c/o pop 2011 Tag 2: Apparat Band, Owen Pallett

"Ein Kölsch bitte." - "Das können sie aber nicht mit rein nehmen." Schon wieder fühlt sich mein Weltbild erschüttert an. Ein Konzert, zu dem keine Getränke erlaubt sind - ich bin tatsächlich in der Philharmonie. Die Tickets hatte ich dafür in Kölns größtem Punk/Hardcore-Plattenladen erworben, auch das folgende Konzertprogramm sollte zumindest eine Abweichung vom sonstigen Geschehen in diesem Gebäude liefern, aber irgendwo muss der Spaß ja aufhören.

Drinnen machen gerade die menschenhohen Lichtsäulen nochmal einen kurzen Testlauf, die den Auftritt der Apparat-Band begleiten sollen. Vor vier Jahren spielte Sascha Ring schon einmal live auf der c/o pop, das ihn umgebende Musikergefüge ist aber seitdem merklich solider zur Band (aus der einer aus der Entfernung amüsant wie Charlie Day aussieht) zusammengewachsen. Auch das ältere Material scheint besser fürs Liveumfeld arrangiert worden zu sein, scharfe Unterschiede zu den vielen neuen Stücken gibt es kaum. Wobei es eben aufgrund der repetitiven Strukturen größtenteils schon noch klar erkennbar ist, dass es sich hier nicht um eine typische Rockband handelt, doch gerade als ich mir denke, dass Ulrich Schnauss auch wunderbar in diesen weit klingenden, vielleicht halb gefüllten Riesensaal gepasst hätte, bricht das Quartett in eine richtig dicke Dronerock-Nummer aus die den Secret Machines zur Ehre gereicht hätte.

Trotzdem bin ich mehr gespannt darauf, wie sich das alles auf dem kommenden Album alles aneinander reiht, so wirkte das nicht stimmig genug um ein richtig überzeugendes Konzert zu bringen. Das kam dafür im Anschluss. Zunächst jedoch Schock beim Toilettenbesuch, denn genau in dem Moment, da ich den Abzug betätige, ertönt lautes Trompeten - hab ich etwas gewonnen? Aber nein, in weiten, anscheinend unregelmäßigen Abständen werden durch Lautsprecher im ganzen Eingangsbereich kurze Konzertschnippsel abgespielt. Warum auch immer.

Außer Frage steht dafür sofort, dass Owen Pallett Kanadier ist. Hab ja noch nie ein interview mit dem Mann gesehen, deswegen muss ich überrascht fast darüber lachen, wie stereotypisch er alle "ou"-Silben ausspricht. Derlei Akzenteigenheiten kommen halt selten beim Singen rüber, wobei Pallett ohnehin primär seine Violine sprechen lässt. Ein Instrument, das er nach allen Möglichkeiten der Kunst und welchen, die über den Standard hinaus gehen, utilisiert: Klar streicht und vibiert er über die Saiten, zupft sie und schägt ebenso mit dem Bogen drauf wie mit der Hand aufs Holz, sogar in den elektrischen Tonabnehmer singt er. Unter kunstvoll verschachteltem Einsatz mehrerer Loop-Pedale, die einmal eingespielte Parts wiederholen, schichtet er so nach und nach auf bis er locker ein eigenes kleines Sinfonieorchester ist.

Nicht jedoch experimentelle Techniken machen seine Musik so bezaubernd, sondern sein Songwriting, das bei gut der Hälfte der Stücke neben seinem eigenen Synthesizer auch von einer Rhythmussektion ausformuliert wird - wobei das Schlagzeug auch über Grooves hinausgehend immer wieder dramatische Momente durch verdichtetes Spiel akzentuiert. Herzlicher werden die Stücke, die quer über die Final Fantasy/Pallett-Diskographie reichen, nur noch durch kleine Bühnenmonologe zwischendrin, wenn Pallett sich z.B. für einen Verspieler entschuldigt und die dafür verantwortlichen Lichter, die ihn blendeten, mit einer Star-Trek-Folge vergleicht. Auch als er zur zweiten Zugabe allein zur Bühne zurückkehrt, um ein brillantes, erst nach und nach von verschiedenen Segmenten im Saal erkanntes und prompt gefeiertes Odessa-Cover anzustimmen, sympathisiert er mit leicht wankelmütiger Stimme bei der nicht auszumachen ist, ob sie nur zum trockenen Humor dazu gehört: "I actually didn't wanna come out again, but they didn't turn on the lights in here and you guys kept on clapping, so... "