Live Live Baby

Konzert: Jay Reatard


Vielleicht war das der bessere Deal. Zu der Zeit als ich Jay Reatards letztes Konzert in Köln knapp verpasste erstreckten sich seine Konzerte noch selten über eine Viertelstunde; nun, fast 2 Jahre später, konnte ich ihn dafür im Gebäude 9 gut dreifach so lange in Aktion sehen. Umso eindrucksvoller weil sein Auftritt eine einzige Flut von Hits war zwischen denen es keine stille Sekunde gab. Kaum war das tighte Powertrio, ausgestattet mit Flying-V-Bass und -Gitarre, mit einem meist schneller und punkiger als auf Platte gespieltem Stück fertig ging es nach wenigen Sekunden anhaltenden Gitarrenhalls direkt eins zwo drei vier weiter, für eine knappe Songansage des hinter Lockenhaar verschwundenen Reatard blieb da kaum Zeit, für Applaus noch weniger.

Das Set war eine herrliche Mischung aus allem was der Mann im Laufe seiner noch recht jungen Solokarriere geschaffen hat, sogar ein gutes Drittel nahmen die Blood Visions-Klassiker wie My Shadow, Greed, Money, Useless Children und Fading All Away ein. Von den Singles 06/07 war ich besonders froh dass auch Hammer I Miss You und Let it All Go dabei waren, die nicht minder tollen Matador Singles 08 gab es wie im Falle des eröffnenden An Ugly Death oder Trapped Here auch schon mal in extra ausgedehnten Versionen zu hören während für I'm Watching You auch mal kurz zum halbakustischen Sechssaiter gegriffen wurde.

Nicht nur weil ich lange darauf gewartet hatte war ich arschglücklich diese herrlichen Songs mal live zu hören. Wegen der Art wie diese wohlgeformte Masse gnadenlos berauschend von der Bühne runtergespielt wurden stellte sich bei mir ein merkwürdiger Zustand freudiger Überreizung ein der mir aber erst auffiel als ich nach dem Abgang der Band eine Weile brauchte um wieder richtig klare Gedanken fassen zu können. Noch so ein Konzert bei dem es sinnvoller war keine Zugabe zu geben, wenn der ganze Abend bereits ein einziges Ausrufezeichen ist kann man schwer noch einen Punkt zum Schluss setzen.

Konzert: School Of Seven Bells


Wie durch ein Wunder (oder eine verpasste Vorband) haben School Of Seven Bells noch nicht die Bühne des Studio 672 betreten als ich mit einer knappen Stunde Verspätung in dem gut gefüllten und dementsprechend warmen Stadtgarten-Clubkeller ankomme. Netterweise ist das Bier dort gut gekühlt und erschwinglich, so sind Dreckswetter und Verkehrsprobleme schnell vergessen und ich erwische noch einen Platz mit guter Aussicht auf dem ich nicht lange warte auf den Konzertbeginn warten muss. Claudia und Alejandra Deheza positionieren sich mit Gitarre und Keyboard zu beiden Seiten von Benjamin Curtis mit seinem Sechssaiter und wohlstaffiertem Effektpedalbrett, ein leises "Hi we're School Of Seven Bells" und schon geht's ab ins Traumland.

Ich hätte ehrlich nicht gedacht dass mich ein Konzert diese Band noch mehr mögen machen würde, aber an diesem Abend verkehren sich die Verhältnisse derart dass die drei es echt noch fertig bringen. Anfangs ist noch alles wie erhofft, die eingängigeren Albumhighlights wie Iamundernodisguise und Face To Face On High Places werden fast alle schon in der ersten Hälfte positioniert und sowohl der faszinierende, luftige Gesangstanz der Dehezas wie auch Curtis' (mit obergeilen Spacerock-Schuhen am Start) Gitarrenspiel behalten auch in der nicht bis ins Detail ausbaldowerten Soundbalance der Liveaufführung ihre Reize.

