66 aus 2006 Teil 5

(Teil 1) (Teil 2) (Teil 3) (Teil 4) (Teil 5) (Teil 6)

Platz 22
Mission Of Burma - The Obliterati


Als wären sie nicht mehrere Jahrzehnte lang weg gewesen, hauen Mission Of Burma einer Generation von Musikhörern ein absolut grandioses Rockalbum um die Ohren bei der sich ihre alten Alben mittlerweile legendären Status erspielt haben. Dass Mission of Burma dabei immer noch klingen wie niemand anders hat sich überaus schlecht auf die allgemeine Stimmung in meiner CD-Sammlung ausgewirkt, von ganz oben im Regal blickt dieses Album majestätisch erhaben auf alle herab die sich unter ihm befinden und irgendwo eine Tonspur mit Gitarrenklängen beinhalten. Und die da unten können noch nicht mal protestieren, denn The Obliterati kann zu Recht auf sich stolz sein. [mehr]

Platz 21
The Blow - Paper Television


Ich hätte nie gedacht dass mich dieses Album mit der Zeit mehr und immer mehr begeistern würde, aber es ist passiert. Nicht auf den ersten Blick, oder aufs erste Hören vielmehr, aber mit der Zeit taten sich immer mehr der vielen vielen musikalischen Einfälle Jonah Bechtolts vor mir auf, und Khaela Maricichs Stimme mit ihrer entwaffnenden Ehrlichkeit wurde immer sympathischer. Und Melodien, die hat dieses Album auch genug für eine kleine Ewigkeit. Wer dazu eine glaubwürdigere musikalische Autorität als die meinige benötigt den verweise ich an die Thermals, die hatten die Musik von The Blow nämlich nahezu nonstop von Band am laufen bis ihr Konzert begann. [mehr]

Platz 20
The Knife - Silent Shout


Ich glaube was mir am meisten an der Musik des schwedischen Geschwisterpaares gefällt ist, dass sie nie das Bedürfnis verspürt aus ihrem klanglichen Geflecht unnötig auszubrechen. An manchen Stellen kann ich bei Elektronik immer wieder den dumpfen Uffta-Uffta-Chartdreck meiner Kindheit anklopfen hören, der vor allem mit Lautstärke zu glänzen meinte und mich vom kompletten Feld der elektronischen Tanzmusik auf Jahre hin abgeschreckt hat. Aber The Knife brauchen kein plakatives Effektfeuerwerk, jede Klangspur liegt nur ein paar Meter neben einer anderen, man kann richtig hören wie selbst die seltsamsten Soundkompositionen mit Bedacht zusammengestellt wurden. So hat man nie das Gefühl dass hier billige Effekthascherei betrieben wird, sondern dass alles auf maximale musikalische Schönheit ausgelegt ist.

Platz 19
Scott Walker - The Drift


Jeder kennt Scott Walker. Nein, das ist jetzt kein altkluger Musiksnobismus, ihr habt ihn alle schon mal gehört. In den 60ern sang er mit seinen Walker Brothers The Sun Ain't Gonna Shine Anymore, und wem der Titel gerade nichts sagt, sucht euch irgendeine Time Life Classics-Sammlung heraus oder geht auf Youtube, ihr kennt's garantiert. Aber niemand, auch nicht wer sein späteres Soloschaffen verfolgte, hätte wohl gedacht dass der Mann der eine zeitlang große Melodien mühelos aus dem Ärmel schütteln konnte mal so etwas düsteres wie The Drift aufnehmen würde. Walkers Stimme enthält keinen Funken Hoffnung, dem klanglichen Abgrund in den sie gleitet je entkommen zu können. Wie könnte sie auch, dieser Abgrund, den Walker meisterlich über Jahre hinweg entwarf, ist so furchtbar dass einem beim Hören wahlweise ein Eiswürfel gefüllt mit Rasierklingen den Rücken runterläuft oder man sich vor Angst oldschool in die Hosen scheißt.

Platz 18
The Blong Blondes - Someone To Drive You Home


Gibt es etwas das ich noch nicht über diese Band geschrieben habe im vergangenen Jahr? Nun, dies vielleicht: Kürzlich entdeckte ich auf einer alten Festplatte, die genauso wundersam auf einmal wieder funktionierte wie sie Monate vorher zu funktionieren aufgehört hatte, die ersten Netzfundstücke von Long Blondes-Aufnahmen die ich letztes Jahr aufgetrieben hatte. Und mir fiel auf, warum die Blondes die Stücke auf ihr Debütalbum getan hatten die nun dort drauf sind und warum andere nicht. Früher war vieles punkiger, Autonomy Boy z.B. ging vom Gesang her schon stark Richtung Postpunk á la The Slits, und sowas hätte einfach nicht auf das Popalbum Someone To Drive You Home gepasst. Vielleicht litt das Album etwas darunter, weil man so einen etwas einseitigen Eindruck von den Blondes bekommt und besonders die längeren neuen Stücke wenn man die Texte nicht interessant findet auf Dauer an Reiz verlieren. Aber ich kann für mich nur sagen, alt oder neu, ich liebe die Songs mittlerweile noch mehr als beim ersten Mal, damals als Separated by Motorways noch nicht ganz so stampfige Beats hatte. [mehr]

Platz 17
Asobi Seksu - Citrus


Jeder Musikhörer kennt das: Man findet dieses Album, das sich einfach so ungemein richtig anhört dass man sich sich schnell, heiß und innig darin verliebt. Man nimmt es unterwegs mit, man stellt es Freunden vor, man spielt es auch schon bei Familienfesten. Und dann irgendwann, dann fehlt auf einmal der Funke. Der Zauber ist weg. Und plötzlich will man es gar nicht mehr hören, man schämt sich sogar etwas dass man es so toll fand - Geschmacksverirrung? Solche Ängste hatte ich bei Asobi Seksus zweitem Album, denn diese träumerischen Gitarrenwellen (entsprechende Vergleiche fangen generell mit My an und enden mit Valentine) verbunden mit dem noch träumerischeren Gesang und den denkwürdigen Melodien die alle zusammen von angemessen eingängigen Rockrhythmen transportiert wurden waren einfach zu schön um von Dauer zu sein. Aber Gott sei Dank, Citrus bleibt einfach mit jedem Hören so wunderbar wie dieses erste Mal, die Magie ist immer noch da, und möge sie bitte auch immer bleiben.

