Von Uli am 25. Juni 2011, 11:58
Allmählich stellt sich das Festivalsyndrom ein, eine geistige und auch teilweise körperliche Trägheit, die vielleicht das leichte Desaster des dritten Tages begründet. Er ist ohnehin konzertmäßig der am wenigsten interessante, lauter deutsche Gitarrenpopbands die man auch wann anders im Jahr nicht sehen will und irgendwo auch noch die Tumblr-Effekthascher Wu Lyf, überschattend liegt über allem die spätere große Clubnacht mit nicht nur der Kompakt-Party.
Doch ein paar Sachen abseits davon sind schon reizvoll, so ist das erste angesteuerte Ziel auch ein Dunkelkonzert von
Rochus Aust, das in völliger Finsternis stattfinden soll. Am vermeintlichen Veranstaltungsort weiß man allerdings nichts davon, im Kölnischen Kunstverein gibt es heute nur eine Kinovorführung. Komisch, das scheint doch der richtige Veranstaltungsort zu sein, oder gibt es etwa noch einen Kölner Kunstverein in der Nähe des Rudolfplatzes?
Wie sich später herausstellt, gibt es den in der Tat - 800 Meter weiter die Straße runter liegt der Kunstverein Kölnberg. Na toll. Der Ärger über diese Verwechslung verfliegt aber schnell in der Idylle des Aachener Weihers, über den erschallen passend zum goldigen Sonnenuntergang balearische Discoklänge von der Playground Love im Kulturdeck am Aachener - einer dermaßen schönen Sommerlocation, dass sie im (wie gerade gesehen nur allzu) kulturreichen Köln vermutlich bis Ende des Jahres an irgend einen Ballermann-Party-Betreiber umvermietet wird.
Dann geht es auf zum Stadtgarten, durchs belgische Viertel, das ja demnächst aufgrund der absurden Häufung dieser Gastronomien dort in Sushi-Viertel umbenannt werden soll (besorgniserregend: der Kotzhaufen neben einem "All you can eat"-Sushietablissmenet), über den
Casus Belli Brüsseler Platz und schon bin ich beim Italic-Abend - der, anders als in den letzten beiden Jahren, in der bisher größten Halle völlig überraschend ausverkauft ist. Na toll. Aber keine Sorge, um dennoch den journalistischen Informationsauftrag dieses Blogs zu erfüllen folgt nun ein Livebericht ohne live dabeigewesen zu sein. So schwer kann das ja wohl nicht sein.
Zunächst betreten
Stabil Elite die Bühne, der Band, wegen der ich eigentlich auch vor allem hier bin. Gut, dass ich schon im Vorfeld Tickets besorgt habe! Wie schon Lucas Croon bei seinem a href="http://uliuli.twoday.net/stories/6397180/">letztjährigen Soloauftritt bewegt sich das wohlgekleidete Trio in synthetischen Kosmik-Welten, zieht aber auch mal wie in
Gold ein rigides Krautpop-Gewand an oder kombiniert beides im epischen
Krautkamerad. Ein hypnotischer Sog entfaltet sich, der auch das verlässlich aufgeschlossene Publikum in Bewegung bringt und daran erinnert, dass Elektronik nicht nur minimal tanzbar sein kann.
Während umgebaut wird, begebe ich mich in den Restaurant-Teil des Stadtgartens, wo es ein Wiedersehen mit Maylee Todd gibt. Nach ihrem Support für Janelle Monáe steht sie im Glitterkleid auf der erheblich kleineren, meist von Jazzbands bespielten Bühne, was der ehemaligen Sängerin einer Punkband aber sicher nicht allzu ungewohnt erscheint. Nach diesem kanadischen Zwischenspiel zurück im Saal geht das Gerücht um,
Kreidler seien leider verhindert und mussten kurzfristig absagen - leider, so würde man meinen. Doch unter so ungläubigem wie tosendem Applaus betreten auf einmal leicht verschlafen ...
Radiohead die Bühne. Zum Glastonbury-Festival, wo sie heute scheinbar einen Überraschungsauftritt hatten, haben sie äußerlich täuschend echte Imitatoren geschickt erklärt Thom Yorke, der heute nicht nur Melone, sondern auch einen Schirm trägt.
Doch ebenso rapide, wie er begann ist der Auftritt nach einem 20minütigen Hit-Medley inklusive
Stan Bush-Cover und einem Konfettiregen zum Finale, bei dem Yorke im Kopfstand von der Bühne uriniert (deswegen also der Regenschirm!), auch schon vorbei. Schließlich will die Band noch im Gloria das Kölner Experimentalkollektiv
Beat! Beat! Beat! ansehen, welches ja bekanntermaßen
The King Of Limbs schwer beeinflusst hat. Doch Radiohead wären nicht Radiohead, wenn sie den Weg dorthin nicht auf die umweltfreundliche Weise zurücklegen würden, und so radeln sie frohen Mutes auf einem Fünffach-Tandemfahrrad in die Nacht davon.