Konzert: Mono



So ein stilles Publikum habe ich seit Jahren nicht mehr erlebt. Zunächst wird zwar eifrig gequatscht, auch noch als Mono die Bühne des Underground in Köln betreten. Doch als die ersten vereinzelten Gitarrenanschläge fallen werden alle noch redenden schnell und teilweise schon agressiv ruhiggezischelt. Zwar sind die vier Japaner nicht mit wie sonst meist auf Platte zusätzlich mit Geigen ausgestattet, aber auch die Gitarren können die andächtig in die mittlerweile völlige Stille gespielten klaren Klänge bezaubernd schön transportieren.

Als der Song mit zunehmender Geschwindigkeit an Lautstärke und auch vermeintlich spürbarem Volumen gewinnt, wird allen die hier ohne Ohrschutz aufgekreuzt sind bald unangenehm bewusst dass sie einen großen Fehler gemacht haben: denn wenn Mono einmal richtig die Tore zu ihrer Welt voll wunderschöner Kakophonie öffnen dann sind sie noch lauter als Mogwai. Selbst mit Ohrenschutz wird man zunächst so von den Klangwellen geschüttelt dass man wirklich physisch ins Schwitzen kommt. Mono scheinen davon unbekümmert, sie gehen mit jeder Klangwelle mit und wiegen sich im Wind des Sturms den sie heraufbeschworen haben.

Sie spielen ihre Instrumente zwar genauso abgebrüht wie ihre entfernten musikalischen Verwandten aus Schottland, bringen aber wegen dieser Anteilnahme an ihrer eigenen Musik, die sie so haushoch übertürmt dass es zeitweise scheint als würde sie von ganz woanders kommen als aus diesen Instrumenten, weitaus mehr ins Publikum herüber. Dieses wird, genau so wie die Band, während des gesamten Konzerts ausgiebig vom Rambostirnband tragenden Tourchronologen gefilmt. Ist da vielleicht eine DVD in Arbeit?

Ob Mono nun neuere oder ältere Sachen spielen ist eigentlich egal, nicht dass sie sich in ihren Kompositionskünsten nicht ungemein weiterentwickelt hätten in den vergangenen 5 Jahren, aber live klingen sowohl Stücke von Under The Pipal Tree als auch von You Are There so viel größer, satter und natürlich lauter als auf Platte dass man einfach von allem was gespielt wird verzückt ist. Keiner der Besucher weiß am Ende so recht wieviel Zeit vergangen ist, alle müssen erst mal ihre Uhren checken, woraufhin dann direkt der Stand mit den mit 10 und 12 Euro ungemein günstigen CDs, LPs und Tshirts gestürmt wird. Aber vor allem ist am Schluss allen gemeinsam die herrliche Gewissheit soeben von der derzeit wohl besten Band ihrer Klasse hinweggefegt worden zu sein.

My Morning Jacket Live



Im Juni dieses Jahres gaben My Morning Jacket, ohnehin eine Band die generell verdammt gute Auftritte hinlegt, ein jetzt schon legendäres Konzert beim Bonnaroo-Festival. Besser gar noch als jenes welches dieses Jahr auf ihrem ersten Livealbum Okonokos zu hören war, nicht nur wegen der Songauswahl sondern auch weil man hier richtig hören kann wie das Publikum von Anfang bis Ende völlig aus dem Häuschen ist. Dank Archive.org kann man sich Mitschnitte des mehr als drei Stunden langen Konzerts in nahezu jeder gewünschten Qualität herunterladen (sogar in einer die zu gut für CDs ist!), nicht nur für Fans der Band ein absolutes Muss wie ich finde.

[MP3] My Morning Jacket - Live beim Bonnaroo-Festival am 16.06.2006

Stream: White Magic, Dave Fischoff, Simon Joyner & The Fallen Men



Bei 3voor12 gibt es wieder neue Alben im Stream, diesmal von mir bisher unbekannten Künstlern die aber allein schon deswegen sicher ein Reinhören wert sind weil sie auf so grandiosen Labels herauskommen. White Magic sind auf dem Indie-Urgestein Drag City (u.a. Heimat von Bonnie Prince Billy, Joanna Newsom und Silver Jews), Dave Fischoff und Simon Joyner auf den eng verbundenen Labels Secretly Canadian (Danielson, Jens Lekman, Jason Molina) und Jagjaguwar (Black Mountain, Okkervil River, Swan Lake).

