Interessantes

Zur Abwechslung mal Leute die nachdenken

Ich kann mich einfach des Eindrucks nicht erwehren dass fanatische Pitchfork-Hasser nur einen Teil der Seite lesen (i.e. die News und die Zahlen über den Reviews), längere Texte wie Tim Finneys Gedanken zu "Balearic", das letztjährige Interview mit P.J. Harvey oder die Kolumne von Tom Ewing gehören regelmäßig zu den interessantesten und lesenswertesten Musiksachen die es online gibt. So auch Ewings Poptimist 16 vom letzten Freitag über eine kreative Industrie die, ähnlich wie heute viele andere, vor ein paar Jahren schon totgesprochen wurde und sich dennoch weiterhin auf den Beinen hält.

"Just as the music business, desperate to shore up its remaining purchasers, gives deluxe reissue treatment to records barely a decade old, so the comics industry turns to continuity cannibalism, strip-mining the past to excite jaded loyalists. DC brings the Flash back from his 1985 death, Marvel decides Spider-Man's 1987 marriage never happened: fans cheer or recoil, and the slow sales decline is interrupted for a while."
Und wo wir gerade bei lesenswert sind, hier ist Eric Harvey über zwei typisch Wired-mäßige Web 2.0-Technologie-Bullshit-Artikel.

"Ach, die verdienen doch eh total viel mit Touren"

Das ist immer eine dieser schönen Ideen die man im Zusammenhang mit sinkenden Musikkäufen hört, dass Musikaufnahmen (wodurch finanziert?) doch eh nur Werbung für die Liveauftritte einer Band seien und daher doch gleich verschenkt werden könnten. Ohne Belege für diese Behauptung bin ich dem gegenüber immer sehr skeptisch gewesen, als regelmäßiger Konzertbesucher stehe ich zu oft in weniger als halb gefüllten Säälen um glauben zu können dass abgesehen von den großen der Branche viele Bands mit Touren gut über die Runde kommen.

Und jetzt kommen auch noch steigende Tourkosten dazu, in den letzten Tagen haben gleich mehrere Seiten über die zunehmenden Probleme kleinerer (und besonders auch neuer) Bands berichtet für die größere Touren aufgrund der hohen Benzinpreise einfach nicht mehr finanzierbar geworden sind:

"When the rise of file-sharing culture in 2000 looked to cut deeply into CD sales, musicians could take comfort knowing that they made most of their money on the road. Langford, who joined the Gourds in 1998, figures the band is on the road about six months out of the year. A solid two-week tour here, a weekender there, all add up to playing 100 to 150 shows a year, closer to the latter in the past four or five years.

But as gas prices hover near $4 per gallon and show no signs of decreasing, many bands are taking losses on touring and soon might not be able to afford to tour at all."

Klar wird da mancherorts sarkastisch kommentiert dass das doch positiv sei, so könnten sich nur noch die "guten" Bands das Touren leisten. Aber erstens muss jede Band die nicht sofort in den Himmel gehypt wird (und selbst wenn noch oft genug) mal klein anfangen, und zweitens geht das von der naiven Annahme aus dass die "Qualität" der Musik immer mit den Besucherzahlen übereinstimmt (und noch schlimmer dass nur Musik die ein großes Publikum hat es wert wäre so gehört zu werden). Wer das ernsthaft glaubt schalte mal die nächste Ausgabe von "The Dome" ein, da gibt es die Künstler zu sehen denen die Benzinpreise egal sein können.

I FUCKING HATE KULA SHAKER!


Also ja, habe gerade nachdem es fast exakt ein Jahr in meinem Regal stand endlich Kieron Gillen und Jamie McKelvies Phonogram: Rue Britannia gelesen, dazu Kenickie, Elastica, Pulp, Long Blondes und Pipettes gehört und kann nur sagen: wow. Das beste Leseerlebnis das ich seit sehr langer Zeit hatte (noch besser als Scott Pilgrim 4), eine Geschichte über Musik, wie sie uns verändert, emotional, historisch und charakterlich, aber auch wie wir sie verändern. Über Jugend, Jugendbewegung, Idolisierung, Mythifizierung, Oberflächlichkeit, Nostalgie, Retro, Indie, Pop, Großbritannien und einen John Constantine ähnlichen Bastard von einem Protagonisten der auf der Suche nach der sterbenden Göttin seiner identitätsstiftenden Jugendmusik sich selbst erkennen muss. Sehr einladend und sauber in Szene gesetzt von McKelvie und in dieser Form wohl auch nur in diesem Medium machbar, dabei natürlich voller Musikreferenzen die man zur Not hinten im Glossar nachschlagen kann und mit einem Vorwort von Luke Haines.

