56 Aus 2010 (Teil 5)

(Teil 1) (Teil 2) (Teil 3) (Teil 4) (Teil 6) (Teil 7)

Platz 24
A Sunny Day In Glasgow - Autumn, Again

Kaum zu glauben, aber dieses Dreampop-Juwel gibt es immer noch zum freien Download bei der Band. Leider scheint dadurch manchen nicht aufgefallen zu sein, dass es sich bei Autumn Again um keine EP oder Resterampe für B-Seiten handelt, sondern um A Sunny Day In Glasgows vollwertiges drittes Album - und ihr bisher bestes. Ätherische Gesänge und sphärische Klänge kreisen und wellen in traumhaften Stereoeffekten von einer Seite zur anderen, Echos hüpfen im Raum herum, doch vor allem faszinieren die Songs der Nicht-Schotten durch die bezaubernde Eingängigkeit ihrer durchaus unkonventionellen Kompositionen.

[MP3] A Sunny Day In Glasgow - Drink Drank Drunk
[Download] A Sunny Day In Glasgow - Autumn, Again

Platz 23
Marnie Stern - Marnie Stern

Nachdem ihr zweites Album hierzulande keinen Vertrieb hatte und sie damit auf magische Weise aus der Sicht der deutschen Musikpresse verschwand, wurde Marnie Stern für ihr drittes dafür mal umso angemessener gewürdigt. Vielleicht auch besser so, denn auch wenn Stern kein Valium in den Kaffee käme ist sie diesmal stimmlich reservierter (und dezenter abgemischt) so dass vielleicht auch anfangs Abgeschreckte ihrem grellen Sound erneut Gehör schenkten - textliche Introspektion und kompaktere Texturen dürften da auch nicht geschadet haben. [mehr]

[MP3] Marnie Stern - Transparency Is The New Mystery

Platz 22
Deerhunter - Halcyon Digest

Auch wenn es für mich wohl nie das geniale Doppelpack aus Microcastle und dem experimentell-dekonstruktiven Weird Era Cont. erreichen wird, auch Deerhunters viertes Album ist ein herausragendes geworden, das erneut durch eine gewisse Inkonsistenz besticht. Mit diesen gefasst-klaren Popmomenten wie Memory Boy oder Revival, die nur allzu deutlich aus einem schwummrigen Nebel herausgeschossen kommen, aber eben auch niemals so effektiv wären wenn ihnen nicht z.B. die 5 Minuten Flüstergitarre von Sailing vorausgingen, die wiederum für sich genommen ziemlich verloren wären. Und obwohl diesmal auch Lockett Pundt Albumhighlights beisteuert, meine beiden Favoriten gen Ende stammen aus Cox' Feder, der sich offenbar wie hier in Helicopter und He Would Have Laughed durch Tragödien zu seinen besten Songs inspirieren lässt.

[MP3] Deerhunter - Revival
[Stream] Deerhunter - Halcyon Digest

Platz 21
My Chemical Romance - Danger Days: The True Lives Of The Fabulous Killjoys

Ein Blick ins Booklet hilft, den Appeal dieses Albums zu erklären - nicht, weil dort in den Texten viel über die comichaft grandiose Welt der Handlung nachzulesen wäre. Nein, weiter hinten in den Credits wird Nicht-Bandmitglied Jamie Muhoberac aufgeführt, er ist für den hörbaren Teil des Weltenbaus zuständig mit seinem hell-farbenfrohen Sounddesign der Synthesizer und zahlreichen digitalen Samples und originären Effekte. Funken sprühen wenn Garage-Pop im Breitbandformat Endzeit-Roadmovies befeuert, ungewisse Zeitlupen-Oszillation bereitet die Bühne für Midtempo-Pathosexplosionen, japanische Radiodurchsagen stürzen Hektik in Chaos und zum Finale gibt es noch eine dicke Krachattacke. Ein vor Vergnügen überquellendes Album, das zwar mal einen Gang zurückschaltet, aber von Beginn an nie den Fuß vom Gaspedal nimmt.

[Video] My Chemical Romance - Na Na Na (Na Na Na Na Na Na Na Na Na Na)
[Stream] My Chemical Romance - Danger Days: The True Lives Of The Fabulous Killjoys

Platz 20
Triclops! - Helpers On The Other Side

Irgendwie doof, bei diesem Album jedes Mal zu einer Auflistung von gitarrenbasierten Musikstilen zu greifen, aber das Beeindruckende an Helpers On The Other Side ist eben, dass diese exzentrische Band, die das Album mit einem heliumerhöhten Chipmunkgesang beendet, so rigoros vom einen aufs andere umschalten oder beides vermengen kann, und dabei nie so steif-gekünstelt wirkt wie 99% aller anderen die sich daran versuchen. Und natürlich einen Vokalisten von Format hat, der sich melodisch bis hysterisch voll ins Zeug legen kann wenn mal zwischen den Gitarren gerade nichts über die Bande gespielt wird.