[Stream] White Magic - Dat Rosa Mel Apibus
[Stream] Dave Fischoff - The Crawl
[Stream] Simon Joyner & The Fallen Men - Skeleton Blues

Übrigens...

Wieder mal fühle ich mich als wär ich nur auf der Durchreise hier, deswegen an dieser Stelle nur ein halber Eintrag, dafür mit vielen interessanten Links:



...Die schüchternen Schwedengeschwister The Knife sind nun auch in Weihnachtsstimmung. Von der Website des exquisiten Indielabel-Verbandes Cooperative Music kann man von heute an einen Monat lang kostenlos den Track Christmas Reindeer herunterladen:

[MP3] The Knife - Christmas Reindeer

...Ich verlinke mit Freude den wohl besten Konzertbericht des Jahres, in drei epischen Teilen: Ole bei den Flippers. Sensationell.

...Auf Daytrotter kann man das Ergebnis einer Session dort von Nina Nastasia begutachten.

...Bei dem besten Musikvideoblog weit und breit, Antville Video, wird derzeit die Wahl zum besten Musikvideo des Jahres durchgeführt. Da sind bereits die Nominierungen allesamt hochwertig.

...Patrick Wolf gibt derzeit in einer Serie von Videopodcasts Einblicke in sein kommendes Album. Gerade ist die dritte Episode erschienen, in der Wolf eine Ukulelen-Version von Augustine spielt. Um die vergangenen und zukünftigen Folgen nicht zu verpassen kann man den Podcast natürlich abonnieren, und zwar per iTunes oder per RSS.

Konzert: The Long Blondes



Unglaublich, nach all den schmerzlich verpassten ist nun dieses Konzert endlich wieder eines für das zu besuchen sich Zeit findet. Man sollte bei meinem engen Zeitplan in letzter Zeit meinen ich sei ein hochbezahlter Business(s)experte oder so, aber nein, der schnöde Studentenalltag kann einem durchaus problemlos sämtliche freizeitlichen Freiräume nehmen. Aber nicht heute, heute kommen The Long Blondes, die im Gegensatz zu den Arctic Monkeys völlig absichtlichen Stars aus Sheffield, ins Kölner Gebäude 9.

Nach allzu vielen zu Unrecht nur spärlich besuchten Konzerten ist das Gebäude heute Abend endlich wieder gut gefüllt, ob es an der Musik liegt oder nur an dem guten Ruf der/dem Hype um die Band wird sich zeigen. Wie Daniel Koch schon bei seinem Intro-Bericht zum Berliner Konzert bemerkte finden sich auch in Köln erstaunlich viele Männer jenseits der 50 im Publikum, darunter ein kurios holländischer Verbund, zudem die eigentlich schon zu erwartenden Modeklone der überaus charmismatischen Sängerin Kate Jackson. War ich auf dem Pipettes-Konzert noch von gepunkteter keldiung umzingelt, so müsste ich heute schon extrem aufpassen um keine schaltragenden Damen mit stylisch kombinierter Second Hand-Kleidung zu Gesicht zu bekommen.

