Platten

Xiu Xiu - Angel Guts: Red Classroom



Xiu Xiu - Angel Guts: Red Classroom
 

Kaum ein Entstehungsprozess ist zugleich so interessant und unterbeachtet wie der von Xiu Xius letzten Hauptwerken. Da war die kunterbunte (und auch letztendlich zu konfliktreiche) Projektverschmelzung mit Parenthetical Girls auf Always , das von John Congleton abgemischt nicht mehr so merkwürdig leblos wirkte wie der Vorgänger, und nun wurde eben Congleton auch noch stärker für das perkussionsfokussierte Angel Guts: Red Classroom involviert. Das geht über das von ihm aufgenommene Schlagzeug des Swans-Drummers Thor Harris hinaus bis in die Texte, die wahrscheinlich erstmals als von ihm und der mittlerweile bald schon dienstältesten Co-Xiu-erin Angela Seo "edited by" ausgezeichnet sind. Großartig "neue Facetten" oder so werden dabei freilich nicht rausgekitzelt, doch mich reißt dieses Xiu-Xiu-Album so rum wie schon seit nem guten Jahrzehnt keines mehr, weil Stewart in der Albummitte einmal so richtig auf die Kacke haut. Bis dahin wurde der Leerraum über dem von robotisch programmierter Steife bis ins angejazzt gehende Drummen gelegentlich mit langen Strichen aus fiepsig bis knarzig oszillierenden Analog-Synths gefüllt, aber derart, dass es mit der Zeit schon leicht einlullte. Doch gerade dann, wenn man schon glaubt, das Wesen dieser Platte als lediglich brodelnd und schwelend erfasst zu haben, taumeln El naco und Adult Friends einen Abgrund aus fieser Industrial-Dissonanz und gellendem Schweinequieken hinunter, dass ich beim ersten Mal glatt hochgeschreckt bin. Unversehens tappt man auf einmal nur noch auf Zehenspitzen umher, in Erwartung des nächsten Monsters, das um die Ecke aufs Hervorschnellen lauert.

La Secte Du Futur - Greetings From Youth



La Secte Du Futur - Greetings From Youth
 

Ich sehe schon, mit den monatlichen Sammelbeiträgen wird es so oder so nix. Weder fällt mir sofort zu allen bereits erworbenen Sachen aus einem etwas Monat ein, noch hab ich die immer zeitnah genug vorliegen, um über alles Gehörte zu schreiben.

La Secte Du Futur also, die erste Entdeckung des Jahres. Mit denen versuchte ich es nur deswegen, weil ihr zweites Album auf dem gleichen Label erschien, das bereits Royal Headache und TV Colours nach Europa gebracht hatte. Diese Band ist aber gebürtig so französisch wie ihr Name, wobei das auf musikalischer Seite ebensowenig von Belang ist wie wenn ich jetzt sage, dass sie Psych- oder Bluesrock machen würden, denn Derartiges reißt mich selbst in der Regel wenig mit, am ehesten kommt hier noch die sensationelle Debüt-EP von Crystal Antlers dran. Greetings From Youth setzt sich jedenfalls hinweg über die Behaglichkeit, die mit beflissentlichem Genrepraktizieren einhergehen kann. Hier wird Hall nicht zur behaglichen Abfederung, sondern zum Multiplikator jedes explosiven Ausbruchs, den die Band von Schlagzeug über Gitarren bis hin zu den in eine unsichtbare Wand keilenden Vocals praktiziert. Willkürlich aggressiv in ihrer Intention wirken La Secte Du Futur nicht, mehr wie bloße Marionetten der Urkräfte, die sie immer wieder in famosen Melodien kanalisieren und mit Cowboy-Amerikanismen wie Mundharmonika und Marschryhthmus zu herrlich ziellosen Hymnen pervertieren.

Januar 2014: Against Me!, Big Ups, Blank Realm, Sevendeaths



Against Me! - Transgender Dysphoria Blues
 
Es ist in der Regel ein gutes Zeichen, wenn ich mir bei einem Album mehr als alles andere wünsche, dass es besser produziert wäre. Auch wenn es hier stellenweise frustrierendes Ausmaß annimmt, wie unregelmäßig die Abmischung von Stück zu Stück und auch innerhalb einzelner davon ist, reicht das doch nicht, die Ausdruckskraft dieser fantastischen Songs zu untergraben. Da braucht man gar nicht erst so zu tun, als würde hier eine universale Erfahrung porträtiert, die jedermann nachvollziehen kann - nur wenige können verstehen, wie es ist, wenn etwas derart Umfassendes wie die eigene Identität in einer Schwarzweißwelt nicht nur angefeindet, sondern schlicht nicht anerkannt wird. Laura Jane Grace singt in denkwürdigen Textzeilen aus der Perspektive einer Unterdrückten, einer Ausgegrenzten, das aber in kraftvollen Songs, die keine Kapitulation zulassen und nicht ignoriert werden wollen.
 


Big Ups - Eighteen Hours Of Static
 
Klarer Fall von Küstenverwirrung: Mit ihrem spröden Posthardcore könnten Big Ups sich fast dem Dischord-Roster anschließen, wäre da nicht die unbeherrschte Punk-Energie, die immer wieder aus den New Yorkern rausbricht. Das ist alles ein wenig zu verschwitzt und versoffen für Washington, geht fast immer in unter drei Minuten über die Bühne, fiept und faucht und ätzt und gniedelt, ist aber auch immer ein wenig zu melodiesicher und von technisch präzisen Repetitionsschüben angetrieben, um abzustoßen. Eighteen Hours Of Static ist eine Einladung in den letzten verrauchten Kellerclub New Yorks, der noch nicht der Betriebsoptimierung des Geschäftsviertels anheim gefallen ist.
 


Blank Realm - Grassed Inn
 
Aussie Aussie Aussie, Jangle Jangle Jangle! Wobei diese Melbourner Band eher aus dem Gemütlichkeitsrahmen fällt, waren Blank Realm doch schon über Jahre vor allem in psychedelisch unscharfen Tiefen unterwegs und in den USA vor allem über Kassetten auf Not Not Fun präsent. Wo sich aber gerade über die Partnerschaft ihres Heimatlabels Bedroom Suck und dem britischen Fire Records ein gutes Stück mehr Melbourner Musik in die weitere Welt verbreitet, haben Blank Realm genau den richtigen Zeitpunkt erwischt, um sich mal ein wenig rauszuputzen. Wie etwas weniger weirde Ooga Boogas lassen sie veritable Schrammel-Hits vom Stapel, Jammen mit bestimmter Ausgedehntheit oder plastikorgeln auch mal mit The Clean um die Wette, dass das Treiben nie zu bunt oder zu benebelt wird.
 


Sevendeaths - Concreté Misery
 
Nieder mit analoger Haptik! Dieses Album gibt es nicht auf Vinyl, nicht einmal auf CD, was wenigstens noch in den Rahmen seiner Konzeption gefallen wäre. Allein aus digitalen Klangquellen und über Softwaremittel wie eine MIDI-Gitarre kreiert der Schotte Steven Shade seine Instrumentalmusik, deren beatlose Droneflächen mit schimmernder Klangfarbe eine eigentümliche Wirkung erhalten. Concreté Misery bildet nicht unbedingt völlig andere Grauzonen als die Klaustrophobien von Godspeed You! Black Emperor und Tim Hecker oder das kosmische Freiheitsgniedeln von Emeralds und Hillage ab, aber beide Tendenzen werden miteinander verwoben im Zaun gehalten, dass die Musik völligem rationalem oder emotionalem Verständnis ein Stück außer Greifreichweite hängt und irgendwo auch einfach in ihrer enigmatischen Imposanz beeindruckt. Sie bringt mich zumindest auf angenehme Weise dazu, frustriert um Worte und Ausdruck für sie zu ringen.

