Stream: Milk Maid - Yucca

Gut, dass ich in dem ständigen Hin und Her diese Woche auch mal ein paar Momente im Internet-Hier verweilte, sonst hätte ich wahrscheinlich das Debütalbum von Milk Maid glatt übersehen. Britischer Indie-Rock mit Garage-Glam, der aber noch mehr als bei Yuck klingt als käme er von der anderen Atlantik-Seite und Arm in Arm mit Paul Westerberg, Sebadoh und Guided By Voices aus dem vorletzten Jahrzehnt. Yucca ist gerade heute erschienen und wie es sich bisher anlässt, werd ich mir das glaube ich auch beim nächsten Plattenladenbesuch zulegen - wann immer ich dazu kommen mag.

[Stream] Milk Maid - Yucca

c/o pop 2011 Tag 2: Apparat Band, Owen Pallett

"Ein Kölsch bitte." - "Das können sie aber nicht mit rein nehmen." Schon wieder fühlt sich mein Weltbild erschüttert an. Ein Konzert, zu dem keine Getränke erlaubt sind - ich bin tatsächlich in der Philharmonie. Die Tickets hatte ich dafür in Kölns größtem Punk/Hardcore-Plattenladen erworben, auch das folgende Konzertprogramm sollte zumindest eine Abweichung vom sonstigen Geschehen in diesem Gebäude liefern, aber irgendwo muss der Spaß ja aufhören.

Drinnen machen gerade die menschenhohen Lichtsäulen nochmal einen kurzen Testlauf, die den Auftritt der Apparat-Band begleiten sollen. Vor vier Jahren spielte Sascha Ring schon einmal live auf der c/o pop, das ihn umgebende Musikergefüge ist aber seitdem merklich solider zur Band (aus der einer aus der Entfernung amüsant wie Charlie Day aussieht) zusammengewachsen. Auch das ältere Material scheint besser fürs Liveumfeld arrangiert worden zu sein, scharfe Unterschiede zu den vielen neuen Stücken gibt es kaum. Wobei es eben aufgrund der repetitiven Strukturen größtenteils schon noch klar erkennbar ist, dass es sich hier nicht um eine typische Rockband handelt, doch gerade als ich mir denke, dass Ulrich Schnauss auch wunderbar in diesen weit klingenden, vielleicht halb gefüllten Riesensaal gepasst hätte, bricht das Quartett in eine richtig dicke Dronerock-Nummer aus die den Secret Machines zur Ehre gereicht hätte.

Trotzdem bin ich mehr gespannt darauf, wie sich das alles auf dem kommenden Album alles aneinander reiht, so wirkte das nicht stimmig genug um ein richtig überzeugendes Konzert zu bringen. Das kam dafür im Anschluss. Zunächst jedoch Schock beim Toilettenbesuch, denn genau in dem Moment, da ich den Abzug betätige, ertönt lautes Trompeten - hab ich etwas gewonnen? Aber nein, in weiten, anscheinend unregelmäßigen Abständen werden durch Lautsprecher im ganzen Eingangsbereich kurze Konzertschnippsel abgespielt. Warum auch immer.

Außer Frage steht dafür sofort, dass Owen Pallett Kanadier ist. Hab ja noch nie ein interview mit dem Mann gesehen, deswegen muss ich überrascht fast darüber lachen, wie stereotypisch er alle "ou"-Silben ausspricht. Derlei Akzenteigenheiten kommen halt selten beim Singen rüber, wobei Pallett ohnehin primär seine Violine sprechen lässt. Ein Instrument, das er nach allen Möglichkeiten der Kunst und welchen, die über den Standard hinaus gehen, utilisiert: Klar streicht und vibiert er über die Saiten, zupft sie und schägt ebenso mit dem Bogen drauf wie mit der Hand aufs Holz, sogar in den elektrischen Tonabnehmer singt er. Unter kunstvoll verschachteltem Einsatz mehrerer Loop-Pedale, die einmal eingespielte Parts wiederholen, schichtet er so nach und nach auf bis er locker ein eigenes kleines Sinfonieorchester ist.

