Live Live Baby

Konzert: Grizzly Bear

Grizzly Bear sind wohl wirklich vom Pech verfolgt. Hatten sie es dieses Mal doch endlich auf eine Kölner Bühne geschafft so war der Saal vielleicht mal halb gefüllt, denn mit Interpol, 31 Knots, den Pet Shop Boys und Burning Star Core gab es reichlich Musikprogramm in der Domstadt am gestrigen Freitagabend. Das war aber nicht das Problem, vielmehr waren ihnen beim Flug nicht nur eine Gitarre und ein Verstärker kaputtgegangen sondern auch ihr Soundmensch abhanden gekommen. Was sie jedoch alles nicht daran hinderte einen herrlichen Abend zu gestalten.



Zuvor aber durchhauchte Danielle Stech-Homsy alias Rio En Medio den Saal, größtenteils stand sie dabei hinter einem mit Lichterkette behangenen Tisch voller verkabelter Gerätschaften, eine davon sah aus wie von Fisher-Price gemacht. Besonders weil ihre kratzige, moderne Folkmusik mich am ehesten an die Mitglieder des Fonal-Labels wie Arvo Part, Islaja oder Paavoharju erinnerte dachte ich sie käme aus Finnland, tatsächlich aber wohnt sie in Brooklyn. Dort hat sie vermutlich auch die Jungs von Grizzly Bear kennengelernt, die sie bei einem Stück mit Handklatschern und Ed Droste an den Elektronikgadgets unterstützten während sie auf einer Minigitarre/Riesenukulele klampfte. Erfreulicherweise wird sie im Juni noch für ein paar Konzerte mehr nach Deutschland kommen wenn sie Cocorosie auf deren Tour begleitet, denn live gefielen mir ihre Sachen noch um einiges besser als die Aufnahmen die ich im Netz finden konnte.

[MP3] Rio En Medio - Girls On The Run

Danielle Stech-Homsy Myspace



Die warme Atmosphäre die Yellow House so einzigartig machte, die sanft aufeinandergelegten strukturen wurden auch live rekreiert, Grizzly Bear gehen aber als Liveband noch über ihre Aufnahmen hinaus. Besonders dank des passend benannten Drummers Christopher Bear, der aus den im Verlauf des Konzertes immer häufiger auftretenden Stücken mit Rockelementen wie Little Brother stellenweise so intensive Rocknummern machte dass man an Dan Boeckners Wolf Parade-Songs erinnert war. Noch so eine Band mit mindestens zwei Frontmännern.
Ein bisschen wie Deerhoofs Greg Saunier schien Bear oft nicht stillhalten zu können, trommelte ständig auf ein Element seines Drumkits, das allerdings oft ganz sanft mit bloßen Händen. Auf der linken Seite hechtete der beeindruckend hochstimmige Christopher Taylor hin und her zwischen Bass, Klarinette, Querflöte und anderen Blasinstrumenten und hantierte in unbequem aussehenden Hochpositionen mit einem knappen Dutzend Pedalen und anderen kleinen Kisten die in einen gewaltigen Kabelsalat mündeten, viele der akustischen Feinheiten gingen auf seine Kappe.

Dazwischen standen die beiden Songwriter und Sänger der Band, Dan Rossen und Ed Droste. Wobei solch Rollenverteilung bei Grizzly Bear nicht mal auf zwei Leute festgelegt werden kann, Sänger sind sie alle und beeindruckten mit herrlichen Gesangsharmonien (die sie im Verlauf des Abends in so ziemlich jeder möglichen Dreierkombination anstimmten). Dabei gab es natürlich vor allem Material von Yellow House zu hören, aber auch ältere und neuere Favoriten wie das Crystals-Cover He Hit Me (It Felt like A Kiss) wussten die Hörer hinzureißen. So sehr dass trotz aller Versuche das Konzert pünktlich für den anschließenden Tanzabend zu beenden die vier nochmal vom Applaus auf die Bühne forciert wurden und als Zugabe ein weiteres Cover gaben, Deep Blue Sea, mit dem im Kopf die anschließende Bahnfahrt über die Deutzer Brücke und der Blick auf den bläulich erleuchteten Rhein denkwürdig wurde. Oh, und ihren Soundmenschen haben Grizzly Bear auch noch wiedergefunden, er tauchte in der Mitte des Konzertes auf einmal auf. Hoffentlich hat die Pechsträhne damit ein Ende.