Zum Glück betritt ohne durch Vorband unnötig gestreckte Wartezeit noch vor 10 Uhr das Original die Bühne, allerdings bin ich erst mal schockiert wie klein die alle sind. Wenn eine Band immer von oben gefilmt wird stellt man sie sich wohl larger than life vor, so muss ich mich erst mal an eine andere Größenordnung umgewöhnen als die in meinem Kopf. Was das Bühnengehabe angeht haben The Long Blondes alles locker im Griff, Vollprofis soweit das Auge reicht, angefangen bei den lässig gespielten Saiteninstrumenten über die oftmals mit weit erhobenem Arm angeschlagenen Drums. Trotz der Größendiskrepanz zu dem was man erwartet hatte hat Jackson ihre gnadenlos Aufmerksamkeit erregenden Bewegungen einfach voll drauf, hier ein Zwinkern, dort der Hüftschwung, oh ja, trotz des Makeups das ihre Augen merkwürdig schmal erscheinen lässt (und ich möchte festhalten dass dies die einzige Band ist bei der man auf sowas achten darf) ist sie zweifelsohne Bestandteil so mancher angefeuchteter Indieboy-Träume.
Aber von Feuchtigkeit merkt man hier real nix, zu sauber scheint schon alles, sind sie nicht nur wie gewollt Stars geworden sondern direkt schon lustlose oder gar arrogant von oben herabspielende Performer? Auch wenn Jackson noch so viel haucht, die anderen beiden Damen auf der Bühne wirken einfach überaus lustlos oder auch bemüht cool, man möge sich seine Interpretation selbst wählen. Aber haho, da erscheint eine Lücke in der scheinbar souveränen Popstar-Rüstung, der auch sonst durch große Rockgesten hervorstechende Drummer Screech bringt Jackson mehrfach an den Rande eines Lachanfalls aus dem sie sich in letzter Sekunde zu Beginn ihres Gesangparts retten kann.

Zufall oder nicht, ab diesem Moment der Menschlichkeit wird das wie fast immer physisch kaum zu bewegende Kölner Publikum langsam wach und es wird mehr und mehr getanzt. Warum das vorher nicht der Fall war weiß ich nicht, die Sheffielder spielen nahezu alle Songs von ihrem Debütalbum, bis auf Heaven Help The New Girl und A Knife For The Girls, die beiden langsamsten, und auch nicht das schmerzlichst vermisste Swallow Tattoo. Dafür aber gibt es einen bisher unveröffentlichten Song serviert, und außerdem die B-Seite Fulwood Babylon.

Wie auf Someone To Drive You Home ist aber auch der Höhepunkt des Konzerts You Could Have Both. An der zentralen Stelle, wo Komponist Dorian Grey Cox mit der sonst meist als seine Sprecherin agierenden Jackson diesen phänomenalen Dialog nicht singt, nur spricht, das reicht, denn jeder der einmal Scott Walkers Musik auf einer Busfahrt gehört hat weiß wie das ist, da braucht es keine musikalische oder gesangliche Verpackung mehr, da wird zu Recht stillgestanden, einfach nur alle Augen nach vorn gerichtet.

Wie gesagt, das Publikum gerät ansonsten mehr und mehr in Wallung, und nachdem zum Schluss der Oberkracher Separated By Motorways schon beinahe die halbe Halle in Bewegung versetzt hat (was für Köln wirklich eine Großleistung ist) will man unbedingt mehr, mehr. Einen Nachschlag gibt es dann noch, zwar nur einen, aber einen besseren als Appropriation hätte man kaum wählen können. Eine Erinnerung an die Anfänge, keineswegs besser oder schlechter als das was folgte, aber eine Belohnung für alle die schon seitdem an diese Band geglaubt haben und eine Aussicht auf anderes für diejenigen die sie erst mit diesem Album entdeckt haben. Live long and prosper. And blonde.

Update: Fotos und ein Video

Video: Klaxons - Golden Skans



Das halten Klaxons also von Leuchtstäbchen! Wären auch völlig fehl am Platze bei Golden Skans, wie die meisten ihrer Lieder hat auch diese spacige Träumerei in etwa so viel mit Rave zu tun wie die Wildecker Herzbuben mit Progressive Hardcore. Nach Magick wird im Januar '07 nun schon die zweite Single erscheinen die nicht auf der Xan Valleys-EP zu finden ist, und wer denkt dass es dann bis zum Album echt nicht mehr allzu weit hin sein kann hat völlig Recht, das folgt eine Woche darauf.

[Video] Klaxons - Golden Skans (Quicktime)
[Video] Klaxons - Golden Skans (Youtube)

Swan Island



Resignation war 2006 ein großes Thema im punk-/postpunk-beeinflussten Rock. The Blood Brothers gaben die Hoffnung auf politische Veränderung von unten auf, Pretty Girls Make Graves hatten ihr eigenes Material zeitlich so weit überholt dass sie gar keinen Anlass mehr sahen Elan Vital enthusiastisch zu promoten, und Erase Errata sahen die hohle, hedonistische "Party statt Aktivismus"-Einstellung in der einstmals politisch aktiven Indie-Kultur zum Anlass mit Nightlife ihr bei Weitem wütendstes Werk zu schaffen.