Nicht jedoch experimentelle Techniken machen seine Musik so bezaubernd, sondern sein Songwriting, das bei gut der Hälfte der Stücke neben seinem eigenen Synthesizer auch von einer Rhythmussektion ausformuliert wird - wobei das Schlagzeug auch über Grooves hinausgehend immer wieder dramatische Momente durch verdichtetes Spiel akzentuiert. Herzlicher werden die Stücke, die quer über die Final Fantasy/Pallett-Diskographie reichen, nur noch durch kleine Bühnenmonologe zwischendrin, wenn Pallett sich z.B. für einen Verspieler entschuldigt und die dafür verantwortlichen Lichter, die ihn blendeten, mit einer Star-Trek-Folge vergleicht. Auch als er zur zweiten Zugabe allein zur Bühne zurückkehrt, um ein brillantes, erst nach und nach von verschiedenen Segmenten im Saal erkanntes und prompt gefeiertes Odessa-Cover anzustimmen, sympathisiert er mit leicht wankelmütiger Stimme bei der nicht auszumachen ist, ob sie nur zum trockenen Humor dazu gehört: "I actually didn't wanna come out again, but they didn't turn on the lights in here and you guys kept on clapping, so... "

Stream: Devin Townsend Project - Ghost

Mit einem Schlag vollendete Devin Townsend vergangene Woche seine "Project"-Tetralogie (küsst meinen Hintern, Alien-Marketer). Während der dritte Teil Deconstruction seinem Namen alle Ehre bereitet und ein progmetallischer Irrsinnskoloss mit Stargästen ist, auf dem Townsend seine eigene Diskographie in einem Ausmaße zitiert / sampelt, dass selbst Hardcore-Fans den Überblick verlieren dürften, ist Ghost der meditative Gegenpol. Hatte schon z.B. Terria gewisse New-Age-Untertöne, sind diese frei von Metall-Schärfe hier voll in den Vordergrund getreten. Was mich natürlich in meinem Eindruck bestätigt, dass hier gerade gewaltig was im Zeitgeist liegt.

[Stream] Devin Townsend Project - Ghost

c/o pop 2011 Tag 1: Oh Land, Janelle Monáe

Ein neues Jahr c/o pop, zum ersten Mal seit Langem ohne Dauerkarte - dafür ist das Hauptprogramm des Festivals diesmal zuwenig mein Ding (gestern las ich wieder so einen amüsant scheuklappig-elektronikorientierten Vorbericht, nach der das Festival für jeden Geschmack etwas bieten soll. Nunja, ignoriert man mal z.B. Indie-Rock aus Übersee - nicht, dass der in den letzten Jahren eine größere popkulturelle Relevanz erlangt hätte oder so.)

Jeden Tag mindestens einen guten Grund zum Aufbruch in durchwachsene Wetterverhältnisse gibt es trotzdem, glücklicherweise verzieht sich der letzte Regenschauer bis zum Eröffnungskonzert von Janelle Monáe zugunsten von Sonnenschein. Doch die erste Livedarbietung findet schon vorher statt, die Dänin Oh Land, deren Album nach dem Rest der Welt gen Sommerende auch hierzulande rauskommen soll, spielt einen exklusiven Showcase im Rahmen der Präsentation eines ... ach Mist, jetzt hab ich glatt wieder vergessen was das genau war. Sah aber wie ne Mischung aus Duplostein und Wii-Controller aus.

Eingeladen zu dieser ultraexklusiven Veranstaltung sind jedenfalls wohl Medien- und Musikbranchenleute - und irgendwelche Volldeppen, die ahnungslos an einem Gewinnspiel teilgenommen haben ohne sich genau vorher anzugucken, wo sie sich dort hinbegeben. Ups. So muss ich mich doch erstmal schwer daran gewöhnen, von 10X eleganter als ich eingekleideten TablettträgerInnen kontinuierlich und kostenfrei mit Glasschälchen-Speis und Trank versorgt zu werden, wer hätte gedacht, dass das so anstrengend sein kann? Nie in meinem Leben habe ich mich so oft bedanken müssen. Richtigen Stress hat aber der (vermutliche) Maître d' der direkt am Ufer ragenden Rheinterassen, immer wieder muss er die vom starken Wind verwehten Tischbedeckungen zurechtzupfen.