[MP3] Grizzly Bear - On A Neck, On A Spit
[MP3[ Grizzly Bear - Daytrotter Session (u.a. mit He Hit Me)

Grizzly Bear Myspace

Konzert: Patrick Wolf



Ich bin nicht der einzige der draußen vorm Gebäude 9 steht als drinnen Bluebells angestimmt wird. Im Gegensatz zu manchen die der Musik von dort aus lauschen habe ich allerdings eine Karte für die ausverkaufte Veranstaltung, ich bin nur zum ersten Mal in meinem Leben ganz übel spät zu einem Konzert. Und dabei ist es mein erstes Mal bei Patrick Wolf, shit shit shit! Keine Zeit für Garderobe, anscheinend hat der Mann zu diesem Zeitpunkt schon fast ein halbes Dutzend Stücke gespielt, rein in den dampfend heißen Saal und einen Stehplatz gesucht.

Vielleicht sollte ich froh sein dass ich es überhaupt endlich mal zu einem seiner Konzerte geschafft habe, aber nachträglich bereue ich es auch noch weil ich gerne einen Vergleich mit einem früheren Auftritt gezogen hätte, denn so wie auf dieser Bühne hatte ich mir den Künstler Patrick Wolf vom Hören seiner Musik her sicher nicht vorgestellt. Der vermeintlich etwas schüchterne, ernste, romantisch-melancholische tanzt da vorne fesch auf, Bowie-mäßig beglittert und posierend, charmant und augenzwinkernd, und bringt den Saal zum Kochen. Zumindest die sich in jeder Pause mit Handys fotografierenden Teenies in meiner Ecke sind wohl vor allem mit dem neuen Material vertraut, womit sie Glück haben, denn nicht nur macht das den Hauptanteil des Konzerts aus sondern erfreulicherweise werden auch die poppigen Disconummern mit wenigen Veränderungen von Wolfs Begleitband mit Kontrabass, Geige, Schlagzeug und Bleeptop fantastisch gut umgesetzt, mir gefallen sie sogar am besten an diesem Abend.

Wenn es an Klassiker wie The Libertine oder Tristan geht begibt sich Wolf oft ans Klavier oder zückt auch mal die Ukulele, einmal um direkt in Accident & Emergency überzugehen und "I'm feeling braver than I've ever been" zu proklamieren. Furchtlos wirkt er wahrhaftig, und auch wenn er behauptet er habe die Pläne seines neuen Plattenlabels ihn zum Popstar zu machen torpediert, heute Abend ist er es (beim Gekreische als er verführerisch sein Hemd aufknüpft krieg ich nen halben Hörschaden, ich wär von fliegenden Teddybären oder BHs kaum überrascht), aber noch mehr. Vor dem großen Finale holt er Bishi, die ich im Vorprogramm verpasst habe, auf die Bühne um für Magpie mit ihr anstelle von Marianne Faithful zu duettieren und erzeugt damit Gänsehaut wo man auch hinsieht (in die gleiche Kategorie passte auch vorher das viel gehauchte The Stars).

Den Abend beschließt er dann mit einer stampfigen Version von Kelly Maries Feels Like I'm In Love, die am Ende immer schneller wird bis alles in einem Strudel aus Hitze, Herzklopfen und Euphorie unter der Discokugel freudentaumelt. Im Herbst, so sagt er, will er wieder kommen, und es ist in diesem Moment schwer zu sagen wer sich darüber am meisten freut.

Mehrere Videos, u.a. auch vom Finale, finden sich auf Youtube.

Konzert: Deerhoof, The Blow, Death Sentence: Panda!



Große Überraschung als ich am Merchandise-Stand vorbei ging, dort gab es doch glatt auch Sachen von Death Sentence: Panda! zu kaufen. Über die wollte ich eh mal was schreiben, und gestern konnte ich sie dann auf einmal live sehen. Normalerweise würde eine solche Vorband konsternierten Blicken begegnen, aber da die Leute gekommen waren um Deerhoof zu sehen sind konnten sich direkt einige für das kurze Set des gitarren- und basslosen Trios erwärmen. Mit Schlagzeug, Klarinette, Querflöte, Saxophon und Xylophon, teilweise elektronisch verfremdet, wandeln sie zwischen Tribal- und Marschrhythmen, kurzen Noiseattacken und psychedelischen Passagen mit ostasiatisch anmutenden Harmonien, und dass ihre Sängerin im Melt Banana-Stil daherschreit macht sie nur noch sympathischer. Sehr tolle, ungewöhnliche Band, schade nur dass die einzigen Tonträger die sie mitgebracht hatten Tape und Vinyl waren, da fehlen mir die nötigen Abspielgeräte.

