Mungolian Jetset presents Jaga Jazzist vs. Knights Of Jumungus - Toccata

Dieses Monstrum von einem Titel kann nur eines bedeuten: Mungolian Jetset machen wieder mal das, was ihnen am besten steht, nämlich das Silber anderer zu Platingold aufzupolieren. Trotz echter Highlights überspannte ihr letztes Soloalbum die Nerven doch selbst bei mir etwas, das am 20. August erscheinende Mungodelics steht hingegen als kuriose Mischung aus Remixen, Kollaborationen und Nebenprojekten in der Tradition ihres Meisterwerks We Gave It All Away...Now We Are Taking It Back. Neben einigen bereits zuvor veröffentlichten Stücken wird auch Toccata mit von der Partie sein, das jegliche Cartoonstimmen außen vor lässt und wie ein eleganter, erhabener Nord-Disko-Gletscher dahinfließt.

[Stream/MP3] Mungolian Jetset presents Jaga Jazzist vs. Knights Of Jumungus - Toccata

c/o pop 2012 Tag 4: Xul Zolar, The Suicide Of Western Culture

Nun, das dürfte meine spärlichst besuchte c/o pop überhaupt gewesen sein, the best laid plans und so. Konsequent grenzplanlos hieß es dafür den Samstag angehen, schließlich verzögerte sich letztes Jahr beim Chic Belgique schon alles so, dass ein gezieltes Pendeln zwischen den Klamottenladenkonzerten kaum möglich war.

Aber klar, sich auf Verspätungen zu verlassen muss einfach ein doppelt Murphy'sches Gesetz in Effekt setzen, und so verpasste ich mit dem Besuch der textlich was handaufsherzigen Supermutant beim Ehrenfelder c/o-pop-Alternativprogramm den Auftritt von Vomit Heat. Vom Hocker reißendes spielte in den anderen Schaufenstern nicht viel - ich kann mich songwriterischer Folkigkeiten, Solala-Beats und eines überlauten Tamburins entsinnen - doch der Auftritt von Xul Zolar war nun ihr erster, der mir gänzlich gelungen vorkam. Wirkten die Wilderness-mäßigen Hallereien zuvor nicht immer stimmig verschmolzen mit den flotten, oft nur eingangs monorhythmisch scheinenden Rhythmus-PTTRNS, Wimp-Vocals und Sphären-Elektronik, hat das Trio nochmal an Tightness zugelegt und wenn ich mich nicht irre sein Repertoire mit besserem Material erweitert.

Im Studio 672 begann sich trotz gutlauniger Disco-Beschallung mein weniger Schlaf auf dem Habenkonto langsam zu rächen. Fast hätte ich schon die Sachen gepackt, hätte mich nicht das so ziemlich tollste Kontrastprogramm aus dem Dämmern gerissen. In einem Moment war der Tanzboden von animierten Körpern gefüllt, im nächsten flüchteten so manche davon mit extrem unglücklichem Blick vor einer Doppelwolke aus dichtem Kunstnebel und akustischer Noisepop-Attacke. "These dudes are awesome!" war eine Weile das einzige, was mir zu The Suicide Of Western Culture in den Sinn kommen wollte.

Ein gutes Stück an primitivere Fuck Buttons erinnernd, wechselten und verbanden die beiden Spanier wüste Knarzereien mit grenz-ATR-voluminösen, doch eher klassisch strukturierten Dance-Beats. Wahrscheinlich meine Favoriten waren die Stücke, die zu einer Art noisigeren M83 (der Panorama-Breite des neuen Albums, wohlbemerkt) rüberpendelten, ekstatisch rollte einer der beiden seine Augen nach oben während auf ihn und die Leinwand hinter ihm Naturbilder und abstruse Abgesänge auf eine erfüllende (Zivilisations-)Existenz projiziert wurden. Paradoxerweise völlig glückseligmachend waren die Sounds, zu denen in roten Großbuchstaben "LOVE BRINGS ONLY PAIN" über die Wand scrollte. Mitunter erschien die Mischung was konfus mit stark fluktuierendem Energiepegel, doch war's eben unendlich belebender als sowas wie der Durchschnitts-Indie von Vierkanttretlager, die vorm Fußballspiel den Red Bull Tourbus berockt hatten.

