Live Live Baby

c/o pop 2012 Tag 4: Xul Zolar, The Suicide Of Western Culture

Nun, das dürfte meine spärlichst besuchte c/o pop überhaupt gewesen sein, the best laid plans und so. Konsequent grenzplanlos hieß es dafür den Samstag angehen, schließlich verzögerte sich letztes Jahr beim Chic Belgique schon alles so, dass ein gezieltes Pendeln zwischen den Klamottenladenkonzerten kaum möglich war.

Aber klar, sich auf Verspätungen zu verlassen muss einfach ein doppelt Murphy'sches Gesetz in Effekt setzen, und so verpasste ich mit dem Besuch der textlich was handaufsherzigen Supermutant beim Ehrenfelder c/o-pop-Alternativprogramm den Auftritt von Vomit Heat. Vom Hocker reißendes spielte in den anderen Schaufenstern nicht viel - ich kann mich songwriterischer Folkigkeiten, Solala-Beats und eines überlauten Tamburins entsinnen - doch der Auftritt von Xul Zolar war nun ihr erster, der mir gänzlich gelungen vorkam. Wirkten die Wilderness-mäßigen Hallereien zuvor nicht immer stimmig verschmolzen mit den flotten, oft nur eingangs monorhythmisch scheinenden Rhythmus-PTTRNS, Wimp-Vocals und Sphären-Elektronik, hat das Trio nochmal an Tightness zugelegt und wenn ich mich nicht irre sein Repertoire mit besserem Material erweitert.

Im Studio 672 begann sich trotz gutlauniger Disco-Beschallung mein weniger Schlaf auf dem Habenkonto langsam zu rächen. Fast hätte ich schon die Sachen gepackt, hätte mich nicht das so ziemlich tollste Kontrastprogramm aus dem Dämmern gerissen. In einem Moment war der Tanzboden von animierten Körpern gefüllt, im nächsten flüchteten so manche davon mit extrem unglücklichem Blick vor einer Doppelwolke aus dichtem Kunstnebel und akustischer Noisepop-Attacke. "These dudes are awesome!" war eine Weile das einzige, was mir zu The Suicide Of Western Culture in den Sinn kommen wollte.

Ein gutes Stück an primitivere Fuck Buttons erinnernd, wechselten und verbanden die beiden Spanier wüste Knarzereien mit grenz-ATR-voluminösen, doch eher klassisch strukturierten Dance-Beats. Wahrscheinlich meine Favoriten waren die Stücke, die zu einer Art noisigeren M83 (der Panorama-Breite des neuen Albums, wohlbemerkt) rüberpendelten, ekstatisch rollte einer der beiden seine Augen nach oben während auf ihn und die Leinwand hinter ihm Naturbilder und abstruse Abgesänge auf eine erfüllende (Zivilisations-)Existenz projiziert wurden. Paradoxerweise völlig glückseligmachend waren die Sounds, zu denen in roten Großbuchstaben "LOVE BRINGS ONLY PAIN" über die Wand scrollte. Mitunter erschien die Mischung was konfus mit stark fluktuierendem Energiepegel, doch war's eben unendlich belebender als sowas wie der Durchschnitts-Indie von Vierkanttretlager, die vorm Fußballspiel den Red Bull Tourbus berockt hatten.

Re-energisiert blieben die Beine denn auch zum famosen Set von John Talabot konstant in Bewegung, bis auf dem Nachhauseweg schon die ersten Vögel rumrumorten. Ich hoffe nur, die roten Flecken auf meinen Unterschenkeln kommen vom Reiben der Hose beim ausgiebigen Tanzen und sind keine allergische Reaktion auf den inhalierten Liter Kunstnebel.

c/o pop 2012 Tag 1: Prinzhorn Dance School / Sun Glitters

Genau so hab ich mir immer ein Chillwave-Konzert vorgestellt: Auf der Bühne des Stadtgartens umschmückt eine Leuchtgirlande das Pult, auf dem der Luxemburger Sun Glitters seine Geräte stehen hat. Während sich vor ihm wenig regt, geht von ihm die meiste körperliche Aktivität aus, stets von seinen gar nicht mal so entspannten Beats ergriffen zuckt er mit dem Körper, während seine Hände über diese modern komplexere Form einer Klaviatur aus Knöpfen, Schiebern, Tasten und vielleicht auch Berührungssensoren flitzen.

Hinter ihm läuft, die meist leuchtend hellen Hochtöne aus verpitchten Stimmen und Synthwogen komplementierend, eine Videoschau in jener überbelichteten, hyperfarbintensiven Bildästhetik, die mir schon jetzt und hoffentlich auch in einem Jahr dem Rest der Welt zum Hals raushängt. Alles ist sehr vage, intensiv, überladen und bunt, es wirkt wie die Liveinszenierung eines Tumblrs. Doch ausgerechnet wenn Sun Glitters mal weniger sonnige Töne anschlägt, wird seine Musik am packendsten. In sinistren Schatten wirken seine Beats plötzlich bestimmter, fordernder, wollen nicht nur brisig vorbeiziehen sondern bewegen.

