Bewegte Bilder

Captain Murphy - Duality

Braucht alles nur das passende Transportmedium im richtigen Moment? Bei Captain Murphys Mixtape Duality jedenfalls hab ich das Anhören lange hinausgeschoben, kam es doch anfangs nur im Videoformat, das lediglich anzuhören irgendwie unangemessen schien. Doch am Wochenende, im ersten Flachliege-Fresskoma der Vorweihnachtszeit, wirkte wenig passender als das Einwirken der 35-minütigen Videocollage, die nicht nur den psych-soften Sound der Musik und die expliziten Vocals (daher: entschieden ab 18) des schmierigen Kultführers widerspiegelt, sondern auch Text- und Sample-Referenzen visuell einbindet und so dem Format eine nette Extradimension verleiht.

[Video/MP3] Captain Murphy - Duality

Animal Collective Live

Im Zuge der Amüsanz- und Empörungswelle über gerüchteweises Knöpfchendrücken bei Livedarbietungen hochbezahlter Elektronik-Acts kam kürzlich über einen Blogeintrag bezüglich weniger bekannter Gruppen Spekulation darüber auf, ob es sich bei dem dort beschrieben Beispiel um Animal Collective könnte.

Sollte das der Fall sein, so geben sie sich wirklich alle Mühe, ihr Instrumentenspiel exakt auf die Anschläge der Musik (inklusive Ungenauigkeiten) abzustimmen, wie man bei einem der alle Jahre wieder auftauchenden Livemitschnitte eines ihrer Holland-Auftritte begutachten kann. Wer immer schon einmal wissen wollte, was Geologist da alles auf seinem Tisch stehen hat oder was für Keyboards Avey Tare bedient, während er Lion In A Coma mit einer The Lion Sleeps Tonight-Interpolation anteast, ist hier ebenso gut bedient wie alle, die gerne mal die neuen Songs in weniger dicht-detailliertem oder Klassiker in neuem Gewand hören wollen.

Animal Collective live in Tivoli 01.11.2012

Dirty Projectors - Hi Custodian

In Hi Custodian, dem surrealen Musik-Kurzfilm von Dirty Projectors, gibt es keines ihrer Albumstücke komplett zu hören. Dennoch hätte das wohl schon gereicht, um mich zum Erwerb von Swing Lo Magellan zu bewegen, hätte ich es nicht bereits gehabt. Denn auch wenn man wie beim Film das "Art"-Präfix darauf pappen kann, ist die Musik darauf Pop der catchigsten Sorte, lässt sich jeder Song ungeachtet seiner Gesamtkomposition auf zwei-drei Motive, Momente runterbrechen, deren Zentralität sich David Longstreth bestens bewusst ist - schließlich ist Hi Custodian praktisch ein Medley eben jener denkwürdigen Songteile.

[Video] Dirty Projectors - Hi Custodian

2NE1 - Scream

"Rock the bass, ro-ro-rock the bass". So ein simpler, durch drunter whoopende Electro-Blubs nur noch großartigerer Vocal-Hook, dass es unwahrscheinlich scheint, dass 2NE1 als erste darauf gekommen sind, doch mir zumindest fällt sonst niemand ein. Und er leitet denn auch vor allem das ein, was diesen Song macht: Die Strophen-Tripel. Wie so einige K-Pop-Nummern ist der Refrain auch hier noch das am wenigsten interessante und mitreißende - kein Wunder, eröffnet doch "I’ve got to paint this town red" (gefolgt von "Shazam, "Girls just wanna have fun" und mehr) gleich mit maximaler Attitüde.

[Video] 2NE1 - Scream

Big Bang - Fantastic Baby

Angesichts ihres Status als größte Boygroup Koreas (wenn nicht sogar, mangels Konkurrenz, der Welt) waren die ersten beiden Singles aus Big Bangs durchweg gelungenem Mini-Album Alive nicht gerade Aufmerksamkeit haschende Comebacks, das softe Blue schon fast das polare Gegenteil vom maximalistischen K-Pop-Zirkus. Doch während dieses sich besser im Albumkontext geriert, sind Bad Boy und Fantastic Baby inner- und außerhalb davon die deutlichen Highlights; der Großstadt-R&B von Ersterem ebenso unbesorgt lässig wie Letzteres mit seinen diversen Rufen und Spoken-Word-Einwürfen, vor deren akkumulierter Stimmpräsenz das Electro-Instrumental fast zur Nebensache gerät. So klingt es, wenn sich eine Popgruppe unantastbar fühlt (siehe im letzten Jahr 2NE1 mit I Am The Best, das Big Bang prompt selbst aufführten) und zumindest eine Weile auf ihren Thronen niederlassen kann.