[MP3] Death Sentence: Panda! - Time To Bear Arms
[MP3] Death Sentence: Panda! - No Enemies
[MP3] Death Sentence: Panda! - Here Come The Ghosts

Death Sentence: Panda! Myspace



Als nächstes betrat The Blow in Form von Khaela Maricich die Bühne, ganz in weiß, aber weder mit Blumenstrauß noch mit Kumpan Jona Bechtolt, der hat dieser Tage genug um die Ohren mit seinem bald erscheinenden Soloalbum als Yacht. Vermisst wurde er allerdings letztendlich kaum, denn was Maricich dann abzog war die beste Karaokeshow aller Zeiten. Sicher, die Musik kam vom Band, aber nicht ihre gefühlsgeladene Stimme. Anfangs wirkte sie etwas unsicher allein auf der Bühne, trug die erste Nummer ohne Musik vor, als einzige Begleitung ihr Finger der den Takt ans Mikrophon klopfte. Ob das nur Show war oder nicht, schnell lockerte sie auf und spielte in etwa gleichem Maße die großartigen Popsongs vom letzten Album Paper Television wie von der jüngst neu aufgelegten EP Poor Aim: Love Songs.

Die Songs machten aber höchstens zwei Drittel ihrer Show aus, zwischendurch erzählte sie charmant selbstironisch über ihre Motivationen als Songschreiberin, absurde zwischenmenschliche Anekdoten, die die Songtexte in einen Gesamtkontext rückten, über ihre Jagd nach dem Unerreichbaren, Darlegung intimer Gefühle die sich die meisten wohl kaum so öffentlich zu enthüllen wagen würden. Ebenso würde es kaum einer wagen sich ganz alleine auf eine Bühne zu stellen, zu singen und auch noch dazu eine eigene Choreographie zu tanzen, und gerade weil die tänzerische Darstellung ebenso mutig wirkte wie die textliche konnte man gar nicht anders als Sympathie zu entwickeln. Und True Affection kam zum Schluss so wunderschön dass man kaum mit dem Fuß wippen konnte vor lauter Gebanntheit.

[MP3] The Blow - Parentheses
[MP3] The Blow - Pile Of Gold

The Blow Myspace



Dann kam der gefährliche Teil des Abends. Deerhoof sind durch die Reduzierung zum Trio etwas weniger filigran geworden und, so kam es mir zumindest vor, rockten noch mal eine Ecke härter als zuvor, und das natürlich grandios wie immer. Der unglaubliche Greg Saunier war nicht irgendwo hinten sondern direkt vorne rechts positioniert und hämmerte nicht nur hyperaktiv in jedem nur möglichen Moment auf irgendeiner Ecke seines Schlagzeugs herum, sondern drosch derart darauf ein dass die Splitter nur so flogen, eine Hihat sah dermaßen kaputt aus dass ich echt schon Schiss bekam dass mir bald ein Stück davon um die Ohren sausen würde.

John Dieterich war etwa ebenso beschäftigt mit seiner Gitarre, bis auf ein paar kurze Ausflüge zu einer hinten versteckten Kiste aus der hin und wieder elektronische Sounds zu hören waren. Zwar keine Trompeten für +81, dafür aber alles was zu Kidz Are So Small, bei dem Satomi Matsuzaki den Bass beiseite legte und zwischendurch auch mal von der Bühne kam um mit den Jungs die es vor der Bühne sonst etwas wilder zugehen ließen Ringelreihen zu tanzen, dazugehört. Zwischendurch gab es immer wieder Probleme mit seltsamen Störgeräuschen deren Herkunft schwer auszumachen war, einmal hatte sich ein Bassklopfen im Tonsystem festgesetzt der nicht mal dann aufhörte als alle drei ihre Instrumente beiseite legten und ratlos über die Bühne wanderten.
Zwischendurch erheiterte Saunier die Menge mit halb sinnlosen deutschen Ansagen (für die er sich zu Satomis Mikrophon bücken musste, was das Ganze noch ulkiger aussehen ließ), aber als die drei bei diesem Bassgeräusch laut darüber nachdachten ob sie nicht ein Stück hatten in das sie das Störgeräusch einbinden könnten konnte man sich nicht sicher sein ob sie scherzten oder Ernst machen. Bei Deerhoof ist halt alles drin.

