Platten

56 Aus 2010 (Teil 7)

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Platz 08
Shining - Blackjazz

Ein finsteres Biest von Album haben die Jaga-Jazzist-Spinoffs geschaffen in dieser Vereinigung von metallischer Schwere, vertrackten Strukturen und einem Industrial-Sound, dessen schwarze Lackierung eine fast schon plastikhafte Qualität annimmt. Bei aller filigranen Frickelei wird Blackjazz aber von melodisch einprägsamen Riffs angetrieben, die man auch noch wiedererkennt wenn sie Mitte des Albums unvermutet wieder auftauchen und Sänger/Faucher Jørgen Munkebys quiekiges No-Wave-Saxophon sorgt für soviel Chaos, dass ihr infernales 21st Century Schizoid Man ein völlig schlüssiges Finale abgibt.

[MP3] Shining - The Madness And The Damage Done
[Stream] Shining - Blackjazz

Platz 07
The Chemical Brothers - Further

Der Synthesizer-Arm des Krautrock war dieses Jahr so omnipräsent im Experimentalbereich wie Suet Lam in Johnnie-To-Filmen, aber erst richtig spät habe ich etwas überrascht gemerkt, dass auch das neue Album der Chemical Brothers auf dieser Wellenlänge liegt. Dies jedoch in herrlichem Großformat, mit schwärmerischen Flügen durch kosmische Nebelschwaden, dem epischen Dronehopser Escape Velocity oder dem genüsslich taumelnden Swoon modernisieren die Chemicals, was viele andere gerade erst für sich entdecken.

[MP3] The Chemical Brothers - Escape Velocity
[Stream] The Chemical Brothers - Further

Platz 06
Wolf Parade - EXPO 86 / Semi Precious Stone

Zu viele Songs für ein Album hatten Wolf Parade dieses Jahr, zumindest um sie sinnvoll alle nebeneinander unterzubringen. Allemal mithalten können die beiden Stücke der Doppelsingle mit EXPO 86, das die Rollenverteilung Krug als mystisch-träumerischer Raconteur / Boeckner als bodenständig-rauer Globetrotter überraschend durchwürfelt mit Krug als Stadt-alieniertem in Oh You, Old Thing und Boeckner in ungewöhnlicher Erzählposition im, musikalisch dennoch Pop-geradlinigen, Yulia, über die hinaus sich die beiden auch thematisch die Bälle zuspielen. Ah ja, und Konzert des Jahres. [mehr]

[MP3] Wolf Parade - What Did My Lover Say? (It Always Had To Go This Way)
[Video] Wolf Parade - Yulia
[Stream] Wolf Parade - EXPO 86

Platz 05
The Hundred In The Hands - The Hundred In The Hands / This Desert EP

2010 war das Jahr der Partysongs über Parties im Pop, aber The Hundred In The Hands erinnerten auf ihrem Debüt daran, dass Tanzmusik mehr behandeln kann. Ihr Debütalbum war das kunstvolle Disco-Pop-Porträt einer Jugend zwischen Ziellosigkeit unter und Gefühlsverwirrung am durchtanzten Ende der Woche, das besonders durch die vielen Feinheiten in Eleanor Everdells Vocals Faszination erwirkte. Nicht wenig toller waren die vorher auf ihrer EP versammelten Songs, voller bezaubernd funkelnder Melancholie, komplexer Rhythmen zu minimalistischen Melodien und anderer in Harmonie endender Reibungen. [mehr]

[MP3] The Hundred In The Hands - Dressed In Dresden
[Stream] The Hundred In The Hands - This Desert
[Stream] The Hundred In The Hands - The Hundred In The Hands

Platz 04
Los Campesinos! - Romance Is Boring

So ein Album, dessen Größe mir irgendwie ständig entfällt - bis ich es wieder höre. Los Campesinos! haben die Tweexcore-Tweenjahre hinter sich, Gareth kotzt sein Herz aus wie Jamie Stewart, Gesänge wie Gitarren werden bis zum Gellen verzerrt und in Schall und Rauschen getaucht. Im Textzentrum der von alter Geradlinigkeit bis zu drei verschiedenen Taktarten in einem reichenden Songs steht eine fragmentierte Tragödie, deren (nicht unbedingt chronologischer) Schluss mich jedes Mal kriegt wie keine andere Zeile dieses Jahr: "I can't believe I chose the mountains every time you chose the sea" [mehr]

[MP3] Los Campesinos! - Romance Is Boring
[Stream] Los Campesinos! - Romance Is Boring

Platz 03
Javiera Mena - Mena

Bisher scheint der einzige Ort, wo man das Popalbum des Jahres in physischer Form kaufen kann, ein Plattenladen in Santiago zu sein. Durch das Internet jedoch ist das zweite Album der genialen Chilenin nahezu überall (legal) digital erhältlich, ein Symbol dafür, was für ein globales Werk es ist dessen US/Euro-Disco-Pop mit Beiträgen von Kelley Polar, Ladytrons Daniel Hunt und Jens Lekman (im fabelhaften Duett Sufrir, das mit No Te Cuesta Nada und der absoluten Übernummer Luz De Piedra De Luna die beste Dreiersequenz 2010 bildet) entstand. Vor allem ist auf Produktionsseite aber die feine Trennarbeit Cristian Heynes hervorzuheben, der hier alle zum Schmachten schönen Elemente so feinhühlig platziert (wie hier auch überhaupt jeder Song essentiell und ideal an seiner jeweiligen Stelle ist) dass Menas warme Stimme den Raum und Ramen hat, um sich als die menschliche Alternative zu all den Fembots im Pop zu etablieren.

[MP3] Javiera Mena - Hasta La Verdad
[MP3] Javiera Mena - Luz De Piedra De Luna

Platz 02
These New Puritans - Hidden

Zwischen Witch House und Billig-Goths mangelte es diesem Jahr wirklich nicht an wie auch immer düsterer Musik. Aber nur eine Band hatte in all der oft nur kitschigen Schwärze einen Entwurf, der sich in seiner orchestralen Pracht wirklich gesamtvisionär anfühlte und mit Ambition und Ideenreichtum das Jahr bis zum Ende als Highlight überdauerte. Mit ihrem zweiten Album erfüllten These New Puritans ein Potential, das ihr Debüt nur hatte erahnen lassen und riefen mit Säbelrasseln zu Krieg, mit Pauken zum Tanz und Lovecraftigen Gesängen zu schamanischer Beschwörung alter Naturkräfte auf dass ein Herr Mark E. Smith sich glatt kopiert fühlte. Ein hasserfüllteres Kompliment kann man sich kaum wünschen. [mehr]

[MP3] These New Puritans - Orion
[Stream] These New Puritans - Hidden

Platz 01
Titus Andronicus - The Monitor

Tja also, The Monitor.. Album des Jahres, wahrscheinlich, oder? Wie dort das Suburb-Kind Patrick Stickles die Geschichte seines versuchten Ausbruchs aus dem großen amerikanischen Albtraum darlegt, Beziehungsdebakel und Gesellschaftsmalaise mit den spätnachts im Fernsehdelirium absorbierten US-Bürgerkriegsdokus zu einer wahrhaft epischen Geschichte hochstilisiert. Wie Titus Andronicus in The Battle Of Hampton Roads die letzte Schlacht fechten, textlich und musikalisch, unser Erzähler sich in der Katharsis des Pogues-treffen-Replacements-treffen-Springsteen-Punks seinen ganzen Abscheu aus der Seele kotzt und am Ende doch als bettelnder Verlierer zurückbleibt, "And I'd be nothing without you darling" in einem dieser weiten alles-auf-einmal-Würfe aus schnellen Drums, Gitarren und Stakkatopiano, gefolgt von "Please don't ever leave". Doch dann Bläser, Streicher die sich nicht unterkriegen lassen. Und gottverdammt ja, dieser Dudelsack (Dudelsack!(!!)), und alles schwingt sich auf, reißt Faust und Mittelfinger zum großen Finale empor das natürlich in einem schamlos jaulenden Gniedelsolo endet. Wohlwissend um die Konventionen des Rock und wie unmodern das alles ist, sich aber nicht mit dem postmodernen Trotzdem-1-2-3-4 begnügend, sondern Überlebensgroßes damit entfachend. Also ja ... das hat schon was für sich, finde ich.

[MP3] Titus Andronicus - Four Score And Seven Part 1 / Part 2
[Stream] Titus Andronicus - The Monitor

56 Aus 2010 (Teil 6)

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Platz 16
Oneohtrix Point Never - Returnal

Daniel Lopatins zweiter großer Streich, fast an der gleichen Stelle wie letztes Jahr, mit dem er die letzten Monate wohl so groß rauskam wie es ein Analog-Synthdrone-Schwurbler nur kann. Wobei mir die Albumtrilogie Rifts doch immer noch besser gefällt, nicht weil sie mehr Vielfalt hätte - der Anfang von Returnal ist wohl das Ungewöhnlichste was OPN bislang gemacht hat - sondern allein aufgrund der schieren Menge an durchweg toller Musik, der gegenüber Returnal zwar konsumfreundlicher ist, aber fast schon zu kurz wirkt. [mehr]

[Video] Oneohtrix Point Never - Ouroboros
[Stream] Oneohtrix Point Never - Returnal

Platz 15
Vampire Weekend - Contra

Kein anderes Album hat dieses Jahr - zumindest zum Positiven hin - so eine 180°-Drehung bei mir bewirkt wie Contra. Ich weiß noch, wie enttäuscht ich nach dem ersten Hören war und die Platte beim zweiten Durchlauf fast schon abgeschrieben hatte, wäre sie nicht von Giving Up The Gun gerettet worden. Nachdem ich ihr Debüt schon seit es als Blue Album die Runde machte rotieren gehabt hatte, war ich echt etwas geschockt vom angereicherten Sound der die elegante Einfachheit ersetzt zu haben schien. Doch die Angst bewies sich als unbegründet. Vampire Weekend haben, neben Texten deren Komplexität leicht zu übersehen ist, einfach ein sagenhaft gutes Händchen für Melodien, die sich mit wiederholten Hören von "ganz nett" bis "sehr nett" steigern und durch die Bank weg dieses Niveau bislang nicht wieder verlassen haben.

[MP3] Vampire Weekend - Horchata
[Stream] Vampire Weekend - Contra

Platz 14
Lindstrøm & Christabelle - Real Life Is No Cool

Die besten Disco-Diven, das zeigt sich auch im Zuge der erneuten Würdigung dieser einst von Homophobie und Schlagerparaden ertränkt geglaubten Musik, sind doch meist die etwas Ungewöhnlichen, und sei es nur stimmlich. Sei es Antony, Beth Ditto oder die Norwegerin Christabelle, deren wirre Gedankenströme absondernde, eindringliche Stimme vom Perfektionisten Lindstrøm in ein makelloses Glam-Gewand gekleidet wird und über ein makro wie mikro exzellent sequenziertes Album mit Funk und Funkeln verzaubert.

