Live Live Baby

Konzert: The Long Blondes



Unglaublich, nach all den schmerzlich verpassten ist nun dieses Konzert endlich wieder eines für das zu besuchen sich Zeit findet. Man sollte bei meinem engen Zeitplan in letzter Zeit meinen ich sei ein hochbezahlter Business(s)experte oder so, aber nein, der schnöde Studentenalltag kann einem durchaus problemlos sämtliche freizeitlichen Freiräume nehmen. Aber nicht heute, heute kommen The Long Blondes, die im Gegensatz zu den Arctic Monkeys völlig absichtlichen Stars aus Sheffield, ins Kölner Gebäude 9.

Nach allzu vielen zu Unrecht nur spärlich besuchten Konzerten ist das Gebäude heute Abend endlich wieder gut gefüllt, ob es an der Musik liegt oder nur an dem guten Ruf der/dem Hype um die Band wird sich zeigen. Wie Daniel Koch schon bei seinem Intro-Bericht zum Berliner Konzert bemerkte finden sich auch in Köln erstaunlich viele Männer jenseits der 50 im Publikum, darunter ein kurios holländischer Verbund, zudem die eigentlich schon zu erwartenden Modeklone der überaus charmismatischen Sängerin Kate Jackson. War ich auf dem Pipettes-Konzert noch von gepunkteter keldiung umzingelt, so müsste ich heute schon extrem aufpassen um keine schaltragenden Damen mit stylisch kombinierter Second Hand-Kleidung zu Gesicht zu bekommen.

Zum Glück betritt ohne durch Vorband unnötig gestreckte Wartezeit noch vor 10 Uhr das Original die Bühne, allerdings bin ich erst mal schockiert wie klein die alle sind. Wenn eine Band immer von oben gefilmt wird stellt man sie sich wohl larger than life vor, so muss ich mich erst mal an eine andere Größenordnung umgewöhnen als die in meinem Kopf. Was das Bühnengehabe angeht haben The Long Blondes alles locker im Griff, Vollprofis soweit das Auge reicht, angefangen bei den lässig gespielten Saiteninstrumenten über die oftmals mit weit erhobenem Arm angeschlagenen Drums. Trotz der Größendiskrepanz zu dem was man erwartet hatte hat Jackson ihre gnadenlos Aufmerksamkeit erregenden Bewegungen einfach voll drauf, hier ein Zwinkern, dort der Hüftschwung, oh ja, trotz des Makeups das ihre Augen merkwürdig schmal erscheinen lässt (und ich möchte festhalten dass dies die einzige Band ist bei der man auf sowas achten darf) ist sie zweifelsohne Bestandteil so mancher angefeuchteter Indieboy-Träume.
Aber von Feuchtigkeit merkt man hier real nix, zu sauber scheint schon alles, sind sie nicht nur wie gewollt Stars geworden sondern direkt schon lustlose oder gar arrogant von oben herabspielende Performer? Auch wenn Jackson noch so viel haucht, die anderen beiden Damen auf der Bühne wirken einfach überaus lustlos oder auch bemüht cool, man möge sich seine Interpretation selbst wählen. Aber haho, da erscheint eine Lücke in der scheinbar souveränen Popstar-Rüstung, der auch sonst durch große Rockgesten hervorstechende Drummer Screech bringt Jackson mehrfach an den Rande eines Lachanfalls aus dem sie sich in letzter Sekunde zu Beginn ihres Gesangparts retten kann.

Zufall oder nicht, ab diesem Moment der Menschlichkeit wird das wie fast immer physisch kaum zu bewegende Kölner Publikum langsam wach und es wird mehr und mehr getanzt. Warum das vorher nicht der Fall war weiß ich nicht, die Sheffielder spielen nahezu alle Songs von ihrem Debütalbum, bis auf Heaven Help The New Girl und A Knife For The Girls, die beiden langsamsten, und auch nicht das schmerzlichst vermisste Swallow Tattoo. Dafür aber gibt es einen bisher unveröffentlichten Song serviert, und außerdem die B-Seite Fulwood Babylon.

Wie auf Someone To Drive You Home ist aber auch der Höhepunkt des Konzerts You Could Have Both. An der zentralen Stelle, wo Komponist Dorian Grey Cox mit der sonst meist als seine Sprecherin agierenden Jackson diesen phänomenalen Dialog nicht singt, nur spricht, das reicht, denn jeder der einmal Scott Walkers Musik auf einer Busfahrt gehört hat weiß wie das ist, da braucht es keine musikalische oder gesangliche Verpackung mehr, da wird zu Recht stillgestanden, einfach nur alle Augen nach vorn gerichtet.

Wie gesagt, das Publikum gerät ansonsten mehr und mehr in Wallung, und nachdem zum Schluss der Oberkracher Separated By Motorways schon beinahe die halbe Halle in Bewegung versetzt hat (was für Köln wirklich eine Großleistung ist) will man unbedingt mehr, mehr. Einen Nachschlag gibt es dann noch, zwar nur einen, aber einen besseren als Appropriation hätte man kaum wählen können. Eine Erinnerung an die Anfänge, keineswegs besser oder schlechter als das was folgte, aber eine Belohnung für alle die schon seitdem an diese Band geglaubt haben und eine Aussicht auf anderes für diejenigen die sie erst mit diesem Album entdeckt haben. Live long and prosper. And blonde.

