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Sky Ferreira - Night Time, My Time

Es schien schon so, als könne Sky Ferreira in den Club der Cassies und JoJos eintreten, deren Alben durch so viel Label-Hickhack etliche Male umgestaltet und verschoben wurden, dass man geistesgesünderweise gar nicht mehr damit rechnen sollte. Mit genug Eigeninitiative erblickte Night Time, My Time dann aber doch das Tageslicht, auch wenn man den Widerwillen von oben mit jeder chaotischen Phase der Veröffentlichung zu spüren meint.

Erst gab es nur einen Download, der diesseits des Atlantiks nur denkbar umständlich zu bekommen war, ob die auf Shows verkauften CDs überhaupt jemals in den Großhandel kommen werden scheint immer noch fraglich, obwohl es stattdessen ein Silberling mit B-Seiten eben dorthin geschafft hat. Wer nun nicht abwarten mag, ob Gerüchten über eine weltweite Veröffentlichung im kommenden Jahr zu glauben ist (und wie das Album dann aussehen mag - ich denke nur an Icona Pops fast komplett umgestaltetes Zweitdebüt dieses Jahr), kann nun den Direktweg wählen: Wie jede kleine Indieband auf Bandcamp bietet Ferreira so ziemlich alle Formate im eigenen Online-Shop an. Die Wunder eines Majorlabel-Vertrags.

Umso irrsinniger erscheint diese Zögerlichkeit, weil Night Time, My Time nicht bloß aufgrund der derzeitigen Mangelkonkurrenz das beste US-Popalbum der letzten Monate geworden ist. In brodelnder Wave-Schattierung sind manche der Songs eigentlich eher dürftig konstruiert, doch die Inbrunst, mit der Ferreiras Stimme sich offenbart, setzt sich kraftvoll ebenso darüber wie über die chaotische Vorgeschichte hinweg, ohne irgendetwas schönmalen zu müssen.

[Stream] Sky Ferreira - Night Time, My Time

The Stevens - A History Of Hygiene

24 Songs, 43 Minuten. Wo man durchaus einen Sack voll Hardcore-Klopper erwarten könnte, handelt es sich beim Debütalbum der Melbourner The Stevens um hochökonomischen Jangle-Indierock, der zwischen heimischen Soloaufnahmen und voller Bandbesetzung unter Mikey-Young-Produktion meist eben unter der Zweiermarke bleibt. Die Eckpfeiler (Personal, Ausnahmelabel, weltweit genreführende Stadt) sitzen, etabliert ist der Stevens Hitgespür auch - bleibt nur die Frage, ob über eine derartige Songmenge (eher als Spiellänge) ähnlich die Konsistenz gehalten werden kann wie über eine EP. Gerade die etwas heterogene Mischung scheint nun die durchwegige Hörbarkeit der Platte zu erreichen in einem Genre, in dem Alben mit weniger Material sich schnell in Eintönigkeit erschöpfen und Abnutzungserscheinungen erleiden - eine raue Miniatur wie Trail Of Debt weiß dem effektiv gegenzusteuern.

[Stream] The Stevens - A History Of Hygiene

bvdub & Loscil - Erebus

Weil ich weiß, dass ich gen hrbstmitte so langsam die Ruhe für ausführliches Heimhören bekomme, leg ich mir ja schon manch ausgedehntere Angelegenheit das Jahr über zurück. Erst mal lande ich beim Hören dann aber doch bei aktuelleren Ambientsachen wie der Kollaboration von bvdub & Loscil, die sich trotz eines 25-Minüters gar nicht mal sonderlich sperrig oder ereignslos erweist. Vor allem der Einsatz von Vocals und der wahrlich imposante Dynamik-Spielraum lassen schnell hinter die größeren Strukturen steigen - wobei Schnelligkeit eigentlich nicht das ist, was dieses sakral intensive Treiben auszeichnet.

[Stream] bvdub & Loscil - Erebus

tricot - THE

Normalerweise ist ja darauf Verlass, dass die größten japanischen Musikhighlights nur über Umwege zu hören sind, aber nach Perfumes erster weltweiter Albumveröffentlichung hat nun sogar noch die größte Gitarrenplatte des Monats, wenn nicht gar des Restjahres den Kulturexport geschafft. Vielleicht weil sie (afaict) auf nem Indie-Label sind, jedenfalls werd ich mich jetzt erst mal an diesen durchgängig herausragenden Songs zwischen eingängigem Posthardcore und wuchtigem Garage-Thrashen sattzuhören versuchen - bezweifle allerdings, dass mir das so schnell gelingen wird.

[Spotify] tricot - THE

Julianna Barwick - Nepenthe

Von ihrer ersten EP an hat Julianna Barwick bis zum neuesten Werk Nepenthe ihre Musik innerlich expandiert - auf Soloalben zumindest, Kollaborationen und Remix-Projekte waren nicht immer so gelungen. Vielleicht rührt das daher, dass das Fundament ihre Stimme bleibt während die zusätzliche Instrumentierung augmentiert, vielschichtiger, facettenreicher macht, was in Essenz nur weiter raffiniert, vielleicht sogar irgendwann perfektioniert wird. Himmlisch bleibt's jedenfalls.