[MP3] Triclops! - Until All The Threads Are Stripped

Platz 19
Dënver - Música, Gramática, Gimnastica

Wohl meine größte Entdeckung dieses Jahr war die Entwicklung der musikalischen Quasi-Parallelwelt des Hispanophonen, deren einzige Übereinstimmung mit dem Rest der Welt die Randphänomene El Guincho, Calle 13 und Delorean waren. Das große Thema dieses Jahr war dort aber Chile, das sich wie aus dem Nichts mit einer ganzen Handvoll herausragender Alben als neue Popmacht etablierte, eins davon eben dieses. Eine Ode an die Jugend, voller ungestümer Überhöhungen, Leichtsinnigkeiten, kräftigem Enthusiasmus und erster Zärtlichkeit, getaucht in ein sonniges Freudenspiel aus Gitarren-, Synth- und Disco-Pop.

[Video] Dënver - Lo Que Quieras
[Stream] Dënver - Música, Gramática, Gimnastica

Platz 18
Animal Collective & Danny Perez - ODDSAC

Stell dir vor Animal Collective veröffentlichen ein neues Werk und niemand kriegt's mit. Entweder scheint das Unglaubliche eingetreten zu sein, oder alle waren zu geizig um für die ODDSAC-DVD Geld zu bezahlen oder ich bin echt einer der wenigen, die an ACs visuellem Album Gefallen fanden. Es ist sicher das Unpoppigste was sie in letzter Zeit rausgebracht haben und am ehesten noch ein Strawberry/Feels-Zwischending mit viel Trommeltreiben, spukigen und manischen Gesängen, Noisegequartze, Freakouts und Drone-Zwischenpassagen und auch irgendwo Walgesängen. Mal episodisch-narrativ in traumartigen Sequenzen, mal reines Abstraktgeflicker sind Perez' Bewegtbilder, die aber immer dann am stärksten sind (und an Jodorowsky oder Matthew Barney erinnern), wenn sie erkennbar in der Musik reflektiert sind oder umgekehrt. Ein Seh- und Hörerlebnis auf jeden Fall, bei dem man wieder weiß warum dem Collective'schen Folk mal der "Freak" gepräfixt wurde.

[Video] Animal Collective & Danny Perez - Kindle Song

Platz 17
Courtney Love - Nobody's Daughter (Demos)

Und dann gab es noch dieses Album, das in dieser Form eigentlich keins ist, das es so auch gar nicht zu erwerben gibt, das aber trotzdem zu den besten des Jahres zählt. Eine von Hole-Fans zusammengestellte Sammlung von Demos und Bootlegs, die zum großen Teil für Holes nicht gutes neues Album kaputtproduziert wurden. Man vergleiche nur mal die Albumversion von Pacific Coast Highway mit der unten, der emotionale Fleetwood-Strandpop wird dort durch grausig verpitchte Stimmverdopplung verunstaltet und die Instrumente zu nuancenfreiem Radiorock aufgeblasen. Ohne diese Interferenzen haben die Songs hingegen eine rohe Intimität, Loves Stimme wirkt absurderweise tonsicherer als nachbearbeitet, ist mal süß, mal ätzend, stark und verletzlich, erinnert oft allein mit Stimme und Gitarre an Liz Phairs erste und Paul Westerbergs letzte. Bei der Version die ich habe (es gibt mehrere) sind die Songs meines Erachtens am besten arrangiert worden, der letzte Link den ich hatte ist leider mittlerweile futsch, es ist die mit 11 Tracks und Pacific Coast Highway am Anfang.

[Video] Courtney Love - Pacific Coast Highway (Demo)

56 Aus 2010 (Teil 4)

(Teil 1) (Teil 2) (Teil 3) (Teil 5) (Teil 6) (Teil 7)

Platz 32
The School - Loveless Unbeliever

Best Coast mögen die bessere PR-Agentur und das angesagtere Label gehabt haben, aber was Indie-Pop voller süßer Herzschmerz-Eingängigkeit anging waren dieses Jahr die Waliser um Liz Hunt nicht zu übertreffen. Allein schon Singles wie Let It Slip und All I Wanna Do, andere Bands kriegen vielleicht nur eine davon in ihrer ganzen Karriere hin. Klar dass die damit im voraus geschürten Erwartungen kaum erfüllbar waren, aber bereits die fein ausbalancierten, facettenreichen Orchestral-Arrangements helfen darüber hinweg dass "nur" die Hälfte der Songs moderne Twee-Klassiker sind. [mehr]

[Video] The School - Let It Slip
[Stream] The School - Loveless Unbeliever

Platz 31
Pausal - Lapses

Darf ich präsentieren, meine diesjährige Ambientdrone-Alibiplatte bei der mir nicht viel mehr einfällt als "Hmmm, schöööööön". Ein in schwelgerischen Streckungen badendes An- und Abschwellen von Pianofiguren und wohligen Vibrationen, die nicht nur durch Videos historisch anmutender Strandaufnahmen begleitet werden sondern überhaupt einem nautischen Thema folgen. Immer wieder flechtet das mich spontan an - ausgerechnet - Mountains erinnernde Duo Aufnahmen von Brandungen und Meeresvögeln in seine Klangwelt in der ich mich Mal um Mal nur zu gerne verloren habe.

