The Long Blondes - "Couples"


Ich hatte es glaube ich immer im Gefühl, aber beim Anhören von Someone To Drive You Home und dessen vorhergehender Singles (listening to The Long Blondes on headphones on the bus, haha) ist mir in letzter Zeit, mal ganz abgesehen davon wie verdammt gut sich dieses Album immer noch anhört, bewusst geworden wie anders doch The Long Blondes klingen als alle anderen britischen Bands, insbesondere natürlich wegen der unverkennbaren Kate Jackson (ich meine, gab es seitdem überhaupt auch nur eine einzige vage als “Indie-Band” abgestempelte Truppe mit 4-5 Mitgliedern und einer Frau am Mikro?? Nicht dass ich mich entsinnen kann). Wobei die Sheffielder nicht nur anders klingen, wie “Couples” klarstellt sind sie auch einfach anders als die vier austauschbaren Jungs in Skinny-Jeans auf dem NME-Cover. Wo letztere nach dem ersten Album fast panisch behutsam vorgehen um ja nicht ihren Buzz zu killen stellt "Couples" bereits die zweite Metamorphose der Blondes dar: Waren ihre ersten Singles noch kultige Untergrund-Angelegenheiten hagelte es mit dem Debütalbum Clubtauglichkeit mit grandiosen Texten im Schlepptau, ein Status auf dem man sich hätte ausruhen können aber stattdessen den ambitionierteren Pfad zu einem anderen, besseren Album wählte.

Ich persönlich gehörte zugegeben zu jenen die das Gesicht verzogen als die Long Blondes auf ihrem Köln-Konzert einen neuen Song mit Düster-Disco-Synths auspackten, da fehlte einfach der Antrieb, Schwung ergab sich gar nicht erst. Nur noch skeptischer wurde ich mit der Ankündigung dass ”Couples” die erste Album-Produktion des angeblich angesagten DJs Erol Alkan werden sollte, in was für ein billiges Elektrogewand würde der Mann die neuen Songs wohl zwängen? Century überzeugte mich beim ersten Hören dann auch wie befürchtet nicht, zu abstrakt der Text, zu langsam die Musik, mit den darauf folgenden auf Myspace zu hörenden Songs war an ein locker homogenes Poprockalbum wie dem ersten auf keinen Fall mehr zu rechnen.

Und das ist auch gut so. Century hat zwar zusammen mit dem ähnlich experimentellen Round The Hairpin eine textliche Sonderstellung, dennoch stellt ”Couples” eine enorme Weiterentwicklung dar bei der furchtlos alte Stärken in ein Artpop-Gewand gekleidet werden anstatt mehr szeneappropriierbares Futter für die Indie-Disco-Meute zu liefern. Alkan nahm dabei weniger die Rolle des Innovators denn des Reduzierers ein, die neuen sonischen Ideen insbesondere im Bereich der Synths (die es ja auch schon konventioneller auf einem Großteil von Someone To Drive You Home zu hören gab) kamen wohl von der Band selbst. Die hat sich, ihren künstlerischen Ambitionen gemäß, auch was ihre musikalischen Fähigkeiten angeht weiterzuentwickeln versucht.
So gibt es Gitarrenfiguren zu hören die man den Blondes vor 2 Jahren noch nicht zugetraut hätte, Drummer Screech Louder ist eh die Geheimwaffe mit seinen muskulösen Fills in Here Comes The Serious Bit oder seinem disziplinierten Spiel in dem PiL-mäßigen Round The Hairpin und Sängerin Kate Jackson wagt sich insbesondere in Too Clever By Half in bisher unerforschte Stimmlagen vor – erfolgreich. Was ihre Stimme aber darüber hinaus als eine der besten überhaupt auszeichnet ist ihre Wandlungsfähigkeit, die Fähigkeit von einem Song zum nächsten eine völlig andere Person oder Stimmung zu verkörpern und doch immer unverwechselbar erkennbar zu bleiben.

Wie geschaffen für die – weiterhin überwiegend von Gitarrist Dorian Cox verfassten – Texte in denen es sich wie gehabt mit hervorragender Beobachtungsgabe um Beziehungen dreht, fast immer mit einer Frau im Zentrum des Geschehens. In Guilt versucht sich diese selbst davon zu überzeugen dass das einmalige Fremdgehen kein schwerwiegender Fehler war den sie ihrem Partner beichten müsste (um es wieder zu tun?), sie beschwichtigt sich mit "this happens to everyone once or twice." Mehr Selbstbelügung gibt es in The Couples wo die Protagonistin sich in Selbstmitleid suhlt und sich bei all den vorbeilaufenden Pärchen als die Einsamste in der ganzen Kneipe fühlt – wahrscheinlich völlig zu Unrecht; die einsame Gitarre stimmt dazu eine klagende Trauermelodie an. In I Liked The Boys träumt Sie in eingefrorener Ehe einer alten Flamme nach ("I wonder what if I hadn't left, we had plans but i was scared and thought I knew best" bevor ihre ihre Gedanken mit "now I lie in the hay and look at the stars" von einem Sterne blubbernden Keyboard begleitet abdriften), nicht besser sieht die Prognose für die Beziehung in Erin O'Connor aus: “Close your eyes and think of Erin O'Connor or pretend i'm Lily Cole, and I'll imagine that you're someone else as well and well be okay for one night."

