Konzert: Les Savy Fav

Bei allem Optimismus, ich glaube nicht dass diesen gestrigen Abend dieses Jahr noch irgendwer toppen wird. Er beginnt mit den live ähnlich kurzweilig wie auf Platte, nur ein bisschen lauteren Cloud Nothings, gefolgt von den mal wieder tollen Sky Larkin, die an einem anderen Tag durchaus die Hauptattraktion an dieser Stelle abgegeben hätten (was sie ja auch bereits haben). Doch nicht zu vergleichen sind mit dem was kommt.

Denn das sind Les Savy Fav und damit auch ihr rundlich-vollbärtiger Sänger Tim Harrington. Der streng genommen ein absolut miserabler Sänger ist: Er hält sich oft weder an Melodie noch Takt, ist ohnehin so heiser dass man ihn kaum versteht, wenn er nicht ohnehin schon die Nähe zum Mikrophon meidet. Vorbildlich dagegen die hinter ihm agierende Band, die die vertrackten Post-Hardcore-Dynamiken live mühelos poppig erscheinen lässt.

Nein, was Harrington ist, ist ein unglaublich mitreißender und unterhaltsamer Frontmann. Von der Sekunde an, in der er die Bühne betritt, wird die Grenze der Normalität ein gehöriges Stück in Richtung Wahnsinn verschoben, mit nimmermüder, manischer Energie wartet er mit stets neuen Ein- und Ausfällen auf, dass man irgendwann selbst die absurdesten Eskapaden als selbstverständlich empfindet.

Daher an dieser Stelle eine unchronologische, unvollständige Auflistung der normalsten Dinge, die Tim Harrington gestern gemacht hat:
  • Nachdem er sein Kostüm als noch verstörendere Version des fleischgewordenen Burger Kings größtenteils abgelegt und seine senkrecht in die Luft beförderte Spucke wieder aufgefangen hat, begibt er sich zum ersten von vielen Malen ins Publikum um, auf der anderen Seite des Gebäude 9 angekommen, über dem Ausgang herumzuturnen
  • Er bindet sich einen Schlips um die Augen und kippt blind vom Bühnenrand zu um sich dort auffangen zu lassen. Von dem einzigen Zuschauer, der dort steht. Der etwa halb soviel wiegt wie er.
  • Sorglos übergibt er (und dies mehr als einmal) das Mikro an ein Publikumsmitglied, das songfremde Wüstheiten improvisiert während er sich in aller Ruhe schwarzes Klebeband um Bauch und Schritt und auf die Augenbrauen klebt
  • Wie ein begeistertes Spielkind stellt er zwei Monitore hochkant, hievt Bassist Syd Butler auf den einen, sich selbst auf den anderen um bedenklich darauf herumzuwanken
  • Nach etwas Rütteln öffnet er den Fluchtausgang und haut aus dem Raum ab. Zweimal.
  • Waghalsig klettert er auf einem weniger als fußbreiten Fenstervorprung entlang, versucht auf den Schultern der Zuschauer zu laufen nur um bereits beim zweiten Schritt aus Schulterhöhe gen Beton zu fallen
  • Zur ausgiebigen Zugabe betritt er die Bühne in einem fleischfarbenen Ganzkörperkostüm, das mit einem losen Verständnis der inneren menschlichen Anatomie illustriert ist
  • In das er ein Dutzend Bierflaschen stopft, die von Sekunde zu Sekunde weiter in Richtung seines Beines rutschen
  • Wo er sich an einer der Flaschen schneidet, das Blut ableckt und sich auf Stirn und Zunge schmiert
  • Irgendwie schafft Tim Harrington es, auch diesen Abend ohne Hals- und Beinbruch zu überleben