Update: Fotos und ein Video

Konzert: The Lemonheads



Es gibt einen Moment, etwa 4 Songs in das Konzert der Lemonheads hinein, als mich plötzlich Sorgen überkommen.
Aber zunächst die Vorgeschichte: Es ist der letzte noch halbwegs angenehme Abend dieser Woche, es hat bereits etwas geregnet aber es ist immer noch so warm dass man nur in Tshirt und Sommerjacke durch die Straßen Kölns wandern kann. Das Stollwerck am Rheinufer gehört zu den wenigen größeren Veranstaltungsorten die ich noch nie von innen gesehen hatte, und meine Fresse, bei so vielen nicht besonders hoch hängenden heißen Scheinwerfern braucht es wirklich keine Heizung um den Konzertsaal zu erwärmen. Obwohl das Konzert restlos ausverkauft ist (vor dem Gebäude rennt mehr als eine arme Seele herum die noch verzweifelt nach Karten sucht) ist der Saal nicht überfüllt, vielleicht auch weil das Publikum nicht aus Wandschränken besteht sondern größtenteils aus allmählich Bauch ansetzenden Indiefans jenseits der 30. In der Umgebung fühl ich mich wie ein Teenie!

Dann betritt irgendwann der Mann die Bühne den vermutlich jeder außer mir bereits im letzten Jahrzehnt live bewundert hat, Evan Dando. Da er heute nicht alleine spielt hat er drei Tourbegleiter mit, die aber nicht die aktuelle 'offizielle' Besetzung der Lemonheads repräsentieren, Karl Alvarez und Bill Stevenson von All die das neue Album mitgeschrieben und -aufgenommen haben sind in den Staaten geblieben. Letztendlich sind diese Details aber egal, denn von der ersten bis zur letzten Sekunde hängen alle Blicke auf Dando. Wie zur Hölle sieht der Mann nach all den Jahren auf Tour, all den Parties, all den Drogengeschichten nur immer noch so verdammt gut aus? Bestimmt trinkt er einmal im Monat bei einem Voodooritual frisches Babyblut, ohne Hexerei kann das gar nicht gehen. Singen und spielen kann er natürlich auch noch, die Stimme nuschel-nölt herrlich wie eh und je und bis auf die etwas seltsamen Momente wo ihn z.B. bei Down About it statt Juliana Hatfields die etwas männlichere Stimme des Bassisten begleitet fällt kaum auf dass das hier etwas anderes ist als die Evan Dando Show.



Genau die will das Publikum auch sehen, man ist aus dem Häuschen, es wird gehüpft, getanzt und mitgesungen. Und dann kommt dieser Punkt als das nächste Stück nicht mehr ganz so Schlag auf Schlag kommt wie vorher, und ich merke: jetzt kommt der erste Song des neuen Albums. An so einem Punkt kann die Stimmung kippen, was ist wenn alle nur gekommen sind um die Klassiker zu hören und das neue Material gar nicht kennen oder gar nicht mögen? Aber die Sorgen sind umsonst gewesen, als die Drums zu Black Gown einsetzen geht ein kurzes Jubeln durch die Menge und es hagelt weiterhin begeistert aufgenommen Hit auf Hit.

Irgendwann verlässt dann seine Begleitband die Bühne, völlig unberührt und wie den Rest des Abends schon ohne viele Worte zu verlieren geht Evan Dando in ein paar Solosongs über. Nicht besser als mit Begleitung, aber auch nicht schlechter. Einfach Dando eben.

Konzert: The Pipettes



Was gibt es besseres als mit niedrigen Erwartungen ein Konzert zu besuchen und positiv von einer Band überrascht zu werden?
Ein Konzert mit hohen Erwartungen zu besuchen und alle Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern sogar übertroffen zu bekommen.

Everthing they said was true, they are The Pipettes and they will drop you in their nets, wovon ich mich gestern in Köln selbst überzeugen konnte. Wohl das erste Mal dass ich eine Band im Prime Club spielen sah die auch in den Laden reinpasste, so sehr ich auch das Gebäude 9 liebe gehören die Pipettes in einen bunt beleuchteten Raum ohne lange Stahlrohre an der Wand.

Bevor das Hauptprogramm des Abends aber begann sah man bereits vor dem Prime Club dass es heute auch im Publikum viel schwarz-weiß bepunktete Kleidung geben würde. So sah man bereits bei der Vorgruppe The Michelles, vier junge Briten die mit The Jam und Art Brut um die Wette rockten, einige Punktinseln im Besuchermeer. Zuvor hatte ich vom Auftritt von Monster Bobby, eine Art Ein-Mann-Notwist, nur das Ende mitbekommen. Ich würde ihn aber bald wiedersehen, denn Monster Bobby ist nicht nur der Mann der einst die Pipettes zusammenbrachte, er ist auch als Gitarrist Teil ihrer instrumentalen Begleiter und Co-Songwriter The Cassettes.

Die betreten dann unter dem Applaus eines den Prime Club dicht füllenden Publikums zuerst die Bühne, von wegen Ladies first. Dann aber folgen auch direkt RiotBecki, Gwenno und Rosay, die Halbgöttinnen in weiß-schwarz-und-mehr-gepunktet. Und wow, was für ein Bühnencharisma die drei versprühen, in persona sehen sie zudem noch weitaus besser aus als auf jedem Foto und Video. Gekommen bin ich aber vor allem wegen der unvergesslichen Popmelodien und Gesangsharmonien die bereits beim Eröffnungsstück Sex zu vollem Einsatz kommen.
Und wieder wow, von manchem Livevideo das im internet kursiert könnte man annehmen dass Musik und Gesang nicht so gut klingen wie auf CD/LP/MP3 etc., aber zumindest dort wo ich stand klang es nicht nur fantastisch gut sondern sogar meistens besser. Wenn Rosay in Why Did You Stay mit voller Stimme und Überzeugung "Well I've had just about enough of sweet" einwirft, oder die Königin des Augenzwinkerns Gwenno bei One Night Stand mit tief verstellter Stimme "You smiled at me and made my heart go boom" singt, gefolgt von Rosays mädchenhaftem "BOOM"-Aufschrei, dann ist klar dass diese Songs nicht den Weg von der Platte zur Bühne gemacht haben sondern andersherum.


