66 Songs Für 2010
Das Jahr begann mit einem großen Downer. Obwohl Jay Reatards Meisterwerk Blood Visions in vieler Hinsicht die nicht mehr getoppte Initialzündung der Garage- und Lo-Fi-Wiederpopularisierung ist, schienen die meisten großen Seiten, die über seinen Tod berichteten, ihn nun über Skandalmeldungen zu kennen. Doch für jedes "Jay Reatard kicks a dude in the face"-Video auf Youtube gab es ein Dutzend Leute, die einmal persönlich die positiven Seiten seiner intensiven Passioniertheit und die Großzügigkeit des Mannes kennengelernt hatten, der z.B. anders als ein Jack White aus Prinzip und ohne Rücksicht auf seine eigenen knappen Finanzen seine vielen alten und raren Veröffentlichungen nicht zu Wucherpreisen auf eBay anbieten wollte und Spekulatoren auch davon abzuhalten versuchte - einfach damit alle, die es wollten, sich seine Platten auch leisten konnten.
Umso düsterer erscheint dann rückblickend sein letztjähriges Watch Me Fall, das als erstes reguläres Album auf Matador eigentlich einen neuen Anfang begründen sollte, dessen Titel sich aber leider als allzu prophetisch entpuppte - nur ein kleiner Trost, dass er in über zehn Jahren hochintensiven Schaffens mehr Punk-(Pop-)Juwelen geschaffen hat als die meisten ihn Überdauernden in ihrem ganzen Leben.
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The Sight Below ft. Tiny Vipers - New Dawn FadesPackende Ambient-Melancholie, der Jesy Fortino eine dermaßen starke Stimme gibt dass niemand mehr ans Original denkt.
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Beach House - 10 Mile StereoBlue Hawaii - Blue Gowns
jj - Let Go
Tagträumer-Pop, der genau die richtige Mischung aus rhythmischer Bewegung und schwebender Schönheit trifft
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The Chap - Even Your FriendSeeland - Local Park
Smart versponnen / versponnen smart
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Mark E - You (Full Vocal Mix)Kaum als Song zu klassifizieren und auch nicht aus diesem Jahr stammend, aber wohl mein Song des Jahres. Mark Es meisterliche Diana-Ross-Bearbeitung ist ein vergnüglich groovendes Aufbauen der Erwartung dieses übergroß göttlichen Moments, wenn nach 7 Minuten der goldgetränkte Refrain gen Himmel rauscht ("YOU ARE BRINGING ME THE SUN AND THE MOON! YOU ARE THE OOOOOOONE") und für ein paar glückselige Sekunden die ganze Welt erstrahlen lässt.
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Crocodiles - Hearts Of LoveJapandroids - Heavenward Grand Prix
Muskulös schrammelig, Faust hoch und aus voller Kehle Mitsingen. Die ersten Male dass ich beide Bands wirklich groß fand.
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Xiu Xiu - Gray DeathThe Indelicates - Flesh
Abgründigen Texten kann man mit entsprechend ungemütlicher Musik untrmauern, wie Jamie Stewart es stets aufs Neue meisterlich versteht. Bei den Indelicates sind "Hey girls, let’s see if we can bring out the rapists in the new men" und "Hey doc, take your knife to me, scar my snatch into a smile" allerdings satirische Überhöhungen eines bierernsten Anliegens (dass, kurzgefasst, Feminismus eben immer noch wichtig ist), die von der zunächst gemütlich einlullenden Musikharmonie nur umso kräftiger hervorstehen.
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Kendal Johansson - Blue MoonBell Gardens - End Of The World
Von Goldkehlchen und neuem Sincerely-Yours-Hoffnungsträger (er war auch maßgeblich am ceo-Album beteiligt) Johansson dürfte im Anschluss an seinen Big-Star-Schmachter nächstes Jahr noch mehr zu erwarten sein. Vom Pop-Nebenprojekt der einen Hälfte von Stars Of The Lid weniger, aber ein seufzendes Melancholiecover dieses Kalibers reicht auch.
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Holy Fuck - StilettosInfernale Kraut-Bonanza auf 180. Yeeeee-ha!
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Ariel Pink's Haunted Graffiti - Round And RoundNite Jewel - We Want Our Things
Wem die Spinnereien zu versponnen und der Murks-Sound zu vermurkst war, sollte einige Freuden an Ariel Pinks erstem Studioalbum gefunden haben. Mir fehlte beides etwas, ändert aber nix an der Größe dieses Songs. Der Schlafzimmer-Disco seiner Jüngerin Nite Jewel steht die aufgeklarte Akustik hingegen bestens.
