Live Live Baby

Konzert: c/o pop Tag 2 - Italic Recordings Live In Concert



Tag 2 des Festivals ging genau dort weiter, wo der erste aufgehört hatte: An dem rechtsrheinischen Ort mit den vielen Namen und Bezeichnungen. Fritz-Schramma-Halle, dem Gebäude 6c, Deutz Air, Deutzer Werft, wie auch immer, das Wetter war noch besser als am Tag davor und die Musik beim Köln-Düsseldorfer Showcase des Italic-Labels ebenfalls.

Der Auftritt Antonellis als Harmonious Thelonious ist entweder ausgefallen oder mir irgendwie total entgangen, zuerst war auf jeden Fall POPNONAME in Aktion, der mit seinem dritten Auftritt innerhalb von zwei Tagen Frequent Player Miles zu sammeln schien. Diesmal stand der Mann mit dem Hut jedenfalls solo hinterm Laptop-Pult und ab und zu auch nach dem Griff zu Gitarre und Mikro davor, ansonsten eines dieser Sets zwischen ambienten Beats und Pop wo ich nie weiß ob ich es wie einen Liveauftritt behandle und nach vorne gewendet zugucke, oder ob es bloß ein DJ-Set im Hintergrund war zu dem bei so früher Stunde nie jemand tanzt. Aber das ist wohl auch eine Sache der Sozialisierung.



Ebenfalls für leichte Irritation, aber noch unverschuldeter, sorgte Lucas Croon mit flach runtergegeltem und präzise gescheiteltem blondem Haar (und, das muss man auch ganz modeunkundig feststellen, fantastischem Schuhwerk). Der Mann von rheinabwärts (nach den ersten paar mit Applaus quittierten Stücken feixte der ihn unterstützende Drummer Stefan Schiffermüller "Wissen die, dass wir aus Düsseldorf sind?") entlockte seiner Treppe aus Analog-Synthesizern eigentlich genau die Art von spacig-futuristisch anmutenden Klängen, wie sie mir gerade aus verschiedenen Richtungen (u.a. Oneohtrix Point Never, Von Spar, Emeralds und dem großartigen 1970er Debütalbum von Michael Bundt) entgegenschwimmen.

Nur waren die dancigen 4/4-Beats auf digitalen Drum Pads dazu erst mal schwer ungewohnt, trotz gewissem 80er-Soundtrack-Appeal à la Carpenter ein klanglich trockener Kontrast zur analogen Wärme der Synthwellen. Vermutlich auch weil das auf Jonas Reinhardts ansonsten recht ähnlichen neuen Platte mit krautiger vorantuckernden Beats so ausgezeichnet klappt brauchte ich eine Weile um mich hieran zu gewöhnen, aber etwa nach der Hälfte des zum Glück nicht zu kurzen Auftritts war ich dann drin und werd sicher Ausschau halten, was der Mann als nächstes macht.



Danach war es Zeit für die Hauptattraktion des Abends. Auftritte von Von Spar bei der c/o pop haben ja schon eine gewisse Tradition, mit der noisigen Verwirrung die sie 2006 verbreiteten und dem nicht weniger überraschenden letztjährigen Ausblick auf ihr herrliches Drittwerk Foreigner. Dieses wurde dann auch, statt eines erneuten Bruchs der Erwartungshaltungen, in einem herrlichen Kosmik-Kraut-Trip aufgeführt und von den Anwesenden zelebriert (die Singles trOOps und HyBoLT schon beim Erklingen der ersten Töne), nur leicht unterschied sich diese Liveumsetzung von der letzten.

Die Videoprojektionen von Christopher Marquez beinhalteten neue Sequenzen, die auch zum Teil auf Vimeo zu sehen sind und ich meine auch, dass Jan Phillip Janzens Schlagzeug damals öfter zum Einsatz gekommen wäre, nicht wie hier erst bei der Zugabe. Erneut zum Einsatz kam, allerdings nur kurz, dann inmitten der mehrfachen Instrumentenwechsel irgendwann natürlich auch Popnoname von dem ich nun überzeugt bin, dass er im Keller dieses Gebäudes lebt. Und apropos Gebäude Wegen fehlender Vernebelungsmöglichkeiten in der hohen, gut belüfteten Halle war die Atmosphäre zwar weniger.. äh.. nebulös, dafür schwitzte man sich beim Tanzen auch nicht zu Tode. Und überhaupt, wenn es dieser Band an einem nicht mangelt, dann ist es Atmosphäre.

Konzert: c/o pop Tag 1 - Magazine Opening Night

Der erste c/o-pop-Abend, oder "Warum man offizielle Festivalwebseiten genau studieren sollte." Da fand sich dann zum Beispiel, dass das Areal, in dem der Eröffnungsabend des neuen Kölner Magazine-Labels stattfand, die Deutzer Werft auf der anderen Rheinseite war, nicht wie in manchen Tageszeitungen *hust* Kölner Stadtanzeiger *hust* behauptet jene Werft am Bonner Weg. Auch hätte man dort erfahren, dass der Abend so richtig erst nach dem vor Ort gezeigten Fußballspiel beginnen und so allen, die noch eine der letzten Bahnen zurück kriegen wollten, nicht mehr allzu viel Verweilzeit übrig bleiben würde.

Doch um darüber Missmut aufkommen zu lassen war dies klar die falsche Atmosphäre. Während auf der einen Rheinseite Konzerte an gediegenen Orten wie Gloria, King Georg oder den Opernterrassen stattfanden, hatte die Labeleröffnung in der Beinahemillionenstadt eher den kommunal-provinziellen Charakter eines Dorffestes, inmitten ehemaliger und nicht gerade neu aussehender Lagerhallen lief ein kleines Mädchen herum und verteilte Plastikschüsseln an alle Besucher, die sich am Chili bedienen wollten. Aus umstehenden Bungalows und Campingwagen echoten Reaktionen auf den Spielverlauf, Axel Willner aka The Field schob einen Babywagen umher und Hunde latschten munter schwanzwedelnd durch die Gegend, auch während des anschließenden Auftrittes von DOC + PNN.