The Pipettes live (nicht in Köln)

Und mein Gott, die Songauswahl war einfach absolut hundertprozentig perfekt. Sie bestand zu etwa 60% aus Albumtracks, wobei hier vom Album nahezu alle Balladen für die Auswahl gestrichen wurden so dass einem powerhaftem Popfeuerwerk nichts einen Halt bieten konnte. Der Rest waren B-Seiten/frühe Singles die denen absolut nicht nachstehen, erst recht nicht live wo sie mit ebensolcher Begeisterung auch vom Publikum betanzt wurden. Die Midtwenties-Fluchtphantasie Guess Who Ran Off With The Milkman?, Really That Bad und das bezaubernd choreographierte I Like A Boy In Uniform (School Uniform) gehören zu meinen Pipettes-Lieblingssongs derzeitig, und ich war mehr als nur erfreut auch solch eher obskure Songs geboten zu bekommen. Auch einen neuen Song gab es mit Baby Don't Leave Me zu hören, eine stampfig betrommelte Verzweiflungsrede einer Verlassenen.

Die Setliste ist wohl die gleiche auf jedem Konzert der Tour, neu waren aber die lockeren Ansagen die immer wieder zu Gelächter innerhalb der gut aufgelegten Pipettes und Cassettes selber führten, keine Spur von eiskalten Profis hier. Ebenfalls ihren Charme haben sich die selten perfekt, aber immer schön anzusehenden synchronisierten Tanzeinlagen der Pipettes bewahrt, vom Fingerschwenken bei Your Kisses Are Wasted On Me bis zum verkehrspolizistähnlichen Armeschenken bei I Like A Boy In Uniform.

Das Publikum gehörte wohl zu den besseren die die Pipettes auf ihrer Europatour bisher hatten, es musste gar nicht erst zum Tanzen aufgefordert werden, und bei Pull Shapes, dieser perfekten Popsingle, waren dann zu "Clap Your Hands If You Want Some More" auch soweit ich blicken konnte alle Hände in der Luft. Und ganz zu Anfang regnete es aus der ersten Reihe nicht nur Seifenblasen, sogar Rosensträuße wurden den Damen überreicht. Ja, ich habe das Gefühl sie würden gerne wieder nach Köln zurückkehren. Und Köln würde sie mit offenen Armen empfangen, nach dem Konzert hörte ich gar eine enthusiastische Mädchengruppe "Die Pipettes sind Gott!" proklamieren. Na das kommt mir doch bekannt vor, aber dem kann ich nach so einer Galavorstellung wirklich nicht widersprechen. Womit wohl auch bewiesen wäre dass Gott eine Frau ist. Gestern sogar dreifach.

Setliste:
Sex, Why Did You Stay, Really That Bad, Your Kisses Are Wasted On Me, Simon Says, Because It's Not Love (But It's Still A Feeling), I Love You, It Hurts To See You Dance So Well, Tell Me What You Want, Baby Don't Leave Me, Guess Who Ran Off With The Milkman?, The Burning Ambition Of Early Diuretics, One Night Stand, Judy, Dirty Mind, Pull Shapes, We Are The Pipettes. Zugabe: ABC, I Like A Boy In Uniform (School Uniform).

[Update]: Viele tolle Fotos von dem Konzert finden sich auf Flickr.
Das Konzert der Pipettes in Amsterdam kann jetzt auf Fabchannel angesehen werden.

[MP3] The Pipettes - The Burning Ambition Of Early Diuretics
[Video] The Pipettes - Pull Shapes (Quicktime)
[Video] The Pipettes - Judy (Quicktime via Yousendit)

Konzert: c/o pop - 20 Years Of Rock and Rave / Intro Intim

Am Samstag feierte Deutschlands mittlerweile nun wirklich traditionsreiches Label L'Age D'or sein 20jähriges Bestehen, nicht mit alten musikalischen Wegbegleitern, sondern mehr mit neueren Labelmitgliedern wie Phantom/Ghost, Timid Tiger und Von Spar. Direkt am Kölner Rheinufer, im wunderschönen Rheintriadem, stieg wenn man erst mal die lange Warteschlange hinter sich hatte eine angemessen große Party bei der man nicht nur in 2 Räumen Musik, sondern zudem drumherum auch noch einige Ausstellungen und Chillout-Zonen der c/o-pop-Festivalzentrale besuchen konnte. Ein kleines Ärgernis stellten die Unisex-Toiletten dar, die teilweise für (aus Männersicht) ungewohnt lange Wartezeiten sorgten, da die meisten auch nicht mit Urinalen ausgestattet waren.

Zum Elektronik-Programm im Second Floor (in dem nur Pilsner Urquell ausgeschenkt wurde!?) kann ich Nichts sagen da ich meine Zeit praktisch nur im großen Saal verbachte, aber ich war nun mal vor allem wegen der zwei Hauptacts dort gekommen. Zunächst spielten Von Spar ein kraftvoll krachiges Set (wenn ich nicht schon total betrunken war ohne den Hit Schockwellen Auf's Parkett), bei dem die Songs so ineinander überflossen dass es viel zu schnell vorbei schien, aber Spaß und Bewegung hat es allemal in die Menge gebracht. Der Auftritt erinnerte mich sehr an die fantastische Show der Liars, etwas das lustigerweise am nächsten Tag nochmal passieren sollte.

[MP3] Von Spar - Bunsenwahrheiten
[Video] Von Spar - Schockwellen Auf's Parkett (Quicktime)

Der Auftritt des Abends gehörte aber ganz klar den Süddeutschen The Robocop Kraus, die an diesem Tage bereits ihr zweites Konzert gaben. Und trotzdem ein nahezu perfektes Set spielten, mit Material von allen Alben, praktisch allen Publikumsrennern, ganz viel Trommel-durchs-Publikum-tragen und natürlich Hüfteschwingen, Mitsingen und Fäusterecken seitens des Publikums. Eine der besten Livebands schlechthin, keine Frage.