Platz 16
Kode9 & The Spaceape - Memories Of The Future


Im Dubstep spielt sich die richtige Action in den tiefsten Bassfrequenzen ab, so hört man die Kenner sagen. Das muss man live mit einem richtig guten Soundsystem in den Clubs hören, um es richtig beurteilen zu können. Ich glaube das auch durchaus, trotzdem konnte man dieses Jahr die ersten großen Veröffentlichungen in Albenlänge dieser noch jungen Musik aus London auch an der heimischen Anlage genießen. Eine davon war diese Zusammenarbeit von Dubstep-Legende, hochverkopftem Soundtheoretiker und Boss des Hyperdub-Labels Kode9, und dem Vokalisten Spaceape. Zusammen haben sie ein Werk geschaffen, das wirklich Erinnerungen erweckt, kaum an etwas das man selbst erlebt hat, eher an etwas das nie geschah, oder das noch geschehen wird. Das soll ihnen mal einer nachmachen, egal mit welcher Anlage. [mehr]

Platz 15
The Decemberists - The Crane Wife


Nach dem zweiten Album ist das Debüt auf einem Majorlabel das kritischste Album für einen Künstler. Selten gelingt der Balanceakt, die alten Qualitäten beizubehalten und gleichzeitig für ein größeres Publikum attraktiv zu wirken. The Decemberists haben mit The Crane Wife nicht nur eben dies geschafft, sondern darüber hinaus sogar noch für sich selbst neue kreative Maßstäbe gesetzt. Zwischen Ende und Anfang der altjapanischen Sage um die Kranichfrau reihen Wortmagier Colin Meloy und der Rest der Band gewohnt tolle Songs aneinander, Songs divers wie alles was man in die Kluft zwischen dem Folk-Discofox The Perfect Crime und dem Prog-Epos mit dem epischen Titel The Island: Come and See/The Landlord's Daughter/You'll Not Feel The Drowning packen kann, Songs über Krieg und.. nun, nicht direkt Frieden, eigentlich noch mehr Krieg. Aber nicht den modernen High Tech-Krieg, hier sieht man jeden Blutspritzer, hier wird man durch die Ruinen einer zerstörten Stadt geführt und sieht wie sich dazwischen kleine und große Tragödien abspielen. Das klingt jetzt düster, aber zu so schöner Musik wie in O Valencia hört man wirklich gerne Geschichten über blutverschmiertes Kopfsteinpflaster.

Platz 14
Danielson - Ships


Irgendwer, ich weiß nicht mehr wo in den Unweiten des Internets, hat nach Betrachten einiger Jahresbestenlisten 2006 zynisch zum "Year of the bad singer" erkoren. Das ist durchaus zutreffend, zumindest wenn man jaulende, schräge, kippelige, schrille und andere ungewohnte Stimmen schlecht findet. Danielson ist dann sicher sowas wie der ungekrönte Sängerkönig des Jahres, mit seinen hohen, fast schon tierähnlichen Lauten, die auch nach dem ersten Hören noch in unangenehme Frequenzen vorzudringen scheinen. Aber irgendwo ist mir das so was von egal, denn Ships enthält dermaßen viele erhabene, glückselig machende Momente dass Danielson so exzentrisch singen darf wie er will. [mehr]

Platz 13
The Fiery Furnaces - Bitter Tea


Mehr als alle anderen Alben der Geschwister Friedberger klingt dieses nach Wanderung, nach Reisen. Das liegt sicher mit daran dass in den Textbarragen der ohnehin rastlosen Kompositionen die lächerlich obskuren weltweit verteilten Lokalitäten lieber gleich im Dutzend referenziert werden ("665 1/2 Frottage Road", "an Alberton's outside of Boise", "the Multifunctional Dr. Sun Yat-Sen Memorial Rollerblade" etc... dieser Scheiß ist ungooglebar!). Aber auch fühlt man sich in Momenten wie dem pausenlosen Übergang des flotten Pianos am Ende von Black-Hearted Boy in die schwurbelnden Discoorgeln die das Titelstück eröffnen wie auf einer ausgedehnten Tour durch die abgefahrensten Orte einer Metropole. Hinter der Platte steckt bestimmt auch ein großes Gesamtkonzept das niemand je aus den Texten herauslesen könnte, aber auch so bleiben die Fiery Furnaces mit Longplayer Nr. 5 weiterhin eine der aufregendsten und produktivsten Gruppen der Gegenwart. [mehr]

Platz 12
Grizzly Bear - Yellow House


Gab es dieses Jahr jemanden der Yellow House hörte und anschließend ernsthaft nicht mochte? Mir zumindest ist noch niemand untergekommen, aber Yellow House ist ja auch so ein richtiges Album zum Liebhaben. Mit dem man sich ruhig mal nen Tag lang in sein Zimmer einschließen kann, mit gutem Essen und Getränken ausgestattet, und dann einfach die heimische Musikanlage per Lautsprecher oder Kopfhörer diese Magie verströmen lassen kann. [mehr]

Shearwater & Mates Of State bei Daytrotter

Download Mates of State tunes at daytrotter.comDownload Shearwater tunes at daytrotter.com

Daytrotter gibt Vollgas. Ab dieser gibt es dort nun in jeder Woche gleich zwei Sessions neuer und etablierter Indie-Musiker zum Anhören und Runterladen, und das sogar ohne dass dafür jemand verklagt wird. Das erste Doppelpack bilden diese Woche das Duo Mates Of State und Shearwater, die mit Palo Santo den Einmarsch in meine Jahresendliste nur ganz knapp verpassten. Oder vielleicht hab ich sie gemein und absichtlich ausgelassen weil sie auf ihrer Tour Köln als Auftrittsort ausließen. Oder vielleicht hab ich sie auch nur vergessen gehabt (ups).

Shearwater bei Daytrotter

Mates Of State bei Daytrotter

Weihnachten mit My Latest Novel, Broken Social Scene, The Go! Team & The Pipettes

Tut mir ja leid liebe Weihnachtshasser, aber ich bin dieses Jahr so abartig in Weihnachtsstimmung (ihr solltet mal meine Küche riechen) dass das hier noch ein oder zwei Tage andauern könnte.

Zuerst mal erklingt derzeit auf der Myspace-Seite der direkt hier drunter stehenden My Latest Novel ihr Song Outside It's Christmas von der Bella Union Weihnachts-EP:

My Latest Novel Myspace

Auch das Label City Slang zeigt sich festiv wie sonstwas und hat uns glatt eine Ecard gebastelt, auf der nicht nur Bonnie Prince Billy Puff The Magic Dragon singt, sondern von der man auch eine mit genügend Trompeten um es als Weihnachtsversion durchgehen zu lassen bestückte Version von Broken Social Scenes Superconnected laden kann:

[MP3] Broken Social Scene - Superconnected (Acoustic) (Zip-Archiv)

Schon älter, aber immer noch bestens zur Jahreszeit passend, ist dieser Track vom Memphis Weihnachtssampler (ja, der Link zum Pipettes-Song ist leider defekt): die grandiosen The Go! Team mit einem Eissturm:

[MP3] The Go! Team - The Ice Storm

Update: Grandios²! Die Stagediven haben auch noch die Pipettes-Version von White Christmas klargemacht. So macht Internet Spaß.

