Musiiik

Perfume - Laser Beam

Beim Beschreiben von Musik wird ja ganz gerne von Tiefe und Oberflächlichkeit gesprochen, meist jedoch eher in übertragenen Sinnen. Anders ist das bei Perfume, deren Popentwurf auf ihrem neuen Album JPN umso komplexer ist, je mehr man in die Tiefe und Breite hört. Ganz oben in Laser Beam beispielsweise sind erst mal wenig spektakuläre, dünn-helle Glitzerklänge und insbesondere im Zentrum der Stereoabmischung das Vokalistinnentrio, zu unmenschlichem Tweeroboterinnengesang durchprozessiert.

Nur ein bisschen tiefere Tonlagen bieten aber schon schrägere, immer wilder links und rechts titschende Knarz-, Quietsch- und Blubbersynkopen, dass das Ganze mit seinen multiplen verschränkten Melodieläufen schon fast ein Track von z.B. Rustie sein könnte, wäre es nicht vorwiegend im 4/4-Beat gehalten. Aber letztlich sind bei Perfume nicht "zeitgemäße" Beatmacherei oder feuilletonfreundliche Effekthascherei das Ziel, sondern die Maximierung ihrer Pop-Glückseligkeit, was JPN für mich zu einem kreativ anspruchsvolleren und - weil eben dies darauf gelungen ist - erfolgreicheren Album macht.

[Video] Perfume - Laser Beam

Ariel Pink's Haunted Graffiti - Witchhunt Suite for WWIII

Als Ariel Pink letztes Jahr mit Before Today samt Band den Schritt ins Tonstudio machte, schienen das einige als Bruch mit der Vergangenheit zu begrüßen. Schluss mit Lo-Fi, Schluss mit Schrägheit, Schluss mit der Unsicherheit, ob der Kerl es wirklich ernst meint und ob seine Songs auch in konventionellerem Format funktionieren würden. Nun ja, wenn die grenzchaotischen Liveshows nicht genügt haben sollten, zeigt sich Pink auf seiner diesjährigen Single wieder erfreulich widerborstig: Ein einziger 16-minütiger Patchwork-Song hookreichen, proppigen Blubber-Pops mit ebenso Dada-politischem Text wie einem Video, das die Weltberichterstattung des US-TVs mit absurden Collagen parodiert. Weil "Keep it real" für Pink gleichbedeutend ist mit "Keep it weird".

[Video] Ariel Pink's Haunted Graffiti - Witchhunt Suite for WWIII

Deaf Wish Live

Wie schon letztens erwähnt, war Ende 2010 das dritte Album von Deaf Wish eine ziemlich feine krachige Angelegenheit. Vor ein paar Monaten tourten sie zwar durch Europa, allerdings nirgends wo es für mich erreichbar gewesen wäre. Nun aber, da sie letzten Monat die USA besuchten, gibt es immerhin eine Aufzeichnung ihrer WFMU-Session, wo sie ihren sonic-youthigen Punk in flotten 20 Minuten kredenzten.

Deaf Wish: Live at WFMU on Beastin' the Airwaves with Keili October 1, 2011

Wonder Girls - Be My Baby

Wonder World ist das beste südkoreanische - naja, sicher auch ganzkoreanische - Popalbum des Jahres. Das ist jetzt nicht die größte Leistung, waren die meisten Songhighlights 2011 doch entweder auf kürzeren EPs präsent oder Alben, die nicht mehr als eine EP voll Material zu bieten hatten. Aber nachdem anfangs auch hier nur die superben Stop!, Nu Shoes und G.N.O. Wiederholungswert zu haben schienen, stellt sich doch der Rest als solide bis interessant heraus - wie im technoiden SuperB, dem discoiden Sweet Dreams und der fein freakigen Rap-Plattform Act Cool.

Denn während im deutschen Feuilleton kenntnisarm über Retromania und ernsthaft noch/wieder über Authentizität im Pop gedödelt wird, zeigt sich der transparent durchgeplante und hochartifizielle K-Pop dafür gänzlich ignorant und stibitzt sich im Namen der Glückseligmachung durch ein halbes Jahrhundert Musik. Hier ist allen Beteiligten auf Produktions- und Rezeptionsseite klar, dass Be My Baby nicht in irgendeiner hochheiligen Soul- oder Spector-Tradition steht, und so watzen einem maximalistische Synthspeere und Konserven-Fingerschnippsen genauso um die Ohren wie durchaus 60er- oder auch 90er-klassisch anmutende Diva-Harmonien, Engrish-Holprigkeit vermeidende Sprachvermischung und der unvermeidliche Rap-Part, der eigentlich als einziges den furiosen Beginn wiederaufgreift, sich mit der Zeit aber als monoton-rasant bestechendes I-Tüpfelchen eines freudespendenden Popsongs entpuppt.

