Platten

Kode9 & The Spaceape - Memories Of The Future



Nie zuvor habe ich so deutlich gemerkt dass sämtliche meiner Kopfhörer kompletter Schrott sind wie als ich ohne meine heimischen Lautsprecher völlig daran scheiterte die exquisiten Bässe auf dieser zweiten ganz großen Veröffentlichung des Londoner Dubstep-Labels Hyperdub auszumachen. Wie Burial mit seinem Debütalbum erwirkt Kode9 im Gegensatz zu seinem Mix Dubstep Allstars Vol. 3 (ebenfalls in Kollaboration mit Spaceape entstanden) auf Memories Of The Future eine andere musikalische Wirkung als im Clubumfeld in dem er normalerweise seine Musik aufführt. Das Album wirkt nicht wie ein Mixtape sondern wie eine durchdachhte Strukturierung aufeinanderfolgender separater Stücke, ein 'richtiges' Album eben.

Anfangs allerdings zeigt sich Kode9 noch im Club-Modus, allerdings schon hier mit vokaler Unterstützung des immer großartig auf den Fluss der Stücke achtenden Spaceape, der mit einer mächtigen Stimme ausgestattet die gesamte Stimmung des Albums sicher problemlos ersticken könnte, aber sich stattdessen unglaublich geschickt in die elektronischen Klänge die ihn umgeben einfügt und einem meist weder als Sänger noch als Rapper vorkommt, sondern wie ein weiteres höchst wichtiges Instrument neben z.B. Beat oder Hi-Hats vorkommt das eine ganz eigene Frequenz belegt. Während er mit seiner Frequenz meist nur einen Schritt gut hörbar hinter dem Vordergrund steht, arrangiert Kode9 beginnend mit Nine immer mehr Soundtexturen die sich in nur etwas mehr Entfernung dahinter abspielen, aber so weit entfernt sind dass es unmöglich ist sie ganz zu fassen.

Dieses außer-Reichweite-Thema führt Kode9 in Curious fort, wo die Stimme von Ms. Haptic um Spaceape umherschwirrt. Es ist nicht klar ob sie wirklich in der Gegenwart in der sich die Musik abspielt präsent ist, wahrscheinlicher ist sie nur ein Echo der Vergangenheit, oder auch ein Echo der Zukunft. Vielleicht sind diese Echos eben die Erinnerungen an die Zukunft die diesem Album seinen Namen gegeben haben.
Es sind auch nichtstimmliche Echos die dieses Album heimsuchen, fast alles was man sich an musikalischen Genres vorstellen kann wirft hier einen vagen Widerhall, tritt aber nie richtig in Erscheinung, macht die Musik so alles und zugleich auch fast nichts, etwas das außerhalb von allem was existiert steht.

Als Mensch steht überaus existent vor (, neben, über, hier gilt jede Präposition) diesem futuristisch/singularistischem elektronischen Ungetüm der überaus menschliche Spaceape, nie aufgeregt, meist monoton, aber unglaublich variantenreich auch wenn man's zuerst vielleicht nicht merkt. Hier wird die Stimme mehr zum Grummel, da zum leicht infernalischen Lachen, dort zum Geflüster, irgendwo scharrt sie fast nur noch und droht sich gar in vereinzelte Brocken aufzulösen, bleibt aber davon verschont zum Echo zu werden.

Auch Echos eines anderen Mediums, des Films, trifft man auf diesem Album an. Neben dem Albumtitel, der auch der Titel eines Buchs über Chris Marker und auch ein wichtiger Plotaspekt dessen Film La Jetee ist, wird auch das musikalische Thema zu einem von Kurosawas Meisterwerken auf 9 Samurai wie man schon am Titel erahnen kann weniger kopiert als variiert, bis es auch hier wieder nur eine halbgegenwärtige Präsenz wird.
Natürlich kann nicht alles ein Echo sein, meist ist die Melodie voll präsent, aber vor allem sind es auch die Bässe die den Hörer in seiner ganzen Physikalität genussvoll als Resonanzkörper nutzen in allen Tiefen die sie ausloten, nicht so dass man die Boxen vibrieren sieht, dass man Hörschaden bekommen könnte, nicht aufdringlich, aber eindringlich. Und so dafür sorgen dass man diese Platte als eine der ganz besonderen dieses Jahres in Erinnerung behält. Aber bitte, ohne gute Lautsprecher oder Kopfhörer wird das nix werden.