[MP3] The Pipettes - White Christmas

66 aus 2006 Teil 4

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Platz 33
My Latest Novel - Wolves


Schüchtern klingt Wolves manchmal. Als würden sich diese Schotten schämen, als wäre ihre Musik nicht gut genug, oder ihre Gedanken nicht wichtig, vielleicht interessiert das ja niemanden... Bitte, My Latest Novel, macht bloß weiter. Wir haben gerade erst die Delgados verloren, wir brauchen melancholische Schotten, besonders welche die so bewegende Alben machen. Arcade Fire-Vergleiche nahmen dieses Jahr Überhand, aber was die Dramatik der Songs angeht ist der Vergleich hier qualitativ berechtigt. Wenn die Stimmen sich in The Reputation Of Ross Francis zaghaft, dann immer sicherer mit der Musik erheben, oder die Geigen die Regie von Pretty In A Panic übernehmen, dann gibt es nicht mehr dich in deinem Zimmer mit dieser Musik, dann ist da nur noch die Musik die für ein paar Herzschläge den gesamten Kosmos geschluckt hat.

Platz 32
Be Your Own Pet - Be Your Own Pet


Dies war für mich das Aktivitätsalbum 2006. Ob beim Kochen, Rasen mähen, Sport, Holz hacken, Be Your Own Pet rocken so konsequent nach vorne dass man kaum dazu stillstehen kann. Ich gebe zu ich habe mir nie Gedanken gemacht was der Titel des Eröffnungsstück Thrasher's Flail übersetzt bedeutet, aber es klingt nach Ungebundenheit, nach wildem Herumhüpfen in dreckigen Partykellern, und genau so stell ich mir auch die Liveshows der jüngsten Bewohner meines Mp3-Players vor.
Mit 14 Songs Dauerfeuer geben sie nie weniger als Vollgas, 1 2 3 4 Power Chords, und man kriegt Lust irgendwas kaputt zu machen. Klar dass das hier Teenager sind, sie sind, like, adventurous. Und so groß Bunk Skunk Trunks Slogan "I'm an independent motherfucker / And I'm here to take your money / I'm wicked, rad, and I'm here / To steal away your virginity..." auch ist, meine Lieblingsstelle ist eindeutig der nur einmalige Refrain am Ende von Stairway To Heaven, bei dem sich die gnadenlose Spannung die sich über die vorige Minute aufgebaut hat endgültig entlädt, Gitarre, Bass und Schlagzeug hindernislos nach vorne Preschen und die Sängerin mit ihrer hier mal unkoketten Stimme brüllt "BRAIN IS ON FIRE! MY BRAIN IS ON FIRE! SO PISS RIGHT IN MY EAR!" Mehr Rock 'n Roll hat dieses Jahr nicht gehört.

Platz 31
Xiu Xiu - The Air Force


Bei Xiu Xiu ist und bleibt für die meisten die Frage nicht "Ist das ein guter Song?" sondern "Will ich mir sowas wirklich anhören?" Bei solch einer Spaltung scheint es sinnlos zu erwähnen, aber The Air Force enthält mit das Schönste, Beste und auch Eingängigste was Jamie Stewart je gemacht hat, und wenn jemand sich erstmalig oder noch einmal an Xiu Xiu versuchen will: nur zu. [mehr]


Platz 30
The Hold Steady - Boys And Girls In America


Mist, über Hold Steady schreiben und nüchtern sein ist doch wie ein FDPler auf nem Slayerkonzert. Dabei sind The Hold Steady zwar Amerikas beste Kneipenband, sicher dem Alkohol selber nicht abgeneigt und feiern auch mehr feucht-fröhliche Konzerte als dass sie sie geben, aber Boys And Girls In America ist mehr denn je ein Album auf denen Craig Finn erzählt was nach der Party passiert, wenn das High nachlässt, wenn man in einem Bett aufwacht mit jemandem den man sich gestern ganz anders vorgestellt hatte. Wobei erzählen, auch wenn Finn wie immer vor allem nasalen Sprechgesang vorträgt kann man doch deutlicher als sonst verschiedene Töne und Melodien in seiner Stimme ausmachen. Dazu ist auch die Musiksektion, angeführt von Ausnahmegitarrist Ted Kubler, melodischer denn je und souverän rockend sowieso, und wenn in einer Band alle so in Hochform sind dann kann dabei ja nur ein ganz tolles Album herauskommen. Liebe The Hold Steady, die nächste Runde geht auf mich.

Platz 29
Mono & world's end girlfriend - Palmless Prayer / Mass Murder Refrain


Ja, ich hatte beim letzten Text nicht nur den Namen von Monos Kollaborateur auf dieser Platte fälschlicherweise groß geschrieben, sondern auch wohl völlig seine Rolle hier unterschlagen. Aber world's end girlfriend macht es einem nicht gerade leicht, er gibt sich gerne anonym, und auch im Booklet findet sich keinerlei Hinweis auf seine ungefähre Rolle hierbei. Aber ein Zufall wird es sicher nicht sein dass während seiner Mitarbeit Monos bisher kohärentestes, abwechslungsreichstes und stimmungsmäßig einzigartiges Album entstand. Vom direkt Düsterkeit aufbauenden Beginn, wo man sich fragt ob hier wirklich Mono zu Werke gehen, über den ersten Höhepunkt in der Mitte bis zum übergroßen Finale wurde hier ein einziges gewaltiges Stück Musik geschaffen das dieses Jahr seinesgleichen vergeblich sucht. [mehr]

Platz 28
The DFA - The Dfa Remixes Chapter 1&2


Auch wenn ich sie nie explizit aufgeschrieben habe,.ich hatte durchaus gewisse Kriterien für diese Liste. Eines davon war dass die Stücke eines Albums nicht schon vorher auf anderen des Künstlers veröffentlicht sein durften, und auch wenn ich mir nicht ganz sicher bin dass keiner der Remixe des dynamischen Duos Goldsworthy und Murphy einmal auf einem Album eines anderen Künstlers erschienen ist wäre ich auch dann noch bereit gewesen alle Regeln aus dem Fenster zu werfen, auch die dass eine Platzierung eigentlich nur für ein Album gilt. Denn bei dieser Zusammenstellung wäre eine Aufspaltung sinnlos, meine Lieblingsremixe sind fast gleichmäßig über beide verteilt, und ich bin eigentlich auch einfach nur glücklich dass hier endlich mal die (obwohl sie zu den besten der letzten Jahre gehören) teilweise irrsinnig schwer zu findenden Remixe kompiliert wurden. Wer auch nur einen gehört hat weiß wohl dass die DFA dabei meist das ursprüngliche Stück mindestens bis aufs Skelett zerfleddert, um es dann nach eigenem Bild zusammensetzt. Und natürlich ganz viel Disco reinpackt. Mit Kuhglocken!

