Ich und Vinyl

Ich fürchte ich kann es nicht länger verdrängen: Ein neuer Lebensabschnitt hat für mich begonnen. Nein, ich bin nicht verheiratet, schwanger, umgezogen oder was normale Menschen sonst so unter einschneidender Veränderung auffassen, vielmehr habe ich mir vor ein paar Wochen meine erste eigene Schallplatte gekauft. Nach 20 Jahren CD-Treue, an der MP3s bis heute nicht zu kratzen wussten, bin ich nun doch noch eingeknickt und habe mich einem weiteren Tonträgerformat zugewandt. Dass mit Matthew Friedberger und Los Campesinos! gleich zwei meiner Lieblingsmusikschaffenden eine Reihe Vinyl-exklusiver Veröffentlichungen starteten, war der finale Dammbruch nachdem in letzter Zeit immer mehr Kleinlabels daran gekratzt hatten.

So war denn auch der Tonträger, der mein bescheidenes Second-Hand-Setup einweihte, das physisch nur auf Vinyl bekommbare Night Dolls With Hairspray von James Ferraro. Für ein hörbares Aha-Erlebnis denkbar ungeeignet, ist es doch derart aufgenommen, dass es in jedem Format gleich billig klingt. Dafür fiel etwas anderes auf, nachdem ich das Paket aus Übersee geöffnet hatte: Mann sind die Dinger groß. Natürlich hatte ich sie schon immer in den hinteren Wühlkisten oder im Schaufenster von Plattenläden gesehen, aber so richtig merkt man die Dimension dieses Formates erst, wenn man sich mit den eigenen Händen durch eine Kiste voll davon durchfingert und Motive wiedererkennt, die der eigene Computerbildschirm nicht größer darstellen könnte. Man ist geradezu gezwungen, bei manchen Covern etwas Abstand zu nehmen, weil sie allein anhand ihres oberen Drittels nicht zu erkennen sind, erst in Gänze wahrgenommen werden.

Diese Größe ist allerdings auch nicht rein positiv. An CD-Covern kann ich, auch wenn ich mir manchmal den Blick ins Detail wünschen würde, darauf zählen dass sie stets scharf umrissen sind. Bei Vinyl scheinen mir die Motive oft zu deutlich als Druck erkennbar, entweder sind die Quellbilder nicht groß genug gewesen oder führt auch die Kombination von Farbe, Drucktechnik und Trägermaterial zu keinem überzeugenden Ergebnis. Das ist natürlich nur der Nebengrund, warum man eine Platte vor dem Kauf erst einmal physisch begutachten sollte, wichtiger ist die Frage des Klangs. Zunächst mal kann ich aus direkten Vergleichen selbst mit meiner Billigausrüstung sagen: Ja, die Musik klingt auf Vinyl, nicht nur im Bass "voller" als ihre digitale Version. Aber immer besser? Nein. Wer sowas behauptet, hat noch nie eine Schallplatte gehört, die schlecht (sprich: nicht für Vinyl) gemastert wurde, außerdem finde ich es vor allem bei sauberst durchproduzierter Popmusik etwas unsinnig, die digitale Glattheit durch ein fehlerhaft verzerrendes Medium zu makeln.

Ein weiterer Punkt, warum ich nicht generell auf Vinyl umsteigen werde, ist der Preis. Vor allem beim Import läuft da schnell einiges zusammen, Labels wie Paw Tracks, wo mich die Reissue von Ariel Pinks House Arrest lächerliche 13€ kostete sind doch eher die Ausnahme - viele verlangen allein schon für den Versand soviel. Das ist ja schon verständlich, nur fielen mir z.B. die Augen ausm Kopf, als ich mich mal bei Mexican Summer umguckte. 26 Euro für ne 4-Song-EP? Öhm ja, nö. Zudem sind solche Boutique-Labels oft große Anhänger von farblichen, durchsichtigen oder sonstwie Gimmick-Pressungen, die - zumindest nach allem was ich gelesen habe - in Sachen Klangqualität und Verschleiß bedenklich sind.