Hinter dem Kürzel verbargen sich zum Einen die Drums Off Chaos, eine fünfköpfige Perkussionistengruppe mit u.a. Jaki Liebezeit von Can, und Jens-Uwe Beyer alias POPNONAME. Mit dem Weste tragenden Liebezeit und Beyer am Laptop im Zentrum bildeten die sechs vor einer Leinwandprojektion aus Fernseh- und Printmagazinausschnitten einen gen Publikum gerichteten Trommel-Halbkreis, über den sich mehr schellende Glöckchen verteilten als ich je in einem Konzert erlebt habe. Entgegen ihres Namens spielten DOC nicht sonderlich chaotisch, sondern blieben mit ständigen Detailvariationen gemeinsam im sich nur ab und zu verschiebenden Rhythmus, der aber nie so richtig wuchtig à la Boredoms ausbrach.

Irgendwo zwischen Antreiben und bewegter Textur entwickelten die Dutzend verteilten Schläge pro Sekunde mit der Zeit einen dahin treibenden Charakter, mit dem sich Beyers elektronische Soundscapes nicht immer sinnig zu verbinden schienen. Auch bei völliger Fokussierung auf die Musik wollte sie mich nur zeitweise so richtig mitnehmen wie die gemütlich in ihr Spiel versunkenen Performer selbst, auch wenn das Set mit der Zeit intensiver und auch damit einhergehend besser wurde. Immerhin erschien es mir aber nicht langwierig, so war das 0:04 beim anschließenden Blick auf die Uhr schon überraschend.

Zum Glück ging es aber ohne Unterbrechung weiter. Links daneben hatten sich Cologne Tape bereits aufgestellt, und während Beyers Laptop noch nachhallte, wanderte er als gemeinsamer Mitspieler rüber um sich die Gitarre umzuschwingen. Mit zwei Drummern und Gitarristen, Bass und drei Laptops/Synthesizern schien das Projekt fast vollversammelt, alleine John Stanier fehlte glaube ich aus der Liste fester Mitglieder. Viel hab ich nicht mehr davon mitbekommen, nur dass das erste Stück von den Beats her - trotz Drums und wenig verzerrt schrappelnder Gitarren - einen eher elektronischen Charakter hatte und ganz nett anzuhören war, als das zweite einen Abgang in schön Enoig-ätherische Gefilde zu vollziehen schien musste ich leider auch schon einen selbigen machen und war immerhin froh, dass der Fußbal dem nächsten Festivalabend nicht mehr in die Quere kommen würde.

Konzert: Future Of The Left


Als Future Of The Left vor zwei Jahren zum ersten Mal in Köln spielten war es selbst im nicht gerade gigantischen Tsunami Club erstaunlich leer, und das obwohl in nahezu jeder Rezension von Curses der Mclusky-Nachfolgerstatus hervorgehoben worden war. So hatte ich dann für den Auftritt im Gebäude 9 publikumsmäßig keine großen Erwartungen, umso erfreulicher dass sich der nicht gerade winzige Laden als ordentlich gefüllt entpuppte. Völlig verdient, denn die drei aus Wales bringen live nicht nur musikalisch das Feuer, zwischendurch sind sie verbal auch die besten Entertainer der Welt.

Zumindest wenn man etwas für schwarzen Humor und Beleidigungen übrig hat. Wie schon auf ihrem Tourblog dokumentiert zeigte sich das Publikum bei den ersten Auftritte in der Schweiz nur mäßig enthusiastisch, und nachdem der Unterschied zur Menge in Köln offenbar schon früh deutlich wurde ließ Andy Falkous diese einmal, nicht wirklich böse gemeint, munter "Fuck Switzerland" intonieren. Andere Verbalhaken wurden für dumme Sprüche und Anfragen aus dem Publikum ausgeteilt, auch bekam Drummer Jack Egglestone einmal etwas ab, gemein da er sich ohne Mikro nicht öffentlich wehren konnte.

Auf den ersten Blick passt dieser rüde Umgangston auch bestens zur Musik, dem grollenden Bass von Kelson Mathias, der fies verzerrten Gitarre und dem nicht weniger ätzenden Keyboard und natürlich Falkous charakteristischem Bellgesang (der ebenfalls schon mal durch den Verzerrer gejagt wurde). Doch schon in den Texten finden sich Gesellschaftsbetrachtungen und ein cleverer, kontrastierend absurder Humor statt Machismo und roher Gewalt, live wurden ein paar in den ersten Reihen ermahnt nicht übermütig zu werden, der raue Umgangston kam mit einem Augenzwinkern und oft mit Selbstironie an und zwischendurch wurden auch mal Schokoriegel mit einem herzlichen "If you get hit in the face you should have fucking moved" in die Menge geworfen. Ganz toll auch als es jemand wagte sich Mcluskys Lightsabre Cocksucking Blues zu wünschen, das wurde dann zwar angespielt aber mit der Begründung abgebrochen dass man es nur spielen würde wenn es sich niemand wünsche und sich das Publikum nun bei demjenigen bedanken dürfe.

Der Musikteil der Aufführung wartet zunächst mit wenigen Überraschungen auf, was auch gut ist, schließlich will man hier mal richtig mit dem Genick wackeln, die Fäuste an den passenden Stellen nach vorne recken und auch zu den oft unerwähnt tanzbaren Rhythmen die Füße schwenken. Eine solide Rockshow eben, dazu gehörte auch das Crowdsurfen an dem sich Mathias später (senkrecht stehend) versuchte. Als das nicht funktionierte rollte er erst mal rücklings auf die Bühne um dort weiter zu spielen, runter in die Menge kam er aber auch mal. Ob das nun alles bei der Zugabe geschah weiß ich gar nicht mehr, so sehr sind die Erinnerungen an diesen herrlichen Abend schon zusammen geflossen, ganz klar noch in Erinnerung aber: Die Ankündigung dass die Band offiziell keine Zugaben gäbe und sie sich deswegen völlig albern hinter Schlagzeug und Lautsprechern versteckten um die Bühne nicht verlassen zu müssen und das zum ausgedehnten Finale The Only Way To Send Those Fuckers Home am Bass abgeholzt wurde: Ein Teil aus der Peer Gynt-Suite von Edvard Grieg. Fürwahr keine gewöhnliche Rockband, live zudem so ziemlich die beste die man heutzutage erleben kann.

