Musiiik

Twigs - Ache

Was ist der Reiz der detailarmen Selbstpräsentation? Von Twigs selbst ist im Video zu Ache nichts zu sehen, selbst das eine oder andere stylische Foto ist nicht direkt auf ihrem Tumblr. So weit, so zahlreich die Video-Embeds, die von Adjektiven wie "geheimnisvoll" begleitet sind.

Aber würde es diesen Song weniger interessant machen, wenn man mit kurzem Googeln herausfände, wie die Sängerin dahinter aussieht? Dass sie in London residiert? Dass sich unter ihren bisherigen Aliasen Spuren einer Modelkarriere inklusive Alter etc. finden, dass sie in Videos u.a. für Jessie J zu sehen war und so "Teil" der "Musikindustrie" ist, sich eine Weile als Loungeclub-Sängerin betätigte und 2010 schon an einem Album arbeitete, von dem sich ältere Aufnahmen u.a. auf einem entsorgten Myspace-Profil finden, dass ihr auf ihrem mittlerweile zweiten Twitter-Account ein R&A eines Major Labels folgt, was auf eine Zusammenarbeit hindeuten könnte ...

Macht solch typisches biographisches Detail Ache auch nur ein Stück weniger mitreißend in seiner herrlichen Umhauchtheit und vokal erstreckten, gen Ende sanft eskalierenden Sehnsucht, wenn man weiß, dass es nun nicht aus dem Nirgendwo entstanden, sondern vielleicht das Ergebnis eines langen, bemühten Arbeitsprozesses ist? Ist es sinnvoll, dem Gehemnisvollen eine besondere Qualität zuzuschreiben, wenn es doch nur der eigenen Unkenntnis entwächst?

[Video] Twigs - Ache

Dirty Projectors Live

Zweifellos ist Swing Lo Magellan ein fabelhaftes Album, bin nur noch am Überlegen, ob ich mit dem Kauf nicht noch warten soll, falls wie beim letzten Mal wenige Monate später die Deluxe-Version mit Bonus-Songs rauskommt. Bis dahin hab ich auf jeden Fall mal mit dieser Liveaufnahme meine Freude, auf der Dirty Projectors sich in ihren leichtfüßigen neuen Songs wie im Auftritt erfreulich locker zeigen - was auch das Publikum reflektiert, welches die "the crowd will yell"-Stelle in Gun has No Trigger mitschreiend belebt.

Dirty Projectors live in Washington 17.08.2012

Finally Boys - Feelings

Da ließ Grimes im Interview einen losen Gedanken ab, schon war ihr der Stempel "post-internet" aufgepappt. Dabei klingt ihre oder ähnlich ätherische Gegenwartselektronik doch gerade wie Jetzt-Internet-Musik, ist nicht ganz zufällig in der Ästhetik des Hackers-Soundtracks verwurzelt, einer Vertonung des Cyberspace aus trancig-sphärischem Techno, Breakbeats und chillig-behauchtem Trip Hop. Besonders Finally Boys vermitteln auf ihrer Debüt-EP das Gefühl der entkörperten Euphorie, die man beim mehr instinktiven denn gedankengesteuerten Reisen durch hyperverlinkte Hypertexte, .gif-Galerien, Audio-Video-Ströme und soziale In-Out-Vektoren empfinden kann, mit grenzspiritueller Intensität, welche bei allem digitalen Schein auch die titelgebenden Emotionen nicht verflüchtigt.

[Stream/Download] Finally Boys - Feelings EP

Mix: 3:16 - 4 AM


Je mehr und länger ich Musik höre, desto sicherer bin ich mir: Es gibt kein Genre, keinen Stil, keine musikalische Spielart, die ich fundamental nicht mag. Ich muss nur einen Ausläufer, eine Inkarnation, die eine richtige Randstelle als Zugangspunkt finden, der mir ein gewisses Gefühl dafür eröffnet. Etwas, das meinem eigenen Erfahrungsrahmen, meinen ästhetischen Präferenzen naheliegt, das mich verstehen lässt, was die Essenz einer Musik in Worten zwar korrekt ausdrücken, aber nicht unbedingt nachvollziehen lässt.

Meist muss ich dafür nur tief genug graben oder, wie im Fall von R&B, darauf warten, dass das richtige Album, die richtige Interpretin ankommt, durch deren Blick mir zumindest eine Facette eines Genres schmackhaft gemacht wird. Und weil es mir hier effektiver erscheint, es mal nicht in Worten auszudrücken, soll dieser Mix zeigen, was ich momentan so reizvoll an der Menge der dortigen Entwicklungen finde. So gut wie fertig war der eigentlich schon länger, allein das Eröffnungsstück fehlte noch, um das Rahmenkonzept zu komplettieren: Ein 44-minütiger Mix für die Zeit, wo späte Nacht und früher Morgen verschmelzen, das rationale Hirn vernebelt und die Sinne eine eigene Intensität erhalten.

Perfume - Spring Of Life / Spending All My Time

Ein paar Monate hat es gedauert, doch mittlerweile gibt es JPN endlich auch zu erschwinglichen Importpreisen. Eine halbe Ewigkeit, in der Perfume neben Kurzformaten auch schon zwei vollwertige neue Singles herausgebracht haben. Spring Of Life setzt noch - nach dem ungewohnt verdunkelnden Mittelteil - den hyperbunt digitalisierten JPN-Sound inklusive herrlich irrsinnig zerschnippelglitcht umhertitschender Melodien nahtlos fort. Spending All My Time hingegen wirkt einen Tick weniger aggressiv, mit weichharmonischem Unterton in der Instrumentierung und zwar unrealen, aber nicht gänzlich unrealistischen Stimmläufen - reservierter Maximalismus quasi.