[Video] Big Bang - Fantastic Baby

Future Of The Left - Sheena Is A T-Shirt Salesman

Klingt ganz so, als habe die mäßige letztjährige Polymers Are Forever-EP vor allem der Verwertung überschüssiger Stücke gedient, denn auf der ersten Single vom am 25.05. erscheinenden The Plot Against Common Sense besinnen sich Future Of The Left aufs Wesentliche: In kaum mehr als zwei Minuten spuckt Andy Falkous Gift und Galle und wird auch dann nicht übertönt, wenn sich der Turbo-Treppenlauf der Saiteninstrumente in (hoffentlich nur im Video so überkomprimiert klingendes) Permageschrammel intensiviert. Wann wurden die Worte "He made her a mixtape" je ätzender ausgesprochen?

[Video] Future Of The Left - Sheena Is A T-Shirt Salesman

SPICA - Russian Roulette

Das letzte Jahr mag eine nie dagewesene Menge an neuen K-Pop-Acts gesehen haben (gut einen pro Woche), da die fast alle floppten dominierten allerdings die Etablierten umso deutlicher. Besser lässt sich 2012 an, wie B.A.P. debütierte auch die Gruppe SPICA eindrucksvoll mit Schusswaffen-Onomatopoesie. Im Zusammenspiel dieser mit der Donnertrommel im Hintergrund und der schieren Vokalkraft würde die R&B-Nummer selbst dann nicht im Geigenmeer ertrinken, wenn sie nicht ohnehin von dieser fabelhaften Nebenmelodie aus Pfeifen, Bliepen und Saitenzupfen am Paddeln gehalten würde.

[Video] SPICA - Russian Roulette

T-ara - Lovey-Dovey

Klar, an Roly Poly kommt es nicht ganz ran, aber das wär auch nur zu erreichen gewesen, wenn man alles außer den titelgebenden Worten im Refrain 1:1 abkopiert hätte. Dafür muss Lovey-Dovey (oder eher Lobby-Dobby, was nicht weniger Sinn ergibt) nicht unter einem uneleganten Mikro-Rap-Part leiden und setzt neben T-aras Hit- auch Shinsadong Tigers sagenhafte Produktionsserie (ganz vergessen hinzuzufügen: Trouble Maker. Wahnsinn der Mann.) erneut mit unaufhaltsamem Drall fort. Die Vocals sind heliumgepitcht, titschen wie die ebenbürtig irreal quietschbunte Soundpalette zu gummibandschnalzendem Beat umher, zwischendurch gibt's einen Dance-Off von Cowbelltreppe und Synth-Wöbblechen. Die Knochenbrecher-Verfilmung ist diesmal, trotz dreister Oldboy-Gangschlägerei-Kopie, recht öde (und zur Musik denkbar unpassend), dafür gibt's als Ausgleich ein Zombie-Shuffle-Dance-Video à la Thriller. Warum auch nicht.

[Video] T-ara - Lovey-Dovey

Tokyo Jihen - Konya Wa Karasawagi

Und wo gerade so das Reunion-Fieber umgeht, sagen Tokyo Jihen dem Beisammensein ab und lösen sich auf. Ich war der Gruppe gegenüber lange ignorant, fielen ihre Anfänge doch in die Phase, wo ich Shiina Ringos Solosachen gerade erst richtig entdeckte und so erst mal ein Jahr lang mit Karuki Zamen Kuri No Hana (aka dem besten Album des letzten Jahrzehnts) beschäftigt war. Es folgte Ungläubigkeit ob der stilistischen Gewöhnlichkeit ihres Jazzrocks, so weit entfernt vom Avant-Pop Shiinas, erst um OSCA/Killer Tune rum konnte ich mich zumindest für einzelne Songs begeistern.

Besonders wenn sie rockiger wurden, die schiere Soundfülle machte Sports so anstrengend wie aufregend, doch ihre nachfolgenden Sachen (und das letztjährige Album) schienen, als hätten sie damit ihre letzten kreativen Höhen hinter sich gelassen. So ist es nur konsequent, dass sie mit diesem alles andere als weltbewegenden Song Abschied nehmen, und dazu einem Video, das kaum noch deutlicher einen Schlussstrich ziehen könnte.

[Video] Tokyo Jihen - Konya Wa Karasawagi

Javiera Mena - No Te Cuesta Nada

Ich finde diesen großäugig umhertaumelnden Song immer noch großartig. Mittlerweile hat er sich sogar, anfangs von den supereleganten Discopop-Tänzern um ihn herum überragt, zum schmachtsamen Höhepunkt auf Javiera Menas zweitem Album entwickelt. Ich mag auch das Video, wieder einmal so eine spielerische Umsetzung von Motiven, die direkt aus Menas Unterbewusstsein entstiegen scheinen, allzu oft kriegt man so ein nonchalantes Gender Bending ohne Message-Gewichtigkeit ja auch nicht zu sehen.

Ich verstehe auch, wenn das aus Geldmangel wohl nur mit Fremdfinanzierung hinzubiegen war, aber der Moment, in dem in diesem leicht märchenhaften Clip ein langer Zug aus der prominenten Getränkeblechdose des Sponsors genommen wird, macht dies alles ein gutes Stück kaputt. Können wir das mit der schönen neuen Markenwelt nicht vielleicht doch begraben und wieder Geld für Musik ausgeben?

[Video] Javiera Mena - No Te Cuesta Nada