Am Auffälligsten aber ist der interaktive Teil der Hörerfahrung, an den ich vorher kaum gedacht hatte. Das Hören von Vinyl lässt einen fast zwangsläufig anders über Musik denken, sie anders erfahren, schon allein der Bewegungsablauf zum Austauschen der Tonträger gestaltet sich zu einem intuitiv erlernbaren Ritus. Mein Plattenspieler steht so entfernt, dass ich die Aktivität der Nadel nur übers Hören nachvollziehen kann. Ohne digitalen Mitzähler, ohne Abspielsoftware habe ich keinen visuellen Indikator dafür, wann ein Track beginnt und aufhört. Ohne Mitverfolgen ist es mitunter schwer, den Namen des gerade laufenden Tracks festzustellen ohne mit der Plattenhülle in der Hand zum Spieler rüberzulaufen und einen Blick in die Rillenanordnung zu werfen, und selbst da bin ich mir nicht immer 100% sicher.

Auch ist das Pausieren nicht so komfortabel wie bei CD, Stream und MP3. Falls am Computer etwas die Aufmerksamkeit erregt und sofort angehört werden wil, muss ich erst zum Plattenspieler laufen und vorsichtig auf die Abhebetaste drücken damit der Tonarm beim Hochheben nicht horizontal zurückspringt, und selbst bei großer Vorsicht geht die Musik nie genau dort weiter, wo sie unterbrochen wurde. Anfangs hat mich das mitunter zur Weißglut getrieben, mittlerweile bin ich aber einfach geduldiger geworden und warte einfach etwas , bis das Ende der LP-Seite erreicht ist. Und das ist wohl die größte Ungewohntheit: Die Unmöglichkeit, ein Album an einem Stück durchhören zu können. Mindestens einmal muss die Platte umgedreht werden, bei Doppel-LPs erfordert sie gar dreimal das Eingreifen der Hörenden, spätestens alle 20 Minuten. Ich weiß nicht ob ich mir das bei einem Random Spirit Lover, das von seinem irren, nahtlosen Fluss lebt, antun möchte, bei allen anderen wird das Gewöhnen auch noch eine Weile dauern.

In jedem Fall aber hat Vinyl meine Beziehung zu Plattenläden erneuert. Hatte ich nach dem Ende des Normal nur noch gelegentlich Glück mit der Suche nach CDs, beginne ich nun erst so richtig die tolle Vinylkultur der Kölner Läden zu schätzen, deren Besuch ich vorher gescheut hatte (nicht immer gerechtfertigt, denn auch wo Schaufenster allein mit LPs gefüllt sind, findet sich meist eine gute CD-Auswahl). So werde ich mich morgen am Record Store Day sicherlich zum A-Musik begeben, der für Klänge abseits der Hauptspur eine echte Goldgrube ist und mir auch so einige ungewisse Importe in Zukunft ersparen dürfte, vielleicht erstmalig zum Kompakt, der mit Freibier lockt, sicher aber zum etwas mehr auf meine Indierock-Bedürfnisse ausgerichteten Parallel, wo ich mir letztens so erstaunt wie begeistert Destroyers Kaputt aus dem Regal schnappte. Warum nicht nach langer Zeit mal wieder dem Underdog einen Besuch abstatten, wo mir die letzten Jahre einiges an allein auf VInyl erschienenen Garage-Sachen entgangen ist?

Derartige Spontankäufe waren früher eine große Seltenheit, ich war immer Befürworter der akribischen Planung. Aber auch das könnte sich langsam durch Vinyl ändern, es hat einfach diese Aura der Entdeckung, der Neugier, die es mir auch fast egal machen, dass ich keinen Schimmer habe, welche der vielen Sonderveröffentlichungen morgen zu bekommen sein könnten (wobei zumindest A-Musik dieses Geheimnis bei sich gelüftet hat). Wichtiger als genau zu wissen, was es wo gibt, sind diese leichten Ungewissheiten: Die bevorstehende Entscheidung, ob ich mir Liturgys wuchtiges Aesthetica nun auf Vinyl oder CD holen sollte. Die Neugier, ob vielleicht irgendwo Julianna Barwicks The Magic Place auf Schallplatte zu finden ist obwohl es in Deutschland nur auf CD erschien. Vielleicht ist auch endlich Belongs Common Era nach längerer, die Erwartung aufs erste genüssliche Hören weiter steigernder Verzögerung angekommen. Vielleicht werd ich aber stattdessen auch eine überraschende Entdeckung machen. Ich freu mich in jedem Fall schon.