Doch vor allem die Songs, die mir auf Alpinisms noch nicht perfekt erschienen, erwachen erst hier zu richtigem Leben, White Elephant Coat oder Wired For Light profitieren enorm von der physischen Wucht ihrer Elektrobeats und dem wacheren Gesang. Vielleicht sogar das größte Highlight ist das absolut bombige Sempiternal/Amaranth, das zum Abschluss endlich den langen Spannungsbogen und die weite Dynamik von Curtis' immer heftiger anschwellenden Gitarrenwällen erreicht die mir auf dem Album gefehlt hatten. Bei den späteren Stücken überragen ansonsten herrlich die dichten Half Asleep und My Cabal, sehr schön auch das instrumentell stark reduzierte und fast völlig auf den Gesang fokussierte halb englisch, halb spanische Caldo

Die größte Bühnenshow der Welt wird hier freilich nicht geboten, besonders die auf Präzision angewiesenen Gesangsarrangments verlangen dass die Schwestern die meiste Zeit mit aufrechtem Kopf hinter ihren Mikros bleiben. Dafür ist die Musik eben umso bezaubernder gut, spätestens nach 20 Minuten gebe ich den Versuch eines klaren Gedankens auf und versinke mit immer verklärterem Blick völlig in diesen Gipfelstürmereien die mit der Zeit immer wieder lauter (und damit automatisch besser) zu werden scheinen, ich kann nicht mit Sicherheit sagen dass es an der Nebelmaschine liegt als mir irgendwann sogar die zwischendurch immer öfter geschlossenen Augen zu tränen beginnen.

Noch lange nachdem die drei die Bühne verlassen haben hallt der Applaus nach, und als ich mich auf dem ganzen Nachhauseweg immer noch nicht fühle als hätte ich wieder mit beiden Füßen den Erdboden erreicht finde ich es völlig in Ordnung dass sie nicht nochmal zurück gekommen sind. Schöne Träume geben ja auch keine Zugaben.

Konzert: Titus Andronicus


Ein bisschen ging ich ja mit gezügelten Erwartungen ins Köln-Konzert von Titus Andronicus. Zum Einen war ich mir nicht sicher ob das Quintett ohne Probleme auf die Bühne im Tsunami passen würde, vor allem aber hatte ich schon mehrere Livevideos gesehen bei denen sie etwas lustlos herumklampften und die epischen Songs ihres herrlichen Debüts The Airing Of Grievances nicht immer richtig zusammen kamen. Beides zum Glück unnötige Sorgen, denn auch wenn zweimal ein Gitarrenkopf gefährlich nah an einem Auge vorbeischwang schienen sie auch mit bis zu vier Saiteninstrumenten gleichzeitig im Einsatz platzmäßig gut hinzukommen. Und die Musik selbst, die war sogar im Gegenteil zugänglicher als erwartet.

Zwar war der Gesang von Patrick Stickles auf alles andere aus als sich streng an die vorgegebene Melodie zu halten, ähnlich wie Craig Finn ist er mehr ein energischer Entlangredner. Die vier Mannen um ihn herum gaben aber dafür alles daran die ungemein catchigen Instrumentalmelodien mit voller Wucht rüberzubringen. Die ähneln mal irisch-amerikanischem Kneipenpunk wie dem der Dropkick Murphys, mal werfen sie wie in Every Time I See The Light Country-/Americana-Traditionen an ihre weiten, mehrschichtigen Gitarrenwände und so kommt auch schon mal eine Mundharmonika zum Einsatz. So oder so ist es aber, eine weitere Gemeinsamkeit mit The Hold Steady, gefährlich gute Trinkmusik wie Stickles demonstrierte als er dem Refrain "Waking up drunk makes happy" im gleichnamigen Spider Bags-Cover eine orale Attacke auf den Inhalt seiner Bierflasche folgen ließ, nicht der einzige Song in dem der Erzähler seine emotionalen Wunden mit Alkohol zu lindern sucht.