82 aus 2013



1. HAIM – Days Are Gone

2. The Knife – Shaking The Habitual

3. Dawn Richard – Goldenheart

4. Deafheaven – Sunbather

5. Paramore – Paramore

6. Beyoncé – BEYONCÉ

7. tricot – T H E

8. Burial – Rival Dealer EP

9. Owel – Owel

10. Natasha Kmeto – Crisis

11. Banque Allemande – Willst Du Chinese Sein Musst Du Die Ekligen Sachen Essen

12. Julianna Barwick – Nepenthe

13. The Wonder Years – The Greatest Generation

14. Paisley Parks – Бh○§†

15. Ciara – Ciara

16. Touché Amoré – Is Survived By

17. Classixx – Hanging Gardens

18. Prudence Rees-Lee – Court Music From The Planet Of Love

19. Eluvium – Nightmare Ending

20. Glasser – Interiors

21. Cülo – My Life Sucks And I Could Care Less

22. M.I.A. – Matangi

23. Humanbeast – Venus Ejaculates Into The Banquet

24. Youth Lagoon – Wondrous Bughouse

25. Perfect Pussy – I Have Lost All Desire For Feeling EP

26. Jenny Hval – Innocence Is Kinky

27. Joanna Gruesome – Weird Sister

28. Petar Dundov – Sailing Off The Grid

29. Superchunk – I Hate Music

30. bvdub & Loscil – Erebus

31. grim104 – grim104 EP

32. Quadron – Avalanche

33. Sky Larkin – Motto

34. The 1975 – The 1975

35. Jungbluth – Part Ache

36. Tegan And Sara – Heartthrob

37. Mountains – Centralia

38. Kelela – CUT 4 ME

39. The Courtneys – The Courtneys

40. Oranssi Pazuzu – Valonielu

41. Vampire Weekend – Modern Vampires Of The City

42. Bed Wettin' Bad Boys – Ready For Boredom

43. FKA twigs – EP2

44. Celeste – Animale(S)

45. Dick Diver – Calendar Days

46. Sky Ferreira – Night Time Is My Time + B-Sides, Part 1

47. f(x) – Pink Tape

48. Roly Porter – Life Cycle Of A Massive Star

49. Om'mas Keith – City Pulse

50. Perfume – Level3

51. HOAX – HOAX

52. Phil France – The Swimmer

53. Leverage Models – Leverage Models

54. Bushwalking – No Enter

55. Candy Claws – Ceres & Calypso In The Deep Time

56. AUF – CD

57. Kingdom – Clubposite Mix

58. Drug Church – Paul Walker

59. Momoiro Clover Z – 5th Dimension

60. Rhye – Woman

61. YAMANTAKA // SONIC TITAN – UZU

62. Wet – Wet EP

63. TV Freaks – Two

64. Doldrums – Lesser Evil

65. The Stevens – A History Of Hygiene

66. Young Galaxy – Ultramarine

67. Pikelet – Calluses

68. Gorgon City – Real EP

69. Direct Hit! – Brainless God

70. Jagwar Ma – Howlin'

71. TV Colours – Purple Skies, Toxic River

72. Pure Bathing Culture – Moon Tides

73. Kuchibiru Network 3

74. When Nalda Became Punk – Farewell To Youth

75. Le1f – Fly Zone / Tree House

76. Darkstar – News From Nowhere

77. Secret Circuit – Tactile Galactics

78. Ian Isiah – The Love Champion

79. Radioactivity – Radioactivity

80. Vondelpark – Seabed

81. Cassie – RockaByeBaby

82. Mano Le Tough – Changing Days

75 aus 2012 (Teil 7)

(Teil 1) (Teil 2) (Teil 3) (Teil 4) (Teil 5) (Teil 6)

Platz 10
Ke$ha - Warrior (Deluxe Edition)

Der goldene Dreier für eine gute Rockplatte: Performance, Hooks und Produktion. Das ganz große Cock-Rock-Album, das Ke$ha schon im ersten Interview auf das ich 2010 stieß androhte, ist Warrior nun nicht geworden - und vielleicht sogar interessanter deswegen. Sicher, Only Wanna Dance With You ist der beste Strokes-Song seit deren Debüt und Dirty Loves Glam lässt Iggy Pop überraschend gut dastehen, Gold Trans Am ist so frivol wie es Aerosmith irgendwann einmal angeblich waren. Doch zeigt sich umso deutlicher, dass Ke$ha diese Musik eigentlich schon immer in anderem Gewand gemacht hat, wenn Thinking Of You unter digitalem Sägezahngepolter in seinen Refrain rauscht und aggressive Gitarren von aggressiver Stimmverfremdung gefolgt werden, wenn ein Benny-Blanco-Studiobeat von einer Schlagzeugdarbietung vom Black-Keys-Typen gefolgt wird und Wayne Coyne im einen, Bonnie McKee im anderen Song Vocals beisteuert. Bereits mit den Credits dieses Albums kann man mehr Spaß haben als mit 99% aller Popmusik 2012.

[Spotify] Ke$ha - Warrior (Deluxe Version)

Platz 9
Merchandise - Children Of Desire

Melodien zu erkennen, ist für Computer Pipikacke - das kann heute schon jedes zweite Handy. Auch deren Harmonien hinsichtlich emotionaler Wirkung zu untersuchen, ist durchaus machbar, vielleicht werden sich irgendwann auch mal jene Soundstrukturen auf ihre Wirkung analysieren lassen, die beim Hören vor allem als Texturen wahrgenommen werden. Jedoch würde selbst die umfassendste algorithmische Signalverarbeitung daran scheitern, zu erklären, warum dieses Album so einen besonderen Reiz ausstrahlt. Auch ein Hinzuziehen meines Psychogramms, das aufzeigte, wie sehr ich für Alben zu haben bin die so enden wie sie anfangen, würde nicht ausreichen. Ich kann selbst nicht sagen, wieviel weniger mir dieses Album bedeuten würde ohne seinen Begleittext, der die emotionalen Andeutungen der Songtexte in eine fragmentarischen Dokumentation eines Depressionsanfalls expandiert. Und selbst damit vermag ich dieses Album nicht mal annähernd zu greifen. Es ist zu groß, so unscheinbar sein gothig-gaziger Punk-Pop auch wirkt, als dass ich mir ein permanentes Wirkungsbild von ihm machen könnte wie von so vielen anderen Alben.

[Spotify] Merchandise - Children Of Desire

Platz 8
Dirty Projectors - Swing Lo Magellan

Der (sicher nicht als solcher gemeinte) Shoutout an Guillemots in einem der Songtexte ist ziemlich passend, ist Swing Lo Magellan doch ein Album mit ähnlichen Qualitäten geworden. Zwar ist es garantiert kein Produkt lockerer Improvisation - dafür ist Dave Longstreth ein zu großer Kontrollfreak - aber nicht nur mit eingefangenem Studiodialog seiner Vokalistinnen strahlen die streng komponierten Gitarrenbewegungen zu wohlig wummernden Bassläufen eine lebenslustige Verspieltheit aus. Ja, super Songs, super Melodien und so, eigentlich aber will ich nur 100mal schreiben, wir irre verdammt gut dieses Album klingt, wie sein Sound so wundervoll eingefangen ist und sicher nicht nur auf Vinyl, aber eben ganz sicher da so sagenhaft gut klingend wiedergegeben wird, dass es ein einziges großes Herzensschwärmen entlockt.

[Spotify] Dirty Projectors - Swing Lo Magellan

Platz 7
School Of Seven Bells - Ghostory / Put Your Sad Down / Diverses

Im Einzelnen würden School Of Seven Bells' diesjährige Veröffentlichungen im oberen Mittelfeld dieser Liste rangieren. Zusammengenommen jedoch verlieren sie an Verstreutheit, zeichnen mit genug Material für ein dickes Doppelalbum das Porträt einer enorm facettenreich gewordenen Band. Da sind ihre Cover (Radioheads Subterranean Homesick Alien, Lil Waynes How To Love, Silver Apples' Lovefingers und Siouxsie & The Banshees' Kiss Them For Me), die sich zugleich als Einflüsse auf ihre eigene Musik ausmachen lassen und vielleicht deswegen ohne Kenntnis der Originale glatt für ihre eigenen Songs gehalten werden könnten. Und da sind die B-Seiten und die Put Your Sad Down-EP, welche die Dronerock-, Industrial-, Synthpop- und Dance-Dehnbarkeit des Ghostory-Sounds vertiefen - allein zwischen dem episch glitch-gazigen EP-Titelstück und dem irgendwo zwischen New Order und Gui Borattos Beautiful Life schwelgenden Faded Heart weiß ich schon nicht, ob die Anzahl der Unterschiede oder die der Gemeinsamkeiten zwischen beiden sagenhafter ist.