[Video] Pausal - Velmead In Common (Part One)
[Stream] Pausal - Lapses

Platz 30
Street Chant - Means

An neuen Rockbands im breiten Spektralbereich zwischen Indie-Pop und Punk mangelt es den Vereinigten Staaten nun wirklich nicht, trotzdem brachte dieses Jahr keine davon einen vergnüglichen Hochtouren-Singalong wie Scream Walk zustande. Denn der eingängige Schrammelpop der NeuseeländerInnen Street Chant punktet nicht nur durch genug charakterbildende Kanten um nicht der neuen Trivialität anheim zu fallen, sondern auch eine gehörige Portion abgefucktes Charisma in Gesangsharmonien, die weiß Gott keinem Brian Wilson in den Kram gepasst hätten.

[Video] Street Chant - Scream Walk

Platz 29
Tokyo Jihen - Sports

Die letztjährige Solo-Rückkehr scheint erstmal die Ausnahme zu bleiben, ihre nächste Single wird Shiina Ringo in Bälde erneut mit Tokyo Jihen rausbringen. Was mir aber mittlerweile schon relativ egal ist, denn auch wenn die Songs gewiss die Vielfalt ihrer vier Komponisten reflektieren hab ich endlich den Einstieg in den Stil, oder vielleicht eher die Attitüde dieser Band geschafft, so dass nach einer Zeit auch dieses Album gewisse Suchtphasen hervorrief. Oder vielleicht bin ich auch einfach mittlerweile mit Shiina soweit, dass sie das Telefonbuch singen könnte und ich daran Gefallen finden würde.

[Video] Tokyo Jihen - Nōdōteki Sanpunkan

Platz 28
Ke$ha - Animal / Cannibal

Ich bin ganz froh dass meine erste Begegnung mit Ke$ha dieses Interview war, denn wie ihren dort präsentierten Sinn für absurden bis pubertär-cleveren Humor schien kein Rezensent sich genug Sekunden mit Animal beschäftigt zu haben, um seine (für mich sympathischen) Aspekte herauszuhören. Zum Beispiel dass es nicht nur ihr Debütalbum war, sondern auch quasi das von Dr. Luke, dessen gitarrenlastiger Sound den US-Electro-Pop der letzten Jahre geprägt hat wie nichts anderes und der in ihr, mit ihren Gender-Ummünzungen und dem modernisiertem Punkrezept des alte-Leute-Nervens via ätzender Valley-Girl-Aussprache und spielerischer Auto-Verfremdung, die ideale Kollaborateurin gefunden hatte.

Keinen ebenso idealen Laufsoundtrack wie das Album, aber ebenso viel Spaß machte im Anschluss Cannibal und bot größtenteils eine Verfestigung ihres Partylebens-wie-es-sich-14jährige-vorstellen, aber auch Brüche damit wie den wohl für längere Zeit erstmal zartesten Ke$ha-Song - allerdings nur, bis klar wird dass sich die Anfangsbuchstaben von C U Next Tuesday zu einem neuen Wort zusammenfügen lassen.

[Video] Ke$ha - Your Love Is My Drug
[Stream] Ke$ha - Animal / Cannibal

Platz 27
65daysofstatic - We Were Exploding Anyway

Als letztens französisches Electrogeboller kurz en vogue war wurde öfters mal von Promotexten abgeschrieben, Justice et al würden "neue Rockmusik" machen. Dass dies formal Quatsch und die Musik ihr recht eigenes Ding war, dürften alle gemerkt haben beim Versuch, mal Rock ohne Dance-Elemente damit in einen Mix zu packen, der steif-beatfixierten Tanzmusik fehlte es am nötigen Fluss um dort mitzuhalten. Ähnlich verhält es sich mit 65daysofstatics Dance-Entwürfen wie Tiger Girl - man kann dazu schon tanzen, aber mehr lädt es immer noch zum vigorosen Genickeinsatz ein. [mehr]

[MP3] 65daysofstatic - Tiger Girl
[Stream] 65daysofstatic - We Were Exploding Anyway