[Stream] Kode9 & The Spaceape - Memories Of The Future

Oxford Collapse - Remember The Night Parties



Wenn ich eine Liste der guten Alben machen sollte die dieses Jahr am häufigsten übersehen werden, Remember The Night Parties wäre ganz weit oben. Das Subpop-Debütalbum von Oxford Collapse ist in einer Zeit, in der "Indie-Rock" oft benutzt wird um die Musik von The Shins oder Death Cab For Cutie zu kategorisieren, eine nur allzu willkommene Erinnerung an das goldene Jahrzehnt der Neunziger als der Indierock noch von Slackern und Spinnern wie Pavement, Modest Mouse oder Built To Spill geprägt wurde.

Das soll jetzt neuere Musik nicht abwerten, aber den Sound, die durchaus gewollte Kantigkeit, die uncoole Ästhetik vermisse ich schon auf vielen nur allzu gut in den modischen Indierock der Gegenwart passenden Werken. Umso erfreulicher ist es, hier ein Album vorgelegt zu bekommen das erst einmal richtig gehört werden muss bevor man es richtig einschätzen kann. Ja, mit einem mäandernden Instrumentalteil der sich über die zweite Hälfte des über neun Minuten langen Return Of The Buno erstreckt oder mit dem fast schon zerfallenden Gesang auf Please Visit Your National Parks ist es fast so als wollten Oxford Collapse den Hörer zunächst herausfordern sich mit offener Meinung bis zur zweiten Albumhälfte durchzuhören.

Dort hebt die Platte nämlich mit Lady Lawyers plötzlich von der gemütlichen Hälfte auf eine energetische neue Ebene ab und es hagelt nur so Hits. Von den wunderschönen melodischen Gitarren-Bass-Harmonien und -Wechselspielen die die Songs mal schwungvoll vorantreiben (Let's Vanish), mal sanft fokussieren (Forgot To Write), über den Gesang von Michael Pace der sich auf In Your Volcano einfach nur anhört als würde er nichts anderes auf der Welt lieber machen bis zu den peppigen Drums ist diese Platte einfach ein Genuss. Wer die Platte beim Reinhören nach ein paar Songs schon wieder wegstecken will sollte besser erst die zweite Hälfte abwarten sonst könnte er die vielleicht feinste Indierock-Platte des Jahres verpassen.

[MP3] Oxford Collapse - Please Visit Your National Parks
[Video] Oxford Collapse - Please Visit Your National Parks

Xiu Xiu - The Air Force



Wenn es noch keine Möglichkeit geben sollte um mit Bluten Musik zu machen, ich bin mir sicher Jamie Stewart wird sie eines Tages entdecken. Der Kopf und das Gesicht von Xiu Xiu leidet nicht so sehr für seine Kunst als mit ihr, da wird das Innerste an Emotionen nach außen getragen und dann mit den Schuhhacken draufgetreten. Einfach war es nie, sich in die von zahlreichen synthetischen Orgelwellen überlagerten Songs hineinzuhören, aber auf The Air Force lohnt es sich wie nie zuvor denn hier finden sich wohl die meisten bezaubernden Melodien die Xiu Xiu je zu Klaviertaste gebracht haben.