[Spotify] School Of Seven Bells - Ghostory
[Stream] School Of Seven Bells - Put Your Sad Down

Platz 6
Dawn Richard - Armor On / Whiteout

Armor On ist nur eine EP, nur ein Prolog auf eine im Januar startende Albumtrilogie, nur eine erste Einführung in die Klangwelt von Dawn Richard - was nichts daran ändert, dass sie durchdachter sequenziert, ambitionierter im Stil und doch schlüssiger in ihrer Exekution ist als so viele Alben. Ob im bollernden Southern-Hiphop, Breakbeats, House oder klassischer Reduktion, stets strahlt Richards R&B-Vision über göttlichen Drums eine stimmliche Erhabenheit aus, deren kunstvoll geschichtete Gesangs-Sphären nie die emotionale Kraft hintenan stehen lassen. Da wirkt es fast schon angeberisch, dem noch eine weitere EP kurz vor Jahresende folgen zu lassen, die zwar schon eher eine lose Songsammlung darstellt, aber in ihrer winterlichen Ätherik noch weiter fernab von R&B-Konventionen wandert.

[Spotify] Dawn Richard - Armor On / Whiteout

Platz 5
Criminal Code - Cold Thought / Hollowed / Sacred Hands

Als hätte sie's so geplant, brachte die Band aus Tacoma in der zweiten Jahreshälfte eine sieben, eine drei Songs starke EP und eine Single heraus, die sich in genau dieser Reihenfolge zu einem grandiosen Punkalbum aneinanderreihen lassen. Mehr als ein bisschen apokalyptisch gestimmt rauschen Criminal Code weniger selbst durch diese Songs als dass ihre Songs selbst rauschen, die leichte Probekellerqualität der Aufnahme kombiniert sich mit dem metallen gleißenden Verzerrerklang zu einem energetisch zerfetzten Sound, der an sich schon fabelhaft genug wäre - ein furioser Drummer verleiht den Hüsker-Dü-ig powergleitenden Riffs und melodiearm gebellten Vocals aber genug Antriebskraft, um dieses imaginäre Album zum mitreißendsten des Jahres zu machen.

[Spotify] Criminal Code - Cold Thought / Hollowed / Sacred Hands

Platz 4
Julia Holter - Ekstasis

Es ist einerseits etwas seltsam, wenn eine, deren Schaffen man seit mehreren Jahren folgt, für andere wie aus dem Nichts erscheint - doch konnte ich ja auch nur hoffen, dass Julia Holter einmal so etwas wie Tragedy und Ekstasis schaffen würde. Zwischendurch schien sie mal mehr am Tonexperiment und -einfangen als solche interessiert, mal an nur halb ausformuliertem Pop, doch mehr noch als zuvor schafft Holter auf Ekstasis die Bündelung und sinnvolle Synthese ihrer Interessen, schafft ätherischen Pop mit der wendungsvollen Unvorhersehbarkeit von Avant-Kram und schafft Soundscapes auf Ohrwurmkurs, so kunstvoll wie eingängig andersweltlich.

[Spotify] Julia Holter - Ekstasis

Platz 3
Animal Collective - Centipede Hz / Honeycomb/Gotham / Crimson

Merriweather Post Pavilion war in der Hinsicht ohnehin etwas überschätzt - die Erstaufführung seiner Songs führte, lange vor dem Hype, noch zu merklichem Schwund unvorbereiteter Besucher ihres Konzertes -, doch dass es auf längere Zeit die am leichtesten zugängliche Animal-Collective-Platte bleiben würde, war eigentlich auch abzusehen. Nur entgingen ODDSAC und Transverse Temporal Gyrus wohl denjenigen, die nur der Narrative eines regulären Albumoutputs folgen und somit auch die Rückkehr des Quartetts zu offensiver Schrägheit. Honeycomb und Gotham waren die Einstimmung auf und Crimson der Nachschlag von Centipede Hzs fritierter Psych-Welt voller Blubber, Pliep und Plopp, deren hyperaktives Perkussionsrollen und stimmlich ungeschönten Avey Tare verständlicherweise nicht alle attraktiv finden. Ich präferierte aber schon immer den nervigen Avey dem bekifften Panda gegenüber und brauchte irgendwie auch nicht lange, um mich in dieses klanggewordene Heidewitzka einzuhören. Mit weniger professioneller Produktion wäre es sicher ein unhörbarer Matsch geworden, doch in aller Klarheit wird so aus der Wechselwirkung von zufällig wirkender Überaktivität, basskinetischer Rhythmik und so gerade genug ausformulierten, meist delikat warmen Melodien eine abgetrippte Gesamtwirkung erzielt, die mich 50 Minuten im Sitzen auf und ab hüpfen lässt.

[Spotify] Animal Collective - Centipede Hz /
Honeycomb/Gotham / Crimson

Platz 2
Miguel - Art Dealer Chic Vol. 1-3 / Kaleidoscope Dream

Fast schon vergessen kann man über Kaleidoscope Dream Miguels exzellente EP-Serie zu Jahresbeginn. Das wäre gerechtfertigt, hätte er alle Highlights daraus für sein Album extrahiert und nur halbgare Versuche wie Broads zurückgelassen, doch es wäre eine Schande, würden Gravity, ...ALL und Ooh Aah in Vergessenheit geraten, die vor allem von Miguels Prince-verbundenem Weltraumblick zeugen. Das Album hätten sie wohl zu sehr in eine Richtung gezogen, soll es doch seinem Titel folgen, noch mehr aber zeugt Kaleidoscope Dream vom vokalen Charakter Miguels: In den Händen anderer könnte der Text von Do You... ungelenk rüberkommen, könnte Pussy Is Mines Gratwanderung zwischen Forderung und eigener Verzweiflung leicht ins Misogyne kippen und anderswo verbale Lustausdrücke und -brüche billig wirken. Dass Miguel im Arrangieren seiner multiplizierten Stimme brilliert, muss wohl nicht mehr erwähnt werden - oder hat etwa irgendwer den Song des Jahres, das sowohl EPs wie Album eröffnende Adorn, noch nicht gehört?

[Spotify] Miguel - Kaleidoscope Dream
[Stream] Miguel - Art Dealer Chic

Platz 1
DJ Rashad - TEKLIFE Vol. 1: Welcome To The Chi

Es scheint denkbar unpassend, dass dieses Album ausgerechnet bei einem Waldspaziergang richtig für mich zündete, dreht sich hier doch alles um das nicht gerade für seine Naturidylle berühmte Chicago. Während TNGHT eine EP machten in der Hoffnung, dass sich ein Kanye ihre Beats unter den Nagel reißen wollen würde, nahm sich Rashad einfach Vocals und Instrumentals von Chi-Towns exzentrischem Sohn als Salz und Pfeffer seiner Footworkereien - zum Beispiel für das glanzvolle Titelstück. Den Lauf dahin bereitet das Tripel aus Walk For Me, CCP und Chicago, das allein schon in seiner Ambition und Komplexität mit jedem Hören unglaublicher wird und doch kaum 15% des proppevollen Albums ausmacht. Trotz der ellenlangen Trackliste wird TEKLIFE Vol. 1: Welcome To The Chi nicht zu lang und ist auch, vielleicht sogar gerade für Footwork-Neulinge, nicht überwältigend im Anspruch - zuviel Seele steckt darin, vor allem aber auch genug lebens-, druck- und trickreiche Beatkonstrukte, um einem beim taktbewussten Wandern gehörig die Beine zu verknoten.

[Spotify] DJ Rashad - TEKLIFE Vol. 1: Welcome To The Chi

75 aus 2012 (Teil 6)

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Platz 20
Converge - All We Love We Leave Behind

Es mag wie ein gewohnheitsmäßiger Freifahrtschein für sentimentale Favoriten aussehen, wenn eine Hardcore-Band im 25. Bestehungsjahr in vielen Albumlisten als einzige ihrer Art dasteht - doch wir haben es hier nun mal nicht mit U2 oder whatever zu tun, die sich als Superstars mit Routinealben auf ihrem Ruhm ausruhen können. Converge bleiben eine Ausnahmeband, weil sie hungrig bleiben, weil sie nicht bloß offen für Änderungen bleiben, sondern sich ihnen verpflichtet sehen um die Vitalität ihrer Vision zu bewahren. So ist auch dieses, dem Alter nur thematisch (und vielleicht Heiserkeits-stimmlich) zugewandte Album unverkennbar anders als jedes vorherige, noch beeindruckender aber, weil es immer noch diese viszeralen Momente bereithält, die einen beim Hören zum Prusten bringen.