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T-Ara - Like The First TimeSe7en - Better Together
SNSD – Oh!
After School – Let's Do It + Bang!
Ich muss mittlerweile lachen wenn jemand die olle Kamelle vom seelenlos kommerzialisierten Chartpop auspackt, in dem das Wort "Künstler" bedeutunglos geworden sein soll. Nicht, weil die drei größten neuen Popstars der letzten beiden Jahre (Perry, GaGa, Ke$ha) einen Großteil ihrer Songs selbst schreiben und als Songwriter überhaupt erst ihre Karrieren begannen, Nein, wer mal wirklich durchkommerzialisierten, seelenlosen Plastik-Pop sehen will sollte mal nach Südkorea schauen.
Dort werden Kinder so früh wie irgendwie möglich zu 24/7-Karriere-Stars (deren Privatleben unter absurd genauer Beobachtung steht und beim Bekanntwerden kleinster amouröser Beziehungen zum Karriereaus führt) getrimmt, oft in Boy- und Girl-Groups mit bis zu 20 Mitgliedern aus denen im Laufe der Jahre dann die erfolgreichsten Mitglieder zu Solo-Stars oder Spinoff-Gruppen "graduieren". Mit Videos, Cross-Promotionen und den wöchentlichen "Top Of The Pops"-mäßigen Chartshows (deren Resultate zu frühen Wochenendstunden stets die globalen Twitter-Themen dominieren) tritt jede Woche mindestens eine neue Gruppe auf den Plan oder beendet eine andere ihre 1-2 Monate lange hochintensive mediale Dauerpräsenz - um im Erfolgsfall ein paar Monate später in einem lange geplanten "Comeback" erneut anzutreten.
Der dominante Sound war in den vergangenen beiden Jahren gar nicht mal so anders als dem im Rest der Welt, für hell leuchtende Trance-Synths, andere Euro-Dance-Elemente sowie massiven Auto-Tune-Einsatz zeichneten sich auch zunehmend im "Westen" tätige Produzenten wie RedOne verantwortlich. Doch neben den typischen Mischungen aus Koreanisch und banalen Engrish-Phrasen dürfte der Großteil der Musik auch aufgrund ihrer gnadenlos zielgerichteten Orientierung auf ein sehr junges weibliches Publikum für die meisten schwerer verdaubar sein, auch nach zwei Jahren einer gewissen Faszination gab es dieses Jahr auch nur ein paar Songs, bei denen ich meinen inneren Snob überwinden konnte: T-Ara alias die besseren La Roux, den K-Pop-Timberlake Se7en mit dieser Sequenz stetig tollerer Falsett-Hooks, die überdominanten SNSD (neben dem meistgesehenen Youtube-Video in Südkorea auch mittlerweile ein erfolgreicher Japan-Export) und die glorreich mit Ideen überfüllte Cheerleader-Nummer von After School (inklusive Trommel-Intro).
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World's End Girlfriend - Les Enfants Du ParadisFang Island – Daisy
Mungolian Jet Set - Moon Jocks N Prog Rocks
WEGs dekonstruierter und rearrangierter Pop ruft über Breakbeats Jason Forrests The Unrelenting Songs Of 1979 in Erinnerung, Fang Island pop-proggen so bunt-bonvivant und genial verschwurbelt wie einst Malajube und Mungolian Jet Set bleiben unvergleichliche Disco-Freaks.
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Kavinsky - NightcallWenn Goblin je ein Liebeslied gemacht hätten...
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Ali Love - Love Harder (Prins Thomas Diskomiks)LCD Soundsystem - Drunk Girls (Holy Ghost! Remix)
Goldfrapp - Rocket (Richard X One Zero Remix) / Rocket (Richard X Eight Four Remix)
Brillante Disco-Remixe, im ersten Fall so offensichtlich wie bärtig, im zweiten mit verlässlicher DFA-Slickness, im letzteren Fall sogar gleich im Doppelpack.
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Sleigh Bells - Crown On The GroundOhne Scheiß, auf Albumlänge waren mir Sleigh Bells einfach zu laff, ihre Voll-Anschlag-Ästhetik ist letztendlich doch so komprimiert gehalten dass einen die Dynamik nie dermaßen aus den Socken fegt wie sie es könnte. In kleinen Dosen ist gegen noisigen Hool-Cheer-Pop wie diesen natürlich trotzdem kein Kraut gewachsen.