Doch es gibt auch Grund zur Hoffnung, so steht die in Too Clever By Half von ihrem Kerl zunächst betrogene letztendlich als Gewinnerin da und Nostalgia blickt nach “We've outgrown our own emotions" optimistisch in die Zukunft. Der große Unterschied zum ersten Album ist hier nicht in den Texten zu finden sondern in der stilistischen Vielfalt, der Reichhaltigkeit an Ideen die jedem Stück und dem dazugehörigen Text seinen eigenen Charakter gibt, seien es der pulsierende Bass und das monotone Summen eines Gitarrenverstärkers ohne Input in Round The Hairpin, das dreckige Röhren der Instrumente mitsamt shoutigen Vocals in Here Comes The Serious Bit oder das zarte Vortasten von Too Clever By Half das allein von Jacksons absolut packender Stimme getragen wird. All dies gibt dem Album weniger einen singulären neuen Sound als es vielmehr die Erweiterung des bisherigen Blondes-Schaffenswerks in verschiedene Richtungen ist. Mit bemerkenswerten Fortschritten im Songwriting, der neuen Nutzung von Freiräumen sowie langsamen Klang-Erweiterungen und -Variationen innerhalb der Songs gibt es kaum einen Song den man sich so auch auf dem ersten Album hätte vorstellen können (oder der so wie ein bisheriger Song klingt).

Zudem ist die Gesamtstruktur des Albums stimmiger und überlegter, nicht nur mit fließenden Übergängen von einem Stück zum Nächsten (Too Clever By Half und Nostalgia beginnen bereits in den vorherigen Tracks), auch antizipiert z.B. das völlig ohne Bass, Gitarre und Schlagzeug auskommende Nostalgia mit seinem dominanten Keyboard das darauf folgende und letzte Stück Going To Hell dessen durchweg angeschlagener Piano-Grundton das Stück unerbittlich und göttlich voran treibt. Überhaupt fantastisch dieser letzte Kraft-, ja Machtakt, einer dieser süchtig machenden Songs die man dutzendmal hintereinander hören kann und bei dem ich wirklich jedes Mal an der selben Stelle eine verdammte Gänsehaut bekomme. Die Macht der Jackson, klar, aber auch die neue Stärke einer Band die nicht mit ihrem eigenen Status Quo zufrieden ist und weiter drängt, sich selbst in neue Höhen schwingt.

[MP3] The Long Blondes - Guilt
[MP3] The Long Blondes - Here Comes The Serious Bit
[Stream] The Long Blondes - "Couples"

The Pains Of Being Pure At Heart


Da ich nun schon zweimal kürzlich den Namen dieser Band vergessen habe als ich sie jemandem empfehlen wollte möge dieser Eintrag, abgesehen davon dass er eh längst überfällig ist, gleichzeitig als Gedächtnisstütze fungieren. The Pains Of Being Pure At Heart heißt das Quartett aus New York das vor einem Jahr mit einer nahezu perfekten EP (zu hören auf Last.fm) debütierte und seitdem nicht aufgehört hat ein herrliches Stück Gitarrenpop nach dem anderen zu erschaffen.
Jüngste Beispiele dafür sind die kommende Single Everything With You und ihr Beitrag zur Split-7'' Searching For The Now 4, das rasant-ohrwurmige Come Saturday, beide werden auf dem Twee-traditionsreichen Slumberland veröffentlicht das auch Anfang nächsten Jahres das erste Album von The Pains Of Being Pure At Heart herausbringt. Vermutlich finden sich darauf auch manche der Songs auf ihrem Myspace wie Stay Alive und das ganz frische A Teenager In Love, beide wieder mal schon fast beängstigend schön.