[MP3] Lindstrøm & Christabelle - Lovesick
[Stream] Lindstrøm & Christabelle - Real Life Is No Cool

Platz 13
Superchunk - Majesty Shredding

Superchunk waren für mich vom Ruf her immer etwas unverdient die vordersten der zweiten Garde des Indie Rock, hätten es aber völlig verdient gehabt, in einem Atemzug mit Modest Mouse, Yo La Tengo und Built To Spill genannt zu werden. Dieses Jahr zeigten sie nach nahezu jahrzehntlanger Kreativpause warum, mit einem Album das ihre besten Qualitäten kombiniert wie eigentlich keins zuvor, flott und vergnüglich, mit Hooks en Masse inmitten einer facettenreichen Produktion. [mehr]

[MP3] Superchunk - Digging For Something
[Stream] Superchunk - Majesty Shredding

Platz 12
diskJokke - En Fin Tid

En Fin Tid nannte der Norweger seinen Zweitling, eine feine Zeit sollte der auch bereiten. Lose konzeptuell ein vertonter Tag am Sonnenstrand, vom gemächlichen In-die-Gänge-Kommen übers entspannte Genießen bis zum Tanz im Dunklen zeigt Joachin Dirdahl mal wieder, das mit Skandinavien eine der dafür unwahrscheinlichsten Regionen Europas es wie keine andere versteht, mit kosmischer Disco und krautigen Electronica die eskapistischste aller Faunen als Inspiration zu nutzen.

[MP3] diskJokke - 1984
[Stream] diskJokke - En Fin Tid

Platz 11
The Dillinger Escape Plan - Option Paralysis

Es ist eigentlich das unoriginellste aller Dillinger-Werke, so ein Zwischending aus ihren alten und den jüngeren Sachen, die mir zu oft auf mäßige Melodien fokussiert waren. Ich kann verstehen wenn die Platte anderen nicht abenteuerlich genug war, aber dieses Zwischending trifft halt genau meinen Nerv: Mike-Patton-Verschnitte von Greg Puciato (und überhaupot schwingen da noch anderswo Faith No More mit), sanfte Melodien in die vertracktes Gefrickel und Turboriffe einbrechen und überhaupt schön viel Mathcore-Wahnsinn mit 180°-Kehrtwendungen inmitten von irgendwie-doch-schon-Popsongs. Ach ja: Finger weg von der Limited Edition, oder zumindest den Bonustrack beim Hören auslassen, der macht nämlich das abrundende Finale etwas kaputt.

[Video] The Dillinger Escape Plan - Farewell, Mona Lisa
[Stream] The Dillinger Escape Plan - Option Paralysis

Platz 10
ceo - White Magic

Ich hab hier irgendwo in meinem Kopf noch einen epischen Text herumfliegen warum The Tough Alliance die beste Popband des Jahrzehnts waren, aber belassen wir es was Eric Berglunds Vergangenheit angeht mal dabei. Denn auch wenn man schön die roten Fäden zwischen TTAs drei Alben und ceos Debüt ziehen kann, ist White Magic doch auch ein betonter Schritt in die Zukunft, das Zurücklassen von Sorgen und Ängsten, ein Eskapismus im wahrsten Sinne des Wortes, der naturhuldigende Ruf nach Freiheit in referenz- und samplefreudiger (u.a. werden hier die finale Musik von Brazil, Fußballkommentar, ein schwedisches Volkslied und eine Yellowstone-Naturdoku als Inspirationen herangezogen) Popgestalt.

[MP3] ceo - Come With Me
[Stream] ceo - White Magic

Platz 9
School Of Seven Bells - Disconnect From Desire

Auf ihrem zweiten Album haben School Of Seven Bells ihren Sound, der auf Alpinisms schon höchst eindrucksvoll war, nochmal auf eine neue Stufe gehoben. Allerdings nicht als Reflektion ihrer Liveshows, die mit deutlich muskulöseren Gitarren und mittlerweile auch echten Drums aufwarten, sondern als eine delikat zurückhaltende, aber herrlich produzierte Kristallisierung ihrer Qualitäten. Die typischen Gitarrenwände und tief begrabenen Wischstimmen des Shoegaze fast schon invertierend, steht der traumtänzelnde, und dennoch bestimmte Gesang der Deheza-Schwestern weit und glasklar im Vordergrund, Ben Curtis' oft nur einzelne Saiten zupfendes Gitarrenspiel noch hinter der melodie- bis Atmosphäre gebenden Elektronik, alle vorangetragen von abwechslungsreichen und wohlgeformten Beats, die in ständiger, kräftiger Bewegung einen wichtigen Kontrast zum langsam schwirlenden Rest beisteuern und dem Album einen vitalen Zusammenhalt liefern.

[MP3] School Of Seven Bells - Windstorm
[Stream] School Of Seven Bells - Disconnect From Desire

56 Aus 2010 (Teil 5)

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Platz 24
A Sunny Day In Glasgow - Autumn, Again

Kaum zu glauben, aber dieses Dreampop-Juwel gibt es immer noch zum freien Download bei der Band. Leider scheint dadurch manchen nicht aufgefallen zu sein, dass es sich bei Autumn Again um keine EP oder Resterampe für B-Seiten handelt, sondern um A Sunny Day In Glasgows vollwertiges drittes Album - und ihr bisher bestes. Ätherische Gesänge und sphärische Klänge kreisen und wellen in traumhaften Stereoeffekten von einer Seite zur anderen, Echos hüpfen im Raum herum, doch vor allem faszinieren die Songs der Nicht-Schotten durch die bezaubernde Eingängigkeit ihrer durchaus unkonventionellen Kompositionen.

[MP3] A Sunny Day In Glasgow - Drink Drank Drunk
[Download] A Sunny Day In Glasgow - Autumn, Again

Platz 23
Marnie Stern - Marnie Stern

Nachdem ihr zweites Album hierzulande keinen Vertrieb hatte und sie damit auf magische Weise aus der Sicht der deutschen Musikpresse verschwand, wurde Marnie Stern für ihr drittes dafür mal umso angemessener gewürdigt. Vielleicht auch besser so, denn auch wenn Stern kein Valium in den Kaffee käme ist sie diesmal stimmlich reservierter (und dezenter abgemischt) so dass vielleicht auch anfangs Abgeschreckte ihrem grellen Sound erneut Gehör schenkten - textliche Introspektion und kompaktere Texturen dürften da auch nicht geschadet haben. [mehr]

[MP3] Marnie Stern - Transparency Is The New Mystery

Platz 22
Deerhunter - Halcyon Digest

Auch wenn es für mich wohl nie das geniale Doppelpack aus Microcastle und dem experimentell-dekonstruktiven Weird Era Cont. erreichen wird, auch Deerhunters viertes Album ist ein herausragendes geworden, das erneut durch eine gewisse Inkonsistenz besticht. Mit diesen gefasst-klaren Popmomenten wie Memory Boy oder Revival, die nur allzu deutlich aus einem schwummrigen Nebel herausgeschossen kommen, aber eben auch niemals so effektiv wären wenn ihnen nicht z.B. die 5 Minuten Flüstergitarre von Sailing vorausgingen, die wiederum für sich genommen ziemlich verloren wären. Und obwohl diesmal auch Lockett Pundt Albumhighlights beisteuert, meine beiden Favoriten gen Ende stammen aus Cox' Feder, der sich offenbar wie hier in Helicopter und He Would Have Laughed durch Tragödien zu seinen besten Songs inspirieren lässt.

[MP3] Deerhunter - Revival
[Stream] Deerhunter - Halcyon Digest

Platz 21
My Chemical Romance - Danger Days: The True Lives Of The Fabulous Killjoys

Ein Blick ins Booklet hilft, den Appeal dieses Albums zu erklären - nicht, weil dort in den Texten viel über die comichaft grandiose Welt der Handlung nachzulesen wäre. Nein, weiter hinten in den Credits wird Nicht-Bandmitglied Jamie Muhoberac aufgeführt, er ist für den hörbaren Teil des Weltenbaus zuständig mit seinem hell-farbenfrohen Sounddesign der Synthesizer und zahlreichen digitalen Samples und originären Effekte. Funken sprühen wenn Garage-Pop im Breitbandformat Endzeit-Roadmovies befeuert, ungewisse Zeitlupen-Oszillation bereitet die Bühne für Midtempo-Pathosexplosionen, japanische Radiodurchsagen stürzen Hektik in Chaos und zum Finale gibt es noch eine dicke Krachattacke. Ein vor Vergnügen überquellendes Album, das zwar mal einen Gang zurückschaltet, aber von Beginn an nie den Fuß vom Gaspedal nimmt.

[Video] My Chemical Romance - Na Na Na (Na Na Na Na Na Na Na Na Na Na)
[Stream] My Chemical Romance - Danger Days: The True Lives Of The Fabulous Killjoys

Platz 20
Triclops! - Helpers On The Other Side

Irgendwie doof, bei diesem Album jedes Mal zu einer Auflistung von gitarrenbasierten Musikstilen zu greifen, aber das Beeindruckende an Helpers On The Other Side ist eben, dass diese exzentrische Band, die das Album mit einem heliumerhöhten Chipmunkgesang beendet, so rigoros vom einen aufs andere umschalten oder beides vermengen kann, und dabei nie so steif-gekünstelt wirkt wie 99% aller anderen die sich daran versuchen. Und natürlich einen Vokalisten von Format hat, der sich melodisch bis hysterisch voll ins Zeug legen kann wenn mal zwischen den Gitarren gerade nichts über die Bande gespielt wird.

[MP3] Triclops! - Until All The Threads Are Stripped

Platz 19
Dënver - Música, Gramática, Gimnastica

Wohl meine größte Entdeckung dieses Jahr war die Entwicklung der musikalischen Quasi-Parallelwelt des Hispanophonen, deren einzige Übereinstimmung mit dem Rest der Welt die Randphänomene El Guincho, Calle 13 und Delorean waren. Das große Thema dieses Jahr war dort aber Chile, das sich wie aus dem Nichts mit einer ganzen Handvoll herausragender Alben als neue Popmacht etablierte, eins davon eben dieses. Eine Ode an die Jugend, voller ungestümer Überhöhungen, Leichtsinnigkeiten, kräftigem Enthusiasmus und erster Zärtlichkeit, getaucht in ein sonniges Freudenspiel aus Gitarren-, Synth- und Disco-Pop.

[Video] Dënver - Lo Que Quieras
[Stream] Dënver - Música, Gramática, Gimnastica

Platz 18
Animal Collective & Danny Perez - ODDSAC

Stell dir vor Animal Collective veröffentlichen ein neues Werk und niemand kriegt's mit. Entweder scheint das Unglaubliche eingetreten zu sein, oder alle waren zu geizig um für die ODDSAC-DVD Geld zu bezahlen oder ich bin echt einer der wenigen, die an ACs visuellem Album Gefallen fanden. Es ist sicher das Unpoppigste was sie in letzter Zeit rausgebracht haben und am ehesten noch ein Strawberry/Feels-Zwischending mit viel Trommeltreiben, spukigen und manischen Gesängen, Noisegequartze, Freakouts und Drone-Zwischenpassagen und auch irgendwo Walgesängen. Mal episodisch-narrativ in traumartigen Sequenzen, mal reines Abstraktgeflicker sind Perez' Bewegtbilder, die aber immer dann am stärksten sind (und an Jodorowsky oder Matthew Barney erinnern), wenn sie erkennbar in der Musik reflektiert sind oder umgekehrt. Ein Seh- und Hörerlebnis auf jeden Fall, bei dem man wieder weiß warum dem Collective'schen Folk mal der "Freak" gepräfixt wurde.