Keine Projektionen sind hinter Prinzhorn Dance School zu sehen. Ohnehin wirkt diese Paarung von Vor- und Hauptprogramm wie ein Spiel der Kontraste: Suzi Horn und Tobin Prinz sind in schwarz gekleidet, wirkten auch in ihrer Kurzhaarigkeit fast uniform, wäre da nicht ihr weitaus weniger streng dreinblickender, langmähniger Drummer. Der wirkt zu Beginn in seinem von Natur aus frohmütigen Gesicht so, als müsste er sich ein Lachen verkneifen über das wenige, was er da zu spielen hat.

Denn Aussparung ist die Devise des englischen Duos. Zwischen einzelnen Anschlägen und Vocals, wo man von anderen Bands Aktivität erwarten würde, vergeht so viel Zeit mit Stille, dass die darin sekundenlang überpräsenten Quatscher im hinteren Teil des Raumes schnell verstummen. Die meist an zwei Händen abzählbaren verschiedenen Noten und Perkussionselemente könnten die schmucklose Aufführung anfängerhaft wirken lassen, wäre da nicht diese zielstrebige Strenge in jeder Aktion, die komplexe, körperliche Groovegebilde hervorbringt.

Vor allem die stärker mit der dynamische Wechselwirkung ihrer Einzelelemente spielenden Songs des neuen Albums machen famosen Druck zu den - klar - spartanischen Gesängen der beiden, so dass vorne sogar jemand im belebten Jumpstyle dazu durchgängig tanzen kann. Schwerer wird das hingegen in geradlinigen Stücken, gegen deren weite, ereignislose Freiräume The xx wie Katy Perry wirken. Denkbar minimalistisch kickt Prinz zwischendurch seine geleerten Bierflaschen über die Bühne. Selbst das Nebensächliche, das bei anderen als unflätiger Punk-Stunt hochinszeniert ist, verläuft bei Prinzhorn Dance School hochökonomisch.

c/o pop 2011 Tag 4: Chic Belgique, Rochus Aust

Eines der hohlsten Klischees in Festivalberichten ist ja die Hervorhebung des Wetters. Entweder heißt es nämlich immer "Fans feierten trotz strömenden Regens" oder "Fans feierten bei strahlendem Sonnenschein", die Präsenz des Publikums, das schließlich auch gutes Programm für sein gutes Geld sehen will, vermögen die Klimaverhältnisse eh nicht zu beinflussen. Wäre der Wolkenbruch der Tagesmitte nicht in gelegentliches, minimalstes Nieseln umgeschwungen, dürfte das beim Chic Belgique anders ausgesehen haben.

Die besteht nämlich vor allem aus unverbindlichem Rumhängen in den Straßen des Belgischen Viertels, bekanntermaßen so benannt weil einst Adi Äädäppel, der Erfinder der belgischen Fritten, irgendwo hier geboren wurde bevor er Jahre später gen West umzog. Zwar gibt es einen gut geordneten Zeitplan, nach dem die Gratiskonzerte vor allem lokaler KünstlerInnen über ein Dutzend Klamottengeschäfte verteilt stattfinden werden, aber wie die zwischen Zeit- und Ortsplan navigierenden Auswärtigen schnell merken kann man ersteren in die Tonne kicken. In typischer Kölscher Gemütlichkeit machen Verspätungen von bis zu einer halben Stunde den gezielten Besuch unmöglich, sinnvoller ist es, einfach gemütlich durch die Straßen zu schlendern und zu horchen, wann neue Töne von irgendwo erklingen.

So bin ich mir letztendlich auch gar nichtmal sicher, wen ich dort eigentlich sehe oder höre, als so interessant wie es manche Soundcloud-Auszüge andeuteten entpuppt sich jedenfalls nichts. Dafür kann ich eigentlich dankbar sein, dass keine Hochsommer-Temperaturen herrschen. Schon so ist es ordentlich warm in den meisten Lokalitäten, wo Menschenmengen die Lücken zwischen Kleiderregalen, bunt behangenen Bügelstangen und Spiegeln füllen. Gerade letztere sorgen für amüsante Anblicke, wenn manche frontal mit ihrem eigenen Spiegelbild tanzen und andere krampfhaft versuchen, sich nicht von ihrer Reflektion irritieren zu lassen. An anderer Stelle ist die Bühne zur Straße hin positioniert, neben der Hauptattraktion wird so auch das Publikum selbst zur von außen begafften Schaufenster-Attraktion.

