Juli 2014: Driver Friendly, f(x), Human Abfall, Joyce Manor, The Raveonettes, Total Control, United Nations



Driver Friendly - Unimagined Bridges
 

In Sachen Trompeten-Emo hatten Driver Friendly 2014 harte Konkurrenz: sich selbst. Ihr Debütalbum Bury A Dream erschien zumindest digital ebenso wie dessen Nachfolger, nachdem ihr Label es wie hier beschrieben vor zwei Jahren aus allen Stream- und Downloadangeboten entfernt hatte. Doch den Vergleich muss Unimagined Bridges nicht scheuen, auch aus den komplexer gewobenen Klangsträngen bohren sich goldige Melodien wie einst aus Broken Social Scenes Kuddelmuddel-Sound.

 


f(x) - Red Light
 

Ein schlechteres Jahr für die koreanische Musikindustrie auf so ziemlich allen Ebenen ist kaum denkbar: Ganz zu schweigen von der landesweit traumatischen Schiffskatastrophe, dem Autounfall von Ladies Code und dem tödlichen Bühnenunglück beim 4Minute-Konzert, die wochenlang alles paralysierten, kam es über einen haarsträubenden Skandal und Vertragsstreit nach dem anderen zum Ende oder zumindest Umbruch mehrerer der größten Gruppen wie SNSD, Wonder Girls, KARA und natürlich der mal wieder unter ihre optimale Mitgliederzahl geschrumpften Nine Muses.

Auch die Zukunft von f(x) ist ungewiss, doch bevor ihre Promotion dafür frühzeitig abbrach, brachte das Quintett mit seinem dritten Album mal wieder ein Pop-Glanzstück heraus. Genauso wie sich f(x)s Auftreten der sonst in Girlgroup-Zirkeln verbreiteten binären Rollenwahl zwischen entweder kindlich-unschuldig und erwachsen-sexy verweigert, treten auch ihre Songs aus Konventionen aus: Vom futuristischen Stampfen des Titelstücks über die 8bit-Invertierungen des zuckenden Spit it Out bis zu Rainbows nahtlosen Dynamikschwüngen über diesen K-i-l-l-e-r-Hook, auch ohne die charakteristischen Stimmen und ihre ineinander fließende Chemie würde man sie von keiner anderen Band erwarten.

 


Human Abfall - Tanztee Von Unten
 

„Völlig! Abgebrannt!“, quillt es aus Vokalist Flavio Bacon in „Schuldenschnitt 1997” heraus, das noch mit am ehesten von allen Stücken einem songhaften Refrainmuster folgt. Zwar wiederholen Human Abfall melodische Arrangements, rhythmische und textliche Muster, doch die instrumentale Ausführung ihres noisigen Rock/Punk/Post-Punks kann dabei von Mal zu Mal variieren. Der Grundton ist identisch an den Stellen im Titelstück, wo sich die Gitarre in ähnlich hellem Scharren erhebt, doch weder spielt sie jeweils die gleiche Tonfolge noch ein kühnes Solo im Scheinwerferlicht. Diese Songs sind nicht zum Mitsingen und Klatschen entworfen, ihr zerrfreudiges Wallen und Kratzen fordert Aufmerksamkeit, kein seeliges Abschalten. [MEHR]

 


Joyce Manor - Never Hungover Again
 

Joyce Manor sind nicht die einzigen, die ihren angerauten Pop-Punk/Post-Hardcore aufs Nötigste reduziert halten, die mehrfache Strphen- und Refrainwiederholung scheuen sie ebenso erfolgreich wie ein Tony Molina. Warum auch aus einem Schley ein großes Ding machen, wenn man ein gelungenes Hauptmotiv über zwei Minuten nur mal ein Bisschen variieren oder intensivieren muss, um mitzureißen? Besonders gut gelingt es ihnen aber, Never Hungover Again insgesamt in einem ebenso mitreißenden Fluss durchrauschen zu lassen, anstatt die Songs als diskrete Miniaturen ohne Zusammenhang zu versammeln.

 


The Raveonettes - Pe'ahi
 

Ein Lehrstück für den Unterschied zwischen Verzerrung als kunstvoll inszenierter Ästhetik und als Nebenerscheinung einer notgedrungenen - oder einfach faulen - Lo-Fi-Soundqualitätsbeschränkung. Dass Pe'ahi zu Ersterem zählt, merkt man einfach daran, dass es umso schöner und distinktiver wird, je lauter man es dreht und in tatsächlicher Lo-Fi-Qualität von bspw. 128 kbps-MP3s deutlich weniger effektiv ist. Produzent Justin Meldal-Johnson kennt sich mit der richtigen Art von Verzerrung und voluminös klangbildender Lautstärke aus, die er zuletzt vor allem bei M83 und Paramore phänomenal zum Einsatz brachte. Hier jetzt nur über Sound und Produktion zu schwafeln, mag wie merkwürdige Prioritätensetzung anmuten, doch ist Pe'ahi nun mal ein Raveonettes-Album, und das ist nun mal ein Raveonettes-Album, das nun mal ein Raveonettes-Album ist und so weiter. Das Duo hat von seinen Anfängen in Noir-Lackierung an immer das Stilisierte über etwaige Garage-Authentizität gesetzt, und so wird dieses Album eben deswegen so großartig, weil in dessen mannigfaltig in Zerrung und Glättung ausgereiztem Sound endlich das Potential ihrer Songs konsequent zur Fülle getrieben wird. Wenn es schön wird, dann wird es verdammt schön; wenn es laut wird, dann wird es LAUT.

 


Total Control - Typical System
 

In vieler Hinsicht ist Typical System ein typisches Melbourner Musikhighlight: Die Protagonisten sind alle aus mindestens einem halben Dutzend anderer Bands bekannt, Mikey Young ist nicht nur als Produzent, Ton- oder Mastering-Ingenieur, sondern auch musikalisch dabei und der Stil an sich retro-trächtig. Das Jangle-Garage-Spektrum lassen Toal Control in new-wavigem Post-Punk aber ebenso weit hinter sich wie gemütliche Nostalgie, Typical System ist angepisst bis hilflos über das Jetzt und klingt auch so, in einer Hin- und Hergerissenheit, die so modern wie fesselnd ist.

 


United Nations - The Next Four Years
 

Dass die politischen Inhalte so weit wie möglich im Vordergrund des wuchtigen Hardcore-Konglomerats stehen sollen, wird neben Bandname und Artwork ja auch darin klar, dass das Identifizieren der anderen Mitglieder neben Geoff Rickly schon mehrere Sekunden an Googlerei oder einen Blick ins Booklet erfordert. Doch nicht nur gesanglich, auch in Songs wie Meanwhile On Main Street ist das Heraushören der Band-DNA keine Wahnvorstellung, das wie eine Thursday-Nummer mit auf die Converge-Spitze getriebenen Chaos-Peaks daherkommt. So zündend, wie man sich das nur vorstellen kann, ist dieses Album eben auch - und darüber hinaus sogar hervorragend als Begleitung zum Rasenmähen geeignet.

 

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