An der Thematik der Texte wird aber spätestens klar dass sich hier keineswegs in Richtung Mainstream bewegt wird. Hello From Eau Claire lässt zu Glockenspiel im Kinderreimformat die Geschlechterunterschiede schwinden, Save Me Save Me ist der von zaghaften Geigen getragene Hilferuf eines Depressiven, Boy Soprano ein bewundernder, halb sehnsüchtiger Blick auf die Jugend. Wohl die Highlights des wirklich durchweg hervorragenden Albums sind zum Ende hin The Fox & The Rabbit, das zu seinem Höhepunkt hin opereske Züge annimmt wie auch in der Mitte des Albums Bishop, CA; hier schwillt die Musik aber den über gewalthaften Inzest verzweifelnden Stewart begleitend an:

Should you be ashamed for more than that?
Than that your daddy raped you silly
Leaning my head on the refrigerator
Crying for the stupid world we share


Nein, die Popcharts werden Xiu Xiu so nicht bald in Brand setzen. Gut so.

[MP3] Xiu Xiu - Boy Soprano
[Video] Xiu Xiu - The Fox And The Rabbit
[Video] Xiu Xiu - Hello From Eau Claire
[Video] Xiu Xiu - Bishop, CA

Wolf Eyes - Human Animal



Kennt jeder das Monster aus Chris Cunninghams Video zu Come To Daddy von Aphex Twin? Diese Höllenkreatur mit der Adern gefrierenden Stimme die aus dem Bildschirm 'I Want Your Soul' herausgeiferte? Von der man tagelang Albträume (damals noch 'Alpträume') bekam, wenn man zu den Unglücklichen gehörte die das Video kurz vor dem Einschlafen im Nachtprogramm des (damals noch Musikvideos sendenden) deutschen Musikfernsehen sahen?

Nun, dieses Monster verschwand irgendwann in einer tief im Boden versenkten dunklen Kammer und ward nie mehr gesehen. Nie mehr.. bis heute. Das Monster ist erwacht, und sein furchtbares Wüten haben Wolf Eyes auf ihrem neuen Noise-Epos Human Animal akustisch eingefangen. Und so sehr ich es auch mag, ich kann es niemandem übel nehmen wenn er mit dem Album nichts damit anfangen kann. Kriterien die sonst für Musik anfallen wie Text, Melodie oder Rhythmus kann man auf Human Animal alle nicht anwenden, Wolf Eyes setzen alles daran solch klassische Merkmale von Musik zu zerstören.

Man kann allerdings sagen dass sich das was dabei herauskommt sehr atmosphärisch und verdammt cool anhört. Und wie schon unsubtil angedeutet, die Atmosphäre ist durchgängig düster, geradezu brutal wenn in Human Animal ein schrilles Fiepen ein dröhnendes und stampfendes Atmen durchbricht, wenn ein qualvoll ertrinkendes und frenetisch nach Luft japsendes Saxophon in A Million Years in ein unmenschliches Schreien übergeht. Ein weiteres Highlight ist das längste Stück des Albums, Rationed Rot, ein vage an Landschaftsmusik erinnernder Soundtrack für jedes Hieronymus Bosch-Gemälde.

Ja, keine Musik für schöne Sommertage, vielleicht gar wie der Titel des letzten Stücks verkündet Noise Not Music. Lustigerweise ist dieses kakophonische Cover der Hardcoreler No Fucker das einzige Stück auf dem Album dem man anhört dass hier tatsächlich Menschen mit Instrumenten am Werk sind.

[MP3] Wolf Eyes - The Driller
[Stream] Wolf Eyes - Human Animal

The Rapture - Pieces of The People We Love



Drei Sachen waren mir bereits beim ersten Hören klar. Dieses Album ist nicht so gut wie Echoes. Es ist aber auch kein schlechtes Album. Whoo! Alright Yeah... Uh Huh (kurz WAYUH) und der lässig beschwungene Opener Don Gon Do It zündeten direkt beim ersten Mal voll, und von der Qualität der ersten Single Get Myself Into It dürfte sich mitlerweile auch jeder überzeugt haben. Aber wenn ich hier über ein Album schreibe, dann muss es für mich schon eines der besten des Jahres sein, meine Zeit ist mir zu schade um über mittelmäßige Alben mit nur drei guten Songs zu schreiben.