[Spotify] Converge - All We Love We Leave Behind

Platz 19
Carly Rae Jepsen - Kiss (Deluxe Edition)

Es schien dieses Jahr schon fast die Norm, dass Major-Popalben einige ihrer besten Songs in Bonus-Tracks versteckten, so dass diverse Deluxe-Editionen ein gutes Stück besser dastanden und nicht bloß reine Fanausbeutung waren. So auch bei Carly Rae Jepsen, deren Album sich in jeder Fassung immens verbesserte, indem man die beiden Duette mit Bieber und Owl City aus der Abspielliste eliminierte. Denn auch wenn selbst die weniger refraingelungenen Songs immer durch irgendeine Bridge, eine Variation oder sonstwas hörenswert bleiben, was dieses Album macht ist das von anderen unbehelligte Vokalcharisma Jepsens mit einem ungeheuren Talent für Intonation dessen, was bei anderen längst nicht so denkwürdig aufiele.

[Spotify] Carly Rae Jepsen - Kiss (Deluxe Edition)

Platz 18
Royal Headache - Royal Headache

Der goldene Dreier für eine gute Rockplatte: Performance, Hooks und Produktion. So banal sich das sagt, umso mehr laufe ich mit zunehmendem Höralter auf diese drei bestimmenden qualitativen Unterschiede hinaus zwischen dem, was mich mitreißt und dem, was es nicht vermag. Das mag für keine debattierbaren Argumente herhalten, aber ist nunmal das, was Royal Headache offenkundig macht: Wenn der Sänger einen souligen Anklang im Kehlgesang hat und seine Mitspieler mit Feuer im Hintern auf den Punkt spielen und das Ganze angemessen aufgeraut (thanks, Mikey Young) aus der Anlage erklingt, dann legt sich im Hirn der Schalter um, der von der Schädeldecke bis zum Steißbein ein begeistertes Nervenzucken entfacht.

[Stream] Royal Headache - Royal Headache

Platz 17
Mount Eerie - Clear Moon / Ocean Roar

Schon seltsam: Bisher fand ich kein Album Elverums als Mount Eerie so ganz gelungen, entweder nicht konsistent songstark oder an schlüssiger Gesamtdramatik mangelnd. Und nun dies, ein Doppelalbum, zwar in zwei Teilen veröffentlicht doch unverkennbar zueinander gehörend und am besten an einem Stück gehört - und alles andere als prädominant songstark und gesamtdramatisch. Es ist nichtmal so sehr Musik im Folksong-Gewand oder im Black-Metal-Gewand oder Ambientgewand, als es Phil Elverum im Musikgewand ist: Man hört Phil Elverum dabei zu, wie er sich in einem neuen Aufnahmeort mit neuer Klangfreiheit vortastet, von bisherigen Alben bekannte Sounds eint und weiter dehnt, anfangs zögerlich, bald tollkühner mit Texturen und Dynamiken spielend und dabei ein ums andere Mal bezaubernd.

[Stream] Mount Eerie - Clear Moon / Ocean Roar

Platz 16
Petar Dundov - Ideas From The Pond

Synthgenudel von Schulze-Kaliber und Techno sind eine heikle Kombination: Leichter passen ins rigide Gerüst klar ausgeformter Beats simple, ebenso klar ausgeformte Tonmuster oder verwaschene, ambientig texturierte Flächen, die sich entweder gut ins Gerüst einfügen können oder aufgrund ihrer Gestalt keinerlei Rücksicht darauf zu nehmen brauchen. Dundov schafft das Kunststück, scharf konturierte Melodieläufe über zweistellige Minutenzeiten hinzubiegen, die selbst dann geduldig durchgeplant wirken, wenn sie mir bei genauem Hinhören stellenweise wie brillant getarntes Freistil-Geplinker vorkommen.

[Stream] Petar Dundov - Ideas From The Pond

Platz 15
Chairlift - Something

Chairlift machen vielleicht das beste Argument gegen reaktionären 80er-Revival-Hass. Was wurde nicht alles zusammen mit jener Dekade vorzeitig begraben, das dem Pop so gut steht: Songs, zu denen man mit einem dieser Tänze auf der Stelle tanzt, als würde man sich eigentlich fortbewegen; ein Spoken-Word-Teil in monotoner Stimme; dieser klare Gated-Drums-Klang, dieser Synth-Sound, immakulat als eines von vielen nicht nur ästhetisch, sondern funktional bereichernden Details in ein modernes Popalbum assimiliert, dessen Klasse ohne Kopfhörer gerade mal halb zutage tritt.

[Stream] Chairlift - Something

Platz 14
John Talabot - ƒIN

So gern ich für Elektronisches meine intern-affektionalen Etikette wie "Feld-Wald-Wiesentechno" oder "Emo-Dance" mag, an John Talabot versagt eine eindeutige Bindung an Gemütszustände, Zeiten oder Orte. Mal ist ƒIN zu weird und düster um nur sonnig zu sein, mal zu explosiv festiv, um introspektiv zu wirken, über alle Jahreszeiten erhaben ist es allemal - Frühling, Sommer, Herbst, Winter ... und Frühling, jede Saison fühlt sich wie die genau richtige hierfür an. Mit treffsicherer Unpräzision ist es zwischen Lo-Fi-House, Balearic Disco und Psychedelic Techno vielleicht die ultimative Permanent-Vacation-Platte - und das will was heißen.

[Stream] John Talabot - ƒIN

Platz 13
Guillemots - Hello Land!

Bei einigen meiner Lieblingsplatten 2012 war ein einladender, sanft ausgeprägter Klang mindestens genauso wichtig wie ihr Songwriting - in der Hinsicht wohl keine Überraschung, dass Guillemots mit der neuen Freiheit ihrer selbstveröffentlichten Albumreihe in diesen Reigen einfielen. Auch wenn mir Red mit der Zeit besser gefiel wurde ich von da an nie das Gefühl los, dass das einst so wohlklingende Quartett sich in einer Mischung aus Labelerwartungen und zu viel Studiogefummel atmosphärisch sabotierte, womit hier gewiss Schluss ist: Ein Gefühl von lustvoller Spontanität prägt Hello Land!, das Durchziehen einer, zweier statt eines halben Dutzends Ideen, was neben dem Simon/Garfunkeligen von Southern Winds und der Feenfolk-Göttlichkeit Byebyelands gelegentlich über die Stränge zu schlagen drohte, wäre diese Musik nicht so ungemein gut klingend, dass der aurale Genuss über formale Snobismen siegt.

[Stream] Guillemots - Hello Land!

Platz 12
Shoppers - Silver Year

Noise-Ambient, Avant-Hiphop, Synth-Experimente, koreanischer Pop - alles leichter tagesaktuell zu verfolgen, als man denken würde. Wo ich wirklich dauerhaft hinterherhänge, ist gute deftige Gitarrenmusik. In der Regel muss man erst einmal auf eine Beschreibung davon stoßen, der noch nicht mal ein Soundcloud-Embed beigefügt ist. Es kann Wochen dauern, bis man in eine Platte online hereinhören kann, die zu dem Zeitpunkt schon beim Label ausverkauft ist, dann muss man eine Distro finden, bestellen, eventuell nochmal Wochen auf die Liefeung warten - kurz, nichts für Ungeduldige.

Wer bessere Empfehlungsfilter hat als ich, konnte schon im letzten Quartal 2011 von diesem Album wissen, mir fiel es erst zu Jahresanfang in den Briefkasten und wurde so halt zu einer meiner meistgehörten 2012er-Platten, obwohl sich die Band dahinter leider bald wieder auflöste. Sie hinterlässt ein infernalisches Noise-Punk-Meisterwerk, mit einer shoutigen Sängerin, markigen Riffs und subkutan schneidenden Texten, angetrieben von Schmerz und Verzweiflung, resultierend in Katharsis: "You can not defeat the darkness / you can only be the light".