Nach diesem ständig schicken Mode- und Menschen-Angucken und angeguckt werden verspricht ein Konzert in völliger Finsternis willkommene Konzentration aufs Wesentliche. Da ich ja jetzt weiß, wo der Kunstverein zu finden ist finde ich mich auch stressfrei rechtzeitig zu Beginn auf einem Klapphocker. Absolut finster ist es nicht, nach einer Weile können die angepassten Glubscher zumindest Schemen ausmachen, für die volle Erfahrung richte ich darum meinen Blick auf den Boden oder schließe die Augen.

Und es ist ein intensives Erlebnis, zu gluckernder Ambient-Elektronik erzeugen der Kölner Trompeter Rochus Aust und mindestens ein weiterer Blechblas-Spieler um die knapp 15 Leute herum zunächst nur Mundlaute und Mechanikklackern. Ohne visuelle Andeutung hängt man sekundenlang im Nichts, bis auf einmal ein scharfer Ton aus ein, zwei Metern Abstand die Luft durchschneidet, nach einer Weile merke ich sogar, dass diese Ungewissheiten was wohl wann von wo kommen mag meinen Puls höher schlagen lassen. Genauso passiert es aber auch, dass ich mich in mir selbst versunken finde, die Musik gar nicht mehr bewusst wahrnehmend und wieder zurück im Hier und Jetzt überrascht bin, dass sie ihren Weg in warme Harmonie gefunden hat.

Überraschenderweise bewirkt aber die Reduzierung der Sinneswahrnehmungen auch, dass die Zeit wie im Fluge vergeht, was zunächst wie eine weitere Atempause in der geschätzten Mitte der 40 Minuten erscheint, ist schon das Ende. Was - und das ist eine Sache von mehreren hier, über die man ja sonst nicht nachdenkt - ohne Sicht auf die Musiker auch gar nicht erkennbar ist. So dauert es gut eine Minute, bis Applaus einsetzt, der Raum bleibt aber dunkel. Nachdem Finsternis die Ohren geöffnet hat, wird es nun wieder Zeit, die Augen zu öffnen und den Weg ins Licht anzutreten.

c/o pop 2011 Tag 3: A Comedy Of Errors

Allmählich stellt sich das Festivalsyndrom ein, eine geistige und auch teilweise körperliche Trägheit, die vielleicht das leichte Desaster des dritten Tages begründet. Er ist ohnehin konzertmäßig der am wenigsten interessante, lauter deutsche Gitarrenpopbands die man auch wann anders im Jahr nicht sehen will und irgendwo auch noch die Tumblr-Effekthascher Wu Lyf, überschattend liegt über allem die spätere große Clubnacht mit nicht nur der Kompakt-Party.

Doch ein paar Sachen abseits davon sind schon reizvoll, so ist das erste angesteuerte Ziel auch ein Dunkelkonzert von Rochus Aust, das in völliger Finsternis stattfinden soll. Am vermeintlichen Veranstaltungsort weiß man allerdings nichts davon, im Kölnischen Kunstverein gibt es heute nur eine Kinovorführung. Komisch, das scheint doch der richtige Veranstaltungsort zu sein, oder gibt es etwa noch einen Kölner Kunstverein in der Nähe des Rudolfplatzes?

Wie sich später herausstellt, gibt es den in der Tat - 800 Meter weiter die Straße runter liegt der Kunstverein Kölnberg. Na toll. Der Ärger über diese Verwechslung verfliegt aber schnell in der Idylle des Aachener Weihers, über den erschallen passend zum goldigen Sonnenuntergang balearische Discoklänge von der Playground Love im Kulturdeck am Aachener - einer dermaßen schönen Sommerlocation, dass sie im (wie gerade gesehen nur allzu) kulturreichen Köln vermutlich bis Ende des Jahres an irgend einen Ballermann-Party-Betreiber umvermietet wird.

Dann geht es auf zum Stadtgarten, durchs belgische Viertel, das ja demnächst aufgrund der absurden Häufung dieser Gastronomien dort in Sushi-Viertel umbenannt werden soll (besorgniserregend: der Kotzhaufen neben einem "All you can eat"-Sushietablissmenet), über den Casus Belli Brüsseler Platz und schon bin ich beim Italic-Abend - der, anders als in den letzten beiden Jahren, in der bisher größten Halle völlig überraschend ausverkauft ist. Na toll. Aber keine Sorge, um dennoch den journalistischen Informationsauftrag dieses Blogs zu erfüllen folgt nun ein Livebericht ohne live dabeigewesen zu sein. So schwer kann das ja wohl nicht sein.

