Platten

75 aus 2012 (Teil 1)

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Platz 75
LO-FI-FNK - Maxade Mixtape Volume 1

Natürlich finde ich diesen Mix des Schwedenduos nur deswegen toll, weil er mit dem Übergang von Grimes zu Robert Miles genau dieses 90er-Gefühl einfängt, das für mich von viel jetziger Internet-Musik ausgeht. Vielleicht aber auch, weil er generell "den" nichtsingulären Sound dieses Jahres einfängt, zwischen R&B, Cloud-Rap und Schwedenpop diese ungreifbare softere Umreißung von Jetztmusik gegenüber derjenigen aufzeigt, von der sie abstammt.

[Stream/Download] LO-FI-FNK - Maxade Mixtape Volume 1

Platz 74
Los Campesinos! / Matthew Friedberger - Heat Rash / Solos

An dieser Stelle sollte wohl schon klar sein, dass diese Liste 2012 nicht allzu streng kategorisch ausfallen wird. Matthew Friedbergers Solos-Projekt erschien zwar zum großen Teil bereits 2011, doch es in diese Liste zu packen, bevor es abgeschlossen war, schien falsch. Insbesondere, weil es für Abonnenten eben noch zwei Bonuswerke gab: Artemisia ist eine Art klassizistisches Ferraro-Werk, springt stimmlich relativ konsistent zwischen loopigem Solopiano, Barockorchester, Kontrabass und Westernmusik und wäre eine der spinnertesten Angelegenheiten des Jahres, wenn es nicht nur eine Art Vorschau auf den endgültigen Irrsinn seines diesjährigen regulären Albums wäre - und Friedberger nebenher noch The Diabolical Principle rausgehauen hätte, einen Mix aller sechs regulären Solos-Alben. Deren endgültigen Abschluss macht Goodbye Forever nach all dem Rumexperimentieren auf unvertrauten Instrumenten mit Klavierstücken auf der ersten Seite, deren Gegenüber zwar sonisch komplexer klingt, jedoch - den Amateur-Entdeckersinn der Reihe irgendwie zurückführend - zum Nachspielen einlädt: Friedberger schickt die Noten auf Wunsch zu.

Los Campesinos! wollten ihre Singles-Serie eigentlich saisonal aufteilen, doch nicht zuletzt durch ein Album dazwischen brauchte es fast doppelt so lange für Heat Rash. Das erwies sich aber insbesondere für Fans als lohnendes Unterfangen, setzte es doch die typischen Campesinos!-Affinitäten fort: anachronistische Indie-Haptik in Vinyl-Präsentation und einem nicht minder aufwendigen Magazin, das jeweils dem gleichen Thema wie die Singles folgte (Tourleben, die Arbeiten an Hello Sadness, Dialoge/Kollaborationen mit Freunden der Band und Romantisches). Die Songs mögen zwar nicht durchgängig von regulärem Veröffentlichungsniveau gewesen sein, waren es aber zum Teil und gaben vor allem einen Einblick in die Entwicklung der Band, zunächst von Album zu Album, dann den Nachklang davon und allmählich auch Aufbruch zu neuen Ufern. Alles andere folgt dann 2013.

Platz 73
Poolside - Pacific Standard Time

Ein Album, so durchgängig faul loungend, dass man es durchaus von regulärer Disco abgrenzen kann, um niemand auf die Füße zu treten - Poolside sagen Daytime Disco, ich nenne es Yachtcore. Dessen Schwäche ist denn auch leicht gefunden: Die Vocals sind laff, nicht immer passiert etwas so bemerkenswertes wie in den SIngles, und das bei 16 Stücken über eine proppevolle CD. Doch eben dort liegt auch die Qualität der Musik, deswegen funktionierte sie am besten dann, als sie (nicht in Deutschland, wo man bis November warten konnte) erschien, wo man sich in der Sommerhitze gar nicht groß bewegen wollte. Als Bonus begann ich auch durch das Harvest Moon-Cover erstmals zu verstehen, dass mir Neil Young durchaus auf Stimmungs-Ebene gefallen könnte.

[Spotify] Poolside - Pacific Standard Time

Platz 72
Captain Murphy - Duality

Braucht alles nur das passende Transportmedium im richtigen Moment? Bei Captain Murphys Mixtape Duality jedenfalls hab ich das Anhören lange hinausgeschoben, kam es doch anfangs nur im Videoformat, das lediglich anzuhören irgendwie unangemessen schien. Doch am Wochenende, im ersten Flachliege-Fresskoma der Vorweihnachtszeit, wirkte wenig passender als das Einwirken der 35-minütigen Videocollage, die nicht nur den psych-soften Sound der Musik und die expliziten Vocals (daher: entschieden ab 18) des schmierigen Kultführers widerspiegelt, sondern auch Text- und Sample-Referenzen visuell einbindet und so dem Format eine nette Extradimension verleiht.

[Video/Download] Captain Murphy - Duality

Platz 71
The Stevens - EP

Melbourne, Melbourne, immer wieder gab es dieses Jahr tolles Gitarrenbeschlenker von dort. Noch nicht ganz typisch dafür war die Debüt-EP von The Stevens, die nicht nur im Namen eher an Christchurch erinnern: Indie-Pop mit Kiwi-Charme und exzellentem Hookgespür über sechs Stücke, wie ich sie seit dem ähnlich starken Debüt von Surf CIty nicht erlebt habe. Das macht nicht zuletzt Hoffnung aufs bereits komplettierte Album mit Melbourne-Albini Mikey Young, doch für's Erste vor allem gehörig Laune.

[Albumstream] The Stevens - EP
[Download] The Stevens - EP

Platz 70
The Men - Open Your Heart

Es hätte ein ganz großes Album sein können, doch wirkte Open Your Heart eher wie ein Zwischenschritt vom Noiserock Leave Home zu Populistischerem. Dessen Geist durchweht Open Your Heart gewiss, in großen, weltumarmenden Riffs, Pop-Punk mit vielleicht etwas zu offensichtlichem Buzzcocks-Melodieabpausen und unverstärkter Akustik, doch produktionsmäßig waren The Men einfach noch nicht ganz mitgezogen, mit zu tief abgemischten Vocals und Unklarheiten, wo scharfe Konturen überzeugender gewesen wären. So eben "nur": ein recht großes Album.

[Albumstream] The Men - Open Your Heart

Platz 69
Chromatics - Kill For Love / Running From The Sun

Wer bis zu diesem jahr an Entzug litt, bekam 2012 Johnny Jewel satt: Über fünf Stunden Musik haute er mit diesen beiden Alben, der beatlosen Version von Kill For Love und dem Mammut Symmetry heraus. Dabei war nicht einmal so sehr die schiere Menge an Material, sondern dessen Arrangement ein leichtes Problem: Immer wieder verlor ich die Lust an Kill For Loves zweiter Hälfte, die der Hit-Parade der ersten nahezu ausschließlich Stimmungs-Stücke folgen lässt. Schon enorm effektiv erwies es sich, die Monotonie ganz simpel dadurch zu brechen, die Trackliste nach dem Schema 1->9->2->11->3 usw. zu permutieren - bester Beweis dafür war das Bonus-Album Running From The Sun, das mit wechselfreudigerer Dynamik ganz formidabel wirkte.

[Albumstream] Chromatics - Kill For Love / Running From The Sun

Platz 68
Traxman / Lil Jabba - Heat / Free Life

Wer auf Footwork steht, kann sich über veröffentlichungsfaule Produzenten nicht beklagen. Allein aus der Chicagoer Teklife-Ecke und DJ Spinns Flight-Music-Leuten gibt es Dutzende Soundcloud-Accounts, auf denen täglich neue Stücke, Mixe und EPs hochgeladen werden. Umgekehrt ist es dabei aber auch umso seltener, dass bei laxer Qualitätskontrolle einmal eine größere Sammlung duchgängig großartiger Tracks herauskommt - umso erfreulicher, dass eine davon aus den Händen Traxmans stammt, mit dem ich so als einzigem der "großen Namen" normalerweise nicht ganz klar komme weil seine Kompositionen zu deutlich konstruiert wirken, ihre Gerüste und Nähte durchklingen. Nicht nur ist das Sample des Eröffnungsstücks wundervoll inszeniert, tollkühn zeigt Traxman im Folgenden die Universalität von Footwork, in das sich auch ein Black-Sabbath-Klassiker einrocken lässt. Lil Jabbas Gratis-EP zeigt dafür sehr gut, warum er für mich der wohl interessanteste Nachwuchsler ist, mit abenteuerlich synkopierten Beat-Melodie-Dynamiken wirken Beinverknoter wie STepS.(i GLiDE) auch ohne Vocal-Sample geradezu alienhaft futuristisch.

[Stream/Download] Traxman - Heat
[Stream/Download] Lil Jabba - Free Life

Platz 67
The KDMS - Kinky Dramas & Magic Stories

Man will ja bei der genderstereotypen Disco-Konstellation aus Produzent und Sängerin nicht sexistisch den ganzen Genius immer nur bei der einen Hälfte des Duos suchen, aber bei allem Respekt für Max Skibas klangliche Ausformulierung, ohne Katy Diamond wäre dieses Album kaum herausragend. Ihre Texte und Vocals geben den Songs eine emotionale Tiefe, die es bei einem ums andere Hören reichhaltiger machten als es der erste Anschein verhieß - nichtsdestotrotz ist deren Groove auch nicht ohne.

[Spotify] The KDMS - Kinky Dramas & Magic Stories

Platz 66
Titus Andronicus - Local Business

Klar, The Monitor konnte man nicht übertrumpfen, zumindest nicht mit einer vergleichbaren Platte. Vielleicht hab ich derartiges mittlerweile auch genug oft erlebt, dass ich von einer Band nicht enttäuscht bin, wenn sie daraufhin mal runterschraubt: Auf weniger sonische Gewichtigkeit, zu mehr Ausdifferenziertheit in der Owen Palletts Streicherbeitrag Eigenbewegung möglich ist, auf eine zu mehr Lockerheit willige, eklektische Platte, an der man beim Hören wahrscheinlich nicht ganz so viel Spaß hat wie die Band ihn beim Machen hatte, die aber von dem typischen Grad an Ernsthaftigkeit gezeichnet ist und ein Song wie My Eating Disorder diesen unnachahmlichen Widerstandsgeist trägt.

[Albumstream] Titus Andronicus - Local Business

Platz 65
Lee Ranaldo - Between The Times And The Tides

Ein Blick auf den Kritikerspiegel macht schnell klar: Wer dieses Album mag, ist ein alter weißer Mann. Auch wenn ich mich dieser Gruppe allmählich in jeder Hinsicht annähere, war mir schon eine Weile unklar, warum mir diese ereignisarme, textlich mitunter arg banale Songsammlung so zusagte. Die Antwort liegt wohl darin, welches Fachmagazin dieses zu seinem Album des Jahres gekürt hat: Guitar World. Ranaldo mag die zentrale Figur sein, doch das anhaltend Reizvolle an diesen eingängigen Songs ist das Gespiel seiner Mitwirkenden im Hintergrund, auf den Flanken, die im Miteinander vor allem an ihren Saiteninstrumenten ein subtiles Feingewebe erflechten.

