Klaxons - Myths Of The Near Future



Vorweg: Myths Of The Near Future ist nicht das beste Album aller Zeiten geworden. Was kein Grund zur Enttäuschung ist, hatte ja wohl kaum einer ernsthaft erwartet, hm? Es ist auch kein Stück Musik geworden das als Speerspitze einer neuen Musikbewegung hinhalten muss. Das hat aber weniger mit der Qualität der Musik zu tun als damit dass Klaxons mit der beiläufigen Postulation des Nu-Rave einer der größten PR-Coups der Popgeschichte gelungen ist, denn alle sind sie drauf reingefallen, Ja-Sager wie Nein-Sager. Der Name dieser Band und des Pseudo-Genres (dem sie von allen in einem Atemzug damit genannten Bands am allerwenigsten zuzuordnen sind) sind in aller Munde. Klar, denn Klaxons haben von den Meistern gelernt, sie haben das Manual der KLF gelesen und noch manch andere Anweisung daraus befolgt. Aus den 'goldenen Regeln' um eine Hit-Single zu schreiben:

Every Number One song ever written is only made up from bits from other songs.
Dass Klaxons kein Rave-Revival anstellen ist klar, sie sind eine Gitarrenband und vielleicht zwei der Songs auf diesem Album enthalten Rave-Referenzen, aber auch keine dominanten. Sie machen vor allem auch keinen modern Ferdinandesken Postpunk mit stampfenden Tanzrhythmen und abgehackten Gitarrenanschlägen im Gang Of Four-Stil. In eine Ecke kann man Klaxons unmöglich stellen, denn sie klauen schlau an allen Ecken und Enden der populären Musikkultur, gemeinsames Element ist den meisten Songs aber neben der Rockinstrumentierung (ergänzt um quietschige bis wabernde Keyboards) der oft ins Ätherische gleitende Falsetto-Gesang des Trios und die diversen literarischen Quellen entnommenen mythisch-mystischen Konzepte, für einen Pop-Act im Jahr 2007 irre erfrischend.

Was Myths zu so einem guten Album macht ist dass Klaxons auch über ihre Hitsingles hinaus noch genug Ideen auf Lager haben und die daraus entstandene Vielfalt, dass Magick, die infernalische Beschwörungsformel im Singleformat mit Grusel-Synths, gefolgt wird von dem so ungemein straighteren aber ebensowenig fremd wirkenden Oakenfold-Cover (It's) Not Over Yet. Oder dass man das einfach nur seltsame Isle Of Man, mit Rudertakt und Odyssee-Motiven, direkt neben dem einfach nur schönen Gravity's Rainbow findet, das fürs Album einer Runderneuerung unterzogen wurde. Wie um Klaxons' Status als neue heiße Tanzband absichtlich zu missachten tritt der groovende Bass schnell in den Hintergrund und wird von schrägem Gitarrenspiel übernudelt, das wiederum in der zweiten Hälfte in einem Meer von goldgelben Synthiesounds ertränkt wird aus dem Klaxons die Hände entgegenstrecken und auf die ganz große Reise einladen: Come with me, we'll travel to infinity.

Klaxons sind schamlos prätentiös in ihren textlichen Konzepten, quasi die Anti-Arctic Monkeys, eine eskapistische Alternative zu all den realistischen Umweltbetrachtungen britischer Gitarrenbands in letzter Zeit. Und tolle Popmusik machen sie auch noch daraus. Es muss nicht immer gleich eine Jugendbewegung sein.

Explosions In The Sky, The Paper Chase & Eluvium Live

Von allen Tour-Lineups die ich dieses Jahr gesehen habe ist dies bisher mein Favorit. Leider kann man die Instrumentalrocker Explosions In The Sky, den Ambientmagier Eluvium und die Horrorbarden The Paper Chase zusammen nur jenseits des Atlantiks spielen sehen, aber auf NPR wurde gestern einer ihrer Auftritte übertragen und kann nun auch nachträglich in Form von Windows- und Real-Streams angehört werden.