Zunächst betreten Stabil Elite die Bühne, der Band, wegen der ich eigentlich auch vor allem hier bin. Gut, dass ich schon im Vorfeld Tickets besorgt habe! Wie schon Lucas Croon bei seinem a href="http://uliuli.twoday.net/stories/6397180/">letztjährigen Soloauftritt bewegt sich das wohlgekleidete Trio in synthetischen Kosmik-Welten, zieht aber auch mal wie in Gold ein rigides Krautpop-Gewand an oder kombiniert beides im epischen Krautkamerad. Ein hypnotischer Sog entfaltet sich, der auch das verlässlich aufgeschlossene Publikum in Bewegung bringt und daran erinnert, dass Elektronik nicht nur minimal tanzbar sein kann.

Während umgebaut wird, begebe ich mich in den Restaurant-Teil des Stadtgartens, wo es ein Wiedersehen mit Maylee Todd gibt. Nach ihrem Support für Janelle Monáe steht sie im Glitterkleid auf der erheblich kleineren, meist von Jazzbands bespielten Bühne, was der ehemaligen Sängerin einer Punkband aber sicher nicht allzu ungewohnt erscheint. Nach diesem kanadischen Zwischenspiel zurück im Saal geht das Gerücht um, Kreidler seien leider verhindert und mussten kurzfristig absagen - leider, so würde man meinen. Doch unter so ungläubigem wie tosendem Applaus betreten auf einmal leicht verschlafen ... Radiohead die Bühne. Zum Glastonbury-Festival, wo sie heute scheinbar einen Überraschungsauftritt hatten, haben sie äußerlich täuschend echte Imitatoren geschickt erklärt Thom Yorke, der heute nicht nur Melone, sondern auch einen Schirm trägt.

Doch ebenso rapide, wie er begann ist der Auftritt nach einem 20minütigen Hit-Medley inklusive Stan Bush-Cover und einem Konfettiregen zum Finale, bei dem Yorke im Kopfstand von der Bühne uriniert (deswegen also der Regenschirm!), auch schon vorbei. Schließlich will die Band noch im Gloria das Kölner Experimentalkollektiv Beat! Beat! Beat! ansehen, welches ja bekanntermaßen The King Of Limbs schwer beeinflusst hat. Doch Radiohead wären nicht Radiohead, wenn sie den Weg dorthin nicht auf die umweltfreundliche Weise zurücklegen würden, und so radeln sie frohen Mutes auf einem Fünffach-Tandemfahrrad in die Nacht davon.

c/o pop 2011 Tag 2: Apparat Band, Owen Pallett

"Ein Kölsch bitte." - "Das können sie aber nicht mit rein nehmen." Schon wieder fühlt sich mein Weltbild erschüttert an. Ein Konzert, zu dem keine Getränke erlaubt sind - ich bin tatsächlich in der Philharmonie. Die Tickets hatte ich dafür in Kölns größtem Punk/Hardcore-Plattenladen erworben, auch das folgende Konzertprogramm sollte zumindest eine Abweichung vom sonstigen Geschehen in diesem Gebäude liefern, aber irgendwo muss der Spaß ja aufhören.

Drinnen machen gerade die menschenhohen Lichtsäulen nochmal einen kurzen Testlauf, die den Auftritt der Apparat-Band begleiten sollen. Vor vier Jahren spielte Sascha Ring schon einmal live auf der c/o pop, das ihn umgebende Musikergefüge ist aber seitdem merklich solider zur Band (aus der einer aus der Entfernung amüsant wie Charlie Day aussieht) zusammengewachsen. Auch das ältere Material scheint besser fürs Liveumfeld arrangiert worden zu sein, scharfe Unterschiede zu den vielen neuen Stücken gibt es kaum. Wobei es eben aufgrund der repetitiven Strukturen größtenteils schon noch klar erkennbar ist, dass es sich hier nicht um eine typische Rockband handelt, doch gerade als ich mir denke, dass Ulrich Schnauss auch wunderbar in diesen weit klingenden, vielleicht halb gefüllten Riesensaal gepasst hätte, bricht das Quartett in eine richtig dicke Dronerock-Nummer aus die den Secret Machines zur Ehre gereicht hätte.

Trotzdem bin ich mehr gespannt darauf, wie sich das alles auf dem kommenden Album alles aneinander reiht, so wirkte das nicht stimmig genug um ein richtig überzeugendes Konzert zu bringen. Das kam dafür im Anschluss. Zunächst jedoch Schock beim Toilettenbesuch, denn genau in dem Moment, da ich den Abzug betätige, ertönt lautes Trompeten - hab ich etwas gewonnen? Aber nein, in weiten, anscheinend unregelmäßigen Abständen werden durch Lautsprecher im ganzen Eingangsbereich kurze Konzertschnippsel abgespielt. Warum auch immer.