[Albumstream] Lee Ranaldo - Between The Times And The Tides

Platz 64
Nine Muses - Sweet Rendezvous

Es mag ein popularitätsstarkes Jahr sondergleichen für K-Pop gewesen sein, insgesamt aber kam es musikalisch nicht ganz an die letzten paar heran. Zu viele Enttäuschungen, zu wenige Überraschungen von oben und unten, zu viele Inkonsistenzen vor allem, die eine geschlossen starke Vision über mehr als zwei sequentielle Songs verhinderten. Vielleicht hatten (die zwischen sieben und acht Mitgliedern schwankenden, arf) Nine Muses deswegen so ein starkes Mini-Album, weil sie sich auf vier Songs von Single-Kaliber beschränkten, vor allem aber auch auf das Produzententeam Sweetune. Das liefert nunmal eine maximalistische Aneinanderreibung sägezahnrauer und neonglatter Sounds zu dynamikreichen Perkussionen, deren Details sich oft erst in den Instrumentalversionen ihrer irre dichten Songs komplett ausmachen lassen. Dass davon zwei mit auf der EP enthalten sind, lässt sie mal ausnahmsweise zu mehr als netten Karaoke-Beiwerk werden.

[Video] Nine Muses - Who R U / Ticket / News / Figaro

Platz 63
Title Fight - Floral Green

Wenig ließ mich dieses Jahr weniger an Retromania glauben als das Beobachten des Punk-Hardcore-Nachwuchses. Bands wie Touché Amoré, Code Orange Kids und Title Fight scheinen bestens über die Vergangenheit ihrer bevorzugten Genres zu wissen, so gut, dass
ihnen Breaks, Riffs und Sounds nicht als zwingende Codes, sondern als neu rekombinierbares Vokabular erscheinen, in dessen vertraute Grammatik sich mit einer kleinen Modifikation etwas Vertrautes irgendwie doch in neuem Licht sehen lässt. Das zeigte sich auf Title Fights Album nicht so wirksam wie live, wo Skatepunkiges Seite an Seite mit den Emofarben Floral Greens stand, dafür zeichnete es sich eben durch Songwriting-Qualitäten aus, die fast alle Vergangenheitsechos übertönten.

[Albumstream] Title Fight - Floral Green

Platz 62
Massacooramaan - Fade To Mind Mix

Ich liebe Mixe, die mehr wie eine singuläre Komposition wirken, in der die einzelnen Tracks sich einem größeren Gefüge unterordnen anstatt einem immer wieder bewusst zu machen, dass man jetzt Dieses hört und dann Jenes kommt, bis irgendwas Das noch folgt. Ähnlich wie seine LabelkollegInnen Nguzunguzu mit ihrem letztjährigen The Perfect Lullaby durchzieht und variiert Dave Quam alias Massacooramaan hier 45 Minuten moderner Basskollisionen mit einem wiederkehrenden Motiv, aber auch Perkussions-Konstellationen, die immer wieder neuen Umgebungen ausgesetzt werden, Dynamiken innerhalb von größeren Dynamiken kreieren.

[Stream/Download] Massacooramaan - Fade To Mind Mix

66 aus 2011 (Teil 8)

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Platz 6
Sandro Perri - Impossible Spaces

Nahezu alle meine Favoriten dieses Jahr ziehen eine durchgängig kohärente Klangwelt auf, doch keine davon bot so einen schieren Hörgenuss wie die Sandro Perris. Nur zu passend, das er selbst in seinen Texten Räume und unendliche Weiten beschreibt, brilliert er doch eben im Arrangement seiner Musik in solchen. So schwebt seine Stimme dort mitten im Raum, flankiert von je einem Saitengespann links und rechts, mit anderen Instrumenten die zwischen diesen Extremen umherwandern, das Ganze irgendwo zwischen New Wave, Bitte Orca, Jazz, Kaputt, R&B, Where You Go I Got Too und Afro Pop, voller betörender Momente und Langzeitraumentwicklungen, die trotz der etwas komplexen Kompositionen im Nu erscheinen, als hätte man sie schon immer gekannt.

[Stream] Sandro Perri - Changes
[Albumstream] Sandro Perri - Impossible Spaces

Platz 5
Perfume - JPN

Es war nun wahrlich kein gutes Jahr für Japan - auch in popmusikalischer Hinsicht. Der neue panasiatische Darling ist Südkorea, das zum Rest der Welt noch spärlich seine Fühler ausstreckt, in den japanischen Charts aber längst Fuß gefasst hat. Da wirkt der Titel JPN ein wenig wie Kampfansage, doch abseits jeden Patriotismus hat Superproduzent Yasutaka Nakata in kreativer Hinsicht allen Grund zum Stolz. Endlich schaffte er es, seinen schizophrenen Output so auf seinen verschiedenen Projekten zu verteilen, dass alle eine klare Identität hatten - sein neuestes wurde dabei auch prompt zum Youtube-Hit. Weit darüber thront aber sein Meisterwerk mit dem Stimmentrio von Perfume, dessen zu digitaler Perfektion manipulierter Ultratwee schlichtweg irrsinnige Techno-Pop-Kompositionen anführt, wie man sie sonst eher bei Nischen-Elektronikern wie Rustie vorfindet. Bei allem dreidimensionalem Stimmenpingpong, parallel flitschenden Sechzehnteltonläufen (neben simultan langsamer taktierten Haupt-, Kontra-, Bass- etc. -Melodien), Songs in Haiku-Versmaßen, wüst synkopierten Stotterbreaks und noch viel mehr endet das maximalistische Heidewitzka aber irgendwie nicht in stimulierender Runruhe, sondern liefert dermaßen universale Euphorie, dass JPN sich in seiner ersten Verkaufswoche prompt sechsstellig absetzte. Ein Rustie kann von sowas nur träumen.

[Stream] Perfume - Laser Beam (Single Version)
[Albumstream] Perfume - JPN

Platz 4
Gang Gang Dance - Eye Contact

“I can hear everything. It’s everything time.”, deklariert Taka Imamura das Credo dieses Albums und genüsslich langsam bricht der Damm, der Gang Gang Dances transzendente Soundfusion bis hierhin in ihrer eigenen Welt hielt. New agig helle Klangspritzer regnen über eine ebenso bunte Synthmelodie herab, die auf Drummer Jesse Lees Breakbeat ewig wiederholt werden könnte ohne an unendlicher Weite einzubüßen; Lizzi Bougatsos’ Stimme wirkt dabei wie in beschwörender Trance, mitgerissen von einer erleuchteten Energie als habe sie gerade ein göttliches Antlitz erblickt. War das nicht minder spektakuläre Saint Dymphna noch mitunter wie ein Mix, der von einem Grime-infizierten Track ins Shoegaze-Vakuum wechselte, ist hier alles Eins im massiven physischen und transzendierenden Hochglanzgroove.

[Albumstream] Gang Gang Dance - Eye Contact

Platz 3
Julia Holter - Tragedy

Ist es albern, Musik mit Vinylrauschen und -knacksen zu überlegen und sie dann auf Schallplatte zu veröffentlichen? Oder ist es andersrum eher sinnlos, sich solche Musik dann in "fehlerfreiem" Digitalformat anzuschaffen? Bislang tendiere ich bei Alben wie Julia Holters Tragedy doch zum Großscheibenmedium, nicht zuletzt, weil sie ohnehin nicht für unterwegs taugen, sondern in Ruhe am Stück gehört werden wollen. Weil sie Aufmerksamkeit erfordern, Aufgeschlossenheit und Neugierde darauf, was sich aus den anfangs spärlich gestreuten Klängen entwickelt. Holter breitet u.a. mit Piano, Drones, Samples, Perkussion und Spoken Melodies behutsam Kompositionen aus, die sich untereinander in Ansatz und Soundpalette meist völlig unterscheiden. Was sie letztendlich zu einer tief vereinnahmenden Hörnarrative macht, ist eine alles einende Atmosphäre, für die die leerräumigen Pausen, Stockungen und hörbar angehaltener Atem zwischen den Tönen nicht minder elementär sind. Und ja, in dieser glorreichen Irgendwas-Musik ist irgendwo in all den Tiefen, Höhen, Breiten, Verzerrungen, Entzerrungen, Echo, Komprimierung, Field Recordings auch ein Saxophon. Weil ... nuja, 2011 halt.

[Stream] Julia Holter - Goddess Eyes
[Albumstream] Julia Holter - Tragedy

Platz 2
Destroyer - Kaputt

Was Deerhunter oder Katy Perry schon Ende 2010 andeuteten, ließ Dan Bejar zu Jahresbeginn so richtig wieder aufleben: Das Saxophon. Zwischen seinen beiden letzten EPs wählte er erfreulicherweise nicht den Drone seiner Hecker- und Loscil-Kollaboration als Soundbasis Kaputt, wobei sich schon dort zeigte, dass Bejar die kreative Führung seiner Musik auch mal anderen überlassen konnte. Zum Glück, denn während Bay Of Pigs den acht neuen Songs folgend trotz einender Softrock-Weichheit (und natürlich Bejars emotional verkatertem Jetsetter-Charakter) ein wenig angetackert wirkt, gibt die überwiegend instrumentale Komposition The Laziest River von Keyboarder Ted Dubois die ideal überleitende Klangreise. Welche doch so mehr ist als bloß funktional, aber Kaputt, auf dem es an manchen Tagen wie das absolute Highlight scheint, eben auch der atemberaubend smoothsanften Perfektion verdammt nahe bringt.

[Stream] Destroyer - Chinatown
[Albumstream] Destroyer - Kaputt

Platz 1
St. Vincent - Strange Mercy

Der Anfang war diesmal nicht leichter, aber simpler. Nachdem Annie Clark ihre bisherigen Alben überwiegend am Laptop konzipierte, entstanden die Songs für „Strange Mercy“ zunächst nur mit Stimme und Gitarre. Deren Klangform über das meisterliche dritte Album von St. Vincent wie Latex gedehnt, mit Schimmer bestäubt und über Reibeisen zerraspelt wird. Spätestens beim Blick auf die Plattenrückseite wird klar, dass irgendwo im Preisen dieser Platte auch der Name des dort plakettierten und für solcherlei Verfremdungen ebenso wie für die Drum-Arrangements (allein schon dieser verschleppte R&Beat im Eröffnungsstück) verantwortlichen Produzenten und kreativen Kollaborateurs John Congleton fallen muss. Doch abgesehen von Hysterical Strength , das als Unterbau praktisch einen Song vom letztem Paper-Chase-Album hat, ist dies natürlich unüberhörbar Annie Clarks Show, ob mit ihrem kraftvoll eigendynamischen Saitenspiel oder ihrer immer noch an Ausdrucksstärke zunehmenden Stimme. Stärke, die sie zum Ausloten tonaler Höhen und emotionaler Tiefen nutzt und inmitten all der klangkonträren Reibungen und auf Entladung wartenden Nervosität so Strange Mercy nie seinen Fokus auf ihre vereinahmenden, direkt vom Unterbewusstsein auf Tonträger transferierten Melodien verlieren lässt.