[Stream] Shoppers - Silver Year

Platz 11
Cooly G - Playin' Me

Nicht so oft wie bei Voigt, aber auch mehr als einmal ist mir hier ein Vinyl-Malheur passiert: Nach einer der LPs dachte ich, das Album wäre schon zu Ende, bis mir irgendwann beim Einführen in den Pappschuber die zweite auffiel. Vielleicht ein Beweis dafür, wie Cooly G hier vor allem meisterlich eine stimmungsintensive Klangwelt schafft, deren unüberhörbarer Sinnlichkeitsaspekt in merkwürdig vielen Rezis komplett ausgeblendet wurde, als wäre dies ein Album frei von Lustbekundungen wie "sex me, undress me" in Sunshine und als würde man mit dem Hinweisen darauf ein Nina-Kraviz-Albumcover-Besabbler. Ob mit oder ohne Bassfokus, mit stereo-aufgetürmten Synth-Architekturen oder im verschlafenen Texturenspiel, Playin' Me macht Songs oder Tracks lässig vereinnahmend, die isoliert davon weniger Faszination ausüben könnten - der Unterschied vom Album zur Single eben.

[Stream] Cooly G - Playin' Me

75 aus 2012 (Teil 5)

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Platz 30
Alcest - Les Voyages De L'Âme

Nicht nur im Punk wurde viel meiner härteren Lieblings-Gitarrenmusik dieses Jahr von einem gewissen Grundrauschen durchzogen. Bei Alcests Metalgaze ist derartig texturiertes gewiss zu erwarten, doch injiziert dessen Permanenz ein zusätzliches Gefühl von getragener Weite in Songs, die ohnehin grandioser dimensioniert wirken und ein zuletzt vermisstes Melodiegespür mit schwarzer Rauheit zu betörenden Kompositionen verbinden.

[Spotify] Alcest - Les Voyages De L'Âme

Platz 29
Lindstrøm - Smalhans

Zwei Alben brachte Lindstrøm 2012 heraus und zeigte dabei endlich, wie man nicht alle seine Musik grundsätzlich mögen müssen kann. Six Cups Of Rebel schien nicht nur in seiner Rundgren-Überdrehtheit, sondern auch im Albumtitel und -Artwork gegen Lindstrøms eingängige Linie zu rebellieren, die er mit Smalhans' Gesichtsporträt-Cover wieder aufgriff. Vor allem musikalisch, wo er aus sich emporschraubenden Harmoniespiralen eine magische halbe Stunde Space-Disco-Party herbeizauberte.

[Stream] Lindstrøm - Smalhans

Platz 28
Nü Sensae - Sundowning

Sundowning könnte eine Werbe-CD für die Wichtigkeit von Gitarren sein, so gewaltig der Qualitätssprung, den das Bass-Schlagzeug-Duo mit der Erweiterung zum Trio vollzog. Doch Nü Sensaes Noise-Punk glänzt auch dort, wo seine Dynamiken noch bassfokussierter oder atmosphärisch reduziert sind, in immer wieder anderen Songformaten und -tempi bleibt Sundowning auch über mehr als eine halbe Stunde mitreißend in seiner geschlossenen Stärke.

[Stream] Nü Sensae - Sundowning

Platz 27
Xiu Xiu - Always

Nach dem merkwürdig gräulich-stumpfen Dear God, I Hate Myself, das ich als erstes Xiu-Xiu-Album seit so einiger Zeit ausließ, erwies sich Always nicht nur als erfreulich revitalisiert, sondern könnte mit der Zeit sogar zu einem meiner ganz großen Stewart-Favoriten avancieren. Einerseits ist die Songqualität da, aber wenn man darum weiß wird auch der kreative Zwist spürbar, der die Zusammenarbeit mit dem nicht minder dickköpfigen Zac Pennington vor allem auf dessen Songs in der Albummitte in Parenthetical-Richtung schwingt, sich aber letztlich als so groß erwies, dass diese Inkarnation der Band nicht einmal bis zur Albumveröffentlichung anhielt.

[Stream] Xiu Xiu - Always

Platz 26
Xinlisupreme - 4 Bombs

Mir fällt gerade erst auf, dass ich die Musik dieser EP größtenteils schon vor zwei jahren gejahresendlistet hatte - doch da das Songpaket seitdem mit dem Niedergang von Megaupload im digitalen Nirvana verschwand, zählt das hier allemal als offiziellere Wiederveröffentlichung. Und ohnehin wirkt Xinlisupremes Noise-Pop, der himmlisch schöne Musik in gnadenloser digitaler Übersteuerung verfremdet, unvergänglich wie ein futuristischer Androidentraum unter Hochspannung.

[Spotify] Xinlisupreme - 4 Bombs

Platz 25
Katy B - Danger

Kurz vor Schluss brachte Katy B im Duett mit Jessie Ware nochmal so eben einen der besten Popsongs des Jahres heraus. Damit nicht genug, kam dieser im Paket mit dem nicht minder großartigen Got Paid, das endgültig an die Überdrehtheit von Yeahss Crass Version erinnert, wenn Wiley in vollem Koffeinrausch über den Beat herfällt. Selbst die mäßige Ke$ha-Imitation Iggy Azaleas kann Light As A Feather nicht nach unten ziehen, wobei das Titelstück noch ein deutlich stärkeres Argument dafür macht, dass sich die stimmsouveräne Katy B mit ihrem nächstes Album einen Schritt außerhalb des Rinse-Produzentenkreises erlauben kann.

[Stream/Download] Katy B - Danger

Platz 24
Superstorms - Superstorms

Ich werd nie verstehen, warum jemand Musik als ein ununterbrochenes Stück arrangieren und tonträgermäßig dann nur auf Vinyl veröffentlichen würde - aber das tut der besonderen Wirkung von Superstorms' Noise-Ambient nun keinen Abbruch, denn die tritt vor allem auf der zweiten Seite zu Tage. Dort lichten sich die voluminösen Diginoise-Texturen, so dass man nur der Sanftheit einer Akustikgitarre lauscht - bis sie wieder von Lärm überflutet wird. Isoliert betrachtet ist es vielleicht kein so spektakulärer Moment, doch zusammen mit all dem, was ihm vorher ging, erscheint er phänomenal.

[Stream] Superstorms - Superstorms

Platz 23
Young Smoke - Space Zone

Young Smokes Debütalbum ist vielleicht das erste Footwork-Werk, das sich insbesondere durch Sounddesign distinguiert. Angeblich ohne Fremdsamples konstruierte der junge Produzent hierfür seine Sci-Fi-Soundästhetik, die in der zweiten Hälfte von Flipperautomaten-Sounds mit Vocals auch ein Stück in Richtung 70er/80er Space-Disco rückt. Wohlgemerkt wäre dieses ästhetische High Concept alleine nichts, würde Young Smoke es nicht in durchgängig starkes Perkussionsgetitsche einbetten - dessen Qualität zeigt sich schnell im Vergleich mit dem halben Dutzend Alben und EPs, die er seitdem (also die letzten 3 Monate) rausgehauen hat.

[Deezer] Young Smoke - Space Zone

Platz 22
T-ara - T-ara's Best of Best 2009-2012: Korean ver.

Den absoluten Irrsinn, der sich um T-ara abgespielt hat anzureißen, würde etwa so viel Platz einnehmen wie diese gesamte Liste. Kurz gesagt schwangen sie sich Mitte 2011 mit Roly Poly von der maximal zweiten K-Pop-Garde für fast genau ein Jahr an die Spitze des Girl-Group-Throns. Eine exzellente Singles-Gruppe waren sie aber schon vor ihrer Erfolgsserie, was eben nur eine Singles-Compilation nahezu ausfallfrei dokumentieren kann - allein die unnötigen Remixe und den schaurigen Fußball-WM-Song sollte man durch die neuere Single Sexy Love ersetzen, schon hat man eines der besten K-Pop-Alben aller Zeiten.

[Youtube-Playlist] T-ara - T-ara's Best of Best 2009-2012: Korean ver.

Platz 21
Voices From The Lake - Voices From The Lake (CD-Version)

Wahrscheinlich könnte ich zu mehreren Alben Versionshinweise respektive ihres Trägermediums geben (in der Regel hole ich mir die längere, wenn es Unterschiede zwischen Vinyl und CD gibt, vor allem aber die, die einem geschlossenen Album am nächsten kommt). Gerade in Richtung Techno gibt es dort oft signifikante Unterschiede, so auch hier, wo ich die Vinyl-Umordnung nicht nachvollziehen kann: Dieser göttliche Ohrenöffner-Moment, wenn nach atmosphärischem Ambiente-Aufbau irgendwann diese bescheidene Melodie mit immenser Wirkung einsetzt, bleibt mir dort verwehrt.