[Video] Perfume - Spring Of Life
[Video] Perfume - Spending All My Time

Jhené Aiko - 3:16AM

Dass ich mich mal im Voraus schon auf neue R&B-Singles freuen würde, hätt ich mir wohl in den Anfangstagen dieses Blogs nicht vorgestellt. Endlich komplett zu hören ist nun 3:16AM, die neue Zusammenarbeit von Jhené Aiko und Fisticuffs, von denen es hoffentlich auf ihrem kommenden (Mini?)-Album Souled Out noch einige mehr in dieser Form geben wird: Aiko, umgeben von nokturnem Plink-Plonk, die allmählich mit verhaltenen Fanfaren und Rumpelbeat aus der Reserve kommt, ohne ihren Heimatbereich im Stimmungshaften zu verlassen.

[Video] Jhené Aiko - 3:16AM

IFEEL Studio - Morgengruss III

Wer sich hinter dem Pseudonym IFEEL Studio versteckt, ist so nebulös wie das meiste im Zusammenhang im International Feel. Konkret jedoch steht nun fest: Am 05.10. erscheint International Feel: The Compilation als eine Highlightsammlung, mit deren Auswahl ich fast wunschlos zufrieden bin. Quasi als B-Seite des Ganzen hat Labelmacher Mark B (nicht zu verwechseln mit E) den feinen Back To The Balearics-Mix angefertigt, der fast nur Stücke enthält, die nicht auf der offiziellen Compilation vertreten sind - unter anderem Lindstrøm & Prins Tomas' Locussolus-Remix, den ich etwas vermissen werde.

Neben Gatto Frittos Mussdabeiseiner Invisible College ist die einzige Überschneidung zwischen den beiden IFEEL Studios inoffizielles Sequel zu/ Überarbeitung von Popol Vuhs Morgengruß I und II, das das sonnengeküsste Wasserpanorama vom unbarmherzigen Amazonas Aguirres an den Meeressandstrand transportiert. Entschleunigung bis zur wohligen Paralyse.

[Stream] IFEEL Studio - Morgengruss III

Stream: Nü Sensae - Sundowning

Von den Youtube-Videos, die ich von ihnen gesehen hab, konnte ich sicher den Ruf von Nü Sensae als großartige Band nachvollziehen. Auf Platte fehlte mir beim kanadischen Duo jedoch immer was - wie sich herausstellt, war dieses Etwas eine Gitarre. Auf dem Freitag erscheinenden Sundowning werden die zwei zu drei und wüten durch kraftvollen, dreckigen Punk, dass es eine Wonne ist.

[Stream] Nü Sensae - Sundowning

Neues Von School Of Seven Bells

Unlängst hab ich noch darüber sinniert, dass School Of Seven Bells in den reduzierten Momenten (wie Show Me Love) ihres feinen neuen Albums gar nicht mal so unweit von R&B-Territorium sind. Und siehe da, titelmäßig nicht weit davon entfernt ist ihr Lil-Wayne-Cover How To Love, dem ein etwas weniger an HipHop-angelehnter Beat vielleicht besser bekommen wäre. Noch gelungener sind ihre anderen Cover in letzter Zeit: Meine Begeisterung für ihren Beitrag zur Radiohead-Compilation hab ich ja schon geäußert, zudem covern sie auf ihrer neuen Single mit hochgeschraubter Sägezahn-Aggression Siouxsie & The Banshees, während deren nicht minder himmlische B-Seite When She Was Me ein frisches, Sommer-Sumner-injiziertes Original ist.

[Stream/Download] School Of Seven Bells - How To Love
[Stream] School Of Seven Bells - Subterranean Homesick Blues
[Stream] School Of Seven Bells - Kiss Them For Me
[Stream] School Of Seven Bells - When She Was Me

Gecko Afterlife HD - ☺ Earth Jump

Limitiert-obskure (VHS-)Tape- oder Vinylveröffentlichungen scheinen für James Ferraro der Vergangenheit anzugehören. Einhergehend mit seinem Schwenk auf digitalen Dünnheitssound leben seine skurrilen Visionen unter wechselnden Künstlernamen nicht mehr auf physischen Tonträgern, oft nicht mal als MP3s, sondern allein als Streams im digitalen Äther, kommuniziert über sein Twitter. Schon der besmileyte Titel seines (soweit ich sehen kann) ersten Stückes als Gecko Afterlife HD deutet auch an, dass dies nichts ist, worüber in der Welt des Physischen verhandelt werden soll - doch das kann genauso irreführend sein wie das HD-Anhängsel.

Denn der Stream des new-agigen Beatwellen-Epos ist alles andere als hochqualitativ, gerade mal von der zweitniedrigsten Youtube-Qualität besitzt ☺ Earth Jump dessen typische leichte Abgestumpftheit. In der Tat ist der Bastard aus Hackers-Soundtrack und Moods so verdrehterweise in dieser Liveaufnahme vom Primavera-Festival, die vermutlich einfach von Ferraros Laptop abgenommen wurde, vergleichsweise glasklar - mindestens ein weiteres Stück im gleichen Stil gibt's dabei noch obendrauf.

[Stream] Gecko Afterlife HD - ☺ Earth Jump