[Stream] Deerhoof - Friend Opportunity

Deerhoof Myspace

Konzert: The Hold Steady



Craig Finn hat ein großes Mitteilungsbedürfnis. Seine Songtexte machen dabei vielleicht die Hälfte seiner Kommunikation am Sonntagabend im Kölner Gebäude 9 aus, ständig redet er auch abseits vom Mikrophon, gestikuliert dazu energisch und energetisch als wäre er ein Stummer der uns unbedingt etwas klarmachen müsste. Eins ist an diesem Abend klar: The Hold Steady haben ihren Ruf als "the world's best bar band" völlig zu Recht, und das liegt nicht nur an ihrem überraschend bärtigem Frontmann. Es gibt natürlich auch für gute Stimmung sorgende Rockermoves wie das Gitarre-einmal-Rumschwingen oder das Gitarre-an-Gitarre-Spielen zu sehen, aber der Grund warum The Hold Steady so begeistern ist dass sie es schaffen die Bühne weder hoch noch weit weg erscheinen zu lassen, sie wirken nicht wie unnnahbare Rockstars sondern wie die Jungs aus der Kneipe nebenan die einfach zufällig ganz tolle Musik machen. Auf der Bühne wird nicht viel weniger Alkohol konsumiert als davor, nicht nur sind mehrere Bierdepots dort positioniert, auch eine Whiskyflasche macht langsam die Runde. Zwischendurch wird immer wieder mit dem Publikum angestoßen, einmal fragt der Bassist auch nach Feuer und schenkt dem Spender zum Dank ein Bier.

Dank strömt auch in Richtung Bühne, in Form von Händen, Mitgesinge und viel Getanze. Dass es eigentlich viel zu leer ist fällt dabei nicht weiter auf, das Publikum will möglichst weit vorne sein und wirkt so dem Verstreuungseffekt den ein nicht gefüllter Raum haben kann entgegen. Ob hymnisch mit First Night oder mit einem Saalfeger wie Same Kooks, The Hold Steady bereiten einen ganz ganz tollen Abend der erst dann endet als alle zufrieden sind, und der einzige Grund warum ich an dieser Stelle nicht noch mehr darüber schreibe ist dass ich mich vielleicht zu einem Dutzend Bier zu viel habe hinreißen lassen. Beste (Kneipen)band indeed!

Konzert: Klaxons



Es gab ja gestern so viel anderes zu tun, Geburtstagsfeier, Fußballschauen in der Kneipe, Fantasy Filmfest Night - und doch flüsterte mir eine kleine Stimme zu "Geh die Klaxons sehen, auch wenn keiner mitkommt und du gar keine Karte gekauft hast." Die Stimme sollte ich mir merken, denn das gestern war verdammt großartig.

Wieviel Anteil daran die (wie erwartet live noch mehr als auf Platte Rock-)Band selbst hatte ist schwer zu sagen, denn für einen Großteil des kaum einstündigen Konzerts im Kölner Prime Club war sie kaum zu sehen. Vom ersten Ton an dagegen war die Begeisterung des Publikums (geschätztes Durchschnittsalter: 17) enorm sichtbar, in einer Mischung aus Hüpfen, Schwanken und Pogen wurde jeder Beat in Bewegung umgewandelt, jeder Refrain begeistert mitgesungen, selbst die Sirenen in Atlantis To Interzone stimmlich emuliert. Der Enthusiasmus ging mehr und mehr in Richtung Bühne, erst hingen nur ein paar Leuchtstabschwenker vor den Boxen ab aber eh man sich's versah wurde die Bühne gestürmt, gut das halbe Publikum muss sich da getummelt haben (siehe dieses Video).

Das wurde aber bald nicht nur räumlich zu eng sondern resultierte auch in Kabeln die nicht mehr dort steckten wo sie sollten, und so wurden nachdem sich die Klaxons mit Ach und Krach durch Magick gekämpft hatten erst mal wieder traditionelle räumliche Verhältnisse hergestellt. Die Security sah verdattert aus als hätte sie so was lang nicht mehr erlebt, diese verrückten Kids. Die Briten schienen erst etwas frustriert, aber als dann alles wieder lief sehr dankbar und glücklich darüber solche Aktionen mit ihrer Musik auslösen zu können.

Vielleicht deswegen kamen sie, nachdem sie sich mit It's Not Over Yet eigentlich schon verabschiedet hatten, doch noch mal auf die Bühne und spielten alles was sie noch auf Lager hatten, und wenn es noch so untanzbar war, erst das auch live ungemein seltsam anmutende Isle Of Her und als Apokalypse zum Schluss Four Horsemen Of 2012. Ein junges Mädchen war so glücklich darüber den Gitarrist, der sich durch die schon wieder angesammelte Menge auf der Bühne quetschte um noch mal einen Blick auf den von Applaus erfüllten Saal zu erhasche, berührt zu haben dass sie quietschend zu ihren Freundinnen lief und ihnen stolz ihre Hand präsentierte. "Ich habe ihn berührt." Ja, ich kann mich nicht erinern wann ich zuletzt so ein begeistertes Publikum gesehen habe. Große Gefühle kamen auch von der Bühne, denn, so wurde versprochen am Ende dieses letzten Konzertes der monatelangen Tour: "In 5 Jahren werden wir alle wieder hier zusammenkommen und eine gewaltige Grillparty feiern!"