Und als käme ich mir auf so einer Veranstaltung noch nicht deplatziert genug vor, spielt im Innenraum Nanna Øland Fabricius dann vor einem Publikum aus 34 Menschen, 5 Foto- und 3 Videokameras in einer klinischen Atmosphäre zwischen steifem Observieren und quasselndem Networking. Trotzdem singt, tanzt und trommelt (die Musik kommt überwiegend vom Band und einem huttragenden Stehdrummer (der nicht Bela B. ist!)) sie, als wäre sie schon auf Tour mit Katy Perry und vor entsprechenden Menschenmassen, nur am Rande ihrer durchaus netten, andersweltlich anmutenden Synthmalerei klingen auch interessant abwegige Details mit. Nach dem letzten Song bleibt sie neben der fußhohen Bühne stehen und eine Sekunde überlege ich, einen Dialog über die kulturelle Ignoranz von Federschmuck-Kopfbedeckungen wie der ihren zu beginnen, doch da steht ihr schon ein den ganzen Auftritt angespannt zuschauender Anzugträger beiseite.

So mache ich mich auf zum nebenan gelegenen Tanzbrunnen, merke erst nach dem Betreten durch den Haupteingang, dass ich mich dort auch ohne Karte durch einen verborgenen Weg zwischen den Gebäuden hätte einschleichen können. Die letzten Minuten von Maylee Todd amüsiere ich mich vor allem darüber, dass sie die stereotypisch kanadischste Begleitband aller Zeiten hat, mit Bärten, Tennis-Schweißtuch und einem Matrosenanzugträger. Dann erst mal Streifzug übers Areal, wo sich schnell das wohlige Gefühl einstellt, unter normalen Menschen gelandet zu sein die minutenlang unsicher hin- und herschauen bevor sie eine Unisex-Toilette betreten. Nur ein Bruchteil des Riesengeländes ist gefüllt, bis ans andere Ende, wo einsam die Crew eines Tabakherstellers ein Zelt aufgespannt hat, scheint sich keiner zu verirren.

Dem in jeder Hinsicht diversifizierteste Publikum des Festivals wird von Janelle Monáe und Band dann auch eine Show geboten, die ich eigentlich gar nicht beschreiben möchte - das käme dem Verraten der Wendungen und Überraschungen einer Geschichte gleich, nicht nur Monáe, sondern alle schwarz-weiß eingekleideten auf der Bühne stehenden projizieren ihre eigenen Persönlichkeiten durch Showeinlagen, Tänze, Reaktionen, Soli in der größtenteils Medleyartigen Darbietung. Die umfasst überraschend wenige The ArchAndroid-Songs, würde man doch meinen, dass die Mehrheit des Publikums vor allem damit vertraut ist. Doch nicht minder stark spricht es auf Cover von Stevie Wonder und Jackson 5 an, die allerdings in ihrer Offensichtlichkeit der medleyartig aufgezogenen Show zeitweise einen merkwürdigen Hitparaden-Charakter verpassen.

Geht es aber ans eigene Material, ist die Leidenschaft hinter Monáes technisch übersauberer Stimme unverkennbar, Cold War (zu dem selbst den Leuten auf der Bühne kaum ein passender Tanz einfiel, bemerkenswert schwer wie auch bei anderen "Rocknummern") und Tightrope werden genüsslich lang ausgedehnt bis auch anfangs nicht dazu animierte Zusehende zu mitklatschenden, jauchzenden, Ballons in die Luft schlagenden Mitwirkenden an dieser bunten Schwarzweiß-Show werden.

Stream: John Maus - We Must Become The Pitiless Censors Of Ourselves

Schon lustig mitanzusehen, wie sich der Zeitgeist in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Galten Ariel Pink und sein Geistesverwandter John Maus vor fünf Jahren noch wenig geschätzt bis verachtet als Poser, die sich in ihrer Klangästhetiken der Unklarheit versteckten, hat sich seitdem dermaßen viel ähnlich klingende Musik verbreitet, dass Maus' Geisterpop mittlerweile nicht nur auf größere Akzeptanz stößt, sondern das übermorgen erscheinenden We Must Become The Pitiless Censors Of Ourselve nun auch vergleichsweise poliert erscheint - wohlig vernebelt bleibt er jedoch.

[Stream] John Maus - We Must Become The Pitiless Censors Of Ourselves

Stream: Iceage - New Brigade

Dass dieses Musikjahr ein verdammt gutes werden könnte, hätte ich mir ja denken können, war doch schon das erste Album, das ich mir zulegte eines, das in jedem anderen Jahrgang locker zu meinen Favoriten gezählt hätte. Über die Qualitäten des postpunkig-punkigen Debüts von Iceage hatte ich mich ja schon vor Monaten ausgelassen, so langsam scheinen die Dänen auch in den USA registriert zu werden, wo das exzellente New Brigade diese Woche erschienen und daher auch online zu hören ist:

[Stream] Iceage - New Brigade