[Albumsampler] Voices From The Lake - Voices From The Lake

75 aus 2012 (Teil 4)

(Teil 1) (Teil 2) (Teil 3) (Teil 5) (Teil 6) (Teil 7)

Platz 40
Land Of Light - Land Of Light

Auf guten Geschmack nehmen Land Of Light keinerlei Rücksicht: Wer Kaputt oder das letztjährige Hatchback-Album nicht abkonnte, wird vor dem Londoner Duo wohl schreiend davonlaufen. Voller Wuschen und Woschen treibt ihr instrumentales Streicheln zwischen Softestrock und New-Age-Electronica, wird mal saxophonig destroyerisch oder auch zum Finale eine Hillage-gniedelige Scheibe M83-Ambients.

[Stream] Land Of Light - Presence Of The Past / Higher Love

Platz 39
Rolo Tomassi - Astraea

"Diplo produziert Hardcore-Band" mag für attraktivere Schlagzeilen herhalten, doch in Eigenarbeit hat das britische Quintett mit Album Nr. 3 einen ambitionierteren Schritt in die Breite vollzogen. Zwischen Thursday-Sphärik, BTBATM-Vertracktheit und Crimes-Schreiduellen spreizen Rolo Tomassi ihren Sound mit Geisterkirmesorgel und Space-Synths auf, kippen so von einem Moment zum Nächsten aus melodischer Getragenheit in die Aggro-Punktur abgehackter Posthardcore-Dynamiken, dass es nie proggig-selbstverliebt wird sondern im Dienste der Songs bleibt.

[Spotify] Rolo Tomassi - Astraea

Platz 38
Gary War - Jared's Lot

Als ich Gary War Ende letzten Jahres live sah, hätte ich nicht vorhersagen können, wie sein neues Album ausfallen würde. Ich weiß nicht mal, ob er überhaupt Songs davon gespielt hat, zu ununterscheidbar wurden seine Songs aus feuchtverfilterter Gitarre und Halbplayback. Erfreulich differenziert hingegen ist Jared's Lot ausgefallen, pedallustig und synthlastig formt War sein Songwriting darauf ebenso stark aus wie die Schrägheit seines nicht gerade typischen Spacerocks.

[Spotify] Gary War - Jared's Lot

Platz 37
Useless Children - Post Ending // Pre Completion

Klar, dass sich australischer Unmut nicht immer in zahmen Gehegen abspielt: Imposant wie Boris in unpsychedelischer Bestform reitet das Melbourner Noiserock-Trio einen höllischen Groove über wuchtige Drums und einen Bass, der mitunter ebenso metallisch scharfe Splitter absondert wie der Sechssaiter. Das Ergebnis ist dabei alles andere als Freilauf-Gebolze, sondern vermag mit seinen präzisen Repetitionszirkeln eine geradezu hypnotische Surrealwirkung zu entfalten.

[Stream] Useless Children - Post Ending // Pre Completion

Platz 36
Serebro - Mama Lover

Hätte ich Ahnung von Eurovision, wären mir die Russinnen wohl schon früher ein Begriff gewesen - jedoch ist es wohl besser, dass ich völlig naiv an einen Song wie Gun heranging. Nicht nur präsentieren sich Serebro meist so unmoderat wie auf ihrem Albumcover (wenn auch textlich in gelungener Überzogenheit), ihre zum Teil schon älteren Songs wurden von wenig geglückten Pop-Rock-Fusionen für ihr englisches Debüt remodelliert, so dass sie nun nicht nur im Blechbläser- und Gitarreneinsatz erstaunlich oft an Girls Aloud erinnern - mit dem Unterschied, dass wenn Serebro Something Kinda Ooooh gemacht hätten dieses wahrscheinlich tatsächlich von den Freuden des Analsex gekündet hätte.

[Spotify] Serebro - Mama Lover

Platz 35
International Feel: A Compilation

Ich werd wohl nie zum Vinyl-Single-Käufer werden, aber die Veröffentlichungen von International Feel haben mich über die letzten zwei Jahre doch alle paar Monate schwer darüber nachdenken lassen. Egal ob sich DJ Harvey offen hinterm Pseudonym Locussolus versteckt oder andere Produzenten kollektiv als IFEEL Studio firmieren, oder auch ob Bepu N'Gali nun wirklich eine dreizehn Leute starke Gruppe aus Botswana sind, alles auf dieser Highlights-Sammlung reiht sich nahtlos in die diverse Diskographie des Labels ein, bei der außer einem "irgendwie Disco bis Balearic"-Begriffsringen nur eine immense qualitative Konsistenz ein roter Faden zu sein scheint.

[Stream] Samples CD 1 / Samples CD 2

Platz 34
Raime - Quarter Turns Over A Living Line

Eines dieser besonders deswegen zu schätzenden Alben, das umso eindrucksvoller wird, je lauter man es macht (und überhaupt, weil man es lauter machen kann). Ihr Swans/Burial/Bohren-Ding aus knochigen Beats wird nicht nur wuchtiger im Anschlag, sondern vor allem intensiviert sich die bedrückende Wirkung einer sich im Albumverlauf zuziehenden Schlinge, ohne dass das reine Anhören der wohlgeformten Sounds physisch unangenehm wird.

[Stream] Raime - Your Cast Will Tire

Platz 33
Twigs - Twigs

Wir sind wohl an einem Punkt angekommen, wo man Präsentation genau so ignorieren kann wie Nicht-Präsentation. Denn egal ob kalkulierte Major-Lancierung oder DIY-Projekt, Twigs' Debüt-EP zieht einfach ein fabelhaftes Trip-Hop-Schattenzelt auf, in dem sie über metallenes Schaben von Verlangen haucht und in so spärlich beleuchteten wie gefüllten Räumen von nokturnem Geisterstöhnen umhüllt wird, dass man selbst nur zu gerne zu dieser Musik das Licht ausmacht.

[Stream] Twigs - Twigs

Platz 32
Boomgates - Double Natural

Melbourne-Bands, die Kurzfassung: Wir haben kein Geld und es regnet. Klischees, die sich auch bei Boomgates' Texten mehrfach antreffen lassen, dass sie sich aus Mitgliedern diverser anderer Bands zusammen setzen ist ebenso typisch für diesen Mikrokosmos, in dem so viel aus Not wie aus Lust zu laufen scheint. Was Boomgates abhebt, ist denn neben der Stimmdynamik aus Dick-Diver-Vokalistin und Eddy-Current-Leadsänger nunmal das, was sie machen, so wie sie es machen: exzellente Songs ohne die Krücke der großen Pose oder kleinen Bescheidenheit, bei aller Eingängigkeit nie in eitel Sonnenschein, denn sonst könnten sie ja gleich surfen gehen.

[Deezer] Boomgates - Double Natural

Platz 31
Saint Etienne- Words And Music By Saint Etienne

Es sollte unmöglich sein, ein Album wie dieses, das vom Leben mit und durch Musik kündet, nüchtern sachorientiert zu besprechen. Pop ist Alltag und Alltag ist Pop für Saint Etienne, die von Erfahrungen mit ersten Single-Käufen und Clubbesuchen singen, vom Proto-Musikblog FreakyTrigger und den Freuden des Alterns mit Musik zusammen, immer sind diese lebenslustigen Songs an Konkretes gebunden, das emotionale Relevanz hat, kein postmodernes Referenzfest um der Referenz willen. Und, auch wenn die Konkurrenz nicht groß ist, hat es die meisten besten Saint-Etienne-Songs ihrer Alben diesseits der Jahrtausendwende.