[Albumstream] St. Vincent - Strange Mercy

66 aus 2011 (Teil 7)

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Platz 12
Iceage - New Brigade

Auch nach fast einem Jahr bin ich hin und weg von der kalten Macht dieses Albums. Rostmetallisch schaben die Gitarren mit postpunkiger Kantigkeit in lichtlose Kellerräume hinein, doch die Energie, mit der sie und die Rhythmussektion zu hoffnungsarm monochromem Gesang durch die Finsternis rauschen, ist eine rastlos punkige. Und doch sind es ein ums andere Mal nicht Atmosphäre und Impetus, sondern die simpel eingängigen Melodien, die einen so mitreißen und diese knappen Kleinode in einem kalten Rausch hindurchziehen lassen.

[Stream] Iceage - You're Blessed
[Albumstream] Iceage - New Brigade

Platz 11
Katy B - On A Mission

Als wären die 7 (sieben!) tollen Singles nicht schon Ausnahmestatus genug, war ich vom Debüt Katy Bs spätestens dann vollends hingerissen, sobald ich die Kopfhörer aufsetzte. Wo so viel überkomprimierte Musik (nicht nur Pop) jeglichen Sinn für Raum, Detail und Dynamik zum Fenster rausschmeißt im verzweifelten Versuch, nicht vom nächsten Song in der Radioplayliste übertönt zu werden, war On A Mission höchstwillkommener Hörgenuss. Klar, schließlich müssen diese Produktionen delikat und präzise der souligen Stimme-von-nebenan Katy Bs Platz lassen, ihre treffendst beobachteten Songs über Erlebnisse im Club und unter den Lichtern der Großstadt lassen On A Mission mit seinen bunt gemischten Clubsounds selbst wie eine unprätentiöse Pendeltour durch die Londoner Wochenendnacht wirken.

[Stream] Katy B - Broken Record
[Albumstream] Katy B - On A Mission

Platz 10
Hatchback - Zeus & Apollo

In einem Jahr, in dem New Age-Sounds so einigen als Inspiration dienten, war Sam Grawes sicher nicht der populistischste oder experimentellste Ansatz. Klar, hegte er doch anders als viele, die einfach zu jung sind um mit ihr als elitistischem Geschmackstabu aufgewachsen zu sein, schon lange eine verbotene Liebe für die verborgenen Meisterstücke des Genres. So prangt auf der Rückseite von Zeus & Apollo das Motto "New Age without shame", wer hier nun aber megakäsige Preset-Plastikorgien vermutet, wird enttäuscht. Die sechs Stücke sind vielmehr anmutige Zeitlupengleitflüge aus Vintage-Synthmaschinerie, sanft und doch bestimmt arrangiert - da darf natürlich eine kleine Enya-Hommage nicht fehlen.

[Stream] Hatchback - The Violet Sequence
[Albumstream] Hatchback - Zeus & Apollo

Platz 9
Nadia Oh - Colours

Es geht das Gerücht um, Nadia Oh gäbe es gar nicht. Kein Wunder, bei solchen Videos, die wie einen glitchigen CGI-Popstar aus dem Rechner porträtieren. Kein Wunder, bei der Steifheit ihrer Robotune-Stimme, die stets gedehnt, verpitcht, zerhäckselt und rekombiniert wird und soundboardartig identische Geräuscheffekte ("Boom!" "Ha!" "Brah!" "Yup!" "Rawr!") reproduziert. Kein Wunder, wirken doch ihre Texte, als hätte dafür eine Maschine trendende Twitter-Hashtags (#swag #katemiddleton #moombahton #omglol) durchsucht und mit dem Restzeitgeist der letztjährigen Clubsong-Thematik daraus Popsongs zwischen M.I.A., Ke$ha und Moombahton zu frankensteinen versucht. Inmitten aller Retro-Debatten ist Colours so ein hypergegenwärtiges Popalbum, wie es nur in der ersten Jahreshälfte 2011 erscheinen konnte. Und ein glorreiches. Berauschend fliegen einem über zerstörungslustigen Beats Glöckchen und Sirenen um den Kopf, während ravige Funkelsynths unwiderstehlich penetrante Hooks in den Raum feuern und gelegentlich in digitalem Sprühregeln explodieren. Nadia Oh gibt unmenschlich verzückt dazu das genial-hirnverbrannte Epitom der Partyhedonistin, immer auf der Jagd nach dem nächsten Kick, was dazu führt, dass auch dieses ausfallsfreie Popalbum in seiner schieren Mit-sich-selbst-Berauschtheit letztlich jeden Hörwiderstand überwindet.

[Stream] Nadia Oh - Takin Over The Dancefloor
[Albumstream] Nadia Oh - Colours

Platz 8
Kate Bush - 50 Words For Snow

Liebe Leute: Ich möchte ja auch sagen, dass Elton John in seinem Gastauftritt emotional überzieht. Dass das Titelstück zu lang ist. Ich fand ja auch die Single zunächst besorgniserregend. Die Sache ist nur die, dass diese Songs alle erst kommen, nachdem einen Kate Bush mit wenig mehr als Klavier und tiefer gerutschter Stimme eine halbe Stunde in wohlige, sinnliche, andächtige Schneepoesie gewickelt hat. Da erscheint der Quäkrefrain des Wild Man auf einmal in stimulierender Abenteuerlust, setzt das Duett einen dramatischen Emotionskontrapunkt. Vor allem aber wird klar, wie bewusst Kate Bush selbst die potentielle Überzogen- und Albernheit all ihrer Ideen ist und sie diese mit herrlicher Unernstigkeit ("Phlegm de neige"!) untergräbt. Selbst damit ist es sicher kein Album für Jedermann - aber dann stünde ja auch nicht der Name Kate Bush vorne drauf.

[Albumstream] Kate Bush - 50 Words For Snow

Platz 7
Liturgy - Aesthetica

Da ich Black Metal am liebsten mochte, wenn er Waldromantik versprühte, war das Thema mit Alcest für mich schon länger rum. Aestheticas gleißender Gitarrenstrom ist ohnehin näher dran an z.B. Brancas The Ascension, nur noch übergipfelt von Hunter Hunt Hendrix' frenetischem Kreischen rasen diese dichten Wellen von nicht minder lückenlosen Perkussionswänden getrieben auf und ab, in mathigem Zickzack und Abhack hin und her. Selbst die trashige Aufnahme kann diese helle Intensität nicht verbergen, die Liturgy auch dank gelegentlicher Zwischenspiel-Erdung makellos aufrecht erhalten und sich dermaßen immer wieder in kathartischen Eruptionen übertrumpfen, dass der finale Track schließlich imposant an allen vier Wänden rüttelt.

[Stream] Liturgy - High Gold
[Albumstream] Liturgy - Aesthetica

66 aus 2011 (Teil 6)

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Platz 21
Container - LP

Warum kann Techno nicht öfter so offensiv schmutzig sein? Containers Stücke klingen, als hätte er sich sein Equipment selbst solala zusammengebastelt, jeder Waberton, Klatscher, Maschinenbeat scheint am Rande zerfranst und hallt krisselig nach - selbst, wenn sie in Dissolve anfangs noch intakt erscheinen. Das Großartige an diesen krachigen Tanznummern ist aber, dass sie nicht bloß angesagt texturierter Kram zum Nebenherhören sind, sondern mit ihrem Aufbau und ihrer schieren Körperlichkeit tatsächlich zum Noiserave taugen. Wo auch immer diese Party stattfinden würde.

[Stream] Container - Dissolve
[Albumstream] Container - LP

Platz 20
Dominik Eulberg - Diorama

Seit ich Die 3 Millionen Musketiere in einem Club hörte, wusste ich, dass mir diese (mir da noch unbekannte) Platte gefallen würde. Und oh Wunder, sie kam von Dominik Eulberg, dessen Musik mir bis dato nie so gut gefallen hatte wie ich sie mir vorstellte. Sein wunderbares Diorama steht dem Konzept, 11 (auf CD, der LP fehlen leider ein paar Stücke) kleinen Waldwundern zu huldigen, nicht nach: Es brilliert darin, einen elektronischen Mikrokosmos aus Tonfiguren zu versammeln, die alle ihren eigenen Charakter und gar eine eigene Dynamik zu haben scheinen. In unterschiedlichem Tempo und Bewegungsmuster springen sie, kriechen, schwingen oder pulsieren starr auf der Stelle, letztendlich kommen sie aber als harmonisch interagierendes Ökosystem zusammen - zum musikalischen Wohlklang.

[Stream] Dominik Eulberg - Die 3 Millionen Musketiere
[Albumstream] Dominik Eulberg - Diorama

Platz 19
Fucked Up - David Comes To Life

Bisher war ich ja der Überzeugung, Fucked Ups Stücken würde Ausgedehntheit am besten stehen, Hidden World und die Tierkreiszeichen-EPen fand ich immer stärker als The Chemistry Of Common Life. Aber auch wenn es allein aufgrund der schieren Masse an Songs echt etwas zu lang ist, auf David Comes To Life sind einfach zu viele angeproggte Punkhits unterhalb der Fünf-Minuten-Grenze, als dass diese These Bestand haben könnte. Da ist sogar das unnötige überdehnte Überkonzept verziehen, das sich aber bei all der musikalischen Hardcore-Intensität problemlos ignorieren lässt.

[Stream] Fucked Up - Queen Of Hearts
[Albumstream] Fucked Up - David Comes To Life

Platz 18
Pete Swanson - Man With Potential

Noise-Techno die zweite. Wobei hier die Beats nur die halbe Miete sind, Pete Swanson schielt eher schräg am Tanzflur vorbei und unternimmt Voigtsche Waldexkursionen durch visionäre Metalldickichte. Ob erhabener Droneflug oder klaustrophobische Knarzgewitter, stets mutieren die dichten Krachgeflechte, rauschen flittrige Lichtläufe, unkenntlich verzerrte Gitarren oder Stimmen herbei und reihen sich prompt in das wuchtige Geschehen ein, das kathartisch aus dem Lautsprecher bollert.

[Stream] Pete Swanson - Misery Beat
[Albumstream] Pete Swanson - Man With Potential

Platz 17
Devin Townsend Project - Ghost

Nach Ki und dem Metalpop von Addicted kam Devin Townsends wahnsinnig ambitionierte Tetralogie 2011 mit dem (mir etwas zu) überdrehten Deconstruction und Ghost zu einem Ende - und Anfang, da jedes Albumoutro nahtlos ins Intro eines anderen übergeht. Die beiden Werke könnten kaum unterschiedlicher sein, an die Naturverbundenheit Terrias erinnernd entledigt sich Ghost aller Metal-Härte und lässt seiner new-agigen Seite freien Lauf. Entspannt wie nie wirkend lässt sich der Hyperaktive vorwiegend an der Akustikgitarre singend Zeit für meditative Songs, die beim ersten Panflötenton klar machen, dass er auch hier keinerlei geschmacklichen Kompromiss eingeht. Nur was für ganz Hartgesottene.