Phonogram Preview & Podcast

Und wie ich gerade sehe ist der zweite Teil bereits in Arbeit, musikalisch geht's aber klar in die Gegenwart und (irgendwie überrascht mich das kaum) genau zu den Bands die ich gerade eben beim Lesen gehört habe.

Sub Pops Erste Schritte

In den 20 Jahren seitdem Jonathan Poneman und Bruce Pavitt ihren ersten Büroraum bezogen ist Sub Pop von einem Fanzine zu einem der größten (51%-)Independent-Labels angewachsen das allein mit The Shins und Iron & Wine in den letzten Jahren 6 der erfolgreichsten Veröffentlichungen seiner Geschichte hatte. Und auch wenn Klickgalerien nach "Top 10 irgendwas"-Listen gegenwärtig das billigste und ekligste Mittel sind um möglichst hohe Besucherzahlen zu erreichen kann man bei dieser mal eine Ausnahme machen, dort werden Poster, Fotos und andere Dokumente aus den ersten 5 Jahren des Labels versammelt, u.a. auch Artwork von Charles Burns, Peter Bagge und Dan Clowes.

Es muss nicht immer Punkrock sein

Sehr interessantes Interview mit The Long Blondes auf Merry Swankster, insbesondere kriegt man mal einen Eindruck welchen Einfluss der neue Produzent nun auf welche Teile von "Couples" hatte.

JK: On a song like "Century" which is such an obvious departure from what you were doing before, I think writers are pretty quick to attribute the shift to working with a new producer. I was wondering to what extent changes in your sound are externally influenced, or to what extent they were a natural manifestation of the direction you wanted to go anyway?

Reenie: That song was nearly fully written before we even went anywhere near Erol Alkan. It was more or less the exact same song that we had practiced in Sheffield. Then we just recorded it in London, so that's probably not the best example of it, though it would seem so.

Dorian: People seem to have picked up on it because it's the first track as well. You've got a lot of people who don't seem to have actually listened to the record, and they're like "I see that you've gone electro man!"

Screech: Someone was saying to me the other day, "Oh, it's interesting, how will you play 'Century' live when it's just Kate singing over backing soundtracks." And I was like, no it isn't. That's us playing those instruments. It's not like Erol's just done some "banging techno beat" and Kate sang it and we just sat there twiddling our thumbs. I mean we did write it and play it.

Alkan also mehr als Editierer und Klangpolierer denn als großer Ideengeber, das passt auch sehr dazu wie dieses Album von Ambition und dem Willen zur Verbesserung profitiert hat. Man vergleiche mal z.B. eine frühe Version von Guilt mit der Albumversion oder gar der derzeitigen Liveinkarnation und achte darauf wie Details einen Unterschied machen können. Jackson singt die gleiche Melodie, aber die Betonung der Lyrics und der Klang ihrer Stimme ändern sich. Die Gitarren- und Schlagzeuganschläge werden besser platziert und sicherer, das Zusammenspiel der Band tighter, die Synth-Sounds mutieren von leicht deplatziert wirkend zu einem selbstverständlichen Element das die Musik bereichert. Klar klingt das Ergebnis dann anders als das relativ schnell eingespielte Debütalbum, aber.. naja, siehe Überschrift

Buzzword-Alarm!

As summer 2008 approaches, a theme-- not a genre-- has emerged across many existing styles of music: the mid-range is being hijacked by off-kilter, unstable synths. Crossing hip-hop, hyphy, grime, chip tunes, dubstep, crunk, and electro, one flavor unites a network of exciting sounds. What do you call it? Wonky.
Tired of chart pop that's all manufactured groups and reality TV shows? Just as fed up of bland indie? Then Wonky Pop might just be the thing for you.
Und das in zwei voneinander unabhängigen Publikationen innerhalb von 3 Tagen. Zufall oder Verschwörung? Welcher Musik wird als nächstes das W-Tag vorgehängt werden, Country oder Deutschpunk? Wie lange noch bis jemand das hier ausgräbt? Und wo bleibt eigentlich der Wikipedia-Eintrag?