Das Coachella-Festival im Livestream

Dieses Wochenende wird die amerikanische Festivalsaison im Coachella-Tal eröffnet, dem Überangebot auf sechs Bühnen versucht auch die Online-Übertragung der Veranstaltung gerecht zu werden, indem sie gleich drei Youtube-Streams anbietet. Ob die auch hierzulande zu sehen sein werden wird sich wahrscheinlich erst heute Abend endgültig zeigen, gerade auf Youtube wird derartiges ja schon mal gerne international blockiert.

Nachtrag: Tatsächlich, die Streams klappen.

Zu sehen und hören gibt es laut dem Plan - hiesige Zeiten sind neun Stunden später - für Nachtschwärmende ab 1 Uhr also hoffentlich so einiges: !!!, Ariel Pink's Haunted Graffiti, Broken Social Scene, HEALTH, MEN, PJ Harvey, The New Pornographers, Titus Andronicus und neben vielen weiteren natürlich auch die Reunion von DFA 1979.

Livestreams vom Coachella

Video: Disco Ruido - Amorfos



Wenn ich in meinem bisherigen Hören einen gewissen Unterschied zwischen dem Sound des Chile-Pop und dem mexikanischen ausmachen konnte, dann den, dass letzterer die Ungemütlichkeiten des Alltags weniger subtil in seine Musik verwebt, deutlicher auf die Kacke haut. Das gilt sicher für das hüsch danebene Video zu Amorfos, mit dem Disco Ruido ihrem Namen weitaus weniger treu bleiben als im famosen Stampfer Go Twisters, wer den obigen Screenshot schon abschreckend findet sollte den Clip trotz aller süßer Einhornbilder lieber nicht zu Ende gucken.

[Video] Disco Ruido - Amorfos

Neues Von Handsome Furs

Same procedure as every (second) year: Wolf Parade haben sich zum dritten Mal in ihre Bestandteile zerlegt und folglich ist es damit an der Zeit für das dritte Album von Handsome Furs. Das kommt unter dem Titel Sound Kapital am 24.06. an und verspricht mit What About Us zunächst kühler und industrieller zu werden, verzweifelnd brodeln die Elektronikschichten mit gelegentlichen Gesangs- und Gitarreneinschnitten dahin - bis das Stück exakt in der Mitte in harmonische New-Order-Sanftheit umkippt. Diesmal zum Glück ohne direktes Zitat wie in All We Want, Baby, Is Everything, wegen dem die Veröffentlichung des letzten Albums verzögert worden war.

[MP3] Handsome Furs - What About Us

Stream: Ponytail - Do Whatever You Want All The Time

Dass sich Gitarrist Dustin Wong letztes Jahr auf Solopfade begab, war der Stein, der das Gerüchtefass um Ponytails Auflösung endgültig zum Überlaufen brachte. Doch gerade als es schon eine Gewissheit erschien, stellte das Quartett nicht nur in Worten, sondern auch musikalisch klar dass es noch nicht am Ende war. Am Freitag erscheint ihr drittes Album Do Whatever You Want All The Time, dass sie sich dabei deutlich mehr am Riemen reißen als zuvor lässt sich jetzt schon hören:

[Stream] Ponytail - Do Whatever You Want All the Time

Stream: Guillemots - Walk The River

Wie die ersten und auch Fyfe Dangerfields Solowerk schon scheint auch das dritte Album von Guillemots mit einiger ärgerlicher Verspätung hierzulande aufzukreuzen, während es nächste Woche im UK erscheint sehe ich noch keinen Weg, es ohne Import allzu bald zu bekommen. Aber das bin ich ja auch schon gewohnt, wichtiger ist eh, ob sich der Import überhaupt lohnt. Die ersten Vorabsongs schienen schon recht vielversprechend, den Rest gibt es seit heute auch zu hören:

[Stream] Guillemots - Walk The River