[Stream] Devin Townsend Project - Feather
[Albumstream] Devin Townsend Project - Ghost

Platz 16
Eleanor Friedberger - Last Summer

Last Summer ist eine Doppelreise: Einmal eine zeitliche, durch die Erinnerungen Eleanor Friedbergers, zum anderen eine geographische durch die Straßen New Yorks, in denen sich scheinbar ihr gesamtes Leben abgespielt hat. Darin unterscheiden sich ihre eigenen gar nicht mal so sehr von den Songs, die sie gemeinsam mit ihrem Bruder bei den Fiery Furnaces macht. Doch wo sich diese in ebenso obskur-exotischen Orten wie in fernst zurück liegenden Zeiten abspielen können, bleiben die Handlungen ihres Debütalbums stets in greifbarer Nähe, erhalten sich eine Qualität die sie nicht wichtiger, aber persönlicher werden lässt. Sie versucht nämlich gar nicht erst, zu erklären was einen Park vom anderen unterscheidet oder was genau sich an der Kreuzung 38th und 7th befindet. Sie erzählt einfach locker drauf los, als wären alle, die ihr zuhören ebenfalls von dort, hätten einen Teil ihrer Wege selbst gegangen und kännten sich selbstverständlich bestenfalls in New York aus.

[Stream] Eleanor Friedberger - My Mistakes
[Albumstream] Eleanor Friedberger - Last Summer

Platz 15
Komplizen Der Spielregeln - Lieder Vom Rio D'Oro

Ich muss es zugeben, der Name hatte mich auch lange Zeit abgeschreckt. Doch beim Nachholen ihres letzten Albums fiel mir dann auf, dass mich Komplizen Der Spielregeln begeistern konnten, wie es eine deutschsprachige Band nur alle paar Jahre mal schafft. Weil ihre Texte nichts plakativ aufdrücken, sondern ein Strom sind, dem ich bedeutsame Bestimmtheiten entnehmen kann. Weil sich ihre Musik auf der interessanteren Seite von Indierock hält, anstatt mäßige englische Bands oder den abgehackten Tomte-Abschlag abzukopieren, weil hier immer wieder Post-Hardcore, Noiserock oder melodisch collegerockige Sechssaiter-Wechselspiele den Ton angeben, sie aber auch zu elektronisch besaitet sind um einem Retrosound anheimzufallen. Und weil sie einen stimmlich präsenten Sänger haben, der schreien kann. Und es auch ab und zu tut.

[Stream] Komplizen Der Spielregeln - Befehl Von Oben
[Albumstream] Komplizen Der Spielregeln - Lieder Vom Rio D'Oro

Platz 14
Belong - Common Era

Wenn ich dieses Jahr nach Hause kam und mir sicher war, dass ich für nichts mehr Kraft aufwenden müsste, dann erst habe ich es gewagt, Common Era aufzulegen. Nach ein paar Sekunden hat mich dieser absichtlich verkappte Pop immer wieder aufs Neue mit seiner vergilbten Schönheit gelähmt. Es ist die Art, wie der Gesang so schmerzhaft außer Griffreichweite distanziert nie das letzte Wort eines Satzes zu beenden scheint; als würde sein jeder Gedanke, jedes emotionale Lament unhaltbar im Äther aufgehen, von den knarzig-noisigen Stürmen um ihn herum davongeweht. Wenn sich jemand fragt, was mit einem bezaubernden Shoegaze-Album passiert, wenn es in eine Pfütze und der Korrosion anheim fällt: Common Era ist die Antwort.

[Stream] Belong - Never Came Close
[Albumstream] Belong - Common Era

Platz 13
The Field - Looping State Of Mind

Vielleicht liegt es daran, dass ich Yesterday And Today nur so halb gut fand, vielleicht daran, dass das neue Field-Album der großartigen Live-Energie der Band weitaus näher kommt, in jedem Fall ist meine Freude an Axel Willners modernem Dream-Pop hiermit wieder heiß und innig entflammt. Was vorher flach wirkte, wird hier tiefenwirksam von Schlagzeug und Bass ausgeformt, die sequenzierten Sphären sind glückserfüllt wie nie und halten auch mal ne Überraschung bereit. Der Unterschied zu Vorherigem ist in etwa so, wie es oft nur allzu enttäuschend von 3D-Filmen angepriesen wird - doch falsche Versprechen sind das letzte, was Willner im Sinn hat. Seine gleichgehaltenen, simplen Albumcover lassen weiterhin nicht vermuten, welche Herrlichkeit sich dahinter verbirgt.

[Stream] The Field - Then It's White
[Albumstream] The Field - Looping State Of Mind

66 aus 2011 (Teil 5)

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Platz 30
Seefeel - Seefeel

Es war das erste Album, bei dem meiner Anlage das Vinylformat zum Vorteil gereichte. Ein stellenweise verschlepptes Schlagzeug gibt mit spärlichen, aber kräftigen Anschlägen eine staksige Erdung für ein Füllhorn aus noisigen Klängen, die in einem Meer aus Ätherstimmen, synthetischen Oszillationen, dubbigen Grooveläufen und knarzigen Texturen auf- und wieder abtauchen. Doch was den Albumverlauf charakterisiert, ist ein irgendwann einsetzendes Basswabern, das sich zur Mitte hin mit zunehmendem Volumen aus den Lautsprechern ausbreitet und die Rückkehr der Post-Rock-Veteranen einen guten Deut tiefenintensiver gestaltete.

[Stream] Seefeel - Dead Guitars
[Albumstream] Seefeel - Seefeel

Platz 29
Kuedo - Severant

Nachdem es rein auf dem Papier wie für mich gemacht zu sein schien, brauchte es ja doch ein wenig, bis ich mich an die dauernervöse Snareklöppelei Severants gewöhnt hatte. Aber anders als beim Teenagerschlafzimmer-vermufften ADS-Prog von Rustie machte es zum Glück mit Kuedos erhabenem Beat-Futurismus irgendwann Klick. Egal, ob die von Vangelis inspirierten glanzvollen Synths zwischen die synkopierten Beatmuster geschnipselt sind oder unterbrechungslos weit ausschweifen, ob bloß farbvolle Textur oder sich aus Einzelmotiven zur Meta-Melodie entwickelnd, immer vermitteln sie eine sehnsuchtserfüllte Weite, die nicht einmal der am weitesten nachhallende Klatscher auszuloten vermag.

[Stream] Kuedo - Ant City
[Albumstream] Kuedo - Severant

Platz 28
Kitchen's Floor - Look Forward To Nothing

Das einzige Makel am zweiten Album des Aussie-Trios ist, dass es nicht 7 Sekunden länger ist - dann dauerte es nämlich exakt 20:11 Minuten. Aber wenn Kitchen's Floor eines sind, dann ökonomisch, so shreddern, hupen und poltern sie über diese Spielzeit durch 10 ballastlose Rock-Rauheiten, ohne dabei gehetzt zu wirken. Sie brillieren darin, schnell zur Sache (Kiwipop-unterorgelte, stimmzerhallte Hooks) zu kommen, sich damit ohrwurmigst zu inszenieren und bevor ihre Wirkung nachlässt wieder von der Bühne zu verschwinden.

[Stream/MP3] Kitchen's Floor - 116

Platz 27
La Dispute - Wildlife

Mit seinen wortreichen Texten über ein Amerika im sozialökonomischen Verfall füllt der erschüttert heisere Jordan Dreyer das Booklet schon proppevoll genug, um Wildlife zu einem herausragenden Posthardcore-Werk zu machen. Doch die Musik steht dem in nichts nach, immer wieder unterstützt sie ihn in mitreißenden Studeln, Läufen, Wendungen und Brüchen, alles eingefangen in einer herrlich trockenen, effektarmen Produktion die diese Songs noch einen schmerzlichen Tick rauer und intimer wirken lässt.

[Stream] La Dispute - Safer In The Forest​/​Love Song For Poor Michigan
[Albumstream] La Dispute - Wildlife

Platz 26
The Men - Leave Home

Schon was seltsam, wie sich genau die beiden punkigen Neulinge, für die ich zu Jahresbeginn große Hoffnungen hegte, am Ende auf vielen Magazinlisten als die einzigen ihrer Gattung erwiesen. Dabei taugt Leave Home eigentlich als Album oder singuläre Ästhetik nicht sonderlich viel, ist eine zu heterogene Mischung schwerriffiger Noiserock-Songs. Doch die sind eben von einer einenden Intensität erfüllt, die jeden Augenblick aus ihnen herauszuplatzen droht, wenn es links und rechts aus allen Nähten fiept und pfeift und dröhnt und die Band mit einer verzweifelten Wüstheit spielt, als würde sie gegen ein höllenwärts fahrendes Rollband anrennen.

[Stream] The Men - Bataille
[Albumstream] The Men - Leave Home

Platz 25
Gold-Bears - Are You Falling In Love?

Luftholen wird überbewertet. Nicht nur in ihrer Rasanz und der Art, wie oft nur einen Anschlag nach dem letzten schon der erste eines neuen Lieds beginnt, sind Gold-Bears auf ihrem Debüt mehr Punk als die meisten Punk-Bands, mehr aber noch ist Are You Falling In Love? ein quietschnoisiges Indiepop-Album. Eines, das wie kein anderes Laune zum Mitemotionalisieren macht, wenn Jeremy Underwood mit Mac-McCaughaniger Exuberanz "In this city I'm invincible" über Wedding-Present-Turbojangle ausruft oder im (relativ) Slowtempo-Titelstück sein "Fuck my life" von Feedback und Streichern betrauert wird. Eines, dem an Catchyness und Energie niemand das Wasser reichten konnte. Das Indiepop-Album des Jahres. Natürlich auf Slumberland erschienen.

[Stream] Gold-Bears - Record Store
[Albumstream] Gold-Bears - Are You Falling In Love?

Platz 24
Julianna Barwick - The Magic Place

Wie bei den meisten dieser Alben war The Magic Place eines, das ich nie so gut in Erinnerung hatte wie es sich immer wieder beim Hören erwies - aber deswegen mach ich das ja auch mit all meinen Anschaffungen jeden Dezember nochmal. Gerade die aufeinandergeschichteten, wortlos weithallenden Vocals Barwicks erscheinen auch bei gelegentlich hinzugefügtem Pluckerbass oder Piano simpel, beziehen aber ihre Stärke im Wechselspiel oder Weiterreichen von Tönen und Melodien untereinander, oder einfach von der erhabenen Fülle wenn Barwick sich selbst loopend zum erhabenen Chor multipliziert.

[Stream] Julianna Barwick - White Flag
[Albumstream] - The Magic Place

Platz 23
Parts & Labor - Constant Future

Auch Parts & Labor verkündeten kürzlich ihr (zumindest vorläufiges) Ende, mit Constant Future nahm die hymnischte Noiserockband aller Zeiten dafür charakteristisch Abschied. Ob es nun stimmt oder nicht, dass das Album in einem Boxring aufgenommen wurde, anhand der polternden Einschlagswucht von A Thousand Roads z.B. würde man es allemal glauben. Mit aller Kraft bäumen sich Parts & Labor gegen alle Gründe, die ihre Texte zum Pessimismus liefern, auf und insistieren, nie weit von einem bunten Piepknarzpanorama entfernt, auf Hoffnung.