Swan Island gehen nun noch einen Schritt weiter: "The polar ice caps are famously melting, the weather is fronting unseasonable and stormish, and various other consequences of global warming are making themselves known. The earth truly seems on the verge of sliding into total breakdown. As we cannot rely on the Man to come up with a plan, we can at least have a good soundtrack to the collapse." Ob das nun Ernst ist oder nicht kann ich ohne die Texte zu verstehen schwer sagen. Aber der sicher von Erase Errata und The Gossip nicht unbeeinflusste halb-dancige Rock mit schönem Gitarren-Wechselspiel wie einst bei Sleater-Kinney den die fünf Frauen aus Portland (Logo, von wo sonst) machen eignet sich sicher sowohl als Begleitung zur Apokalypse als auch zum Sturm auf die Obrigkeit.

[MP3] Swan Island - Crumble
[MP3] Swan Island - Night Owl

Swan Island Myspace

Mono & World's End Girlfriend - Palmless Prayer / Mass Murder Refrain



Auf den ersten Blick scheint der Name der Kollaboration von Mono und World's End Girlfriend in der langen und stolzen japanischen Tradition sinnlos spektakulärer englischsprachiger Filmtitel á la "Warning! Exploding Awesome Of The Thankful 100000 Volt Dinosaurs," die oft wenig mit dem Inhalt zu tun haben, zu stehen. Aber das fünfgeteilte Palmless Prayer / Mass Murder Refrain hat durchaus was von einem (wenngleich düsteren) Gebet, insbesondere die ersten beiden Teile sind sehr von Streichinstrumenten dominiert die dem Ganzen etwas Sakrales verleihen.

Es durchzieht gar ein (neo?)klassisches Flair diese Platte, man hört wie diese Musik Note für Note mit Bedacht komponiert wurde, nicht wie es der moderne Rockmythos verlangt aus einer genialen Laune oder gar einer Jamsession entstand. Freunde der Klassik, die die Notenblätter ihrer Lieblingsoper auswendig mit dem Finger in der Luft malen können, könnten hier durchaus Gefallen dran finden. Ja, bieder klingt es schon fast, so denkt man. Und denkt. Und hört nicht mehr so richtig hin. Und irgendwann, wenn man nach einigen Minuten mal wieder die abgewanderten Ohren auf die Musik richtet die man neben dem was man sonst trieb fast völlig ignoriert hatte, da erwischt es einen mit voller Wucht.

Denn in Part 3 wird jeder Breitwand-Postrock-Fan finden was sein Herz begehrt, in einem ungemein langen Spannungsbogen bringen Mono & World's End Girlfriend das Stück nach oben, immer mehr Instrumente, Melodien tauchen auf, es wird lauter und lauter bis es irgendwann nur noch mit voller düsterer Schönheit grollt. Ob das der "Mass Murder Refrain" ist? Ab da ist man mit Ohren und Herz hoffentlich genug dabei dass man noch einmal zurückspulen und die herrlichen ersten beiden Stücke genießen kann.

Vielleicht drängt sich einem dann beim zweiten Mal auch in Part 2 der Eindruck auf, man würde durch eine Ruine wandern, hinter Säulen deren polierte Marmorfassade tiefe Katscher hat hört man das leise Wehklagen der Geister derer denen hier vor langer Zeit Unrecht widerfuhr. Man sieht die Bilder, die diese Ode an Dahingeschiedene erweckt. Doch gegen Ende entfliehen sie wieder langsam, um den Hörer ganz allein in Part 3 zu überführen. Der wird gefolgt von Part 4, einem wundervoll besungenen Erlebnis einer anderen Welt, und schließlich beendet Part 5 das Album mit dem (wieder mal) Schönsten was Mono jemals geschaffen haben, ein unvergessliches Hörerlebnis das einfach zu groß ist um es in Worte zu fassen. Göttlich, dieses Gebet. Göttlich, diese Band.