Auch mit einem feurigen Cover von The Modern Lovers' Roadrunner zeigten Titus Andronicus ihre Einflüsse, die Highlights waren aber alte und neue Eigenkompositionen wie das hoffnungslos-festiv(us)ische Titus Andronicus, Titus Andronicus Forever mit seiner Mischung aus Verspieltheit wenn Saiten und Drums zum Solo gebeten werden und der leichten Panik wenn alle zusammen "The enemy is everywhere, but nobody seems to be worried or care" intonieren und der epische Zweiteiler No Future.
Am Ende wirkte besonders Stickles schon völlig geschafft, da war es ein umso schönerer Abschluss dass er zur Zugabe erst recht aufdrehte und sich vor der Bühne so wild im Kreis wand dass es ein Wunder war dass ihn sein Mikrokabel weder erwürgte noch stolpern ließ. Zurück ließen Titus Andronicus eine verwüstete Bühne und mindestens einen Besucher dessen rwartungen weit übertroffen wurden.

Konzert: Animal Collective


Je nachdem wen man fragt war das gestrige Animal Collective-Konzert im Gloria völliger Mist, begeisternd gut oder ziemlich mittelmäßig. Und obwohl ich eindeutig zur mittleren Gruppe gehöre werden sie irgendwie alle Recht haben. Vor anderthalb Jahren noch überraschten die gleichen drei – Geologist, Panda Bear und Avey Tare – in Köln mit überwältigend basslastigen Songs die zum euphorischen Tanz einluden. Und obwohl ihr Bühnenaufbau und ihre Setliste der vom letzten Mal in großen Teilen ähnlich waren war es doch ein völlig anderes Konzert.

Wie schon beim einleitenden Set von Pantha Du Prince hing eine riesige weiße Stoffkugel über der von Elektronikbänken und Percussions bevölkerten Bühne, verschwunden waren die bombastisch flickernden Strahlerstangen. Das Trio begann das Set entspannt und gesellte zu dem überwiegenden Merriweather Post Pavilion-Material auch eine herrliche Neufassung von Leaf House und das neue Would I Want Sky. Der Sound aufs Wesentliche konzentriert, immer wieder gab es auch repetitiv-meditative Zwischenausflüge.
Spätestens als My Girls an der Reihe war wurde klar dass kein AC-Konzert wie das andere ist, wo beim letzten Mal noch ähnlich wie auf der Albumversion mit Beats und Brüllen die Sau rausgelassen wurde war diese Version der Single wie vieles an diesem Abend vor allem auf den Wechselgesang Tare-Bear fokussiert, die anderen Intrumentalteile schälten sich dabei sehr sanft und wohlklingend heraus, frei von der Tyrannei des Basswummerns.

In der zweiten Hälfte steigerten sich dann aber sowohl der musikalische Energiepegel wie auch die bis dahin spärliche Bühnenshow, beim voll auf Banger ausgerichteten Lion In A Coma erwachte die Beleuchtung zu buntem Leben und tauchte nicht nur die Kugel, auf die immer wieder das MPP-Cover oder andere Motive projiziert wurden, sondern auch die mit weißen Büchern verhüllten Tische und die Kleidung des Trios selbst in Töne die der Musik an Farbfreude nicht nachstanden und ähnlich wie im My Girls-Video das Bühnenbild änderten.
Brother Sport war zwar auch bassreduziert, brachte dennoch mit aller Fröhlichkeit der Welt Bewegung ins Publikum und wurde von marschierenden Olympionikenbildern begleitet, sehr willkommen war auch ein von Technobeats durchzogenes Slippi. Das Highlight des Abends war aber ein extraausgedehntes Fireworks das wohl ACs transzendent(est)er Moment bleibt und mit Feuerwerksprojektionen die Kugel zum Nachthimmel voller Explosionen machte.