[MP3] The Robocop Kraus - All The Good Men (von They Think They Are The Robocop Kraus)
[MP3] The Robocop Kraus - The Dead Serious (von Tiger)

Ein paar Eindrücke von der Party liefert ein
Youtube-Videobericht von 20 Years Of Rock & Rave.

Am Sonntag führte dann der Weg aller Musikfans ins Kölner Bermuda-Dreieck, das aus Prime Club, Blue Shell, Stereo Wonderland und Rose Club besteht (ja, ich versteh's auch nicht). Nach der Spex hatte hier Kölns anderes großes Musik & Popkulturmagazin ein nettes Intro Intim-Event aufgezogen, das sich statt über drei Tage Open Air über drei Clubs erstreckte. Zunächst war klar, Cursive spielen im Prime Club, also auf dahin. Und es war ein feines Konzert, alte Hits und auch ein halbes Dutzend Stücke vom neuen Album Happy Hollow wurden bunt vermischt gespielt.
Ich weiß nicht wie der Sound weiter hinten im Club war, aber vorne kamen leider die Melodien der Bläser akustisch nicht so gut heraus und auch den Druck den sie auf dem Album vielen Stücken geben kam live nur stellenweise herüber. Dafür aber klang die Gitarre live nicht so überdeckt und dumpf, was besonders dem Stück Bad Sects neue Dimensionen schenkte. Am Schluss hieß es dann natürlich "The worst is over", als Staying Alive als letzte Zugabe das Set beendete.

Insgesamt konnten mich die neuen Songs live im Großen und Ganzen genau wie auf Platte nicht völlig überzeugen, die Cursive-typischen plötzlichen Wechsel wirken oft forciert, während auf The Ugly Organ selbst so vertrackte Stücke wie A Gentleman Caller oder Harold Weathervein einen natürlichen Fluss haben. Ein sehr gutes Konzert also, nur hoffe ich beim nächsten Besuch von Cursive auf mehr bessere neue Songs.

[MP3] Cursive - Dorothy At Forty
[MP3] Cursive - Bad Sects (von Happy Hollow)
[MP3] Cursive - The Recluse (von The Ugly Organ)

Danach folgten erst mal kurze Abstecher zum Blue Shell und dem Stereo Wonderland (das unangenehm voll aussah), aber letztendlich war ich dann doch mal neugierig Chicks On Speed zu sehen. Eine Gruppe die mich nie auch nur annähernd vom Hocker gehauen hat, aber deren Videos meist angenehm verrückt waren und von deren Liveshows ich nur Gutes gehört hatte. Völlig zu Recht, denn das war die beste Bühnenshow des Wochenendes.

Und gleich die zweite Show die mich an die Liars erinnerte, denn genau wie diese auf ihrer letzten Tour spielten Chicks On Speed vor einer DVD-Videoshow in einem exakt festgelegten zeitlichen Rahmen, in dem auch die vollelektronischen Teile der Musik abgespielt wurden. Da blieb keine Zeit für Fehler, und es ist bewundernswert dass die Performance trotzdem etwas scheinbar Chaotisches hatte. Was hier nicht alles zum Geräusche machen genutzt wurde: Scheren (mit denen auch live Haare geschnitten wurden), Pfannenwender, Putzzeug... als würde die heimische Hausfrau den Aufstand proben. Dazu wurden die schrillen Outfits oft gewechselt, fast genau so oft wie sich die Atmosphäre der Songs änderte.

Die erschreckend perfekte Eurodance-Nummer Glamour Girl, das Delta 5-Cover Mind Your Own Business, das thematisch aktuelle Myspace oder die Electroclash-Hymne Kaltes Klares Wasser kamen live einfach so viel lebendiger rüber, und bei We Want Plastic Surgery fühlte man endlich auch den Riot im Riot-Grrrl-artigen Gesang. Definitiv eine von den Bands die man unbedingt live sehen sollte, selbst wenn man sie auf Platte nicht mag, und ein großartiges Ende dieses musikalischen alkoholischen und animierten Wochenendes an dem die c/o-pop eine hervorragende Auswahl zwischen Pop und Elektronik in vielfaltiger Form zur Schau stellen konnte. Nächstes Jahr unbedingt wieder, vielleicht dann auch mit Sonnenschein?

[MP3] Chicks On Speed - Myspace
[Video] Chicks On Speed - We Don't Play Guitars (Youtube)

Nachtrag: Was an den Tagen davor beim Monsters Of Spex-Festival so abging und -regnete kann man bei Waldar nachlesen.

Konzert: Carla Bozulich

Es ist Dienstag Abend, und kurz vor Anpfiff des Spiels Brasilien - Kroatien mache ich mich nach Köln-Mülheim auf. Nein, nicht um dort in einer Kneipe das Spiel zu verfolgen, heute Abend ist tatsächlich ein Konzert im dortigen mir bisher unbekannten Kulturbunker. Um 10 soll's losgehen, also mitten im Spiel. Ob da überhaupt wer hin kommt?
Aber Überraschung, im Kulturbunker, der sowohl von der Aufmachung wie auch vom extrem netten und lockeren Personal mit dem man auch mal eben eine Runde Kicker spielen kann an ein überdimensionales Jugendzentrum erinnert, wird im Konzertsaal das Spiel gezeigt. Das Konzert fängt dann eben eine Stunde später an. Auch kein Problem, dank der WM fahren so viele Sonderzüge dass ich mir um eine spätere Rückfahrt keine Sorgen zu machen brauche.

Dann, nach einem rekordverdächtig schnellen Umbau, wird zum Konzert eingelassen. Da der Saal so groß und gut ausgestattet ist kann man sich sowohl vorne auf einen Stuhl oder auf den Boden setzen, an einen Biertisch an den Seiten setzen oder stellen oder einfach mitten im Raum stehen.