Meine Erwartungen an dieses Album waren zugegeben sehr hoch gesetzt, aber mit Recht. Mit Echoes, oder schon allein mit der Single House Of Jealous Lovers, schufen The Rapture vor über 3 Jahren in gewissem SInne den Anfang und gleichzeitig auch das Ende des Dancepunk, über dieses Album konnte keiner mehr hinauswachsen. Dancepunk, diese tanzbare Rockmusik mit zackigen Gitarren im Gang Of Four-Stil und stampfenden Drumbeats wie man sie vor allem von elektronischen Musikrichtungen kannte und auch mit etwas Discoeinflüssen, rollte aus den Clubs der Rapture-Heimatstadt New York schnell in erst kleinere Clubs in der ganzen Welt hinaus, und von da aus noch schneller in den Mainstream, und überall sprossen auf dem Weg neue Bands nur so hervor die gar nicht darauf warten konnten die schon simple Formel mehr und mehr zu vereinheitlichen und zu verflachen.

Was dabei meist völlig außer Acht gelassen wurde ist dass House Of Jealous Lovers, der große Hit der Band, auf ihrem Debütalbum mit seiner Tanzbarkeit und Geradlinigkeit ziemlich aus der Reihe tanzte. Open Up Your Heart war z.B. ein langsames Stück Piano-Soul, während der Titeltrack des Albums nur so lange tanzbar blieb bis er gegen Ende in wüstes Hochgeschwindigkeitsgejamme ausartete. Gerade diese enorme Vielfalt und Konventionslosigkeit machten aber das Album so spannend und ließen den Punk-Teil des Genretitels rechtfertigen.

Pieces Of The People We Love lässt nun den Punk-Teil links liegen und geht mit voller Tanzbarkeit in die Überholspur. Und der Faktor Tanzbarkeit ist bei diesem Album nur mit 'hervorragend' zu bewerten. Wie schon erwähnt gefielen mir ein paar Songs direkt, aber mittlerweile hat sich das Verhältnis sogar umgekehrt und mir gefallen nur zwei Songs nicht so sehr: First Gear zieht sich einfach zu lange ohne überhaupt mal aufregend zu sein, und was die Hippiehymne Live In Sunshine am Ende soll weiß der Geier.

Aber der Rest gefällt mir mehr und mehr mit jedem Hören, nicht zuletzt weil sich das Songwriting und die Instrumentalkünste der Band weit verbessert haben. Kein Wunder, bei der vielen Tourerei. Aber Vito Roccofortes Drumrhythmen sind auf Callin Me fast so genial konstruiert wie letztes Jahr Kurt Dahles Wahnsinnsgetrommel auf Twin Cinema, und eine rundum tightere Bandperformance als The Rapture für das mit luxuriös vielen Effekten dekorierte WAYUH abliefern wird man dieses Jahr kaum auf Platte vorfinden.

Auch gesanglich haben The Rapture ihren Fokus geändert, die stimmlichen Leistungen werden hier nun zu gleichen Teilen von Matt Safer und Luke Jenner abgeliefert, und beide klingen genau so klar wie sie vermutlich schon zu Echoes-Zeiten gehört werden wollten. Wie auch alles auf dieser Platte für sich allein gut herausgehört werden kann, aber erst alles zusammengenommen fühlt sich 'ganz' an. Ja, Echoes konnte man vielleicht ein sehr gutes wenn auch inkoherentes Album nennen, aber, und damit sind mir jetzt Drei Sachen klar, mit Pieces Of The People We Love haben The Rapture ihr erstes wirklich rundes Ding gemacht. Und gut ist es noch obendrein.