Platz 27
Yo La Tengo - I Am Not Afraid Of You And I Will Beat Your Ass


Um's schon mal vorwegzunehmen: Albumtitel des Jahres! Vermutlich auch Comeback, nicht dass die Indierock-Veteranen je weg gewesen wären, aber eine Rückkehr zur Höchstform nach über 20 Jahren Bandbestehen und zuletzt zwei Compilations in Folge ist doch überaus selten. I Am Not Afraid Of You... bordert so über vor Ideen dass man zunächst einen Haufen aufstrebender Jungspunde dahinter vermuten würde, aber natürlich wäre es dann nie so gut geworden. Yo La Tengo haben all ihre Erfahrung nicht nur in neunminütige Dauerbrenner, sondern auch in kleine Popjuwele gesteckt. Hätte das Trio dieses Album vor etwa 10 Jahren veröffentlicht wäre es sicher heute ein Meilenstein, aber das wird Yo La Tengo garantiert nicht stören, in nochmal 10 Jahren werden sie sicher immer noch da sein und spätestens dann alle hiermit verdienten Lorbeeren ernten.

Platz 26
A Hawk And A Hacksaw - The Way The Wind Blows


Was lange währt wird endlich gut: auf The Way The Wind Blows haben Jeremy Barnes und Heather Trost ihre ganz eigene musikalische Vision endlich in eine Form gebracht die sich nicht mehr groß um Begriffe wie Song oder Refrain, Balkan oder Belarus, Pop oder Folk schert, und so kompromisslos eine erdige, aber nicht richtig am Boden festhaftende Platte gemacht. Die Emotionen die sie erweckt sind dabei so unstet wie die Musik selbst, immer auf der Wanderung, aber wenn es eins ist was man vor allem hiervon bekommt dann ist das Lust auf die Ferne, Lust auf Fremdes. Wo immer der Wind einen hin trägt.

Platz 25
Sonic Youth - Rather Ripped


Öhm ja puh, kann ich hier nicht einfach nochmal den Yo La Tengo-Text mit ein paar kleinen Änderungen reinschreiben? Nein, das passt nicht. Sonic Youth hatten zwar auch eine Phase in der es wenige Platten gab die dem Nicht-Hardcorefan als denkwürdig verblieben, aber das liegt eben daran dass Sonic Youth gerne experimentieren. Jazzen, noisen, atonalisieren, was auch immer. Aber über die letzten drei Alben gab es wieder mehr und mehr eine Rückkehr zu Musik die auch einer breiteren Hörerschaft zu gefallen wusste, dabei aber immer gerade die im Übermaß schnell abstoßend wirkenden avantgardistischen Elemente wohl mit in die Musikm einbeziehend, und Rather Ripped ist für mich die Krönung dieser Entwicklung. So, und ab hier kann man sich einfach den Yo La Tengo Text nach "hätte das Trio" vorstellen. [mehr]

Platz 24
Arctic Monkeys - Whatever People Say I Am, That's What I'm Not


Noch so ein Album das älter scheint als es ist. Gut, ich war auch einer von den oh so eingeweihten die schon letztes Jahr durch einzelne Mp3s auf die jungen Sheffielder aufmerksam wurden, aber als das Album mit dem langen Namen dann raus war hab ich's eigentlich nur ein paar Mal gehört bevor ich etwas genervt war. Vielleicht des Hypes wegen, vielleicht auch weil so schnell die ersten 30jährigen Trittbrettfahrer auftauchten und sich zum Affen machen wollten und damit dann auch problemlos Erfolg hatten. Aber guten Alben kann so was nicht schaden, und so freute ich mich vor ein paar Wochen als ich dieses hier wieder auflegte selbst zu hören dass Arctic Monkeys wirklich eine große Rockband sind mit einem exzellenten Debütalbum das genug Hits hat um einen Platz auf jeder Jahresbestenliste zu rechtfertigen. Wer's noch nicht gehört hat kann sich langsam mal drantrauen, am besten bevor sich die Hypewelle zu Album Nr.2 aufbaut..

Platz 23
Junior Boys - So This Is Goodbye


Zuerst hab ich's nicht gehört - nicht das Album, sondern was alle so toll, so emotional daran fanden. Klar, Anklänge an 80er Elektronik hatte es ohne bloße Pastiche zu sein, aber so richtig haben mich Junior Boys erst live gepackt. Da werden sie von einem Drummer unterstützt, und obwohl der gitarrespielende Sänger übel verschnupft, sein die Elektronik bedienender Kompagnon grenzautistisch und der Saal unverschämt leer war konnte ich ab da In The Morning, The Equalizer und den Titeltrack nicht mehr vergessen, und beim Anhören setzten sich dann nach und nach die anderen Songs im Kopf fest, immer ein bisschen von wann anders erklingend, das Gefühl erweckend irgendwo etwas vergessen oder verloren zu haben, ohne dabei kalt oder deprimierend zu sein. Soll mir ja keiner sagen elektronische Musik wäre gefühlsarm.

Weihnachten mit Parenthetical Girls & The Mountain Goats

Danke an Driftwood für den tollen Tipp: Parenthetical Girls haben wieder eine Ferien-EP aufgenommen, zu dieser Zeit natürlich eine weihnachtliche. Ganze 5 ganz tolle Songs gibt es für Weihnachtsfreaks und Nichtweihnachtsfreaks auf ihrer Website, mein Favorit ist glaub ich Festive Friends (Forever), das mit seiner dichten Instrumentierung an eine Art klanglich fokussiertere Swan Lake erinnert.