[Stream] Parts & Labor - Constant Future
[Albumstream] Parts & Labor - Constant Future

Platz 22
Andrew Pekler - Sentimental Favourites

Konzeptuell scheint sich Andrew Pekler schon lange dort zu bewegen, wo Daniel Lopatin erst gerade so richtig ankam. Von Vinylknistern und gesampelter Natur-Ambience psychedelisch eingerahmt, nutzt Pekler hier Fragmente alter Easy-Listening-Scheiben in seinen zwar unanstrengenden, aber schwer vereinnahmenden Eigenkompositionen. Wieviel davon im Detail eigen und wieviel Vintage-Schnipsel ist, vermag ich an manchen Stellen gar nicht zu sagen - selbst das physische Vinylpaket ist schön als pseudo-historisches Dokument aufgezogen - doch die technische Gesamtkomposition scheint mir, ohne dass sie es einem vors Gesicht hält, klar eine moderne - oder doch zeitlose?

[Stream] Andrew Pekler - Prelude To A Summer
[Albumauszug] Andrew Pekler - Sentimental Favourites

66 aus 2011 (Teil 4)

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Platz 39
Oneohtrix Point Never - Replica

Nach den noch recht assoziationsfreundlichen Dronescapes der Vergangenheit schaffte Daniel Lopatin mit seinem diesjährigen Oneohtrix-Album sicherlich die konkreteste Umsetzung seiner künstlerischen Vision. Recycling als Kitsch verrufener VHS-Fundstücke, das hatte er schon in seinen anderen Projekten ansatzweise betrieben. Mit dem Einbringen dieser Sampeleien in sein Hauptwerk als Oneohtrix Point Never machte Lopatin zwar nicht seine beste, aber vielfältigste Platte - wobei es vor allem die Mischung polierter und harscher Sounds ist, die mich hieran reizt, woher die kommen ist bei all ihrer Dehnung, Zerrung und sonstigen Transformation eh nicht nachvollziehbar.

[Stream] Oneohtrix Point Never - Sleep Dealer
[Albumstream] Oneohtrix Point Never - Replica

Platz 38
Rangers - Suburban Tours / Pan Am Stories

Joe Knights erste LP Suburban Tours ist zwar schon über ein Jahr alt, aber weil ich halt damit meinen Plattenspieler einweihte hat sie mich vielmehr durch die letzten 12 Monate begleitet. Es erwies sich auch als gute Vorbereitung auf das satte Doppelalbum Pan Am Stories, denn auch hier muss man erst mal in die benebelten Aufnahmen seines erschöpft dahinkriechenden Psych-Rocks eintauchen. Langsam schälen sich dann aus dem Nebel gegrillter Vocals, flattriger Synths und der beiden gniedelig bzw. klar hallenden Gitarrenspuren ein ums andere Mal so kleine, feine Halbmelodiechen raus, die der unscheinbaren Musik bemerkenswerte Langspielqualität verleihen.

[Stream] Rangers - Zeke's Dream
[Albumstream] Rangers - Pan Am Stories

Platz 37
EMA - Past Life Martyred Saints

Noch so ein Album, zu dem ich mir eine stärkere persönliche Bindung gewünscht hätte, ich kann nämlich völlig sehen wie Erika Andersons Reibeisen-Erlösungstrip so manchen zum Lieblingsalbum des Jahres wurde. Aber so groß California und Marked (oder im letzteren Falle eine lange Zeit eher klein) sind, am liebsten waren mir die dronigen Epen zu Beginn und Ende, in denen EMA richtig Anlauf nehmen konnte um mit ihrem metallenen Noise-Folk in unheilige Aschewolken abzuheben.

[Stream] EMA - The Grey Ship
[Albumstream] EMA - Past Life Martyred Saints

Platz 36
Veronica Falls - Veronica Falls

Gewiss, ihre Melancholie ist mit gothigem Beiklang und Friedhofsliebesliedern ein wenig finsterer als die der meisten. Doch was das Debüt des britischen Quartetts zur zweitbesten Indiepop-Platte des Jahres macht ist die unverschnörkelte Funktionalität, mit der sie ihre simpel gestrickten Songs hocheffizient darauf hinauslaufen lassen, einem ihren gesangsharmonischen Refrain um die Ohren zu hauen. Was sie auch mit gerechtfertigter Überzeugung machen können, fast jeder Song hierauf könnte bei anderen Bands eine hervorragende 7" hergeben - nur bringen jene anderen in der Regel auch nur eine 7" von solchem Kaliber pro Jahr, während Veronica Falls ein ganzes Album davon haben.

[Stream/MP3] Veronica Falls - Come On Over
[Albumstream] Veronica Falls - Veronica Falls

Platz 35
Thursday - No Devolución

Daran konnten auch die schlimmsten Fridmann-Exzesse nichts ändern, Thursdays letztes Album war ein würdiger Abschluss für die Gruppe, die sich im gleichen Jahr als Wegbereiter für den Post-Hardcore-Nachwuchs entpuppte. Aber Respekt wo fällig, es ist halt auch die sonische Abenteuerlust in der Zusammenarbeit mit dem König des Kaputter-Lautsprecher-Sounds, die Thursday noch mal zu neuen kreativen Glanzleistungen aufschwang. Ob in sanfter Sphärik, übersteuert polternden Lawinen oder dramatisch verhallten Soundscapes, Geoff Rickley steckt weder persönlich noch politisch zurück und malträtiert seine verwundete Stimme bis zum formidablen Screamo-Schluss.

[Stream] Thursday - Magnets Caught In A Metal Heart
[Albumstream] Thursday - No Devolución

Platz 34
James Ferraro - Night Dolls With Hairspray

Bevor der Mann mit dem Mega-Afro auf Far Side Virtual den klinischen Gadget- und App-Kosmos der digitalen Boheme vertonte, brachte er 2010 noch das weitaus tollere Nightdolls With Hairspray heraus - so spät, dass das Album eh erst am Jahreanfang bei mir ankam. Wie einst Ariel Pink intonieren hier hausgemachte Cartoonstimmen, Plastik-Riffs und Klappermaschinen verkorkste Radiohits mit fabelhaftem Hookgespür, im Gegensatz zu Pink jedoch mit einer Freude am Popkultur-Referenzieren dass man immer wieder das Gefühl haben könnte, hier sei alles nur gesampelt und geklaut. Perfekt wird der collagistische Wahnwitz schließlich, wenn die Songs ein synthetisch gegeigtes Rule Britannia vorangestellt kriegen oder unterbrochen werden, weil das Album wild durch imaginäre Radio- und TV-Kanäle der 80er zappt.

[Stream] James Ferraro - Leather High School
[Albumsampler] James Ferraro - Night Dolls With Hairspray

Platz 33
Future Balearica 2: A New Wave Of Chill

Furchtbarer Titel, furchtbar guter Inhalt. Nun, zumindest theoretisch, im Gegensatz zur Download-Variante enthielten die beiden CDs der Compilation nämlich neben einem Mix aller Stücke nur einen Teil davon auch einzeln. Aber naja, da lässt sich ja nachhelfen, denn zu durchgängig gut ist die Auswahl dieser 17 Sommerfreudenspender; von Herrn Terjes meisterlicher B-Seite über die belebteren In The Water und Need Your Love im Lee-Douglas-Remix bis zur sich bezaubernd langsam entfaltenden Panorama Suite Max Essas, zwischen denen dank der Abwesenheit von Indiegurken wie Animal Collective und The xx die Ungereimtheiten der ersten Ausgabe ausbleiben.

[Stream] Todd Terje - Snooze 4 Love
[Albumsampler] Future Balearica 2: A New Wave Of Chill

Platz 32
Merchandise - Strange Songs (In The Dark)

Es hätte mir echt was früher einfallen können, vom guten Geschmack des Labelblogs von Katorga Works darauf zu schließen, dass auch deren eigene Platten etwas taugten. Zum Glück erhaschte ich noch ein Exemplar des vielerorts ausverkauften Noisepop-Kleinods von Merchandise, das irgendwo den postpunkigen Geisterpop früher Blank Dogs mit späterem No-Age-Echopunk verbindet, aber sowohl stärkeres Songwriting aufweist als auch emotional schärferen Gesang - das muss letzterer auch sein, um gegen die Intensität der schneidenden Elektronik anzukommen.

[Stream] Merchandise - I Locked The Door
[Albumdownload] Merchandise - Strange Songs (In The Dark)

Platz 31
John Maus - We Must Become The Pitiless Censors Of Ourselves

Schon lustig mitanzusehen, wie sich der Zeitgeist in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Wurden Ariel Pink und sein Geistesverwandter John Maus vor fünf Jahren noch wenig geschätzt oder gar als Poser verachtet, die sich in ihren Klangästhetiken der Unklarheit versteckten, hat sich seitdem dermaßen viel ähnlich ausgehöhlter Musik verbreitet, dass Maus' textkryptischer Nebelsynthpop mittlerweile nicht nur auf größere Akzeptanz stößt, sondern We Must Become The Pitiless Censors Of Ourselve sogar vergleichsweise poliert erscheint - besser kamen die Songs nur noch auf seiner wirklich grandiosen Psycho-Karaoke-Liveshow rüber.

[Stream] John Maus - Believer
[Albumstream] John Maus - We Must Become The Pitiless Censors Of Ourselves

66 aus 2011 (Teil 3)

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Platz 48
Joanna Gruesome - e.p

Es gibt so einen magischen Punkt, an dem schrottige Produktion aufhört, bloß völlig kaputt zu klingen und die Musik mit diesem unfassbaren Lo-Fi-Etwas beseelt. Diesen Punkt erreichen die lose zusammengestellten frühen Aufnahmen des walisischen Indiepop-Quintetts gewiss nicht, hier wird wust drunter- und drüberkomprimiert und verhallt und gefiept und übersteuert und das von Song zu Song unterschiedlich. Doch was das schon akzeptable Pantry Girl mit dem Demoqualität-Thrasher Sugarcrush eint, ist dieses andere unfassbare Etwas: Ein fabelhaftes Gespür für Ohrwurm-Harmonien, das durchaus mit der ersten EP der Pains Of Being Pure At Heart konkurrieren kann, allerdings deutlich mehr Freude am Rumpoltern mitbringt.

[EP-Stream] Joanna Gruesome - e.p

Platz 47
Selected Label Works 3

Keine Frage, Permanent Vacation ist für mich ne Bank, höchstens DFA trifft noch öfter diesen poppigen Schnittbereich von Disco und House, in dem sich auch dieses Jahr wieder viele Feinheiten finden ließen. Und obwohl ich das weiß, haut mich auch die diesjährige Jahrescompilation des Münchner Labels wieder mit ihrer Konsistenz und mit ein paar von mir bislang völlig übersehenen Überraschungssensationen (dieser Tomahawk-Remix!) um, diesmal verteilt auf eine v.a. hitgeladene erste und stimmungsvollere zweite Silberscheibe verteilt.

[Stream] Midnight Magic - Drop Me A Line
[Albumstream] Selected Label Works 3

Platz 46
Los Campesinos! - Hello Sadness / Heat Rash 1&2

Dass Los Campesinos! eine allein auf Vinyl verfügbare Singles-Serie starteten, war der letzte Push der mich im vergangenen Jahr dazu brachte, mir doch noch einmal einen Plattenspieler zuzulegen. Zwar erwies sich das Projekt als aufwändiger als vermutet, so dass bislang nur die Hälfte der experimentier- und kollaborationsfreudigen 7"s fertig wurde, aber zwischendurch war schließlich auch noch ein neues Album zu erschaffen. Das zeigte mit neuem Fokus auf Zurückhaltung und stimmlicher Reife endgültig, dass diese Band Wege findet, über ihren Tweexcore-Initialschub hinaus zu existieren - wer hätte je gedacht, dass die You! Me! Dancing!-Kids einmal so etwas herrlich düster-erhabenes wie The Black Bird, The Dark Slope erschaffen würden?