[Video] Animal Collective & Danny Perez - Kindle Song

Platz 17
Courtney Love - Nobody's Daughter (Demos)

Und dann gab es noch dieses Album, das in dieser Form eigentlich keins ist, das es so auch gar nicht zu erwerben gibt, das aber trotzdem zu den besten des Jahres zählt. Eine von Hole-Fans zusammengestellte Sammlung von Demos und Bootlegs, die zum großen Teil für Holes nicht gutes neues Album kaputtproduziert wurden. Man vergleiche nur mal die Albumversion von Pacific Coast Highway mit der unten, der emotionale Fleetwood-Strandpop wird dort durch grausig verpitchte Stimmverdopplung verunstaltet und die Instrumente zu nuancenfreiem Radiorock aufgeblasen. Ohne diese Interferenzen haben die Songs hingegen eine rohe Intimität, Loves Stimme wirkt absurderweise tonsicherer als nachbearbeitet, ist mal süß, mal ätzend, stark und verletzlich, erinnert oft allein mit Stimme und Gitarre an Liz Phairs erste und Paul Westerbergs letzte. Bei der Version die ich habe (es gibt mehrere) sind die Songs meines Erachtens am besten arrangiert worden, der letzte Link den ich hatte ist leider mittlerweile futsch, es ist die mit 11 Tracks und Pacific Coast Highway am Anfang.

[Video] Courtney Love - Pacific Coast Highway (Demo)

56 Aus 2010 (Teil 4)

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Platz 32
The School - Loveless Unbeliever

Best Coast mögen die bessere PR-Agentur und das angesagtere Label gehabt haben, aber was Indie-Pop voller süßer Herzschmerz-Eingängigkeit anging waren dieses Jahr die Waliser um Liz Hunt nicht zu übertreffen. Allein schon Singles wie Let It Slip und All I Wanna Do, andere Bands kriegen vielleicht nur eine davon in ihrer ganzen Karriere hin. Klar dass die damit im voraus geschürten Erwartungen kaum erfüllbar waren, aber bereits die fein ausbalancierten, facettenreichen Orchestral-Arrangements helfen darüber hinweg dass "nur" die Hälfte der Songs moderne Twee-Klassiker sind. [mehr]

[Video] The School - Let It Slip
[Stream] The School - Loveless Unbeliever

Platz 31
Pausal - Lapses

Darf ich präsentieren, meine diesjährige Ambientdrone-Alibiplatte bei der mir nicht viel mehr einfällt als "Hmmm, schöööööön". Ein in schwelgerischen Streckungen badendes An- und Abschwellen von Pianofiguren und wohligen Vibrationen, die nicht nur durch Videos historisch anmutender Strandaufnahmen begleitet werden sondern überhaupt einem nautischen Thema folgen. Immer wieder flechtet das mich spontan an - ausgerechnet - Mountains erinnernde Duo Aufnahmen von Brandungen und Meeresvögeln in seine Klangwelt in der ich mich Mal um Mal nur zu gerne verloren habe.

[Video] Pausal - Velmead In Common (Part One)
[Stream] Pausal - Lapses

Platz 30
Street Chant - Means

An neuen Rockbands im breiten Spektralbereich zwischen Indie-Pop und Punk mangelt es den Vereinigten Staaten nun wirklich nicht, trotzdem brachte dieses Jahr keine davon einen vergnüglichen Hochtouren-Singalong wie Scream Walk zustande. Denn der eingängige Schrammelpop der NeuseeländerInnen Street Chant punktet nicht nur durch genug charakterbildende Kanten um nicht der neuen Trivialität anheim zu fallen, sondern auch eine gehörige Portion abgefucktes Charisma in Gesangsharmonien, die weiß Gott keinem Brian Wilson in den Kram gepasst hätten.

[Video] Street Chant - Scream Walk

Platz 29
Tokyo Jihen - Sports

Die letztjährige Solo-Rückkehr scheint erstmal die Ausnahme zu bleiben, ihre nächste Single wird Shiina Ringo in Bälde erneut mit Tokyo Jihen rausbringen. Was mir aber mittlerweile schon relativ egal ist, denn auch wenn die Songs gewiss die Vielfalt ihrer vier Komponisten reflektieren hab ich endlich den Einstieg in den Stil, oder vielleicht eher die Attitüde dieser Band geschafft, so dass nach einer Zeit auch dieses Album gewisse Suchtphasen hervorrief. Oder vielleicht bin ich auch einfach mittlerweile mit Shiina soweit, dass sie das Telefonbuch singen könnte und ich daran Gefallen finden würde.

[Video] Tokyo Jihen - Nōdōteki Sanpunkan

Platz 28
Ke$ha - Animal / Cannibal

Ich bin ganz froh dass meine erste Begegnung mit Ke$ha dieses Interview war, denn wie ihren dort präsentierten Sinn für absurden bis pubertär-cleveren Humor schien kein Rezensent sich genug Sekunden mit Animal beschäftigt zu haben, um seine (für mich sympathischen) Aspekte herauszuhören. Zum Beispiel dass es nicht nur ihr Debütalbum war, sondern auch quasi das von Dr. Luke, dessen gitarrenlastiger Sound den US-Electro-Pop der letzten Jahre geprägt hat wie nichts anderes und der in ihr, mit ihren Gender-Ummünzungen und dem modernisiertem Punkrezept des alte-Leute-Nervens via ätzender Valley-Girl-Aussprache und spielerischer Auto-Verfremdung, die ideale Kollaborateurin gefunden hatte.

Keinen ebenso idealen Laufsoundtrack wie das Album, aber ebenso viel Spaß machte im Anschluss Cannibal und bot größtenteils eine Verfestigung ihres Partylebens-wie-es-sich-14jährige-vorstellen, aber auch Brüche damit wie den wohl für längere Zeit erstmal zartesten Ke$ha-Song - allerdings nur, bis klar wird dass sich die Anfangsbuchstaben von C U Next Tuesday zu einem neuen Wort zusammenfügen lassen.

[Video] Ke$ha - Your Love Is My Drug
[Stream] Ke$ha - Animal / Cannibal

Platz 27
65daysofstatic - We Were Exploding Anyway

Als letztens französisches Electrogeboller kurz en vogue war wurde öfters mal von Promotexten abgeschrieben, Justice et al würden "neue Rockmusik" machen. Dass dies formal Quatsch und die Musik ihr recht eigenes Ding war, dürften alle gemerkt haben beim Versuch, mal Rock ohne Dance-Elemente damit in einen Mix zu packen, der steif-beatfixierten Tanzmusik fehlte es am nötigen Fluss um dort mitzuhalten. Ähnlich verhält es sich mit 65daysofstatics Dance-Entwürfen wie Tiger Girl - man kann dazu schon tanzen, aber mehr lädt es immer noch zum vigorosen Genickeinsatz ein. [mehr]

[MP3] 65daysofstatic - Tiger Girl
[Stream] 65daysofstatic - We Were Exploding Anyway

Platz 26
Janelle Monáe - The ArchAndroid

Da es sich ja sonst niemand zu sagen traut: Ich mag modernen R'n'B nicht sonderlich. Zumindest nicht die Alben, die er hervorbringt. Jetzt The ArchAndroid im Gegensatz dazu als "guten", "richtigen" R'n'B oder eine Art von Neuentwurf zu positionieren, finde ich immer etwas eklig elitistisch, vor allem da es immer von Leuten zu kommen scheint die gar keine rechte Ahnung von der Reichhaltigkeit des Genres zu haben scheinen. Vor allem aber, und das ist auch so mein einziges Problem mit dieser wirklich tollen, wahnsinnig ambitionierten und nicht nur stilistisch enorm weitreichenden Platte, fehlt Monáes überkalkulierter Stimme noch der direkte emotionale Draht nach außen. Diese Steifheit ist es nämlich, die sie wirklich von dem absetzt was sonst unter R'n'B rangiert, und während es völlig OK ist dies zu bevorzugen wünsche ich mir gewiss nicht, das jemand wie The-Dream sich daran je ein Beispiel nimmt.

[MP3] Janelle Monáe - Tightrope
[Stream] Janelle Monáe - The ArchAndroid

Platz 25
Von Spar - Foreigner

Bei keinem Album stand schon vorab fest, dass ich es großartig finden würde wie bei diesem. Im August letzten Jahres begeisterten Von Spar mit ersten Foreigner-Stücken, die zwar die gleichen Kraut-Kosmik-Disco-Balearic-Grundzutaten enthielten wie alles Gute was in Skandinavien die letzten Jahre gekocht wurde, aber doch aus einer entschieden eigenen Perspektive kam. [mehr]

[MP3] Von Spar - trOOps

56 Aus 2010 (Teil 3)

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Platz 40
Umberto - Prophecy Of The Black Widow

So sehr es mir manchmal leid tut, die meisten der (gewiss nicht wenigen) Synthgniedeleien und Drum-Machine-Rumpler auf Not Not Fun sind mir ja doch ein Stück zu Low Budget im Sound, zu versumpft als dass ich die Musik wirklich genießen könnte. Doch während man Umberto, dem Soloprojekt des Bassisten von Expo '70, gewiss keine lupenreine Produktion andichten kann sind seine wuchtigen Horror-Soundtracks in bester Italo-Tradition zu ausgeprägt um im Nebel unterzugehen. Cineastisch-deskriptive Titel, denen man instinktiv entsprechende Szenen und Filme zuordnen möchte (The Psychic ruft u.a. Profondo Rosso in Erinnerung, Someone Chasing Someone Through A House => ... öhm, alle Gialli die wo gibt) machen klar, woher hier der Wind weht: Sollte sich mal die Reinkarnation des Dario Argento finden, steht Umberto als sein Goblin bereit. Und zeigt bis dahin mit Everything Is Gonna Be Okay, dass er auch die Untermalung zum Happy Ending parat hat.

[Stream] Umberto - Prophecy Of The Black Widow

Platz 39
Plug - Plug

Das Debüt der Britinnen wurde wohl leider viel zu spät im Jahr veröffentlicht, um auf so einem kleinen Label angemessen wahrgenommen zu werden. Dabei bringt das Duo die typischsten Elemente einer Band auf Upset! The Rhythm vielleicht besser zusammen als alle zuvor: Trommelfreudigkeit, farbenfrohe Plastiksynths, harmonische Shouts und eine vitale Unruhe. Ein wenig an Micachu ohne Klanglabor oder die weniger geradlinigen Stücke der Unicorns erinnernd, auch an die poppigsten Slits, aber vor allem ein postpunkiger Heidenspaß dank charismatischer, smarter und zu sparsam arrangierten Ohrwürmern fähiger Protagonistinnen.