[MP3] Parenthetical Girls - Festive Friends (Forever)

A Parenthetical Girls Family Christmas EP

Zum Julfest hingegen bekommen wir ein Präsent von The Mountain Goats. Unser aller Lieblingsblackmetalfan John Darnielle schreibt nicht nur derzeit 30 Gedichte über Drastus, sondern hat auch mal eben einen Song fürs nächste Album aufgenommen:

[MP3] The Mountain Goats - Michael Myers Resplendent

Do Make Say Think



Bisher hatte ich nur hier und da gewisse Andeutungen gelesen, aber nun hat Constellation auch offiziell auf seiner Website Details zur fünften Veröffentlichung der wohl jazzigsten Vertreter des Labels bekanntgegeben: You, You're A History In Rust wird in Europa am 12. Februar 2006 erscheinen (also hier vermutlich dann am 16.) und das erste Album von Do Make Say Think seit über drei Jahren sein, und wenn es auch nur annähernd an ihr letztes herankommt darf man nicht weniger als Album des Jahres-Material erwarten. Der Beschreibung nach wurde definitiv die stilistische Palette erweitert, es wird erstmalig mit Text gesungen (u.a. auch von Akron/Family), und auch der Garagenrock des Nebenprojektes Lullabye Arkestra scheint nicht ohne Folgen geblieben zu sein. Die 8 Stücke kommen bei einer Gesamtspielzeit von 48 Minuten auf durchschnittlich 6 Minuten Länge, und werden folgende Titel haben:

1. Bound To Be That Way
2. A With Living
3. The Universe!
4. A Tender History In Rust
5. Herstory Of Glory
6. You, You’re Awesome
7. Executioner Blues
8. In Mind

Zum Einstieg für alle die sie noch nicht kennen oder zur Erinnerung wie groß Do Make Say Think sind, von Winter Hymn Country Hymn Secret Hymn:

[MP3] Do Make Say Think - Fredericia

66 aus 2006 Teil 3

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Platz 44
Erase Errata - Night Life


Oft sind in den letzten Jahren vom 80'er Postpunk beeinflusste Bands wie Franz Ferdinand und Bloc Party mit Gang of Four verglichen worden, nur damit man anschließend beklagen konnte dass lediglich musikalische Stilmittel benutzt wurden, die soziale/politische Relevanz aber fehlte. Ihr wollt Relevanz, bitte schön, Erase Errata bringen sie. Und wem dann der Songtitel Tax Dollars zu ernst und uncool erscheint: auf eurer Party hätten Erase Errata eh nie gespielt.

Platz 43
Love Is All - Nine Times That Same Song


Schon schade dass ich letzte Woche Love Is All nicht live sehen konnte, dieses Debüt der schweißtreibenden Schweden mit Saxophon ist eigentlich die perfekte Tanzmusik für Clubabende zur kälteren Jahreszeit. Ob das jetzt mit ihrer Herkunft zu tun hat glaub ich nicht, mehr sind es die an No Wave-erinnernden Sounds die bei mir die Assoziation mit Kälte hervorrufen. Eine Kälte die wohlgemerkt draußen auf den Straßen vorherrscht, drinnen sind Love Is All zugange und lassen dich das Tanzbein schwingen. [mehr]

Platz 42
Two Gallants - What The Toll Tells


Kam die wirklich erst dieses Jahr raus? Wow, die Songs von Two Gallant's Zweitwerk sind mir so sehr ins Gedächtnis eingeprägt dass sie mir immer weitaus älter vorkommen, eher schon wie Klassiker aus ihrem Repertoire. Keine geschniegelten Schönlinge, aber auch keine Hippies, bewandern Two Gallants nicht auf abgelaufenen Pfaden die Folklandschaft sondern gehen lieber querfeldein, die eine oder andere Blessur die sie sich in dieser rauen Umgebung einfangen wird dann abends mit Whisky geheilt. Aber alles wird nicht verbraucht, muss ja auch noch was für die Stimme übrig sein.

Platz 41
Matthew Friedberger - Winter Women


Das ist nun eine kuriose Sache: Winter Women und Holy Ghost Language School sind zwei Alben auf je einer CD die aber zusammen verkauft werden, nicht als Doppelalbum sondern als zwei Alben in einer Verpackung. Wie diese Nice Price-Packs von alten Rage Against The Machine Alben. Ja, sowohl vom inhaltlichen, strukturellen als auch vom klanglichen Konzept her sind diese Alben separiert (im Gegensatz zu den Rage Against The Machine Dingern), und deswegen fühle ich mich auch berechtigt das wunderschöne Sommerpopalbum Winter Women zu empfehlen obwohl das andere Album bisher das einzige von Matthew Friedbergers Werken, solo oder mit seiner Schwester als The Fiery Furnaces, ist für das ich mich wirklich nicht erwärmen kann. [mehr]

Platz 40
Beirut - Gulag Orkestar


Der arme Zach Condon wurde dieses Jahr komplett überrollt von seiner eigenen Popularität in gewissen Musikhörerkreisen, noch nie hatte er ein Konzert gegeben aber trotzdem war der Saal, als es dann soweit war, gepackt voll mit Besuchern und deren hohen Erwartungen. Dass die nicht direkt beim ersten Mal voll erfüllt wurden ist verständlich, denn Gulag Orkestar ist wirklich eine außergewöhnlich gute Platte für ein Debüt. Sicher nicht unschuldig daran sind die Musiker mit mehr Erfahrung, allen voran Balkan-Veteran Jeremy Barnes, die mithalfen. Aber die Ideen, die tollen Melodien, die hat Condon alle ganz allein in seinem Zimmer entworfen bis er sie eines Tages mit einem richtigen Orchester auf die Welt loslassen konnte.

Platz 39
Mono - You Are There


Eigentlich ist es sinnlos einen Text über dieses Album zu verfassen, das Cover beschreibt es schon perfekt. Majestätisch groß, oft kalt und hart, aber am Horizont erkennt man eine Schönheit, die irgendwann nur so über einen hereinbricht. Für mich sind Mono derzeit der Maßstab in Sachen instrumentaler Postrock, und dieses Album ist der erste Grund warum sie das dieses Jahr wurden. [mehr]


Platz 38
The Thermals - The Body, The Blood, The Machine


Eigentlich war ich mir bis gestern nicht sicher wie sehr ich dieses Album mag. Ja, die Songs sind klasse, haben auch bei größerer Länge noch genug Schwung dass man hört dass sie die Handschriften von Hutch & Kathy tragen, aber ein gutes Stück langsamer sind sie schon. Wenn die Liveshows dadurch ausgebremst worden wären hätte ich das dem Album wohl übel genommen, aber seit gestern sind meine Bedenken mehr als zerstreut. Und ihre Fangemeinde haben sie hiermit gewaltig vergrößert, was zukünftige Platten nicht mehr so unsicher erscheinen lässt wie vorher. [mehr]