Als erstes tritt die Geigerin Anni Rossi mit ihrem Soloprogramm auf. Sie nutzt ihre elektrisch verstärkte Geige nach allen Regeln der Kunst und nach denen, die außerhalb der Kunst sind, um zusammen mit ihrer quietschigen Mädchenstimme folkige Popsongs zu produzieren, die absichtlich meistens ein wenig schräg klingen. Der typische Sound von vielen Künstlern des Kanadischen Constellation-Labels eben. Als rhythmische Begleitung nutzt sie dazu ihre enorm dicken Schuhe, mit denen sie sich schlängelnd hin und her bewegt um sich vom Mikrofon zu entfernen, was einen ungewöhnlichen lautstärkeändernden Effekt mit sich bringt.

[MP3] Anni Rossi - Machine
[MP3] Anni Rossi - Safety Of Objects

Als das Publikum zum letzten Applaus ansetzt verlassen 2 Damen aus der ersten Reihe mit ihr den Saal. Wie sich kurz darauf herausstellt sind diese drei die musikalische Unterstützung von Carla Bozulich. Mit der ziehen sie dann nämlich feierlich von hinten in einer Parade in den Saal ein und marschieren zur Bühne.
Bozulich ist zwar die kleinste auf der Bühne, aber nicht nur weil sie beim Einmarsch die Trommel malträtiert hat sie eine enorm starke Bühnenpräsenz. "Von einer gefährlichen Aura umgeben" würde man als Autor von Fantasy-Groschenromanen wohl schreiben.

Und so klingt dann ihre Musik. Gefährlich. Düster. Emotional. Aufregend. Vielschichtig. Wer schon Bands des Constellation-Labels wie A Silver Mount Zion oder Black Ox Orkestar kennt, kann sich den Sound ähnlich vorstellen, nur noch eine Ecke düsterer als deren düsterste Werke. Allein schon Bozulichs fantastische Stimme erweckt die distanziert-bitteren, wütenden Texte zu eindrucksvollem Leben.
Bozulich kann schon auf eine längere Karriere, solo und mit mehreren Bands, zurückblicken, und das merkt man gut an der Vielschichtigkeit der Musik und der wechselnden Dynamik der heutigen Band. Immer mal wieder setzen einzelne Musikerinnen komplette Stücke aus, singen nur, wechseln vom Keyboard zum puren Effektgerät, oder stampfen in wieder enorm dicken Schuhen mal laut, mal leise den Takt. Und nicht nur physisch wird zu erfindungsreichen Sounds gegriffen, in einem Stück spricht Bozulich in ein Gerät, das ihre Stimme direkt auf die Gitarrenabnehmer abbildet. Auch wegen so viel technischer Aktivität auf der Bühne ist die Stimmung, obwohl die Musik düster ist, nicht wirklich bedrückend. Dafür ist die Darbietung zu direkt, zu emotional geladen. Und die Musik zu faszinierend.

Und dadurch geschieht auch das, was der Einmarsch eingeleitet hatte. Künstler und Publikum kommen sich immer näher bis sie so nahe beieinander sind dass Bozulich gegen Ende wünscht "I wish you could be up here with me". Da hätte dann auch der empfindsamste Emo-Boy keine Angst mehr gehabt.

[MP3] Carla Bozulich - How To Survive Being Hit By Lightning
Carla Bozulich - Evangelista I

Carla Bozulich Myspace

Konzert: Guillemots

Eigentlich hatte ich Guillemots für einen Geheimtipp gehalten, dann aber gestern einiges über die Band aus England gelesen: Ausverkaufte Clubtouren, Videorotation auf MTV, B-Seite auf der nächsten The Streets-Single und nicht zuletzt vom omnipopulistischen NME als "MOST FURIOUSLY SOUGHT AFTER ACT IN THE UK RIGHT NOW" betitelt. Inklusive Großbuchstaben. Kurz: Ganz großer Hype. Hätte ich doch besser schon im Voraus Karten besorgen sollen?
Wenn es einen Hype gibt, dann scheint dieser bisher weder das deutsche Publikum noch die Band erreicht zu haben.

Denn die saß in lockerer Gemütlichkeit bis zu ihrem Auftritt zusammen mit den ca. 25-30 anwesenden Besuchern draußen vorm Gebäude 9 im sonnigen Deutz und genoss das Wetter. Das wurde, da es keine Vorband gab, auch über die letzte Minute hinaus ausgekostet und so begann das Konzert knapp eine Stunde nach Ankündigung. Die Besucher, die von einem scheinbar zu halsbrecherischem Tempo gezwungenen Taxifahrer nach Neun anchauffiert wurden wird es gefreut haben, und auch sonst hatte keiner etwas gegen ein bisschen Biergarten.

Dann Auftritt im Dunkeln. Sänger Fyfe Dangerfield besetzt, umringt von vier stehenden und einem tragbaren Keyboard, einen kunstvoll gearbeiteten Holzstuhl, der mindestens doppelt so alt ist wie er selbst und beginnt ein starkes, ergreifendes Solo zu singen und spielen. Schon ist klar, dass die Soul-Einflüsse, die ich bei meinen Streifzügen zur Homepage der Band in manchen Songs wahrgenommen hatte, mehr als nur Einflüsse sind, denn der Mann schüttet dem kleinen aber dankbaren Publikum seine Seele aus.
Dann betritt der Rest der Band die Bühne. Und was für eine gemischtes Bild sie abgibt. Dangerfield mit seinem hochstehenden, lockigen Haar und einem leicht schlabbrigen, komplett roten Anzug mit dem er wie Wayne Coynes kleiner Bruder aussieht. Gitarrist MC Lord Magrao aus den Straßen Sao Paulos im knappen T-Shirt. Bassistin Arristabazal Hawkes in einem bezaubernden Blumenkleid und mit einem monströsen Doppelbass. Und der manisch trommelnde körperlich eindrucksvolle Rican Caol hinter einem mit Camouflage ausgestatteten Percussionsset.