Platz 26
Janelle Monáe - The ArchAndroid

Da es sich ja sonst niemand zu sagen traut: Ich mag modernen R'n'B nicht sonderlich. Zumindest nicht die Alben, die er hervorbringt. Jetzt The ArchAndroid im Gegensatz dazu als "guten", "richtigen" R'n'B oder eine Art von Neuentwurf zu positionieren, finde ich immer etwas eklig elitistisch, vor allem da es immer von Leuten zu kommen scheint die gar keine rechte Ahnung von der Reichhaltigkeit des Genres zu haben scheinen. Vor allem aber, und das ist auch so mein einziges Problem mit dieser wirklich tollen, wahnsinnig ambitionierten und nicht nur stilistisch enorm weitreichenden Platte, fehlt Monáes überkalkulierter Stimme noch der direkte emotionale Draht nach außen. Diese Steifheit ist es nämlich, die sie wirklich von dem absetzt was sonst unter R'n'B rangiert, und während es völlig OK ist dies zu bevorzugen wünsche ich mir gewiss nicht, das jemand wie The-Dream sich daran je ein Beispiel nimmt.

[MP3] Janelle Monáe - Tightrope
[Stream] Janelle Monáe - The ArchAndroid

Platz 25
Von Spar - Foreigner

Bei keinem Album stand schon vorab fest, dass ich es großartig finden würde wie bei diesem. Im August letzten Jahres begeisterten Von Spar mit ersten Foreigner-Stücken, die zwar die gleichen Kraut-Kosmik-Disco-Balearic-Grundzutaten enthielten wie alles Gute was in Skandinavien die letzten Jahre gekocht wurde, aber doch aus einer entschieden eigenen Perspektive kam. [mehr]

[MP3] Von Spar - trOOps

56 Aus 2010 (Teil 3)

(Teil 1) (Teil 2) (Teil 4) (Teil 5) (Teil 6) (Teil 7)

Platz 40
Umberto - Prophecy Of The Black Widow

So sehr es mir manchmal leid tut, die meisten der (gewiss nicht wenigen) Synthgniedeleien und Drum-Machine-Rumpler auf Not Not Fun sind mir ja doch ein Stück zu Low Budget im Sound, zu versumpft als dass ich die Musik wirklich genießen könnte. Doch während man Umberto, dem Soloprojekt des Bassisten von Expo '70, gewiss keine lupenreine Produktion andichten kann sind seine wuchtigen Horror-Soundtracks in bester Italo-Tradition zu ausgeprägt um im Nebel unterzugehen. Cineastisch-deskriptive Titel, denen man instinktiv entsprechende Szenen und Filme zuordnen möchte (The Psychic ruft u.a. Profondo Rosso in Erinnerung, Someone Chasing Someone Through A House => ... öhm, alle Gialli die wo gibt) machen klar, woher hier der Wind weht: Sollte sich mal die Reinkarnation des Dario Argento finden, steht Umberto als sein Goblin bereit. Und zeigt bis dahin mit Everything Is Gonna Be Okay, dass er auch die Untermalung zum Happy Ending parat hat.

[Stream] Umberto - Prophecy Of The Black Widow

Platz 39
Plug - Plug

Das Debüt der Britinnen wurde wohl leider viel zu spät im Jahr veröffentlicht, um auf so einem kleinen Label angemessen wahrgenommen zu werden. Dabei bringt das Duo die typischsten Elemente einer Band auf Upset! The Rhythm vielleicht besser zusammen als alle zuvor: Trommelfreudigkeit, farbenfrohe Plastiksynths, harmonische Shouts und eine vitale Unruhe. Ein wenig an Micachu ohne Klanglabor oder die weniger geradlinigen Stücke der Unicorns erinnernd, auch an die poppigsten Slits, aber vor allem ein postpunkiger Heidenspaß dank charismatischer, smarter und zu sparsam arrangierten Ohrwürmern fähiger Protagonistinnen.

[MP3] Plug - Another Body Story
[Stream] Plug - Plug

Platz 38
Jonas Reinhardt - Powers Of Audition

Wer, anders als ich, das Soloalbum Jonas Reinhardts 2008 nicht verpasst hatte, sah sich auf Powers Of Audition unter gleichem Projektnamen auf einmal mit einer kompletten Band konfrontiert - in San-Francisco-Starbesetzung, mit Leuten von Trans Am, Citay und Mi Ami, . Die begibt sich dann unter der Synthesizer-Führung Reinhardts auf einen so dicht groovenden wie traumhaft schwurbelnden Kosmik-Trip, krautig wie Sau und voller funkelnder Sternstunden. [mehr]

[Video] Jonas Reinhardt - Atomic Bomb Living
[Stream] Jonas Reinhardt - Powers Of Audition