[MP3] Plug - Another Body Story
[Stream] Plug - Plug

Platz 38
Jonas Reinhardt - Powers Of Audition

Wer, anders als ich, das Soloalbum Jonas Reinhardts 2008 nicht verpasst hatte, sah sich auf Powers Of Audition unter gleichem Projektnamen auf einmal mit einer kompletten Band konfrontiert - in San-Francisco-Starbesetzung, mit Leuten von Trans Am, Citay und Mi Ami, . Die begibt sich dann unter der Synthesizer-Führung Reinhardts auf einen so dicht groovenden wie traumhaft schwurbelnden Kosmik-Trip, krautig wie Sau und voller funkelnder Sternstunden. [mehr]

[Video] Jonas Reinhardt - Atomic Bomb Living
[Stream] Jonas Reinhardt - Powers Of Audition

Platz 37
Zola Jesus - Stridulum EP

Es war natürlich erfreulich (wenn auch nicht überraschend, über niemand sonst hab ich in den letzten beiden Jahren soviel LeserInnen-Feedback erhalten), mitanzusehen wieviel Anerkennung Nika Danilova dieses Jahr überall bekam. Trotzdem fand ich nur die amerikanische Stridulum-EP, also quasi die erste Hälfte ihres diesjährigen Outputs (und der europäischen Stridulum II-Sammelveröffentlichung großartig. Auf Valusia fehlte mir noch weniger als die entsorgten Noise-Texturen das Überdramatische inmitten der gestrafften Produktion, das irre Geheule im Hintergrund, das irritierende Schaben, die seltsamen Sounds die durch wenig interessante Beats und Geigen ersetzt schienen. Die zeigten sich dafür noch auf Stridulum, zusammen mit einer Stimme, die über jede Klangqualität erhaben ist, in Hochform. [mehr]

[MP3] Zola Jesus - Night
[Stream] Zola Jesus - Stridulum

Platz 36
Xinlisupreme - Xinlisupreme.com

Nach jahrelanger Funkstille erschien vor ein paar Monaten nicht nur ein neuer Song auf der kryptischen Webseite des Japaners, sondern auch der unten stehende Link zu diesem Mixtape/Album, das eben von jenem Stück angeführt wurde. Seaside Voice Guitar macht ziemlich genau das, woran es mir bei Sleigh Bells gemangelt hatte, es zieht die Verfremdung himmlisch schöner Musik durch gnadenlose digitale Übersteuerung in voller Konsequenz durch: Ein Arsenal aus aufgeschichteten Glitzervorhängen, Pianosprenkeln, Sonnenanbeter-Gitarren und ekstatischen Gesängen ergießt sich auf völlig kaputtkomprimierten Beats aus den Lautsprechern. Der Rest der Sammlung besteht u.a. aus ebenso zen-kompatiblem Noiserock, Industrial-Disco und In A Silent Doll, dem Moments In Love für ein neues Jahrzehnt.

[Download] Xinlisupreme - Xinlisupreme.com

Platz 35
The New Pornographers - Together

Ein allzu passender Titel für das Werk einer Band, die darauf besonders im Gesangsbereich endgültig über Aufgabentrennunung hinauswächst. Nicht dass es bislang eine starre "Carl singt diesen Song solo, Dan/Neko/Kathryn/Blaine jenen"-Separation gegeben hätte, aber auf Songs wie Up In The Dark, Daughter Of Sorrow oder Crash Years betreiben die Pornographers raffiniert geschichtete Wechsel-, Gruppen- und Backing-Gesänge. Deren Konstruiertheit aber, wie sich das für guten Pop gehört, unbemerkt bleibt und lediglich die Musik erhöht. Und liefern mit dem letztgenannten obendrein noch ziemlich zeitgemäßen Wirtschaftskrisel-Powerpop.

[MP3] The New Pornographers - Your Hands (Together)
[Stream] The New Pornographers - Together

Platz 34
Working For A Nuclear Free City - Jojo Burger Tempest

Achtung: Dieses Werk ist eher nichts für Aufmerksamkeitsschwächlinge. Ich sage gezielt "Werk", weil die beste Band Manchesters hiermit versucht, soviel wie sinnvoll möglich ihres - nicht mal allzu sperrigen, aber einfach an Ideen enorm dichten - Schaffens der letzten drei Jahre zu dokumentieren statt es hörfreundlich auf 40 Minuten zusammenzustampfen. Da läuft nix mit fünfmal durchlaufen lassen und ins Plattenregal absortieren, Jojo Burger Tempest mit einem ähnlich weitreichenden, irgendwie-doch-kohärenten Sound wie XTRMNTR oder Source Tags & Codes will Stück für Stück genüsslich absorbiert werden. Und wartet dann mit dem Monster von einem Titelstück auf der zweiten Albumseite auf, das alle zwei Minuten eine Blaupause für ein komplettes neues Album bietet. Ich glaube in einem Jahr werd ich allmählich ein Gefühl für die wahre Qualität dieses Werks haben, und ich werde jede Hörminute bis dahin genießen.

[MP3] Working For A Nuclear Free City - Alphaville
[Stream] - Jojo Burger Tempest

Platz 33
Moonface - Dreamland EP: Marimba & Shit-Drums

Wie nach jedem Album trennten sich auch nach EXPO 86 die Recken von Wolf Parade, um ihren anderen Aktivitäten nachzugehen. Im Falle Spencer Krugs soll diese allerdings erstmal nicht Sunset Rubdown sein, stattdessen kehrt er als Moonface zu seiner Solo-Betätigungsstätte zurück. Wenn die mehr Material vom Kaliber dieser EP hervorbringen sollte, besteht dann auch gar kein Grund zum Bedauern: Mit der faszinierenden Kombination aus mehrspurig getracktem Schlagholz-Instrument und scheppernder Trommel erzeugt Krug hypnotisch-repetitiv verflochtene Muster, die ideale Träger für seine fragmentarischen Traumnarrativen sind und über 20 Minuten nicht monoton, sondern im Gegenteil mit jedem Hören mitreißender werden. [mehr]

[Download] Moonface - Dreamland EP: Marimba & Shit-Drums

56 Aus 2010 (Teil 2)

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Platz 48
Eluvium - Static Nocturne

Matthew Cooper zeigte die Möglichkeiten seines Schaffens als Eluvium dieses Jahr auf zwei höchst unterschiedlichen Alben auf. Auf Similes brachte er in etwas songorientierteren Strukturen seine Stimme als neues Spielelement in seine Ambientwelt ein, gelungener erschien mir aber sein in Eigenregie veröffentlichtes wortloses Bad im Rauschen. Ein langer Track, aus dessen einziger Konstanten, dem hypnotischen Schneefall, sich immer wieder sanfte Ambienttexturen und Melodien herausschälen und die Schönheit des allumfassenden Knisterns auf bezaubernde Weise deutlich machen.

[Stream] Eluvium - Static Nocturne

Platz 47
Quasi - American Gong

Ich bin ja der erste, der über die vielen Produktionsverbrechen Dave Fridmanns in den letzten Jahren herziehen würde, aber manchmal muss ich es ihm auch anerkennen wenn es halt mal klappt. Wie sich letztes Jahr bei Thursday die ambitionierten Soundexperimente auszahlten, so belebt hier das fetzende Ausfüllen den Sound des Trios, der z.B. in Everything And Nothing an den Rändern der Musik geradezu aus dem Lautsprecher überzuquellen scheint, weiß sich aber auch angemessen zurückzuziehen in Melancholiemomenten wie Laissez Les Bon Temps Rouler. [mehr]

[MP3] Quasi - Repulsion
[Stream] Quasi - American Gong

Platz 46
Solar Bears - She Was Coloured In / Inner Sunshine EP

Ein wenig enttäuschend fiel das Debütalbum des irischen Duos aus, nachdem seine vorherige EP noch mit ihren bruchlustigen Stilvermischungen aufreizte. Auf She Was Coloured In sind die Stücke hingegen in sich kohärent gehalten, allerdings auch insgesamt sehr abwechslungsreich, wirken wie ein Trip durch das VHS-Archiv einer kultigen Musikfernsehsendung zwischen früher Elektronik und Krautrock aus den Mitt-Siebzigern, der mit der Zeit vor allem deswegen nicht an Reiz verliert, weil das Grundniveau der Stücke durchgehend hoch ist. [mehr]

[MP3] Solar Bears - Neon Colony (von She Was Coloured In)
[Stream] Solar Bears - She Was Coloured In / Inner Sunshine

Platz 45
Sky Larkin - Kaleide

Langsam krieg ich das Gefühl, als würde Sky Larkins Stil selbst verhindern, dass sich ihre Alben rundum gelungen anhören. Ich vergesse doch immer noch jedes Mal bis zum Hören, wie gut Kaleide ist, denn während die einzelnen Songs für sich fast immer so ohrwurmige wie kantige Indierock-Nummern sind, bewirkt eben ihre Stopp-Start- und Wendefreudigkeit dass irgendwann der albumübergreifende Fluss verloren geht. Allein schon mit kleinen Pausen alle paar Songs lässt sich das Problem aber schon prima umgehen. [mehr]

[MP3] Sky Larkin - Year Dot
[Stream] Sky Larkin - Kaleide

Platz 44
Mi Ami - Steal Your Face / Cut Men

Nicht dass sie es brauchen würden, aber noch aufregender als ohnehin schon werden Mi Ami durch ihre Experimentierlust die einhergeht mit einer kompromisslosen Gesamt-Weiterentwicklung. Zu Beginn des Jahres paarten sie das gewohnt manisch groovende Cut Men mit einer elektronischen Dub-Dekonstruktion des Stücks, auf ihrem zweiten Album hingegen schlugen sie inmitten wenig gewöhnlicher Poptext-Referenzen funkelnde Disco-Pfade ein. Was sich auf ihrem ersten Album als elektronisches Duo fortsetzen dürfte, das auch schon in wenigen Wochen ansteht. [mehr]

[MP3] Mi Ami - Latin Lover
[MP3] Mi Ami - Cut Men
[Stream] Mi Ami - Steal Your Face / Cut Men

Platz 43
Broken Social Scene - Forgiveness Rock Record

So gut die Songs auch sind und die Macht zu einer Euphorie ausüben können, die glatt über die grausigsten Textzeilen des Jahres (Art House Director) hinweghören lassen können, hab ich schon das Gefühl dass mir irgendwo die Produzentenhand David Newfelds hier fehlte der doch immer eher der dritte kreative Kopf der Gruppe war als "der Typ hinter den Reglern". Denn auch wenn BSS-Alben oft so schienen, als könnten sie leicht ins völlige Chaos umkippen, wirkten sie doch inmitten des patentiert Newfeldschen Murks-Sounds wie aus einem Guss während sich auf Forgiveness Rock Record mal ganz klar Pavement als Einfluss ausmachen lassen, mal BSS in ihrem klanglichen Fokus mehr wie (irgend)ein BSS-Nebenprojekt klingen. An denen ja nun auch kein Mangel ist.

[Video] Broken Social Scene - Forced To Love
[Stream] Broken Social Scene - Forgiveness Rock Record

Platz 42
Teeth Of The Sea - Your Mercury

Ein Album, bei dem ich mir eigentlich immer noch nicht sicher bin wie gelungen ich es nun insgesamt finde, das aber dermaßen oft immer wieder zum neugierigen Hören verleitet hat dass ich es mir einfach zulegen musste. Vielleicht weil hier von Beginn an mit Erwartungen gespielt wird, genau umgekehrt wie bei Oneohtrix Point Nevers Returnal eröffnet das Trio mit sanftem Synthambiente, das alsbald auf eine Noiseklippe prallt. Es folgen, unter prägendem Einsatz von Blechbläser, Handtrommel-Perkussionsflächen und Spoken-Word-Samples, im Anschluss biestiger Crystal-Castles-Bummklatsch, langsam anschwellend-verdichtender Spacerock, schwer-behabenes Geriffe, sanfte Dronefelder und irgendwann dann auch die anfangs angeteasten Arpeggioexzesse.