Platz 37
Annuals - Be He Me


Das glorreichste Scheitern des Jahres. Zumindest wenn Adam Baker und Kohorten mit dem Debüt direkt ein rundum stimmiges Album schaffen wollten. Hier geht viel gegen den Wind, manchmal etwas zu viel, die richtige Balance ist noch nicht gefunden, aber gerade das macht die Musik sowohl aufregend als auch ein bisschen herausfordernd. "Hier, wir werfen dir mal eben 5 Songs in einem entgegen, guck mal ob du da was mit anfangen kannst." Kann ich. [mehr]

Platz 36
Herbert - Scale


Nur wenige Elektronikkünstler dürften soviel Stil besitzen wie Matthew Herbert. Nicht Stil im Sinne von Stilrichtung, Stil im umgangssprachlichen Sinne von Coolness. Der Mann weiß sich nicht nur zu kleiden, auch dieses Album strahlt mit einer sehr sicheren Ästhetik, hat aber darüber hinaus vor allem viel Substanz zu bieten. Substanz die sich messen lässt: über 700 Samples, wie bei Herbert üblich mehr Alltags- oder ungewöhnlich fabrizierte Geräusche denn klassische Instrumentenklänge, wurden für Scales verwendet, und dass dabei immer noch so viele Stücke herauskommen die Dani Sicilianos Gesang wie ein gut geschneiderter Anzug sitzen ist Testament für Herberts kompositorische Fähigkeiten. Hm, Anzug, soll ich da noch eine clevere Überleitung zum Anfang dieses Absatzes herstellen? Nee, das wär stillos (autsch, wer schlägt mich da?).

Platz 35
Mastodon - Blood Mountain


Jaja ich weiß, Gojira, Nachtmystium und andere haben auch tolle Alben rausgebracht dieses Jahr und Mastodon sind die einzige Metalband die dieses Jahr jeder ohne Ahnung von Metal toll fand, aber letztlich komme ich einfach immer wieder zu Blood Mountain zurück. Es strahlt eine gewisse Souveränität aus, und das ohne irgendwelches düsteres oder Machogehabe (mit ihren Fantasymotiven fallen Mastodon schon fast in eine nerdige Ecke). Nicht nur die musikalischen Fähigkeiten der Band sondern auch dass sie soviel hier reingepackt haben dass man auch bei mehrmaligem Hören wirklich noch Neues entdecken kann machen dieses zu einem meiner absoluten Rockfavoriten des Jahres. [mehr]

Platz 34
Final Fantasy - He Poos Clouds


Was muss der Mann denn noch machen? Er hat die Geigenarrangements für Arcade Fires Funeral gemacht, zwei eigene Alben rausgebracht, von denen das zweite dieses Jahr den ersten kanadischen Polaris-Musikpreis überhaupt gewann, und immer noch sucht man auf Google seitenweise vergeblich nach dem Musikprojekt Final Fantasy. Dieses verdammte Rollenspiel! Nicht dass Rollenspiele nutzlos wären. Auf diesem Album nimmt sich Owen Pallet eben Dungeons & Dragons als Schablone für unser Leben und Sterben, beobachtet jenes und erzählt davon gleich grandios in intimen wie in großen Geigenmelodien. Wenn er aus so einem lächerlich klingenden Konzept so ein tolles Album machen kann, was mag uns dann bloß als nächstes bevorstehen?

Konzert: The Thermals



Nanu, warum sind meine Arme von Flecken diverser roter und blauer Färbungen übersät? Warum tut mein Kiefer weh? Warum klingt heute alles so dumpf? Warum hab ich einen Schnitt am Bein und meine Hose ein bisschen von innen vollgeblutet? Und warum bin ich trotzdem über alle Maßen glücklich? Ach ja richtig, ich war gestern bei den motherfucking Thermals!

Dass die live die größte Sache überhaupt sind muss wohl nicht schon wieder gesagt werden, aber trotzdem hatte ich nicht gedacht dass es auch mit all den neuen Songs so eine nonstop Hüpferei wie sonst geben würde. Viele waren gestern nicht nur zum ersten Mal bei einem Thermals-Konzert, sondern auch zum ersten Mal überhaupt im Gebäude 9, was sich daran bemerkbar machte dass man direkt vorm Eingang mehrmals gefragt wurde wo dieser denn sei. Aber irgendwie fanden ihn dann doch genug Leute um den Raum gut zu füllen. Ein bisschen amüsiert war ich schon darüber dass noch so viele in Jacke da standen, die wussten echt nicht wie die Temperatur in Kürze zum Kochen gebracht werden würde.

Dann betraten die Thermals mit zusätzlichem Gitarristen zu viert die Bühne, begannen das Konzert erst mal mit einem etwas langsameren Stück... und dann ging es aber so was von dermaßen los. Gefühlte drei Stunden lang wurde alles gespielt was man sich nur irgendwie wünschen konnte, alle Hits von Album eins und zwei, der Großteil von Nummer drei der sich live problemlos in den Thermals-Kanon einfügte, sogar die offizielle Hymne Everything Thermals, und der Saal explodierte jedes Mal etwas mehr. Ja, es wurde viel gehüpft, am Anfang noch etwas viel geschubst (aber das legte sich bald, so viel Hüpfen war wohl für die rabiateren Tänzer auf Dauer zu kräftezehrend), auch Stagediving gab's en masse.

Wenn auch zunächst etwa die Hälfte dieser Versuche ziemlich in die Hose ging, was Hutch Harris meist mit einem leicht schmerzverzerrtem Augenkneifen und einem 'Ouch' auch mitten im Song quittierte. Ich glaub dabei hab ich auch den Tritt gegen den Kiefer abbekommen, oder vielleicht war's auch ein anfliegender Ellbogen, aber no pain no gain. Agressiv war's gestern abend ja auch nicht, einfach nur die totale Euphorie angetrieben von diesen gnadenlos nach vorne preschenden Songs. Sofern der Atem mal ein bisschen reichte wurde auch mitgesungen was das Zeug hielt, wobei auffiel dass besonders die Jüngeren mit den neuen Sachen am vertrautesten waren.

Normalerweise wär ich selbst nach zwei Zugaben immer noch nicht zufrieden gewesen, aber es kam einfach alles was auf Thermals-Konzert gehört, obwohl sie es eigentlich nicht sein kann scheint die Liste endlos. Einmal lief das laut Harris' Ankündigung letzte Stück, und ich dachte noch "oh nein, die können doch nicht Top Of The Earth vergessen," und siehe da, prompt wurde im Anschluss eben mit der 60-Sekunden-Granate doch noch einmal mehr das ganz große Feuer entzündet. Eigentlich sollte ich jetzt auch ausgebrannt sein, aber wie gesagt, ich bin einfach nur glücklich. Thermals? Fuckin A!

