Musiiik

Factory Floor (& Peter Gordon) - Beachcombing / Fall Back

Es überrascht wenig, dass die Zusammenarbeit von Factory Floor (d.h. hier v.a. Nik Void) und Peter Gordon vom Love Of Live Orchestra auf dem Label von Optimo erscheint, ist das krautig-elektronisch voranzirkelnde Beachcombing doch wie einer jener okskuren Kleinschätze, den das Duo früher auf so vielen seiner Mixe einem breitereren Publikum näherbrachte. Fall Back, die andere FF-Single des Frühjahrs, kommt weitaus wuchtiger daher. Zickzack-Sounds schnappen, raunen, klatschen und laserfeuern in Beinahekollisionen überm industriellen Discotechno des Trios, dessen Debüt-Album ebenfalls auf DFA erscheinen und daher wohl eher in Richtung dieses kühlen Stücks veranlagt sein wird.

[Stream] Factory Floor - Beachcombing
[Stream] Factory Floor - Fall Back

FreshMoon Presents: 808K V​.​1

Wenn Chicagoer Footworker wie DJ Rashad in Interviews auf Interpretationen und Assimilationen ihres Sounds von außerhalb zu sprechen kommen, mag dabei manchmal ein an Deutungshoheit grenzender Heimatsszenestolz durchklingen. Dass dieser keineswegs absolut ist, zeigt die überaus feine Debüt-Compilation von FreshMoon: Die teilt sich nämlich fast zur Hälfte in Produzenten aus dem heimischen Austin und die A-Liste der TEKLIFE-Gemeinde, so dass sich die gerade international noch weniger bekannten Ben Aqua, Taso oder Supraman Seite an Seite mit DJ Rashad, Manny, Earl, Spinn und Traxman präsentieren können.

[Stream/Download] FreshMoon Presents: 808K V​.​1

Kuchibiru Network 3

Mehr als nur ein Zwischenstopp auf dem Weg zu ihrem zukünftigen Album DX ist für Friendzone ihre dritte Compilation aus der Wolken-Nachbarschaft, über 70 Minuten afaik exklusives Material von Skywlkr, Finally Boys, Ryan Hemsworth und anderen Brüdern im Enya-Geiste sind auf Kuchibiru Network 3 liebevoll sequenziert (allerdings etwas nachlässig lautstärkemäßig abgestimmt) worden. Bemerkenswert ist dabei über die übliche "Was wäre, wenn Moments In Love die Hauptinspiration aller Rap-Instrumentals wäre"-Schiene hinaus auch, wie nahtlos die gesamte Ästhetik aus der Spätphase von Sincerely Yours überzugehen scheint, mit verloren-dünnen Filmdialogsamples, rosigen Synths und natürlich wehmütigen Vocals kann man sich bei so einigen Stücken durchaus vorstellen, dass das nächste Album von Air France so hätte klingen können.

[Stream/Download] Kuchibiru Network 3

Winny Puhh - Meiecundimees Üks Korsakov Läks Eile Lätti

Ich habe keine Ahnung, wer Winny Puhh sind und worüber sie im großartigen Meiecundimees Üks Korsakov Läks Eile Lätti singen - aber ich hab so das Gefühl, als wäre das auch ziemlich irrelevant. Denn bemerkenswerterweise erinnert dieser Kandidat für die estnische Endauswahl eher an Noiserock wie Boredoms, HEALTH und Ministry als das meiste Eurovision-Futter, gerade in der famosen Sektion, wo der Raised-Fist-hoch gequetschte Gesang wegfällt und die Gitarren überm eisenbahnartig voranratternden Doppelschlagzeug so meditativ ihre Wellen ziehen, dass das Polka-Akkordeon schon fast nicht ungewöhnlich erscheint.

[Video] Winny Puhh - Meiecundimees Üks Korsakov Läks Eile Lätti

Banque Allemande

Da versuchte ich noch Anfang des Monats wieder wem zu erklären, dass ich so gut wie keine deutsche Musik höre - und nun ist das zweite Album von Banque Allemande eine meiner Lieblingsplatten 2013. Wenn auch auf einem US-Label erschienen und physisch nur als Import erhältlich, passt so also vielleicht doch in mein Schema. Ausführlich hab ich die Qualitäten dieser so wunderbar zu Langform neigenden Band schon niedergeschrieben, in Kurz wäre das vielleicht auch gar nicht angemessen.

[Stream] Banque Allemande - Schwarz Vor Schwarzer Wand
[Stream] Banque Allemande - Nicht Viel Nur Einzwei Tausend

HAIM - Falling

Wie schon gesagt, bleibt mir bei HAIM vor allem die Produktion im Ohr hängen - umso eindrucksvoller, da sie für ihre dritte Single trotz des dritten unterschiedlichen Produzenten in Folge ihr eigenes Profil weiter schärften. Nicht mehr nur der Drumsound, auch die innere Anspannung der gesamten Rhythmussektion lässt das Trio derzeit spätestens dann herausstehen, wenn die Hauptvokalistin versucht, so viele Silben wie möglich in unaufgeregtem Gesang in diese Dynamik reinzuquetschen. Überhaupt mag an ihrem clean-synthetischen Sound viel an die 80er erinnern, doch wie letztes Jahr Chairlift mit dem tiefstimmigen Monolog von Amanaemonesia bringen HAIM eine in früherem Jahrzehnt weitaus präsentere Stimm-Tugend überaus würdevoll wieder ins Spiel des Heute-Pop.