Wie die Band dann klingen wird ist noch völlig offen. Für heute waren wir erst mal froh über ein denkwürdiges Konzert, und als ich auf dem Nachhauseweg den Podcast, der mich schon auf der Hinfahrt unterhalten hatte, weiterhören wollte merkte ich nach 5 Minuten dass ich eh nicht zuhören konnte was dort geredet wurde, legte Myths Of The Near Future auf. Und tanzte noch ein bisschen durch die Bahn.

[Stream] Klaxons - Myths Of The Near Future

Konzert: The Earlies



Wie oft hat man so eine Aussage schon mal gelesen: "Wir wollen wenn wir unsere Stücke live spielen nicht bloß das reproduzieren was wir für die Platte aufgenommen haben, da ist doch keine Herausforderung bei, da kann man ja gleich Vollplayback spielen."

So etwas sagt sich leicht wenn man nicht The Earlies ist, denn um deren Arrangements auf einer Bühne zum Leben zu erwecken waren gestern im Gebäude 9 fast ein Dutzend Musikanten notwendig. Die und unter anderem 4 Gitarren (eine davon mit 12 Saiten), 1 E-Bass, 1 Cello, 1 Schlagzeug, 1 elektronisches Schlagzeug, 1 Tuba, 2 Trompeten, 1 Posaune, 1 Saxophon, 2 Querflöten, Triangel, Schellen, Rasseln und andere Percussions, diese tragbaren Synths(?) mit Schlauch dran, Hammondorgel und zwei weitere Synth/Keyboard/Orgelinstrumente, 1 monströse Mundharmonika (?) und ca. 1000 Effektgeräte mit Pedalen, Schaltern und Knöpfen dran. Es sah aus wie in der Rumpelkammer eines Musikladens, mit Abstand die vollgepackteste Bühne die ich je gesehen habe.

Aber die vermutlich Monate die es gebraucht hat um all das hier aufzusetzen haben sich gelohnt, auch wenn sich nicht gerade besonders viele Besucher an diesem Abend eingefunden haben legen die Earlies ein ganz großes Konzert hin. All die Feinheiten die sie insbesondere in ihr neues Album The Enemy Chorus reingepackt haben, alle werden sie heute Abend irgendwo von irgendwem auf dieser Bühne herausgearbeitet, jemandem mit einem Gesicht und einer Hand versehen die Saiten anschlägt, Tasten drückt, zupft, trommelt, streicht, Hebel zieht, und was der Mann ganz hinten links gemacht hat hab ich ehrlich gesagt nie richtig herausgefunden. Besonders sympathisch: der dauergrinsende Percussionist und der schnauzbärtige, sich durch das ganze Repertoire der Rockerposen arbeitende Gitarrist auf der rechten Seite.

Besonders die neuen Songs profitieren wie gesagt von dieser Darbietung, so überwältigend wie das live ist lässt es sich einfach nicht auf Datenträger jeglichen Formats bannen. Aber auch auffällig ist wie anders diese Songs klingen als das was die Earlies davor gemacht hatten, denn an diesem Abend bleibt praktisch kein Wunsch offen und es werden auch all die hypnotisch schönen Nummern von These Were The Earlies gespielt. Nicht so oft von allen auf einmal, da würde der Fokus auf das warme Piano in Wayward Song oder den sanften Gesang in Bring It Back Again verloren gehen. Zu dem mächtig daherschmetternden The Devil's Country, das dem neuen Material wohl am ähnlichsten ist, werden aber gegen Ende praktisch sämtliche Geschütze aufgefahren und noch mal so richtig Eindruck geschindet wenn sich auf jedem Quadratzentimeter dieser Bühne etwas tut.

Könnte man all diese Klänge akustisch auch mit einem einzigen elektronischen Gerät erzeugen? Wahrscheinlich schon. Könnte man damit auch nur annähernd so ein begeisterndes Konzert abliefern? Garantiert nicht.