Update: Fotos gibt's hier, dort und da, die Setliste gibt's da auch aus mehreren Perspektiven zu begutachten.

Weihnachten mit Deerhoof und 65daysofstatic



Deerhoof bringen uns nun nach einem kleinen Einblick in Friend Opportunity auch noch ein kleines Weihnachtsgeschenk in Form eines kurzen aber süßen Covers, bei dem ich direkt Lust bekomme einen kräftigen Punsch aufzusetzen:

[MP3] Deerhoof - The Little Drummer Boy



Schlichtweg brilliant ist dieses Video zu 65daysofstatics I'm Dreaming Of A White Noise Christmas, das John Landis' Trading Places (dt.: Die Glücksritter) zu einer etwas weniger fröhlichen Geschichte remixt, parallel dazu massakrieren 65daysofstatic musikalisch den Weihnachtsklassiker von Irving Berlin in einer Noise-Loop-Postrockcollage.

[Video] 65daysofstatic - I'm Dreaming Of A White Noise Christmas (Youtube)

66 aus 2006 Teil 2

(Teil 1) (Teil 2) (Teil 3) (Teil 4) (Teil 5) (Teil 6)

Platz 55
Calexico - Garden Ruin


Hallo, was ist denn hier los? Calexico haben ein neues Album rausgebracht, und am Ende des Jahres weiß keiner mehr was davon? Sicher, so grandios wie Feast Of Wires ist es nicht, aber "nicht-grandios" bedeutet hier dass Calexico mit einer etwas anderen stilistischen Pallette arbeiten. Weniger ausufernde Mariachi-Klänge, mehr Rocken und Rollen, mehr Pop. Bei jeder anderen Band könnte man erwarten dass sie sich erst mal auf solche Veränderungen umstellen muss, aber das hier sind verdammt noch mal Calexico, und somit dieses Album ein verdammt noch mal großes.

Platz 54
Belong - October Language


Berauschendes Rauschen hier soweit das Ohr reicht. Belong spannen lebende Klangflächen auf, die den Verfall ihrer Heimat New Orleans widerspiegeln, wohlgemerkt den Verfall vor der totalen Zerstörung in diesem Jahr. Aber es ist sogar egal wie man die Musik zeitlich einordnet, denn hier wird die Schönheit einer eingerissenen Mauer, eines mit verrostetem Gitter verhangenen Fensters, einer mit gelben und braunen Dreck beschmutzten Wand aufgezeigt, wie man sie zwar überall findet, aber nur selten zusammen mit solch einer schwülen Luft wie sie dieser Ort besitzt.

Platz 53
Girl Talk - Night Ripper


Greg Gillis ist eine Art von Musiker die weniger mit der Erzeugung von Klängen an sich beschäftigt ist als vielmehr damit, bestehende Klänge so zu beschneiden und neu zu arrangieren.dass sie den gewünschten Effekt maximal erzielen. Obwohl es für Musiknerds interessant ist die hunderte von irrsinnig diversen Samples die hierfür verwendet wurden zu identifizieren, ist Night Ripper auch langzeitlich so ein Vergnügen weil Gillis sowohl ein großes Talent dafür hat die passenden Sequenzen zusammenzulegen als auch vor allem ineinander übergehen zu lassen. [mehr]

Platz 52
Converge - No Heroes


Nach Jane Doe schien es, als hätten Converge den Zenit ihres Talents erreicht. Laut war's immer noch, klar, aber es wirkte weniger inspiriert, wollte nicht mehr so richtig mitreißen. No Heroes versucht gar nicht erst mitzureißen, die ersten 5 Songs sind durchschnittlich 1:20 lange Arschtritte, und auch bei später längeren und langsameren Hardcoregranaten reißt die manische Energie keine Sekunde ab. In einer Post-Dillinger Escape Plan-Ära arbeiten so viele Hardcorebands daran komplizierte Strukturen aufzustellen, aber nur ganz wenige wissen dabei gleichzeitig so einen Fokus zu bewahren wie Converge, und sowieso kaum jemand kann einem so gewaltig in den Arsch treten.

Platz 51
Oxford Collapse - Remember The Night Parties


Mein Wissen über das Label Sub Pop ist zugegeben etwas veraltet und stammt überwiegend aus Michael Azerrads Our Band Could be Your Life, bis vor kurzem wusste ich nicht mal dass Sub Pop mittlerweile zu 49% Time Warner gehört. Da sollte man ja meinen dass sich dort auf Künstler konzentriert wird die auch eine Chance haben die Aufmerksamkeit des Mainstreams zu erhaschen. Klar, CSS wurden dieses Jahr bei den Hipsterpublikationen gnadenlos gepusht und nächstes Jahr dürften The Shins aka "die Band aus Garden State" Sub Pops größter Verkaufsschlager seit langem werden, aber gleichzeitig kam dieses Jahr auf Sub Pop auch dieses charmant schräge und auf großen Erfolg chancenlose Indierock-Ding von Oxford Collapse raus. Und allein deswegen darf man Sub Pop noch getrost zu den Indies zählen. [mehr]

Platz 50
Subtle - For Hero: For Fool


Gitarren über hippe hoppe Beats mit Sprechgesang, und das Ganze klingt nicht nur unpeinlich sondern knallt auch ungemein? Subtle machen's möglich. Obwohl, so beginnen sie ihr zweites Album nur. Neben Rock und Hip Hop gehören zu ebenso großen Teilen auch Elektronik und Psychedelia zu der phänomenalen Stilmischung die uns diese Gruppe bestehend u.a. aus den cLOUDDEAD-Leuten Doseone und Jel hier serviert, in der zweiten Hälfte tendiert die Platte auch mehr zu letzteren Sounds. Immer mit dabei sind die nasalen Hochgeschwindigkeitssprachanfälle Doseones, aber die Musik ist hier meist die Attraktion. Mit mindestens einem Dutzend tollen Ideer pro Track wäre es irrsinnig das Album mit wenigen Worten beschreiben zu wollen, außer vielleicht so: einzigartig.