[Spotify] Saint Etienne - Words And Music By Saint Etienne

75 aus 2012 (Teil 3)

(Teil 1) (Teil 2) (Teil 4) (Teil 5) (Teil 6) (Teil 7)

Platz 50
Lovelock - Burning Feeling

Keine Angst vor Käse! Steve Moore ist nicht der einzige, der mit geschmäcklerisch verrufenen Disco-Sounds der 80er hantiert, aber zwischen Hi-NRG-Kloppern und New-Age-Ambience spannt er eine nur schwer nachahmbare Variationsbreite. Dabei mag Burning Feeling Stück für Stück nicht viel besser sein als die auch prima letztjährigen Werke von Holy Ghost! und Wolfram, ist aber eben nicht so eintönig wie Ersteres und nicht so frontlastig wie Letzteres, hebt sich vielmehr den größten Klopper für kurz vor Schluss auf.

[Stream] Lovelock - Burning Feeling

Platz 49
Finally Boys - Feelings

Als geschmolzen verbalisiertes "Temptation" tropft pures Verlangen durch Ascending Temple - eine der wenigen Stellen, in denen menschliche Stimmen nicht bloß als wortlose Instrumente fungieren. Doch was dieser Digi-Pop vor allem zeigen will, ist dass sich Emotionen ebensogut mit gleißenden Synthschüben evozieren und ausdrücken lassen: Wenige Momente waren dieses Jahr so aufregend wie jener, wo die flittrigen Snare-Ticker in Contact den Hypergang einlegen und eine Stimm-Synthflut sondergleichen lostreten.

[Stream] Finally Boys - Feelings

Platz 48
Bitch Prefect - Big Time

Mein Problem mit C86-angefixtem Sound, wie er den jüngeren US-Indierock momentan dominiert, ist ja vor allem ein Ästhetisches, vor allem weil damit über Albumlänge schnell Abnutzungserscheinungen auftreten. Wenn man sein Musikhören nun allein nach textlicher Gegenwarts-Relevanz, nach Songs, die nicht nur über Brooklyn-Befindlichkeitsfixierung künden richtete (und wie langwielig müsste eine solche Plattensammlung sein), wäre man aber auch darin mit Australien derzeit besser beraten. Hier echot die Rezession nicht nur in schnoddrigem Sound, sondern auch in Texten wie denen von Big Times Jangle-Fest, das jetzt nicht zum Widerstand gegen das System aufruft, aber eben zumindest Unmut mit neoliberalisierten Zwängen zeigt.

[Stream] Bitch Prefect - Big Time

Platz 47
JoJo - Agápē

So spät kam JoJos Mixtape inmitten all der Jahresend-Anhörereien, dass ich immer noch keinen kompletten Durchblick für Agápē habe. Beginnend mit einer frustrierten Entladung über jene Geschäftskräfte, die bis dato die Veröffentlichung ihres dritten Albums verhindert und Nebenbetätigungen wie diese hier ermöglicht/erzwungen haben, ist es ebenso persönlich-autobiographischer R&B wie die eingestreuten Aufnahmen eines Familienfests, geizt aber auch nicht mit universellem Pop wie den nicht minder formidablen André und Billions.

[Stream] JoJo - Agápē

Platz 46
Bits Of Shit - Cut Sleeves

Nun sollte über all den Jangle nicht vergessen werden, dass es down under auch formidabel verkracht zugeht. Dennoch liegt man mit Bits Of Shit nicht weit von bekannten Anknüpfungspunkten: Melbourne, Mikey Young am Mischpult, vor allem aber auch diese angerohte Konsequenz, mit der hier Punk zwischen hymnischen Fucked-Up-Wänden, Wire-Artiness und einem scheinbar von der US-Westküste exportierten Raukehlchen aufgezogen wird. Ein paar Mal hat's gedauert, um das alles zu absorbieren, aber mittlerweile würde ich Cut Sleeves getrost zu den ganz großen Punkhighlights des Jahres zählen.

[Stream] Bits Of Shit - Cut Sleeves

Platz 45
Dinosaur Jr. - I Bet On Sky

Solange so etwas dabei herauskommt, kann ich mich gut damit abfinden, wenn 80er/90er-Indierock der neue Altherrenrock wird, für den sich nur noch wenige unter 30 interessieren. Wobei das Kuriose daran halt ist, dass es fast andersrum läuft wie uns die Geschichte gelehrt hat, wo die feurig beginnenden mit dem Alter langsamer, energieloser wurden und durch junges Blut ersetzt werden sollten. Nix mit Akustik-Singsong, Dinosaur bleiben nicht nur in ihrer performativen Geist vital, sondern führen ihre Songwriting-Erfahrung ein ums andere Mal zu emotionalen Momenten - zwar nicht mit perfekt integrierten Barlow-Songs, aber auch nicht dermaßen von Mascis überdeckt wie auf dem generell unhörbar verproduzierten letzten Album.

[Stream] Dinosaur Jr. - I Bet On Sky

Platz 44
Icona Pop - Icona Pop

In Deutschland ist das Debütalbum der Schwedinnen noch lange nicht erschienen, scheint sogar so, als würde nun erstmal die Iconic-EP anstehen, die schon einen Großteil der Albumhighlights enthält? Nuja, ich wollte jedenfalls für den Rest der Stücke nicht bis zum nächsten Spätsommer oder whenever warten, denn auch wenn Icona Pop im Hedonismus-Vergleich mit Ke$ha meist etwas platt dastehen: Bis dem Album im letzten Drittel kurz der Atem ausgeht und über Nü-EDM stolpert, ist das grenzhysterische Haudrauf Icona Pops ein großer Party-Innuendo-Sorglosspaß.

[Stream] Icona Pop - Iconic EP

Platz 43
Micachu & The Shapes - Never

Ich muss mir das mal langsam merken, insbesondere damit ich auch mal den Mixtapes und anderen Exkursionen Mica Levis nochmal eine Chance gebe: Bis ich sie höre, vergesse ich immer wieder, wie gut Micachus Alben sind. Das liegt nicht allein an ihrem unkonventionellen Sound, vielmehr an ihrem trügerisch lässigen Songwriting, das oft erst in Kombination mit dem Sounddesign und in der musikalischen Summe eines Albums seine Stärke entfaltet. Wahrscheinlich wird sich Never durch die Abwesenheit offensichtlicher Singles sogar langfristig als stärker erweisen wie ihr Debüt - doch das müsste ich jetzt auch erstmal wieder nachhören.

[Spotify] Micachu & The Shapes - Never

Platz 42
Skywlkr / Friendzone - New Impressions / Collection I

In A$AP-Zeiten, wo ein neuer Rap-Hype auf seinem Major-Debüt hinter Gästen und Produzenten höchstens die dritte Geige spielt, ist es nur konsequent, dass die interessantesten neuen Beatmacher ihre Werke rein instrumental präsentieren. Und da brachten diese beiden (bzw. drei, wegen Friendzone als Duo) meine liebsten Cloudrap-ohne-Rap-Alben: Skywlkr etwas härter, bassiger, mitunter auch noch Benga-dubsteppig, doch eben mit diesem Gespür für Perwoll-Softgewaschenes, das einem Friendzone permanent in rosa Wölkchenform um die Ohren schmieren.

[Stream/Download] Skywlkr - New Impressions
[Stream/Download] Friendzone - Collection I

Platz 41
Moonface - With Siinai: Heartbreaking Bravery

Mit der Ankündigung, die Kollaboration mit den Finnen fortzuführen, scheint Spencer Krugs Dauerprojekt seine permanente Reformation kurz zu unterbrechen - stören dürfte das hiernach niemand, war es doch nach den homogenen, formal strengen bisherigen Angelegenheiten die erste Moonface-Platte, die von Volumen und Vielfalt der Songs her nicht nur eine Musikansammlung abgab. Und sicher auch jene zufriedener stellte, die die Banddynamik Sunet Rubdowns und Wolf Parades zuletzt vermisst hatten, gerade ans Spätwerk Letzterer knüpfte Heartbreaking Bravery immer mal wieder an.

[Stream] Moonface - With Siinai: Heartbreaking Bravery

75 aus 2012 (Teil 2)

(Teil 1) (Teil 3) (Teil 4) (Teil 5) (Teil 6) (Teil 7)

Platz 61
Wynter Gordon - Human Condition 1: Doleo

Der zweite von vier Human Condition-Teilen soll nun wohl erst im Januar erscheinen - in Sachen Indie-R&B läuft es mit der ambitionierten Eigenveröffentlichungsserie auch nicht anders als bei Indie-Bands. Aber überhaupt, in was für interessanten Zeiten leben wir, in denen eine in Major-Kreisen etablierte R&B-Sängerin mal so eben eines der besten Popalben des Jahres als Gratis-Download raushaut? Und das in bemerkenswerter Vielseitigkeit, vom Afro-Pop Stimelas über Kontempo-R&B bis zum totalen 80s-Blowout Waiting.