Konzert: Explosions In The Sky



Hilfe, wie groß sind Explosions In The Sky seit ihrem letzten Auftritt in Köln nur geworden? Das gestrige Konzert war 3 Wochen im Voraus schon restlos ausverkauft wohingegen vor drei Jahren das Gebäude 9 noch genug Platz geboten hätte für einige Hörer mehr. Die übliche Mischung aus Lederjackenträgern jenseits der Midlife-Crisis und langhaarigen Wollpulloverstudenten die man auf jedem Post-/Instrumentalrockkonzert antrifft war diesmal klar in der Unterzahl, ein enormer Zulauf an Jungvolk hat die Fanbasis der Texaner wohl in letzter Zeit ereilt. Das macht sich aber fast nicht bemerkbar, das Publikum ist durchweg angenehm, selbst der Vorband wird sehr höflich gelauscht obwohl die Temperatur schon merklich ansteigt und die Luft dementsprechend dünner wird. So kriegen noch bevor Exlosions In The Sky die Bühne betreten die ersten Leute in der dichten Menge Kreislaufprobleme und verziehen sich in besser klimatisierte Ecken.

Dann ist es soweit, Explosions In The Sky eröffnen die Europatour zu ihrem neuen Album All Of A Sudden I Miss Everyone. Ich muss dazu direkt sagen dass ich es im Vorfeld nur einmal gehört hatte und deswegen nicht sicher sagen kann wieviel davon gespielt wurde, hatte aber den Eindruck dass es nicht viel neues Material zu hören gab. Ist aber auch nicht so wichtig, denn egal was für Material Explosions In The Sky spielen, sie sind und bleiben live einfach nur mächtig. Nicht übermächtig laut, was verwundern mag, aber wenn Explosions In The Sky richtig aufdrehen haut einen mehr die Rohheit ihrer Klänge um. Dazu machen sie auch optisch einen denkwürdigen Eindruck, an einer Stelle hauen alle drei Saiteninstrumentalisten synchron mit lang ausgeholten Anschlägen immer wieder so gewaltig auf ihre Instrumente ein dass man glatt Angst bekommt einem von ihnen könnte dabei der Arm abfliegen.

Überhaupt, auch wenn es keine Diashow o.ä. gibt, ein Explosions In The Sky-Konzert macht auch optisch was her. Alle haben eine ganze eigene Art sich zur Musik zu bewegen, und je nachdem welches Instrument gerade im Vordergrund steht verschwinden die anderen schon mal für eine Weile aus dem Scheinwerferlicht, setzen sich bis sie sich wenn ihre Klänge wieder mehr Anteil an der Dramaturgie bekommen langsam erheben. Das Hinsetzen hat aber auch sicher damit zu tun dass den Musikern das Klima nicht angenehmer sein kann als dem Publikum, trotzdem geben sie genau wie beim letzten Mal alles von Anfang bis Ende eines tollen Sets an dem sie derart fertig und ausgepowert sind dass keine Kraft mehr für eine Zugabe bleibt.

Vom Publikum, das vorher rauschenden Beifall spendete, könnte man an dieser Stelle Enttäuschung und Widerspruch erwarten. Aber stattdessen gibt es nochmal mehr Applaus, denn alle sind sich sicher dass sie nicht mehr zufriedener aus diesem Konzert herausgehen könnten als sie es jetzt schon sind. Man kann ihre Aufnahmen hören soviel man will, aber die wahre Qualität von Explosions In The Sky erkennt man erst wenn man sie einmal live sieht.

Fotos finden sich auf Flickr, ein Miniclip auf Youtube

[Stream] Explosions In The Sky - All Of A Sudden I Miss Everyone

Konzert: The Decemberists / Lavender Diamond



Eins muss man den Decemberists unbedingt lassen: sie haben einen exzellenten Riecher für gute Supportbands. Beim letzten Besuch vor anderthalb Jahren brachten sie Two Gallants, und gestern nun Lavender Diamond zum ersten Mal nach Köln. Seit gut einem Jahr kenne ich nun lediglich zwei Songs der Band um Sängerin Becky Stark, und trotzdem hoffte ich schon bevor das Konzert begann dass dies ein großer Auftritt werden würde. Und wahrhaftig, Stark kann live noch schöner singen als auf Platte, sie navigiert mühelos Höhen die man einer Stimme außerhalb der Operkultur nicht zutrauen würde.

Zugegeben, wer exzentrisches Auftreten nicht mag sollte einem Lavender Diamond-Konzert besser fernbleiben, Stark bekennt sich dazu sich gern wie eine Elfe zu fühlen und tänzelt dementsprechend auch in leicht dahinwehendem Kleid über die Bühne, begrüßt das Publikum mit "Congratulations to all of you for achieving world peace," was mit skeptischen Blicken erwidert wird. Während der ersten Minuten wird sie dann auch von einem Großteil der Besucher des ausverkauften und damit unangenehm prall gefüllten Prime Clubs ignoriert, doch bei Lied drei oder vier beginnt sie dann diese ungemein schönen Töne noch ungemein schöner zu treffen, man wagt nicht eine Sekunde wegzuhören aus Angst ganz viele denkwürdige Sekudnen zu verpassen, und das eifrige Gequassel verstummt tatsächlich überall um mich herum. Hier weiß jemand die Herzen der Menge an sich zu reißen, und nach diesem Set hätte ich auch schon völlig zufrieden nach Hause gehen können.