[Stream] Teeth Of The Sea - Your Mercury

Platz 41
Tocotronic - Schall Und Wahn

Nachdem ich mir mit ihrem letzten erstmalig eins ihrer Album gar nicht erst gekauft hatte, hatte ich die Indierock-Idole meiner Jugend eigentlich schon abgeschrieben. Doch oh Überraschung, mit Schall Und Wahn konnte ich endlich wieder großen Gefallen an Tocotronic finden, mit nicht zu dezent aufgetragenem Schmalz, willkommenen Geigen und Frauengesang, mit lustvoller Verzerrung und SST-huldigendem Klopper, mit Texten bei denen ich weder Zugangsprobleme noch Würgereflexe hatte. Kein Meisterwerk (mehr), aber eine rundum feine Platte.

[Video] Tocotronic - Die Folter Endet Nie

56 Aus 2010 (Teil 1)

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Platz 56
Trentemøller - Into The Great White Yonder

Eine meiner beiden Enttäuschungen dieses Jahr. Jedenfalls insofern, als ich mir erhofft hatte, Into The Great White Yonder würde sich sobald einmal die Blätter fielen zu einer schön stimmungsvollen Herbstplatte entwickeln. Doch nur weil meine Erwartung nicht erfüllt wurde, ist Trentemøllers 2. Longplayer gewiss kein schlechter, allein schon wegen der düster brodelnden Sycamore Feeling und ...Even Though You're With Another Girl und dem Breitbild-Lichtblick Tide zwischen denen es ordentlich im Gebälk knackt.

[MP3] Trentemøller - Sycamore Feeling
[Stream] Trentemøller - Into The Great White Yonder

Platz 55
Goldfrapp - Head First

Sicher, man könnte die Qualität dieses Albums darin zu suchen versuchen, wie sehr einem die dort lustvoll aufpolierten Retrosound selbst zusagen, es eine Frage des grundsätzlichen Ja oder Nein zu ABBA oder des Ja oder Nein zum 2010-Moroder-huldigen zu machen. Warum Technicolor-Synthfunkeln und Glitter-Melodien Songs wie Alive und Head First so gut zu Gesicht stehen, liegt aber eben vor allem daran dass in diesen Gesängen Zweifel und Schlechtwetter überwunden sind oder werden, die Grundstimmung goldig ist und ein Song namens Shiny And Warm halt auch genau so klingen soll. [mehr]

[Video] Goldfrapp - Rocket
[Stream] Goldfrapp - Head First

Platz 54
Surfer Blood - Astro Coast

Ein bisschen später als zunächst erwartet, aber irgendwann hat mich das Debütalbum von Surfer Blood dann doch abgeholt. Guter, schrammelig-verspielter Indierock, das war eigentlich schon von Anfang an klar, nur blieb bis auf die bereits aus dem letzten Jahr vertrauten Sachen zunächst nichts ebenso effektiv hängen. Als sich aber an einem Punkt vereinzelte Hooks aus gut der Hälfte der Stücke auf Astro Coast im Kopf angesammelt hatten, musste ich mich dann doch den kleinen Raffinessen dieser Platte geschlagen geben, ein bisschen Sommerschein hat sie zum Glück auch noch abbekommen.

[MP3] Surfer Blood - Swim
[Stream] Surfer Blood - Astro Coast

Platz 53
LCD Soundsystem - This Is Happening

Enttäuschung die zweite. Das Aha-Erlebnis, das mir bei Sound Of Silver irgendwann die Platte nach und nach zu eröffnen begann, blieb bei LCD-Album Nr. 4 (45:33 ist so gut, dass es diesen Status mehr als verdient) aus. Vielleicht wegen der Produktion, die zwar so wohldurchdacht wie immer ist, für meinen Geschmack aber bei manchen der Stücke die falschen Akzente und Hervorhebungen setzt und alles ein Stück monochrom macht. Die Backing-Vocals bei All I Want waren mir z.B. nie positiv aufgefallen - bis ich sie mal bei den London Sessions-Aufnahmen hörte, was die Albumfassung danach aber leider nicht angenehmer machte.

[Video] LCD Soundsystem - Drunk Girls

Platz 52
Blood Red Shoes - Fire Like This

Nachdem das erste Album des Duos einem Überstück wie It's Getting Boring By The Sea mit einer Handvoll mäßig guter Ideen nicht gerecht werden konnte, vollzieht Fire Like This erfolgreich den Schritt gen Richtung Arena. Stimmliche Unruhe, Post-Hardcore-Kanten und Laut-Leise-Umbrüche lassen das kraftvolle Spiel der beiden nicht zu glatt werden, gleichzeitig wird energischen Kloppern wie Don't Ask die Sanftheit von When We Wake und mit Colours Fade ein vielversprechender Blick über den Songstruktur-Tellerrand hinaus entgegengestellt.

[Video] Blood Red Shoes - Don't Ask
[Stream] Blood Red Shoes - Fire Like This

Platz 51
Sambassadeur - European

Ich hatte es mir ja schon gedacht, und nun hat es sich wieder gezeigt: Sambassadeur brauchen einfach ein bisschen. Dabei ist ihre süßlich-verschlafene Inkarnation von glitzerndem und streicherndem Schweden-Indiepop weder sonderlich komplex noch so aufgenommen, dass sich bei mehrmaligem Hören irgendwelche vervorgenen Tiefen offenbaren würden. Aber diese Band schafft es irgendwie verlässlich, Alben zu machen, auf die ich ziemlich genau 3 Monate nach dem ersten Hören mit einem Mal ungeheure Lust bekomme die nicht mehr so schnell wieder weg geht. Zu European werd ich im Laufe der Zeit sicher noch öfter greifen als zu den meisten anderen in dieser Liste.

[MP3] Sambassadeur - Days

Platz 50
Frog Eyes - Paul's Tomb: A Triumph

Nachdem Tears Of The Valedictorian den Sprung ins ausgedehnt-Suitenhafte wagte, wirkt Paul's Tomb: A Triumph mehr wie eine Fortsetzung davon. Dafür erfreuen Frog Eyes weiter an ihrem unvergleichlichen Aufeinanderprallen der Kräfte, Carey Mercers wahnerfüllte Monologe duellieren sich mit Gitarren- und Keyboardwellen, dass man Funken schlagen und Spucke fliegen hört, angetrieben vom stoisch-dichten Gepauke Melanie Campbells die auch vermehrt als Gesangpartnerin in Aktion tritt.

[MP3] Frog Eyes - A Flower In A Glove

Platz 49
Coolrunnings - Babes Forever EP / Visions Of Trees - Sometimes It Kills EP

Zwei Debüt-EPs von Gruppen, die mir in ihrer Rohheit weitaus mehr gefallen als alles, was sie seitdem gemacht haben. Coolrunnings mit ihrem kantigen Gitarrenwechselspiel, unruhigem Rhythmustreiben und funkelnden Synthflächen als auch Visions Of Trees mit ihrem tropischen Strandtreffpunkt von High Places, Fever Ray und jj haben seitdem ihren Sound abgerundet und sind teilweise auch gar nicht sonderlich zufrieden mit diesen ersten Gehversuchen. Aber das ist ja das Schöne am Rezipientendasein, nicht Intention und Meinung der Künstler sind tonangebend, sondern was man selbst in ihren Werken findet.

[MP3] Visions Of Trees - Waves, They Crash
[Stream] Coolrunnings - Babes Forever EP
[Download] Visions Of Trees - Sometimes It Kills EP

66 Songs Für 2010

Jay Reatard – Let It All Go (Demo)

Das Jahr begann mit einem großen Downer. Obwohl Jay Reatards Meisterwerk Blood Visions in vieler Hinsicht die nicht mehr getoppte Initialzündung der Garage- und Lo-Fi-Wiederpopularisierung ist, schienen die meisten großen Seiten, die über seinen Tod berichteten, ihn nun über Skandalmeldungen zu kennen. Doch für jedes "Jay Reatard kicks a dude in the face"-Video auf Youtube gab es ein Dutzend Leute, die einmal persönlich die positiven Seiten seiner intensiven Passioniertheit und die Großzügigkeit des Mannes kennengelernt hatten, der z.B. anders als ein Jack White aus Prinzip und ohne Rücksicht auf seine eigenen knappen Finanzen seine vielen alten und raren Veröffentlichungen nicht zu Wucherpreisen auf eBay anbieten wollte und Spekulatoren auch davon abzuhalten versuchte - einfach damit alle, die es wollten, sich seine Platten auch leisten konnten.

Umso düsterer erscheint dann rückblickend sein letztjähriges Watch Me Fall, das als erstes reguläres Album auf Matador eigentlich einen neuen Anfang begründen sollte, dessen Titel sich aber leider als allzu prophetisch entpuppte - nur ein kleiner Trost, dass er in über zehn Jahren hochintensiven Schaffens mehr Punk-(Pop-)Juwelen geschaffen hat als die meisten ihn Überdauernden in ihrem ganzen Leben.

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The Sight Below ft. Tiny Vipers - New Dawn Fades

Packende Ambient-Melancholie, der Jesy Fortino eine dermaßen starke Stimme gibt dass niemand mehr ans Original denkt.

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Beach House - 10 Mile Stereo
Blue Hawaii - Blue Gowns
jj - Let Go

Tagträumer-Pop, der genau die richtige Mischung aus rhythmischer Bewegung und schwebender Schönheit trifft

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The Chap - Even Your Friend
Seeland - Local Park


Smart versponnen / versponnen smart

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Mark E - You (Full Vocal Mix)


Kaum als Song zu klassifizieren und auch nicht aus diesem Jahr stammend, aber wohl mein Song des Jahres. Mark Es meisterliche Diana-Ross-Bearbeitung ist ein vergnüglich groovendes Aufbauen der Erwartung dieses übergroß göttlichen Moments, wenn nach 7 Minuten der goldgetränkte Refrain gen Himmel rauscht ("YOU ARE BRINGING ME THE SUN AND THE MOON! YOU ARE THE OOOOOOONE") und für ein paar glückselige Sekunden die ganze Welt erstrahlen lässt.

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Crocodiles - Hearts Of Love
Japandroids - Heavenward Grand Prix


Muskulös schrammelig, Faust hoch und aus voller Kehle Mitsingen. Die ersten Male dass ich beide Bands wirklich groß fand.

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Xiu Xiu - Gray Death
The Indelicates - Flesh


Abgründigen Texten kann man mit entsprechend ungemütlicher Musik untrmauern, wie Jamie Stewart es stets aufs Neue meisterlich versteht. Bei den Indelicates sind "Hey girls, let’s see if we can bring out the rapists in the new men" und "Hey doc, take your knife to me, scar my snatch into a smile" allerdings satirische Überhöhungen eines bierernsten Anliegens (dass, kurzgefasst, Feminismus eben immer noch wichtig ist), die von der zunächst gemütlich einlullenden Musikharmonie nur umso kräftiger hervorstehen.

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Kendal Johansson - Blue Moon
Bell Gardens - End Of The World


Von Goldkehlchen und neuem Sincerely-Yours-Hoffnungsträger (er war auch maßgeblich am ceo-Album beteiligt) Johansson dürfte im Anschluss an seinen Big-Star-Schmachter nächstes Jahr noch mehr zu erwarten sein. Vom Pop-Nebenprojekt der einen Hälfte von Stars Of The Lid weniger, aber ein seufzendes Melancholiecover dieses Kalibers reicht auch.

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Holy Fuck - Stilettos


Infernale Kraut-Bonanza auf 180. Yeeeee-ha!