[MP3] The Rapture - Get Myself Into It
The Rapture Myspace

The Walkmen - A Hundred Miles Off

Das Schlechte vorweg: irgendwas ist bei der Produktion von A Hundred Miles Off, dem dritten Album von The Walkmen, schiefgelaufen. Ihr Americana-geprägter Rock klingt eingezwängt, kann sich nicht richtig entfalten. Das wäre vermutlich nicht mal so ein großes Problem, wenn das Grandeur das ihren Songs sonst anhaftete hier noch klar im Vordergrund stehen würde. Dem ist aber nicht der Fall, die packenden Momente sind versteckt und prägen sich einem erst beim xten Hören ein.

Die große Ausnahme ist zum Glück das kraftvolle Eröffnungsstück Louisiana, ohne das ich vermutlich auch nicht so richtig den Zugang zu dieser tollen Platte gefunden hätte. Nach dem Gesang von Hamilton Leithauser wird der Song im Refrain von einer Trompeten- und Pianomelodie zu Unvergesslichkeit erhoben. Das war's aber auch schon in Sachen potentielle Singles, ein The Rat oder Little House Of Savages das einem breiteres Publikum gefallen und an dem man sich zum Einstieg in diese Musik festhalten kann wird man hier vergebens suchen.
Stattdessen gibt es zwar ebenso energetisch gespielte Stücke wie das frenetisch getrommelte Emma Get Me A Lemon und das zunächst etwas unangenehme All Hands And The Cook, auf dem Leithauser über vernebelter Orgelei nahezu krächzt, bis urplötzlich eine überaus feine Karibikmelodie den Nebel lichtet und warme Sonnenstrahlen hereinlässt. Dieser Song zum Beispiel (siehe weiter unten) präsentiert sich bei Weitem besser in einem Liveumfeld, alles hat mehr Hall, wirkt größer, freier.

Was sich die New Yorker, die mehr wie Calexikos Wüstennachbarn klingen, im Studio gedacht haben vermag ich nicht zu sagen. Vielleicht war es ein Streich um Musikkritiker zu ärgern die Platten vor einer Meinungsbildung nur ein Mal hören. Aber A Hundred Miles Off wird ungemein viel besser wenn man durch mehrfaches Hören (und evtl. Vergleiche mit Liveaufnahmen) ein Gefühl dafür bekommt wie die Songs klingen sollen.
Denn die Songs selber sind wie immer klasse, es gibt herrlich klare Gitarrenarrangements (Good For You's Good For Me) ebenso wie leicht schräge die dann aber dann in Leithausers von massig Percussions begleiteten mitreißenden Gesang überleiten (Don't Get Me Down (Come On Over Here) und Tenleytown, die beide seit Wochen meinen Kopf nicht mehr verlassen wollen). Auch ein oder zwei flott gespielte Kracher (Always After You ('Til You Started After Me), This Job Is Killing Me) wissen die Walkmen aufzuweisen, wenn auch keiner davon gegen The Rat ankommt. Und zum Schluss gibt es noch ein exzellentes Dylan-Cover von Mazarins Another One Goes By.

Wenn man noch nie eine Platte der Walkmen gehört hat werden einem die Unzulänglichkeiten im Sound vielleicht gar nicht so sehr auffallen. Walkmen-Fans würde ich aber in jedem Fall empfehlen die Platte aus einem etwas anderen Blickwinkel als die bisherigen zu betrachten. Sie hat durchaus Klasse, diese ist aber diesmal schelmenhaft versteckt worden. We've been had!

[MP3] The Walkmen - Louisiana
[MP3] The Walkmen - Another One Goes By
[MP3] The Walkmen - All Hands And The Cook (live)

The Walkmen Myspace

Mastodon - Blood Mountain



Ich kann nicht behaupten ein großer Experte in Sachen Metal zu sein, meine Albensammlung beinhaltet gerade mal zwei Dutzend Metalscheiben von denen ich noch nicht mal genau sagen kann welche davon jetzt Thrash-, Speed-, Black-, Death- oder Doommetal sind.
Aber ich bin mir sicher dass die Amerikaner Mastodon mit ihrem dritten Longplayer Blood Mountain nicht nur eines der besten Metalalben, sondern eins der besten Alben des Jahres punktum geschaffen haben. Zudem eins das auch Hörern ohne großartiges Vorwissen oder Vorlieben in Sachen Metal (i.e. mir) gefallen kann.