Konzert: c/o pop Tag 5 - Kreidler, Von Spar



Irgendwie hatte es diese c/o pop zeitorganisatorisch auf mich abgesehen: Immer wenn es mir egal wäre waren Anfang und Ende überpünktlich, wenn ich hingegen wie gestern weg musste um noch die letzte Bahn zu kriegen verzögerte sich schon der Einlass um eine Stunde. Dadurch entging mir leider die Gelegenheit mir am Ende auch noch was von Prins Thomas' Set zu geben, um die Nacht durchzumachen und den ersten Zug am nächsten Morgen zu nehmen fehlten mir nach 5 Tagen c/o pop dann doch die Energiereserven, aber das änderte nichts daran dass die sonntägliche 10jährige Italic-Jubiläumsparty den würdigen Abschluss eines sehr feinen Festivals bot.

Kreidler stellen bislang zugegeben eine meiner zahlreichen BIldungslücken dar, in der Zeit meiner musikalischen Geschmacksfindung war das auf Wah Wah die Art von "ernster" Musik bei der ich wegschaltete bis dann wieder Sonic Youth über die Parallelen ihrer Diskographie zur Star-Wars-Trilogie bullshitteten. Von daher weiß ich nicht wie viel des gestern gespielten Materials neu war, die Darbietung war aber hervorragend. Schön krautig groovten die Düsseldorfer (mit Alex Paulick von Coloma am Bass zum Quartett angewachsen) voran, spannten instrumentale Landschaften auf die mich vor allem an Trans Am ohne Vokoder-Albernheiten erinnerten, besonders in der Verstrickung elektronischer und handgeschlagener Beats tat sich da rhythmisch ein ganzer Nebenschauplatz auf. Sogar kleine Bongos kamen mal zum Einsatz, wenn der Fokus mehr auf die elektronischen Melodien gerichtet war entfachte sich dann gegen Ende ein zunehmend heftigeres Farbgewitter von den Leuchtsäulen an der Rückseite der Bühne.



Den besten (und ich glaube auch besser besuchten, wegen Heimvorteil vielleicht?) Auftritt gaben aber davor Von Spar. In Nebel getaucht war von der Bühne zunächst nicht viel erkennbar, die Aufmerksamkeit wurde so auf das Geschehen auf der Leinwand über ihr gelenkt. Dort wich das Tunnellogo des Quartetts einer langsam aufsteigenden, hoffnungserregend brennenden Sonne, die Musik machte in ihrer damit einhergehenden Wärme die goblineske Unholdigkeit, die besonders die zweite Hälfte ihres 2007er selbstbetitelten Albums zu einer etwas zähen Angelegenheit gemacht hatte, zunächst vergessen. Zugänglicher sind Von Spar nicht unbedingt geworden, aber bunter, variationsreicher mit tausend stilistischen Anknüpfungspunkten, bestens exempliert durch das heute erschienene HyBoLT das auch als Zweites gespielt wurde.

Die Gitarre wurde entweder für sonnige Mittelmeer-Melodieskelette oder als ratternde Textur genutzt, bestimmend für das größtenteils rein instrumentelle Klangbild waren vor allem analoge Synthesizer, digitale Sounds kamen von den mit analogen Drums in regem Wechsel stehenden elektronischen Beats. Anders als noch vor drei Jahren kam Gesang kaum ins Spiel, ein einziges Mal kam der auch an der Gitarre in der ersten Hälfte unterstützende Popnoname am Mikro zum Einsatz und erzeugte auch hier leise und sanft einen starken Kontrast zum sich überschlagenden Jauchzen Thomas Mahmouds der die Band vor der Entstehung ihres kommenden dritten Albums verließ.

In der zweiten Hälfte nahm der abenteuerliche, selten für applausgefüllte Pausen unterbrochene Klangtrip dann an Intensität zu, das Schlagzeug drängte die Beine mehr zur Bewegung und die Melodien wurden schizophrener. Dazu ging der Sichtfokus von der bildlosen Leinwand auf die mittlerweile beleuchtete Bühne vor der sich das Publikum in der ersten Reihe rührend um den stets an den Rand des Abgrunds (und einmal sogar unbeschadet darüber hinaus) wackelnden Laptop kümmerte. Insgesamt verging vielleicht eine Dreivertelstunde, das reichte aber schon um den Auftritt zu einem weiteren Highlight des bislang besten c/o-pop-Festivals zu machen das hoffentlich auch im nächsten Jahr die Priorität auf Qualität statt flüchtige Major-Hypes und solch vielfältige Veranstaltungen wie die der vergangenen Woche setzen wird.

Konzert: c/o pop Tag 3 & 4 - Norwegian Night, Black Lips, GAS

Viel an Livemusik gibt es vom Freitag nicht zu rekapitulieren, den Großversammlungen blieb ich fern und machte nicht mal vom Festivalticket Gebrauch, der Eintritt zum Tanzabend Studio 672 war nämlich umsonst. Zu sehen gab es im Rahmen drei norwegische Elektronikexporte, alle etwas heftiger drauf als die übliche Bartträgerriege. Besonders hervorzuheben wäre hier der einzige Auftritt mit Gesang, Taigatrost und ihr Begleiter trugen beide zu Beginn überdimensionierte Fellmützen und erinnerte mich mit ihrer verstärkt verzerrten Stimme ein wenig an Regina oder The Knife, möglicherweise lag das aber auch einfach an der nordischen Inflektion. Die Instrumentalmelodien gingen leider ein wenig zugunsten von Bass und Gesang unter, schade deswegen dass ich im Nachhinein nichts Hörbares von ihr im Netz finden kann.