Prompte Bedienung

Derzeit geht's mal wieder Schlag auf Schlag mit den Fiery Furnaces. Am Freitag hörte ich mich unterwegs durch das (immer noch ganz große) letztjährige Widow City und wurde immer wieder an die Liveversionen der Songs von der letzten Tour erinnert und fragte mich wie sie wohl auf der nächsten Tour klingen würden. Das wurde prompt am Sonntag beantwortet als Nyctaper einen Mitschnitt des fast 30 Stücke umfassenden New Yorker Konzerts von der brandaktuellen Tour (ohne Jason Loewenstein, dafür mit zweitem Keyboarder und Eleanor an Gitarre und offenbar auch mal Drums!) an die Öffentlichkeit brachte.

Und dann dachte ich mir gestern mal wieder dass sich ein Furnaces-Livealbum doch mal richtig gut machen würde, am besten schön lang und mit Songinterpretationen von verschiedenen Touren der vergangenen Jahre. Was offenbar genau das ist was sich die Friedbergers kürzlich dachten und nun für den August als Remember angekündigt haben. Ein karriereübergreifendes Live-Doppelalbum mit 51 Songs von meiner Lieblingsband der Gegenwart? Ne bessere Neuigkeit wird's so schnell nicht geben!

So, und jetzt zieh ich mir zum halbdutzendfachsten Mal das Fabchannel-Konzert rein.

Das große CD-Single-Revival

Wir haben's ja alle schon mal gehört, Vinyl ist wieder ganz groß im Kommen und ist ganz klar die Zukunft des physischen Tonträgers und blablabla. Der Verkaufsreport 2007 der RIAA gibt nun endlich mal ein paar neuere Zahlen an die Hand, Wired macht natürlich daraus erst mal einen großen "Omg Vinyl-Umsätze steigen wirklich"-Spin indem man auf die prozentuale Steigerung schaut, ein Blick auf die absoluten Zahlen schadet aber auch nicht (ein Klick auf die Grafik im Wired-Artikel gibt eine vergrößerte Ansicht):

Auch wenn letztes Jahr zwei Drittel mehr Alben/EPs auf Vinyl abgesetzt wurden als im Vorjahr und ~18% weniger auf CD macht das immer noch 400 CDs für jede der stolzen 1.3 Millionen Vinylscheiben. Außerdem interessant: Der Absatz von CD-Singles nahm letztes Jahr um über 50% zu, der von Vinyl-Singles fast 60% ab und die Anzahl der abgesetzten CD-Singles ist doppelt so hoch wie die aller Vinyl-Alben und -EPs. Müsste man dann nicht noch eher von einem Revival der CD-Single sprechen?

Natürlich beziehen sich die RIAA-Messungen nur auf die USA (im UK beispielsweise dürfte die 7'' u.a. wegen Preissenkungsaktionen noch ein gutes Stück populärer sein) und viele Vinyl-Verkäufe abseits der größeren Händler dürften auch nicht in die Statistik mit eingeflossen sein, aber selbst wenn die Schallplatte die CD einmal als dominantes Medium verdrängen sollte (mein heißer Tipp: nö) so würde das selbst bei diesem Tempo noch eine ganze Weile dauern. [via]

WP LP2

Time to get exciteeeeeed (eine komplette Minute des fertigen Albums gibt es für die allerneugierigsten auf NPR zu hören)

Update: Jetzt auch in voller Länge ein erstes Mp3 von Call It A Ritual auf Stereogum.

Na endlich

Foals' debut, like many British records, trails clouds of homeland hyperbole, but it's harder than usual to cut through and get a fix on what exactly they do. Reviews have offered afropop, math rock, and techno as reference; the band members themselves cite Gwen Stefani and Steve Reich. Antidotes suggests these are mostly red herrings. Foals are squarely in a more recent and less exotic tradition-- the hi-gloss end of the post-punk revival: Think a more playful Bloc Party, a more measured Futureheads, a less heartfelt Maxïmo Park.
Tom Ewing mit dem besten, einsichtsreichsten Text zu Foals den ich bislang gesehen habe, auch aber nicht nur weil er nicht wie so viele andere diese Mathrock-Kategorisierung nachplappert. (Nicht dass ich Band und Album sonderlich gut oder schlecht finden würde, aber dass bei so vielen Texten dazu Battles oder Mathrock die erste Referenz waren anstatt, oh, Gang Of Four oder jede Band die sich in den vergangenen Jahren an GoF orientiert hat ist mir irgendwie doch ziemlich auf den Keks gegangen)

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