Was mir neben Mastodons souveränen technischen und kompositorischen Fähigkeiten besonders gefällt ist dass die meisten nervigen Gewohnheiten in die nur allzu viele Metalbands verfallen hier vermieden werden. Die Lieder klingen nicht nur alle verschieden, sondern sind durch Mastodons oft Prog-ähnlichen Ansatz auch in sich so wechselhaft dass es wirkt als produzierte die Band weniger eine Abfolge von Songs als vielmehr einen kontinuierlichen Strom von Ideen der blitzschnell, aber nicht sinnlos seine Richtung ändern kann. Der Gesang ist kräftig, aber weder prätentiös theatralisch noch übertrieben machohaft. Es gibt melodische Passagen, Stonerrockpassagen, heavy Passagen, schnelle Passagen, düstere Passagen, komplexe Passagen, und vielfältige Mischungen von allen.

Für Abwechslung ist zur Genüge gesorgt, und auch bei wiederholtem Hören verlieren die unzähligen Ideen die Mastodon hier investiert haben weder an intellektueller Faszination noch an wuchtiger Wirkung. Aber bei all der Innovation und der intelligenten Herangehensweise ist Blood Mountain natürlich auch gut dazu geeignet um das Esoterikgequäke der nervigen Hippies von nebenan mit den größten Verstärkern die man finden kann brutal in Grund und Boden zu dröhnen.

Blood Mountain E-Card

Mastodon Myspace

Malajube - Trompe-L'Oeil



Es gibt schon komische Zufälle. Es war am 31. August 2004 als ich zum ersten Mal The Arcade Fire hörte. Neighborhood No. 2 (Laika) und Crown Of Love liefen die nächste Zeit täglich auf meinem Mp3-Player (damals war das noch mein PC) rauf und runter, und Funeral wurde kurz darauf die Entdeckung und auch mein Album des Jahres.

Es war am 31. August 2006 als ich zum ersten Mal Malajube hörte, genauer die Stücke Montreal -40° und Pâte Filo. 2006 geht das mit dem Bekanntwerden im Internet etwas schneller und umfangreicher, es gibt jede Woche "die neuen Arcade Fire" die genau so schnell wieder verschwinden. Ich möchte hier auch gar keinen solchen Vergleich anstellen, aber bei The Arcade Fire war es das letzte Mal dass ich mich so irre auf ein Album einer noch unbekannten Band gefreut habe wie vergangene Woche als ich darauf wartete dass die Post mir Malajubes Trompe-L'Oeil ins Haus brachte.

Ich habe die letzten Tage schon mal versucht über dieses Album zu schreiben, aber immer wieder abgebrochen. Es ist einfach so.. seltsam. Und voll unbändiger manisch prickelnder Popenergie. Und großartig. Sicher, man kann stellenweise Vergleiche zu Unicorns und Islands ziehen, vielleicht auch mal Broken Social Scene. Nicht zuletzt bedingt dadurch dass mein Französisch absolutement horrible ist bietet dieses Album in seiner Gesamtheit wenig woran man sich leicht festhalten kann. Was ich aber mit ziemlicher Sicherheit sagen kann, wer ein Lied mag der wird so ziemlich das ganze Album lieben. Nicht dass Malajube auch nur annähernd sowas wie einen festen Stil hätten, aber der spielerische Geist, diese Originalität die man in den bereits das Internet erobernden Montreal -40° und Pâte Filo finden kann bringen Malajube zu jedem der 12 Indiepop-Juwelen hier mit.