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Nicki Minaj - Nicki Minajs Part in Kanye Wests "Monster"Das Äquivalent eines Albums, auf dem ein Stück derart herausragt dass man immer nur zu diesem vorspult. Wie sehr Minajs brillante anderthalb Minuten, die ihrer multiplen Persönlichkeit eine bessere Plattform bieten als ihr eigenes halbgares Popalbum, den Rest der Rap-Routiniers auf Autopilot in Monster überschatteten (mal abgesehen davon, dass ihre Verse auch deutlich mehr Spaß beim Nachrappen bereiteten als die hässlichen Fantasien Wests), war noch deutlicher bevor die populärste Version des isolierten Audioclips auf Youtube gelöscht wurde. Die hatte nämlich zeitweise auch die millionenfach gesehene Komplettfassung an Klicks überholt
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Ciara - Gimme Dat (Videofassung)Der Clip zu Gimme Dat ist dem bloßen Song unbedingt zu bevorzugen. Allerdings nicht weil Ciara eine intensiverere Tänzerin als Sängerin ist, temperierte Aggression steht ihr schon ziemlich gut zu Stimmband, sondern wegen der militärischen Shouts und Stomp-Einlagen die sowohl in Album- wie Single-Version leider fehlen und der Wummernummer einen zusätzlichen Kick geben.
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Envy - Worn Heels And The Hands We HoldObwohl Tetsuya Fukagawa in voller Intensität vermutlich eher ab- oder zumindest tiefgründige Lebensphilosophien von sich gibt, gefällt mir der Gedanke mehr, dass er einfach nur im hektischen Weihnachtsmarktgetümmel mental seine Einkaufsliste durchgeht. "ROSINEN! ORANGEN! GÄNSEEIER! UND FERTIGGLÜHWEIN!"
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Home Blitz - Perpetual NightTimes New Viking - No Room To Live
Eat Skull - Don't Leave Me On The Speaker
Real Estate - Out Of Tune
Woods - Suffering Season
The Fresh & Onlys - Tropical Island Suite
Wenige großartige Alben, aber zumindest auf viele tolle Songs ist im Schrammelbereich verlass. Home Blitz drehen eine jangelnde Ehrenrunde, Times New Viking geben erste Milderungsprognosen für ihr bald allerhöchstwahrscheinlich bei Wichita erscheinendes nächstes Album. Eat Skull sind, das kann ich nun bezeugen, live genauso anarchisch verspult wie melodiös talentiert, sanfter kamen derweil Woods' und Real Estates grenzfolkige Geniestreiche und ein überraschender Mehrteiler der Fresh & Onlys.
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Emeralds – GeneticMichael Bundt – La Chasse Aux Microbes
Vielleicht war ihr diesjähriges Werk echt nicht so gut wie das letzte, vielleicht mag ich meine Emeralds auch einfach lieber etwas episch wie in dieser Arpeggio-Drone-Gitarrensynth-Suppe im zweistelligen Minutenbereich. Sicher nicht so unbekannt wie mir bis Anfang dieses Jahres dürfte dem Trio das grandiose Just Landed Cosmic Kid von Michael Bundt sein, das inmitten der Synthesizer-Revivalisten im Experimentalbereich völlig kontemporär wirkt.
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of Montreal feat. Solange Knowles - Sex KarmaChromeo - Don't Turn The Lights On
Sexy sleazy fun times
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Projectors - Ascending MelodyOwen Pallett - Lewis Takes Off His Shirt
Glasser - Apply
Warpaint - Undertow
Die Visionären. Longstreths Projectors mit Gitarren- und auf mehrere Stimmen verteilten Gesangstechnken mehr auf der konzeptuellen Seite, Glasser und Pallett mit ihren herrlich weit umspannenden, metikulös arrangierten Klangwelten mit einer guten Melodie in der Hand lassen alles andere vergessen. Warpaint intimeren Geschichten gelang das nicht immer, dafür einmal umso perfekter
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Jamie Lidell - Compass (tUnE-yArDs Remix)Joe Worricker - Bobby Blue (Lissvik Remix)
Remixe, die ihr Croon-Quellmaterial über unvermutete Vektoren transformieren: Merrill Garbus' Klapper-Percussions und Vocal-Loops auf der einen Seite, auf der anderen die übercool balearischen Dubs und Nahost-Sounds der einen Studio-Hälfte.