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Ariel Pink's Haunted Graffiti - Round And Round
Nite Jewel - We Want Our Things


Wem die Spinnereien zu versponnen und der Murks-Sound zu vermurkst war, sollte einige Freuden an Ariel Pinks erstem Studioalbum gefunden haben. Mir fehlte beides etwas, ändert aber nix an der Größe dieses Songs. Der Schlafzimmer-Disco seiner Jüngerin Nite Jewel steht die aufgeklarte Akustik hingegen bestens.

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T-Ara - Like The First Time
Se7en - Better Together
SNSDOh!
After SchoolLet's Do It + Bang!

Ich muss mittlerweile lachen wenn jemand die olle Kamelle vom seelenlos kommerzialisierten Chartpop auspackt, in dem das Wort "Künstler" bedeutunglos geworden sein soll. Nicht, weil die drei größten neuen Popstars der letzten beiden Jahre (Perry, GaGa, Ke$ha) einen Großteil ihrer Songs selbst schreiben und als Songwriter überhaupt erst ihre Karrieren begannen, Nein, wer mal wirklich durchkommerzialisierten, seelenlosen Plastik-Pop sehen will sollte mal nach Südkorea schauen.

Dort werden Kinder so früh wie irgendwie möglich zu 24/7-Karriere-Stars (deren Privatleben unter absurd genauer Beobachtung steht und beim Bekanntwerden kleinster amouröser Beziehungen zum Karriereaus führt) getrimmt, oft in Boy- und Girl-Groups mit bis zu 20 Mitgliedern aus denen im Laufe der Jahre dann die erfolgreichsten Mitglieder zu Solo-Stars oder Spinoff-Gruppen "graduieren". Mit Videos, Cross-Promotionen und den wöchentlichen "Top Of The Pops"-mäßigen Chartshows (deren Resultate zu frühen Wochenendstunden stets die globalen Twitter-Themen dominieren) tritt jede Woche mindestens eine neue Gruppe auf den Plan oder beendet eine andere ihre 1-2 Monate lange hochintensive mediale Dauerpräsenz - um im Erfolgsfall ein paar Monate später in einem lange geplanten "Comeback" erneut anzutreten.

Der dominante Sound war in den vergangenen beiden Jahren gar nicht mal so anders als dem im Rest der Welt, für hell leuchtende Trance-Synths, andere Euro-Dance-Elemente sowie massiven Auto-Tune-Einsatz zeichneten sich auch zunehmend im "Westen" tätige Produzenten wie RedOne verantwortlich. Doch neben den typischen Mischungen aus Koreanisch und banalen Engrish-Phrasen dürfte der Großteil der Musik auch aufgrund ihrer gnadenlos zielgerichteten Orientierung auf ein sehr junges weibliches Publikum für die meisten schwerer verdaubar sein, auch nach zwei Jahren einer gewissen Faszination gab es dieses Jahr auch nur ein paar Songs, bei denen ich meinen inneren Snob überwinden konnte: T-Ara alias die besseren La Roux, den K-Pop-Timberlake Se7en mit dieser Sequenz stetig tollerer Falsett-Hooks, die überdominanten SNSD (neben dem meistgesehenen Youtube-Video in Südkorea auch mittlerweile ein erfolgreicher Japan-Export) und die glorreich mit Ideen überfüllte Cheerleader-Nummer von After School (inklusive Trommel-Intro).

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World's End Girlfriend - Les Enfants Du Paradis
Fang IslandDaisy
Mungolian Jet Set - Moon Jocks N Prog Rocks


WEGs dekonstruierter und rearrangierter Pop ruft über Breakbeats Jason Forrests The Unrelenting Songs Of 1979 in Erinnerung, Fang Island pop-proggen so bunt-bonvivant und genial verschwurbelt wie einst Malajube und Mungolian Jet Set bleiben unvergleichliche Disco-Freaks.

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Kavinsky - Nightcall


Wenn Goblin je ein Liebeslied gemacht hätten...

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Ali Love - Love Harder (Prins Thomas Diskomiks)
LCD Soundsystem - Drunk Girls (Holy Ghost! Remix)
Goldfrapp - Rocket (Richard X One Zero Remix) / Rocket (Richard X Eight Four Remix)


Brillante Disco-Remixe, im ersten Fall so offensichtlich wie bärtig, im zweiten mit verlässlicher DFA-Slickness, im letzteren Fall sogar gleich im Doppelpack.

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Sleigh Bells - Crown On The Ground


Ohne Scheiß, auf Albumlänge waren mir Sleigh Bells einfach zu laff, ihre Voll-Anschlag-Ästhetik ist letztendlich doch so komprimiert gehalten dass einen die Dynamik nie dermaßen aus den Socken fegt wie sie es könnte. In kleinen Dosen ist gegen noisigen Hool-Cheer-Pop wie diesen natürlich trotzdem kein Kraut gewachsen.

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Nicki Minaj - Nicki Minajs Part in Kanye Wests "Monster"


Das Äquivalent eines Albums, auf dem ein Stück derart herausragt dass man immer nur zu diesem vorspult. Wie sehr Minajs brillante anderthalb Minuten, die ihrer multiplen Persönlichkeit eine bessere Plattform bieten als ihr eigenes halbgares Popalbum, den Rest der Rap-Routiniers auf Autopilot in Monster überschatteten (mal abgesehen davon, dass ihre Verse auch deutlich mehr Spaß beim Nachrappen bereiteten als die hässlichen Fantasien Wests), war noch deutlicher bevor die populärste Version des isolierten Audioclips auf Youtube gelöscht wurde. Die hatte nämlich zeitweise auch die millionenfach gesehene Komplettfassung an Klicks überholt

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Ciara - Gimme Dat (Videofassung)


Der Clip zu Gimme Dat ist dem bloßen Song unbedingt zu bevorzugen. Allerdings nicht weil Ciara eine intensiverere Tänzerin als Sängerin ist, temperierte Aggression steht ihr schon ziemlich gut zu Stimmband, sondern wegen der militärischen Shouts und Stomp-Einlagen die sowohl in Album- wie Single-Version leider fehlen und der Wummernummer einen zusätzlichen Kick geben.

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Envy - Worn Heels And The Hands We Hold


Obwohl Tetsuya Fukagawa in voller Intensität vermutlich eher ab- oder zumindest tiefgründige Lebensphilosophien von sich gibt, gefällt mir der Gedanke mehr, dass er einfach nur im hektischen Weihnachtsmarktgetümmel mental seine Einkaufsliste durchgeht. "ROSINEN! ORANGEN! GÄNSEEIER! UND FERTIGGLÜHWEIN!"

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Home Blitz - Perpetual Night
Times New Viking - No Room To Live
Eat Skull - Don't Leave Me On The Speaker
Real Estate - Out Of Tune
Woods - Suffering Season
The Fresh & Onlys - Tropical Island Suite


Wenige großartige Alben, aber zumindest auf viele tolle Songs ist im Schrammelbereich verlass. Home Blitz drehen eine jangelnde Ehrenrunde, Times New Viking geben erste Milderungsprognosen für ihr bald allerhöchstwahrscheinlich bei Wichita erscheinendes nächstes Album. Eat Skull sind, das kann ich nun bezeugen, live genauso anarchisch verspult wie melodiös talentiert, sanfter kamen derweil Woods' und Real Estates grenzfolkige Geniestreiche und ein überraschender Mehrteiler der Fresh & Onlys.

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Emeralds – Genetic
Michael Bundt – La Chasse Aux Microbes


Vielleicht war ihr diesjähriges Werk echt nicht so gut wie das letzte, vielleicht mag ich meine Emeralds auch einfach lieber etwas episch wie in dieser Arpeggio-Drone-Gitarrensynth-Suppe im zweistelligen Minutenbereich. Sicher nicht so unbekannt wie mir bis Anfang dieses Jahres dürfte dem Trio das grandiose Just Landed Cosmic Kid von Michael Bundt sein, das inmitten der Synthesizer-Revivalisten im Experimentalbereich völlig kontemporär wirkt.

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of Montreal feat. Solange Knowles - Sex Karma
Chromeo - Don't Turn The Lights On


Sexy sleazy fun times

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Projectors - Ascending Melody
Owen Pallett - Lewis Takes Off His Shirt
Glasser - Apply
Warpaint - Undertow


Die Visionären. Longstreths Projectors mit Gitarren- und auf mehrere Stimmen verteilten Gesangstechnken mehr auf der konzeptuellen Seite, Glasser und Pallett mit ihren herrlich weit umspannenden, metikulös arrangierten Klangwelten mit einer guten Melodie in der Hand lassen alles andere vergessen. Warpaint intimeren Geschichten gelang das nicht immer, dafür einmal umso perfekter

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Jamie Lidell - Compass (tUnE-yArDs Remix)
Joe Worricker - Bobby Blue (Lissvik Remix)


Remixe, die ihr Croon-Quellmaterial über unvermutete Vektoren transformieren: Merrill Garbus' Klapper-Percussions und Vocal-Loops auf der einen Seite, auf der anderen die übercool balearischen Dubs und Nahost-Sounds der einen Studio-Hälfte.

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Katy Perry - Last Friday Night (T.G.I.F.)
Kanye West - All Of The Lights
Cheryl Cole - Promise This
Shakira - Islands


Eigentlich sollten ja nur Teenage Dream oder Firework, auf dem sie mal richtig ihrem Drang zum Belterin nachgeben kann, die Songs sein die man gut findet obwohl man ja Katy Perry nicht gut findet und blabla. Darüber hinaus war aber sogar fast die ganze erste Hälfte des leider danach zu schwer abfallenden Albums enorm unterhaltsam, nirgends mehr als im sorglosen Wochenend-Tribut mit seinem "T! G! I! F!"-Chor und göttlich käsigen Saxophon-Solo. Wobei ich doch sonst eher mit Hektik-Pop zu haben bin, sei es das manische Beat-Krawuppdich Wests oder der 140-Bpm-Irrsinn des Alouette-Loops bei Cole. Und das große Sommergeheimnis: Shakiras nonchalant-sonniges Islands-Cover hab ich mittlerweile öfter gehört als das Original.

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Jamie Woon - Night Air
Katy B - Katy On A Mission


Auch wenn sie sich wahrscheinlich zwischen düsteren Waldspaziergängen und ewigen Clubnächten niemals treffen werden, das Traumpaar der britischen Elektronik

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ZΘN - PK TK>>>
Salem - King Night
Raime - This Foundry
Demdike Stare - Caged in Stammheim


So ziemlich alles an der sich memetisch online verbreitenden Düsterbewegung Witch House ist im Konzept erheblich aufregender als in der Realität, sicher deswegen auch ein gefundenes Fressen für unsinnige Texte in denen z.B. von lauter ungooglebaren Pseudonym-Anonymen die Rede ist. In der Tat gibt es nicht mehr als eine Handvoll unter den unüberschaubar vielen, deren Namen aus schwer zu findenden Sonderzeichenfolgen bestehen, Künstler wie oOooO oder das obige Stück von ZΘN rangieren direkt auf Platz 1 der Suchergebnisse.

Das Stück stammt von der Box 3 des Digital-Labels Beko DSL, bislang die einzige Sammlung von Musik aus der Richtung, die auch am Stück gehört ihren Reiz nicht verliert. Grund dafür: die Variation zwischen recht straightem Synth-Pop, dunklem Ambient und dem stereotypischen Witch-House-Sound aus verlangsamten, verfremdeten Beats und Schauder-Klischees, den Salem im Titelstück ihres Albums so perfektionierten, dass der Rest überflüssig wurde. Weitaus interessanter wurden finstere Gefilde dieses Jahr von den hölzernen Perkussionsskeletten Raimes, stellenweise auch vergleichbar mit Burial oder frühem Shackleton, und den über drei Alben extrem produktiven Briten Demdike Stare bearbeitet.