Und verweigern sich dabei grinsend jeder Genrezuordnung wenn sie in Casse-Cou ein Glamrocksolo inklusive Lichterkette und Feuerwerk geben oder in der Mitte des Albums mit La Russe eine stampfende Rapnummer einwerfen. Montreal -40° ist Modest Mouse die sich ein paar exotische Pilze bei den Flaming Lips geklaut haben, während La Monogamie etwas von morbiden Unicorns-Popballaden wie I Don't Wanna Die hat. Ton Plat Flavori wiederum ist eine abgedrehte Tanznummer direkt aus der Muppet Show. Und wie es sich für eine so verquere Band gehört ist natürlich nach La Fin noch nicht Schluss, wie auf praktisch jeder Pop-Punkplatte der 90er erwartet einen danach noch ein kleiner Bonustrack.

Trompe-L'Oeil ist wohl das abwechslungsreichste, energetischste Album des Jahres, absolut begeisternd. Wenn ich nur wüsste was zur Hölle die Jungs singen. Aber wenn Brian Wilson in Kisuaheli gesungen hätte, hätte man seine Werke doch auch geliebt, oder?

[MP3] Malajube - Montreal -40°
[Video] Malajube - Pâte Filo (Quicktime)

Matthew Friedberger - Winter Women



Matthew Friedberger ist meiner Meinung nach eins der meistverkannten Popgenies unserer Zeit. Sein Gespür für eingängige Melodien und Texte ist fantastisch, wenn die sich einmal im Kopf festgesetzt haben wird man sie kaum wieder los. Ich würde aber nicht sagen dass er zu Unrecht verkannt ist, die Musik die er zusammen mit seiner Schwester Eleanor als The Fiery Furnaces und hier zum ersten Mal auch solo produziert ist für die meisten Hörer herausfordernd, für viele wahrscheinlich auch unhörbar.
Ich mag solche musikalische Herausforderung besonders bei Künstlern die schon mehrmals bewiesen haben dass sich Vertrauen in ihre Fähigkeiten lohnt, und da die Furnaces zu meinen Top 5-Bands der Gegenwart zählen war ich dementsprechend gespannt auf seine ersten beiden Soloalben. Eigenwillig wie immer ist seine erste Soloveröffentlichung nämlich ein Doppelalbum, oder vielmehr 2 eigenständige Alben die zusammen verpackt sind, das sommerlich-poppige Winter Women und das hauptsächlich instrumentale Holy Ghost Language School. Aber eigenwillig kann ich auch sein, deswegen habe ich nur das erste gehört und hebe mir das zweite für den Herbst auf.

Winter Women wäre auch was die einzelnen Songs angeht meine Empfehlung als Einstiegsalbum wenn man die Furnaces noch nicht kennt, alles ist irgendwie bunter als sonst und die schönen Melodien sind nicht so sehr versteckt wie meist bei den Furnaces. Friedberger hat fast das gesamte Album alleine eingespielt und gesungen, lediglich bei den Schlagzeugparts erhielt er Unterstützung. Seine Hauptinstrumente sind mal wieder Gitarre und diverse Synthesizer, natürlich auch seine geliebte Moog-Orgel. Weil hier anders als bei den Furnaces nur wenige experimentelle Stücke vorhanden sind ist etwas schwer einzelne Songs als besonders denkwürdig hervorzuheben, fast das ganze Album ist irgendwie eingängig (für Friedberger-Verhältnisse zumindest).
In der Tat hat man manchmal wegen der ungewöhnlichen Melodiestrukturen und der wiederkehrenden musikalischen Themen sogar das Gefühl gewisse Teile schon mal vorher auf der Platte gehört zu haben, aber von irgendwo kommt dann immer wieder eine einzigartige Reihe von unvergesslichen Klängen her die einen auf neue Pfade lenkt. insgesamt ist die Platte vielleicht etwas lang, man braucht schon eine Weile bis man sich in diese Klangwelt und alle 15 darin lebenden Stücke reingehört hat, aber da dies eben Friedbergers Album mit dem meisten Pop-Appeal ist kann man das auch ruhig Stück für Stück machen. Eine Anstrengung die sich, wie ich finde, lohnt.