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Katy Perry - Last Friday Night (T.G.I.F.)Kanye West - All Of The Lights
Cheryl Cole - Promise This
Shakira - Islands
Eigentlich sollten ja nur Teenage Dream oder Firework, auf dem sie mal richtig ihrem Drang zum Belterin nachgeben kann, die Songs sein die man gut findet obwohl man ja Katy Perry nicht gut findet und blabla. Darüber hinaus war aber sogar fast die ganze erste Hälfte des leider danach zu schwer abfallenden Albums enorm unterhaltsam, nirgends mehr als im sorglosen Wochenend-Tribut mit seinem "T! G! I! F!"-Chor und göttlich käsigen Saxophon-Solo. Wobei ich doch sonst eher mit Hektik-Pop zu haben bin, sei es das manische Beat-Krawuppdich Wests oder der 140-Bpm-Irrsinn des Alouette-Loops bei Cole. Und das große Sommergeheimnis: Shakiras nonchalant-sonniges Islands-Cover hab ich mittlerweile öfter gehört als das Original.
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Jamie Woon - Night AirKaty B - Katy On A Mission
Auch wenn sie sich wahrscheinlich zwischen düsteren Waldspaziergängen und ewigen Clubnächten niemals treffen werden, das Traumpaar der britischen Elektronik
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ZΘN - PK TK>>>Salem - King Night
Raime - This Foundry
Demdike Stare - Caged in Stammheim
So ziemlich alles an der sich memetisch online verbreitenden Düsterbewegung Witch House ist im Konzept erheblich aufregender als in der Realität, sicher deswegen auch ein gefundenes Fressen für unsinnige Texte in denen z.B. von lauter ungooglebaren Pseudonym-Anonymen die Rede ist. In der Tat gibt es nicht mehr als eine Handvoll unter den unüberschaubar vielen, deren Namen aus schwer zu findenden Sonderzeichenfolgen bestehen, Künstler wie oOooO oder das obige Stück von ZΘN rangieren direkt auf Platz 1 der Suchergebnisse.
Das Stück stammt von der Box 3 des Digital-Labels Beko DSL, bislang die einzige Sammlung von Musik aus der Richtung, die auch am Stück gehört ihren Reiz nicht verliert. Grund dafür: die Variation zwischen recht straightem Synth-Pop, dunklem Ambient und dem stereotypischen Witch-House-Sound aus verlangsamten, verfremdeten Beats und Schauder-Klischees, den Salem im Titelstück ihres Albums so perfektionierten, dass der Rest überflüssig wurde. Weitaus interessanter wurden finstere Gefilde dieses Jahr von den hölzernen Perkussionsskeletten Raimes, stellenweise auch vergleichbar mit Burial oder frühem Shackleton, und den über drei Alben extrem produktiven Briten Demdike Stare bearbeitet.
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Girl Unit - WutGold Panda – You
Mikro-Sample-Loopmeister in Neon
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Crystal Castles - Not In Love (ft. Robert Smith)Deluka - Cascade (The Rapture Remix)
Auf den ersten Blick mag es der Gesang Smiths sein, der diese 72% gothigere Fassung von Not In Love so viel besser macht, doch mindestens genauso viel Lob gebührt den aggressiv-scharfen Synthspeeren die ihm, nachdem sie im verhaltenen Original nur ebenso verhalten gen Ende auftauchten, als ebenbürtiger Kontrahent entgegengestellt werden. Mattie Safer von The Rapture setzt einen ähnlichen Effekt gewinnbringend als Brücke in seinem Remix ein, doch wirklich mitreißend wird er durch den peitschend-hüpfenden Beat, der den Gesang genau an den richtigen Silben akzentuiert
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Gepe - Por La VentanaOdisea - Casa Latina
Triángulo De Amor Bizarro - Amigos Del Género Humano
Rita Indiana Y Los Misterios - Da Pa Lo Do
Die letzten Wochen des Jahres gehörte meine Aufmerksamkeit größtenteils der südamerikanischen Indie-Popwelt, der ich mich via Chile langsam annäherte. Während die, zumindest in spanischsprachigen Musikzeitschriften, zunehmend Gehör findende Szene des Westküstenlandes mit dem Poncho-Lekman Gepe oder der Apokalypsen-Disco von Odisea am ehesten meinen Geschmack zu treffen scheint gibt es natürlich auch anderswo Massen interessanter Musik, die alles andere als traditionell lateinamerikanisch ist.
Einen punkigen Salsa-Popentwurf, dessen Stilvermischung meinen Wissensstand meilenweit überflügelt, bietet das Schriftstellerin/Model/Musikerin-Multitalent Rita Indiana, mit Bands wie den Pains-Of-Being-Pure-At-Heart-mäßigen Triángulo De Amor Bizarro oder der Quasi-Schwesterband Broken Social Scenes, auf die ich demnächst noch zu schreiben kommen, ist auch Mexiko zunehmend einen Blick wert - nicht ohne Grund hat Arts & Crafts, das Kanada zur Indie-Macht machte, seit kurzem dort eine Zweigstelle.