Außer Frage steht dafür sofort, dass Owen Pallett Kanadier ist. Hab ja noch nie ein interview mit dem Mann gesehen, deswegen muss ich überrascht fast darüber lachen, wie stereotypisch er alle "ou"-Silben ausspricht. Derlei Akzenteigenheiten kommen halt selten beim Singen rüber, wobei Pallett ohnehin primär seine Violine sprechen lässt. Ein Instrument, das er nach allen Möglichkeiten der Kunst und welchen, die über den Standard hinaus gehen, utilisiert: Klar streicht und vibiert er über die Saiten, zupft sie und schägt ebenso mit dem Bogen drauf wie mit der Hand aufs Holz, sogar in den elektrischen Tonabnehmer singt er. Unter kunstvoll verschachteltem Einsatz mehrerer Loop-Pedale, die einmal eingespielte Parts wiederholen, schichtet er so nach und nach auf bis er locker ein eigenes kleines Sinfonieorchester ist.

Nicht jedoch experimentelle Techniken machen seine Musik so bezaubernd, sondern sein Songwriting, das bei gut der Hälfte der Stücke neben seinem eigenen Synthesizer auch von einer Rhythmussektion ausformuliert wird - wobei das Schlagzeug auch über Grooves hinausgehend immer wieder dramatische Momente durch verdichtetes Spiel akzentuiert. Herzlicher werden die Stücke, die quer über die Final Fantasy/Pallett-Diskographie reichen, nur noch durch kleine Bühnenmonologe zwischendrin, wenn Pallett sich z.B. für einen Verspieler entschuldigt und die dafür verantwortlichen Lichter, die ihn blendeten, mit einer Star-Trek-Folge vergleicht. Auch als er zur zweiten Zugabe allein zur Bühne zurückkehrt, um ein brillantes, erst nach und nach von verschiedenen Segmenten im Saal erkanntes und prompt gefeiertes Odessa-Cover anzustimmen, sympathisiert er mit leicht wankelmütiger Stimme bei der nicht auszumachen ist, ob sie nur zum trockenen Humor dazu gehört: "I actually didn't wanna come out again, but they didn't turn on the lights in here and you guys kept on clapping, so... "

c/o pop 2011 Tag 1: Oh Land, Janelle Monáe

Ein neues Jahr c/o pop, zum ersten Mal seit Langem ohne Dauerkarte - dafür ist das Hauptprogramm des Festivals diesmal zuwenig mein Ding (gestern las ich wieder so einen amüsant scheuklappig-elektronikorientierten Vorbericht, nach der das Festival für jeden Geschmack etwas bieten soll. Nunja, ignoriert man mal z.B. Indie-Rock aus Übersee - nicht, dass der in den letzten Jahren eine größere popkulturelle Relevanz erlangt hätte oder so.)

Jeden Tag mindestens einen guten Grund zum Aufbruch in durchwachsene Wetterverhältnisse gibt es trotzdem, glücklicherweise verzieht sich der letzte Regenschauer bis zum Eröffnungskonzert von Janelle Monáe zugunsten von Sonnenschein. Doch die erste Livedarbietung findet schon vorher statt, die Dänin Oh Land, deren Album nach dem Rest der Welt gen Sommerende auch hierzulande rauskommen soll, spielt einen exklusiven Showcase im Rahmen der Präsentation eines ... ach Mist, jetzt hab ich glatt wieder vergessen was das genau war. Sah aber wie ne Mischung aus Duplostein und Wii-Controller aus.

Eingeladen zu dieser ultraexklusiven Veranstaltung sind jedenfalls wohl Medien- und Musikbranchenleute - und irgendwelche Volldeppen, die ahnungslos an einem Gewinnspiel teilgenommen haben ohne sich genau vorher anzugucken, wo sie sich dort hinbegeben. Ups. So muss ich mich doch erstmal schwer daran gewöhnen, von 10X eleganter als ich eingekleideten TablettträgerInnen kontinuierlich und kostenfrei mit Glasschälchen-Speis und Trank versorgt zu werden, wer hätte gedacht, dass das so anstrengend sein kann? Nie in meinem Leben habe ich mich so oft bedanken müssen. Richtigen Stress hat aber der (vermutliche) Maître d' der direkt am Ufer ragenden Rheinterassen, immer wieder muss er die vom starken Wind verwehten Tischbedeckungen zurechtzupfen.