Platz 37
Zola Jesus - Stridulum EP

Es war natürlich erfreulich (wenn auch nicht überraschend, über niemand sonst hab ich in den letzten beiden Jahren soviel LeserInnen-Feedback erhalten), mitanzusehen wieviel Anerkennung Nika Danilova dieses Jahr überall bekam. Trotzdem fand ich nur die amerikanische Stridulum-EP, also quasi die erste Hälfte ihres diesjährigen Outputs (und der europäischen Stridulum II-Sammelveröffentlichung großartig. Auf Valusia fehlte mir noch weniger als die entsorgten Noise-Texturen das Überdramatische inmitten der gestrafften Produktion, das irre Geheule im Hintergrund, das irritierende Schaben, die seltsamen Sounds die durch wenig interessante Beats und Geigen ersetzt schienen. Die zeigten sich dafür noch auf Stridulum, zusammen mit einer Stimme, die über jede Klangqualität erhaben ist, in Hochform. [mehr]

[MP3] Zola Jesus - Night
[Stream] Zola Jesus - Stridulum

Platz 36
Xinlisupreme - Xinlisupreme.com

Nach jahrelanger Funkstille erschien vor ein paar Monaten nicht nur ein neuer Song auf der kryptischen Webseite des Japaners, sondern auch der unten stehende Link zu diesem Mixtape/Album, das eben von jenem Stück angeführt wurde. Seaside Voice Guitar macht ziemlich genau das, woran es mir bei Sleigh Bells gemangelt hatte, es zieht die Verfremdung himmlisch schöner Musik durch gnadenlose digitale Übersteuerung in voller Konsequenz durch: Ein Arsenal aus aufgeschichteten Glitzervorhängen, Pianosprenkeln, Sonnenanbeter-Gitarren und ekstatischen Gesängen ergießt sich auf völlig kaputtkomprimierten Beats aus den Lautsprechern. Der Rest der Sammlung besteht u.a. aus ebenso zen-kompatiblem Noiserock, Industrial-Disco und In A Silent Doll, dem Moments In Love für ein neues Jahrzehnt.

[Download] Xinlisupreme - Xinlisupreme.com

Platz 35
The New Pornographers - Together

Ein allzu passender Titel für das Werk einer Band, die darauf besonders im Gesangsbereich endgültig über Aufgabentrennunung hinauswächst. Nicht dass es bislang eine starre "Carl singt diesen Song solo, Dan/Neko/Kathryn/Blaine jenen"-Separation gegeben hätte, aber auf Songs wie Up In The Dark, Daughter Of Sorrow oder Crash Years betreiben die Pornographers raffiniert geschichtete Wechsel-, Gruppen- und Backing-Gesänge. Deren Konstruiertheit aber, wie sich das für guten Pop gehört, unbemerkt bleibt und lediglich die Musik erhöht. Und liefern mit dem letztgenannten obendrein noch ziemlich zeitgemäßen Wirtschaftskrisel-Powerpop.

[MP3] The New Pornographers - Your Hands (Together)
[Stream] The New Pornographers - Together

Platz 34
Working For A Nuclear Free City - Jojo Burger Tempest

Achtung: Dieses Werk ist eher nichts für Aufmerksamkeitsschwächlinge. Ich sage gezielt "Werk", weil die beste Band Manchesters hiermit versucht, soviel wie sinnvoll möglich ihres - nicht mal allzu sperrigen, aber einfach an Ideen enorm dichten - Schaffens der letzten drei Jahre zu dokumentieren statt es hörfreundlich auf 40 Minuten zusammenzustampfen. Da läuft nix mit fünfmal durchlaufen lassen und ins Plattenregal absortieren, Jojo Burger Tempest mit einem ähnlich weitreichenden, irgendwie-doch-kohärenten Sound wie XTRMNTR oder Source Tags & Codes will Stück für Stück genüsslich absorbiert werden. Und wartet dann mit dem Monster von einem Titelstück auf der zweiten Albumseite auf, das alle zwei Minuten eine Blaupause für ein komplettes neues Album bietet. Ich glaube in einem Jahr werd ich allmählich ein Gefühl für die wahre Qualität dieses Werks haben, und ich werde jede Hörminute bis dahin genießen.