[MP3] Lavender Diamond - You Broke My Heart
[MP3] Lavender Diamond - Rise In The Springtime



Doch nach einem Bühnenumbau, musikalisch begleitet von Prokofievs "Peter und der Wolf," betreten The Decemberists das wohl geräumigste Stück Raum hier an diesem Abend. Frisch zurück von einer Rundtour durch Köln inklusive Besichtigung und Besteigung des Doms erzählt Colin Meloy begeistert davon wie er überall Kölner den amerikanischen Exportschlager Donuts verzehren sah (er meint Berliner (die Backware), aber niemand wagt die genaue Backwaren-Genealogie von Donuts und Berlinern zur Diskussion zu stellen), und auch der Rest der Band scheint glänzend aufgelegt.

Es geht los wie es später auch endet, mit The Crane Wife, der mehrteiligen Erzählung die das neue gleichnamige Decemberists-Album umrahmt. Es folgt das proggige Epos The Island, und danach gibt es eine regelrechte Rundreise durch die Decemberists-Diskographie. Wilder und wilder geht es auf der Bühne zu, geht dort vielleicht eine Whisky-Verkosterei vonstatten die sich meinem Blick entzieht? Meloy jedenfalls zieht eine Gitarrenpose nach der anderen, und nachdem das zu jeder Schandtat bereite Publikum sich mit einer kleinen Gymnastikeinlage aufgelockert hat rauschen die Decemberists in eine flotte Rockeinlage, während der erst Meloy, dann Gitarrist Chris Funk und auch Bassist Nate Query nicht nur Stagediven, die beiden letzteren werden sogar von der Menge bis nach ganz hinten in den Club getragen und Funk schafft sogar die Rundtour bis zurück nach vorne. Wer den Bauch des Mannes gesehen hat (und das haben hierbei so einige) muss Respekt vor den mutigen Trägern haben.

Die Band hat sichtlich Spaß daran in einem kleinen Club aufzutreten, und so gibt es nach der ersten Zugabe noch eine zweite, während der Meloy, der sich kurz vorher noch mit einem mehrfach um seinen Hals gewickelten Mikrofonkabel selbst zu erwürgen drohte, nun völlig außer Rand und Band durchs Publikum pogt, Arm in Arm mit einem enthusiastischen irischen Decemberists-Fan der natürlich die ganze Zeit dabei ein Bierglas in der Hand hält und keinen Tropfen verschüttet. Die Musik war zwar wie erwartet gut an diesem Abend, aber wow, der Rest war einfach nur sensationell. Your Majesty, The Decemberists fucking rock!

Update: Fotos auf Flickr

Konzert: The Thermals



Nanu, warum sind meine Arme von Flecken diverser roter und blauer Färbungen übersät? Warum tut mein Kiefer weh? Warum klingt heute alles so dumpf? Warum hab ich einen Schnitt am Bein und meine Hose ein bisschen von innen vollgeblutet? Und warum bin ich trotzdem über alle Maßen glücklich? Ach ja richtig, ich war gestern bei den motherfucking Thermals!

Dass die live die größte Sache überhaupt sind muss wohl nicht schon wieder gesagt werden, aber trotzdem hatte ich nicht gedacht dass es auch mit all den neuen Songs so eine nonstop Hüpferei wie sonst geben würde. Viele waren gestern nicht nur zum ersten Mal bei einem Thermals-Konzert, sondern auch zum ersten Mal überhaupt im Gebäude 9, was sich daran bemerkbar machte dass man direkt vorm Eingang mehrmals gefragt wurde wo dieser denn sei. Aber irgendwie fanden ihn dann doch genug Leute um den Raum gut zu füllen. Ein bisschen amüsiert war ich schon darüber dass noch so viele in Jacke da standen, die wussten echt nicht wie die Temperatur in Kürze zum Kochen gebracht werden würde.

Dann betraten die Thermals mit zusätzlichem Gitarristen zu viert die Bühne, begannen das Konzert erst mal mit einem etwas langsameren Stück... und dann ging es aber so was von dermaßen los. Gefühlte drei Stunden lang wurde alles gespielt was man sich nur irgendwie wünschen konnte, alle Hits von Album eins und zwei, der Großteil von Nummer drei der sich live problemlos in den Thermals-Kanon einfügte, sogar die offizielle Hymne Everything Thermals, und der Saal explodierte jedes Mal etwas mehr. Ja, es wurde viel gehüpft, am Anfang noch etwas viel geschubst (aber das legte sich bald, so viel Hüpfen war wohl für die rabiateren Tänzer auf Dauer zu kräftezehrend), auch Stagediving gab's en masse.