Und als käme ich mir auf so einer Veranstaltung noch nicht deplatziert genug vor, spielt im Innenraum Nanna Øland Fabricius dann vor einem Publikum aus 34 Menschen, 5 Foto- und 3 Videokameras in einer klinischen Atmosphäre zwischen steifem Observieren und quasselndem Networking. Trotzdem singt, tanzt und trommelt (die Musik kommt überwiegend vom Band und einem huttragenden Stehdrummer (der nicht Bela B. ist!)) sie, als wäre sie schon auf Tour mit Katy Perry und vor entsprechenden Menschenmassen, nur am Rande ihrer durchaus netten, andersweltlich anmutenden Synthmalerei klingen auch interessant abwegige Details mit. Nach dem letzten Song bleibt sie neben der fußhohen Bühne stehen und eine Sekunde überlege ich, einen Dialog über die kulturelle Ignoranz von Federschmuck-Kopfbedeckungen wie der ihren zu beginnen, doch da steht ihr schon ein den ganzen Auftritt angespannt zuschauender Anzugträger beiseite.

So mache ich mich auf zum nebenan gelegenen Tanzbrunnen, merke erst nach dem Betreten durch den Haupteingang, dass ich mich dort auch ohne Karte durch einen verborgenen Weg zwischen den Gebäuden hätte einschleichen können. Die letzten Minuten von Maylee Todd amüsiere ich mich vor allem darüber, dass sie die stereotypisch kanadischste Begleitband aller Zeiten hat, mit Bärten, Tennis-Schweißtuch und einem Matrosenanzugträger. Dann erst mal Streifzug übers Areal, wo sich schnell das wohlige Gefühl einstellt, unter normalen Menschen gelandet zu sein die minutenlang unsicher hin- und herschauen bevor sie eine Unisex-Toilette betreten. Nur ein Bruchteil des Riesengeländes ist gefüllt, bis ans andere Ende, wo einsam die Crew eines Tabakherstellers ein Zelt aufgespannt hat, scheint sich keiner zu verirren.

Dem in jeder Hinsicht diversifizierteste Publikum des Festivals wird von Janelle Monáe und Band dann auch eine Show geboten, die ich eigentlich gar nicht beschreiben möchte - das käme dem Verraten der Wendungen und Überraschungen einer Geschichte gleich, nicht nur Monáe, sondern alle schwarz-weiß eingekleideten auf der Bühne stehenden projizieren ihre eigenen Persönlichkeiten durch Showeinlagen, Tänze, Reaktionen, Soli in der größtenteils Medleyartigen Darbietung. Die umfasst überraschend wenige The ArchAndroid-Songs, würde man doch meinen, dass die Mehrheit des Publikums vor allem damit vertraut ist. Doch nicht minder stark spricht es auf Cover von Stevie Wonder und Jackson 5 an, die allerdings in ihrer Offensichtlichkeit der medleyartig aufgezogenen Show zeitweise einen merkwürdigen Hitparaden-Charakter verpassen.

Geht es aber ans eigene Material, ist die Leidenschaft hinter Monáes technisch übersauberer Stimme unverkennbar, Cold War (zu dem selbst den Leuten auf der Bühne kaum ein passender Tanz einfiel, bemerkenswert schwer wie auch bei anderen "Rocknummern") und Tightrope werden genüsslich lang ausgedehnt bis auch anfangs nicht dazu animierte Zusehende zu mitklatschenden, jauchzenden, Ballons in die Luft schlagenden Mitwirkenden an dieser bunten Schwarzweiß-Show werden.

Konzert: Les Savy Fav

Bei allem Optimismus, ich glaube nicht dass diesen gestrigen Abend dieses Jahr noch irgendwer toppen wird. Er beginnt mit den live ähnlich kurzweilig wie auf Platte, nur ein bisschen lauteren Cloud Nothings, gefolgt von den mal wieder tollen Sky Larkin, die an einem anderen Tag durchaus die Hauptattraktion an dieser Stelle abgegeben hätten (was sie ja auch bereits haben). Doch nicht zu vergleichen sind mit dem was kommt.

Denn das sind Les Savy Fav und damit auch ihr rundlich-vollbärtiger Sänger Tim Harrington. Der streng genommen ein absolut miserabler Sänger ist: Er hält sich oft weder an Melodie noch Takt, ist ohnehin so heiser dass man ihn kaum versteht, wenn er nicht ohnehin schon die Nähe zum Mikrophon meidet. Vorbildlich dagegen die hinter ihm agierende Band, die die vertrackten Post-Hardcore-Dynamiken live mühelos poppig erscheinen lässt.

Nein, was Harrington ist, ist ein unglaublich mitreißender und unterhaltsamer Frontmann. Von der Sekunde an, in der er die Bühne betritt, wird die Grenze der Normalität ein gehöriges Stück in Richtung Wahnsinn verschoben, mit nimmermüder, manischer Energie wartet er mit stets neuen Ein- und Ausfällen auf, dass man irgendwann selbst die absurdesten Eskapaden als selbstverständlich empfindet.