[MP3] Working For A Nuclear Free City - Alphaville
[Stream] - Jojo Burger Tempest

Platz 33
Moonface - Dreamland EP: Marimba & Shit-Drums

Wie nach jedem Album trennten sich auch nach EXPO 86 die Recken von Wolf Parade, um ihren anderen Aktivitäten nachzugehen. Im Falle Spencer Krugs soll diese allerdings erstmal nicht Sunset Rubdown sein, stattdessen kehrt er als Moonface zu seiner Solo-Betätigungsstätte zurück. Wenn die mehr Material vom Kaliber dieser EP hervorbringen sollte, besteht dann auch gar kein Grund zum Bedauern: Mit der faszinierenden Kombination aus mehrspurig getracktem Schlagholz-Instrument und scheppernder Trommel erzeugt Krug hypnotisch-repetitiv verflochtene Muster, die ideale Träger für seine fragmentarischen Traumnarrativen sind und über 20 Minuten nicht monoton, sondern im Gegenteil mit jedem Hören mitreißender werden. [mehr]

[Download] Moonface - Dreamland EP: Marimba & Shit-Drums

56 Aus 2010 (Teil 2)

(Teil 1) (Teil 3) (Teil 4) (Teil 5) (Teil 6) (Teil 7)

Platz 48
Eluvium - Static Nocturne

Matthew Cooper zeigte die Möglichkeiten seines Schaffens als Eluvium dieses Jahr auf zwei höchst unterschiedlichen Alben auf. Auf Similes brachte er in etwas songorientierteren Strukturen seine Stimme als neues Spielelement in seine Ambientwelt ein, gelungener erschien mir aber sein in Eigenregie veröffentlichtes wortloses Bad im Rauschen. Ein langer Track, aus dessen einziger Konstanten, dem hypnotischen Schneefall, sich immer wieder sanfte Ambienttexturen und Melodien herausschälen und die Schönheit des allumfassenden Knisterns auf bezaubernde Weise deutlich machen.

[Stream] Eluvium - Static Nocturne

Platz 47
Quasi - American Gong

Ich bin ja der erste, der über die vielen Produktionsverbrechen Dave Fridmanns in den letzten Jahren herziehen würde, aber manchmal muss ich es ihm auch anerkennen wenn es halt mal klappt. Wie sich letztes Jahr bei Thursday die ambitionierten Soundexperimente auszahlten, so belebt hier das fetzende Ausfüllen den Sound des Trios, der z.B. in Everything And Nothing an den Rändern der Musik geradezu aus dem Lautsprecher überzuquellen scheint, weiß sich aber auch angemessen zurückzuziehen in Melancholiemomenten wie Laissez Les Bon Temps Rouler. [mehr]

[MP3] Quasi - Repulsion
[Stream] Quasi - American Gong

Platz 46
Solar Bears - She Was Coloured In / Inner Sunshine EP

Ein wenig enttäuschend fiel das Debütalbum des irischen Duos aus, nachdem seine vorherige EP noch mit ihren bruchlustigen Stilvermischungen aufreizte. Auf She Was Coloured In sind die Stücke hingegen in sich kohärent gehalten, allerdings auch insgesamt sehr abwechslungsreich, wirken wie ein Trip durch das VHS-Archiv einer kultigen Musikfernsehsendung zwischen früher Elektronik und Krautrock aus den Mitt-Siebzigern, der mit der Zeit vor allem deswegen nicht an Reiz verliert, weil das Grundniveau der Stücke durchgehend hoch ist. [mehr]

[MP3] Solar Bears - Neon Colony (von She Was Coloured In)
[Stream] Solar Bears - She Was Coloured In / Inner Sunshine

Platz 45
Sky Larkin - Kaleide

Langsam krieg ich das Gefühl, als würde Sky Larkins Stil selbst verhindern, dass sich ihre Alben rundum gelungen anhören. Ich vergesse doch immer noch jedes Mal bis zum Hören, wie gut Kaleide ist, denn während die einzelnen Songs für sich fast immer so ohrwurmige wie kantige Indierock-Nummern sind, bewirkt eben ihre Stopp-Start- und Wendefreudigkeit dass irgendwann der albumübergreifende Fluss verloren geht. Allein schon mit kleinen Pausen alle paar Songs lässt sich das Problem aber schon prima umgehen. [mehr]

[MP3] Sky Larkin - Year Dot
[Stream] Sky Larkin - Kaleide

Platz 44
Mi Ami - Steal Your Face / Cut Men

Nicht dass sie es brauchen würden, aber noch aufregender als ohnehin schon werden Mi Ami durch ihre Experimentierlust die einhergeht mit einer kompromisslosen Gesamt-Weiterentwicklung. Zu Beginn des Jahres paarten sie das gewohnt manisch groovende Cut Men mit einer elektronischen Dub-Dekonstruktion des Stücks, auf ihrem zweiten Album hingegen schlugen sie inmitten wenig gewöhnlicher Poptext-Referenzen funkelnde Disco-Pfade ein. Was sich auf ihrem ersten Album als elektronisches Duo fortsetzen dürfte, das auch schon in wenigen Wochen ansteht. [mehr]

[MP3] Mi Ami - Latin Lover
[MP3] Mi Ami - Cut Men
[Stream] Mi Ami - Steal Your Face / Cut Men

