut braucht es dieser Tage zur musikalischen Lücke nicht gerade, mit xx-Mitläufern an jeder Ecke. Wet haben aber zunächst mal die Hooks, um mehr als nur Ereignislosigkeit an sich zu werden, in sauberen Linien formen sie warmen Pop, der Leerräume auch als effektive Pausen im musikalischen Fluss nutzt, um die herum sich ihre Musik in Gitarrenkaskaden oder nur -strichen über minimales Beatruckeln in Gleitbewegung setzen.

[Stream] Wet - Wet

Ich kann's mir gar nicht vorstellen, würde mir aber auch etwas komisch dabei vorkommen, wenn ich nur grim104s Sprechgesangsduktus, Textinhalte oder Instrumentals mögen würde und der Rest Nebensache wäre. Nicht nur fühlt sich alles gleichermaßen vital an, es passt auch wie das Tüpfelchen auf dem Kaviarei, wie dicht und verhangen die musikalische Atmosphäre dieses entschieden unknuddelige Gegenwartsporträt intensiviert.

[Spotify] grim104 - grim104 EP
[Deezer] grim104 - grim104

Im UK war 2013 das große Jahr des garagigen Housepop-Revivals. Die damit einhergehende Veröffentlichungsflut der Speerspitze aus PMR und Black Butter Records war sicher nicht makellos, doch die ohnehin vom Namen her von mir favorisierten Gorgon City brachten mit ihrer längsten auch ihre durchgängig stärkste Songsammlung heraus. Wo das Eis anderswo schnell dünn wird, wenn Produktionen nicht von Vocals getragen werden, hat das Duo ein zu gutes Ohr für voll ausgeformte Nuancen und kann auch mit Gewichtsverlagerung auf die Bassläufe bestechende Tanzmusik kreieren.

[Spotify] Gorgon City - Real
[Deezer] Gorgon City - Real

Logos / Roly Porter

Ein Instrumentalalbum aus leicht abstrahiertem/dekonstruiertem Grime namens Cold Mission könnte eine mechanische Welt ohne Spur von organischen Lebensformen aufziehen. Das Reiben von Säbeln, Pistolenschnappen oder Geräusche anderer Waffen, die eigentlich für Menschenhände gemacht sind, hängen bei Logos so im Raum, als würden sie von selbst aktiv oder von Automaten verursacht. Doch fast immer sind die Melodie- und gelegentlichen Beat-Andeutungen in Naturambiente gesetzt, von Vogelzwitschern, Wind und Wellenrauschen durchzogen. Selbst wenn diese Samples genauso kalkuliert gesetzt sind wie alle anderen, der Effekt ist, dass die Musik wirklicher wird.

[Deezer] Logos - Cold Mission
[Spotify] Logos - Cold Mission

Selbst wenn es einmal gelingt, im Weltall Klänge zu empfangen, sind sie sicher nicht so eingängig wie man es von Sci-Fi-Filmen gewohnt ist. Keine Kabumm-Explosionen, kein fauchendes Peitschen von Sonnenkorona oder anderem Plasma, kein Knistern ionisierter Nebel. Roly Porter versucht weder diese Darstellung, noch die Realität wiederzugeben, doch näher an der unheimlichen Majestätik fremdartiger Naturklänge wirken seine fünf dronigen bis ambienten Kompositionen über die Entwicklung eines Sterns. Vor allem die Intensität, die sich durch die weite Dynamikspanne aus leisesten und lautesten Tönen ergibt, lässt das kurz und knapp gehaltene Album seiner Inspiration gerecht werden.

[Stream] Roly Porter - Life Cycle Of A Massive Star