Daher an dieser Stelle eine unchronologische, unvollständige Auflistung der normalsten Dinge, die Tim Harrington gestern gemacht hat:
  • Nachdem er sein Kostüm als noch verstörendere Version des fleischgewordenen Burger Kings größtenteils abgelegt und seine senkrecht in die Luft beförderte Spucke wieder aufgefangen hat, begibt er sich zum ersten von vielen Malen ins Publikum um, auf der anderen Seite des Gebäude 9 angekommen, über dem Ausgang herumzuturnen
  • Er bindet sich einen Schlips um die Augen und kippt blind vom Bühnenrand zu um sich dort auffangen zu lassen. Von dem einzigen Zuschauer, der dort steht. Der etwa halb soviel wiegt wie er.
  • Sorglos übergibt er (und dies mehr als einmal) das Mikro an ein Publikumsmitglied, das songfremde Wüstheiten improvisiert während er sich in aller Ruhe schwarzes Klebeband um Bauch und Schritt und auf die Augenbrauen klebt
  • Wie ein begeistertes Spielkind stellt er zwei Monitore hochkant, hievt Bassist Syd Butler auf den einen, sich selbst auf den anderen um bedenklich darauf herumzuwanken
  • Nach etwas Rütteln öffnet er den Fluchtausgang und haut aus dem Raum ab. Zweimal.
  • Waghalsig klettert er auf einem weniger als fußbreiten Fenstervorprung entlang, versucht auf den Schultern der Zuschauer zu laufen nur um bereits beim zweiten Schritt aus Schulterhöhe gen Beton zu fallen
  • Zur ausgiebigen Zugabe betritt er die Bühne in einem fleischfarbenen Ganzkörperkostüm, das mit einem losen Verständnis der inneren menschlichen Anatomie illustriert ist
  • In das er ein Dutzend Bierflaschen stopft, die von Sekunde zu Sekunde weiter in Richtung seines Beines rutschen
  • Wo er sich an einer der Flaschen schneidet, das Blut ableckt und sich auf Stirn und Zunge schmiert
  • Irgendwie schafft Tim Harrington es, auch diesen Abend ohne Hals- und Beinbruch zu überleben

The Hundred In The Hands, Les Savy Fav & Sky Larkin, Wild Nothing Kommen

Eine großartige Konzertwoche steht an. Keine Seltenheit zu dieser Zeit, aber anders als sonst, wenn sich im November die Termine nur so ballen, sind die Highlights der kommenden Tage zumindest in Köln schön gleichmäßig verteilt. Fangen wir hinten an: Das Wochenende läuten The Hundred In The Hands ein, deren Debüt sich zu einem meiner großen Favoriten des Jahres gemausert hat und die hoffentlich auch vor Ort so belebt wie stimmungsvoll sein werden:

17.11.2010 Berghain , Berlin
18.11.2010 Sinkkasten Arts Club, Frankfurt
19.11.2010 Papierfabrik, Köln
20.11.2010 Café Keese, Hamburg

Ein formidables Doppel belegt die Wochenmitte. Die Konzerte von Sky Larkin vor ein paar Wochen fielen leider, wie so viele in letzter Zeit (ernsthaft: irgendwas ist da faul in Köln), kurzfristig aus, nichts geändert hat sich aber zum Glück an ihrer Tour mit den großen Les Savy Fav, die nach vielen, viiiieeeelen Jahren endlich mal in die Domstadt kommen.

17.11.2010 Gebäude 9, Köln
18.11.2010 Festsaal Kreuzberg, Berlin

Recht unspektakulär geht's heute los mit Wild Nothing, was auch gar nicht schlecht ist, ein gemütlicher Indiepop-Abend mit Sitzgelegenheit sollte für einen angenehmen Wochenstart sorgen.

15.11.2010 King Georg, Köln
16.11.2010 Café Keese, Hamburg
17.11.2010 Marie-Antoinette, Berlin
18.11.2010 Ponyhof, Frankfurt
19.11.2010 Atomic Café, München

Lindstrøm & Christabelle Live

Beinahe über das gesamte zurückliegende Jahrzehnt haben Lindstrøm & Christabelle an den Stücken ihres gemeinsamen Albums gearbeitet. Diesen geduldige Mut zur Perfektion hört man Real Life Is No Cool gewiss an, auch nach einem halben Jahr Dauerrotation zeigt dieser Discopop-Trips keinerleri Abnutzungserscheinungen. Gleichermaßen geschliffen können die Liveauftritte des Duos kaum ausfallen, dafür gibt es via Talkbox auch den Barttragenden der beiden dabei an den Backing Vocals zu hören, wie auch diese Aufzeichnung ihres Juni-Gastspiels in der glühenden spanischen Hitze beweist:

Lindstrøm & Christabelle live beim Benicassim-Festival 18.06.2010

Konzert: c/o pop Tag 3 - The Ruby Suns, The Go! Team



Ein bisschen das dreckige, unterschlagene Negativum dieser Berichte ist ja, dass mich das Programm dieser c/o pop nach denen der letzten Jahre enttäuscht. Zum ersten Mal seit Langem hab ich mir kein Festivalticket für alle Veranstaltungen gekauft, denn ein großer Teil der Handvoll interessanterer Konzerte fand dummerweise gestern zur gleichen Zeit statt. Gut, hätte ich früher gewusst dass Diamond Rings recht pünktlich und The Ruby Suns mit kräftiger Verspätung anfangen würden, hätte sich noch ein Sprint von einem Konzert zum anderen einfädeln lassen, aber dann hätte ich wahrscheinlich auch das beste Lied des Neuseeländer-Trios verpasst.

Die Bühne der Opernterassen, die sonst die Veranstaltungsstätte für anspruchsvolle Avantgarde-Kunstevents wie "Muschi Club" und "Ohrgasmus" geben, versuchte mit hawaiianischem Blumenkranzbehängung ein wenig tropisches Feeling zu erwecken, auch die bereits bevor sich der Raum füllt warm-feuchte Luft trug authentisierend dazu bei. Übertropisch gut gelaunt zeigte sich Gitarrist, Sänger und einziges festes Bandmitglied Ryan McPhun, er war schon vor seinem eigenen Auftritt gespannt wie ein Flitzebogen auf den später anstehenden Auftritt der von ihm obsessiv verehrten Robyn ein paar Meter weiter Richtung Dom. Gehypt spang er munter im Kreis, schon mal auf Kosten ihn umgebender Stühle oder Trommeln, vom präzisen Spiel und Gesang hielt ihn das aber nicht ab.

Die ähnlich viel von Afropop-Melodien wie von Tropicalia-Elementen durchzogenen farbenfrohen Songs waren weniger geradlinig als erwartet, vollzogen immer wieder mit oder ohne Stop Richtungswechsel. Nicht immer war dabei direkt ein Sinn zu erkennen, so dass unklar wurde, ob hier zwei verschiedene Stücke hintereinander gespielt wurden oder ob es Absicht war. Egal war das, wenn die Melodie so stark war wie beim traumhaften Cranberry, verwirrend waren aber besonders die beiden Songs im 80er-Britpopgewand, die mit dem Rest auf keiner erkennbaren Linie standen und so wirkten, als hätte hier auf einmal eine andere Band die Bühne betreten. Trotzdem ein guter, gutgelaunter Auftritt der durch ein Running Up That Hill-Cover nicht weniger sympathisch wurde.



Mit einem Mal doppelt so voll schien es auf und vor der Bühne zu werden, als die britischen Labelkollegen The Go! Team selbige betraten. Die legten von Anfang an mit der vollen Kraft der zwei Schlagzeuge los, weder Rapperin/Sängerin/Hypewoman Ninja noch der im Sprung Gitarren rumreißende Chef Ian Parton zeigten eine Spur von Einrostung, obwohl die Band nun schon seit längerer Zeit an ihrem dritten Album arbeitet. Trotzdem gab es an diesem Abend nur drei neue Stücke zu hören, die mit ihrer pseudonaiv-freuderfüllten Mischung aus Funk, Hip Hop, Cheerleading, Gitarrenbrettern und Xylophon-Melodica-Tweeness eben typisch Go! Team waren, qualitativ aber nicht direkt an alte Highlights ranzukommen schienen. Wobei sich das nicht unbedingt mit den Studioaufnahmen decken muss, deren zahlreiche Samples in der Vergangenheit live oft durch andere Parts ersetzt werden.

Deutlich genug auszumachen waren die vielen Go!-Team-Klassiker, die an diesem Abend gespielt und trotz zunehmender Hitze munter betanzt wurden, aber allemal. Ninja kriegte die Menge sowohl zu Gesängen in Grip Like A Vice und Doing It Right animiert, als auch zum Händeschwenken und beim großen Finale zum Springen. Zwischendurch wurde dem Verliererteam des sonntäglichen Matches - wer immer es auch sein möge - Everyone's A V.I.P. To Someone gewidmet, das, wie die anderen ruhigeren Stücke auch, eine willkommene Schnaufpause darstellte bevor das nächste friedlich-freudige Tohuwabohu ausbrach. Lange wurde nach der ersten noch eine zweite Zugabe gefordert, vergeblich allerdings, so dass wir nun wohl wieder eine Weile warten müssen bis es wieder Neues von Englands ältester Rasselbande zu hören gibt. Für mich war's das wahrscheinlich schon mit dieser relativ attraktionsarmen c/o pop, aber das schöne Wetter sollte ja auch genug nette Alternativen bieten.