Re-energisiert blieben die Beine denn auch zum famosen Set von John Talabot konstant in Bewegung, bis auf dem Nachhauseweg schon die ersten Vögel rumrumorten. Ich hoffe nur, die roten Flecken auf meinen Unterschenkeln kommen vom Reiben der Hose beim ausgiebigen Tanzen und sind keine allergische Reaktion auf den inhalierten Liter Kunstnebel.

Stream: Gojira - L'Enfant Sauvage

Ne Weile ist's her, dass mir ein Metal-Album so gefallen hat. Auf dem heute erscheinenden L'Enfant Sauvage zeigen sich Gojira sicherlich kraftvoll und auch sehr melodisch, vor allem aber spielen die Franzosen großartig mit den Dynamiken und Wirkungen verschiedener Klangschattierungen und Spieltechniken, die sie überaus vielseitig zu assemblieren wissen.

[Stream] Gojira - L'Enfant Sauvage

c/o pop 2012 Tag 1: Prinzhorn Dance School / Sun Glitters

Genau so hab ich mir immer ein Chillwave-Konzert vorgestellt: Auf der Bühne des Stadtgartens umschmückt eine Leuchtgirlande das Pult, auf dem der Luxemburger Sun Glitters seine Geräte stehen hat. Während sich vor ihm wenig regt, geht von ihm die meiste körperliche Aktivität aus, stets von seinen gar nicht mal so entspannten Beats ergriffen zuckt er mit dem Körper, während seine Hände über diese modern komplexere Form einer Klaviatur aus Knöpfen, Schiebern, Tasten und vielleicht auch Berührungssensoren flitzen.

Hinter ihm läuft, die meist leuchtend hellen Hochtöne aus verpitchten Stimmen und Synthwogen komplementierend, eine Videoschau in jener überbelichteten, hyperfarbintensiven Bildästhetik, die mir schon jetzt und hoffentlich auch in einem Jahr dem Rest der Welt zum Hals raushängt. Alles ist sehr vage, intensiv, überladen und bunt, es wirkt wie die Liveinszenierung eines Tumblrs. Doch ausgerechnet wenn Sun Glitters mal weniger sonnige Töne anschlägt, wird seine Musik am packendsten. In sinistren Schatten wirken seine Beats plötzlich bestimmter, fordernder, wollen nicht nur brisig vorbeiziehen sondern bewegen.

Keine Projektionen sind hinter Prinzhorn Dance School zu sehen. Ohnehin wirkt diese Paarung von Vor- und Hauptprogramm wie ein Spiel der Kontraste: Suzi Horn und Tobin Prinz sind in schwarz gekleidet, wirkten auch in ihrer Kurzhaarigkeit fast uniform, wäre da nicht ihr weitaus weniger streng dreinblickender, langmähniger Drummer. Der wirkt zu Beginn in seinem von Natur aus frohmütigen Gesicht so, als müsste er sich ein Lachen verkneifen über das wenige, was er da zu spielen hat.

Denn Aussparung ist die Devise des englischen Duos. Zwischen einzelnen Anschlägen und Vocals, wo man von anderen Bands Aktivität erwarten würde, vergeht so viel Zeit mit Stille, dass die darin sekundenlang überpräsenten Quatscher im hinteren Teil des Raumes schnell verstummen. Die meist an zwei Händen abzählbaren verschiedenen Noten und Perkussionselemente könnten die schmucklose Aufführung anfängerhaft wirken lassen, wäre da nicht diese zielstrebige Strenge in jeder Aktion, die komplexe, körperliche Groovegebilde hervorbringt.

Vor allem die stärker mit der dynamische Wechselwirkung ihrer Einzelelemente spielenden Songs des neuen Albums machen famosen Druck zu den - klar - spartanischen Gesängen der beiden, so dass vorne sogar jemand im belebten Jumpstyle dazu durchgängig tanzen kann. Schwerer wird das hingegen in geradlinigen Stücken, gegen deren weite, ereignislose Freiräume The xx wie Katy Perry wirken. Denkbar minimalistisch kickt Prinz zwischendurch seine geleerten Bierflaschen über die Bühne. Selbst das Nebensächliche, das bei anderen als unflätiger Punk-Stunt hochinszeniert ist, verläuft bei Prinzhorn Dance School hochökonomisch.