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Girl Unit - Wut
Gold Panda – You


Mikro-Sample-Loopmeister in Neon

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Crystal Castles - Not In Love (ft. Robert Smith)
Deluka - Cascade (The Rapture Remix)


Auf den ersten Blick mag es der Gesang Smiths sein, der diese 72% gothigere Fassung von Not In Love so viel besser macht, doch mindestens genauso viel Lob gebührt den aggressiv-scharfen Synthspeeren die ihm, nachdem sie im verhaltenen Original nur ebenso verhalten gen Ende auftauchten, als ebenbürtiger Kontrahent entgegengestellt werden. Mattie Safer von The Rapture setzt einen ähnlichen Effekt gewinnbringend als Brücke in seinem Remix ein, doch wirklich mitreißend wird er durch den peitschend-hüpfenden Beat, der den Gesang genau an den richtigen Silben akzentuiert

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Gepe - Por La Ventana
Odisea - Casa Latina
Triángulo De Amor Bizarro - Amigos Del Género Humano
Rita Indiana Y Los Misterios - Da Pa Lo Do


Die letzten Wochen des Jahres gehörte meine Aufmerksamkeit größtenteils der südamerikanischen Indie-Popwelt, der ich mich via Chile langsam annäherte. Während die, zumindest in spanischsprachigen Musikzeitschriften, zunehmend Gehör findende Szene des Westküstenlandes mit dem Poncho-Lekman Gepe oder der Apokalypsen-Disco von Odisea am ehesten meinen Geschmack zu treffen scheint gibt es natürlich auch anderswo Massen interessanter Musik, die alles andere als traditionell lateinamerikanisch ist.

Einen punkigen Salsa-Popentwurf, dessen Stilvermischung meinen Wissensstand meilenweit überflügelt, bietet das Schriftstellerin/Model/Musikerin-Multitalent Rita Indiana, mit Bands wie den Pains-Of-Being-Pure-At-Heart-mäßigen Triángulo De Amor Bizarro oder der Quasi-Schwesterband Broken Social Scenes, auf die ich demnächst noch zu schreiben kommen, ist auch Mexiko zunehmend einen Blick wert - nicht ohne Grund hat Arts & Crafts, das Kanada zur Indie-Macht machte, seit kurzem dort eine Zweigstelle.

48 Aus 2009 (Teil 6)

(Teil 1) (Teil 2) (Teil 3) (Teil 4) (Teil 5)

Platz 8
The Fiery Furnaces - I'm Going Away / Take Me Round Again

Es wäre kein Jahr gewesen ohne mindestens eine Furnaces-Platte, kein Jahr ohne mindestens drei weitere angekündigte neue Furnaces-Projekte von denen sich höchstens eins materialisiert und kein Jahr ohne dass die Furnaces versuchten, einen vor den Kopf zu stoßen. Dabei ist I'm Going Away mit seinen sauberen, leichten Arrangements das für Einsteiger am leichtesten zu verdauende Werk der Friedbergers seit EP, voller herrlicher Songs die diesmal von Eleanor geschriebene Situationen und Geschichten schildern und sich vom detaillierten Weltenbummeln in Kneipen und Clubs verlegen. Doch es wäre einfach zu einfach gewesen es dabei zu belassen, also folgte vor ein paar Wochen Take Me Round Again, auf dem beide Geschwisterteile für sich fünf der Songs in reduzierter Form selbst neu interpretieren - die Fiery Furnaces covern sich selbst. Wer auch sonst. [mehr]

[MP3] The Fiery Furnaces - The End Is Near (von I'm Going Away)
[MP3] The Fiery Furnaces - Keep Me in the Dark (Eleanor Friedberger version) (von Take Me Round Again)
[Stream] The Fiery Furnaces - I'm Going Away
[Stream] The Fiery Furnaces - Take Me Round Again

Platz 7
Future Of The Left - Travels With Myself And Another / Last Night I Saved Her From Vampires

Wer McLusky immer noch nachtrauert hat Future Of The Left wahrscheinlich noch nicht gehört und garantiert noch nicht live gesehen. Ihre Konzertqualitäten zeigte Anfang des Jahres bereits das Livealbum Last Night I Saved Her From Vampires auf, bei dem natürlich die unvergleichlichen Zwischenansagen ans und Verbalduelle mit dem Publikum nicht fehlen dürfen. Bald darauf folgte das zweite Album des Trios und übertraf das hervorragende Debüt nochmal locker, von Anfang an, wenn man den Fehler begeht und das leise Intro auf verständliche Lautstärke dreht nur um vom tatsächlichen Beginn überrollt zu werden dass man vor Schreck an die Decke springt (ist mir sicher 4mal passiert), wird klar dass Travels With Myself And Another entgegen "Alles wahllos laut"-Trends eine echte dynamische Breite bietet und so eben auch wirklich Einschlaglöcher hinterlässt wenn's kracht, andererseits seinen Pop-Appeal auch voll ausspielen kann. Andy Falkous' Stimme ist dabei über alle Ruhe erhaben, er schwingt sie so absurd und manisch wie er will, was eben auch perfekt zum Humor der Platte passt, wie wenn sich der Satanistist in You Need Satan More Than He Needs You durch schlechtes Wetter plötzlich deprimiert fühlt und die anstehende Orgie höchst skeptisch betrahtet, erst recht wenn die verdammte Opferziege außer Rand und Band ist. Ist ja auch viel interessanter als zu böser Musik einen auf böse zu machen.

[MP3] Future Of The Left - Arming Eritrea (von Travels With Myself And Another)
[MP3] Future Of The Left - Manchasm (live) (von Last Night I Saved Her From Vampires)
[Stream] Future Of The Left - Travels With Myself And Another
[Stream] Future Of The Left - Last Night I Saved Her From Vampires

Platz 6
St. Vincent - Actor

Pompös scheint Actor zu beginnen, doch der hallende Chorgesang weicht nach Sekunden einem merklich eindrucksvolleren, der Stimme von Annie Clark die es schafft, erheblich weiser zu klingen als ihr Alter es vermuten ließe. Diese Stimme war es auch die mich zunächst bei der Stange hielt, die besser austarierten Arrangments dieses zweiten Albums wollten bei mir zunächst nicht so recht zünden, waren aber umso großartiger aber als es dann endlich soweit war. Dieser Kontrast zwischen klarer und verzerrter Stimme, zwischen Glockenspiel und Chor auf der einen und dissonant holzender Gitarre und Bläsern auf der anderen Seite, wie er z.B. In Black Rainbow zu minutenlanger Steigerung führen kann, und in Actor Out Of Work unter voran preschendem Schlagzeug und dem Gesang "I think I'm mad" alles manisch zusammen kommt, toll! Wie der Beat im kühl-atmospärischen Marrow abwechselnd links und rechts pocht, genial! Und darüber hinaus erstreckt sich Clarks Gespür für Dramaturgie und Sequenzierung auf auf das ganze Album, bestens exempliert am Finale, als nach dem prächtigem The Party und dem traumhaften Just The Same But Brand New leise davonfadend das Ende klar erreicht ist und Clark wohlwissend unter dem Titel The Sequel nochmal einen nachsetzt und es sich wirklich wie der Beginn von etwas Neuem anfühlt.

[MP3] St. Vincent - The Strangers
[Stream] St. Vincent - Actor

Platz 5
jj - jj n° 2

"Wanna hear my masterplan? Here's my masterplan." Ja, was ist eigentlich der Masterplan von jj? Anonym (jj steht dabei für "Jules & Jim", Tach auch Truffaut) auf dem grandiosen Göteborg-Label Sincerely Yours, das uns u.a. schon Air France und The Tough Alliance brachte, simple, leichtfüßige Songs in der beliebten SY-DIY-Ästhetikformel Sport- und Strandvideos + Filmzitate + Pop-Cover + inspirative Slogans + ein Hauch Absurdum (auf 27 Exemplare limitierte T-Shirts) in die Welt setzen, die internetweit verstreuten Hörer einen ganzen Sommer lang von fernen Stränden an Afrika, Malaga, Miami und Mittelmeer träumen lassen und soviel Erfolg haben dass man im Frühjahr 2010 das Nachfolgewerk jj n° 3 international in die Welt setzen und mit The xx touren kann. Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert. [mehr]

[MP3] jj - Ecstasy
[Stream] jj - jj n° 2

Platz 4
Sunset Rubdown - Dragonslayer

Klar, ohne Spencer Krug geht hier oben nichts, der Mann vollbringt einfach immer wieder Großtaten. Nicht nur alleine, wie gut Sunset Rubdown zur Band gewachsen sind konnte man nicht nur live erleben, es wird auch auf Dragonslayer reflektiert das, nach dem glorreich überladenen letzten Album, dieses sauberere Zusammenspiel wiedergibt. Raum für wunderbare Vielfalt ist dabei natürlich immer noch, wie das kreuz-und-quer-Drumming und die Nintendo-Sounds in You Go on Ahead (Trumpet Trumpet II), herausragend auch die Karibik-Vibes von Paper Lace, das elegant barocke Nightingale / December Song das als einziges selbst von fünf Leuten live nicht repliziert werden kann oder die Momente wenn Black Swan schier explodiert, nicht erst am Ende sondern wie im Finale Dragon's Lair in einem Auf und Ab der Spannungskurve. Und natürlich glänzt Krug selbst wieder mit seiner unnachahmlichen Fähigkeit, Texte und Melodien zu schreiben die man, völlig egal ob man ihren Inhalt aus klassischen Mythen und Krug persönlicher Traum-Metaphorik versteht, aus vollster passionierter Kehle mitsingen möchte.

[MP3] Sunset Rubdown - Idiot Heart

Platz 3
Fuck Buttons - Tarot Sport

Es war einer dieser Momente, der klar machte, das etwas Großes in der Zukunft lag, als am Ende von Fuck Buttons' gutem aber nicht überraschenden Konzert auf einmal ein mächtig polternder Beat angaloppiert kam und das damals noch völlig unbekannte Flight Of The Feathered Serpent überwältigend zeigte dass man zu diesen krachgefüllten Stücken auch tanzen konnte. Und Tarot Sport enttäuschte keineswegs, hatte mit Olympians und Surf Solar zwei weitere epische Prachtwerke zu bieten, die nach stetigem Aufbau die Glückszentren im Körper voll belohnen, und war darüber hinaus wieder eine unterbrechungsfreie Folge ruheloser rhythmischer Regenbogennoisefeste. [mehr]

[Stream] Fuck Buttons - Tarot Sport

Platz 2
Devin Townsend Project - Addicted

Devin Townsend war auch so einer den ich die Jahre über abgeschrieben hatte. Sein naturspirituelles Terria hatte ich auf der anderen Seite dieses Jahrzehnts noch geliebt, aber danach war alles entweder zu absehbar ausgeflippt, absehbar ausgedehnt oder einfach nicht konstant auf ähnlichem Niveau mitreißend. Dass er ein neues Projekt mit vier Alben und je unterschiedlicher Bandbesetzung am Laufen hatte, ich auch erst heraus als mich die ersten Songs von Addicted neugierig gemacht hatten. Furchtlos und hochoriginell bubblegum-farbener Progmetalpop mit mächtigen Refrains, dichtestens mit Sound gefüllt den zu einem signifikanten Teil der himmlisch vervielfachte Gesang Anneke van Giersbergens einnimmt, eine perfekte Paarung mit Townsends unverkennbarem Stimmorgan die den 10 durchweg exzellenten Stücken erst ihren lebensfrohen Ohrwurmappeal verleiht. [mehr]

[Video] Devin Townsend Project - Bend It Like Bender!