Der Samstag bot dann einen Abend der Steigerungen. Dank verpasster Bahn kam ich ne halbe Stunde zu spät am Offenbachplatz an wo offenbar schon anderthalb Auftritte vergangen waren, ich kriegte nämlich gerade noch ein Stück von den Nordengländern The Chapman Family mit. Die machten grundsätzlich wenig anders als 90% englischer Gitarrenbands der letzten paar Jahre, waren aber durchaus kompetent, auch auf der melodischen Seite und hoben sich noch am ehesten mit einem vollen, trockenen Knarzen im Sound ab. Besonders beim Finale wirkte ihr Rock 'n Roll dann aber absurd routiniert, wie bei vermutlich jedem anderen Auftritt auch simulierte der Sänger mit seinem Mikrofonkabel eine Erhängung, der Bassist schwang sein Instrument zielsicher um seine Schulter ohne seine imposante Haartolle zu runieren und malträtierte ebenso wie der Gitarrist sein Instrument mit einer Bierflasche. Nette Show, aber wie gesagt fürchte ich ist der Zauber spätestens dann vorbei wenn man genau das gleiche Finale ein zweites Mal erlebt.



Dann wurde erst mal umgebaut und ich konnte meinen ersten Eindruck bestätigen, auf der anderen Seite des Platzes waren immer noch (Floh-)marktstände aufgebaut, was eine das Bühnengeschehen amüsant kontrastierende Familienatmosphäre erzeugte, auch weil dort mal ein paar Kinder rumliefen. Umso merkwürdiger dass ausgerechnet die für diverse Exzesse berüchtigten Black Lips als Nächstes auftreten sollten. Die waren aber erst mal vor der Bühne anzutreffen, unterhielten sich gemütlich mit ihren Fans und waren wie sich herausstelle auch später nicht in Stimmung zum Hosen runterlassen, vielleicht lag's am sonnigen Wetter?

Obwohl ich mich, was Garage-Rock angeht, doch mehr für die Bands mit Punk-Pop-Appeal als für Psych, Blues, Country und was die Lips noch so in ihr Potpourri reinstecken interessiere war ich mit ihnen vage vertraut, war aber schon etwas überrascht wie gemütlich sie begannen. Ein wenig cartoonig muteten sie an, mit einem silberzahnigen und einem Hut und Schnurbart tragenden Gitarristen, von Anfang an stach aber vor allem ihr langhaariger Drummer hervor der ununterbrochen voller Energie seine Arme schwenkte. Nicht die sauberste Technik, dafür umso spaßiger, was glaube ich auch das generelle Motto der Lips ist. Mit der Zeit zeigten si dann immer mehr ihrer Qualitäten, besonders als allmählich die Dunkelheit einbrach fanden dann Nebel und Scheinwerfer zur vollen Wirkung und untermalten die immer wieder eingeworfenen Tapeaufnahmen mit Trashfilm-Qualität und den geisterhaften Verzerreffekt des einen Mikros.

Insgesamt standen derer sogar gleich fünf parat, die Hauptarbeit übernahmen zwar Bassist und Drummer, aber irgendwie sangen sie trotzdem meist zu mehreren gleichzeitig. Eben erwähntes Spezialmikro nutzte vor allem der linke Gitarrist um Quietsch-, Heul- und andere cartoonige Stimmen durch den Verzerrer zu jagen. Da mich die Musik immer mehr mitriss wurde ich langsam auch wieder etwas wacher und merkte wie oft die Lips eigentlich gar nicht so simple Songs haben wie es scheint, zwar sind die Zutaten alle bestens bekannt, werden aber immer wieder kombiniert oder komplett inmitten des Songs gewechselt, so blieb das Konzert nicht nur abwechslungsreich sondern wurde, da die Lips wie mir schien ihre besten und flotteren Songs erst später spielten, immer besser. Der Höhepunkt war dann die Einladung der tanzenden Fans auf die Bühne, ein glückliches Gesicht neben dem anderen, und als das Konzert pünktlich aber unter lange anhaltendem Beifall zu Ende ging war ich so aufgeputscht dass ich keine Angst mehr hatte mich jetzt in einen weichen, einlullenden Kinosessel zu setzen.



Im Cinedom fand nämlich die wahrscheinlich außergewöhnlichste Veranstaltung der c/o pop stand, Kompakt-Gründer Wolfgang Voigt präsentierte dort sein techno-ambientes Projekt GAS in Verbindung mit bewegten Bildern der Videokünstlerin Petra Hollenbach. Nach einer gefeierten Aufführung in den USA war die GAS-Auftritt in London in kürzester Zeit ausverkauft, in Voigts Heimat sah es da kurioserweise völlig anders aus. So war es nicht nur kein Problem noch einen Platz mit meinem Festivalticket zu ergattern, als ich 20 Minuten vor Einlass vor dem Kinosaal ankam standen dort gerade mal genau so viele Leute. Auch als die Vorstellung begann waren noch ein paar Plätze frei, allerdings war ich wahrscheinlich der einzige der einen oberen, mittigen Platz mit Freiraum zu beiden Seiten ergattert hatte.

Was dann folgte gefiel nicht jedem (ca. ein Dutzend Leute verließ den Saal während der Vorführung) , aber ich fand es war eine großartige, stellenweise atemberaubende Aufführung. Die Basis für die Bilder waren teils künstlich, teils natürlich wirkende Pflanzen oder zumindest pflanzenartige Konstrukte wie sie auch auf dem Artwork von Nah Und Fern zu sehen sind, oft in mehrere Richtungen gleichzeitig rotierten, wanderten und mutierten die Aufnahmen und wirkten besonders zu Anfang so wie ein Einblick in die vierte Dimension (von der man eben nur einen Teil mitkriegt, wie die dritte Dimension für ein zweidimensionales Wesen aus lauter Linien und Scheiben besteht). Dem Betrachter boten sich mehrere Sichtweisen, man konnte versuchen sich auf Details zu konzentrieren, wie einzelne Stränge wanderten, wuchsen oder verschwanden, man konnte auch versuchen in dem Gesamtgeschehen ein größeres Muster auszumachen, gleichzeitig bot Voigts vielschichtige, selbst von Verschiebungen durchzogene Musik genau die gleichen Optionen.