Auch musikalisch äußert sich diese Vielfältigkeit. Selbst wer schon mal eine perfekte Symbiose von lateinamerikanischen Rhythmen und Klängen und weißem Soul á la Dexy's Midnight Runners gehört haben sollte (was nicht bei vielen der Fall sein dürfte) wird von der Musik der Guillemots überrascht sein. Denn anstatt sich einfach mit großartigen souligen Popsongs zufrieden zu geben, gehen die Guillemots den unbequemen Weg und machen ihre Songs vertrackt, versehen mit anspruchsvollen Rhythmen die den Kopf des Hörers herausfordern, gleichzeitig aber auch immer wieder kräftig in die Beine gehen. Was auch daran liegt dass alle ständig auf höchstem Energieniveau agieren.

Ich kann nun nicht behaupten dass die Band das Gebäude 9 zum Kochen gebracht hätte, dafür war es einfach viel zu leer. Aber ich habe es sehr lange nicht mehr erlebt dass nach jedem Stück so viel applaudiert und gejauchzt wurde, was den Abend besonders emotional und intim machte. Zur Zugabe wurde es dann wirklich intim, Dangerfield, wieder alleine, stellte sich mit tragbarem Keyboard ins Publikum und schüttete den Menschen direkt vor ihm in einer absolut beeindruckenden Nummer seine Seele aus. Und noch einmal versammelte sich dann die Band zum großen Finale, nach dem das Publikum sie nun endgültig nicht mehr gehen lassen wollte. Minutenlang wurde geklatscht, gehofft auf noch eine seelige Sternstunde an diesem Abend, bis schließlich die befürchtete Musik vom Band aus allen Lautsprechern erklang. Da half dann auch kein Buhen (gegen die Musik vom Band wohlgemerkt) mehr.

Einen so intimen Auftritt der Guillemots werde ich vermutlich nie wieder erleben. Dafür aber garantiert viele, viele andere.

[MP3] Guillemots - Who Left The Lights Off Baby
[MP3] Guillemots - If The World Ends (Live @ XFM)

Fotos von anderen Auftritten der Guillemots gibt's auf Flickr.

Guillemots E-Card
Guillemots Myspace

Konzert: Sleater-Kinney

Untertitel: Cologne, You're No Rock 'N Roll Fun
Nein, das haben Sleater-Kinney gestern nicht gesungen, aber es wäre ihr gutes Recht gewesen.
Sie gaben immerhin das Rockkonzert des Jahres, und das Kölner Publikum wärmte nur mit Schneckengeschwindigkeit dazu auf - so dass kurz vor dem letzten Song (vor der Zugabe) vielleicht ein Zehntel des Publikums seine Oberkörper signifikant bewegte.

Aber genug vom Publikum erst mal.
Eigentlich sollte das Konzert schon letztes Jahr stattgefunden haben (mit Wolf Parade zusammen, das wär was geworden!), wurde aber wegen Krankheit abgesagt. Lustigerweise wurden die Plakate davon dann vor ein paar Wochen nochmal ausgegraben und hingen mit den entsprechenden Stellen von schwarzem Klebeband überklebt in der Eingangshalle des Gebäude 9. Nach dem Konzert waren die aber aufgrund plündernder Fans schneller weg als man hinsehen konnte. Und das hatte auch seinen Grund.

Ja, Rockkonzert des Jahres. Wenn Leute über Sleater-Kinney reden heißt es ja an allen Ecken "die rocken", aber nach dem gestrigen Abend würde ich dem nicht zustimmen. Sleater-Kinney ROCKEN, in Großbuchstaben und mit Ausrufezeichen! Und das mit einer Coolness die nicht mal aufgesetzt wirkt. Ihre Songs an sich sind schon toll genug, aber live explodieren sie dann richtig aus den Lautsprechern und man muss bei jedem neuen Stück aufs Neue um sein Trommelfell fürchten. Dagegen wirkten selbst Mogwai weniger imposant.
Gespielt wurden zunächst mal praktisch alle Songs von ihrem letzten Album The Woods, allerdings wäre das für Nichtkenner des Albums kaum festzustellen gewesen, so gut integrierte sich neues wie altes Material in die alten Songs (von denen glaube ich sogar noch mehr gespielt wurden als von den neuen). Vielleicht waren es aber die alten Songs vor allem die das Publikum hören wollte, der Funke wollte jedenfalls bei den meisten nicht überspringen. Was nicht heißt dass die Stimmung negativ gewesen wäre, nachdem Sleater-Kinney die Bühne verließen gab es deutlichen und anhaltenden Applaus, nur ist ein Rockkonzert ohne Bewegung nun mal etwas weniger schön.

Dann, als die Band zurück kam und nach Spielwünschen fragte, wurde vor allem Little Babies von Seiten des Publikums erwünscht. Da griff die Band dann zum ältesten Pädagogentrick der Welt (und ich entschuldige mein Paraphrasieren):
"We recently played in France, and it was a great audience, they were very energetic and dancing all the time. So, if you guys can dance as much as them me will play Little Babies." Und wem das noch nicht als ein Kommentar über das Publikum an diesem Abend vorkam, bei dem könnte der Groschen beim nächsten Song gefallen sein (der das Publikum dann aber endlich mitriss): You're No Rock N' Roll Fun. Ab dann wurde es auch allmählich die Stimmung die ich mir den ganzen Abend gewünscht hätte, und als Belohnung gab's dann auch Little Babies.
Nachdem die Band erneut unter begeistertem Applaus die Bühne verlassen hatte, kamen sie dann zum zweiten Set von Zugaben zurück. Sängerin Corin Tucker gab amüsiert zu dass sie erwartet hatten an diesem Punkt schon nur noch Musik vom Band aus den Lautsprechern zu hören, aber da ihr Soundmensch das vermasselt hätte gäbe es nun noch eine Zugabe. Und die hatte es in sich, denn die war überraschenderweise ein Cover von Danzigs Mother. Erübrigt sich zu sagen dass auch die ROCKTE!!!