Der wohl angenehmste Unterschied zum Auftritt im Stadtgarten war dass diesmal Zeit für eine Zugabe blieb, so beschloss No More Runnin (ich glaube die andere Zugabe war Also Frightened, kann mich aber nicht recht entsinnen) ein herrliches, überraschend differenziertes und unaufgeregtes Set. Zu dem Zeitpunkt hatte sich das Publikum (wie auch beim letzten Mal) dank vieler nicht erfüllter Erwartungen dermaßen ausgedünnt dass man auch gemütlich Platz zum freien Atmen hatte, es bleibt dabei: Mit spezifischen Erwartungen zu Animal Collective zu gehen ist ein riskantes Vorgehen, so lange man für Reinterpretationen und völlig Neues offen bleibt ist ein einmaliges Erlebnis aber nahezu garantiert. Diesen Typen ist das Wort "Routine" einfach fremd, auch wenn sie einen Song damit betitelt haben.

Konzert: Sky Larkin, Johnny Foreigner


Kaum zu glauben, endlich mal ein lang und heiß erwartetes Konzert das nicht abgesagt wurde. Der irrsinnigen Ausfallquote der vergangenen Wochen trotzend betraten gestern zwei der aufregendsten jungen Inselbands die Bühne des Gebäude 9, den Auftakt bereiteten Johnny Foreigner mit einem rasanten, überraschenden und kurzen Set. Überraschend deswegen weil die drei zur Hälfte neues Material spielten das weder auf ihrem Mini- noch ihrem großartigen vollwertigen Debütalbum zu finden ist, der einzige den ich davon kannte war das Eröffnungsstück Feels Like Summer, die anderen schienen teilweise noch nicht mal Titel zu haben. Also keine Singles und wohlerprobte Publikumserfolge wie The End And Everything After, Lea Room, Djs Get Doubts oder Salt Pepa And Spinderella, stattdessen volles Risiko ins Unbekannte.

So wurde ich wieder daran erinnert wie konfus ihre filigran chaotische Musik beim ersten Hören wirken, wenn süße Melodien quer über die Bühne, die drei Stimmen und vier Instrumente (Drummer Junior Laidley spielt gleichzitig noch eine kleine elektronische Wunderkiste) springen und Hals über Kopf in solide Felswände aus Verstärkerrausch, Teufelsgetrommel und purer frenetischer Energie rennen. Doch auch wenn nicht alle Songs so sauber rüber kamen wie das Sethighlight Eyes Wide Terrified war der Auftritt ein großer Spaß, wegen der Nimmermüdigkeit mit der Bassistin Kelly den Großteil der Bühne abrannte, des zutiefst merkwürdig anzusehenden aber doch effektiven Gitarrenspiels von Sänger Alexei mit Tierkopfmütze und den Einlagen des Drummers bei denen er den armen Roadie mit einem unerwarteten Anschlag zu Tode erschreckte und die Umziehpause seiner Mitspieler lakonisch mit einem bliependen Elektrosoundtrack untermalte.

Und natürlich weil vertraute Stücke wie das abschließende Yr All Just Jealous mit seinem Wechselgesang, den abwechselnd ruhigen und heulend die Luft zerreißenden Sektionen und einem noisigen Freakout zum Schluss live nicht minder eindrucksvoll sind als auf Platte. Schade aber dass JoFo sich als Vorband wohl nicht trauten mehr Stücke zu spielen als die Hauptband, ihr Songkatalog hätte noch locker für weitere 8 Stücke gereicht.


Daran dass man von Sky Larkin gerne noch mehr gehört hätte konnte das andere gemischtgeschlechtliche Trio an diesem Abend allerdings nichts ändern, nicht nur spielten sie zum ersten Mal überhaupt alle Songs ihres Debütalbums The Golden Spike live (dass Geography an diesem Abend Premiere hatte wäre aufgrund der Qualität der Darbietung aber nicht aufgefallen), als der Applaus auch nach der ersten Zugabe nicht verstummte musste Gitarristin und Sängerin Katie Harkin noch spontan die Aufführung einer B-Seite arrangieren mit (ungewöhnlich williger) Publikumsbeteiligung.