[Albumstream] Los Campesinos! - Hello Sadness
[Stream] Los Campesinos! - Heat Rash 1

Platz 45
Ada - Meine Zarten Pfoten

Ich will gar nicht wissen, wie vielen dieses Album entgangen ist weil sie dahinter astreinen Techno vermuteten. Dabei bleibt Mein Zarten Pfoten drei Stücke lang gänzlich beatlos, mutet mit Adas Gitarrenspiel, warmen Texturen und Ambient-Samples überaus Mittelmeer-europäisch an und verstrahlt eine behagliche Entspannung, als würde man die Welt mit halb zugekniffenen Augen betrachten. Wenn dann einmal Beats verhalten einsetzen, sind auch sie nur im Dienste von Stimmung, Songwriting und bereichernden Sounddetails, die mit oder ohne Kopfhörer die gemütliche Intimität eines Balkonien-Urlaubs verströmen.

[Stream] Ada - Likely
[Albumstream] Ada - Meine Zarten Pfoten

Platz 44
Wild Flag - Live @ The Troubadour, West California, 02.11.2011

Wenn Carrie Brownstein in Nothing "We've got nothing left to lose" singt, könnte sie fast auch "to prove" dort einsetzen. Allein Wild Flags gleichnamiges, für mich etwas zu trocken produziertes Album blieb noch den Beweis schuldig, dass sie eine überragende Band sind, zum Glück gibt's ja Liveaufnahmen wie diese (etwas leichter zu finden dürfte der nicht minder gute NPR-Mitschnitt sein). Dort hört man von Anfang an den Spaß am gemeinsamen Rumholzen in ohnehin tollen Songs, wenn sich die Stimmen gutlaunig überschlagen, vor allem aber kommt hier Janet Weiss' Powerspiel voll zur Geltung, das auch ausgedehnte Jamversionen von Racehorse zu ungemein druckvollen Höhepunkten antreibt.

Platz 43
Delicate Steve - Wondervisions

Herrlich: Gebt einem inspirierten jungen Mann nur viele Instrumente und wenig zu tun, schon kommen dabei Wondervisions heraus. Weniger delikat als abenteurlustig verzahnt Steve Marion seine regenbogenfarben verfremdeten Gitarrenläufe über R&B-Grooves, die er sich aus ein paar Schlagzeugüberresten selbst zusammengekleistert zu haben scheint. Egal ob polyrhythmisch elektrisiert oder im medidativen Plastikdrone blubbriger Billigsynths, nie steht dieses Album seinem Cover in Sachen Farbenfreude nach.

[Stream/MP3] Delicate Steve - Butterfly
[Albumstream] Delicate Steve - Wondervisions

Platz 42
Young Galaxy - Shapeshifting

Das Beispiel macht Schule: Nach Young Galaxy haben sich nun auch die schwedischen Mary Onettes darauf eingelassen, ihren Sound von Dan Lissvik von Grund auf neumöblieren zu lassen. Und wer könnte es ihnen verdenken, bei diesem Ergebnis? Die träumerisch-schwelgerischen Melodien des kanadischen Trios werden in Lissviks zentimetergenau verwinkelte Produktion eingerahmt, gleichzeitig vermittelt er der Musik ein Gefühl von Freiheit, als würde sie elegant über eine dubbige Winterlandschaft gleiten.

[Stream] Young Galaxy - Peripheral Visionaries
[Albumstream] Young Galaxy - Shapeshifting

Platz 41
Deaf Wish - Mercy

Es kann gar nicht genug betont werden, wie viele sagenhaft lebhafte Gitarrenbands in letzter Zeit in Australien (und Neuseeland natürlich) ihr Unwesen treiben. Beachtet wird das landesaußerhalb wohlgemerkt kaum, zu naheliegend sind der US-Journaille die müden Lokalheroen. Ob Deaf Wish hiermit große Wellen hätten schlagen können ist aber auch fraglich, zu durcheinander und zerbrechlich erscheint anfangs die Abwechslung aus Flugnonnen-Jangle, noisigen Krachern, melancholischen Leerräumen oder Sonic-Youth-Schiefheit (inklusive einer herrlich Gordonesken Sängerin) - doch wird damit erst die emotionale Labilität ihrer Songs so richtig unterstrichen, und je öfter ich diese sehr spezielle Mischung höre, desto eigener und aufregender erscheint sie mir.

[Albumstream] Deaf Wish - Mercy

Platz 40
Tycho - Dive

Scott Hansen ist Grafikdesigner - ein sehr guter, wie man dem Cover seines Werkes als Tycho ablesen kann. Gerade seinen Sinn für die Anordnung von Einzelelementen und die Auffrischung klassischer Stile hat er erfreulicherweise ebensogut auf seine Musik angewendet, in der er mit analogen Synthesizern und digitalen Schlepptopbeats das macht, was er als Fan am besten kennt: balearisch besaitete Strandgemälde, für die Vocals keine Notwendigkeit, aber ab und an eine Bereicherung sind. Und die er nicht selbst beisteuert - seine Grenzen kennt er offenbar auch ganz gut.

[Stream] Tycho - Hours
[Albumstream] Tycho - Dive

66 aus 2011 (Teil 2)

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Platz 57
Patrick Wolf - Lupercalia

The Bachelor wirkte 2009 wie ein Alles-oder-nichts-Schritt. Eine ambitionierte, fanfinanzierte Eigenveröffentlichung, deren Erfolg Grundbedingung nicht nur für eine Fortsetzung, sondern überhaupt für die künftige Kreativexistenz des Musikers Patrick Wolf zu sein schien. Doch weil seine Musik eben vor allem vom wechselhaften Leben des Menschen Wolf bestimmt wird, folgte statt der geplanten Fortsetzung ein neuer Pop-Anlauf. Darin erklärt The City die Stadt zum Feind der Liebe, argumentiert House fürs Sesshaftwerden im Naturidyll und schwärmt Slow Motion dermaßen überzeugend von "Breathless Devotion", dass man diesem Mann jegliche Inkonsequenz nachsehen möchte.

[Stream] Patrick Wolf - The City
[Albumstream] Patrick Wolf - Lupercalia

Platz 56
Times New Viking - Dancer Equired

Wenn das mal keine Vorzeigediskographie ist: Angefangen bei Siltbreeze, weiter zu Matador und nun sind Times New Viking mit Album Nr. 4 die Zelte bei Merge aufgeschlagen. Dementsprechend auch mit weniger Rambazamba, Dancer Equired zelebriert Midwest-Wintermelancholie in braunkörnigen Studioaufnahmen, mit denen das Trio den Velvets nahe wie nie kommt ohne bei aller Reife den Blick auf die eigenen Song- und Singqualitäten zu verlieren.

[Stream] Times New Viking - No Room To Live
[Albumstream] Times New Viking - Dancer Equired

Platz 55
Moonface - Organ Music Not Vibraphone Like I'd Hoped

Nach der Marimba & Shit-Drums-EP folgt der zweite Teil von Spencer Krugs neuem Soloabenteuer erneut unter Beschreibung der darauf dominanten Instrumente. In 5 hypnotischen Langform-Kompositionen dreht Krug auf billigen Vintage-Orgeln Kreise um sich selbst, kredenzt impressionistische Geschichten aus Montrealer Partygesprächen und Meeresparabeln, die sich erst im Entstehungsprozess auf das ursprünglich als beat- und wortlos geplante Album geschlichen haben - selbst wo es bereits angekündigt ist, darf man also gespannt sein, wie Krugs kollaboratives nächstes Moonface-Werk ausfallen wird.

[MP3] Moonface - The Way You Wish You Could Live In The Storm
[Albumstream] Moonface - Organ Music Not Vibraphone Like I'd Hoped

Platz 54
M83 - Hurry Up, We're Dreaming

Etwas merkwürdig, dass Hurry Up, We're Dreaming so extreme Reaktionen ehrvorrief, war es doch ziemlich genau das, was ich mir von einem M83-Doppelalbum erwartet hätte. Da waren diese Momente, in denen man inmitten grandioser Synth-Ausstöße vor lauter Euphorie die Fäuste gen Himmel recken wollte, aber halt auch Songs auf der Suche nach einem guten Hook und umgekehrt. Und das auf etwa anderthalb mal soviel Musik wie sonst verteilt, was die Hörbipolarität zwischen Hingerissenheit und Erschöpfung etwas verstärkte. Aber es sagt glaube ich auch etwas über M83, dass ich seine Songs selbst dann noch mag, wenn ich sie in meinem Kopf jetzt immer so höre.

[Stream] M83 - Midnight City
[Albumstream] M83 - Hurry Up, We're Dreaming

Platz 53
Gatto Fritto - Gatto Fritto

Gatto Fritto ist sicher der Freund aller Mixmacher. Seine Sternendisco ist dermaßen fluide, stimmungsvoll und uneffekthascherisch, dass seine Stücke wunderbar vielseitig verwendbar sind. Als delikate Verschnaufpause vor und nach der ganz großen Nummer, als schwelgerisch-belebter Übergang von Tanz- zu Traumwelt oder einfach als elegantes In- oder Outro, immer wieder ist mir der Engländer die letzten Monate zu Ohren gekommen. Schönerweise funktioniert das alles auch so ausfallsfrei gut auf seinem Debütalbum, das eben diese Stücke stimmig versammelt und ihnen einen physischen und zeitlichen Raum nur für sich allein spendiert.

[Stream/MP3] Gatto Fritto - Hex
[Albumstream] Gatto Fritto - Gatto Fritto

Platz 52
Architecture In Helsinki - Moment Bends

Nach den overten Schrägheiten der Vergangenheit, die mir mit der Zeit Places Like This doch ziemlich versauert haben, verschrieben sich die Australier erfreulicherweise diesmal der synthetischen Klarheit ihres Albumcovers. Oberflächlich zumindest, denn unter all dem für ihr Label Modular typischen Pop-Glanz versteckten sich inmitten der Zuckermelodien auch allerlei unvermutete Verzerrungen und spinnerte Samples - nur eben so subtil eingebunden, dass man sich ihrer eigentlich erst dann erfreuen konnte, wenn man nicht bereits vor der allgemeinen Klangästhetik geflüchtet war.

[Stream] Architecture In Helsinki - Sleep Talkin
[Albumstream] Architecture In Helsinki - Moment Bends

Platz 51
Zodiac Free Arts Club - Floating World

Wenig unterstreicht das in den letzten Jahren aufgeloderte Kraut-Interesse so gut wie das Wirken Argyris Theofilis'. Der belebte nämlich nicht nur den Namen Zodiac Free Arts Club für dieses Projekt, sondern zudem die kollaborativen Berliner Sessions selbst, die vor Jahrzehnten unter diesem Namen liefen. Auf Floating World schauen so zumindest im Geiste Göttsching, Popol Vuh, Hillage oder Schulze vorbei und kriegen im Ausgleich dafür Stücke nach sich benannt - andächtiger kann Hommage kaum sein.