[Spotify] Julianna Barwick - Nepenthe

Superchunk - I Hate Music

Dass ich mit meinem Einmal-pro-Woche-was-Hinkrakeln nur zu jedem zweiten Album komme, das ich mir zulege, blegt dann wohl, dass 2013 eins von diesen ziemlich guten Jahren ist. Bei Superchunk war ich aber auch nicht vom ersten Hören Feuer und Flamme, zu heftig brannte noch der Vorgänger im Gedächtnis, gegenüber dem I Hate Music ein wenig das Tempo zurückdreht. Doch wenn sich einmal - mir half's irgendwie, das mental unter "Power-Pop" statt "Indie-Rock" zu vermerken - FOH und Me & You & Jackie Mittoo im Ohr einmelodeit haben, zieht alles dazwischen auch bald nach, allen voran der vielleicht schnellste Song der Superchunk-Geschichte.

[Stream] Superchunk - I Hate Music

Joanna Gruesome - Weird Sister

Fast zwei Jahre nach der EP zieht das Rotzpop-Quintett aus Wales mit einem Album auf Fortuna Pop! (bzw. Slumberland) in den Staaten nach. Weird Sister schafft sogar das seltene Kunststück, auch im Langformat einen noisigen Indiepop-Rausch zu entfesseln - zwar unter Beibehaltung einiger EP-Highlights, doch sind diese nicht nur sauberer eingespielt, sondern erklingen dafür noch zerfetzter und melodisch druckvoller als zuvor.

[Spotify] Joanna Gruesome - Weird Sister

Touché Amoré - Is Survived By

Es war nicht unbedingt der beste Konzertabend des letztes Jahres, aber einer, der ungemein mit Hoffnung füllte. Da stand Jeremy Bolme, Sänger von Touché Amoré, während des Auftritts von Converge am Bühnenrand und sang (zumindest mit seinen Lippen, wenn nicht seiner Kehle) jeden Song mit einem Strahlen im Gesicht mit, nachdem seine Band sich bereits vorher abgeackert hatte. Keine Spur von Generationenkonflikt oder einem Bangen über die Zukunft von Hardcore und Post-Hardcore, und eben ein Gefühl von Hoffnung hör ich auch auf dem neuen Album von Touché Amoré anklingen, zumindest bislang noch ohne Gefahr zu laufen, sich in blaumalerische Sorglosigkeit aufzulösen. Erst der Schmerz, dann die Katharsis.

[Stream] Touché Amoré - Is Survived By

Pikelet - Calluses

Nachdem ich meinen letzten Australienimport noch in brütendster Hitze beim Zoll abholen musste (Shoutout an die Crew in Köln-Wahn), kam nun der nächste ohne Komplikationen an. Bei Chapter Music war genug Erfahrung im richtigen Verpacken auch zu erwarten gewesen, hat sich das Melbourner Label doch zuallermindest im punkfernen Bereich zum australischen Qualitätsexporteuer des Jahres entwickelt. Nach u.a. Beaches, der Stevens-EP (und demnächst auch Album) und Dick Diver setzt Evelyn Morris alias Pikelet eigentlich synthbasiert die Erfolgsserie fort. Ihre eingängigen, einst solo eingespielten Instrumental- und Gesangspirouetten werden aber mittlerweile mit einer Bandbegleitung in Schwung gebracht, durch die das exzellente Calluses irgendwo zwischen Talking Heads und Dirty Projectors landet und sich auch bestens auf Paw Tracks gemacht hätte, aber von Brooklyn aus wird ja eher selten so weit nach Südosten geschielt.

[Stream] Pikelet - Calluses

The 1975 - The 1975

Am Debütalbum der Emo-Waver The 1975 zeigt sich ja schön, warum die Idee eines allumfassenden Kritik-Konsens Blödsinn ist: The 1975 ist ein großartiges Album, besitzt eine wunderbar geräumige Produktion in der ein wuchtiger Drum-Anschlag auch Gewicht bekommt, exzellentes Songwriting in Melodie und Texten, die von der emotional brüchigen Stimme komplementiert werden. Allein: An vielen Aspekten dieser Band müssen sich einfach die Geister scheiden. Natürlich werden viele auf diesen Gesang genauso befremdet reagieren wie seit jeher auf wankelmütige Emo-Vocals, andersherum werden die postrockigen/posthardcorigen Texturen trotz gelegentlicher ambienter Momenten klar in den Dienst astreinen Pop-Rocks gestellt, der nach breiter Aufmerksamkeit und nicht nach Nischenkulturisierung lechzt. Und dann ist da noch diese orale Fixierung ...

[Stream] The 1975 - The 1975