Ansonsten war der Auftritt nicht groß anders als der mit Los Campesinos!, dass es auch ohne den damaligen Überraschungseffekt toll war war dann eine angenehme Bestätigung der Livequalität dieser Band die den Energiepegel im Verlauf ihres Sets auch zu steigern schien. Auf der Bühne haben ihre Songs einfach eine Extraportion Schmackes, vor allem dank Drummer Nestor dessen Tiergrimassen, Schweißtropfengeschleudere über die ganze Bühne und rohe Gewaltattacken gegen seine hilflosen Trommeln nicht auf Tonband zu fassen sind.

Mehr Stimmen zum Konzert: Konzerttagebuch, Pretty-Paracetamol, WhiteTapes der KSTAr und Johnny Foreigner selbst.

It's Like ...

Es begann mit einem Weckmann und endete mit Knocking On Heaven's Door. Wie nicht anders zu erwarten war: Wolf Parade - Konzert des Jahres.

Konzert: Los Campesinos!, Sky Larkin & Lovvers

Ich hätte mir ja denken können dass Los Campesinos! einen ordentlichen Konzertabend schmeißen würden, dass der aber rundum so gut ausfallen würde hat mich dann doch überrascht. Los ging's gestern im Luxor mit dem Punk-Quartett Lovvers, zu dem Zeitpunkt war es vor der Bühne noch so leer dass das Publikum wahrscheinlich zur Hälfte aus den anderen beiden Bands des Abends bestand. Der Sänger nutzte den Freiraum dann auch aus um munter durch die Gegend zu torkeln, mit Gesang der live so klang wie auf alten britischen Punkscheiben. Die Musik ging allerdings mehr in Richtung U.S.-Westküste, melodiös und garagig à la Wipers. Allzu lang spielten Lovvers nicht, dafür schnell, vielleicht 20 Minuten wobei das letzte ausgedehnte Stück gut ein Drittel der Zeit einnahm.


Nicht viel später stand dann nach dem Umbau ein kleines Keyboard in der Mitte der Bühne, und um die Tweexcore-Balance aufrecht zu erhalten hätte man jetzt eigentlich damit gerechnet dass sich als nächstes die einzige Frau in einer Pullover tragenden Tweeband eben dahinter stellen würde. Tatsächlich sind nur zwei Drittel von Sky Larkin Männer, was ihre Musik und Sängerin anging hätte ich aber kaum mehr irren können. Wenn sie nicht gerade am Mikro stand war sie entweder damit beschäftigt ihre gereckte Gitarre à la Carrie Brownstein zu bedreschen oder im Superchunk-Stil damit herumzuhüpfen, der stoisch-coole Bassist und das Tier von einem Drummer der eher versuchte durch anstatt auf sein Schlagzeug zu hauen (wodurch er nach jedem zweiten Stück seine Sticks wechseln musste) gaben ihr Übriges dazu dass ich ab dem ersten Mal wo Sky Larkin richtig abrockten völlig entzückt war.

Und wie in jeder kitschigen Filmszene wo die aufstrebende Jungband ihren großen Auftritt hat wurden bald wissentliche Blicke vor der Bühne ausgetauscht: Wow, die sind wirklich gut! Merklich griff beim Publikum die Begeisterung um sich, am Ende war der Applaus nicht schwächer als später bei Los Campesinos!, und ich wäre schon völlig damit zufrieden gewesen wenn gestern Sky Larkin die Headliner gewesen wären.


