Video: Glasser - Mirrorage
Von Uli am 11. Februar 2011, 12:33

Selten weiß ein Auftritt auf so vielen Ebenen zu faszinieren wie der gestrige von Glasser im Blue Shell. Die herrlich einnehmenden Kompositionen ihres Debütalbums Ring brachte Cameron Mesirow mit Unterstützung dreier Mitspieler größtenteils ohne Computerplayback auf die wenig von Boden und Publikum distanzierte Bühne - was bei der schieren Menge und Vielfalt an verwendeten Instrumenten fast so verwundern mag wie die Tatsache, dass eins der ständig präsenten Instrumente eine Gitarre war, die nun wirklich keine bedeutende Rolle in Glassers futuristisch klarer Klangwelt spielt.
Doch die Verwunderung darüber sollte sich gelegt haben, als die ersten Holzbläser- oder Synthmelodien zu hören waren, die genau den Fingerläufen des Gitarristen folgten. Über ein MIDI-Pickup wurden die von ihm gespielten Noten in immer wieder überraschende Klänge umgewandelt die teils traditionellen Instrumenten jeglicher Couleur entsprachen, aber auch elektronische Pieper oder menschliche Mundgeräusche sein konnten. Selbst mit genauem Hinsehen war es mitunter unmöglich genau festzustellen, von welchem der Spielenden ein Ton nun kam; An einer Stelle spielte z.B. die Gitarre ein perkussives Klackern, wechselte daraufhin aber das "Instrument" und beim nächsten Mal kam das Klackern vom elektronischen E-Schlagzeug (von dem ich mir auch sicher bin, dass es irgendwann mal als "melodisches" Instrument fungierte).
Wie um von diesem faszinierenden Blick hinter die so auch live in aller Pracht erklingenden Musik abzulenken, war aber Mesirow das Zentrum des Geschehens. In einem scheinbar so einschränkend eng anliegenden wie mit einem steifen, weit abstehenden Kleid leicht aneckenden Kostüm wand, drehte und verbog sie sich fast schon balletthaft, bewegte den Kopf sich mit jedem hallenden Schrei in Tremel ein Stück weiter oder zuckte und sprang so belebt zum rhythmusdurchzogenen Home, wie das in so hohen wie klobigen Schuhen nur möglich ist. Beeindruckend war aber mehr als alles ihre kraftvolle Stimme, so kontrolliert, präzise und adaptiv wie das komplexe Klanguniversum um sie herum. Erfreulicherweise herrschte dann auch in dem Raum, in dem jedes Geräusch so laut gewirkt hätte als wäre es direkt neben einem entstanden, absolute Stille als sie das auf Ring ohnehin schon spärlich instrumentierte T nahezu a capella sang, allein vom Hauch einer Melodie begleitet. Auch hier ganz die Showwoman, hielt sie die Augen die ersten Verse lang geschlossen um sie erst bei der Intonation von "Let me see you through your eyes" geradewegs ins Publikum zu richten.
Das Highlight war aber das finale Mirrorage, nicht minder eindrucksvoll als in seiner Studiofassung. Hier mal eindeutig aus dem Laptop kommend, hing ein Stimmenchor über dem stetig dichter mit Trommelfeuer, Gesang, Basspuls und glasklaren Perkussionsmelodien angefüllten Raum. Auch wenn die Töne nur von vorne kamen, am Ende fühlte man sie auch dann noch um sich herum, als man ihn schon durch einen blauen Vorhang verlassen hatte.
[Video] Glasser - Mirrorage