[MP3] Matthew Friedberger - The Pennsylvania Rock Oil Company Resignation Letter
[MP3] Matthew Friedberger - Ruth vs. Rachel

E-Card zum Album

Envy - Insomniac Doze



Der unbefangene Hörer wird sich beim ersten Hören von Envys Postrock vielleicht denken "was soll das sein? Mogwai + heiseres Geschrei?" Aber dieses Geschrei führt und begleitet die Musik der Japaner schon seit fast 15 Jahren, eine eher jüngere Entwicklung ist die Hinwendung zu ausgedehnten Gitarrenwänden. Envy sind als (Post-)Hardcoreband gestartet, und jetzt quasi über die Hintertür dort angekommen wo sich schon Explosions In The Sky oder ihre Landsmänner Mono eine Wohnung gemietet haben, beim US-Label Temporary Residence bzw. in Europa beim Mogwai-Label Rock Action Records. Das Resultat einer langen musikalischen Entwicklung.

Musikalische Spuren dieser Entwicklung findet man im Gegensatz zu den bisherigen Alben auf Insomniac Doze kaum noch vor, plötzlich attackierende rhythmisch schnelle Passagen wurden zugunsten eines noch weiter geöffneten, noch größeren, cineastischeren Sounds geopfert. Was bleibt ist aber die heisere Stimme von Sänger Tetsuya Fukagawa, der viele ruhige Teile mit gesprochenem Wort begleitet und jeder noch so schönen abgehobenen Instrumentalpassage mit einer kräftigen Dosis Wut oder Verzweiflung eine kontrastierende Note verpasst und sie erdet.

Dieser "Gesang" mag vielen die derartiges nicht gewöhnt sind auf die Nerven gehen oder die Stimmung zerstören, ich finde aber er ist ein wichtiger Bestandteil von Envys einzigartigem Klang. Besonders schön ist der Effekt bei Scene, wo eine Idee die man besonders in der populären härteren Rockmusik derzeit oft hört verdreht wird. Hier gibt es keinen klaren melodischen Gesang zu beißenden Rocksounds. Hier ist die menschliche Stimme das Dreckige, Hässliche, während die Musik den schönsten Sternentanz aufführt, und als die Stimme in der letzten Minute des Songs ganz verschwindet gehen selbst am dunkelsten Ort der Welt ein paar Lichter an.

Eine weitere Tücke an Envys Musik für den neuen Hörer ist, dass sie zunächst wie etwas zum nebenher hören erscheint. Aber wenn man sich erst mal an sie gewöhnt hat sollte man unbedingt genau hinhören (und den Geräuschpegel nach oben drehen), sonst verpasst man viele Feinheiten und den ganzen Zauber der von erfahrenen Händen erzeugten sphärischen Gitarrensounds. Und auch wenn man sich mittlerweile gut von ihr treiben lassen kann, spielt Envys Musik immer noch mit den Erwartungen des Hörers. Man kann nicht genau sagen wie lange zum Beispiel die entspannte Gitarrenmelodie auf The Unknown Glow andauert bis urplötzlich ein sonischer Orkan über ihr kollabiert, auf dem Fukagawas krächzende Stimme reitet. Insomniac Doze ist nicht Envys bestes Album (das wäre der Vorgänger, All The Footprints You've left Behind And The Fear Expecting Ahead), enthält aber genug denkwürdig schöne Momente und wütende Energie um sich als das beste Postrockalbum des Jahres zu etablieren. Und live dürften sie eh eine der besten Bands überhaupt sein (ja, besser als Mogwai).

[MP3] Envy - Further Ahead Of Warp
[Stream] Envy - Shield Of Selflessness
[Video] Envy - Scene (Youtube)