Wie um das zu untermauern hab ich auch jetzt gar nicht allzu viel was ich über den nachfolgenden Auftritt schreiben könnte, allerdings liegt das (abgesehen davon dass es am gleichen Ort nicht soo viele Unterschiede zum ersten Mal gab) vor allem daran dass ich zu beschäftigt war mit Tanzen und Mitsingen um allzu viel vom Geschehen auf der Bühne mitzukriegen. Die neuen Songs fügten sich in diesem Liveumfeld ohne den Produzenten-Unterschied der Studioaufnahmen nahtlos ins alte Material ein, was bereits beim großartigen Eröffnungsdoppelschlag von Ways To Make It Through The Wall und The International Tweexcore Underground klar wurde. Der große Chor im Titelstück bei dem alle auf der Bühne "Oh, we kid ourselves, there's future in the fucking, but there is no fucking future" brüllten war live noch eindrucksvoller, das finale Sweet Dreams, Sweet Cheecks spielten dann Sänger Gareth und Gitarrist Neil mitten im Publikum, rundherum wurde getanzt, geklatscht und mitgesungen.

Eigentlich war es wohl verhältnismäßig ein schlechtes Campesinos-Konzert da Sängerin Aleks stimmlich und gesundheitlich angeschlagen schien, vermutlich der Grund dafür dass es nicht überwiegend von ihr gesungene Stücke wie We Throw Parties, You Throw Knives zu hören gab und dass das Konzert ohne Zugabe überraschend schnell zu Ende war, aber selbst ein schlechter LC!-Auftritt ist immer noch ein Anwärter aufs Konzert des Jahres. Was für eine Band, was für eine Vorband, was für ein Abend. Videos davon sind übrigens bereits online.

Konzert: M83


Vor 5 Jahren, als Dead Cities, Red Seas & Lost Ghosts herauskam, hätte ich mir ein M83-Konzert sehr anders vorgestellt als das was sich gestern im Luxor abspielte. Auf seinem zweiten Album erschuf Anthony Gonzalez, damals noch im Duo mit Nicolas Fromageau, bestechend schöne Klanglandschaften und ahmte mit elektronischen Mitteln die Gitarrenwände der Shoegazer nach. Live wären da ein bestuhlter Saal und eine große Leinwand mit bewegten Landschaftsaufnahmen im Breitbild völlig angemessen gewesen, doch seitdem hat sich einiges geändert. Schon ein Album danach traten Gitarren kaum verfremdet in den Vordergrund mehrerer Stücke, eines hieß ja auch A Guitar And A Heart, und die Single Don't Save Us From The Flames zeigte sowohl Gonzalez' Gesang als auch seine Liebe zum Popsong. Aus letzterer erwuchs schließlich Saturdays = Youth das Gonzalez und seine Band gestern live vorstellten - aber zum Glück noch viel mehr.

Bereits menschenleer sah die Bühne beeindruckend aus: Hinten links war das Schlagzeug, ausgestattet auch mit einem digitalen Drumpad, vom Rest der Band durch eine Plexiglaswand abgeschirmt, davor der Gitarrist. Die rechte Hälfte der Bühne wurde von zwei sich gegenüberstehenden Synthesizerbauten belegt in deren Mitte ein innen von Kabeln durchzogener und von blauen Lichtern erleuchteter mysteriöser Glaskasten stand, auf diesem wiederum thronte ein Mac der auf Knopfdruck dann die Show eröffnete.

Es begann verhalten, auch weil die ersten beiden Stücke live etwas ungewohnt klangen war ich zunächst etwas skeptisch. Das änderte sich als das erste Stück mit tiefem Bass aus dem Lautsprecher mein Gesicht zum Flackern brachte, das war der imposante Sound auf den ich gehofft hatte (und vor dem ich ohne Hörschutz etwas Schiss gehabt hätte). Bald kamen auch die flotteren Popsongs wie Kim & Jessie dran zu denen man mehr als nur seinen Nacken bewegen konnte, im Wechsel mit den epischen Instrumentals des zweiten Albums und den düsteren Klängen von Before The Dawn Heals Us ergab das eine herrliche Mischung.