Platz 49
M. Ward - Post-War


Ich hatte dieses Jahr mit gerade mal zwei oder drei Dutzend anderen (ey Köln: wo wart ihr?) das große Vergnügen M. Ward live zu sehen. Da stand der Mann ganz alleine, nur mit einer Gitarre, einer Mundharmonika, ein paar kleinen technischen Wunderwerken vor seinen Füßen und einer Getränkeflasche hinter ihm am anderen Ende der Bühne. Und mit seinen Songs und seiner phantastischen Stimme nahm er problemlos die ganze Bühne ein, wanderte von hier nach da, mal zu seiner Flasche, mal zum Publikum, alle Aufmerksamkeit war ihm gewiss. Die Band, die ihn auf Post-War erstmalig begleitet, rekreierte er live mithilfe seiner Geräte die seine Gitarrenpassagen loopten, und seitdem verspüre ich jedes Mal wenn ich diese Platte höre den Wunsch diese andere Vorführung zum Vergleich daneben zu haben weil ich ernsthafte Zweifel habe welche besser war. [mehr]

Platz 48
Man Man - Six Demon Bag


Kann eine Platte nicht gut sein die völlig unvermutet einen 59 Sekunden langen Freakout mit dem Titel Young Einstein On The Beach einwirft? Natürlich nicht! Nicht weniger freakig sind aber die anderen Songs hier, ich weiß ja nicht was Man Man denken in was für einer Paralleldimension sie leben, aber das Leben dort stell ich mir vor wie den schlechtesten Acidtrip seit der gute Doktor die Grenze zum Fledermausland überfuhr. [mehr]


Platz 47
Wolf Eyes - Human Animal


Harmonie? Wer braucht schon sowas? Wolf Eyes sicher nicht. Lieber Lärm, ein Tinnitus auf Band eingefangen, der Schrei 666 schmerzender Seelen. Human Animal ist gnadenlos, unmenschlich, und wenn Bosch (Hieronymus, nicht der Erfinder der elektrischen Bohrmaschine) einen iPod gehabt hätte wäre es dort auf Dauerrotation gelaufen. Und hätte seine Bilder wohl noch einen Knacks furchtbarer gemacht. [mehr]


Platz 46
Band Of Horses - Everything All The Time


Hehe, hier zitier ich mich einfach mal selber und spare mir erneute Tipparbeit, denn dieses Album ist heute immer noch so gut wie damals als ich schrieb:
Band Of Horses sind mal wieder eine großartige Entdeckung des Sub Pop-Labels. Ähnlich wie My Morning Jacket zu Zeiten von It Still Moves machen die zwei Jungs aus Seattle (Post-)Country, der mit viel Hall in der Stimme auch dann noch ein Gefühl von Weite vermittelt wenn die Songs mehr in Richtung Kaminfeuer-Folk gehen. Aber am effektivsten ist dieser Hall bei großen Songs wie Funeral, dann geht das große Gefühlfeuerwerk los: Triumph, Sehnsucht, Verlust, Einsamkeit. Oder umgekehrt. Ein Album, dessen innere Größe antiproportional zu seiner Spiellänge steht.

Platz 45
Beach House - Beach House


Wirklich eins dieser Alben das, ohne wirklich leise zu sein, doch so leise klingt dass man es erst richtig laut aufdrehen muss um es richtig genießen zu können. Ähnlich wie die ihrer Labelkollegen Belong funktioniert auch die schwelgerische, sich schon halb im Irgendwo, dort, wo die Sterne irgendwie ein bisschen heller scheinen als hier, und die Dämmerung ewig anzuhalten scheint, und.. ähm, wo war ich? Ja, dass die sich eben dort verlierende Musik des Duos weniger als Geschichten erzählend funktioniert, sondern mehr um Gefühle oder noch besser Ideen beim Hörer zu erwecken. Der Gesang ist dabei zwar durchaus textbefüllt, wird aber so dahingezogen dass ich alle die jetzt was von Ignoranz sagen herausfordere mir einen einzigen Satz hier klar herauszuhören. Es scheint auch Beach House selbst nicht so wichtig zu sein, selbst als in Auburn And Ivory der Gesang lauter und eindringlicher wird fällt er, genau dann als er in den Vordergrund drängt, mit einem Takt wieder zurück in seinen restringierten Lull. So oder so, traumhaft bleibt's.

Oh It's On! 2

Hingegen liebe ich es wenn Musikmagazinschreiberlinge Ende des Jahres scheinbar mal genug Zeit haben um sich an nicht ernsthaft, aber unterhaltsam böse Artikel zu begeben.
Zum Beispiel (wieder) Pitchforks Liste der 25 furchtbarsten Plattencover 2006. Ich meine, hat sich wirklich jemand hingesetzt und gedacht dass das eine tolle Idee sei?

Ganz toll ist die Jahresendliste des Stylus-Magazins in Haiku-Form (ich hab sowas auch mal probiert und schnell aufgegeben, das ist wirklich keine leichte Sache). Vor allem die weniger guten Erwähnungen sind super:
Sufjan Stevens - Avalanche
Dear Sufjan. There are
48 more states to go.
None called "Avalanche."

Joanna Newsom - Ys
Fay diddle wain, oh!
And the bear tum tiddle moon
Oh god please kill me

Großes Kino ist auch diese fiktive ultimative Weihnachtscompilation auf Drowned in Sound:
Pavement – 'Sheriff Santa'
A reformed Stephen Malkmus, Spiral Stairs and co write a jaunty, angular and unfathomable effort that mentions nothing about the festive season nor the law, instead proffering a chorus of "and the spoons go in the pan, and the cars in the garage, I need a hot summer for Beirut". Marvellous. It'd also be cherry picked to appear on Uncut's monthly CD and hailed as "a return to form"..

Oh It's On!

Weihnachtszeit, Zeit der Besinnung, Zeit des Friedens? Nicht für Musikzeitschriften und ihre Leser! Während sich hierzulande bisherige, ehemalige und zukünftige Leser der Spex über die Entlassung der Redaktion und den Umzug nach Berlin kloppen, zieht auf der anderen Seite des großen Teichs der Rolling Stone in den Krieg gegen Pitchfork. Der Grund? Joanna Newsom.
Woher kommt eigentlich diese komische Idee man müsse intelligent sein um bestimmte Arten von Musik zu mögen? Oder umgekehrt, Leuten die gewisse Musik mögen Arroganz vorwerfen? Nun ja, schaut man sich jedenfalls den Kritikerspiegel in Amerika an scheint der Rolling Stone ziemlich auf verlorenem Posten zu stehen, angesichts dessen ist es hochinteressant dass man sich ausgerechnet Pitchfork als Ziel der Kritik gesucht hat. Hat da jemand Angst seinen Ruf als Bastion des guten Geschmacks zu verlieren? Wenn ja dann ist es etwas spät, den Ruf dürfte der Stone schon seit einigen Jahren nicht mehr haben, so seit etwa.. oh, 10 oder 20 vielleicht.

Pitchfork hat währenddessen seine Liste der 50 besten Platten 2006 veröffentlicht. Egal was man nun von der Seite halten mag, mit diesem Trinkspiel wird die Lektüre der Charts sicher für jeden ein feucht-fröhliches Vergnügen.