Update: Es gibt mittlerweile auch Mp3s von den Konzerten.

Explosions In The Sky, The Paper Chase & Eluvium live 17.03.2007

The Apples In Stereo - New Magnetic Wonder



Gut dass man von digitalen Musikshops Alben nicht nur in Einzelstücken sondern auch als Paket zum Komplettpreis runterladen kann, sonst könnte jemand den Fehler begehen nur knapp die Hälfte des neuen Albums von The Apples In Stereo zu hören. Denn über die Verarbeitung eines einzelnen Motivs geht der Rest genau so selten hinaus wie über die Länge von 60 Sekunden und wäre somit nicht ernsthaft als Song zu bezeichnen, Füllmaterial sollte man meinen und somit auch unbedeutend.

Zunächst aber würde man damit den Aufwand verkennen der dahinter steckt, denn die Non Pythagorean Compositions basieren auf einer von Apples-Mastermind Robert Schneider mal eben erfundenen komplett neuen Tonskala (als Bonusmaterial enthält die CD u.a. ein Video auf dem Schneider begeistert geekig etwas von der Theorie dahinter erzählt), kurzgefasst ist das Merkmal dieser Tonalität dass die Abstände zwischen den Tonfrequenzen je weiter man die Tonleiter hochgeht logarithmisch kürzer werden. Aber nach mehreren Testläufen bin ich mir auch recht sicher dass New Magnetic Wonder ohne diese Einschiebsel, die Mellotrons, die Vokodersoli, die fremd klingenden kurzen nichtpythagoräischen Pianomelodien, nicht funktioniert.

Schneider hat ein tolles Gespür für unbeschwerte Popnummern mit leicht psychedelischem Anklang, seien es das überschwengliche Can You Feel It?, die etwas (aber nur etwas) reservierteren Play Tough und Radiation, die esoterischen Energy und Sun Is Out, das unwiderstehliche 7 Stars oder das wie für eine Autofahrt gemachte Same Old Drag. Hört man diese eingängigen Popsongs alle direkt hintereinander ergibt sich allerdings ein Problem, denn eingängig ist nicht gleichzusetzen mit simpel, hier werden oft so viele Spuren verwendet dass die Produktion kein Zuckerschlecken gewesen sein kann, und beim Hören fühlt man sich auch irgendwann überwältigt in gewisser Hinsicht, es bleibt nichts mehr hängen.

Abhilfe schaffen dem drei Dinge: Erstens die wohl letzten Songs von Hilarie Sidney für die Apples, Sunday Sounds und Sunndal Song, die zu den besten auf der Platte gehören und die weil sie etwas reifer wirken Schneiders Kompositionen sowohl ergänzen als auch kontrastieren.
Zweitens das schier gewaltige Beautiful Machine, der späte Höhepunkt des Albums in vier Teilen. In einem Wechselbad der Geisteszustände stolpert Schneider von Horror ("Paranoid in your sleep / and you have no voice") in Erleuchtungsvisionen ("Oh don't you know it's right / to be self-aware and filled with light / Oh don't you know it's wrong / we will be forgotten when we're gone"), und ihm folgt dabei eine Armada von Instrumenten die eine kosmische Sinfonie aufführt.

Und drittens eben die erwähnten kleinen Stücke, die Fragmente die den Ton und die Geschwindigkeit des Albums für ein paar Sekunden in andere Richtungen lenken, die dem Hörer Gelegenheit geben das letzte Stück sinken zu lassen oder das nächste vorbereiten. Oder einen auf den Boden der Tatsachen zurückholen, wenn Schneider nach der letzten großen Nummer Beautful Machine bedauert dass sein Treffen mit dem Hörer nun schon zu Ende ist: "Time has a way of just passing by / Can't you stay a little longer? / Can't you stay for dinner my friend?".

[Stream] The Apples In Stereo - New Magnetic Wonder