Fotos von dem Konzert kann man hier betrachten.

[MP3] Sleater-Kinney - You're No Rock n' Roll Fun
[MP3] Sleater-Kinney - Jumpers
[MP3] Sleater-Kinney - Entertain
[MP3] Sleater-Kinney - One Beat (Live)

Konzert: Celebration / TV On The Radio

Dieser Mai ist was Konzerte in Köln angeht schierer Wahnsinn, allein in der heute vergehenden Woche gab es 9 Konzerte auf die ich gerne gegangen wär/bin. Aber wenn das Budget eng ist muss man einzelne Konzerte auswählen. Und Mensch, hab ich gestern die richtige Wahl getroffen.
Ich hatte mich schon im Voraus ein wenig über die Vorband Celebration informiert, und was ich da auf diversen Internetseiten las klang schon sehr gut. Da stand was von einer Band, die live eine spirituelle Erfahrung wäre. Da stand was von einer Band, deren musikalische Macht auf Tonträger kaum einzufangen sei. Und da stand was von einer Band, die nichts mehr hassen würde als ein Publikum das teilnahmslos cool rumsteht und die Arme verschränkt. Ich malte mir schon aus wie dem oft notorisch bewegungsfaulen Kölner Publikum Gitarren und anderes Equipment von der Bühne aus um die Ohren fliegen würde...

Von diesen drei Sachen die ich gelesen hatte stimmt der letzte Punkt vermutlich nicht, denn als ich pünktlich am Gebäude 9 eintraf (das Konzert aber schon angefangen hatte, grummel) war der Großteil des Publikums zwar wie erwartet unbewegt, schien jedoch unverletzt. Aber alles andere was ich gelesen hatte stimmt völlig: Celebration sind live sensationell! Vom rechten Teil der Bühne erklingt hypnotisches und intensives Getrommel, das wie eine schamanische Beschwörung wirkt. Links ein dem Publikum den Rücken zuwendender Herr, der schwelende Elektroorgel-Sounds erzeugt und manchmal gleichzeitig dazu noch den Bass spielt. Und in der Mitte, so wild zuckend dass ihre Beine ständig wegzuknicken scheinen, bellt und heult (im animalischen SInne) eine wellhaarige Sängerin mit der Stimme von Siouxsie Sioux dass man es direkt in den inneren Organen fühlt.

Das restliche Publikum war schnell vergessen, alles was noch existierte war diese energiegeladene Musik die man unbedingt einmal live erleben muss, unbedingt! Was auch gut möglich ist, denn Celebration stellen die kommenden Tage die Vorband für die Deutschlandtermine der Yeah Yeah Yeahs. Wollte ich eigentlich nicht sehen, aber jetzt werd ich wohl wegen der Vorband hingehen. Celebration: sensationell!

[MP3] Celebration - War
[MP3] Celebration - New Skin
Celebration Myspace

Und dann der Auftritt von TV On The Radio. Diese Band ist sowas von groß dass es fast beängstigend ist, live sind die Songs so überwältigend dass man selbst als Atheist auf die Knie fallen und Gott danken möchte dass er diese Band geformt hat. Und die Band geht auch mit doppeltem Körpereinsatz an die Musik heran, kommuniziert einem ihre Seelen direkt in die eigene hinein. Über das Erlebnis das ein TV On The Radio-Konzert ist könnte man einen Satz schreiben der nur mit Superlativen gefüllt ist oder auch 100, es würde alles stimmen. Denn wenn ihre Musik eines ist, dann ist sie dies: Superlativ.

[MP3] TV On The Radio - Staring At The Sun
[MP3] TV On The Radio - Dry Drunk Emperor
[MP3] TV On The Radio - Dreams
TV On The Radio Myspace

Edit:
- Herr Waldar war auch da (und begeistert)
- Fotos gibt's hier zu sehen

Konzert: The New Pornographers / The Fiery Furnaces

"Warum gehst du eigentlich auf Konzerte?" fragte mich letztens jemand ganz unbedarft. Ich vergesse immer wieder dass das für die meisten keineswegs ein alltägliches Ereignis ist, aber als ich die Antwort darauf geben wollte musste ich doch zuerst etwas stutzen. Wie erklärt man in Worten warum ein gutes Live-Konzert einer Band die und deren Musik man liebt eines der besten Dinge ist die es gibt?
Ich weiß jetzt, meine korrekte Antwort hätte darin bestehen müssen, ihn zum gestrigen Konzert der New Pornographers und Fiery Furnaces im Kölner Gebäude 9 zu schleifen, ihm Augen und Ohren weit aufzureißen und anzubrüllen "DA, SIEHST DU DAS? HÖRST DU DAS? FÜHLST DU DAS? DESWEGEN GEHE ICH AUF GOTTVERDAMMTE KONZERTE!"

Zunächst einmal war ich überrascht dass die New Pornographers die Vorgruppe waren, eigentlich hatte ich das Gegenteil erwartet. Aber jegliche Gedanken waren nach dem ersten Takt vergessen, denn die kanadische Supergroup legte sofort los. Neko Case war nicht mit dabei, aber ich kann nicht behaupten dass ich sie vermisst hätte. Ihre Parts übernahm die Nichte von Sänger und Songschreiber A.C. Newman, Kathryn, die auch eine klasse Stimme hat und mir ehrlich gesagt ein bisschen enthusiastischer vorkam als Case.
Abgesehen davon hatte ich nach dem vorherigen Anhören mehrerer Live-Aufnahmen schon eine ganz gute Ahnung davon was mich erwarten würde, aber die fast schon majestätische Wucht der Live-Performance war wirklich fabelhaft. Die Band ist rhythmisch eingespielt, und da die Akustik auch gut war war das Konzert genau so exzellent wie ich gehofft hatte, so mitgerissen dass ich zu jedem Stück tanzen musste war ich schon lange nicht mehr gewesen.