[Albumstream] Zodiac Free Arts Club - Floating World

Platz 50
Milk Music - Beyond Living EP

Während es in Sachen Indie Rock ein ziemliches Scheißjahr war, rumpelt es in raueren Gefilden dafür momentan ganz vorzüglich. Ein frühes Indiz dafür gab das Debüt der Amerikaner, das so spät im letzten Jahr über den Atlantik kam dass es eigentlich erst 2011 so richtig genossen werden konnte. Doch dieser Genuss kommt so schnell wie er lange anhält, heiseres Hüsker-Raunen intensiviert wuchtig bassierte Riffs über sechs flotte Songs, die mehr zu bieten haben als die meisten Bands über doppelt so viele.

[Stream] Milk Music - Beyond Living

Platz 49
Walls - Coracle

Was 2011 für mich auch war, war das Jahr in dem ich wohl mit Abstand die meisten Dance- und sonstwie elektronischen Alben für mich entdeckte. Darunter waren gar nicht mal so viele Neulinge, viele waren wie Walls welche, die ich schon vorher mochte, deren Debütalbum mir aber rundum nicht so gefallen hatte. Mit Coracle war das sicher nicht der Fall, hitzegetränkte Traumtänze die mit verzückt entfremdeten Vocals zum Bad in ihrer Klangwolke einladen und wie eine entspannte Variante des letztjährigen Chemical-Brothers-Meisterstücks Further wirken.

[Stream] Walls - Raw Umber/Twilight
[Albumstream] Walls - Coracle

66 aus 2011 (Teil 1)

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Platz 66
Those Dancing Days - Daydreams & Nightmares

Während das Debüt mehr ein Singles-plus-Rest-Ding war, gelang den Schwedinnen ihr zweites Popalbum rundum erfreulich. Von synthetisch unterstrichenem Phoenix-Funkeln über dunkel verhangene Atmo-Schleicher bis zu frenetischem Davonrasen - am schönsten beim Stalker-Hymnchen I Know Where You Live Pt. 2 - lieferte Daydreams & Nightmares genug gute Gründe, das vorläufige Ende der Band zu bedauern.

[Stream/MP3] Those Dancing Days - Can't Find Entrance
[Albumstream] Those Dancing Days - Daydreams & Nightmares

Platz 65
Milk Maid - Yucca

Viel 90er Retrogeschrammel in eher typisch amerikanischem Sound gab's dieses Jahr von jungen Brit-Bands serviert. Yuck, Mazes, Fanzine waren aber ebenso wie ihre Einwort-Namen nur die halbe Miete, überraschend konsistent zeigte sich hingegen das bis auf ein paar Aushilfs-Schlagzeuger solo eingespielte Debüt von Martin Cohen, der damit schon fast das kommende Reunion-Album von Guided By Voices im Voraus überflüssig machte.

[Stream] Milk Maid - Not Me
[Albumstream] Milk Maid - Yucca

Platz 64
Cut Copy - Zonoscope

Ich war's schon von In Ghost Colours gewohnt, dass Cut-Copy-Songs anfangs gering erscheinen, sich jedoch mit der Zeit renitent gegens Vergessenwerden wehren. Die Hoffnung auf den gleichen Aha-Effekt blieb diesmal allerdings unerfüllt. Zwar sind den dünnstimmigen Australiern wieder einige fabelhafte Synthdance-Momente gelungen, die sind jedoch ebenso halbgar in Songs eingebaut wie diese wiederum in ein Album, dem der Anschluss von einem ans nächste Stück mit bloßem Ambientsäuseln nicht überzeugend gelingen will.

[Stream] Cut Copy - Blink And You'll Miss A Revolution
[Albumstream] Cut Copy - Zonoscope

Platz 63
The Joy Formidable - The Big Roar

Es scheint nur konsequent für eine Band, die live selbst in Ikea-Regal-hohen Kellerclubs mit arenafüllendem Sound alles wegfegt, diesen mit einem ebenso bombastisch voluminösem Album zu reproduzieren. Doch so herrlich Songs wie Cradle und Whirring auch nach jahrelanger Bekanntheit bleiben (oder sich I Don't Want To See You Like This in diese Tradition einfügt), ohne ein paar Luftlöcher führt die Wall of Sound zu Atemnot, die The Big Roar ein leichtes Makel anstreichen.

[Stream] The Joy Formidable - Whirring
[Albumstream] The Joy Formidable - The Big Roar

Platz 62
Psychedelic Horseshit - Laced

Nachdem Psychedelic Horseshit die letzten Jahre die beste Lo-Fi-Rockband die niemand kennt waren, sattelten sie für Laced vollends auf spinnerten Experimentalpop um, mit dem sie schon immer am Rande rumgespielt hatten. Das Ergebnis ist herrlich verstrahlt, nicht minder psychedelisch realitätsverblubbernd als die Auswüchse des Not-Not-Not-Labels, aber von größerer Dynamik und vor allem mit einer gewaltigen Ladung charakterfräsendem Sarkasmus ausgestattet.

[Stream/MP3] Psychedelic Horseshit - Endless Fascination
[Albumstream] Psychedelic Horseshit - Laced

Platz 61
Handsome Furs - Sound Kapital

Im Jahr Eins nach Wolf Parade war eigentlich alles business as usual. Spencer Krug machte eine feine neue Platte, Dan Boeckner und Alexei Perry machten eine feine neue Platte und ich war froh über beides. Die größte Änderung ist sicher, dass Sound Kapital vor allem durch sein Halldimensionierung in einer neuen, der Live-Intensität des Duos etwas näher rückenden Liga spielt, statt verstopfenden Schweißtropfen aber weiterhin den hallenden Hooks freien Hörlauf lässt.

[Stream/MP3] Handsome Furs - Repatriated
[Albumstream] Handsome Furs - Sound Kapital

Platz 60
Ponytail - Do Whatever You Want All The Time

Auch vom ultrasympathischen Baltimore-Quartett hieß es dieses Jahr Abschied nehmen. Der wurde aber zumindest dadurch aufgehellt, dass Ponytail doch noch ihr drittes Album vorher in die Welt entließen, das diesmal Momenten mehr Raum bot als rasanten, was diesen Trip aber nicht weniger bunt machte als vorherige. Ach, wozu Worte, am besten beschreiben kann die Ponytail-Erfahrung wirklich dieses Video. Pony Time!

[Stream] Ponytail - Easy Peasy
[Albumstream] Ponytail - Do Whatever You Want All The Time

Platz 59
Real Estate - Days

Als die neuen Pavement entpuppten sich Real Estate wohl doch nicht ganz, vielleicht eher als die neuen Fuck? Aber auch wenn ich lieber ein paar Out Of Tunes für ein paar komplett entspannte Stücke ausgetauscht hätte, letztere jangeln Real Estate einfach mit einer geschmeidig verzahnten Nonchalance dahin der man nur schwer widerstehen kann. Werd ich sicher im nächsten Sommer gern wieder auskramen, nur schade, dass sie dafür 2011 ein wenig spät kam.

[Stream] Real Estate - Municipality
[Albumstream] Real Estate - Days

Platz 58
Plaid - Scintilli

Da hat sich das Duo wohl das denkbar schlechteste Jahr für seine Rückkeher augewählt. Liegt Scintilli doch in seiner bestechenden Klarheit fernab modischer Vernebelung, wirkt aber zugleich neben nicht ganz unähnlich gestrickten Soundkaleidoskopierungen von Kuedo oder Rustie in seiner Wuchtarmut bescheiden und leichtgewichtig, geradezu reserviert - eben eine Gruppe, der man ihr Alter anhört, was wohl für viele Elektronik-Connaisseure der Todesstoß ist. Aber naja, für mich halt nicht, vor allem die Diversifiziertheit ihres dennoch stimmigen Sounds ließ die kristallinen Visionen Plaids belebend im Hirnraum rumtitschen.

[Stream/MP3] Plaid - Missing
[Albumstream] Plaid - Scintilli

55 Songs für 2011

Was abseits von Alben und dem, was in den Mixen Schmelzen, Do(wner)-Fi und Moods XX landete, übrig blieb.

Cat's Eyes - I Knew It Was Over


Es war eines der ersten Lieder, die ich dieses Jahr hörte und blebt eins meiner Liebsten. Live in der Vatikankirche eingespielter Pop, der an die 60er erinnert, aber mit Orgel und Chor eine Trennung in spirituelle Dimensionen katapultiert.

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Help Stamp Out Loneliness - Record Shop


Kein Album habe ich dieses Jahr dermaßen zu lieben versucht wie das Indiepop-Debüt von Help Stamp Out Loneliness. Doch so unwiderstehlich die Stimme der Sängerin, dauergeknickt wie ein weiblicher Morrissey, auch ist, nur eine Handvoll Songs waren so wundervoll wie dieser.

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Patrick Wolf - The City (Richard X Remix)
Bryan Ferry - Alphaville (Todd Terje Remix)
Glasser - Mirrorage (Lindstrøm Remix)


Drei großartige Songs, drei nicht minder großartige Remixe. Während Richard X den Discopop-Glanz auf 43°C hochfeuert, verkehrt Tangoterje Ferrys Finsternis in Munterkeit und baut Lindstrøm ein klaustrophobisch perkussiertes Labyrinth um die Stimme von Cameron Mesirow.

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tUnE-yArDs - Bizness
Extra Life - Ripped Heart


Kunstvolle Manie, in Einzeldosen überragend, auf Albumlänge einfach nicht ganz mein Ding.

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Mogwai - Music For A Forgotten Future (The Singing Mountain)


Je mehr Mogwai mit jedem neuen Album anöden, desto mehr glaub ich, dass ihre Stärke in der Langstrecke liegt. Wie mein Lieblingswerk, My Father My King, ist auch dieses Stück über 20 Minuten langsame Entfaltung der anderswo zu bemühten Orientierung dieser Band weg vom Monstercrescendo. Hier glänzen sie durch Leisheit.

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Acid House Kings - Under Water
Johan Agebjörn & Le Prix feat. Lake Heartbeat - Watch The World Go By
Serenades - Birds (Lissvik Remix)
Lykke Li - Sadness Is A Blessing
Air France - It Feels Good To Be Around You
jj - No One Can Touch Us Tonight
The Sound Of Arrows - Lost City


In Sachen Alben fehlte Schweden dieses Jahr zum ersten Mal seit langem was richtig großes. Air France, jj und D. Lissvik (mit Studio) lassen weiter auf mehr als solche herrliche Häppchen warten, Lykke Li bringt's eh nur richtig auf Singles. Die Acid House Kings warren immerhin mit dem besten diesjährigen Swindiepop-Longplayer gut dabei, ebenso Johan Agebjörn, auf dessen Ambient- wie auch dem nachfoklgenden Popalbum sich 2011 einige Feinheiten fanden – keine jedoch größer als das endlos anschmachtbare Watch The World Go By. Und das Debüt von The Sound Of Arrows erscheint hier eigentlich erst 2012, aber die Vangelis-Modernisierung Lost City war so gigantisch, dass ich in ihrem Fall nicht so lange mit dem Wiederhören warten konnte.