Der Großteil der schätzungsweise 90minütigen Videovorführung hatte ein gemäßigtes Tempo, plötzliche Wechsel und Aufsehen erregende Effekte waren besonders in der ersten Hälfte spärlich gesät und damit nur umso effektiver wenn die die Intensität der Show mit der Zeit erhöhten, wie als das gesamte, von Hunderten symmetrisch angeordneten einzelnen Objekten bevölkerte Bild zu kippen begann und einen schwindelerregenden Sog entfachte, ich erinnere mich auch gut an eine geschichtete Szenerie die Stück für Stück in kleinere Quadranten unterteilt wurde, so subtil dass man den Übergang im Ganzen nicht sehen konnte bis man nach ein paar Sekunden eine Veränderung im Detail registrierte.

Die Bilder spiegelten nicht Rhythmus (wenn überhaupt einer da war) oder Bewegung der flächenreichen Musik 1:1 wieder, waren aber gut zum Charakter der Stücke gewählt. Gegen Ende gab es beispielsweise wiegende Äste zu brüchigen Klangwellen, der Höhepunkt war aber auch in dieser Hinsicht ganz klar das grandiose Finale. In dunkel, psychotisch dissonant hämmernder Klangszenerie flog die Kamera schnell durch einen blutroten Wald, immer wieder blitzte es, als würde man waagerecht in einen Abgrund fallen an dessen Boden aus dem Dunkel ein einzelnes Wort erscheint. Während sich all dies abspielte stand Voigt regungslos unten links vor der Leinwand, wurde selbst vom Projektor bestrahlt und erst am Ende, als es unter Applaus wieder hell wurde, konnte man selbst von weit oben sehen dass er nicht immer so ernst guckt wie es auf seinen Fotos scheint.

Konzert: c/o pop Tag 2 - Patrick Wolf, These New Puritans


Ah, die Kölner Oper, Hort der Hochkultur. Dank der c/o pop weiß ich nun endlich auch wo die sich befindet, am ersten Tag war ich nämlich dort um mein Ticket einzulösen (und mein Band, nachdem mir das beim letzten Mal noch gelungen war, falsch anzuziehen! Die Dinger brauchen echt eine Anleitung) und nochmals gestern für ein denkwürdiges Konzert das, wie man wahrscheinlich mittlerweile auf allen üblichen Klatschseiten lesen kann, ein unschönes Ende nahm welches allerdings nicht unerwartet kam. Der Auftritt von Steve Strange, der für die leider abwesenden Micachu & The Shapes einsprang, war ebenfalls so wie befürchtet. Dem ehemaligen Visage-Frontmann merkte man die Folgen einer langen Heroinabhängigkeit deutlich an, körperlich wie geistig, ohne Backingtrack wäre Einiges an Vocals verloren gegangen oder schwer daneben gelandet. Was alles kein Problem gewesen wäre, nur waren die neuen Songs die er präsentierte ziemlich generischer Synthpop, so wie man sich das 80s-Revival eben nicht gewünscht hätte. Da verging einem sogar die Lust an Agamotto-Referenzen.

Dann war es aber, mit mittlerweile schon ordentlicher Verspätung, endlich soweit und Patrick Wolf betrat unter Applaus eines besonders vorne überwiegend jungen, weiblichen Publikums die Bühne im vom Regen verschonten Innenhof am Offenbachplatz. Vor gut zwei Jahren hatte er schon sein Coming Out als waschechter Popstar gehabt, seitdem hat er sich nur noch eindrucksvoller in seine Rolle als flamboyanter, extravaganter und androgyner Anime-Charakter gefunden. Zum Beginn mit Vulture renkte er sich quer über die Bühne, in ein buckeliges Kostüm gekleidet dessen er sich (Musik-)Stück für Stück entledigte, immer wieder kletterte er auf die Lautsprechertürme zu beiden Seiten der Bühne, räkelte sich, schwang lasziv und mit eindeutigen Gesten die Hüften und setzte sein fabelhaft geschminktes Gesicht so vor windgetriebenen Nebel und Scheinwerferlicht in Szene als würden aus jeder Blickrichtung Kameras für ein Konzertaufzeichnung sein Treiben verfolgen.

Musikalisch war er auch mannigfaltig in Aktion, an Violine, E-Gitarre, Ukulele, sitzend und stehend am Keyboard oder nur am Mikro, so fließend gewechselt wie seine gesanglichen Akzente vom körperlosen Falsett über croonige Tiefen bis zum Metallergegrolle. Zwar war auch die Tomlab-Ära seiner ersten beiden Alben mit The Libertine und Tristan repräsentiert und wurde rauschend aufgenommen, auch bedankte Wolf sich nochmal bei den Machern des Kölner Labels. Das meiste Material stammte aber vom neuen The Bachelor, einem Album das Wolfs Kompromisslosigkeit zeigt. Ob irische Folkballade (Blackdown), digital Hardrock (Battle, zu dem er nach missglücktem Versuch, sich von den vorderen Reihen tragen zu lassen, per pedes in die Menge watete um, in einen grautönigen Britannia-Dress gekleidet, mit ihr "Battle the homephobe! Battle the conservative!" zu skandieren (und ich glaube auch mit einem Kerl zu knutschen)) oder Breitwandpathos (Who Will), alles zieht er darauf er mit gleicher passionierter Konsequenz durch.