Die Pornographers spielten Stücke von allen ihren Alben, und bis auf ein oder zwei Songs wurde wohl kein Publikumsfavorit ausgelassen. Dementsprechend gut war auch die Stimmung, wobei die Halle nicht mal halbvoll war. Und als nach dem letzten Song Sing Me Spanish Techno die Band die Bühne verlassen hatte und bereits die "das Konzert ist vorbei"-Musik aus den Lautsprechern dröhnte, hielt der Applaus immer noch an, so dass die Band nochmal zu einer feurigen Zugabe raus kam. Wer hätte da gedacht dass der Abend noch feuriger werden würde...

Ich hatte nur vage Andeutungen gehört dass die Live-Shows der Fiery Furnaces radikal anders wären als ihre schrägen Keyboard-Kompositionen auf Platte klingen. Frühestens konnte man das daran merken dass auf der ganzen Bühne weit und breit nichts auch nur annähernd Tastenbesetztes stand, das Setup bestand aus Bass, Schlagzeug und zwei Gitarren. Die eine Gitarre betätigte Matthew Friedberger, und wie man bald merkte tat er das mit Gusto. Vom ersten bis zum letzten Ton bretterten die Fiery Furnaces nur so durch ihre Stücke durch, und das mit der Wucht einer Metal-Band. Wer die Songs nicht auswendig kannte wäre niemals darauf kommen dass es sich überhaupt zum die gleiche Band handelt, die Stücke wurden nicht nur doppelt so schnell und laut gespielt, sondern waren radikal umgearbeitet. Und wenn man die Songs kannte konnte man viel Spaß damit haben, herauszufinden welcher Song gerade gespielt wurde und was sich die Furnaces alles für diese Live-Version hatten einfallen lassen.

Teilweise waren Passagen komplett gestrichen was z.B. einen Pop-Hüpfer wie Tropical geradezu in einen Ramones-Song umwandelte, teilweise verschmolzen Teile von verschiedenen Stücken zu einem neuen. Und praktisch alle Stücke waren durchweg vom frenetischen Gebolze des exzellenten Drummers durchzogen, das immer wieder beeindruckte Atemlosigkeit beim Hörer verursachte. Die schrägen Keyboardorgien waren teilweise in Gitarrenkrach seitens Matthews umgewandelt worden, der seine verzerrenden Pedale enthusiastischer bediente als ein 15jähriger bei der ersten Probe seiner Punkband. Eleanor Friedbergers Stimme schaffte es aber tatsächlich, unter der Wucht der Musik nicht unterzugehen, sie schien das Ganze sogar als Ansporn zu nehmen sich noch mehr ins Zeug zu legen. Was wirklich beachtlich war angesichts der Tatsache dass sie ihre ohnehin schon oft dicht gefüllten und zungenbrecherischen Passagen in einem halsbrecherischen Tempo vortragen musste um mit der Musik mitzuhalten.
Und dann war irgendwann alles vorbei. Bis auf Matthew verließen alle die Bühne, er signierte noch vorne auf der Bühne, und da merkte ich dass ich wohl das ganze Konzert über ein dickes fettes Grinsen auf meinem Gesicht gehabt haben muss. Und das war dann nun wirklich das letzte was ich von einem Fiery Furnaces-Konzert erwartet hätte.

Eines dieser Konzerte allein wäre ein fantastisches Erlebnis gewesen. Beide an einem Abend: Großes Kino für die Ohren. Ein Feeling, das einen auch am Tag danach nicht loslässt. Pure Euphorie.
Der Grund warum ich auf Konzerte gehe.

Edit: 4 Bilder vom Konzert finden sich hier

Konzert: Deerhoof

Mir huscht etwas an den Beinen vorbei. Gesehen hab ich in Augenhöhe niemanden. "War das eben die kleine japanische Sängerin von Deerhoof?"
Sie war es, denn knapp 20 Minuten später sehe ich sie im grünen Pulli mit dem Rest der Band die Bühne besteigen. Sehen sogar verdammt gut aus für eine kaum bekannte, kultige Indie-Band, wenn sie dran interessiert wären könnten sie locker jedes Magazincover säumen. Aber das wird wohl nie passieren, denn Deerhoof bleiben auch im verflixten 13. Jahr eine großartige krachige, jazzige, unkonventionell poppige Rockband. Fliegende Rhythmuswechsel, Melodien die Noise-Attacken umgarnen (und umgekehrt), und dazu eine hervorragend aufgelegte hochstimmige Sängerin die ihre ganz eigene Choreographie voller japanischer Popkulturreferenzen drauf hat.

Besonders bei Gore in Rut, bei dem sie ein Häschen imitiert, fühlt man sich wie auf einem Kindergeburtstag für Art-Punks. Auf Video lässt sich das nur schwer einfangen, das muss man mal erlebt haben. Deerhoof arbeiten zum Glück schon am nächsten Album, hoffentlich dann wieder mit Tour. Bis dahin findet man tonnenweise Songs hier und im Folgenden:

[MP3] Deerhoof - Wrong Time Capsule
[MP3] Deerhoof - Milking
[MP3] Deerhoof - Sealed With A Kiss
[MP3] Deerhoof - Holy Night Fever
[MP3] Deerhoof - The Great Car Tomb
[MP3] Deerhoof - Gore In Rut

Deerhoof Myspace