Wenn auch zunächst etwa die Hälfte dieser Versuche ziemlich in die Hose ging, was Hutch Harris meist mit einem leicht schmerzverzerrtem Augenkneifen und einem 'Ouch' auch mitten im Song quittierte. Ich glaub dabei hab ich auch den Tritt gegen den Kiefer abbekommen, oder vielleicht war's auch ein anfliegender Ellbogen, aber no pain no gain. Agressiv war's gestern abend ja auch nicht, einfach nur die totale Euphorie angetrieben von diesen gnadenlos nach vorne preschenden Songs. Sofern der Atem mal ein bisschen reichte wurde auch mitgesungen was das Zeug hielt, wobei auffiel dass besonders die Jüngeren mit den neuen Sachen am vertrautesten waren.

Normalerweise wär ich selbst nach zwei Zugaben immer noch nicht zufrieden gewesen, aber es kam einfach alles was auf Thermals-Konzert gehört, obwohl sie es eigentlich nicht sein kann scheint die Liste endlos. Einmal lief das laut Harris' Ankündigung letzte Stück, und ich dachte noch "oh nein, die können doch nicht Top Of The Earth vergessen," und siehe da, prompt wurde im Anschluss eben mit der 60-Sekunden-Granate doch noch einmal mehr das ganz große Feuer entzündet. Eigentlich sollte ich jetzt auch ausgebrannt sein, aber wie gesagt, ich bin einfach nur glücklich. Thermals? Fuckin A!

Update: Fotos gibt's hier, dort und da, die Setliste gibt's da auch aus mehreren Perspektiven zu begutachten.

Konzert: Mono



So ein stilles Publikum habe ich seit Jahren nicht mehr erlebt. Zunächst wird zwar eifrig gequatscht, auch noch als Mono die Bühne des Underground in Köln betreten. Doch als die ersten vereinzelten Gitarrenanschläge fallen werden alle noch redenden schnell und teilweise schon agressiv ruhiggezischelt. Zwar sind die vier Japaner nicht mit wie sonst meist auf Platte zusätzlich mit Geigen ausgestattet, aber auch die Gitarren können die andächtig in die mittlerweile völlige Stille gespielten klaren Klänge bezaubernd schön transportieren.

Als der Song mit zunehmender Geschwindigkeit an Lautstärke und auch vermeintlich spürbarem Volumen gewinnt, wird allen die hier ohne Ohrschutz aufgekreuzt sind bald unangenehm bewusst dass sie einen großen Fehler gemacht haben: denn wenn Mono einmal richtig die Tore zu ihrer Welt voll wunderschöner Kakophonie öffnen dann sind sie noch lauter als Mogwai. Selbst mit Ohrenschutz wird man zunächst so von den Klangwellen geschüttelt dass man wirklich physisch ins Schwitzen kommt. Mono scheinen davon unbekümmert, sie gehen mit jeder Klangwelle mit und wiegen sich im Wind des Sturms den sie heraufbeschworen haben.

Sie spielen ihre Instrumente zwar genauso abgebrüht wie ihre entfernten musikalischen Verwandten aus Schottland, bringen aber wegen dieser Anteilnahme an ihrer eigenen Musik, die sie so haushoch übertürmt dass es zeitweise scheint als würde sie von ganz woanders kommen als aus diesen Instrumenten, weitaus mehr ins Publikum herüber. Dieses wird, genau so wie die Band, während des gesamten Konzerts ausgiebig vom Rambostirnband tragenden Tourchronologen gefilmt. Ist da vielleicht eine DVD in Arbeit?

Ob Mono nun neuere oder ältere Sachen spielen ist eigentlich egal, nicht dass sie sich in ihren Kompositionskünsten nicht ungemein weiterentwickelt hätten in den vergangenen 5 Jahren, aber live klingen sowohl Stücke von Under The Pipal Tree als auch von You Are There so viel größer, satter und natürlich lauter als auf Platte dass man einfach von allem was gespielt wird verzückt ist. Keiner der Besucher weiß am Ende so recht wieviel Zeit vergangen ist, alle müssen erst mal ihre Uhren checken, woraufhin dann direkt der Stand mit den mit 10 und 12 Euro ungemein günstigen CDs, LPs und Tshirts gestürmt wird. Aber vor allem ist am Schluss allen gemeinsam die herrliche Gewissheit soeben von der derzeit wohl besten Band ihrer Klasse hinweggefegt worden zu sein.