Platz 43
Broken Social Scene - Forgiveness Rock Record

So gut die Songs auch sind und die Macht zu einer Euphorie ausüben können, die glatt über die grausigsten Textzeilen des Jahres (Art House Director) hinweghören lassen können, hab ich schon das Gefühl dass mir irgendwo die Produzentenhand David Newfelds hier fehlte der doch immer eher der dritte kreative Kopf der Gruppe war als "der Typ hinter den Reglern". Denn auch wenn BSS-Alben oft so schienen, als könnten sie leicht ins völlige Chaos umkippen, wirkten sie doch inmitten des patentiert Newfeldschen Murks-Sounds wie aus einem Guss während sich auf Forgiveness Rock Record mal ganz klar Pavement als Einfluss ausmachen lassen, mal BSS in ihrem klanglichen Fokus mehr wie (irgend)ein BSS-Nebenprojekt klingen. An denen ja nun auch kein Mangel ist.

[Video] Broken Social Scene - Forced To Love
[Stream] Broken Social Scene - Forgiveness Rock Record

Platz 42
Teeth Of The Sea - Your Mercury

Ein Album, bei dem ich mir eigentlich immer noch nicht sicher bin wie gelungen ich es nun insgesamt finde, das aber dermaßen oft immer wieder zum neugierigen Hören verleitet hat dass ich es mir einfach zulegen musste. Vielleicht weil hier von Beginn an mit Erwartungen gespielt wird, genau umgekehrt wie bei Oneohtrix Point Nevers Returnal eröffnet das Trio mit sanftem Synthambiente, das alsbald auf eine Noiseklippe prallt. Es folgen, unter prägendem Einsatz von Blechbläser, Handtrommel-Perkussionsflächen und Spoken-Word-Samples, im Anschluss biestiger Crystal-Castles-Bummklatsch, langsam anschwellend-verdichtender Spacerock, schwer-behabenes Geriffe, sanfte Dronefelder und irgendwann dann auch die anfangs angeteasten Arpeggioexzesse.

[Stream] Teeth Of The Sea - Your Mercury

Platz 41
Tocotronic - Schall Und Wahn

Nachdem ich mir mit ihrem letzten erstmalig eins ihrer Album gar nicht erst gekauft hatte, hatte ich die Indierock-Idole meiner Jugend eigentlich schon abgeschrieben. Doch oh Überraschung, mit Schall Und Wahn konnte ich endlich wieder großen Gefallen an Tocotronic finden, mit nicht zu dezent aufgetragenem Schmalz, willkommenen Geigen und Frauengesang, mit lustvoller Verzerrung und SST-huldigendem Klopper, mit Texten bei denen ich weder Zugangsprobleme noch Würgereflexe hatte. Kein Meisterwerk (mehr), aber eine rundum feine Platte.

[Video] Tocotronic - Die Folter Endet Nie

56 Aus 2010 (Teil 1)

(Teil 2) (Teil 3) (Teil 4) (Teil 5) (Teil 6) (Teil 7)

Platz 56
Trentemøller - Into The Great White Yonder

Eine meiner beiden Enttäuschungen dieses Jahr. Jedenfalls insofern, als ich mir erhofft hatte, Into The Great White Yonder würde sich sobald einmal die Blätter fielen zu einer schön stimmungsvollen Herbstplatte entwickeln. Doch nur weil meine Erwartung nicht erfüllt wurde, ist Trentemøllers 2. Longplayer gewiss kein schlechter, allein schon wegen der düster brodelnden Sycamore Feeling und ...Even Though You're With Another Girl und dem Breitbild-Lichtblick Tide zwischen denen es ordentlich im Gebälk knackt.

[MP3] Trentemøller - Sycamore Feeling
[Stream] Trentemøller - Into The Great White Yonder

Platz 55
Goldfrapp - Head First

Sicher, man könnte die Qualität dieses Albums darin zu suchen versuchen, wie sehr einem die dort lustvoll aufpolierten Retrosound selbst zusagen, es eine Frage des grundsätzlichen Ja oder Nein zu ABBA oder des Ja oder Nein zum 2010-Moroder-huldigen zu machen. Warum Technicolor-Synthfunkeln und Glitter-Melodien Songs wie Alive und Head First so gut zu Gesicht stehen, liegt aber eben vor allem daran dass in diesen Gesängen Zweifel und Schlechtwetter überwunden sind oder werden, die Grundstimmung goldig ist und ein Song namens Shiny And Warm halt auch genau so klingen soll. [mehr]

[Video] Goldfrapp - Rocket
[Stream] Goldfrapp - Head First

Platz 54
Surfer Blood - Astro Coast

Ein bisschen später als zunächst erwartet, aber irgendwann hat mich das Debütalbum von Surfer Blood dann doch abgeholt. Guter, schrammelig-verspielter Indierock, das war eigentlich schon von Anfang an klar, nur blieb bis auf die bereits aus dem letzten Jahr vertrauten Sachen zunächst nichts ebenso effektiv hängen. Als sich aber an einem Punkt vereinzelte Hooks aus gut der Hälfte der Stücke auf Astro Coast im Kopf angesammelt hatten, musste ich mich dann doch den kleinen Raffinessen dieser Platte geschlagen geben, ein bisschen Sommerschein hat sie zum Glück auch noch abbekommen.