[Video] Wonder Girls - Be My Baby

Joanna Gruesome / Carolee

Gerade Musik, die von ihrer intensiven Kurzlebigkeit lebt, macht sich oft besser im EP-Format wo sie sich nicht überstrecken muss. Und so hat's mich dann wenig überrascht, dass es zwei meiner liebsten Entdeckungen der jüngsten Zeit lieber kurz und knapp halten. Da sind zum Einen die BritInnen Joanna Gruesome, die trotz der Angabe auf Bandcamp die meisten der Stücke dort erst kürzlich hochgeladen haben. Ist letztendlich aber fast egal, zeigen die bisherigen sechs Stücke doch bei aller Arschtret-Energie das zeitlos großartigste Indiepop-Melodiengespür, seit das der Pains Of Being Pure At Heart zu schwächeln begann.

[Stream] Joanna Gruesome - e.p

Carolees (Eine-Frau-?)Indierock imponiert zunächst durch seine saftig runde (statt modisch schlaffe) Schrammelverzerrung, doch sehr schnell auch damit, wie sie ihre Kompositionen mit schiefen oder schönen Toneinstreuungen immer ein Stück abseits des Vorhersehbaren hält. Und ehe man sich das recht überlegt hat, bemerkt man, wie ökonomisch knapp sie ihre Ideen ballt und dass man beim nächsten Abspielen so viele neue Aspekte entdeckt, dass man statt zweimal demselben Extended- genausogut einen Longplayer gehört haben könnte.

[Stream] Carolee - EP 1

Neues Von Julia Holter

Über die letzten drei Jahre hatte ich schon gar nicht mehr geglaubt, einen Eintrag mit diesem Titel aufzusetzen. Nicht weil Julia Holter seitdem inaktiv gewesen wäre, aber die Tapes, CD-Rs, Kollaborationen und Live-MP3s aus ihrer Hand waren irgendwie eher halbe Sachen, Field Recordings oder zu abstrakt, um ihrer melodischen Sensibilität gerecht zu werden. Nun hat sie vor ein paar Monaten aber endlich genau das mit ihrem Tragedy-Album irgendwo zwischen Avant-Pop, Concréte, Ambient und wer weiß was noch geschafft, das sich glatt so erfolgreich zeigte, dass es prompt ausverkauft war und nun endlich in Zweitauflage wieder erhältlich ist.

[Video] Julia Holter - Try To Make Yourself A Work Of Art
[Albumstream] Julia Holter - Tragedy

John Talabot / Pional

Beim Blick auf die 2011er Rekapitulation von Permanent Vacation schien erst ein Name überraschend abwesend - bis mir dann einfiel, dass John Talabots einzige EP dieses Jahr weder bei den Münchnern, noch auf seinem eigenen Label Hivern Discs raus kam. Dessen Winternamen zum Trotz versprühen viele der leicht unscharfen Stücke des Barceloners eine sonnige Wärme inmitten wolkiger Vocalsamples und Holzpercussions, die nicht wenig wie eine tanzbarere Version von Air France daher kommen.

Mit I Want Tonite und dem fabelhaften Geigeninferno Further Strings hatte er daneben immer noch streng limitiertes Singlematerial für Hivern übrig, mein diesjähriger Favorit, der voll an die Stärke z.B. seines Shelter-Remixes heranreicht, ist aber die Kollaboration mit Glasser im eleganten Titelstück der auf Young Turks erschienenen Families-EP.

[Stream] John Talabot - Families (feat. Glasser)
[Stream] John Talabot - I Want Tonite
[Stream] The xx - Shelter (John Talabot's Feel It Too Remix)

Und wo ein Talabot ist, da ist sein Landsmann Pional oft nicht weit. So auch auf der Split-Single, deren B-Seite das eben erwähnte I Want Tonite und gegenüber Pionals von Talabot bearbeitete T.A.M.B. ist. Ganz alleine ist Pional, der u.a. auch mit dem Münchner Bostro Pesopeo und mit Talabot für dessen Debütalbum zusammengearbeitet hat, aber nach der 11monatiges Jubiläum feiernden We've Been Waiting For You-Single erneut auf seiner Last House On The Left-EP unterwegs, auf der er Disco-House so ambient traumhaft wie nur möglich inszeniert - wenig überraschend, dass die ebenso wie die beiden Kollaborationen auf Permanent Vacation ein Heim gefunden hat.

[Stream] Pional - Into A Trap
[Stream] Pional - We've Been Waiting For You
[Stream] Pional - Alabama Dice

T-ara - Cry Cry

T-ara sind recht kurios. Von allen erfolgsmäßig großen koreanischen Gruppen - soweit ich das als Gelegenheitsinteressierter erfassen kann zumindest - sind sie die untalentierteste. Wo andere Formationen ihre Gesangs-, Rap- und Bewegungsdefizite meist ausgleichen, indem sie mindestens ein Mitglied haben das auf eines dieser Felder spezialisiert ist, sind T-ara in jeder Hinsicht ziemlich mäßig. Mäßig im Singen, noch mäßiger im Tanzen und die Rap-Parts gehören mit zum grauenvollsten Engrish-Gebrabbel, das je fabriziert wurde. Oh, und ihr kreativer Entscheider kam in der Vergangenheit mit solchen Kostümkonzepten an.