Platz 1
Animal Collective - Merriweather Post Pavilion / Fall Be Kind EP

Devin Townsend kam noch überraschend nahe dran, aber letztendlich gibt es doch keinen Zweifel am Highlight des Jahres. Mit Freuden erwartet habe ich dieses Album schon seit ich die Songs vor zwei Jahren live liebte und so hin und weg war, dass ich auch so viel später mit einem Hören völlig vertraut mit ihnen war, als klar wurde dass Strawberry deswegen ein leichter Durchhänger war weil es ein Übergangswerk war. Auf Merriweather Post Pavilion lösen Animal Collective ein was Fireworks und Derek versprachen, poppige und emotional affektierende Songs mit Fluten von elektronischer Euphorie, beginnend mit dem Moment wenn In The Flowers einen nach einer Minute so wunderschön überrollt, transportiert von und auch, wie in Brother Sport, energetisch verwoben mit Beats die nicht ruhig sitzen lassen. Der Pop-Appeal ist gewiss immer noch kein universaler, die Maultrommel in Lion In A Coma gehört dabei noch zu den alltäglichen Sounds. So auch auf der Nachfolge-EP Fall Be Kind, die gerade in der zweiten Hälfte mit den pluckernden Bleed und On A Highway eher auf der sanften bis trippigen Seite gelegen ist, stellenweise gar ein wenig an das immer noch beste Collective-Album Feels erinnert, aber sich gefasster, runder als frühere Werke zeigt und mit dem flötenden Graze auch so zum Wippen und mit What Would I Want? Sky zum Segeln auf weißblauen Traumwellen einlädt.

[MP3] Animal Collective - My Girls (von Merriweather Post Pavilion)
[Stream] Animal Collective - Merriweather Post Pavilion
[Stream] Animal Collective - Fall Be Kind

48 Aus 2009 (Teil 5)

(Teil 1) (Teil 2) (Teil 3) (Teil 4) (Teil 6)

Platz 16
Julianna Barwick - Florine EP

Die menschliche Stimme war dieses Jahr ein beliebtes Musikinstrument, gesampelt, gefiltert und geloopt wurde sie bei manchen sogar zum Hauptbestandteil ihrer Kompositionen. Babe Terror benebelte mit seinem brasilianischen Tropicalia-Psych-Ambient, Matias Aguayo konstruierte mit seinem Organ hingegen Tanzbares und Julianna Barwick schichtete auf Florine ihren klaren Gesang so oft aufeinander bis sie in die höchsten Sphären des Glückes vordrang. Traumähnlich und erhaben gleiten die Stücke ins Bewusstsein und wieder hinaus, ähnlich und doch immer wieder neu und zurück bleibt das Gefühl, einem wäre eine kleine Sonne im Kopf aufgegangen.

[MP3] Julianna Barwick - Bode
[Stream] Julianna Barwick - Florine

Platz 15
The Juan MacLean - The Future Will Come

Spätestens beim Konzert (RIP Jerry Fuchs) war klar dass The Juan Macleans Songs den Körper mindestens genau so bewegen sollen wie die Seele, aber dazu braucht man eigentlich The Future Will Come nur einmal zu Ende hören, wenn, mit Human Disaster scheinbar am emotionalen Boden endend, das episch-herrliche Happy House jeglichen schlechten Gedanken mit Piano-House und Raketendisco auslöscht. Ähnlich wie die Belgier von Aeroplane brillieren The Juan MacLean mit musikalischem Maximalismus, nicht unbedingt subtile oder clevere Sounds und Motive werden mit größter Effektivität eingesetzt um den Hörer zu bewegen, sei es mit Melancholie oder Euphorie. Was mir auch völlig Recht ist wenn es so wunderbar funktioniert wie hier.

[MP3] The Juan Maclean - One Day
[Stream] The Juan MacLean - The Future Will Come

Platz 14
Oneohtrix Point Never - Rifts

Vier Jahrzehnte, und immer noch gibt es kein futuristischer klingendes Instrument als den Synthesizer. Das verleiht Rifts, auf dem der Großteil von Oneohtrix Point Nevers beatlosen Werken handlich und homogen versammelt ist, zwischen Retro- und Zukunfts-Assoziation ein unstetiges Hörgefühl von Zeitlosigkeit. Doch wie das Instrument in Filmsoundtracks auch für fast jedes anderes Genre, sei es Horror, Porno oder Komödie, genutzt wurde ist nicht jedes von Daniel Lopatins bildevokativen Stücken von der Marke Sci-Fi-Synth, er schlägt in einem wohltemperierten Meer aus Drone und Ambient die Brücke zwischen Arpeggio-Salven und Lasergewitter auf der einen und mit tropischen Tier- und Wellenklängen auf der anderen Seite, Rifts ist eine monumentale, gleichzeitig sehr intime Reise an deren Ende eine noch größere Überraschung wartet.

[MP3] Oneohtrix Point Never - Physical Memory
[Stream] Oneohtrix Point Never - Rifts

Platz 13
Dananananaykroyd - Hey Everyone!

Die zweite Campesinos!-Empfehlung die dieses Jahr richtig ihr Potential entfaltete. Mit einem breiten Lächeln im Gesicht entfesseln Dananananaykroyd aus Glasgow auf ihrem Debütalbum eine ungemein fröhliche (Post-)Hardcoreparty, zwar hochenergetisch, aber nicht auf Konfrontation und Moshpits aus, dafür versprühen die sehr unmartialischen "Yeah"s, Händeklatschen und vor allem Melodien einfach zu wenig Testosteron, Schreiduelle Marke Blood Brothers und gedoppelte Trommelpower hin oder her. [mehr]

[Video] Dananananaykroyd - Some Dresses
[Stream] Dananananaykroyd - Hey Everyone!

Platz 12
Shiina Ringo - Sanmon Gossip

Nachdem Shiina Ringo mit Karuki Zamen Kuri No Hana 2003 an ihrem damaligen künstlerischen Höhepunkt angekommen war, kehrte sie der Popstar-Solokarriere überraschend den Rücken. Ebenfalls plötzlich erfolgte dieses Jahr ihre Rückkehr, wenn auch nicht so überraschend, hatten doch schon 2007 Heisei Fuuzoku, eine Kollaboration mit dem Komponisten Saiko Neto bei der Stücke quer durch ihre Diskographie zu zauberhaftem Orchestralpop transformiert wurden, und die Veröffentlichungen rund um ihr letztjähriges 10. Jubiläum Anlass zu Spekulation gegeben. Neto ist nun einer von vielen die jedem Stück auf Shiinas neuem Werk ein diskretes Klangbild verpassen: Instrumentalbombast, 70s-Agententhriller-Thema, Lounge-Pop, feuriger Clubjazz, ziehharmonikaunterstützter Sologesang und Cyber-Breakbeats u.a. werden hier symmetrisch um das zentrale Stück Shun angeordnet (auch was die Songtitellängen anbelangt), zwar traditionellere Stile als man es von der experimentellen Shiina gewohnt ist, die enorme Dichte an Ideen macht dies jedoch zu alles anderem als einem flachen Hörerlebnis. Wie immer bei Shiina verstehe ich nicht alles was sie macht, aber irgendwann klickt's einfach und ich bin wieder hin und weg.

[Video] Shiina Ringo - Tsugou No Ii Karada

Platz 11
Converge - Axe To Fall

Nach anfänglicher Begeisterung bin ich auf Converges letztes Werk No Heroes dann doch nicht mehr so oft zurückgekommen, mit Axe To Fall sieht das aber anders aus, das ist immer noch wie beim ersten Hören ein echtes Biest. Es ist ungemein schwer, Kurt Ballous herausragende Produktion zu beschreiben ohne zu martialischen Klischeemetaphern zu greifen, so wuchtig ist ihre Dynamik, so fernab der Realität wirkt sie und so stark ist ihr Eindruck auf den Hörer, aber die andere Attraktion ist natürlich die immer wieder frische Wendungen nehmende Musik selbst. Bis kurz vor dem verhältnismäßig ruhigen, aber nicht unpassenden Doppelfinale, gibt es zwischen den rasant und oft von D-Beat vorangetriebenen Songs keine Atempause und wie in dem etwas geradlinigeren, aber in seiner Kompaktheit umso beeindruckenderen Cutter gut zu hören schafft auch Jacob Bannons Gesang es immer wieder sich nochmal zu übertreffen, so wie es die ganze Band mit diesem Album getan hat.

[MP3] Converge - Axe To Fall

Platz 10
Dirty Projectors - Bitte Orca

Statt Fever Ray oder Bat For Lashes hätte ich mich bei Bitte Orca tatsächlich mal über eine erweiterte Neuauflage ein halbes jahr nach Erstveröffentlichung gefreut. Denn mit ihren Kollaborationen mit David Byrne und Björk sowie den neuen Stücken der, hierzulande unerklärlicherweise nicht mal als Download erhältlichen, EP Temecula Sunrise und B-Seiten als Bonusmaterial hätte ich mir das Album glatt nochmal gekauft, so konsistent toll zeigte sich David Longstreths Projekt dieses Jahr. Was mir bei Rise Above neben der komplexen Komposition noch fehlte war der Zugang zu den Melodien, die sind (mittlerweile über vier Stimmen verteilt) diesmal wirklich prächtig ausgefallen und werden von der leicht und warm wirkenden Musik bestens komplementiert - dabei wäre es nun wirklich kein Leichtes, sie nachzuspielen.

[MP3] Dirty Projectors - Stillness Is The Move
[Stream] Dirty Projectors - Bitte Orca

Platz 9
Mungolian Jet Set - We Gave It All Away...Now We Are Taking It Back

Wenn ich in den vergangenen 3 Monaten eine Melodie, einen Hook, einen ungewöhnlichen Rhythmus oder auch einen merkwürdigen, aber angenehme Konnotationen erweckenden Klang im Kopf hatte stammten die in gut 50% aller Fälle von dieser Platte. Zwar eine Sammlung von Remixen, aber Mungolian Jet Set verwursten ihr Quellmaterial dermaßen kohärent zu Weirdo-Disco, düsterem Großstadt-Jazzfunk, euphorischen Sternstunden und sonnengetränkten Yachtgrooves dass es oft ebensogut Eigenkompositionen sein könnten, außerdem sind die über 2 CDs verteilten Stücke kontinuierlich ineinander überfließend dass sie mehr wie ein Album wirken. Bemerkenswert auch wie viele ungewöhnliche, ach sagen wir lieber gleich bekloppte, Sounds zur Verwendung kommen (angefangen mit dem Markenzeichen der Norweger, dem Mung-Gong) und dass, während man sich immer wieder fragt "Was war das gerade für ein Geräusch? Was reden die da? Hab ich das wirklich gerade gehört?", Tracks mit Zungenschnalzen, dramatisch irrem Hecheln und Ziehharmonika trotzdem ernsthaft großartig und nicht alberne Gimmicks sind.

[MP3] Mungolian Jet Set - Creepy