[MP3] Surfer Blood - Swim
[Stream] Surfer Blood - Astro Coast

Platz 53
LCD Soundsystem - This Is Happening

Enttäuschung die zweite. Das Aha-Erlebnis, das mir bei Sound Of Silver irgendwann die Platte nach und nach zu eröffnen begann, blieb bei LCD-Album Nr. 4 (45:33 ist so gut, dass es diesen Status mehr als verdient) aus. Vielleicht wegen der Produktion, die zwar so wohldurchdacht wie immer ist, für meinen Geschmack aber bei manchen der Stücke die falschen Akzente und Hervorhebungen setzt und alles ein Stück monochrom macht. Die Backing-Vocals bei All I Want waren mir z.B. nie positiv aufgefallen - bis ich sie mal bei den London Sessions-Aufnahmen hörte, was die Albumfassung danach aber leider nicht angenehmer machte.

[Video] LCD Soundsystem - Drunk Girls

Platz 52
Blood Red Shoes - Fire Like This

Nachdem das erste Album des Duos einem Überstück wie It's Getting Boring By The Sea mit einer Handvoll mäßig guter Ideen nicht gerecht werden konnte, vollzieht Fire Like This erfolgreich den Schritt gen Richtung Arena. Stimmliche Unruhe, Post-Hardcore-Kanten und Laut-Leise-Umbrüche lassen das kraftvolle Spiel der beiden nicht zu glatt werden, gleichzeitig wird energischen Kloppern wie Don't Ask die Sanftheit von When We Wake und mit Colours Fade ein vielversprechender Blick über den Songstruktur-Tellerrand hinaus entgegengestellt.

[Video] Blood Red Shoes - Don't Ask
[Stream] Blood Red Shoes - Fire Like This

Platz 51
Sambassadeur - European

Ich hatte es mir ja schon gedacht, und nun hat es sich wieder gezeigt: Sambassadeur brauchen einfach ein bisschen. Dabei ist ihre süßlich-verschlafene Inkarnation von glitzerndem und streicherndem Schweden-Indiepop weder sonderlich komplex noch so aufgenommen, dass sich bei mehrmaligem Hören irgendwelche vervorgenen Tiefen offenbaren würden. Aber diese Band schafft es irgendwie verlässlich, Alben zu machen, auf die ich ziemlich genau 3 Monate nach dem ersten Hören mit einem Mal ungeheure Lust bekomme die nicht mehr so schnell wieder weg geht. Zu European werd ich im Laufe der Zeit sicher noch öfter greifen als zu den meisten anderen in dieser Liste.

[MP3] Sambassadeur - Days

Platz 50
Frog Eyes - Paul's Tomb: A Triumph

Nachdem Tears Of The Valedictorian den Sprung ins ausgedehnt-Suitenhafte wagte, wirkt Paul's Tomb: A Triumph mehr wie eine Fortsetzung davon. Dafür erfreuen Frog Eyes weiter an ihrem unvergleichlichen Aufeinanderprallen der Kräfte, Carey Mercers wahnerfüllte Monologe duellieren sich mit Gitarren- und Keyboardwellen, dass man Funken schlagen und Spucke fliegen hört, angetrieben vom stoisch-dichten Gepauke Melanie Campbells die auch vermehrt als Gesangpartnerin in Aktion tritt.

[MP3] Frog Eyes - A Flower In A Glove

Platz 49
Coolrunnings - Babes Forever EP / Visions Of Trees - Sometimes It Kills EP

Zwei Debüt-EPs von Gruppen, die mir in ihrer Rohheit weitaus mehr gefallen als alles, was sie seitdem gemacht haben. Coolrunnings mit ihrem kantigen Gitarrenwechselspiel, unruhigem Rhythmustreiben und funkelnden Synthflächen als auch Visions Of Trees mit ihrem tropischen Strandtreffpunkt von High Places, Fever Ray und jj haben seitdem ihren Sound abgerundet und sind teilweise auch gar nicht sonderlich zufrieden mit diesen ersten Gehversuchen. Aber das ist ja das Schöne am Rezipientendasein, nicht Intention und Meinung der Künstler sind tonangebend, sondern was man selbst in ihren Werken findet.

[MP3] Visions Of Trees - Waves, They Crash
[Stream] Coolrunnings - Babes Forever EP
[Download] Visions Of Trees - Sometimes It Kills EP