[MP3] The Pains Of Being Pure At Heart - Come Saturday (von Searching For The Now 4)
[MP3] The Pains Of Being Pure At Heart - Everything With You (von Everything With You)
[MP3] The Pains Of Being Pure At Heart - Stay Alive

The Pains Of Being Pure At Hearts Myspace

Neues Von Glass Candy, Chromatics


Wer über längere Zeit Johnny Jewel und die Projekte in die er involviert ist mitverfolgt merkt bald dass der Mann ein geduldiger Perfektionist ist der ewig an einem Stück Musik rumtinkern kann bevor er endlich halbwegs mit dem Ergebnis zufrieden ist. In Auszügen kann man ihm sogar dabei zusehen, es gibt Stücke die er in den vergangenen Jahren in immer wieder neuen Fassungen veröffentlicht, sei es auf Myspace oder auf physischen Veröffentlichungen.
So trägt der neueste Track auf der Seite von Chromatics den wohlbekannten Titel Lady, in diesem Fall ist aber fraglich ob es sich dabei wirklich um eine geänderte Fassung hiervon handelt. Damals war Sängerin Ruth Radelet noch nicht an Bord (stattdessen ein Vocoder), auch der Instrumentalteil klingt einfach wie ein völlig anderes Stück. Aber vor allem: weitaus besser.

[M4A] Chromatics - Lady (Demo)


Das alles hätte ich auch schon sofort schreiben können als der Track Anfang der Woche online gestellt wurde, aber es gibt so Sachen an die gewöhnt man sich irgendwann. Wie zum Beispiel dass die Neuigkeiten aus dem Italians Do It Better-Label in der Regel in Schüben ankommen. So war es nur eine Frage der Zeit bis es auch etwas von Glass Candy zu berichten gab, und siehe da, prompt gibt es eine vielversprechende Liveaufzeichnung von Feeling Without Touching online, einem Stück angeblich vom kommendem Album zu dem auch schon ein Video gedreht wurde. Auf das muss man sicher nicht allzu lange warten, fürs Erste sollte daher diese Version reichen:

[Video] Glass Candy - Feeling Without Touching (live)

Für mehr Glass Candy halte man die Youtube-Seite des MIDI-Festivals im Auge.

Stream: The Walkmen - You & Me

Auch wenn ich glaub ich einer der wenigen war die 2006 A Hundred Miles Off wirklich gut fanden war es schon das schlechteste - oder eher "am wenigsten gute" - Album von The Walkmen. Insofern etwas ungünstig dass es die Veröffentlichung der New Yorker war die hierzulande bisher die größte Aufmerksamkeit erhielt. Mit You & Me sollte das aber anders aussehen, zumindest in den USA hat die Platte wieder ordentlich Kritiker- und Fanlob eingefahren. In zwei Wochen kommt You & Me auch bei uns raus und ist seit heute bei 3voor12 zu hören.

[Stream] The Walkmen - You & Me

Ein mehr als netter Bonus ist nebenbei dass es endlich auch mal zwei Liveauftritte gibt:

25.10.2008 Gebäude 9, Köln
26.10.2008 Molotow, Hamburg

Neues Von Handsome Furs


Alexei Perry und Dan Boeckner sind keine großen Geheimniskrämer, schon seit Monaten spielen sie bei ihren Liveauftritten als Handsome Furs einen Haufen neuer Songs obwohl mit der Veröffentlichung ihres neuen Albums Face Control in diesem Jahr noch nicht zu rechnen ist. Zwei davon spielten sie vor kurzem in der kanadischen Radiosendung Q die die CBC netterweise komplett online stellt, nach 22 Minuten gibt es Legal Tender und bei 40:30 Thy Will be Done zu hören. Was direkt auffällt ist der harschere Klang von Boeckners Gitarre, aber vor allem scheint sich da auch stilistisch was entwickelt zu haben, die Musik ist flotter und drängender wodurch sie ihre Wirkung etwas schneller entfalten dürfte als auf dem Grower Plague Park.

Q Podcast mit Handsome Furs

Update: Videos der beiden Stücke gibt es auch bei Radio K zu sehen.

Mehr neue Songs kriegt man garantiert bei der kommenden Osteuropatour der Furs zu hören, in unseren Längengraden an diesen Orten:

09.10.2008 Schokoladen, Berlin
13.10.2008 B72, Wien
14.10.2008 Schocken, Stuttgart

Guillemots Live


Eine der Bands die ich dieses Jahr am meisten bedauere live verpasst zu haben sind Guillemots. Deren zweites Album Red ist gewiss keine runde Sache, auch wenn ich es immer wieder gerne höre, ich hatte aber immer die Vermutung dass sich die neuen Songs in ihren Liveversionen aus dem etwas zu dicken Mantel der Studioproduktion lösen könnten. Auf Fabchannel gibt es jetzt endlich die anderthalbstündige Aufzeichnung vom Juni-Auftritt des Quartetts im Amsterdamer Paradiso zu sehen und hören, mit 50/50 neuem und altem Material.

Guillemots live in Amsterdam 07.06.2008