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Knights of Jumungus - Victory Celebration (Those late nights in the forest of Endor edit)


Alias die genial spinnerten Norweger vom Mungolian Jetset mit einer genüsslich nerdigen John-Williams-Neumöblierung, die garantiert niemals eine offizielle Veröffentlichung erfahren wird.

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Rainbow Arabia - Without You


Mitunter etwas unangenehm zu hören fand ich das Debütalbum des Duos, wenn die Stücke nicht mehr als eine überaus freie Bedienung im Weltmusik-Regal projizierten. Hier jedoch stehen sie auf solidem New-Order-Beat, von dem sich auch die Vocals zu seltener Stärke inspiriert fühlen..

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Ford & Lopatin - The Voices


Noch so ein Album, das ich sehr gern mögen wollte. Käsige 80s-Popklangpalette, digital aufstilisiert fürs ADS-Zeitalter, what's not to like? Leider der Gesang, dessen Dünnheit selten so angemessen war wie hier, wo der Hook ohnehin von voluminös aufgeplustertem Autotune injiziert wird.

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Lady Gaga – Judas


Befremdlich, mit welcher Genüsslichkeit die deutsche Kritik damit eilte, die ein Jahr zuvor noch Gelobte schnell wieder zu begraben. Auffällig oft wurde "Kirmestechno" herangehalten von Menschen, die keine Ahnung haben, was für Scheußlichkeiten Autoscootersoundtracks wirklich bereithalten. Davon ist die wuchtige Produktion von Born This Way niveaumäßig weit entfernt, dazwischen lauert geschmäcklerisch Verrufenes wie Hair Metal, Vangelis, Latin Pop oder Kirchenmusik, aber fast immer den Underdog-, Freak- oder anderen Narrativen dienlich.

Der einzige Song, der wirklich wie ein chaotisches Patchwork wirkt, war dann aber prompt mein Favorit. Vor allem wegen den cyberkinetischen Synths, die sich zum Refrain stotternd um den tonnenschweren Beat winden bis die stimmschizophrene Gaga von eiskalter Erhabenheit in routiniertes Hookrunterbeten und imposante Intensität umschwingt.

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Magic Touch - Clubhouse (feat. Honey Owens)
Holy Ghost! - It's Not Over
Joe Goddard (featuring Valentina) - Gabriel
Factory Floor - R E A L L O V E
Yacht – Utopia


Die coolen Kids vom Feuilleton sind sicher auch demnächst hierzulande mit 100% Silk zugange, dem Tochterlabel des ebenso qualitativ/quantitativ verhältnisheiklen Not Not Fun. Darüber lassen sich sicher die tollsten Stories spinnen, wie die Drone/Punk/Noise-Szene den Lo-Fi-Tanz für sich entdeckt weil's ja bei Amanda Brown um et Eck nirjendswo House-Parties gibt, aber mir war das eigentlich alles was blutarm. Nur Mi-Ami-Drummer Damon Palermo brachte auf seiner EP als Magic Touch die ganz großen Gefühle, die lagen ansonsten her einmal mehr bei DFA.

Statt It's Not Over könnten sicher noch vier ebensotolle Songs vom auf Dauer merkwürdig unbefriedigenden Holy-Ghost!-Album hier stehen, den leicht verschlurften Hot-Chip-Beat rekombinierte Joe Goddard solo endlich mal mit einer klasse Vokalistin, YACHT waren so kurzweilig wie utopisch aufregend und Factory Floor brachten den wirklich faszinierenden Noise-Disco-Crossover in bestechender Klarheit und Fülle. Gut, die DFA-Single war ihre andere in diesem Jahr, aber diese hier hätte sich da nicht weniger gut gemacht.

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Bubble Club - The Goddess


Nach endlosen missglückten Versuchen ist sie in einem Geheimlabor auf einer versteckten Südseeinsel endlich geglückt: Die perfekte Vertonung einer sonnendurchfluteten Strandhängematte.

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Britney Spears - Till The World Ends (Remix feat. Nicki Minaj & Kesha)
Ke$ha - Shots On The Hood Of My Car


Ke$ha zögert ihre unausweichliche Transformation zur Cock Rockerin noch ein wenig heraus. Vorher steht schließlich noch die Apokalypse an. Genau darauf steuert das von ihr geschriebene Till The World Ends mit sorgloser Zielstrebigkeit zu: Nicki Minaj ist Nicki Minaj, Spears macht sowas wie ne Strophe, Ke$ha gibt dem "Hands in the air"-Moment die Trittleiter und ab dann ist alles ein glorreich unaufhaltsamer Taumel dem Hitze-, Kälte-, Flut- Kometen- oder Sonstwietod der menschlichen Zivilisation entgegen. Shots On The Hood Of My Car, süß wie zuletzt CUNT ohne implizierten Arschtritt, ist die B-Option: Allein zu zweit die Welt enden sehen, dazu eben das machen, was der Titel besagt.

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Stephen Malkmus & The Jicks - Tigers
Yuck - Holing Out
Home Blitz - A.T.K.


Ich werd das sicher noch öfter sagen, aber es war ein Scheißjahr für Indie Rock. Besonders, wenn man nicht auf Kifferwolken verhangene Delayfeste steht. Das kann ich Herrn Malkmus nicht vorwerfen, wohl aber, dass er in Richtung Pavement regressierte, ohne dort letztlich oft anzukommen. Dass Yuck sich in Gestrigkeit gefielen war für mich kein Problem, wohl aber, dass sie ihre YLTengo- und Dinosaur-Blaupausen melodisch nur selten überzeugend ausfüllen konnten. Home Blitz bleiben dafür eine Bank in Sachen Hit-Räudigkeit, hoffentlich nächstes Jahr mit einem neuen Album (und nicht auf dem etwas unsympathischen Mexican Summer).

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Dominant Legs - Hoop Of Love


Aber warum muss eine junge Band eigentlich sofort ein perfektes Album ablegen? Reicht nicht auch fürs erste eines mit so einem perfekten New-Wave-Jam wie diesem? Wenn darüber kein unverhältnismäßiger Hypedruck entsteht, ist ja alles in Butter.

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T-ara - Roly-Poly
4Minute - Mirror Mirror
HyunA - Bubble Pop!
Wonder Girls – Be My Baby
2NE1 - I Am The Best
Brown Eyed Girls - Sixth Sense
T-Ara - Cry Cry
After School - Shampoo


Shinsadong Tiger – Pop-Produzent des Jahres? Zwischen der unaufhaltsamen Retro-Travolta-Feuerwalze Roly Poly, dem horngetriebenen, international Aufmerksamkeit und inländisch Zensur erregenden (und Beyoncé im Videointro hommagierenden) Sommerpopper Bubble Pop und dem Dreifachrefrain des elastisch verrenkenden Mirror Mirror ließ er jedenfalls nicht an Vielseitigkeit vermissen, übertroffen wurde diese Trifekta national höchstens noch vom Marsch-Disco-Orchester-Massiv der Brown Eyed Girls und 2NE1s majestätischer Triumphsalve.

Aus der Mode gekommene Pop-Qualitäten der 90er fanden sich dieses Jahr in Südkorea immer wieder erfolgreich kontemporalisiert, ob Diven-Tonleiter-R&B im irgendwie-Retro von Be My Baby oder Slapbass-Klavierhämmereien à la Max Martin im Flamenco-getünchten Cry Cry. Und während ihre Frontfrau Ballett-Eleganz nicht uninteressant gegen Knarzlectro ausspielte, war After Schools Shampoo fast schon bodenlose Luftig-Leichtigkeit, die das parfümierte Haarpflegemittel zur intimitätsmetapher mit bedrohlichem Unterton machte.

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Ayumi Hamasaki – BRILLANTE


J-Pomp

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Ariel Pink - Witchhunt Suite For World War III


Als Ariel Pink letztes Jahr mit Before Today samt Band den Schritt ins Tonstudio machte, schienen das einige als Bruch mit der Vergangenheit zu begrüßen. Schluss mit Lo-Fi, Schluss mit Schrägheit, Schluss mit der Unsicherheit, ob der Kerl es wirklich ernst meint und ob seine Songs auch in konventionellerem Format funktionieren würden. Nun ja, wenn die grenzchaotischen Liveshows nicht genügt haben sollten, zeigt sich Pink auf seiner diesjährigen Single wieder erfreulich widerborstig: Ein einziger 16-minütiger Patchwork-Song hookreichen, proppigen Blubber-Pops mit ebenso Dada-politischem Text wie einem Video, das die Weltberichterstattung des US-TVs mit absurden Collagen parodiert. Weil "Keep it real" für Pink gleichbedeutend ist mit "Keep it weird".

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Florrie - I Took A Little Something


Drogen als Problemlöser sind nicht zu empfehlen, ein guter Beat um die zuckersüße Melodielinie so richtig abheben zu lassen hingegen sehr.

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Rustie - Ultra Thizz
Terror Danjah Feat. Ruby Lee Ryder - Full Attention


Ich hab's versucht, aber mir ist das Rustie-Album einfach zuviel. Seinem teenage-maskulinen Heckmeck fehlt irgendwo der Auffrischer, um's auf Dauer nicht erdrückend wie die Atmosphäre im Zimmer eines nie durchlüftenden 15-jährigen zu machen. Vielleicht fürs nächste Mal mit Gesang versuchen? Grime-Veteran Terror Danjah ist's bei aller sonst finsteren Heftigkeit seines Venenkriechers Full Attention schließlich bestens bekommen.

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Azealia Banks212


Klar, oder?

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Charli XCX - Nuclear Seasons


No Doubt go 80's Goth and I like it.

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Benoit & Sergio – Let Me Count The Ways
Benoit & Sergio - What I've Lost
Benoit & Sergio – Everybody


Zwei dieser Stücke kamen zwar auf DFA raus, aber mit ihrer 2011er Qualitätsoffensive verdienen die Herren ihre eigene Erwähnung. B&S treffen von anderen viel zu selten erreichte Mischpunkte zwischen House-/Disco-Club, dezent suggerierter Atmosphäre und melancholischer Emotionalität, selbst B-Seiten wie What I've Lost absolut fallen damit absolut hinreißend aus.

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Dirty Money Ft. Swizz Beatz - Ass On The Floor
Beyoncé - 1+1
Beyoncé - Countdown
Jamie Woon - Lady Luck
Little Dragon - Shuffle A Dream


Es war wohl das R&B-Jahr für Leute, die keine Ahnung von R&B haben. Amüsant, dass da gerade Frau Knowles alle Herren mit einer neuen, traditionsumarmenden Bemessenheit übertrumpfte, dass da Herr Combs 20 Jahre schlechten Ruf mit einem Album rehabilitierte. Auch schön: Der bessere englische Jam(es)ie mit einem Album, das leider nicht immer so betörend war wie hier. Was auch für Little Dragon gilt, die R&B-Elemente weiterhin in weitaus interessantere Gefilde führen als faul betextete Beach-House-Samples.

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Daft Punk - Fall (M83 Vs Big Black Delta Remix)


Midnight City war mit seinem flitternden Cyber-Kastratenhook für manche der Song des Jahres, das hier der Testlauf in Dampfhammer-Panorama.