Gonzalez wechselte immer wieder zwischen Gitarre und seinem Bau aus Keyboards, Knöpfen und Schaltern und wusste seine nicht besonders starke Stimme erfreulich gut einzusetzen, die gesangliche Klasse ging aber von seiner Gegenüber Morgan Kibby aus die live viel besser zu hören war als auf den Alben, so verlieh sie mehreren Stücken eine zusätzliche eigene Note. Auch unbedingt hervorzuheben ist die Leistung des Drummers, wegen des reflektierenden Walls war es zwar nicht immer klar zu sehen welche Teile der Beats gerade von ihm und welche von der Elektronik kamen aber bei den dichten Fills die Gonzalez so gerne texturenhaft einsetzt konnte man ihn auf jeden Fall hart arbeiten sehen.

M83 spielten eins der wenigen Konzerte in letzter Zeit das mir keine Sekunde zu kurz vorkam, spielten auf jeden Fall alle neuen Songs die ich hören wollte aber sicher auch genau so viele ältere, insbesondere war ich erfreut dass so ein Sechsminüter wie Gone seinen Weg ins Programm fand. In solchen Momenten kamen dem Auftritt die ausführlich verwendete Nebelmaschine und die Flackerscheinwerfer zu Gute, aber auch zum Schluss als M83 die Stampfer A Guitar And A Heart und als spektakuläre Zugabe die epische Fassung von Couleurs auspackten sah man im Flackerlicht effektvoll die Menschen auf und vor der Bühne rhythmisch mitgehen. Das war wirklich der Höhepunkt, besonders als ich gerade schon high vor Glück war und das Stück nach einem Abebben bumerangartig noch einmal, noch größer ansetzte. Wortkarg wie ab und zu auch schon vorher zwischendurch bedankte sich Gonzalez anschließend beim enthusiastisch klatschenden Publikum und verschwand von der Bühne. Das Outro überließ er wieder seinem Mac - neben dem Intro das einzige Mal an diesem Abend wo die Elektronik der Star war.

Konzert: Gang Gang Dance


Zwar bin ich zur Zeit wegen Vollmond so neben der Spur dass meine Aufnahmefähigkeit stark leidet, der gestrige Auftritt von Gang Gang Dance war aber einfach zu toll um nicht wenigstens im Anriss darüber zu schreiben. Zu fünft standen sie auf der Bühne des Stadtgartens und bis auf den Gitarristen (gekleidet in ein T-Shirt vom 88Boadrum-Event dessen New Yorker Teil Gang Gang Dance dirigierten) versanken zunächst alle in einem Wald aus Perkussionen, zeitweise schien jeder mit einem Schlagholz bewaffnet seinen eigenen rhythmischen Pfad zu verfolgen, aber immer wieder wellenartig mit seinen Mitspielern zusammenzukommen.

Ohne Pause (wie auch beim Rest des Auftritts) gingen die New Yorker ins nächste Stück über, von da an blitzten zwar immer wieder die losen Strukturen dieses Anfangs auf aber der rote Faden wurde fortan von den (teilweise elektronischen) Beats gesponnen. Verwoben mit spacigen Synths, arabisch anmutenden Klängen und Gesängen mutete das ungemein fremd an, mal konnte man sich am Rand ein bisschen Battles, Animal Collective oder High Places vorstellen aber GGD vereinigten die separaten Sounds so zu etwas Neuartigem dass Vergleiche scheitern mussten. Bald war ich so in dieser fantastischen, lebendig pochenden Welt drin dass ein leichter Trance-Effekt einsetzte, noch verstärkt dadurch wie GGD immer wieder das Tempo erhöhten, die Beats grimeiger wurden und schließlich in Breakbeat ausarteten.