[Stream/Download] Wynter Gordon - Human Condition 1: Doleo

Platz 60
Free School - Tender Administration

Das diesjährige Tycho-Album quasi, in nicht-ganz-Balearic-Disco-aber-irgendwie-sonnig-Elektronik gleitet Tender Administration in erster Linie grazil über durchaus substanzielle Beats, mit Streicherbombast, verschrobenen Spoken-Word-Teilen und warm "Aaah"enden bis bunt blubbernden Synth-Harmonien pendelt das Londoner Duo zwischen entspannter Andacht und intensivierter Plinkerpracht.

[Spotify] Free School - Tender Administration

Platz 59
Dope Body - Natural History

Es ist schon ein ungewöhnlicher Stil, den Dope Body auf ihrem zweiten Album fahren - vielleicht hat es deswegen eine Weile gebraucht, bis mich Natural History vollends überzeugt hatte. Wenn ich jetzt was davon sage, wie darauf eine Noiserock-Band Ausflüge in Reggae und Vampire-Weekend-Territorium unternimmt, klingt das ja auch in Gedanken absolut grässlich, doch irgendwie schafft das Quartett aus Baltimore es, die bunten und knurrigen Extrema ihrer Musik stimmig zu animiertem Party-Noiserock zu kombinieren.

[Stream] Dope Body - Natural History

Platz 58
Pageants - Dark Before Blonde Dawn

Pageants mögen in bodenloser Leichtigkeit eine ungewohnt offensiv tropische Band im Kreis des Melbourne-Jangle sein, doch sind ihre Melodien bei allem Pedalhall substanziell ausgeformt, so dass sie selbst dann nicht zu laxem Chillsound verkämen, wenn sie nicht mit deftiger Verzerrung und Moll-Americana-Ausflügen eine gesunde Portion Unwohlsein im Unterbauch trüge. Während das achtminütige Jangle-Epos Footprints In The Sand wundervoll zwischen (für Pageants’ Verhältnisse) Barschem und Sanftleichtem à la Real Estate pendelt, erklingt ein wehmütiges „I wrote a message with a knife in the sand / it washed away with everything that I had“.

[Stream] Pageants - Dark Before Blonde Dawn

Platz 57
Evans The Death - Evans The Death

Sicher, Evans The Death rasen nicht so daueraufgedreht wie letztes Jahr die Slumberland-Nachbarn von Gold-Bears durch ihr Debütalbum. Dafür glänzen sie vor allem durch angepunkt-energetische Songs, die nicht nur wegen ihrer Hooks, sondern auch des Dynamikgespürs und der charismatisch-launischen Vocals ihrer Morrissey-tendenziellen Sängerin deutlich langfristigeren Reiz haben als manch apathisch-dauerverhallter Spectorismus aus Übersee.

[Stream] Evans The Death - Evans The Death

Platz 56
Big Bang - Alive

Alive mag nicht so konsistent sein wie Sweet Rendezvous - was auch immer Song fünf und sieben sind, sie wurden von mir schnell in die Tonne gekickt - doch hat die größten Highlights. Blue und Bad Boy zeigen spätestens in ihren A-Capella-Versionen die Vokalstärke und -Feinheit der Gruppe, während Love Dust und vor allem Fantastic Baby nicht nur dank ungeheuren Charismas das übliche koreanische Boygroup-Dance-Einerlei transzendieren.

[Video] Big Bang - Blue / Bad Boy / Love Dust / Fantastic Baby

Platz 55
DJ Earl - Audio Fixx

Und noch ein Beispiel für die nicht immer vorteilhaft laxe Veröffentlichungsweise vieler Footworker: Earls Album war zunächst so verkorkst - in alphabetischer Reihenfolge der Stücke, mit einem davon defekt und nur in Einzelteilen angeboten -, dass ich mir lieber meine eigene Sequenzierung bastelte, die dann tatsächlich in einem formidablen Footwork-Album resultierte. Mittlerweile hat er nochmal aufgeräumt und damit wohl die alphabetische tatsächlich als die offizielle Reihenfolge etabliert, aber das soll mich jetzt nicht stören.

[Stream] DJ Earl - Audio Fixx

Platz 54
Mungolian Jetset - Mungodelic Schlungs

Denn wenn iPod-Rumfummeln das neue Musikmachen sein soll, dann hab ich dieses Jahr allemal ein riesig tolles Album (und durch 1,2-fache Beschleunigung hiervon eine ordentliche SNSD-Single) fabriziert. Mungolian Jetsets diesjähriges Album krankte wie schon das letztjährige an Einseitigkeit, doch eben einer fast entgegengesetzten: Während die Remix-, Kollaborations- und Nebenprojekt-Kollektion Mungodelics die geschmackvolle Seite der Norweger Disco-Spinner gelegentlich überdehnte, war selbst mir die Cartoonigkeit von Schlungs zu nervig. Die Lösung: Eine Mischung aus beiden, die auch aufgrund thematischer Überschneidungen bestens funktioniert. Voila und wärmstens empfohlen, zum Playlisten und Download-Selektieren, Mungodelic Schlungs.

01. Toccata
02. 2010 - A Space Woodysey
03. Moon Jocks N Prog Rocks
04. Revolving Door
05. Mung's Picazzo
06. People On Strong Stuff
07. Moonstruck
08. We Are The Shining
09. Ghost In The Machine
10. The Dark Incal

Platz 53
The Hundred In The Hands - Red Night

Der gitarrenzentrierte Discopunk New Yorks hallt noch in Come With Me nach, doch auf dem zweiten Album des Duos hallt noch allerhand mehr, eigentlich hallt generell alles. Spätestens im Titelstück sollte deutlich werden, dass Andy Stott ihnen nicht nur als Remixer, sondern auch als musikalischer Fixpunkt diente, nur gehen THITH den für mich interessanteren Weg, sich dem modernen Schemensound düsterer Elektronik aus Pop-Sicht zu nähern (bzw. ihre Popsongs dorthin zu transferieren). So wird Red Night eine Albumreise ins schwarze Großstadtloch voller fragmentierender Emotionen und dunkler Chaosvisionen, bis man aus dessen anderem Ende zum Schluss wieder ins Licht tritt.

[Spotify] The Hundred In The Hands - Red Night

Platz 52
Parquet Courts - Light Up Gold

Irgendwo zwischen Track 12 und 13 findet sich quasi die Essenz dieser Band: Über insgesamt nur 2½ Minuten zeigen Parquet Courts ihre Fähigkeit zum melodischen Mitreißen in aller Knappheit, gleichsam wenn sie in repetitiver Langsamkeit wie wenn sie sich energetisch hochflott bewegen. Denn ihr angepunkter Indierock ist immer rhythmisch tight, hookfixiert und vor allem so stimmlich charismatisch, dass man fast schwören könnte, man hätte es mit einer neuen australischen Band zu tun - so ziemlich das größte Verwechslungskompliment, das man einer US-Gruppe derzeit machen kann.

[Stream] Parquet Courts - Light Up Gold

Platz 51
Wolfgang Voigt - Rückverzauberung 6

Bei keiner Platte ist es mir so häufig passiert wie bei dieser, dass ich ihre erste Seite komplett in falscher 45-Geschwindigkeit abgespielt habe, ohne es zu merken - das kommt wohl davon, wenn man keine Beats hat! Es ist sogar durchaus wahrscheinlich, dass ich sie öfter in falscher als richtiger Geschwindigkeit gehört und deswegen so ein völlig diffuses Zeitbild der beiden Choral-und-Orgelstücke habe, dass sie mir eher wie ein Fundament für das dritte Stück vorkommen, das die komplette zweite Seite einnimmt und sich die vorangegangenen Sounds in seinen Beat einverleibt. Hier aber spätestens, zwischen der Rigidität des Bassimpulses und den nicht dazu synchron verlaufenden Zirkeln der zunehmend konventionelle Klangform zu verlieren scheinenden Stimmen, wird dieser Teil der Rückverzauberungs-Reihe völlig packend.

[Stream] Wolfgang Voigt - Rückverzauberung 6.1