Nur am Ende des Konzertes sah man dann die andere Seite von Passion und Kompromisslosigkeit herkommen, nachdem er bereits mehrmals angedeutet hatte die drohende Beschneidung seiner Spielzeit auf vier Minuten zu ignorieren schmiss er zornentbrannt mit Bühneninventar nach der unglücklichen Seele die die 10Uhr-Sperrstunde des Kölner Ordnungsamts befolgt und zu Beginn des letzten Stückes den Saft abgedreht hatte. Ich sah mir das Treiben allerdings da schon nicht mehr weiter an, musste beim Verlassen des Geländes Richtung Dom allerdings bemerken dass direkt vor dem Opernhaus ein anderer Stand aufgebaut war aus dem munter Techno bollerte der auch noch aus weiter Entfernung zu hören war, das vorherige Geschehen wurde so noch mehr ad absurdum geführt.


Obwohl ich keine Hoffnung hatte allzuviel davon mitzukriegen eilte ich also weiter zur Rheinbrücke, im darutner gelegenen Bogen 2 sollten nämlich These New Puritans schon eine Weile zugegen sein. Den Anfang hatte ich auf jeden Fall verpasst, von außen betrachtet mutete das dortige Geschehen schon wie eine Mischung aus einem schamanischen Ritual und Poltergeist an, lichtüberflutete Nebelschwaden quollen aus dem Fenster hinter dem man Arme gen Trommeln schmettern sah. Dann also hinein in in die dampfende Flammenhölle und oh Wunder, erst geschätzte 20 Minuten sollten die vier Engländer auf der Bühne verbracht haben. Das sollte aber auch schon locker die Hälfte ihrer Gesamtspielzeit gewesen sein, das reichte aber allemal um schwer EIndruck zu hinterlassen.

Ihr letztjähriges Debüt ging ziemlich unverdient neben dem von Foals unter, auch wenn ich so meine Probleme mit der klinischen Kühle von Beat Pyramid hatte, live versprühte ihre nervöse, futuristische Mischung aus Elektronik, Postpunk und Post-Boredoms-Geklöppel pures Feuer und brachte das Publikum dazu eine tropische Luftfeuchtigkeit zu erzeugen. Wieviel (oder ob überhaupt etwas) von dem gespielten Material neu war vermag ich nicht zu sagen, hab ja eh die Mehrheit verpasst, aber auf ihr kommendes Album bin ich jetzt fast so gespannt wie darauf sie nächstes Mal komplett live zu sehen. Wäre eigentlich das perfekte Doppel mit HEALTH.

Konzert: c/o Pop Tag 1 - Tiny Vipers



Die Popkomm ist tot, es lebe die c/o pop? Zumindest für dieses Jahr war dies im Vorfeld die Parole um die ganze Aufmerksamkeit der Musikkonferenzlandschaft an den Rhein zu lenken, als Ersteindruck kriegten die Besucher allerdings erst mal pünktlich zur Eröffnung einen Regen der hoffentlich den klimatischen Tiefpunkt der Woche darstellen wird. Ein minderer Autor als ich würde jetzt die Wetterlage als billige Allegorie heranziehen, zum Beispiel um irgendwas über die Verfassung der Industrie, die in den nachmittäglichen Veranstaltungen diskutiert wird, zu konstatieren, aber man könnte auch einfach sagen dass das Wetter eben manchmal scheiße ist. Genau wie das Kölner Konzertpublikum.

Eine prägende, frühe Erfahrung war für mich in dieser Hinsicht der Vorprogramm-Auftritt einer Folksängerin die dermaßen von den versammelten Massen niedergequasselt wurde dass sie, auch nachdem sie noch explizit um etwas Ruhe gebeten hatte, für den Rest der Anwesenden kaum hörbar blieb und den Auftritt mit Tränen in den Augen beendete. Und obwohl es danach nie wieder so schlimm wurde gibt es immer wieder Abende an denen selbst beim Hauptauftritt ein Großteil der Anwesenden die Musik lediglich als Ambiente für angeregte Unterhaltungen über Wetter, Cousine Britts Geburtstag und diesen tollen neuen Schuhladen in Ehrenfeld betrachtet. Gewiss alles dringendwichtige Themen, wäre nur schön wenn die irgendwo zur Sprache gebracht werden könnten wo sie diejenigen, die für ein Konzert gekommen sind, nicht stören.

Und hier kommt nun der Grund warum ich das King Georg mag. Im Club am Ebertplatz besteht eine recht ungewöhnliche Anordnung der Anwesenden, hier ist das Publikum in einem Dreiviertelkreis um den Künstler herum versammelt und selbst wenn nicht wie gestern vorher explizit darum gebeten wird bleibt es während der Konzerte angenehm still, schließlich kann man hier nicht anonym in der Menge untertauchen, dank der Beleuchtung kann jeder jedem ins Gesicht sehen und zur Not missbilligend auf die Schulter tippen. Doch wie gesagt gibt es dazu keinen Anlass beim ersten Konzert der c/o pop, als Jesy Fortino alias Tiny Vipers die zentimeterhohe Bühne betritt sind die Sitzränge sowie der gesamte Boden dazwischen voll mit sitzend lauschenden Schweigern.

Obwohl sich zwei Pedale zwischen Lautsprecher und ihrem Sechssaiter befinden wird dessen natürlicher Klang kaum verzerrt, am auffälligsten noch zum Akzentuieren einzelner Basstöne. Ansonsten hat ihre Musik live ohne zusätzliche Stimmen oder sanfte Drones leider weniger von der nebligen Aura die sie auf Platte umgibt, man fühlt dieses atmosphärische Mehr eher als dass man es wirklich hört, dafür wird sie umso mehr von Fortinos Stimme bestimmt. Die muss den Hörer an der Hand nehmen, denn besonders im gut zehnminütigen Titelstück des neuen Albums Life On Earth werden ihre wenig in traditionell repetitive Strukturen gepferchten Stücke zu einer Reise durch Fortinos Gedankenwelt die auf Dauer eintönig zu werden droht.