Oh, und House Jam war live auch absolut großartig (besser als in dem etwas lauen Tokio-Video), gerade als man nach einer Wiederholung des Anfagnsmotivs mehr als auf Platte dachte es käme vielleicht nicht mehr brachen die noch mehr abgehackten Synths glorreich durch dass es einen im Nacken blitzte, das Schlagzeug dabei immer ein bisschen verschleppt hinter dem Rest der Musik hinterher. Nicht auszumalen wie gut ein Konzert erst wäre bei dem es kein hastiges Ende mehr gibt weil danach noch ein Herr die Bühne betritt der im Vergleich zu dem was sich vor ihm abspielte ganz schön veraltet wirkt. Ich freu mich erst mal, sogar noch mehr als zuvor, auf Saint Dymphna nächste Woche. Und hoffentlich bald dann eine Europatour.

Konzert: Jaguar Love


Bevor sich die Konzertsaison in den Sommerurlaub verabschiedet gab es gestern doch noch mal etwas Sehenswertes, Jaguar Love, die erste Nachfolgeband der Blood Brothers (RIP) ist nämlich mutigerweise während der EM groß in Europa unterwegs. Live gesellten sich zur Kernbesetzung von Drummer Jay Clark (Ex-Pretty Girls Make Graves) und den Ex-Brothers Johnny Whitney und Gitarrist Cody Votolato noch ein Bassist im Hautengen Disco-Outfit der Vince Noir erstaunlich ähnlich sah und ein Keyboarder ganz in weiß (den ich eine halbe Sekunde für Andrew W.K. hielt). Gleich zu Anfang zeigte sich der Vorteil mehrjähriger Bühnenerfahrung, Whitney bat die im Luxor versprenkelte Menge doch etwas näher nach vorne zu kommen was eigentlich immer ein guter Trick ist um den Kontakt zum Publikum zu intensivieren.

Whitney in Camouflage (heh) und Weste hielt sich dann wie zu erwarten war mit seinen Bewegungen so wenig zurück wie mit seiner für Unvorbereitete sicher irritierende Stimme, kam mir auch ein gutes Stück lockerer vor als auf dem Blood Brothers-Konzert vor fast genau einem Jahr, kletterte immer wieder auf nen Lautsprecher wenn er nicht gerade moonwalkte(!). Die bisherigen Stücke auf Myspace deuteten schon auf eine famose Mischung aus Post-Hardcore, Funk, Pop und wer weiß was noch hin, zusammen mit Whitney der seiner Stimme immer noch neue Facetten abgewinnen kann ergibt das wirklich eine außergewöhnliche Gruppe. Im Verlauf des Sets wurde ich auch immer wieder an den Geisterbahn-Pop der Unicorns erinnert, doch gerade als ich meinte den musikalischen Rahmen von Jaguar Love halbwegs abgesteckt zu haben wurde dieser wieder gesprengt mit einem unerwartet rasanten Song den man am Anfang hiervon hören kann.

Vermutlich wäre das Konzert noch besser gewesen wenn das Debütalbum bereits erschienen wäre, zum Einen weil bei mir die Songs selten beim ersten Hören schon richtig zünden und zum Anderen weil die Band live noch gar nicht genug Songs für ein ganzes Album auf Lager zu haben schien. Dafür gefielen mir aber die Sachen die ich schon kannte sehr, insbesondere das soulige Georgia Take Me To The Sea, My Organ Sounds Like..., das den dringlichen Beat von This Is Our Emergency mit einer Whitneyschen Gesangsdarbietung verbindet die stellenweise nicht von den Chipmunks zu unterscheiden ist, und Bats Over The Pacific Ocean dessen glückseliges Glockenspiel im Refrain auch live gut rüber kam. Letztendlich machten Jaguar Love das Beste aus einem kurzen Set: sie ließen einen hungrig nach mehr zurück.

[MP3] Jaguar Love - Bats Over The Pacific Ocean

Jaguar Loves Myspace