[Stream] HAIM - Falling

Camperdown & Out / Bed Wettin' Bad Boys

Es ist ja nun nicht so, als wären wirklich alle guten australischen Bands aus Mitgliedern anderer guter australischer Bands zusammengesetzt. Nehmen wir zum Beispiel die Sydneyer Camperdown & Out: unbeschriebene Blätter allesamt, abgesehen vielleicht von dem einen aus Royal Headache ... und dem einen von Dead Farmers ... und dem von Raw Prawn und - OK, schlechtes Beispiel. Aber so hat man eben auch einen guten Wegweiser, um über dieses Netz, das exponentiell hochgradiger verknotet ist als die Kanada-Indieszene vor 10 Jahren, auf hörenswerte neue Bands zu stoßen. Die ersten beiden Singles sind jedenfalls schon mal nettes Jangle-Vorfutter auf das im März erscheinende Debüt.

[Stream] Camperdown & Out - Down & Out
[Stream] Camperdown & Out - Manly

Ein grandioses Debüt draußen hat die (oder wahrscheinlich eine) andere Royal-Headache-Zweitband bereits seit knapp einem Monat, ungleich rauer und Kopfschmerz-naher geht es bei Bed Wettin' Bad Boys zu. Deren Ready For Boredom ist zum Glück unendlich viel besser, als es der Bandname je erahnen ließe und demonstriert mit Hooks im Dutzendpack einmal mehr, dass das mit der Gitarrenmusik derzeit Down Under einfach konkurrenzlos gut läuft. Wie immer: Auf Spotify und iTunes findet das hierzulande nicht statt, da heißt es die kommenden Wochen, nach einem Platten-Import die Augen offenzuhalten.

[Stream] Bed Wettin' Bad Boys - Any Day Now
[Stream] Bed Wettin' Bad Boys - Bite My Tongue

Charli XCX - You (Ha Ha Ha) (Lindstrøm Remix)

Der versuch, mich am Sonntagmorgen durch alle (soweit ich sehen konnte) Remixe von Lindstrøm seit 2008 zu hören, offenbarte vor allem, wie schwer manche davon zu finden sind. Von zweien war glaub ich nicht einmal auszumachen, dass sie je kommerziell veröffentlicht worden waren und musste so auf Promo-MP3s oder Soundcloud hoffen. Das scheint auch mit seinem neuesten der Fall zu sein, denn folgt man dem iTunes-Link auf Soundcloud, kommt man zwar zur EP von Charli XCX inklusive mehrerer Remixe, doch ist eben Lindstrøms Disco-Renovation keiner davon. Da muss man wohl hoffen, dass dieser Soundcloud-Stream nie wieder online gehen wird.

[Stream] Charli XCX - You (Ha Ha Ha) (Lindstrøm Remix)

Mix: ALT // SNTH

Nachdem ich es die beiden vorherigen Male ganz gut geschafft hatte, bin ich 2012 völlig daran gescheitert, meine Lieblingssongs abseits von Alben am Ende des Jahres zusammenzufassen. Zuviel war zwischen Soundcloud, Spotify, Youtube und anderen Audioströmen oft gerne gehört worden und dann nie wieder, auf später verschoben und dann vergessen worden oder verschwand einfach. Die Flüchtigkeit und Verstreutheit von Streams hat mich sogar wieder mehr in Richtung leichter nachzuhaltender Alben geschoben, vor allem in Sachen kurzweiliger Popsongs, über die ich vor lauter angeblicher neuer großer Dinger die letzten Monate völlig die Übersicht verloren habe.

Denn irgendwie, so schien es mir zumindest, klangen diese ganzen (trotz gewissen Indie/Alt-Appeals vorwiegend auf Major Labels) Post-Knife/Post-Lykke/Post-Chillwave-Electropopsachen doch ziemlich ähnlich, ob in ästhetischer Wirkung, konkreten Produktions-Aspekten, Vocal-Affekten oder der Verwendung bestimmter Sounds. Instagrammige Fotos und Cover-Designs halfen natürlich auch nicht groß dabei, MØ von Kate Boy von NONONO zu differenzieren, doch war das vielleicht nur eine allzu grobe Sicht der Dinge? Zur Probe und um mir denn auch mal eine handliche Übersicht zu verschaffen entstand denn dieser Mix, von dessen Songs ich ehrlich nichtmal die Hälfte kannte, bis ich ihn zum ersten Mal komplett hörte.

Die Musik trug ich meist allein anhand von Beschreibungen und in meinem Hinterkopf in dieser Richtung hängenden Namen zusammen, hörte zwei, drei Sekunden an Anfang und Ende der Songs und erstellte daraus die Trackreihenfolge. Für diese halb blinde Prozedur ist das Ergebnis, finde ich zumindest, verdammt gut ausgefallen. Aber das spricht natürlich auch für das Quellmaterial.

ALT // SNTH

Yelle - L'Amour Parfait

Die runtergepitchten Vocals und Knarzsynths zu Beginn drohen damit, dass Yelle sich jetzt den Trap-Trendmantel übergeworfen hat, in seiner Synkopiertheit klatscht und schnalzt und ploppt der folgende Beat tatsächlich ein wenig Südstaaten-Rap-beeinflusst. Doch der große Moment in L'Amour Parfait erinnert unter langgezogenen statt wüst zerschnippelten Synths weniger an einen dick überdrehten EDM-Drop als an die ungleich softere, Höhepunktsbildung eines klassischen Italo-Tracks von Aeroplane, deren verbliebene Hälfte als Co-Produzent an dieser herrlichen Single beteiligt war.

[Stream] Yelle - L'Amour Parfait