Aber da verkündet sie schon "This is my last song", genau so knapp und scheu wie den Rest des Abends den sie nahezu ausschließlich mit gesenkten Augenlidern verbringt. Eine Zugabe gibt es allerdings noch, nahezu im Handumdrehen, denn ein eleganter Ab- und wieder Aufgang scheint bei diesem Hindernislauf über den besetzten Boden schwer durchführbar. Danach ist sie allerdings trotzdem ganz schnell weg, so still wie der Rest dieses gemütlichen ersten c/o pop-Abends verlief. Morgen wird's aber sicher lauter, vielleicht sonniger, und ich verspreche auch frei von seitenlanger Publikumsdiffamierung.

Konzert: The Juan MacLean


Viel Programm gibt es an diesem Sonntagabend in Köln geboten, während die Yeah Yeah Yeahs in Ehrenfeld gastieren und ein paar Meter weiter The Hold Steady gestandene Männerherzen zerfließen lassen ist es verständlicherweise nicht brechend voll zum Auftritt von The Juan MacLean im Blue Shell. Doch wo andere Abende in so einer Konstellation mit nur wenigen Schwätzern zur Nervenprobe werden können erweisen sich dergleichen Bedenken im Verlaufe dieses Konzertes als falsch, wo anfangs noch vereinzelt Gerede zu hören ist gibt es am Ende mehr Jauchzen und Whooen als bei manch einem prall gefüllten Kölner Saal zu vernehmen.

Denn was man auf The Future Will Come noch als eleganten, retroaffinen Synthpop bewerben kann entpuppt sich live als kaum ablehnbare Einladung zur großen Tanzparty. Dabei wird das Material ziemlich nahe am Studiosound umgesetzt, die kleinen liebenswerten Feinheiten findet man fast alle von einem der vier Akteure gespielt auch hier vor. So wird auch der Viersaiter vom Synthesizer ersetzt, als unabdinglich erweist sich die physische Präsenz von !!!-Drummer Jerry Fuchs der eine göttliche Vorstellung abliefert, eine Stanier-ähnliche Maschine die gnadenlose Präzision auch über eine knappe Minute bei den irrsinnigsten Geschwindigkeiten beibehält. Seine Trommeln wummern und bommern nicht einfach, in ihrer Dichte an- und ineinandergespielten Summe pulsieren sie, rollen, schwingen.

In der Mitte der Bühne kommandiert Sängerin Nancy Whang ganz in Rot das Geschehen, da gerät der Namensgeber der Band fast schon in den Hintergrund, auch wenn er zwischendurch auch mal mit einem virtuosen Thereminsolo zu beeindrucken weiß. Stimmlich kommt MacLean vor allem als Support und in Duetten zum Zuge, wie beim herrlichen One Day oder dem Titelstück des neuen Albums, auch ältere Songs bei denen man ihre Beteiligung noch nicht so deutlich hören konnte wie das insistierende Give Me Every Little Thing werden nun klar von Whangs Stimme geleitet.

Das erwartete Highlight ist aber die megaepische Version von Happy House die sich über gefühlte 30 Minuten erstreckt, ich kann mich nicht entsinnen je auf einem Konzert zu einem einzigen Stück länger getanzt zu haben. Früher noch als auf dem Album scheint es vom wippenden Piano-House in den acidic-spacigen zweiten Teil überzugehen, der ist dafür erstmal umso länger. Wieder und wieder steigert sich das Stück zu einem Höhepunkt um davon abfallend sein Ende erreicht zu haben, nur um nach langsamem Aufbau wieder auf neue Weise Fahrt aufzunehmen und unter Zurufen des Publikums noch größer, ekstatischer auszubrechen.

Das schon bei LCD Soundsystem und Hercules & Love Affair erfolgreiche DFAsche Rezept der Liveband-Umsetzung erweist sich auch bei The Juan Maclean als ein Triumph, hoffentlich spricht sich das auch rum so dass die Tanzparty nächstes Mal in noch größerem Rahmen stattfinden kann.

Konzert: Mi Ami


Auch wenn ich es geflissentlich zu ignorieren versuche hat doch die Wahl der richtigen Clubumgebung einen großen Einfluss auf das Konzerterlebnis. Arcade Fire möchte ich lieber nicht in einem kleinen Kellerclub erleben, genau so wenig eine Band wie Mi Ami in einem schick-poliertem Scenesterschuppen. Von daher war ich etwas stutzig als ich einen Blick auf die Homepage des Rubinrot warf, nach Eigendarstellung eine farbenfroh beleuchtete Cocktailbar mit, einer Bekundung im Gästebuch zufolge, nicht den billigsten Getränkepreisen. Platz für eine Bühne war dort auch nirgends auszumachen.

Vor Ort entpuppte sich der Laden aber direkt nach Betreten als ein gemütlicher Kölner Studententreff (mit mühelos erschwinglichem Bier) in dessen Hinterteil sich ein spartanisch ausgestatteter Konzertraum versteckte, um den Einlass kümmerte sich direkt einer von der lokalen Vorband Patterns. Die überraschten überaus angenehm, mit einer Vorliebe für multiple, zum Teil vom Publikum eingesetzte, Percussions ("More cowbell" wurde direkt am Anfang als Motto durchgegeben) erinnerte ihr rhythmusgetriebes Spiel an frühe The Rapture, eine bessere Vorgruppe für Mi Ami in Köln dürfte sich in Köln kaum finden.

Doch auch wenn einige der eingeflogenen Freunde der Band danach schon wieder verschwanden so dass es kurioserweise weniger voll war als im Vorprogramm, die Hauptattraktion dieses Abends war klar das Trio aus San Francisco das vom ersten Anschlag an ein derartiges Inferno entfesselte dass nach wenigen Minuten schon die nicht unweit stationierte Polizei anklopfte und um Mäßigung der Lautstärke bat. Nach einem kaum merklichen Runterdrehen wurden die nächsten beiden Stücke dann spontan Police Story tituliert, nicht dass man hätte überprüfen können ob da inhaltlich etwas dran wäre, bei den falsettigen Exzessen mit denen Sänger Daniel Martin-McCormick seine Stimmbänder strapazierte.

