Es muss nicht alles Beat haben

Heute mal wieder keine Zeit für gar nix, aber darauf muss noch schnell verwiesen werden: Mary Anne Hobbs, die sich im UK sehr um die Förderung von Grime und Dubstep verdient gemacht hat, hat die letzte Ausgabe ihrer BBC Radio 1-Show als 'Beatless Special' abgehalten. Nach Stücken von Kode9, DJ Koze und Jungtalent Jamie Woon wird das Zentrum der Sendung von einem exklusiven Mix von Großmeister Ryuichi Sakamoto gebildet, bis Freitag kann man sich die Sendung noch per Stream online anhören.

Mary Anne Hobbs Beatless Special

Billy MacKenzie


The Associates - White Car In Germany

Vor etwa einem Jahr war ich wochenlang in Simon Reynolds' exzellentes Rip It Up And Start Again (das auch bald auf deutsch erscheint) und die darin behandelte Musik vertieft. Das Buch über die Postpunk-Periode 1978-1984 brachte mich dazu endlich mal einige Künstler richtig kennenzulernen die ich bis dahin immer auf die "hör ich irgendwann mal rein"-Liste geschoben hatte, nun deckte ich mich nur so ein mit Alben von Devo, Television, Cabaret Voltaire, Wire, Throbbing Gristle, Swell Maps, PiL, Pere Ubu, Magazine, The Slits, Scritti Politti, Josef K, Delta 5, und vielen, vielen anderen.

Das Album das mir aber am Ende am meisten von allen gefiel war, ironischerweise, das poppigste von allen: The Affectionate Punch von The Associates. Es war das erste Album von Alan Rankine und Billy MacKenzie, der im Buch immer wieder als der geborene Popstar beschrieben wird. Verstädndlich, denn nicht nur sah er gut aus, hatte beträchtliches Charisma, ein tolles musikalisches Gespür und das Verlangen nach Erfolg, er hatte auch eine fantastische engelsgleiche Stimme. Und obwohl mich die noch mehr an Postpunk im Gang Of Four-Stil erinnernden Stücke auf dem Album zuerst einfingen, so sind es doch die Balladen mit denen sich die Associates zu meinen ewigen Favoriten gespielt haben. Stücke, in denen MacKenzie seine gelegentlich wankelmütige Stimme unendlich lang zieht, dem Hörer seine fragile Seele ohne Scham offenbart.

Eine Zerbrechlichkeit die ihm außerhalb der Intimität des Tonstudios zu Schaffen machte. MacKenzie litt unter enormer Schüchternheit, so dass er während eines legendären Auftritts bei Top Of The Pops den wohl größten Hit der Associates, Party Fears Two, mit dem Rücken zum Publikum gewandt aufführte. Nicht nur Schüchternheit und beruflicher Druck machten ihm zu schaffen, sondern nach dem Tod seiner Mutter auch Depressionen. Die führten dann letztendlich auch dazu dass er sich das Leben nahm.

Heute vor 10 Jahren starb Billy MacKenzie.

Ein schöner Nachruf, der auch den Einfluss MacKenzies auf U2, The Cure, Björk, Guillemots u.a. aufzeigt, findet sich im Scotsman. Auf Youtube gibt es die Dokumentation "Billy MacKenzie - The Story Of..." zu sehen (Teil 1 - Teil 2 - Teil 3).

[Video] The Associates - Party Fears Two (Youtube)

Video: of Montreal / Dark Meat / The Apples In Stereo

Bilde ich mir das nur ein, oder kommt gerade extrem viel gute Musik aus der ehemaligen Elephant 6-Ecke? Sowohl The Apples In Stereo als auch Of Montreal, aus der ersten bzw. zweiten Generation von Bands mit diverser Verflechtung zum psychedelischen Musikerkollektiv aus Athens, bringen in diesem Frühjahr Alben heraus von denen es heißt dass sie die besten beider Gruppen sein könnten. Letztes Jahr haben Jeremy Barnes' A Hawk And A Hacksaw eben ein solches Bestwerk bereits geschaffen, und auch enorm vielversprechender Nachwuchs spielt sich in Form von Dark Meat, den betrunkenen Enkeln von Elephant 6, schnell zur Hochform auf. Eine kleine Videoschau:



In of Montreals Video zu Heimdalsgate Like A Promethean Curse zeigt Kevin Barnes, dass er auch mit zunehmendem Alter nicht nur weiterhin großartige Popmelodien schreiben kann, sondern sich auch noch mühelos in hautenge Ganzkörperanzüge zwängen kann. Und für Videos mit tanzenden Menschen in Bärenkostümen bin ich eh immer zu haben.

[Video] of Montreal - Heimdalsgate Like A Promethean Curse (Youtube)



In Dead Man wirken Dark Meat nicht nur verschwommen, sondern auch mehr anständig folkig als sie es ansonsten sind. Wenn sie dagegen live mit gerade mal vielleicht einem Dutzend Musikern (auf ihrem Album Universal Indians sind es mehr als doppelt so viele) bei Angel Of Meth einmal so richtig in Schwung geraten, singen sie aus so voller Kehle dass sie andere, ähnlich große Musikerkollektive mit Leichtigkeit in die Flucht schlagen könnten.

[Video] Dark Meat - Dead Man (Youtube)
[Video] Dark Meat - Angel Of Meth (live) (Youtube)



Mutig von den Apples In Stereo, als erste Single den wohl simpelsten Hippiezucker seit Do You Realize von den Flaming Lips (und noch dazu ohne dessen dunkle Seite) auszupacken. Aber natürlich wird New Magnetic Wonder nicht auf voller Länge so klingen, die Apples sind so vielseitig dass ich mir kaum auszumalen mag was sie alles auf den 24(!) Stücken ihres im März erscheinenden Albums anstellen werden.

[Video] The Apples In Stereo - Energy (Youtube)

Neuer Do Make Say Think Song!



Wohl auf kein Album bin ich in nächster Zeit gespannter als auf das neue von Do Make Say Think. Das (wie immer bei DMST) lang und poetisch betitelte You, You're A History In Rust erscheint ziemlich genau gestern in vier Wochen, und gerade bin ich bei Amp Camp auf das erste Stück davon gestoßen. Auf Bound To Be That Way rocken Do Make Say Think wie schon lange nicht mehr, wie sehr geht denn da gegen Ende der Drummer ab? Gleichzeitig bricht der Song aber nie richtig in einen großen Refrain aus, insbesondere weil sich die Bläsersektion sehr zurückgehalten zeigt. Dass man sich trotzdem dabei fühlt als würde man etwas richtig Großes hören ist der Energie zu verdanken mit der die Kanadier ihre vertrackten Segmente lustvoll miteinander verweben. Was kann ich sagen, ich kann mir kaum vorstellen von dieser Platte enttäuscht zu werden.

[MP3] Do Make Say Think - Bound To Be That Way