Und dennoch zählen sie zur Zeit zu den Besten, haben nicht zuletzt dank ihrer Zusammenarbeit mit Shinsadong Tiger nun eine Handvoll der tollsten K-Pop-Singles der letzten Jahre beisammen, was sich auch in Cry Cry fortsetzt. Stimmungsmäßig und tonal eine Ballade, aber in eine tanzbare R&B-Produktion gebettet, die ein gutes Stück an Max Martins Sachen zum Jahrtausendbeginn erinnert und dem noch einen Flamenco-Breakdown obendrauf setzt. Unerwartete Kombination, aber wie das so oft momentan in Südkorea der Fall ist frisch und erfreulich, und im Videobereich gibt's diesmal nichts hirnerweichend Behämmertes - im Gegenteil, der komplette Clip ist ein richtig teuer aussehender Kurzfilm, der in beinhartem koreanischem Gangster-Stil gehalten ist - Stichwort Eisenstangenschläge.

[Video] T-ara - Cry Cry

Factory Floor / Container

Es ist gewiss nicht das erste Mal, dass sich Noise und Tanz einander annähern - man denke nur an die Transformation von Troubleman Unlimited in Italians Do It Better zurück oder an die nicht allzu fernen Anfänge von DFA, wo Disco-Revivalisten Seite an Seite mit Black Dice und Gavin Russom aufspielten. Während bei 100% Silk - typisch für das nicht immer die beste Qualitätskontrolle beweisende Mutterlabel Not Not Fun - eine 12" voll Lo-Fi-House nach der anderen rausgehauen wird (zu deren Highlights die Soloprojekte beider Mi-Ami-Mitglieder als Ital und Magic Touch gehören), ist eine der interessantesten Gruppen nun erneut bei DFA gelandet.

Dabei fingen Factory Floor mit ihrem industriellen, besonders live allen Aussagen nach zum physisch imposanten Lärmgewitter anwachsenden Sound eher in krautigen Gefilden an - wie The Horrors in gut quasi. So richtig interessant wurden sie dann ungefähr, als sie 2009 mit Nik Void alias Ex-KaitO-Sängerin Nikki Colk zum Trio anwuchsen, die gestern erschienene Single Two Different Ways ist nach R E A L L O V E schon die zweite in diesem Jahr, die frostig texturiert mit jeder Beatrepetition die Intensitätsspirale enger schraubt.

[Stream] - Two Different Ways / Second Way
[Stream] - R E A L L O V E

Das erste Album des schon länger in (Post-)Noise-Kreisen verkehrenden Ren Schofield mit seinem neuen Projekt Container hatte ich anfangs für eine typische Ambient/Synthdrone-Veröffentlichung auf dem von Emeralds-Drittel ausgewählten Mego-Unterlabel Spectrum Spools gehalten, von denen mich bislang noch keine so richtig umgehauen hatte, und daher das Anhören erstmal aufgeschoben. Wohl ein Fehler, denn das mittlerweile nur noch in Plattenläden-Restbeständen verfügbare Container haust in ähnlich noisedurchzogenen 4x4-Gefilden wie das britische Trio und rüttelt mitunter ordentlich am Knochenmark, umreißt dabei aber auch genug klare Konturen, damit nicht alles ineinander zur Wirkungslosigkeit zusammenläuft.

[Stream] Container - Protrusion
[Stream] Container - Dissolve
[Albumstream] Container - Container

Nachtrag: Gerade erst entdeckt: Das Blog Mnml Ssgs hat fast zeitgleich zu obigem Eintrag diesen Text online gestellt, der sich überwiegend mit dem Noise->Dance-Phänomen beschäftigt. Sehr lesenswert, auch wenn mir "Post-Techno" etwas zu einengend erscheint.

Bryan Ferry - Alphaville (Todd Terje Remix)

Todd Terje war ja schon immer ein sehr fleißiges Tanzbienchen. Doch wo der Norweger dies in der Vergangenheit durch Unmengen von so großartigen wie inoffiziellen Disco-Edits unter Beweis stellte, scheint er sich in letzter Zeit vor allem auf Eigenproduktionen und hochamtlich abgesegnete Remixe zu konzentrieren. Worüber man sich nun wahrlich nicht beschweren kann, nach seiner exzellenten Eigensingle trumpft der Fragenerd nun mit einer betörend behutsam ausgebreiteten Uminterpretation von Alphaille. Der schönste Trick daran ist, dass das Original alles andere als so fröhlich versprungen ist wie hier. Dafür selbstverständlich keine Spur weniger geschmackvoll - was ja in der Vergangenheit auch nicht immer so klar war.

[Stream] Bryan Ferry - Alphaville (Todd Terje Remix)