Seine Gitarre entfesselte live so einiges mehr an Gewitter als auf dem Debütalbum Watersports, überhaupt spiegelte sich mit vielen neuen Stücken im Programm die dafür rausgenommenen meditativen Tiefen dessen zweiter Hälfte live praktisch gar nicht wieder. Der Klang von Jacob Longs Bass war längst nicht so verzerrt, dafür sein Spiel umso treibender als rhythmischer Rücken der aufflammenden Schübe mit denen Mi Ami Bewegung entfachten. Obwohl Stücke wie New Guitar und Pressure leicht umstrukturiert, immer wieder einzelne Sektionen verändert und verlängert waren, konnte man immer genau spüren wo die Energie der Musik hinlief, wie sie sich stetig nervöser zuckend aufbaute um sich schließlich in grandiosem Schrammeltrommelschreikrawuppdich zu entladen. Das funktioniert so grandios weil diese Band, die das Publikum direkt zu Beginn ganz nah an sich herangezogen hat, vor allem eins ist: gnadenlos tight. Auch wenn der Kopf von McCormicks zappelnder Gitarre die ganze Zeit nur Zentimeter vor meinem Gesicht umherschwang, er traf mich nie. Kontrollierten Ausbruch nennt man das.

Konzert: Sunset Rubdown


Das Wetter ist herrlich, das Lustbarometer steht auf Abenteuer, was könnte da besseres anstehen als ein Rubdown Road Trip? Auch ihre zweite Tour führt Sunset Rubdown in eher entlegene Gegenden der Republik, und wenn die Band nicht zum Berg kommen will muss der Prophet eben nach Wetzlar fahren. Oder so ähnlich. Jedenfalls entpuppt sich die Stadt an der Lahn als ein richtig schöner Ort, besonders der alte Teil der Stadt durch den der Weg zum örtlichen Kulturzentrum führt ist eine echte Augenweide und wirkt an vielen Stellen nicht ganz real. Umrahmt von malerischen alten Steinbauten, engen, steilen Gassen und scharfkantigen Häusern die so absurd verbogen sind dass sie schon wieder wie moderne Architektur wirken ist dieser Pfad wie ein Portal in die mythische Welt von Spencer Krugs Musik.

Mit dem vor Kurzem schon für Jubilieren sorgenden Idiot Heart eröffnet gleich ein Stück vom kommenden Album Dragonslayer den Abend. Spätestens seit dessen Vorgänger Random Spirit Lover ist ja wohl jedem klar dass, selbst wenn man Krugs verschiedene Tätigkeitsfelder klingeistig in Haupt- und Nebenprojekt unterteilen muss, Sunset Rubdown qualitativ und mit mehr Output als Wolf Parade und Swan Lake zusammen genommen auch quantitativ das Gros seines Schaffens ausmacht.

Damit einhergehend ist die mittlerweile zum Quintett angewachsene Gruppe zu einer eindrucksvoll zusammengeschweißten Band geworden, kommuniziert auch schon mal allein durch Blicke. Was vielleicht auch nötig ist, denn Krug gibt zu ein Goldfischgedächtnis zu besitzen und kann zur Feinabstimmung so gerade noch zwei Anweisungen auf einmal an den Tontechniker weiter leiten. Was seine Texte und Melodien angeht erweist er sich aber als mentaler Elephant, sattelfest in seinen halb sitzend, halb knienden Posen auf dem Klavierhocker und auch vermehrt an diesem Abend stehend an der Gitarre.

Überhaupt gibt es auf der Bühne, in deren Mitte ein großer Ventilator Krugs legendäre Schweißkapaden mildert, allerlei instrumentale Vielseitigkeit zu beobachten, allein schon weil fast jede Station der Bandmitglieder mit zusätzlichen Percussions versorgt ist, selbst zu Krugs Füßen sitzt eine wuchtige Kickdrum. Auf den (vielen) neuen Stücken - ein Programmwechsel der auch durch das Fehlen von Krugs antiker Lampe signalisiert wird, anstelle der eine nicht von Krugs heftigen Tastenanschlägen hin und her geschleuderte bunte Leuchtkugel an seiner Seite liegt - ist Sunset Rubdowns Sound mit dieser instrumentalen Erweiterung wuchtiger, rasanter geworden, besonders für die zweiten Hälften der sich steigernden Songs scheint da The Mending Of The Gown richtungsweisend gewesen zu sein.

Über Krugs fantastischen Textmotiven türmen sich alsbald prächtige Instrumentalgeschichten auf deren Zenit das epische, zehminütige und vorläufige Finale Dragon's Lair bildet, der in der ersten Konzerthälfte noch an den Drums agierende Jordan Robson-Cramer unternimmt dort einen ebenso feurigen Ritt auf der Leadgitarre. An dieser Stelle tritt der gleiche Effekt ein wie bei anderen neuen Stücken, nämlich immer wenn man fühlt dass die musikalische Narrative nicht richtig befriedigend ist, wenn noch irgendwas fehlt kommt verlässlich das fehlende Puzzlestück um die Ecke um es in die Königsklasse zu heben (ganz richtig, heute gab's im Supermarkt verkappte Metaphern im Sonderangebot).

Aber auch meist kürzere, alte Favoriten wie Stadiums And Shrines II, Winged/Wicked Things, Trumpet, Trumpet, Toot! Toot! oder The Empty Threats Of Little Lord machen gern gehörte Auftritte, insbesondere Us Ones Inbetween und die zweite Zugabe The Taming Of The Hands That Came Back To Life zerren im besten Sinne an meinen emotionalen Innereien, dank Krugs in solchen Momenten bewegender Stimme die man gar nicht richtig glauben mag bis man sie mal selbst erlebt. Doch schon bald ist auch die letzte Zugabe zu Ende - aber Moment, das "bald" muss man nach einem Blick auf die Uhr wieder zurück nehmen. Wenn sich ein anderthalbstündiges Konzert zu kurz anfühlt ist das was Gutes, oder?

Setliste und Fotos gibt's beim Konzerttagebuch.